Donald Runnicles

Zum Musikfest Berlin 2018: Donald Runnicles dirigiert Bernd Alois Zimmermann und Richard Wagner

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). In einem Sonderkonzert im Rahmen des Musikfests der Berliner Festspiele zog Donald Runnicles, der Dirigent des Orchesters der Deutschen Oper Berlin, in der Philharmonie Berlin wieder alle Register seines Könnens. Von Bernd Alois Zimmermann (1919-1970), einem Komponisten der damaligen, avantgardistischen „Neuen Musik“, dirigierte er „Photoptosis“, Prélude für großes Orchester und „Stille und Umkehr“.

Die neue Musik auch als Zeitgenössische Musik, französische Musique nouveau tituliert, fasst ein Genre zusammen, welches äußerst vielfältig ist und sich Strömungen vor und nach dem 2. Weltkrieg gliedert.

Zimmermanns Werk bringt alles zum Vibieren – die große Orgel in der Philharmonie – sie klang, als ob gleich ein Mississippi-Dampfer ablegt – sie „feuerte“ ohrenbetäubend ihre Klaviatur „aus allen Rohren“. Anmutungen von atonaler Musik oder Zwölfton-Musik kamen auf, ein Sägeblatt wurde zum Singen gebracht, die großen Pauken mit den bloßen Händen wie bei Trommelpercussions „gestreichelt“, Glockenspiel, Harfe, ein Heer von Geigen, Violinen, – eben das gesamte große Orchester vermittelte dank der kundigen Führung durch Runnicles ein einmaliges Hörerlebnis. Auch der visuelle Genuss war groß – von den Seitenrängen konnte direkt dem Orchester en detail zugeschaut werden – von welchem der vielzähligen Instrumente die – vereinzelt kakophonisch – anmutenden Klänge kamen. Das große Chaos dann geführt von Runnicles zu besinnlicher Stille. Einmalig bravourös!

Nach der Pause wurde dann Richard Wagners Siegfried, 3. Aufzug zum Besten gegeben! Ein besonderer Hochgenuss, diese unglaublich romantische Musik des Komponisten mit so einem umstrittenen menschlichen Ruf. Jedes Wort seiner Wortschöpfungen der Minnegesänge sind wie in Stein gemeißelt – so geschraubt wirkt das Mittel- und Althochdeutsch anmutende Liebeswehen. Gut, dass der Text auf Textbändern zu lesen ist – es wäre einem etwas entgangen, wenn man sich nur auf die bezaubernde Musik und die Sänger*innen konzentriert hätte – kein Hollywood-Blockbuster-Liebesfilm kann es mit diesen Kompositionen aufnehmen – aber ähnlich schwülstig, herzerweichend bewegend.

Die Besetzung der Sänger*innen-Rollen war hochkarätig. Siegfried: Simon O’Neill, Der Wanderer: Michael Volle, Erda: Judit Kutasi, Brünnhilde: Allison Oakes – eine/r sang besser und ergreifender als der/die andere, begleitet vom phänomenalen Orchester der Deutschen Oper Berlin unter der Regie ihres Zaubermeisters Donald Runnicles.

Großer Schlussapplaus goutierte das herausragende Konzerterlebnis.

Nebenbei bemerkt wurde dieses Konzert beim Musikfest Berlin vom RBB für den Hörfunk aufgezeichnet. Als Sendetermin auf RBB-Kulturradio ist derzeit der 29. September 2018 vorgesehen.




"Half Life" von Sharon Eyal und Gai Behar.

„Your Passion is pure joy to me“ von Stijn Celis und „Half Life“ von Sharon Eyal und Gai Behar in der Komischen Oper in Berlin

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Der Premierenabend wird mit dem Gastspiel „Your Passion is pure joy to me“ des belgischen, international führenden Choreographen Stijn Celis eröffnet, der Ballettdirektor am Saarländischen Staatstheater ist. Der Titel seiner Choreographie, die ihre Uraufführung 2009 in Göteborg hatte, bezieht sich auf einen Choral von J.S. Bach, wird jedoch von romantisch-dramatischen Liedern von „Nick Cave and The Bad Seeds“ untermalt, die sehr zu Herzen gehen. Seine Lieder kreisen um das Thema Gläubigkeit und wie man trotz quälender Erinnerungen überleben kann, ohne zu zerbrechen.

Die Tänzer*innen des Staatsballetts Berlin, Jenna Fakhoury, Sarah Hees-Hochster, Ross Martinson, Johnny McMillan, Eoin Robinson, Lucio Vidal und Xenia Wiest, agieren auf nackter, schwarzer Theaterbühne. In legerer Alltagskleidung zeigen sie individuelle und eigenständige Ausdrucksformen in der Balance zwischen Leid und Trost, zwischen Schmerz und Heilung. Im Kontrast zu Caves Musik steht die Musik der Avantgardekünstler Pierre Boulez und Penderecki, die in der Mitte des Tanzwerks einen Kontrapunkt setzen mit kakophonischen Klangwelten. Am Ende versöhnt klanglich ein Klavierstück des kubanischen Jazzpianisten Gonzalo Rubalcaba – leichtfüßig und elegant von den TänzerInnen wiedergegeben – welch ein Hochgenuss.

Das nach der Pause gezeigte Tanzstück „Half Live“ von Sharon Eyal und Gai Behar mit der Musik von Ori Lichtik sprengt alles bisher Gesehene an Ballettchoreographien! Uraufgeführt wurde es am 11.2.2017 vom Königlich Schwedischen Ballett Stockholm.
Sharon Eyal, eine israelische Choreographin, ist eine der herausragenden „Player“ der zeitgenössischen Tanz-Szene. Ihre Kreation ist von der legendären Batsheva Dance Company geprägt. Von den Tänzer*innen des Staatsballetts Berlin Sarah Brodbeck, Filipa Cavaco, Weronika Frodyma, Gregor Glocke, Mari Kawanishi, Olaf Kollmannsperger, Konstantin Lorenz, Ross Martinson, Johnny McMillan, Ilenia Montagnoli, Danielle Muir, Daniel Norgren-Jensen und Federico Spallitta wird in atemberaubender Art und Weise – atemberaubend auch für die Zuschauer – das Maximum an tänzerischem Können bis fast zur Erschöpfung abverlangt.

Die sehr laute, wuchtige technobeat-artige Musik von Ori Lichtik wummert bis auf den Solarplexus und erzeugt mit ihrem Spannungsbogen einen magnetisierenden, hypnotisierenden, tranceähnlichen Zustand zu dem die Tanzer*innen in Nude-Look-Kostümen (hautfarbenen Höschen und Bustiers) wie Androiden oder Humanoiden-Roboter aus einem Science-Fiction-Film, von einem anderen Stern entsprungen die Erde erkundend, auf nackter Theaterbühne mit nebeligem Hintergrund stakkatoartig die meist immergleichen Bewegungen wie in Zeitlupe wiederholen. Assoziationen an „Wir sind die Roboter“ von „Kraftwerk“ kommen auf! Ihre Körper glänzen vom Schweiß während ihrer athletisch-ästhetischen Performance. Im Mittelpunkt stehen anfangs ein Mann und eine Frau – Adam und Eva? Sie wiederholen minutenlang zur Trancemusik die gleichen Bewegungen – die Trance überträgt sich auf die Zuschauer*innen. In Hintergrund, in extremem Zeitlupentempo kommt eine Gruppe herbei, die die beiden im Verlauf der Choreographie wie in Schwarmintelligenz umgibt mit diesen ständig roboterähnlichen Bewegungen, teilweise im Herzschlagrhythmus kollektiv zuckend, auseinanderstiebend, unterbrochen von Spitzentanz-Passagen comme d’habitude. Es wirkt, als ob das kollektive Unterbewußtsein Adam und Eva umtanzt. Mit amimischen Gesichtern, die Haare straff gebunden, schauen die Tänzer*innen teilweise fordernd und herausfordernd die Zuschauer*innen an, was beklemmend schön wirkt. Ein Schrei formiert sich auf dem Gesicht eines Tänzers – wie bei Edward Munchs Gemälde „Der Schrei“. Arme ragen wogend aus der wabernden, zuckenden Masse, zeigen nach oben, weisen auf irgendwas (Bedrohliches?), drehen die Köpfe gleichzeitig (nach Was?) – die Musik wird fauchend wie ein abfahrender Zug – schlimme Assoziationen kommen auf! Ist es zu weit gegriffen, an Traumaverarbeitung zu denken? Immerhin ist es ein israelisches Stück.

Oder ist es das ewig menschliche Drama über den „Ernst des Seins“? In jedem Fall ist es ein Stück, dass zum tieferen Nachdenken anregt.

Im Schlussbild ist wieder die Frau, Eva (?), das ewig Weibliche (?) das Zentrum, um das alles wie in Derwischtänzen kreist. Sie wiederholt die monotonen, rhythmisch-zierlichen Bewegungen der Anfangssequenz, während die Gruppe im Hintergrund zu immer ekstatisch werdender Musik ihren athletisch-ästhetischen Tanz in wildem Reigen durchführt und immer wieder dramatisch-ergreifend wirkende Gruppen bildet, die wie eine Metapher wirken für (?). Sie muten zum Beispiel an wie die altgriechische Skulptur „Laokoon-Gruppe“, die den Todeskampf Laokoons und seiner Söhne zeigt. Das Choreographie-Bild erinnert auch an Auguste Rodin’s Plastik „Die Bürger von Calais“, angesehene Bürger, die sich freiwillig opfern wollten, um mit ihrem Leben die Vernichtung der Stadt zu verhindern. Die Choreographie apelliert an Urinstinkte von Angst, Furcht, Gruppe, Individuum und Magie! Sie ist eine einzige Fragestellung an die Zuschauer*innen.

Es ist eine unglaublich brilliante, mitreißende Präsentation tänzerischen und choreographischen Könnens voller Power und Dynamik!

Es gab tosenden, frenetischen, nicht enden wollenden Schlussapplaus.




Ballett (Symbolbild).

Verlangen hoch drei – Ballette von Stijn Celis, Jiří Kylián und Andonis Foniadakis

Saarbrücken, Deutschland (Kulturexpresso). Im für Millionen hervorragend renovierten Staatstheater Saarland gibt es Feuer und Ekstase – das Saarländische Staatsballett, ein internationales Ensemble choreographiert vom renommierten, belgischen Ballettdirektor Stijn Celis reißt alle zu Begeisterungsstürmen von den sehr bequemen Stühlen.

Drei Choreographien von weltberühmten Choreographen werden präsentiert: „Your Passion is pure joy to me“ (Musik ursprünglich von Johann Sebastian Bach), choreographiert von Stijn Celis wird von „Nick Cave and The Bad Seeds“ romantisch-dramatischen Songs untermalt, die sehr zu Herzen gehen. Seine Songs kreisen um das Thema Gläubigkeit und wie man trotz quälender Erinnerungen überleben kann, ohne zu zerbrechen. Die sieben TänzerInnen in legerer Alltagskleidung zeigen individuelle und eigenständige Ausdrucksformen in der Balance zwischen Leid und Trost, zwischen Schmerz und Heilung. Im Kontrast zu Caves Musik steht die Musik der Avantgardekünstler Pierre Boulez und Penderecki, die in der Mitte des Tanzwerks einen Kontrapunkt setzen mit kakophonischen Klangwelten. Am Ende versöhnt klanglich ein Klavierstück des kubanischen Jazzpianisten Gonzalo Rubalcaba – leichtfüßig und elegant von den TänzerInnen wiedergegeben – welch ein Hochgenuss.

Weiter geht es mit der Choreographie „27‘52“ von Kiri Kylián nach Musikmotiven aus Gustav Mahlers „Sinfonie Nr. 10“. Die sechs TänzerInnen bat Kylián vor der Inszenierung von ihnen selbst gewählte Texte zu sprechen, die dann während des Tanzes sowohl vorwärts als auch rückwärts abgespielt wurden. Sprüche des Kampfkunst-Schauspielers Bruce Lee oder „Darf ich Sie fragen, wer Sie sind?“ aus Martin Scorseses Film „Kundun“ über den Dalai Lama oder auch „Der Albatros“ von Charles Baudelaire werden hier tänzerisch kunstvoll und atemberaubend getanzt.

In der dritten Choreographie „Selon désir“ des Griechen Andonis Foniadakis geht dann endgültig „die Post ab“ – zur Musik von J.S. Bach (Eröffnungschöre aus der Matthäus- und Johannespassion). Was man sonst nur auf Fotos sieht, wenn sich Arme und Beine sehr schnell bewegen, ist hier life zu sehen – die Bewegungen sind so schnell, dass die Augen die Bilder nicht richtig zusammensetzen können und man Mehrgliedrigkeit zu sehen glaubt. Lange, wild herumfliegende Haare, alle in griechisch anmutenden Kostümen, die Tänzer tragen die typischen griechischen Röcke – Feuer und wilde Bewegung – es ist unglaublich, was das Ensemble hier an Feurigkeit zu bieten hat.

Laut Foniadakis geht es bei „Selon désir“ um einen Gang durch das Feuer – das Leben als permanenter Kampf. „Himmel“ und religiöser Aufschwung werden gefolgt von „Hölle“, dem Chaos der Seele, Seelenqualen, Anarchie.

Atemlos bleibt man als Zuschauer zurück – wunder-, wunderschön! Tosender Beifall des Publikums folgte.




Als die Römer frech geworden – Antike römische Villen und Tempelanlagen an der Mosel

Trier, Deutschland (Kulturexpresso). Viele Wege führen bekanntlich nach Rom – genauso führen sie jedoch von Rom weg. Auf ihren Eroberungsfeldzügen führten die leichengepflasterten, blutigen Wege der Römer auch an die Mosel. Auf beiden Seiten der Mosel findet man viel Relikte ihrer damaligen Ursurpatoren-Gewaltherrschaft, Villen, Götter-Tempelanlagen, Gladiatorenschule und vieles andere mehr.

Der römische Kaiser Augustus residierte in Trier. Seine Subalternen ließen sich in der weiteren Region prächtige Villen von ihren Sklaven bauen. Eine davon, die Villa Borg – unweit Perl – wurde rekonstruiert. Eine kundige Führung durch eine Trierer Gästeführerin, verkleidet als Patrizier-Hausherrin der damaligen Zeit, erklärt der Gruppe von disziplinierten Lateinschüler*innen die damaligen Gepflogenheiten und Errungenschaften.

Porta Negra in Trier.
Ein Blick auf die ab 170 nach unserer Zeitrechnung errichtete Porta Negra in Trier. Quelle: Pixabay

Ja, sie hatten Fußbodenheizung – wirklich erstaunlich! Auch Latrinen, die mit Wasser gespült wurden. Das Reinigungswerkzeug der damaligen Zeit, ein auf einen Stock gespießten Schwamm, erklärte uns die Frau und dass dieses Utensil nach in Wassertunken von allen benutzt wurden – alle saßen auf derselben Toilette zur selben Zeit. O tempores, o mores!

Die Badekultur ist ebenfalls erstaunlich: ein Raum beherbergt ein riesiges Kaltwasserbad, Frigidarium, ein anderer ein riesiges Warmwasserbecken, Kaldarium. Erhitzt wurde das Wasser im Souterrain – von Sklaven, wie sich „versteht“, und dann in einer Warmwasserleitung in das Becken geleitet. In einem Tepidarium stand dann eine Badewanne. Auch, dass die Hausherrin einen Stuhl hatte, der niedriger war, als der ihres Gatten, wurde erklärt und dass dieser das Recht hatte, ein neugeborenes Kind entweder anzunehmen oder zu verstoßen (wenn es zum Beispiel missgebildet war). Die alten Römerinnen hatten nicht viel zu lachen, scheint’s! In puncto Gleichberechtigung hat sich ja bis heute nicht so viel geändert.

Die Villa Borg bietet einen sehr eindrucksvollen Rundum-Einblick in die Hochkultur der Römer, die sie aus SklavInnen mit deren Blut, Schweiß und Tränen herauspressten.
Ein eingegliedertes Restaurant mit teilweise alten römischen Speisen dient auch als Ausflugsziel neben dem Sightseeing.

Opus tes­se­la­tum – ein römisches Fußbodenmosaik in Nennin an der Mosel. © 2018, Foto: Eva-Maria Koch

Ein paar Kilometer weiter befindet sich in Nennig, ebenfalls an der Mosel auf der deutschen Seite, das „besterhaltenste Fußbodenmosaik nördlich der Alpen“, so der Hüter des darüber errichteten Besucherhauses. Er erklärt vorzüglich, wie die Römer hier alles in Beschlag nahmen. Der Hausherr der Anlage, die zu dem Fußbodenmosaik gehörte, war wohl ein Steuereintreiber, der auch eine riesige Gladiatorenschule betrieb. Hier wurden versklavte Männer gezwungen und geschult, sich gegenseitig zur Belustigung primitiver Menschen in dem Amphitheater im nahegelegenen Kaisersitz Trier abzuschlachten. Von dieser Anlage gibt es jedoch lediglich ein Modell zu bestaunen – archäologische Ausgrabungen finden ständig und permanent statt – die ganze Gegend ist ein einziges archäologisches Fundstück.

Auf Reservierung hin wird auch ein Film gezeigt, der die Anlage und das damalige Leben erklärt. Nicht nur Lateinschüler kommen scharenweise, auch von anderen Kontinenten finden die alten Römer Anklang – ein Filmteam kam aus den USA – sie wollten nur wirklich authentische alte Römerrelikte filmen – die nachgebaute Villa Borg fiel durch’s Raster – so der Angestellte. Er hat viel zu erzählen und überfüllt ist es dort nicht.

Eine römische Tempelanlage in Tawern an der Mosel. © 2018, Foto: Eva-Maria Koch

Noch mehr Römerkultur gibt es im ein paar weiter gelegenen Tawern zu bestaunen – eine exzellent erhaltene Tempelanlage mit mehreren Häusern zu Ehren Jupiters trohnt mit Weitblick bis nach Trier hoch in der Hügellandschaft.

Auf der luxemburgischen Moselseite befindet sich hoch in den Weinbergen bei Bech-Kleinmacher gelegen, eine ebenfalls gut erhaltene Villa, deren Terrasse einen unbezahlbar schönen Panoramablick auf die Weinberge und die Mosel bietet. Eine nachträglich dorthin gestellte Hollywoodschaukel lädt zum Chillen ein während die Augen die Schönheit genießen dürfen.

Archäologiepark Römische Villa Borg, Im Meeswald 1, D-66706 Perl
Tel (0 68 65) 9 11 70. Geöffnet ab 11 Uhr.
(Angaben ohne Gewähr)




Luxemburger Philharmonie.

Musik liegt in der Luft der Stadt Luxemburg

Luxemburg (Kulturexpresso). “Paris-Paris!” entzückt in der Philharmonie Luxemburg Klein und Groß. Ein Quartett von fidelen Musikern, genannt „die Schurken“, geht auf musikalische Zeitreise durch Paris mittels einer Zeitreisemaschine, bei der die überwiegend Kinder im Publikum kräftig mitmachen müssen, um eine Geräuschkulisse zu erzeugen mit Pfeifen, Zischen und vielen anderen Geräuschen mehr, die so eine Zeitmaschine eben erzeugen kann.

„Sous le ciel de Paris“ und andere mehr oder minder bekannte Weisen begleiten die Suche nach einer bestimmten Komposition und einem bestimmten Komponisten. Die Reise des Musiktheaters führt in die Années folles 1923, dann in die Vorkriegszeit und springt ständig hin und her, da der Komponist endlich gefunden wurde. Um seine Melodie zu Papier bringen zu können, müssen sie jedoch auf den Eiffelturm kraxeln, damit er den Panoramablick mit der nötigen Weitsicht hat. Alles in allem ein kurzweiliges Stück, in dem die Kinder begeistert mitmachen. Die Philharmonie Luxemburg ist breit aufgestellt – nicht nur hervorragende Klassik wird geboten, sondern auch viel populäre Musik.

Nach so viel Begeisterung lohnt noch ein Abstecher in die Luxemburger Altstadt, wo überall Musik erschallt – das Festival Fete de la Musique in Luxemburg wird im ganzen Land und auch in der Hauptstadt gefeiert.

Auf der Place Guillaume II zeigen Abschlussschüler des Konservatoriums ihr ausgezeichnetes Können, zum Beispiel am Piano, während unweit davon auf der Place d’Armes eine Big Band „Memory“ das internationale Publikum der europäischen Hauptstadt zu Filmmusiktiteln wie „Mission impossible“ oder auch „Summerwine“ von Gershwin zum Mitswingen bringt.




Ausstellung "Legende Queen Elisabeth II." im Weltkulturerbe Völklinger Hütte.

Queen Elizabeth II. in Gemälden, Fotografien, Briefmarken, Münzen und Medaillen aus der Sammlung Luciano Pelizzari – Ausstellung „Legende Queen Elisabeth II.“ im Weltkulturerbe Völklinger Hütte

Völklingen, Saarland (Kulturexpresso). „Es war nicht geplant, dass das Datum der Hochzeit von Prinz Harry und Meghan Markle mit der Ausstellungseröffnung zusammenfällt“, erklärt verschmitzt lächelnd Prof. Dr. Meinrad Maria Grewenig, Generaldirektor des saarländischen zum Kultur- und Sciencecenter umfunktionierten Ex-Stahlproduktions-Weltkulturerbes auf der Pressekonferenz im Weltkulturerbe Völklinger Hütte. Er ergänzt: „Wir hatten das Datum schon früher festgelegt“ und fügt an, dass die Ausstellung „Legende Queen Elisabeth II.“ die dritte Ausstellung zum Thema Vereinigtes Königreich von Großbritannien und Nordirland und die Motivation der „Brexit“ sowie die Zeitgeschichte gewesen sei.

Die 450.000 Euro teure Ausstellung mit ihren 1.500 Exponaten umfasse vier Stränge: 1. Die geschichtliche Biografie der Queen von ihrer Geburt bis heute, 2. Die über Jahrzehnte hinweg entstandene Sammlung Luciano Pelizzaris mit Fotos unterschiedlicher Künstler (Leibovitz e.a.), 3. eine historische, millionenschwere Briefmarkensammlung aus dem gesamten Commonwealth mit Queen- und Königsfamilie-Portraits, „vor der sich Philatelisten aus der gesamten Welt hinknien“, so Prof. Grewenig, „samt blauer und roter Mauritius und die schwarze Penny Black. Die Briefmarkensammlung der Queen ist die größte der Welt.“ und 4. Erinnerungsporzellan aus der Sammlung Marina Minelli. Es sind historische Porzellane und Teeservice, die speziell anlässlich der Krönungs- und Hochzeitszeremonien der britischen Königs-und Königinnenhäupter speziell angefertigt wurden. Das Krönungsporzellan der Queen – ein Musthave für alle Briten, so Prof. Grewenig. Prince Harry und die zukünftige Prinzessin Meghan sind noch nicht dabei – sie heiraten heute!

„Und nun hier ein Goldschatz“, lockt Ausstellungsleiter Frank Krämer die zahlreich erschienene Pressemeute zu gesicherten Glasvitrinen – Goldmünzen mit Konterfeis Elisabeth II. und auch ihrer Familie.
Ob denn auch etwas anderes gezeigt werde als nur die Hochglanzseiten, will eine Kollegin wissen –
an Bildern wären hier zu erwähnen das ungewöhnliche Portrait Lucian Freuds, Andy Warhols respektabler Siebdruck in bekannter Manier, den er zwei Jahre vor seinem Tod fertigte oder auch „God save the Queen“ von Jef Aerosol, der sie in seinem Sprühlackportrait einfach zusammen mit einem „Sexpistols“-Mitglied auf ihrem Plattencover „God save the Queen“ abbildet, auch das Drama um den Tod Lady Dis wird dokumentiert.

Herausragend und beeindruckend ist nach wie vor die Haltung der jungen, extrem hübschen Elisabeth, die in den Kriegsjahren gegen Nazi-Deutschland ihrem Volk schon als Adoleszente in Radioansprachen Mut machte „Wir als Kinder…“ und auch lernte, Lastwagen zu fahren und zu reparieren. Die zu sehenden Fotos und zu hörenden Radioauszüge aus dieser Zeit zeigen den Mut und edlen Charakter dieser unvergleichlichen Ikone.

„Die Queen ist die am meisten dargestellte Person des 20. Jahrhunderts“, sagt Prof. Grewenig, „die alle Präsidenten der USA und Deutschlands getroffen hat, um nur zwei Beispiele zu nennen.“

„Mein Sohn sagt, die Queen sei wie seine Großmutter für ihn“, erzählt eine französische Kollegin. Ja, sie hat uns alle schon seit unserer Geburt begleitet und dank ihrer Disziplin bis heute, bis sie sich durch Charles eines Tages in den wohlverdienten Ruhestand versetzen lassen wird.

Wird ein zehnminütiges Video am Anfang der Ausstellung die Queen-Fans und Royalty-Interessierten heute vom Fernseher weglocken, wenn Millionen vor den TV-Empfängern die Prunkhochzeit ihres Enkels Harry mit Meghan gebannt verfolgen? Sicher in der Folgezeit – gerechnet werde mit 50.000 Besuchern, meint Prof. Grewenig.

Die Ausstellung in der Völklinger Hütte findet vom 19. Mai 2018 bis zum 6. Januar 2019 statt.




João Penalva im Mudam in Luxemburg.

João Penalva im Mudam in Luxemburg – Ausstellung vom 3. März bis zum 16. September 2018

Luxemburg (Kulturexpresso). Und wieder einmal zeigt es sich, dass sich über Geschmack streiten lässt. Unbestreitbar ist, dass die erste monografische Ausstellung des in London lebenden portugiesischen Künstlers João Penalva im Musée d’Art Moderne Grand-Duc Jean, kurz Mudam, in Luxemburg von hoher Kunstfertigkeit und Geschmack auf seine Art zeugt. Ob es einen anspricht, ist jedoch eine andere Sache, und hier zeigt sich die Freiheit der Kunst und des Kunstempfindens. Die Ausstellung begann am 3. März und soll bis zum 16. September 2018 laufen.

João Penalva im Mudam in Luxemburg.
Ein Blick in die João-Penalva-Ausstellung im Mudam in Luxemburg. © 2018, Foto; Eva-Maria Koch

Sehr duster und betont dunkel gehalten wirken die Werke – was sicher viele anspricht, aber nicht unbedingt alle. Gezeigt werden Werke von 2001 bis heute, mit denen der Künstler die 700 m² im Untergeschoss des Museums „bespielt“. In einem der mit roten Samtvorhängen verhangenen Räume, empfiehlt es sich, vorher die Taschenlampenfunktion seines Smartphones auf Funktionstauglichkeit zu testen, damit man sich zurecht findet, denn so schnell adaptieren sich die Augen nicht auf das Dunkel, das nur ein geheimnisvolles Dämmerlicht zu durchdringen – es besteht Stolpergefahr.

Dabei handelt es sich um die monumentale Installation Pavlina and Dr. Erlenmeyer (2010). Diese sich über zwei Räume erstreckende Arbeit erzählt zunächst, in der gedämpften Atmosphäre eines Ausstellungsraums, vom Leben des deutschen Chemikers Carl Emil Erlenmeyer (1825-1909), dessen Forschungen zur Entdeckung des Naphthalins geführt hatten. Im zweiten Raum nimmt der Albtraum von Pavlina, einer pensionierten Insektenforscherin, Gestalt an in Form des beweglichen Bildes einer gigantischen Kleidermotte. Als Meister der Inszenierung geleitet der Künstler mit leichter Hand sein Publikum mit seinen minutiösen Kompositionen durch fiktive und vieldeutige Welten. Durch einen Türspalt entdeckt der Besucher Door (2018), ein neues vom Mudam produziertes filmisches Werk.

João Penalva im Mudam in Luxemburg.
Ein Blick in die João-Penalva-Ausstellung im Mudam in Luxemburg. © 2018, Foto; Eva-Maria Koch

Penalvas international renommiertes Werk umfasst sowohl Einzelarbeiten von persönlichem Charakter als auch raumgreifend inszenierte Installationen, in denen Malerei, Fotografie, Dokumente, Text und Ton sich zu visuellen Erzählungen verbinden und die den Besucher in ein künstlerisches Universum entführen, das zwischen dem Realen und dem Fiktiven oszilliert.
Im Foyer des Museums werden die großformatigen und ungebundenen Bücher, die der Künstler seit 2007 ausstellt, so auf Tischen präsentiert, dass der Betrachter sitzend in ihnen frei blättern kann. Zu den zehn bereits existierenden Büchern kommen zwei neue hinzu, Michio Harada (2015) und Boro (2017), in denen Penalvas Interesse für Asien, und insbesondere für die japanische Kultur und Ästhetik, zum Ausdruck kommt.

Anlässlich der Ausstellung publiziert das Mudam gemeinsam mit Edition Cantz The Asian Books, wo erstmalig alle Künstlerbücher mit einem Bezug zu Asien, sei dieser faktisch oder fiktiv, vereint sind.

João Penalva im Mudam in Luxemburg.
Ein Blick in die João-Penalva-Ausstellung im Mudam in Luxemburg. © 2018, Foto; Eva-Maria Koch

Scheinbar mühelos wechselt Penalva von einem Medium zum anderen: So übernimmt er auch die künstlerische Leitung einer außergewöhnlichen Veranstaltung, die den Endpunkt seiner Ausstellung bildet. Es handelt sich um die von der National Ballet Company of Portugal produzierte Tanzaufführung Fifteen Dancers and Changeable Tempo, die am 15. September 2018 im Grand Théâtre in Luxemburg zu sehen sein wird.

João Penalva, geboren 1949 in Lissabon, begann seine Laufbahn als professioneller Tänzer, er arbeitete in Tanzkompanien von international bekannten Choreografen wie Pina Bausch und Gerhard Bohner, um sich schließlich in London niederzulassen wo er 1981 sein Studium an der Chelsea School of Art abgeschlossen hat. 1996 vertrat er Portugal auf der Biennale von São Paulo und 2001 auf der Biennale von Venedig, er stellte ebenfalls 2001 auf der Berliner Biennale und 2002 auf der Biennale von Sydney aus. Einzelausstellungen hatte er u.a. in folgenden Institutionen: Camden Arts Centre, London und Tramway, Glasgow, 2000; The Power Plant, Toronto, 2003; Serralves Museum, Porto, und Ludwig Museum, Budapest, 2005; Irish Museum of Modern Art, Dublin, 2006; Lunds Konsthall, Lund, 2010; Calouste Gulbenkian Museum, Lissabon, 2011; Kunsthallen Brandts, Odense, Dänemark; Berlinische Galerie, 2012; Royal Festival Hall, London, 2013; Trondheim Kunstmuseum, Norwegen, 2014. Ebenfalls nahm er an zahlreichen Gruppenausstellungen teil, darunter in folgenden Institutionen: Haus der Kunst, München; Folkwang Museum, Essen; Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen K21, Düsseldorf; Museum of Contemporary Art, Taipei; KIASMA Museum of Contemporary Art, Helsinki; Contemporary Art Center, Vilnius; Australian Centre for Contemporary Art, Melbourne; Wellcome Collection, Hayward Gallery, und Tate Modern, London. Im Jahre 2003 erhielt er ein Stipendium für das Berliner Künstlerprogramm des DAAD.

Wer es etwas fröhlicher, heller, erheiternder, witziger und lichter mag, kann unter den drei Parallelausstellungen im Mudam in Luxemburg die der Eurasierin Su-Mei Tse wählen, die alle Räume des Erdgeschosses bespielt.




Don Giovanni

Dunkel war’s! – Don Giovanni an der wiedereröffneten Staatsoper Berlin Unter den Linden – Dramma giocoso in zwei Akten von Wolfgang Amadeus Mozart

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Die Handlung des Stücks Don Giovanni aus der Feder von Wolfgang Amadeus Mozart nach einem Libretto von Lorenzo Da Ponte ist schnell erzählt: Wundervolle Arien begleiten einen sexsüchtigen Maniac, der sein scham- und charakterloses Sexsucht-Unwesen bis zum Mord betreibt. Ein vollkommen enthemmter Don Giovanni demütigt alle Betroffenen (insbesondere die Damenwelt) bis aufs Blut und letztendlich wird der Wüstling vom Jenseits mit dem Tod bestraft.

Die Staatskapelle Berlin unter der musikalischen Leitung von Allessandro de Marchi und Sänger*innen wie Christopher Maltmann (Don Giovanni), Donna Anna (Maria Bengtsson), Paolo Fanale (Don Ottavio), Donna Elvira (Dorothea Röschmann), Leporello (Mikhail Petrenko), Zerlina (Anna Prohaska) bieten einen hochkarätigen Musikgenuss und lassen die erstklassige Akustik im Saal zur Geltung kommen.

Inzenierung von Claus Guth: Über Geschmack lässt sich streiten oder doch nicht? Es wurde in der Inszenierung an allem gespart: Strom, da kaum Licht auf der Bühne, Bühnenkosten, da 3 Stunden ständig ein dunkler Wald sich um die eigenen Achse drehte (für die Bekämpfung des Klimawandels ist Stromsparen ja angesagt!) und auch die Kostüme waren eine Enttäuschung („Gammlerlook – dunkel, versteht sich! – second hand vom Flohmarkt gekauft?). Man hat in Berlin schon kreativere, espritvollere Bühneninszenierungen gesehen, wenn schon provoziert oder etwas unterstrichen werden soll! Es stand zwar Mozart drauf – es war optisch jedoch kein Mozart drin!

„Dramma giocoso“ heißt eigentlich „lustiges Drama“. Hier zeigte sich jedoch ein „Dramma depressiva“. Giocosa wurde jedoch durch das ständige Dusterdunkel konterkariert, dass sich durch das depressive Bühnenbild auf Mozarts fröhliche Musik wie „The Fog“ legte und in keinster Weise Mozarts fröhlicher Musik gerecht wurde, insbesondere durch mangelnde Ästhetik! So war es z.B. irritierend und vom Hochgenuss des Gesanges ablenkend, wenn von einer besonders exquisiten Weinsorte gesungen wurde, die man trank – mit einer Bierdose in der Hand! Schade! Erhellend war es auch nicht, aus diesem Dusterdunkelwald auf einmal mit Autoscheinwerfern von einem im Wald auftauchenden Autoo geblendet zu werden, die ins Publikum gerichtet waren! Ging es darum, dass das Publikum möglichst wenig von den Protagonisten sehen sollte, die kaum ausgeleuchtet waren auf dieser ewig dunklen Bühne – durch Blendung sieht man erst recht nichts, abgesehen davon, dass es sehr unangenehm ist! (Sonnenbrille nicht vergessen!)

Als der fröhliche lebenslustige Mensch, wie Mozart geschildert und in Filmen dargestellt wird, wäre er sicher damit auch nicht einverstanden gewesen!

In jedem Fall hat die düster-dunkle Bühneninszenierung den herausragenden Musikgenuss erheblich gemindert. Was will uns der Künstler damit sagen, dass sich auf der neuen, teuren Drehbühne über die 3:15 Stunden (mit Pause) ständig der Schwarzwald um die eigene Achse zu drehen scheint: Riesige Nadelbäume ragen in den Bühnenhimmel – im Dunkeln! Geht es um „die dunkle Seite der Macht“ oder einen Seitenhieb auf „Dunkel-Deutschland“ bzw. „Dunkel-Österreich“ – die Inszenierung wurde aus der Geburtsstadt Mozart’s Salzburg importiert. Ist der allgegenwärtige Esprit Mozarts vielleicht mit der kaum noch scheinenden Wintersonne perdu gegangen – alles dunkel oder was? Vielleicht war es auch nur gut gemeint mit den Großstädtern, die zu wenig Natur zu Gesicht bekommen? Saurer Regen, Klimawandel? Nichts gegen Nadelwälder, aber auf der Bühne im Dunkeln nicht sehr witzig! Genug spekuliert – über Geschmack lässt sich streiten!

Schade, ein witziges, kreatives, von Esprit flirrendes Bühnenbild hätte der wundervollen gesanglichen, unter die Haut gehenden Gesangsdarbietung aller Künstler*nnen noch mehr Glanz verleihen können. Viel Zwischenapplaus und frenetischer Schlussapplaus zollte den Sänger*innen und dem Orchester Applaus.

Zur renovierten Staatsoper Unter den Linden

Rein optisch hat sich an der „Staatsoper Berlin Unter den Linden“ durch die Jahre dauernden Renovierungsarbeiten kaum etwas verändert im Zuschauerraum. Die Sitze sind bequemer geworden, die Akustik sowieso. Der neue „Apollosaal“, der auch für die Pause genutzt werden kann, betört durch seine Kristalllüster und Dekors.




Die Tanzstunde in der Komödie am Kurfürstendamm

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). “One thing you can’t hide, is when you’re crippled inside…” – diese allgemeingültige Erkenntnis sang schon vor Jahrzehnten unser Love-and-Peace-Guru John Lennon. Und genau darum geht es in diesem anrührenden Bühnenstück Die Tanzstunde in der Komödie am Kurfürstendamm, um Beziehungen und „Verkrüppelt“-Sein, innen und außen.

Ever Montgomery, an Asperger-Syndrom leidender Nerd und Hochschulprofessor an einer renommierten New Yorker Universität (eindringlich und brillant gespielt von Oliver Mommsen), will für die Gala im Anschluss an eine Preisverleihung an ihn in einer einzigen Tanzstunde tanzen lernen.

Auf Anraten des Hausmeisters hat er sich hierfür seine Nachbarin und Broadway-Tänzerin Senga Quinn ausgeschaut (bezaubernd gespielt von Tanja Wedhorn), die in dem Moment seines Besuchs gerade zu Tode betrübt mit einer orthopädischen Orthese um ihr rechtes Bein in ihrem Appartment sitzt: Ein Taxi hat sie zum „Krüppel“ gefahren – eine OP ist unmöglich, da sie keine Narkose überleben würde – ihre Karriere als berühmte Broadway-Tänzerin ist quasi vorbei.

Beide sind also schwerstens gehandicapt. Sehr zögerlich lässt sich Senga auf Ever‘s Angebot ein, ihr für diese besondere Tanzstunde 2153 Dollar zu zahlen. Die Neugier bringt sie dazu, es anzunehmen.

Hier erst beginnen die besonderen Probleme: Ever bekommt Schreikrämpfe bei Berührungen, Händeschütteln, Wangenküsse und Umarmungen müssen unter Vorsichtsmaßnahmen geübt werden, damit er Senga nicht umwirft aus Panik.

Im Laufe der Tanzstunde kommen die beiden sich dann doch so näher, dass sie ein Liebespaar werden. Absurde Situationen entstehen, voller Wortwitz, so dass das Publikum im vollbesetzten Haus aus dem Lachen kaum herauskommt – obwohl es auch traurige, eindringlich berührende Momente gibt, denn bei Senga zeigen sich schwere seelische, verdrängte Kindheitstraumata. Ever hilft ihr, gute Ärzte zu finden, sowohl Chirurgen als auch Psychiater. Ein paar wie gemacht füreinander.

Schöne Disco-Songs begleiten diese zweistündige Aufführung (mit Pause), wie „If you could read my mind”, „Ladies Night“, “You ́re the one that I want”, “Let ́s talk about Sex” und in der Schluss-Traumszene hotten die beiden profimässig à la Broadway über die Bühne und reißen das Publikum fast von den Stühlen.

Der amerikanische, renommierte Autor Mark St. Germain schrieb diese berührende Komödie, die als eines der letzten Aufführungen vor dem Abriss der Kudamm-Bühnen unter der Regie von Martin Wölfer inszeniert wird.

Der Schlussapplaus nahm kein Ende!

Informationen

Die Tanzstunde
in der Komödie am Kurfürstendamm
von Mark St. Germain, Deutsch von John Birke
Regie: Martin Woelffer
Bühne und Kostüm: Julia Hattstein
Choreographie: Annette Reckendorf
Schauspieler: mit Tanja Wedhorn und Oliver Mommsen
Premiere: am 14. Januar 2018
Vorstellungen: bis 25. Februar 2018
Spieldauer: zwei Stunden, eine Pause




Frau Luna

Frau Luna – eine glitzernde, schillernde Reise-Revue zum Mond im Tipi am Kanzlerinnenamt

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Überall glitzert es im Tipi am Kanzleramt wie Sternenstaub der Milchstraße und stimmt schon beim Entrée im sehr gut besuchten Haus ein auf die vergnügliche burlesk-phantastische Ausstattungsoperette Frau Luna des Komponisten Paul Lincke (Uraufführung 1899 im Berliner Apollo-Theater).

Der erste von 2 Akten entführt mit seiner gekonnt auf die damalige Zeit getrimmten Bühne und Akteuren in ein Berliner Arbeitermilieu („Berliner Etagenkolorit“), wo der Fliegerei- und Weltall-Begeisterte Mechaniker Fritz Steppke, dynamisch und ultrawitzig dargestellt von Benedikt Eichhorn (von Pigor & Eichhorn) ein Gefährt für eine Reise zum Mond gebastelt hat und mit seinen Freunden Schneider Lämmermeister (ebenfalls zum Brüllen komisch dargestellt von Thomas Pigor) und Steuerbeamter a.D. Pannecke (Max Gertsch) dorthin fliegen möchte. Er wohnt zur Untermiete bei der Witwe Pusebach (zum Schreien komisch präsentiert von Christoph Marti von „Die Geschwister Pfister“) in Berlin. Er ist verlobt mit der Pusebach-Nichte Marie (niedlich dargestellt und sehr gut gesungen von Sharon Brauner, Nichte von Arthur Brauner). Heimlich stehlen sich die Gefährten von Witwe und Nichte davon und das Mondgefährt steigt eines Nachts in den Berliner Himmel zum Mond.

Der Mond als Luna-Park mit ewiger Vergnüglichkeit. Theophil, Haushofmeister auf dem Mond (schillernd dargestellt von Tobias Bonn von „Die Geschwister Pfister) erzählt den Mondfeen (entzückende Ballettdamen, in wechselnden Kostümen je nach Situation die Szenerie begleitend) von seinem einmaligen Ausflug auf die Erde, wo er ein Stelldichein mit der Witwe Panneck hatte. Stella, Zofe von Frau Luna (Anna Mateur in Bestform, auch sehr gut singend!) hat ein Auge auf ihn – er will sie wegen „mangelnden Geldüberflusses“ heiraten.

Ein heiteres Treiben herrscht, dass die Glitzerbühne bebt: Venus (witziger Fausto Israel), Mars (Gert Thumser) und weitere illustre Gäste feiern die Feste, wie sie fallen. Prinz Sternschnuppe (Katharina Thalbach, brillant wie immer) macht Frau Luna (Cora Frost, ebenfalls herausragend) seit Jahrtausenden vergeblich den Hof und dieses Mal entflammt sie leider auch noch für Steppke. Alle geben sich amourösen Beliebigkeiten hin und ein Bäumchen-Wechsel-Dich Verwirrspiel beginnt: Pannecke, mit Witwe Pusebach verlobt, turtelt mit Frau Venus. Der Stella liebende Theophil leiht bei Prinz Sternschnuppe für die Rückkehr der Erdlinge das Sphärenmobil des Prinzen aus (süße Idee: ein Senioren-Elektromobil mit Glitzer), denn ihr Gefährt ist defekt. Nach vielen Tanzeinlagen, schönen Arien „Schlösser, die im Monde liegen“ (hinreißend Sharon Brauner) und bekannten Gassenhauern mit Publikums-Mitklatscheffekt wie der Marsch „Das macht die Berliner Luft, Luft, Luft“ und dem Duett „Schenk mir doch ein kleines bißchen Liebe“ ist das Happy-End perfekt. „Auf dem Mond wird auch nur mit Wasser gekocht“ erkennen die Erdlinge bevor sie in ihre Berliner Mansardenwohnung zurückreisen.

Alles in allem ein äußerst vergnüglicher Abend mit gekonnter Inszenierung mit einem die Turbulenzen bestens und beschwingt begleitenden Orchester.

Anmerkung

In einer vorherigen Fassung wurde berichtet, dass Sharon Brauner die Tochter von Arthur Brauner sei. Richtig ist, dass sie die Nichte ist. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.