Nordische Küsten des Lichtes – viele Wege führen nach Stockholm

Stockholm, Schweden (Kulturexpresso). Erstaunlich schnell entlädt die Fähre in Trelleborg nach der nächtlichen Überfahrt von Travemünde ihre Fracht. Es ist noch früh am Tag kaum Verkehr auf den Straßen. Die Menge der über die Ostsee transportierten Autos verteilt sich in alle Richtungen. Schonen, die südlichste Provinz Schwedens ist von großflächigen Feldern geprägt, eine beschauliche Landschaft, nichts Aufregendes. Wären da nicht Radarfallen, käme man leicht in Versuchung etwas mehr Gas zu geben.

Historische Festungen und Weltkulturerbe

Die Einen behaupten es sind 1650, die Anderen es wären 1993 Schären, die sich in Schwedens südlichstem Schärengarten um Karlskrona scharen. Die Hafenstadt an der Ostsee in der südschwedischen Provinz Blekinge wurde 1680 von Karl XI. gegründet. Vater war Gustav von Schweden X. und seine Mutter dessen Frau Hedwig von Schleswig-Holstein-Gottorp. Als er bereits mit 5 Jahren die Königskrone erbte, konnte er wohl kaum ahnen, dass noch nach 300 Jahren die Stadt in der er einst eine Marinebasis errichtete 1998 Weltkulturerbe wird und begeisterte Besucher durch die historischen Straßen und den Hafen bummeln. Bei einer Schärengartentour mit Boot erhält man den besten Überblick. Oder man gelangt per Brücke dorthin. Auf der östlich gelegenen Insel Stumholmen lohnt sich ein Stopp beim Kungsholmen Fort. Die Wehranlage bewacht seit 1680 den Eingang zur Stadt. Maritim Interessantes zeigt auch das Marinemuseum, das sich seit Sommer 2014 mit einer U-Boothalle präsentiert. Die HMS Hajen war das erste U-Boot der schwedischen Flotte von 1904. Noch aus der Zeit des kalten Krieges stammt die HMS Neptun. Trotz der imposanten Größe ging es im Innern der Boote doch bedrückend eng zu. Bei der Rückkehr aus den düsteren Schiffen ins Freie bläst einem frischer Wind entgegen. Auf dem Wasser nützen Segelboote die steife Brise bei herrlichem Sonnenschein.
Die Marinebasis ist auch heute noch ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor. Sie führte zur Gründung von Werften zum Kriegsschiffbau und ist der größte Arbeitgeber. Bei der wichtigen Rolle welche die Marine damals wie heute in Karlskrona spielte ist es nicht verwunderlich, dass die größte 1697 erbaute Holzkirche Schwedens den Namen „Admiralitätskirche“ erhielt.

Nur ungefähr eine Fahrstunde von Karlskrona entfernt erreicht man Kalmar mit dem bekannten Schloss in der Provinz Småland am zur Ostsee gehörenden Kalmarsund. Einst lag die Stadt an der Grenze zwischen Dänemark und Schweden, mehrere Schlachten zwischen den Staaten fanden hier statt. Gegen Ende des Schonischen Krieges 1679 wurde Kalmar geschlagen. Längst sind diese kriegerischen Zeiten vorbei und der Besucher trifft auf eine moderne Stadt mit allen Annehmlichkeiten. Trotzdem haben die historisch bedeutenden Stadtteile nicht an Attraktivität verloren. Heute trinkt man entspannt seinen Capuccino wo früher in zähen Kämpfen über das Schicksal der Menschen entschieden wurde. Zudem besitzt Kalmar mit dem „Saga“ das älteste noch in Betrieb befindliche Kino Schwedens. Eine neuzeitliche „Sehenswürdigkeit“ ist die 6 Kilometer lange Brücke auf die Insel Öland. Unzählige Orchideen-Arten lassen vor allem im Frühjahr das scheinbare Ödland erblühen. Die Alvared-Heide ist ein beliebtes Forschungsgebiet bei Naturfreunden.

Die Reiseroute nach Stockholm entlang der Ostsee würde wohl Wochen dauern, würde man all die Stichstraßen zum Wasser zu den malerischen Hafenstädtchen verfolgen. Manchmal gibt es auch ein „nächstes Mal“.

Schloss Gripsholm – Wasser, Licht, Kunst und eine Sommergeschichte

In Mariefred, rund 60 km westlich von Stockholm, erhebt sich über den klaren Wassern des Mälarsees der Inbegriff schwedischer Romantik: Schloss Gripsholm. Malerisch ruhen die vier gewaltigen runden Türme aus hellrotem Backstein, die je nach Sonnenstand in verschiedenen Rottönen leuchten im Wasser. Das Gebäude hat eine abwechslungsreiche Baugeschichte hinter sich.
Die Entstehung des festungsartigen Schlosses geht sogar bis in das 14. Jahrhundert zurück. Heute beherbergt es eine spektakuläre Möbel- und Porträtsammlung.

„Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis“. Ein schlichtes Grab unter einer alten Eiche mit diesem Goethe-Zitat auf dem Gemeinde-Friedhof in Mariefred ist die letzte Ruhestätte Kurt Tucholskys. Bekannt für sein „Schloss Gripsholm“ eine beschwingte Sommergeschichte, kehrte er 1929 desillusioniert Deutschland den Rücken. Auch seine messerscharfen Essays gegen den aufkeimenden Nationalsizialismus brachten ihm keine Ruhe. 1935 setzte er mit einer Überdosis an Schlaftabletten seinem unglücklichen Leben ein vorzeitiges Ende.

Stockholm, die Stadt die auf dem Wasser schwimmt

„Es war eines Abends Anfang Mai. Die Sonne stand über Liljeholmen und schoss ganze Strahlenbündel gen Osten, sie brachen durch den Rauch von Bergsund, eilten über den Riddarfjärden, kletterten zum Kreuz der Riddarholmkyrkan hinauf, warfen sich über das steile Dach der Tyska Kyrkan spielten mit den Wimpeln der Schiffe an der Skeppsbron, illuminierten die Fenster am großen Seezoll, erleuchteten die Wälder auf Lidingö und verklangen weit, weit in der Ferne in einer rosafarbenen Wolke“. August Strindberg konnte in einem Satz Stockholm beschreiben. So geschehen in seinem Roman: „Das rote Zimmer“ mit dem er sich einen Platz in der Literaturgeschichte erwarb.
In Stockholm geht es turbulent zu. Der stundenlange starke Regen bildet kleine Seen in den Unterführungen. Auch auf der Straße steht das Wasser. Die Feuerwehr ist im Einsatz. Fußgänger weichen spritzenden Autos und Pfützen aus. Am Tag darauf: Ein strahlend blauer Himmel über der Stadt und nur ein paar Wolkenfetzen von der sich langsam auflösenden Feuchtigkeit des Vortages werden vom Wind verblasen. Längst sind die Bänke der Grünanlagen von Familien belegt, welche die wärmende Sonne genießen während sich Kinder in den verbliebenen Wasserpfützen vergnügen. Das Zusammentreffen von Ostsee und Mälarsee war eine ideale Voraussetzung zur Bildung einer Siedlung. Über Jahrhunderte hat diese Lage Stockholm geprägt, denn von hier aus wurden Waren ins Landesinnere transportiert. Heute genießen Touristen wie Einheimische gleichermaßen die Wasserarme zwischen den ca. 30.000 Inseln. Stockholm ist jedoch nicht nur Wasserstadt sondern auch Kinderbuchhauptstadt. Astrid Lindgren, Autorin zahlreicher berühmter Kinderbücher lebte jahrzehntelang in der Dalagatan in Vasastan. Und natürlich steht Stockholm alljährlich im Fokus des internationalen Interesses bei der Verleihung der Nobelpreise. Im Wallenbergrummet, einem kleinen Armee-Museum wird eines weiteren berühmten Stockholmers gedacht. Raoul Wallenberg rettete 1944 Tausende von Menschen in Budapest vor der Deportation nach Ausschwitz.

Die engen Gassen mit den alten Kaufmannshäusern in Gamla Stan sind ein Treffpunkt nicht nur für Touristen. Hier findet man alles von Kitsch bis Kunst an skandinavischem Handwerk. Oder man genießt einfach den Blick aufs Wasser von einem der zahlreichen Straßencafés. Vor ungefähr 750 Jahren wurde auf der kleinen Insel Stadsholmen die schwedische Hauptstadt gegründet. Die deutsche Kirche „Tyska Kyrkan“, in der jeden Sonntag noch auf Deutsch gepredigt wird, gibt Zeugnis welche Bedeutung die deutschen Hansekaufleute für den wachsenden Wohlstand in jener Zeit hatten. Bei einer Gruseltour durch diesen Stadtteil wird man in allerhand Schauergeschichten von Mord, Seuchen und Feuersbrünsten eingeweiht. Oder man wandelt auf Stieg Larson´s Spuren. Dieser Spaziergang durch Södermalm führt an den Schauplätzen der Trilogie vorbei. Etwas weniger mörderisch geht es bei den Anglern vor dem Schloss und dem Parlamentsgebäude zu. Hier verlieren nur die Fische ihr Leben.

Aus dem futuristischen Museumsgebäude strecken sich Schiffsmasten gen Himmel. Vor dem Kartenschalter eine lange Schlange, die jedoch schnell vorankommt. Das Vasa-Museum, inzwischen zum beliebtesten Museum Skandinaviens aufgerückt mit dem weltweit einzigen erhaltenen Schiff aus dem 17. Jahrhundert ist ein Muss jeder Stockholmtour. Das imposante Kriegs-Schiff, das nur wenige hundert Meter vom Hafen bei seiner Jungfernfahrt sank, wurde nach 333 Jahren vom Meeresgrund geborgen. Fast ein halbes Jahrhundert dauerte die Restaurierung, bei der zu 95 % Originalteile verwendet wurden. Mit modernster Technik wurden Modelle der Menschen „rekonstruiert“, die mit dem Schiff untergingen. Eine Wind-Bö brachte es in Schräglage. Wasser drang durch die Kanonenlöcher ein. Damit war das Schicksal der stolzen Vasa besiegelt.

ABBA – Legende der schwedischen Musikszene

Beim Gang in das Untergeschoss tönt von allen Seiten „Waterloo“, der Song mit dem die schwedische Pop-Gruppe ABBA 1974 den Eurovisionstest in Brighton gewann. Nur ca. 5 Minuten zu Fuß vom Freilichtmuseum Skansen und dem Vasa-Museum entfernt wurde den vier Künstlern schon zu Lebzeiten ein Denkmal in der brandneuen „Swedish Music Hall“ auf der Insel Djurgarden gesetzt.
Obwohl die Gruppe eigentlich nur 10 Jahre offiziell bestand, ist die Musik von Agneta, Björn, Benny und Anni-Frid auch heute noch fast täglich im Radio zu hören. Es gelang ihnen bestimmte Klangteile zu kombinieren, die sich als sehr einprägsam erwiesen. Das Musical Mamma Mia besuchten 50 Millionen Menschen. In Form von gelungenen Silikon-Figuren stehen die Vier im Museum. Ebenso ausgestellt das glamouröse Outfit samt Plateauschuhen. Jeder Besucher kann sich auch selbst mit der Interpretation der bekannten Songs versuchen. Leben und Werdegang der weltberühmten Gruppe werden auf vielfältige Weise dargestellt. Dazu, natürlich keine Frage, die bekanntesten Lieder. Stockholm war übrigens die Stadt wo die Band ihre ersten Erfolge hatte und wo die meisten ihrer Hits aufgenommen wurden.
Die Melodie von „Hasta Manana“ noch im Ohr geht es zurück ins Hotel. Vielleicht nicht gleich morgen aber bestimmt bei einem weiteren Besuch gilt es noch viel in dieser Stadt und ihrem Umland zu entdecken.

Informationen:

Anreise z. B. mit TT Line von Travemünde nach Trelleborg; Abfahrten tägl. abends mit den Premium Schiffen Nils Holgerson oder Peter Pan, und Ankunft am nächsten Morgen in Südschweden; häufig das Jahr über Sonderpreise

Auskünfte über Reiseziele in Schweden gibt es in Deutschland bei Visit Schweden per E-Mail unter germany@visitsweden.com bzw. telefonisch unter 069-22223496

Reiseliteratur: „Die Hauptstädte Europas“; ob Stockholm, Helsinki, Paris oder Warschau – all diese Städte haben ihre wechselvolle Geschichte, historische Gebäude, lebendige Atmosphäre, Parks und Museen. Viele davon etablierten sich ab dem ausgehenden Mittelalter als Landeszentren und sind heute wahrhafte Weltstädte. 47 Städteportraits; Beschreibung der touristischen Highlights, wissenswerte Daten und Fakten, 240 Seiten; Kunth-Verlag, Format 23,1 x 29,5 cm, Kunth-Verlag, Preis: 19,95 Euro (D)




Roger Cicero ist tot

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Der 45jährige Künstler Roger Cicero, der 1970 in Berlin als Sohn des Jazz-Künstlers Eugen Cicero das Licht der Welt erblickte und dessen Karriere beim Rundfunk im amerikanischen Sektor begann, verstarb am Abend des 24. März im Kreise seiner Lieben an den Folgen eines Hirninfarktes.

Die Semmel Concerts Entertainment GmbH teilt mit, dass der Musiker, der den Swing in die bundesdeutschen Charts brachte, „erst kürzlich mit seinen aktuellen Projekten ‚Cicero Sings Sinatra‘ und ‚The Roger Cicero Jazz Experience‘ jeweils für einen Echo 2016 nominiert“ worden sei. Die „Cicero-Sings-Sinatra“-Tour war ausverkauft und stand kurz vor dem Start. Keine Frage: Für Roger Cicero war Frank Sinatra ein Vorbild. Die „Cicero-Sings-Sinatra“-CD mit 20 Stücken aus Tausend Titel von Sinatra ist ein Hit und „das Album … ein Bestseller“, wie Hans Hielscher heute in „Spiegel-Online“ schreibt.

„Erschüttert und ungläubig stehen ich und mein Team vor dieser brutalen Nachricht. Unsere Gedanken und unser tiefstes Mitgefühl sind bei seiner Familie und den Angehörigen“, teilt Dieter Semmelmann mit und bittet auf Wunsch der Familie „von Kondolenzbriefen Abstand zu nehmen. Roger Cicero würde sich sicher über eine Spende für die Organisation Save the children freuen, die er jahrelang unterstützt hat und die ihm sehr am Herzen lag.“




Modernes Mexiko in einem Pavillon entdecken

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Seit 18. März wirbt Mexiko am Washingtonplatz und also zwischen Spree und Berliner Hauptbahnhof mit einer Ausstellung über Geschichte und Gegenwart der Vereinigten Mexikanischen Staaten.

Ganz Mexiko scheint in einen Pavillon zu passen, der zuvor schon in Peking und Paris, Madrid und London stand. Ganz Mexiko? Auf jeden Fall sollen „interaktive 360-Grad-Touren“ durch alle mexikanischen Bundesstaaten sowie „realtitätsgetreue, visuelle Darstellungen“ Besuchern beim Betrachten Mexiko unter anderem bei einer Stromschnellen- und Ballonfahrt näher bringen.

Am Ende der Entdeckungstour im Pavillon, der eine Art The Best of Mexiko bieten soll, können vor einer neudeutsch Food Truck genannten Imbissbude mit Essen auf Rädern Tacos und Tortillas gegessen und Tequila getrunken werden. Wohlsein!

Der Pavillon ist noch bis zum 1. Mai 2016 in der Zeit von 10 bis 21 Uhr für Besucher bei kostenlosem Eintritt geöffnet.




Dokumentarfilmfestival Thessaloniki rückt Flüchtlingskrise in Perspektive

Thessaloniki, Griechenland (Kulturexpresso). Am 20. März ist in Thessaloniki das 18. Dokumentarfilmfestival zu Ende gegangen. Ein thematischer Fokus in diesem Jahr war die Flüchtlingskrise. Deutlich wurde vor allem eins: Das Phänomen existiert nicht erst seit letztem Sommer. Ein Rückblick gegen das Vergessen.

Das Olympion ist das Zentrum des Dokumentarfilmfestvials in Thessaloniki. © EUdysseus, Foto: Florian Schmitz
Thessaloniki liegt nur eine knappe Autostunde von Idomeni entfernt. Etwa 15.000 Flüchtlinge harren dort aus und wollen die Hoffnung auf die Öffnung der Grenze nicht aufgeben; nicht nach allem, was sie auf sich genommen, um bis dorthin zu gelangen. Die Welt hat die Augen und Kameras auf sie gerichtet.

Auch auf dem 18. Dokumentarfilmfestival in Thessaloniki sind sie nicht vergessen worden. Dabei wurde aber vor allem an die zeitlichen Dimensionen der Flüchtlingskrise erinnert, an tragische Geschehnisse und symbolische Orte, die im kollektiven Gedächtnis bereits keine Rolle mehr spielen.

Von Idomeni zurück nach Lampedusa

Die Situation für die Flüchtlinge in Idomeni wird immer kritischer. Sie harren aus in Regen und Kälte und hoffen darauf, einen Ort zu erreichen, an dem sie sich in Sicherheit wiegen und mit neuen Perspektiven ein besseren Leben beginnen können. In Europa tut man gerade so, als sei das Problem ein Novum. Dabei zeigen die Beiträge auf dem Dokumentarfilmfestival vor allem, dass man bereits in der Vergangenheit versäumt hat, den Kontinent auf diese Herausforderung vorzubereiten.

Der Film „Winter in Lampedusa“ des Österreichers Jakob Brosman porträtiert das Leben auf einer Insel, die im Oktober 2013 traurige Schlagzeilen machte, als beinahe 400 Menschen ertranken. Wie so viele versuchten auch sie von der etwa 110 km entfernten afrikanischen Küste auf europäischen Boden zu gelangen. Brosman gelingt es den ohnehin schon schweren Inselalltag ungekünstelt mit der Flüchtlingskrise zu verbinden. Er lässt eine Lampeduserin zu Wort kommen, die beklagt, warum man sie interviewe, warum man sie zur Protagonistin mache. Seit Jahren ertränken hier Menschen.

Künstler sammeln auf der Hafenmüllhalde Überbleibsel aus dem Wasser: Kleidungsstücke, Babyflaschen für Milch, Geld, Briefe, Fotos – Erinnerungsstücke von Menschen, von denen man nicht weiß, ob sie die Überfahrt nach Europa überlebt haben. „Wir sind die einzigen, die um die Toten trauern“, beschreibt die Bürgermeisterin von Lampedusa das Vergessen nach dem Medienhype. Eine andere Inselbewohnering erklärt vor den Gräbern der Ertrunkenen: „Wir müssen die Geschichte dieser Menschen für uns aufbewahren. Nicht für sie, für uns, damit wir uns überhaupt als Menschen definieren können.“

Das Versagen Europas heißt Dublin

Der Film „I am Dublin“ zeigt die Geschichte von Ahmed. Auch er erreicht Europa Lampedusa. Er hinterlässt dort seine Fingerabdrücke. Nach den Dubliner Abkommen bedeutet das: Ahmed ist Italiens Problem. Dort sieht er keine Perspektive und flüchtet über Finnland nach Schweden. Es beginnt eine Odyssee der Illegalität. Er taucht unter in Stockholm. Dann meldet er sich erneut bei den Behörden und er wird nach Finnland abgeschoben. Es ist eine Existenz ohne Leben. Die Dublin-Abkommen halten keine Lösungen parat.

Auf besondere Weise wurde dies auch im dänischen Beitrag „Dreaming of Denmark“ deutlich. Der traumatisierte 15-jähriger Wasiullah aus Afghanistan schafft es allein nach Kopenhagen. Zu Hause wurde er missbraucht und erniedrigt. In einer Einrichtung für minderjährige Flüchtlinge findet er Rückhalt, lernt fließend Dänisch und schließt Freundschaften. Dann soll er abgeschoben werden und flüchtet nach Norditalien. Bei der dortigen Caritas sagt man ihm: „Unsere Einrichtungen sind voll. Über deinen Fall wird in frühestens einem halben Jahr entschieden. Das bedeutet, dass Du den ganzen Winter über draußen bist.“

Immer weiter driftet der Junge in psychotische Zustände ab, kann sich nicht mehr erinnern, wer seine Freunde sind, erkennt den Regisseuren nicht wieder. Während er anfänglich in Italien noch von Dänemark träumt und ein Freund aus Kopenhagen ihn besuchen kommt, verschließt er sich im Verlauf immer weiter in sich selbst. Der Regisseur fragt ihn: „Willst Du noch nach Dänemark?“ Verwirrt antwortet er: „Warum? Warum soll ich nach Dänemark?“ Wasiullahs Vergessen ist nichts anderes als eine Waffe gegen den permanenten Schmerz zerstörter Hoffnungen. Es ist ein Schutzmechanismus, der die Demütigungen seines Lebens tief in der Seele vergräbt.

Was ist ein Flüchtling?

Die Dokumentaristen leisten noch einen weiteren, entscheidenden Beitrag zum Diskurs um den Umgang mit Flüchtlingen. Sie erinnern daran, dass der Flüchtlingsstrom keine homogene Masse von Andersgläubigen ist, sondern ein Komplex aus vielen verschiedenen Ethnien und Gläubigen, die aus verschiedenen Gründen die beschwerliche Reise nach Europa antreten. Der griechische Beitrag „Dreaming of Life“ begleitet Flüchtende auf dem Weg von Lesbos nach Idomeni und fokussiert so die jüngste Geschichte der Flüchtlingskrise.

Dabei brachte der Film interessante Aspekte zur Sprache. Beispielsweise zahlen Flüchtlinge überdurchschnittlich viel für die Fähre nach Athen und werden in der Regel in einem überteuerten Bus von dort bis an die Grenze gebracht. Auch kam zur Sprache, dass nicht alle Flüchtlinge gleich sind, dass es Konfliktpotenzial unter den vielen ethnischen Gruppierungen gibt und dass sie auf dem Weg durch Europa unterschiedlich behandelt werden. So wurden Bilder von Camps auf Lesbos gezeigt, die bestimmte Nationalitäten offensichtlich bevorzugen und besser unterbringen.

Der Mythos vom Wirtschaftsflüchtling

Und während man zur eigenen Beruhigung über sichere Herkunftsland spricht und die konservativen Stimmen am rechten Rand abschätzig von Wirtschaftsflüchtlingen reden, geht der Film „France Is Our Mother Country“ des kambodschanischen Regisseuren Rithy Panh zurück in der Zeit. Thema ist die französische Kolonialisierung Indochinas. Aus Archivmaterial zusammengeschnitten führt der Regisseur wortlos durch den Film. Wie beim Stummfilm erscheinen Kommentare aus der Zeit, die erst zwischen Rassismus und Naivität oszillieren, dann von Neugierde in ein Überlegenheitsgefühl übergehen und später die deutlichen Schriftzüge imperialistischer Narrative tragen.

Nach und nach enttarnt der Film die französischen Gäste, die dem Leben im besetzten Land zunächst mit arroganter Erheiterung begegnen, als böse Eindringlinge. Parallel dazu verkünden propagandistisch Nachrichten die heil- und zivilisationsbringende Rolle des Vaterlandes Frankreich. Die Bilder dazu sprechen eine andere Sprache: Sklaverei, Zerstörung, Rohstoffkrieg, Zwangsprostitution und Ausbeutung.

Der Film beschreibt eine der Geburtswehen der großen Welle ökonomischer Flüchtlinge. Die Bilder sind von erschreckender Aktualität. Bis auf den sogenannten Fortschritt zeigen sie im Wesentlichen dieselbe Situation wie heute. Urbanisierung, Industrialisierung und Technisierung, die drei Säulen der modernen Zivilisation, haben zu Leid und Elend geführt. Der Film endet in Bildern des Krieges. Die Narrative der Zivilisation, die Hoffnung auf ein gutes Ende mit dem „Noble Savage“ erstickt im Bombenhagel.

Keine Erkenntnis an der Oberfläche

Wie auch in den Vorjahren hat Thessaloniki gezeigt, dass es zu den großen Events der Dokumentarfilmszene gehört. Festivalleiter Dimitris Eipides wies bereits während der Eröffnungsveranstaltung auf die globalen Ausmaße der Flüchtlingssituation hin. Menelaos Karamaghiolis, einer der bekanntesten Dokumentaristen Griechenlands, sieht im Medium Dokumentarfilm eine wesentliche Funktion: „Die Welt wird von Bildern überschwemmt, die immer nur einen kleinen Ausschnitt der Realität widerspiegeln. Der Dokumentarfilm ist anders. Er vermag eine Situation ganzheitlich erfahrbar zu machen.“

Es ist diese Ganzheitlichkeit, die das Festival zu einem Ort der Erkenntnis werden lässt. Es ersetzt nicht die tägliche Berichterstattung. Doch der Vorteil des Dokumentarfilms liegt in seiner Entschleunigung. Die rasante Geschwindigkeit, mit der Nachrichten Themengebiete aufgreifen, abarbeiten und dann vergessen, wird der Komplexität unsere Welt nicht gerecht. Dokumentarfilme und die Art und Weise, wie sie auf Festivals regelrecht kuratiert werden, brechen die Berichte der Leitmedien auf und bringen sie zurück in den Kontext. Für den Zuschauer hat dies vor allem eine Erkenntnis: Die strukturellen Probleme unserer Zeit kennen weder geographische noch zeitliche Begrenzungen.




Eine kurze Liebe im Zeitalter der europäischen Migrationsbewegung – Annotation zum Roman „Y“ von Jan Böttcher

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Jan Böttcher erzählt auf ungemein virtuose Art die Geschichte der Begegnung der Kosovarin Arjeta und des Deutschen Jakob. Es ist Liebe, zumindest eine kurze Weile, die den beiden wesentlichen Protagonisten des weit gefächerten Epos ein provisorisches Über-Heim bietet.

Doch zu stark sind die familiären Bindungen und zu heftig das Unverständnis für die besondere Situation des anderen. Die Sache scheitert. Andererseits auch nicht, da ein Kind aus der Verbindung entsteht. Leka, der wiederum im Berlin der Gegenwart Benji trifft, den Sohn des Erzählers, eines Schriftstellers, der uns unschuldige Leser mit auf eine feinfühlige Reise in die Vergangenheit, in das Herz des Kosovokrieges führt, heißt das Kind.

Böse und gut sind schnell nicht mehr zu unterscheiden. Jeder sucht sein privates Glück und ist in der Wahl der Mittel nicht sehr zimperlich. Jakob bannt die Geschichte in ein erfolgreiches Computerspiel, Arjeta findet in der Kunst eine Handhabe mit der Vergangenheit umzugehen. Schmerzensmänner, Schmerzensfrauen, verlorene Heimat, innerkulturelle Kontroversen, wieder gewonnene Heimat, das Torkeln im Niemandsland zwischen den Flüssen Liebe und Frieden.

Jan Böttcher verschafft ein intensives Leseerlebnis, aufgeladen mit Poesie, gesättigt mit Harm. Ein hoch aktuelles, ein großartiges Buch, das uns auf sehr vielschichtige Weise den Krieg ins Wohnzimmer holt.

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Jan Böttcher, Y, Gebunden mit Schutzumschlag, 255 Seiten, Aufbau Verlag, Berlin 2016, ISBN: 978-3-351-03640-9, Preis: 19,95 Euro (D)




Rasha in a Rush – Kuratorin Rasha Saltis Zeit der Unruhe zwischen Berlin und Paris beim „Cinéma du Réel“

Berlin, Deutschland; Paris, Frankreich (Kulturexpresso). Am 19.3. begann in Paris die Filmreihe „Akram Zaatari: In Between“, kuratiert von Rasha Salti im Rahmen der Programme außer Konkurrenz des Internationalen Dokumentarfilm-Festivals „Cinéma du Réel“, das vom 18.-27. März 2016 dauert. Die Kanadierin Rasha Salti stammt aus Toronto, wo sie bis vor wenigen Wochen fünf Jahre lang für das Toronto International Film Festival TIFF tätig war.

Ihr Zeitplan sieht nach Rush Hour aus: In Berlin eröffnete am Freitag, den 18. März die von Kristine Khouri und ihr kuratierte Ausstellung „Zeit der Unruhe. Über die Internationale Kunstausstellung für Palästina 1978“ im Untergeschoss des Hauses des Kulturen der Welt (HdKdW oder HKW). Am gleichen Abend fand das Auftaktsymposium von „A History of Limits. Zur Architektur von Kanon-Erzählungen“ statt. Die Ausstellung und die Konferenz bilden wiederum gemeinsam den Auftakt zum übergreifenden, mehrjährigen HdKdW-Projekt „Kanon-Fragen“ 2016-2019.

„Zeit der Unruhe“ als Auftakt für „A History of Limits. Zur Architektur von Kanon-Erzählungen“

Die Konferenz „A History of Limits“ am 18. und 19. März 2016 – von Paz Guevara kuratiert – und das Großprojekt Kanonfragen, dessen Prälüde sie bildet, gehen ans Eingemachte. Was gehört zur Kunst? Wovon berichtet ab morgen die Kunstgeschichte? Von welcher heutigen und gestrigen Kunst und von welchen Künstlern? Wer gehört dazu und wer bleibt außen vor – und gerät damit ins geplante Vergessen? Wer entscheidet eigentlich, wer dazugehört und wer den Stempel “unwichtig“ aufgedrückt bekommt? Wenn das einmal geschehen ist, lässt es sich rückgängig machen?

„A History of Limits. Zur Architektur von Kanon-Erzählungen“ setzt beim Leitbild des Hauses der Kulturen der Welt seit seiner Gründungszeit 1989 an, die Parameter des Eurozentrismus und des westlichen Kanons zu durchbrechen. Kritik und Dekonstruktion des Kanons der Moderne prägen die künstlerische Praxis und Theorie der vergangenen Jahrzehnte. Das Haus fragt: Wie muss das Fundament für einen neuen Kanon beschaffen sein und wie ließe sich dieser erzählen?
Natürlich ist die Bildung des Kanons ein Machtkampf, doch heißt es dazu aus dem Haus der Kulturen: „der Kanon ist nicht nur ein institutionelles Machtinstrument; er lässt sich auch einsetzen, um Wissen, Verständnisvermögen und ein historisches Bewusstsein herauszubilden.“

Wohl dem, der bei einem Kanon an „Frère Jacques“ und „Kumbayah“ denkt, denn das ganze geht bis an die Grenzen des Denkens und darüber hinaus. Eigentlich müsste man außerhalb der Kunst (der Welt) stehen, um einen Überblick zu bekommen. Hier ‚drinnen‘ ist es schon eine Herausforderung, zu begreifen, dass wir einen, viele Kanons haben, die eben keine Selbstverständlichkeit sind, sondern immer von einem Menschen oder einer Gruppe geschaffen wurden. Sie können ‚hinterfragt‘ werden mit einem „Cui Bono?“ und anderen Verhörfragen. Wenn das Begriffene dann erst einmal infrage gestellt ist, vergeht bis zu einem Wechsel aber noch eine gewaltige Denkleistung – bei vielen. Stichwörter: Sehgewohnheiten, Denkgewohnheiten, Bequemlichkeit.

Die Geschichte der Grenzen bringt viele an ihre Grenzen. Umso notwendiger die Arbeit, die hier von Kuratorin Paz Guevara und Bereichsleiter Anselm Franke unter Bernd Scherer bis 2019 geleistet werden wird.

Die Ausstellung „Zeit der Unruhe“

Im Mittelpunkt von „Zeit der Unruhe / Past Disquiet“ steht die Geschichte und der historische Kontext der Solidaritätsausstellung für Palästina aus dem Jahr 1978 in Beirut. Von dort aus spinnen sich die Fäden, tauchen Namen wieder auf.
Akribisch wurde recherchiert, dabei immer wieder mit der Aussage konfrontiert: „Warum wollt ihr etwas über diesen Künstler wissen? Der ist doch nicht wichtig!“
Andere Wanderausstellungen, die sich ebenfalls als Museen im Exil verstanden und zur selben Zeit wie die Internationale Kunstausstellung für Palästina entstanden – wie zum Beispiel das „Museo Internacional de la Resistencia Salvador Allende“ mit chilenischer oder die Organisation „Artists Against Apartheid“ mit südafrikanischer Exilkunst – werden eingebunden und machen sowohl personelle als auch geistige Verbindungen als auch einen ähnlichen Aufbau sichtbar.

„Past Disquiet“ wurde 2015 vom Museu d’Art Contemporani de Barcelona (MACBA) konzipiert und präsentiert. Die Berliner Ausstellung 2016 ist ein MACBA-cum-HdKdW-Produktion.

Die Filmreihe über den Regisseur Akram Zaatari

Während in Berlin die Konferenz und die Ausstellung begannen – in Anwesenheit von Frau Salti – lief auch der 1. Tag von Cinéma du réel“ – in ihrer Abwesenheit. Wahrscheinlich saß sie auf glühenden Kohlen. Am Samstag war sie dann rechtzeitig zur 1. Vorführung der von ihr kuratierten Akram-Zaatari-Reihe in Paris.

Zaatari ist ein libanesischer Regisseur, Photograph, Künstler und selbst Kurator. 2013 durfte er sein Land auf der Biennale di Venezia vertreten. Venedig, 1895 gegründet, ist die Mutter aller Biennalen, auch der noch sehr von den Künstlern selbstbestimmten Ersten Arabischen Biennale in Bagdad (1974). Die 1976er Biennale in Venice, die eigentlich in einem ungeraden Jahr hätte stattfinden sollen, stand sehr unter dem Eindruck des 1974 beginnenden kulturellen Protestes gegen die Diktatur Augusto Pinochets unter dem Titel „Freiheit für Chile“. Beide Biennalen sind Thema der Ausstellung „Zeit der Unruhe“.
Akram Zaataris libanesisch-französischer Film „Thamaniat wa ushrun laylan wa bayt min al-sheir (28 Nächte und ein Gedicht)“ feierte auf der 65. Berlinale 2015 im Forum seine Weltpremiere. Der 105minütige Film, Zaataris jüngster Spielfilm, eröffnete die Reihe als Frankreichpremiere am Samstag und ist am Montag, den 21. März um 14 Uhr noch einmal im Luminor Hôtel de Ville auf dem Programm.

Rasha Salti wählte 18 Filme aus und präsentiert sie in sieben Scheibchen. „Akram Zaatari #2“ bringt zwei neue englischsprachige Kurzfilme: „Beirut exploded Views“ und „Letter to a refusing pilot“ (‚Brief an einen Piloten, der sich weigert‘); am Freitag, 25. März um 12.20 Uhr im Luminor Hôtel de Ville.
Das dritte Programm ist der 86minütige Film „Al Yaoum“, der von einem Photo ausgeht, das der Historiker Jibrail Jabbour in den 50ern schoss. Am Donnerstag, 24. März um 12.10 Uhr im Luminor Hôtel de Ville.

‚Akram Zaatari Nr. 4‘ besteht aus drei Kurzfilmen: „Nour“ (Reflektion) beobachtet einen Jungen, wie er mit einem Spiegel das Tageslicht einfängt, gedreht 1995 in Saïda, der nördlichsten Stadt des Südlibanons. Der Regisseur wurde hier 1966 geboren. – „HIYA WA HOUA“ (Sie und er) basiert auf einem Nacktphoto der Großmutter des Kairoer Photographen Van Leo, einem 1921 geborenen Armenier, der seit 1924 in Ägypten lebte. – „On Photography, People and Modern Times“ (Modern aus der Sicht von 2012) beschäftigt sich meditativ mit der Frage, wie man private Photos sammelt und registriert. Zaatari bereiste 1997 bis 2000 den Libanon, Jordanien und Ägypten, um Bilder aus Privatsammlungen dem kulturellen Gedächtnis zuzuführen.
Montag, 21. März 18.30 Uhr im Cinéma 2 im Centre Pompidou und Dienstag, 22. März 13.40 Uhr im Petite Salle im Centre Pompidou.
Interessant übrigens, dass in der Ausstellung „Zeit der Unruhe“ auch Menschen vorkommen, die gegen den Bau des Centre Pompidou protestierten, weil er einerseits ihr Viertel plattmachte und anderseits die Kanonisierung der Herrschenden beförderte.

„Akram Zaatari #5“ besteht sogar aus vier Kurzfilmen zwischen 4 und 40 Minuten Länge.
„HADIYEH“, ‚das Geschenk‘, ist der älteste und kürzeste und spielt Mitte der Neunziger an einem Strand, auf der anderen Straßenseite von einem Wohnblock für Wohlhabendere.
2009 drehte Zaatari mit Liliane Giraudon einen Film unter marokkanischer Flagge: „Les Arabes aiment les chats“ (‚Die Araber lieben Katzen‘). In 9 Minuten stellen vier Paare, jeweils ein Dichter und ein Filmemacher, ihre experimentellen Filmgedichte vor. Unter engen Zeitvorgaben holten sich die Künstler ihre Inspirationen unter anderem aus der nordmarokkanischen Küstenstadt Tanger, die am Atlantik fast gegenüber von Gibraltar liegt. Für die „Film-Gedichte“ wurde Texte geschrieben mit den Themen Verlust, Migration, Tradition und Menschlichkeit.

„HOB“ (LOVE, Liebe) entstand 1997 im südwestsyrischen Damaskus. Begleitet von Photograph und Filmemacher Fouad Elkoury besucht Zaatari die berühmten Illustratoren, die die riesigen Transparente von Hafes al-Assad und seinen Söhnen anfertigen, die im Straßenraum an Fassaden und Brandwänden hängen. Gleichzeitig ein Blick auf die syrische Hauptstadt zu Zeiten von Baschar Hafes‘ Vater, vor dem Bürgerkrieg und dem Kampf der von Saudi-Arabien unterstützten sunnitischen Militanten gegen Schiiten und Säkulare.
Aus dem gleichen Jahr stammt der längste Kurzfilm dieses Quartetts: „Majnounak: On Men, Sex and the City, 1997-2016“.
Das Programm wird gezeigt am Dienstag, den 22. 3. um 18.20 im Petite Salle und am Karsamstag, 26. März um 13 Uhr in Kino 1.

Der 6. und vorletzte Teil der Zaatarireihe umfasst auch 4 kurze Filme.
„Al-ilka al-hamra“, ‚das rote Kaugummi‘, ist auch nur eine Kaugummilänge von 10 Minuten lang.

„Tomorrow Everything Will Be Alright“ ist gerade 1 Minute länger und dennoch ein Gruß an Éric Rohmer, in dem es um Liebe, Verlust und Sehnsucht geht. Wie bei Rohmer werden die Einzelheiten des Alltags beachtet. Nicht zu verwechseln mit „Every Thing Will Be Fine“, dem 3D-Spielfilm von Wim Wenders mit Charlotte Gainsbourg und James Franco in den Hauptrollen, der 2015 auf der Berlinale seine Premiere feierte und in Kanada (in Quebec) spielt.

Zum Schluss noch „The End of Time“, 14 Minuten aus dem Jahr 2013 über Verlangen, Liebe und Trennung. Hat nichts zu tun mit Francis Fukuyamas „The End of History“, dem ‚Ende der Geschichte‘ as we know it. Und:
„Dance to the End of Love“, eine 22minütige Installation, zusammengeschnitten aus Material von Leuten, die sich aufnahmen, um online zu sehen zu sein, zum Beispiel mit Gitarre. Synchronisiert in der Choreographie eines Tanzes und für die Leinwand angepasst. „Dokumente“ aus Libyen, Ägypten, den palästinensischen Gebieten, Saudi-Arabien, dem Jemen und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Gezeigt wird sie am 23. März 19 Uhr im Cinéma 2 und Samstag, den 26. März um 15.10 Uhr im Luminor Hôtel de Ville.

Der 7. und finale Teil präsentiert die letzten drei der 18 Filme:
„Al-sharit bikhayr“, ‚All is well on the border‘ oder „An der Grenze ist alles ruhig“ könnte, wenn es bekannt genug würde, ein so geflügeltes Wort werden wie „Im Westen nichts neues“, zudem Grenzen für die Europäer seit den 2014 angeschalteten Flüchtlings- und Migrantenströmen eine andere Bedeutung haben. Das dreiviertelstündige Werk ist eines der frühesten Dokuvideoexperimente des Regisseurs (1997). Der Südlibanon war bis 2000 als Sicherheitszone etwa 20 Jahre lang militärisch besetzt. Das Video bringt Aussagen von Libanesen, die in dieser Zeit in Gefangenschaft gerieten.

„Fi haza al-bayt“, ‚In diesem Haus‘: Frieden in Ain el-Mir. 1985 zog sich die israelische Armee aus dem Dorf zurück. Anschließend wurde das Haus der Familie Dagher von einer radikalen, bewaffneten Widerstandsgruppe besetzt. 1991 schrieb ein Mitglied der Gruppe den Daghers einen Brief, warum sie es besetzt hatten und heißt sie willkommen zurück in ihrem Haus! Ein halbstündiger Film. Der letzte ist „Tabiaah samitah“ ‚Nature Morte‘. – Sreenings am Gründonnerstag 24. März, 16.10 Uhr, und Sonntag 27. März, 21 Uhr im Luminor Hôtel de Ville.

„In Between“ ist eine Festivalsektion, die sich Künstler heraussucht, die an der Schnittstelle von Dokumentation, Spielfilm und Gegenwartskunst wirken. 2015 wurde Shelly Silver aus New York vorgestellt, die auch mit Photos, Film und Video arbeitet.

Akram Zaataris Werk baut sich oft auf Photos aus der arabischen Welt und vor allem aus dem Libanon auf. Ob einem die Filmkunst gefällt, ist wie immer Geschmackssache. Rasha Salti hat hier jedenfalls eine eindrucksvolle Werkschau zusammengestellt; dabei kam ihr bestimmt ihre Herkunft zugute und, dass sie einen Fuß in Beirut hat. ‚Rasha‘ spricht sich übrigens fast wie das englische Wort ‚Russia‘. Sie schreibt, forscht und kuratiert und ist im arabischen, französischen und englischen zuhause.

Dokumentarfilm-Festivals

Vor 38 Jahren gegründet, ist „Cinéma du Réel“ eines der großen Doku-Filmfeste in Frankreich geworden; im französischen Sprachraum wichtig ist auch das von Erika und Moritz des Hadeln 1969 gegründete internationale Festival des Dokumentarfilms „Visions de Réel“ in Nyon (Schweiz) mit über 100 Filmen und etwa 25.000 Gästen. Erwähnenswert sind auch die in den 80ern gegründeten englischsprachigen Festivals in Amsterdam und Yamagata sowie die deutschen in Neubrandenburg und München und, den beiden anderen voran, DOK Leipzig, das bereits seit 1955 existierende Internationale Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm mit über 30.000 Besuchern und mehreren Preisen wie der Goldenen Taube.

cinemadureel.org
hkw.de




Lange wurde der philippinische Film unterschätzt und übersehen – Endspurt für Kidlat-Tahimik-Schau im Berliner Filmhaus, die teils auch in München, Basel, Brüssel und London zu sehen ist

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Am 20. März ist Frühlingsanfang. Eine Tür öffnet sich, eine andere schließt sich: „Kosmos und Alptraum“ geht in Berlin zu Ende. Den ganzen März über waren Kidlat Tahimiks Filme gezeigt worden, bis zum 12. sogar in seiner Gegenwart. Dabei entstanden interessante Gespräche. Am 20. März um 20 Uhr wird nun im Arsenal noch einmal „BALIKBAYAN#1 – MEMORIES OF OVERDEVELOPMENT REDUX III“ gezeigt. Dieser Film von Kidlat Tahimik (Philippinen 2015, OmU) lief auf der letztjährigen Berlinale im Forum und gewann den Caligari-Preis. Mit zweieinhalb Stunden oder 150 Minuten ist es ein ziemlich langer Langfilm, doch gemessen an der Vorbereitungszeit ist das nicht viel Zeit.

1984 begann Tahimik mit dem essayistischen Langzeitprojekt „WHY IS YELLOW THE MIDDLE COLOR OF THE RAINBOW?“ (1982-1994). Zitat Arsenal – Institut für Film und Videokunst: Wie konnte ein derart vielschichtiges Zeitbild der 80er Jahre, der Marcos-Diktatur auf den Philippinen, des Kalten Kriegs und der Globalisierung hierzulande so völlig übersehen werden?

Der Film hat eine ähnlich ausgedehnte Entstehungsgeschichte wie BALIKBAYAN#1 (20.3.), wobei die Stadien des Prozesses durch die politischen Ereignisse markiert wurden – das Attentat auf den Oppositionellen Benito Aquino, die „gelbe Revolution“ gegen die Marcos-Diktatur, den Abzug des US-Militärs von den Philippinen – , aber auch von Tornados und Stromausfällen und den Dramen und Epiphanien in Kidlats Familie auf ihren Reisen zwischen Arizona und Ingolstadt. Unter dem Titel „I am curious (Yellow)“ wurde der Film in einer Frühfassung schon einmal Mitte der 80er Jahre gezeigt, dann jedoch wieder zum Work-in-progress erklärt, nachdem sich die in Präsidentin Corazon Aquino gesetzten Hoffnungen nicht erfüllten und die Menschen wieder auf die Straße gingen.

Kidlat Tahimiks Filme sind nicht nur „Botschaften aus der Dritten Welt“, als welche „Der parfümierte Alptraum“ seinerzeit gefeiert wurde, sondern Produkte und Spiegel einer bis ins Private hinein globalisierten Welt, freilich bevor der Begriff „Globalisierung“ in aller Munde war. Wenn im „Alptraum“ durch Parallelmontage die Konstruktion eines bayrischen Zwiebelturms mit dem Bau eines Jeepney-Busses verglichen wird, oder wenn in Tahimiks zweitem Film „Turumba“ (1981) ein philippinischer Weiler zum Sweatshop wird, in dem der „Olympia-Waldi“, das Maskottchen der Münchner Olympischen Spiele 1972, im Akkord produziert wird, so wird hier eine lange schon stattfindende Hybridisierung filmisch dargestellt…

Neuer Deutscher Film? Übersehener Schatz

Womöglich sollte man Tahimiks Frühwerk sogar als eine Facette des Neuen Deutschen Films rezipieren. Denn bevor er mit seiner Familie auf die Philippinen zurückkehrte, drehte er in Oberbayern seinen zweiten Film „WHO INVENTED THE YOYO? WHO INVENTED THE MOON BUGGY?“ (1978/82), den er jedoch erst nach „Turumba“ fertigstellte. Der Film ist von derselben Spiel- und Bastelfreude geprägt wie der „Parfümierte Alptraum“ und erzählt nun von einem Filipino in Lederhosen, der immer noch auf den Mond reisen will und der auf dem bayrischen Bauernhof auch die Hardware dafür zur Hand hat: eine Zinkbadewanne, ein ausgedientes Futtersilo, ein Huhn für die Tierversuche und genug Zwiebeln für Biogas. „WHO INVENTED THE YOYO?“ gehört zu den sträflich übersehenen Schätzen der Filmgeschichte. Vielleicht kommt diese Deutschlandpremiere aber noch nicht zu spät, um uns davon zu überzeugen, dass der erste Mann auf dem Mond eine Frau war. Der Film wurde am 2.3. und 14.3.2016 im Arsenal gezeigt.

Die Retrospektive „Kosmos und Alptraum: Die Filme von Kidlat Tahimik“ wurde von Tilman Baumgärtel und Tobias Hering kuratiert. In Teilen wird sie auch im Werkstattkino München, im Stadtkino Basel, im Bozar Cinéma Bruxelles und auf dem Essay Film Festival in London zu sehen sein.
Außerdem wird Kidlat Tahimik den Filmstart von BALIKBAYAN #1, im Verleih von Arsenal Distribution, bundesweit bei Vorführungen im Rahmen der Caligari-Filmpreis-Tour begleiten.
In Berlin ist „BALIKBAYAN #1“ seit 12.3. im Sputnik-Kino zu sehen.

Die Retrospektive „Kosmos und Alptraum: Die Filme von Kidlat Tahimik“ wurde ermöglicht durch eine Förderung des Hauptstadtkulturfonds und zusätzlich unterstützt vom Goethe-Institut Manila.

Nachdem das Acht-Stunden-Epos „Hele sa Hiwagang Hapis“ (A Lullaby to a sorrowful Mystery / Ein Schlaflied zu einem sorgenbehafteten Geheimnis) auf der diesjährigen Berlinale den Silbernen Bären / Alfred-Bauer-Preis gewann, ist diese Retrospektive und die davon unabhängigen Aufführungen von „Balikbayan Nr. 1“ ein wichtiger Schritt, um dem philippinischen Film auch in Zukunft den Platz zu bieten, der ihm gebührt.

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– Sonntag, 20. März 2016, 20 Uhr BALIKBAYAN#1 – Memories of overdevelopment Redux III von Kidlat Tahimik (Philippinen 2015), OmU, 150 Minuten, Kino Arsenal im Filmhaus, Potsdamer Straße 2, 10785 Berlin (Sony-Center)
– Am selben Ort: Kein philippinischer Film, aber wenigstens mit Gérard Philipe: Im Kino 2 im Rahmen der Magical History Tour: „La ronde / Der Reigen“, Max Ophüls Frankreich 1950. Mit Anton Walbrook, Simone Signoret, Gérard Philipe. 35 mm, OmU, 110 Minuten
– Sputnik-Kino, Hasenheide 54, V. Stock, 10967 Berlin, Telefon: 030/ 694 11 47
Werkstattkino München (in Isarnähe), Fraunhoferstraße 9, 80469 München, Tel. 089/ 260 72 50
Stadtkino Basel, Klostergasse 5, 4051 Basel, Schweiz
– „Der parfümierte Alptraum“ und WHO INVENTED THE YOYO? WHO INVENTED THE MOON BUGGY?, 20. März, 18 Uhr im Studio des Kinos, Bozar Cinéma Brüssel, Paleis voor Schone Kunsten, Rue Ravenstein 23,1000 Bruxelles, Belgien
– „BALIKBAYAN#1 – MEMORIES OF OVERDEVELOPMENT REDUX III“, Bundesstart 10. März 2016
– Am 30. März, 20 Uhr (OV): Studentischer Filmkreis im Audimax der TU Darmstadt, Karolinenplatz 5, 64289 Darmstadt




Familienleben auf einem Wohnschiff – „Vier Zimmer, Küche, Boot“ von Uta Eisenhardt

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso) Berlin wirkt mancherorts besonders schön, wenn man die Weltstadt vom Wasser aus betrachtet. Gut dran, wer drin ist in einem Hausboot und mit dem auf Spree und Havel fährt. Doch die Hausboote, die in und um Berlin unterwegs sind, werden meist tage- oder wochenweise genutzt. Eine Nummer größer wäre, wenn die Wahl auf ein Wohnflußschiff fällt. Wohnen auf einem Flußschiff beziehungsweise für immer auf eine Hausboot leben, das ist für Uta Eisenhardt, die Autorin des Buches „Vier Zimmer, Küche Boot“, „eine Form selbstbestimmten Lebens“, der für viele Menschen ein Traum bleibt. Von der Vision bis zur Wirklichkeit fließt viel Wasser die Spree hinunter. Und die Spree fließt träge.

Immerhin setzte Familie Eisenhardt ihre Ideen um, obwohl laut Verlag Delius Klasing „die Berliner Journalistin Uta Eisenhardt … eher aus Zufall zur Hausbootbesitzerin wurde“. Das Buch handelt aber nicht nur davon, wie aus dem „Bauhüttenschiff WS 3454“, das für 10.137 Euro ersteigert wurde, das Hausboot „Helene“ wurde, sondern auch von Problemen auf und am Wasser, die sie „mit einer großen Portion Humor und Pragmatismus“ anging. Delius Klasing: „Schnell wird ihr und ihrer Familie klar, warum ein Supermagnet zum begehrtesten Gegenstand auf dem Boot wird (hilfreich gegen Schlüsselverlust direkt vor der Haustür), wie wichtig die richtige Gummizusammensetzung bei Schläuchen sein kann (wer mag schon feststellen, dass seine Wohnung unbeabsichtigt zur Klärgrube wird?) oder welche Macht die friedliche Szene der Wohnbootbesitzer auf ein Stadtviertel haben kann (so viel, dass eine verrufene Neonazi-Gegend zum beliebten Stadtviertel wird).

Eines wird jedenfalls schnell klar: Wer ein Hausboot kauft, muss Mut mitbringen. Mut, sich auf Unbekanntes einzulassen und Mut, für seine Wohnform nicht nur beneidet, sondern auch belächelt oder gar bekämpft zu werden.

In ihrem Buch „Vier Zimmer, Küche, Boot“ berichtet Uta Eisenhardt von diesem Spannungsfeld. Außerdem beschreibt sie skurrile und abenteuerliche Erlebnisse mit, auf und neben der ‚Helene‘, dem Hausboot ihrer ganz normalen Vater-Mutter-und-zwei-Kinder-Familie mitten in Berlin.“

Mehr Infos unter http://www.estyle-berlin.de/kontakt_impressum.html

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Uta Eisenhardt, Vier Zimmer, Küche, Boot, Eine Familie zieht aufs Wasser, 196 Seiten, 82 Farbfotos, 1 farbige Abbildung, Format: 15 x 22,5 cm, Flexcover, Delius Klasing Verlag, Bielefeld, ISBN: 978-3-667-10425-0, Preise: 22,90 Euro (D), 23,60 Euro (A)




„Es tönen die Lieder, der Frühling kommt wieder“ – Gerhild Karpf singt einen Nachmittag lang im Café Adele

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Gerhild Herrmann heißt jetzt Karpf. Frühling, das heißt Veränderung. Das Café öffnet. Am 20. März, einem Sonntag, ist Frühlingsanfang. Die Metereologen logen. Wenn’s nach ihnen geht, beginnt der Frühling am 1. März. Beim heutigen Schwarzweißdenken haben die Zwischentöne wie Frühling und Herbst aber sowieso keine Chance mehr. Ist es immer Januar warm, sprechen alle vom Sommer, friert es im Frühherbst, behaupten die meisten fälschlicherweise, der Winter sei da. Und wenn im September die Lebkuchen bei Aldi liegen, reden alle von Weihnachten. Fast alle.

Im Cafe Adele trat Gerhild Herrmann vor etwa einem Jahr auf, sie nannte es „Privatkonzert“. Die Bude war voll. Diesmal geht es um einen Wiedereröffnung, so, wie es manche Eiscafés tun. Das Café Adele am Berliner Bundesplatz öffnet wieder seine Pforten. Das wird gefeiert.

Sicher ist: Der Frühling wird kommen, solange Rachel Carsons Prophezeiung vom „Stummen Frühling“ durch Pestizide u.ä. nicht eingetroffen ist.

Gerhild Herrmann singt. Das tut sie seit drei Jahren. Vorher sang sie auch, aber weniger on stage. Nun hat Gerhild Herrmann aufgehört zu singen; Gerhild ist noch da und „Gerhild singt“, aber seit Ende Februar singt Gerhild Karpf. Inzwischen hat das selbst ihre E-Mail-Adresse gemerkt. Zum Glück heißt sie nicht Petra, Susanne oder Doreen, sondern ist unverwechselbar. Das wird diesen Wechsel erleichtern.

Auch sonst ist sie am Durchstarten. Sie hat ein Repertoire von mehreren hundert Liedern.

Eines davon ist ein altes Volkslied, das ihre Tochter auswählte: „Es tönen die Lieder, der Frühling kommt wieder“. In besonderen Fällen geht sie auch auf Gästewünsche ein; Geburtstag, neue Arbeit gefunden, neue Liebe…

Das Cafe ist nicht nach der Sängerin benannt und geschmackvoll eingerichtet mit Vintagemöbeln und -kram, der wohl auch käuflich zu erwerben ist. Gebrauchte Einrichtung, frischer Kaffee, handverlesen Leckeres – eine Genusskombination. Kultur pur bei blauem Himmel und Sonnenschein in der Hauptstadt. Kaiserwetter an der Kaiserallee. Ach nee, die heißt ja jetzt Bundesallee nach der Bundesrepublik Deutschland. Von der Bundesrepublik hört man seit Mitte der Neunziger immer weniger, auch auf den Briefmarken heißt es jetzt „Deutschland“ und wenn Fußballer feiern noch kürzer Schland. Veränderung allerorten. Zum Glück überleben Vintagewörter wie „Haupt“ in Zusammensetzungen wie „Oberhaupt“ oder „Scheck“ in „scheckheftgepflegt“. Auch wenn Mexiko und Österreich Bundesrepubliken sind, denkt doch bei „bundesweit“ jeder an die BRD der jetzigen Berliner Republik mit ihrer Bundesstadt Bonn.

Im Bereich Kino ist der „Bundesstart“ unmissverständlich. Heute starten zum Beispiel „Annemin Yarasi – My Mothers Wound“ (Premiere: siehe unten!), „Der Wert des Menschen“, „POWER TO CHANGE“ (wie passend) – die Energierebellion“, „Kungfu-Panda 3“, „Die Bestimmung – Allegiant“, „LOLO – DREI IST EINER ZUVIEL!“, der eindrucksvolle „Auferstanden“ und der oscarprämierte „Raum“ – Brie Larson beste Hauptdarstellerin. Bundesweit. Auch am Zoo in der Nähe der Bundesallee.

Viel Spaß nachmittags am Bundesplatz beim Kulturgenuss in entspannter Atmosphäre! Nach Feierabend kann hier jeder Friedfertige kommen. Und so heißt es wieder: Wo man Lieder singt, da lasse dich ruhig nieder.

Um 19 Uhr ist hier lange Schluss. Wer bis 18.18 Uhr bleibt, schafft es mit der U-Bahn-Linie 9 entspannt über den Bahnhof Zoologischer Garten in den Zoopalast zur Deutschlandpremiere um 19 Uhr (Einlass: 18.30) von „Annemin Yarasi – My Mothers Wound“ von Regisseur Ozan Aciktan, einem Drama: Der Waise Salih (Bora Akkas) arbeitet auf einem serbischen Bauernhof und kennt nicht einmal seinen Namen. Im Laufe des Films entpuppt sich bei mehreren Wendungen die Wahrheit.

Anwesenheit von Mitgliedern aus Cast und Crew im Zoo-Palast möglich.

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Am Donnerstag, den 17. März 2016, 16 bis 19 Uhr: Frühlings- und Gute-Laune-Lieder für Erwachsene und Kinder, Café Adèle, Bundesallee 142, 12161 Berlin-Friedenau (Nähe S-Bahnhof Bundesplatz Ringbahn oder U-Bhf. U9). Eintritt frei, um angemessene Spenden wird gebeten.




Die Geschichte des FC Bayern München in Bildern – Annotation zum Buch „Mythos FC Bayern München“ von Ulrich Kühne-Hellmessen

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Fette Riesenkladde, aber wirklich tolle Fotos, ein zweisprachiger Augenschmaus. Ein Fanbuch für alle zwischen Aachen, Timbuktu, Peking und Canberra. Die weitestgehend durchgehend vierfarbigen Aufnahmen im A3-Überformat lassen das Herz der Millionen Bayernfans bis zum Zäpfchen springen. Text kommt kaum vor, warum auch, es geht um Feiersuperlative.

Ob Kaiser Franz beim Poklaschwingen, Lahm beim roten Teppichablaufen, das Werk hat für jeden Bayerntriumph ein passendes Bild. Fans in allen Hautfarben, feiernde Urbayern neben schwarzen Mädchen – die Lederhose ist das verbindende Element all jener, die dem roten Erfolgsclub aus Deutschlands unheimlicher Fußballhauptstadt die Treue geschworen haben. Der Pabst hält einen Bayernball in der Hand, Beckenbauer ist neben dem Platz ein gar charmanter Ganove. Von Uli und Karl-Heinzens Heldentaten in den Hinterzimmern dieser Welt wollen wir gar nicht erst anfangen – egal, scheißegeal – was zählt ist die große Bayernfamilie wo sich: piep, piep, piep – Alle lieb haben! Heute gehört uns die Deutsche Meisterschaft, morgen die europäische Cl, übermorgen die ganze Welt aka der Weltpokal.

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Ulrich Kühne-Hellmessen, Mythos FC Bayern München, 256 Seiten, Riva Verlag, München 2015, ISBN-13: 978-3-8688-3725-4, Preis: 49,90 Euro (D)