Bregenzer Festspiele

Merci Hélène Grimaud – Im Winter in Bregenz klassische Musik erleben

Bregenz, Österreich (Kulturexpresso). Auch im Winter kann man in Bregenz klassische Musik erleben, wenngleich das allseits bekannte Festspielhaus aktuell vermehrt für Events quer durch das Genre Showbusiness gebucht wird. Es sind dann nicht die Bregenzer Festspiele, die planen, sondern das Kongresszentrum Bregenz. Nun ja, das Haus verursacht sicherlich hohe Kosten rund ums Jahr, dennoch, man stelle sich vor, dass im Wiener Musikverein auch Popkonzerte, Musicals sowie Varieté stattfinden würden. Die Grenzen verwischen sich immer mehr zwischen den Unterhaltungsgenres und der Klassik. So durften Die Prinzen kürzlich mit dem Gewandhausorchester Leipzig auftreten. Ob dies nun der Qualität des Auftritts genutzt hat, bleibt dahin gestellt, sicherlich war der PR-Effekt gewollt.

Finden sich im Sommer die Wiener Symphoniker am Bodensee ein, seit Jahrzehnten das Hausorchester der Bregenzer Festspiele, so war letzten Sonntag das Kammerorchester des Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, unter der Leitung von Konzertmeister Radoslaw Szulc, zu erleben. Stehend, Szulc mit Violine unterm Kinn, zelebrierten die Musiker den Abend, wohl anspielend auf vergangene Zeiten, auch Hans von Bülow ließ sein Meininger Orchester stehend musizieren. Vielleicht geriet deshalb auch der Auftakt mit Samuel Barbers Adagio für Streicher etwas disharmonisch, man musste sich schon anstrengen, um die bekannte Komposition zu erkennen. Es fehlte der große Bogen, das verbindende Element, auch der Streicherklang der Bayern war etwas ruppig.

Das gilt auch für Beethovens Konzert für Klavier und Orchester Nr. 4. Doch Hélène Grimaud konnte mit ihrem brillanten Spiel davon ablenken. Ihr unglaublich leichter Tastenanschlag begeistert, schwebend perlende Klänge, die dem Klavierkonzert Nr. 4 so gut zu Gesicht stehen, zaubert sie ohne Ende in den Raum. Rhythmik sowie Phrasierung sind bei ihr einfach perfekt, danke Maestra Grimaud.

Nach der Pause dann Unbekanntes. Zwei Kompositionen des 1937 geborenen Komponisten Valentin Silvestrov: Der Bote und Zwei Dialoge mit Nachwort, beides in der Besetzung für Klavier und Streicher. Etwas zaghaft war der Eindruck der durchweg an die Klassik angelehnten Kompositionen, gerne würde man die Werke noch einmal in einer Interpretation mit mehr Dynamik hören. Zum Schluss noch etwas Heiteres: Joseph Haydns Sinfonie Nr. 60, auch Il Distratto (Der Zerstreute) bezeichnet. Charmante Musik à la Commedia dell’arte, die von dem vergrößerten Kammerorchester nun mit viel Elan musiziert wurde. Irgendwann wurde man auch aufgefordert zu klatschen, war es wegen dem Zerstreuten oder während der Zugabe, ich weiß es wirklich nicht mehr. Eben doch ein etwas konfuses Konzert.




Kunst und mehr – auf dem See und um den See herum

Bregenz, Österreich (Kulturexpresso). Sicherlich ist die Bodenseeregion eine der ältesten Kulturlandschaften Europas, denn nicht nur Kelten, Alemannen und Römer siedelten hier. Die ältesten Pfahlbauten datieren auf 3500 vor Christus und erzählen von einer vergessenen Welt, die dennoch fühlbar ist. Vielleicht hat der See diese Vergangenheit gespeichert und sensible Menschen hören das Flüstern der Geschichte hier intensiver als in unseren lauten, modernen Städten. Diese Region war immer eine von der Natur geformte Einheit, auch wenn politisch gezogene Grenzen den Austausch zuweilen störten. Heute ist Europa sicherlich hier am intensivsten fühlbar und die Spannungen, die Brüssel vielerorts verursacht, werden traditionsgemäß nicht so ernst genommen. Fast fühlt man sich im ‚Exil‘ am See, und viele Menschen denken, dass eine Erneuerung Europas durchaus hier entstehen könnte. Bregenz mit dem Vorarlberger Rheintal ist der viertgrößte Ballungsraum Österreichs. 250.000 Menschen aus 100 Herkunftsländern leben hier. Wirtschaftliche Dynamik und Migrationsbewegungen führen zu weiterem Wachstum.

Kunst hatte immer einen besonderen Stellenwert in dieser Region, die grandiose Natur beflügelt wohl das kreative Schaffen der Menschen am See und drum herum. Bregenz, Rheintal und Bregenzerwald arbeiten an einer Bewerbung für die Europäische Kulturhauptstadt 2024. Überall im Ländle wird diskutiert und geplant. Doch auch alltagsmäßig ist das Kulturangebot enorm vielschichtig. Musik, Lesungen, Diskussionen, Ausstellungen, Theater und noch so manches mehr sind täglich zu besuchen. So wundert es den Besucher auch nicht, dass man schon im ersten Nachkriegsjahr die Bregenzer Festspiele auf zwei Lastkähnen gestartet hat. Aktuell wurde die Saison 2018 nun vorgestellt. Auf dem See wäre dann wieder Bizets ‚Carmen‘ zu erleben, die im letzten Sommer 193.000 Besucher anzog. Eröffnet werden die Festspiele am 18. Juli 2018 mit einer Rarität, der österreichischen Erstaufführung der Oper ‚Beatrice Cenci‘ von Berthold Goldschmied (1903-1996). Brigitte Fassbaender inszeniert den ‚Barbier von Sevilla‘ und leitet erneut eine öffentliche Meisterklasse. Weitere Programmdetails sind auf der Homepage abrufbar.

Doch nicht nur im Sommer gibt es große Kultur in Bregenz, nein, eine aktive Theaterszene ist über das gesamte Jahr in verschiedenen Theatern zu erleben. So muss man eine beachtenswerte Premiere im Theater Kosmos erwähnen: Die deutschsprachige Erstaufführung ‚Tod eines Komikers‘ von Owen McCafferty, eine herbe Kritik an einem erbarmungslosen Showsystem, wurde zu einer bewegenden Anklage gegen die Mechanismen einer ausbeuterischen Unterhaltungsbranche, bei der der einzelne Künstler als Mensch oftmals auf der Strecke bleibt. Immer stärker wird hier der Agent, das Management, zum skrupellosen Spekulanten, der nur den eigenen Profit sucht und mit Kunst so gar nichts am Hut hat.

Für den bekannten Schauspieler Dominique Horwitz war die Rolle zum hochgepuschten Komiker Steve eine Traumpartie. Er konnte alle Register seines Könnens zeigen. Angefangen vom etwas unbeholfenen Komiker, der in drittklassigen Etablissements auftritt, bis hin zum steppenden Star, der große Hallen füllt, aber am Leben allgemein scheitert. Marcus Widmann spielt den skrupellosen Agenten mit enorm viel Gestaltungsvermögen und Facettenreichtum, ebenso grandios Lisa Hofer, die die unglückliche Freundin und das Gewissen von Komiker Steve darstellt. Dieses Drei-Mann-Theaterspiel könnte als Lehrstück in Sachen Vermarktung für jeden angehenden Künstler lehrreich sein. Doch bleibt immer die Frage, wie weit gibt man sich selbst preis auf der Leiter zum Erfolg und finanzieller Sicherheit? Wahre Ideale sollten nicht verkauft werden, doch jeder entscheidet für sich allein. Bis zum 7. Dezember darf im Theater Kosmos noch darüber reflektiert werden.




Cosi fan tutte

Wie machen‘s denn alle? – Così fan tutte am Mainfranken Theater Würzburg

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Weiterer Titel dieser Mozart-Oper lautet: Die Schule der Liebe. Alles etwas konfus im Libretto (von da Ponte) in Mozarts letzter Buffo-Oper. Regisseurin Martina Veh setzt ganz auf italienische Burleske und beschert einen gelungenen knalligen Opernabend voller Spannung und Drive. Selten erlebt man eine so stimmig ausgerichtete Inszenierung. Das helle schwebende Bühnenbild mit abstrakten Räumen und Bildeinblendungen von fettFilm (Momme Hinrichs, Torge Møller) sowie Malereien des Zeichners Freddy Engel, zeigen einen unbeteiligten Kosmos, der den verrückten Liebespielen der Menschen verwundert zuschaut. Das Ganze hoch ästhetisch ausgearbeitet, die genialen Kostüme von Christl Wein sind das I-Tüpfelchen dieser Arbeit. Nur der Schluss wirkt nach den verrückten Liebeswirren doch etwas ernüchternd, aber ‚das Mozartl‘ schreibt 1789 mahnend an sein Konstanze: „Glaube sicher, nur das kluge Betragen einer Frau kann dem Mann Fesseln anlegen.“ – Bums – auch er ein wahrer Frauenversteher.

Die bekannten Längen der 3-stündigen Oper werden an diesem Abend mit spritziger Spielfreude sowie brillantem Musizieren geschickt gewürzt. Quicklebendig wird agiert, aus allen Dimensionen der Bühne. Die sechs Darsteller sitzen in Schachteln, Liegestühlen, fallen aus dem Schnürboden oder krabbeln aus dem Untergrund, scheinen die Tollheit auch noch zu genießen. Ebenso ist der Chor sehr aktiv, nicht nur stimmlich, allerdings hervorragend vorbereitet von Anton Tremmel.

Aus dem Orchestergraben hört man viel Erfreuliches. GMD Enrico Calesso will seinen Mozart ergründen, analysieren und zelebrieren, das macht er auf eindrucksvolle Art und Weise. Sein Dirigat ist eminent pointiert, dennoch immer fließend ohne an Spannung zu verlieren. Er versteht es, die musikalischen Höhepunkte als solche zu präsentieren und dennoch die Sänger immer auf Händen zu tragen. Nach anfänglichem Premierenfieber singen sich die sechs Protagonisten frei und man darf besten Mozartgesang erleben.

• Fiordiligi – Sopran Silke Evers – grandios dramatisch und höhensicher, darstellerisch mehr als überzeugend, ein charmante, etwas unterkühlt zweifelnde Liebhaberin.
• Dorabella – Mezzosopran Marzia Marzo – die forschere Schwester der beiden, mit warmer Stimme brillant singend, ebenso höhensicher und gestalterisch charmant.
• Despina – Sopran Akiho Tsujii – ungeheuer spielfreudig, ideale Mozartstimme, ein Name, den man sich merken sollte.
• Das gilt auch für den Tenor Roberto Ortiz als Ferrando, flexibel auf Linie gesungen, mit Timbre und Gefühl, der große Verführer des Abends.
• Guglielmo – Bariton Daniel Fiolka, auch er ein charmanter Liebender, etwas verhalten vielleicht, dennoch mit viel schönem Stimmpotential.
• Don Alfonso – Bariton Taiyu Uchiyama, junger Draufgänger mit Potential zum Star.

Fazit: Ein gelungener Abend, da man die Oper mit einem ‚Augenzwickern‘ auf die Bühne gebracht hat. Leicht und locker, das war wohl auch so von Mozart und da Ponte gewollt. Bravi! Ach, und laut Inszenierung sollen 55% der Frauen Untreue pflegen, von den Männern wurde nicht gesprochen.




Vive La Grande Nation – Charles Gounods „Cinq-Mars“ erlebt eine fulminante Auferstehung in Leipzig

Leipzig, Deutschland (Weltexpress). Uraufgeführt wurde ‚Cinq-Mars‘ am 5. April 1877 an der Opéra Comique in Paris, die Premiere war nicht sonderlich erfolgreich. Die Handlung spielt im 17. Jahrhundert, in den letzten Jahren der Regentschaft von Louis XIII, und es gab ihn wirklich, den Marquis de Cinq-Mars, der von Kardinal Richelieu an den Hof geholt wurde. Doch schon bald plant der Marquis ein Komplott gegen seinen Gönner. Im Mittelpunkt der Handlung steht seine unglückliche Liebe zu der Prinzessin Marie de Gonzague, der späteren polnischen Königin. Cinq-Mars‘ noble romantische Liebe bleibt unerfüllt, er beendet sein Leben auf dem Schafott. Das Libretto basiert auf dem berühmten Roman von Alfred de Vigny.

Gounod war ein Zeitgenosse Richard Wagners und er scheint zudem von Wagners Forderung nach einer prägnanten Sprachgestaltung beeinflusst zu sein, denn über weite Strecken ist das gesungene Wort höchst dominant, die Musik agiert dagegen wie ein Klangteppich für den Text, wenn auch in einer sehr gelungenen Symbiose. Dank Palazetto Bru Zane, einer Organisation, die sich die Förderung der romantischen Musik Frankreichs zum Ziel gesetzt hat, wurde ‚Cinq-Mars‘ (Deutscher Titel: ‚Der Rebell des Königs‘) neu entdeckt und erlebt nun an der Oper Leipzig – nach 140 Jahren – eine szenische Wiederauferstehung.

Den großen Erfolg beim Publikum hat man wohl so nicht ganz erwartet, traut man sich doch in deutschen Theatern nicht allzu oft mit Schönheit und Opulenz zu wuchern. Allerdings war es geanu der richtige Weg, um das vielleicht etwas karge Libretto zum Leben zu erwecken. Dem Regisseur Anthony Pilavachi und seinem Ausstatter Markus Meyer gelang der ‚große Wurf‘, der Geist der ‚Grande Nation‘ in der Zeit von König Louis XIII (1601-1641) wurde zur Realität in der Oper Leipzigs. Ein trotzig mutiger Rebell (Cinq-Mars), der todesmutig für eine freie Art zu leben kämpft, wenngleich sein Schicksal vom ersten Moment an ausweglos erscheint, wird als echter Held gezeigt, kein Hauch eines Antihelden beschattet hier das Wesen der Titelpartie. Auch die Kostüme von Markus Meyer kreieren ein grandioses Ambiente, das nie langweilig wirkt, sondern an die großen Gemälde dieser Epoche erinnert.

Anthony Pilavachi setzt Maßstäbe mit seiner einfühlsamen und detaillierten Personenregie, hier ist alles stimmig, der Zuschauer kann sich auf die Handlung einlassen. Dazu natürlich die fabelhafte Musik Gounods, die mit einer enormen Bandbreite fesselt, Drama, Romanze und Patriotismus gleichermaßen beinhaltet. Blendend musiziert wird das Ganze vom Gewandhausorchester mit David Reiland am Pult. Hervorragend auch der Chor der Oper Leipzig, ganz wunderbar einstudiert von Chordirektor Alessandro Zuppardo.

Gesang vom Feinsten

Dieser gelungene Opernabend wird getragen von Sängern, die alle souverän Spitzenleistungen zeigen. Da wäre zuerst einmal der Held der Titelpartie Mathias Vidal, der schon mit der konzertanten Aufführung 2015 in München auf sich aufmerksam gemacht hatte, als er ganz kurzfristig einspringen musste und so die Herzen des Publikums im Sturm eroberte, die inzwischen erschiene CD-Produktion belegt dieses aufs Schönste. Auch in Leipzig ist Mathias Vidal mit seinem warmen, schön timbrierten Tenor der ideale Titelheld, der zudem mit perfekter französischer Phrasierung bezaubert.

Sopranistin Fabienne Conrad als Prinzessin Marie de Gonzague gefällt mit leuchtenden Spitzentönen und einer intensiven Rollengestaltung, die sie als mutige Liebende zeigt. Jonathan Michie (de Thou) besitzt einen Samtbariton, zeigt große französische Gesangskultur, ebenso wie Mark Schnaible (Père Joseph), Sébastien Soules (Vicomte de Fontrailles). Nicht vergessen darf man den imposanten König Louis XIII, dem Randall Jakobsh seine mächtige Stimme leiht. Danae Kontora und Sandra Maxheimer – als Marion Delorme und Ninon de Lenclos – singen ebenfalls mit viel Schönklang in diesem hochkarätigen Team.
Diese Produktion sollte nach der Wiederaufnahme im Januar 2018 nicht im Fundus verschwinden, als ein Bestandteil im Repertoire wäre sie sicherlich weiterhin ein Erfolg.




Gefangen im Netz der Gefühle – Benjamin Brittens Oper ‚Peter Grimes‘ am Theater in Bonn

Bonn, Deutschland (Kulturexpresso). Benjamin Brittens Oper ‚Peter Grimes‘ ist sicherlich kein Werk, das zu den ‚Top-Ten-Favorite-Operas‘ gehört. Dennoch hat sich dieses Werk seit der Uraufführung am 7. Juni 1945 im Sadler’s Wells Theatre in London auf den Spielplänen der meisten Opernhäuser etabliert, ja, das Werk gehört sogar zu den am meistgespielten, die nach dem Zweiten Weltkrieg komponiert wurden. Die damalige Uraufführung wurde beschrieben mit: „Sie erhoben sich von den Plätzen und schrien und schrien.“ – So war es auch jetzt nach der Aufführung in Bonn. Zehn Minuten Standing Ovation belohnte das Team für hoch spannendes und berührendes Musiktheater.

Für den humanistisch ausgerichteten José Cura, der neben der Titelrolle auch Regie und Ausstattung übernommen hatte, ist ‚Peter Grimes‘ eminent wichtig für die aktuelle Zeit. Die Kernaussage des Werks basiert auf dem Anderssein eines Menschen, der von einer engstirnigen Dorfgesellschaft in den Tod getrieben wird. Grimes, ein grimmiger Fischer, sicherlich auch mental nicht in Harmonie mit sich selbst, wird immer mehr zum Außenseiter, weil einige seiner Lehrlinge im Dienst bei ihm verunglücken und sterben. Letztendlich sieht er keinen anderen Ausweg als den Tod, der ihm noch nahegelegt wird von Balstrode, einem ihm eigentlich wohlgesonnen Seemann. Daran sieht man das enorme Ausmaß der mitmenschlichen Hilflosigkeit: wer nicht ins Bild passt, sollte sich ‚entsorgen‘, um die anderen nicht zu stören.

In dieser Inszenierung wird ganz klar gezeigt, dass Grimes nicht am Tod der Kinder verantwortlich ist, eine Verkettung unglücklicher Umstände bringt ihn vor Gericht. Cura zeigt Grimes als einen Grobian, aber auch die menschlichen Sehnsüchte des Titelhelden sind gut herausgearbeitet. Grimes möchte unbedingt dazugehören und ein bürgerliches Leben mit Ellen führen, ein großer Fang soll ihm das ermöglichen und dafür benötigt er Hilfe, eben die Lehrbuben.

Der ebenfalls von Cura geschaffene Bühnenraum besteht aus einem Haus mit einem Turm, der dem Wachturm in Brittens Wohnort Aldeburgh gleicht. Auf einer Drehbühne aufgebaut, wird es wechselnd zur Dorfkneipe, Kirche oder Grimes‘ Hütte. Über dem Gesamtbühnenbild hängt ein großes Fischernetz, symbolisch sicherlich zeigend, wie verstrickt die Dorfgemeinschaft in festgefahrenen Strukturen ist. Eine detaillierte Personenregie gibt der Handlung einen fließenden Ablauf, liebevolle Details untermalen noch das Libretto. Die historischen Kostüme, wie auch das Bühnenbild sind in Sepiatöne gehalten, an Bilder der alten Meister angelehnt.

Als Sänger der Titelpartie fokussiert sich Cura auch stimmlich auf die Gebrochenheit des Peter Grimes. Die träumerischen Erzählungen von den Plejaden über dem Meer gelingen ebenso eindrucksvoll wie die hoffnungslosen Momente, gepaart mit glaubhafter Verzweiflung. Seine dunkle Stimme, die immer wieder stark durchlichtete Töne hervorzaubert, passt zu dieser Inszenierung sehr gut. Nach dem französischen ‚Tannhäuser‘ von Monte Carlo, hat der Ausnahmetenor auch hier wieder stimmlich sowie darstellerisch eine gelungene Weiterentwicklung seiner erfolgreichen Karriere gezeigt.

Bariton Mark Morouse stand als Kapitän Balstrode auch stimmlich ganz auf der Höhe von Peter Grimes/José Cura. Yannick-Muriel Noah bezauberte mit einer bewegend lyrischen Ellen Orford, die auch darstellerisch nur Güte auszustrahlen vermochte. Wunderbar Geri Williams als Auntie, immer als die gute Seele präsent in all der Dramatik, und dies mit äußerst souveräner Stimme. Das gilt ebenso für die weiteren Sänger, alle Partien waren bestens mit Ensemblemitglieder besetzt, wie die Nichten (Marie Heeschen, Rosemarie Weissgerber), Mrs. Sedley (Anjara I. Bartz), Pastor Adams (David Fischer).

‚Peter Grimes‘ ist eine Choroper und an diesem Abend waren der Chor des Theater Bonn sowie der Extrachor extrem gefordert, alle meisterten die Aufgabe grandios, unter der Leitung von Marco Medved. Extrem viele Musikrichtungen waren hier zu singen, von stürmischen Passagen bis hin zu Kirchenlieder, stilsicher wurde all dies gemeistert.

Last but not least muss die absolut grandiose Leistung des Beethoven Orchester Bonn unter der Leitung von Jacques Lacombe erwähnt werden. Die enorm vielschichtige Partitur Brittens wurde kraftvoll und mit wunderbarem Fluss interpretiert, was als eine spannende Klangreise bezeichnet werden muss. Fazit: eine gelungene Ensemblearbeit, der anzumerken ist, dass man dem Werk auf hoher künstlerischer Ebene dienen wollte, dies ist auch gelungen. Jedem Opernfan sei ein Besuch in Bonn empfohlen.




Der Rebell der Oper – José Cura präsentiert seine Sicht auf Benjamin Brittens Oper ‘Peter Grimes’ in Bonn

Bonn, Deutschland (Kulturexpresso). Eine Matinee der besonderen Art war am Sonntag im Theater Bonn zu erleben. Der weltweit gefeierte Tenor José Cura präsentierte sich zugleich als Regisseur, Ausstatter sowie als Sänger der Titelpartie von ‚Peter Grimes‘, Premiere am 7. Mai 2017. Sicherlich ist Cura den meisten Opernfreunde als einer der vielseitigsten Sänger, mit einer ausdrucksstarken Stimme sowie einer großen Darstellungskunst, ein Begriff, allerdings als Regisseur kennen ihn nur wenige. Der Künstler, der als Komponist und Dirigent ausgebildet wurde, er trat mit 15 Jahren schon als Dirigent auf, entschied sich erst mit 28 Jahren für die Sängerlaufbahn, ist ein kreatives Genie, das kein Schubladendenken zulässt. Im Februar sang er seinen ersten ‚Tannhäuser‘ in Monte Carlo, und das mit einer grandiosen stimmlichen Überzeugungskraft.

Nun präsentierte er seine Sicht auf Benjamin Brittens Oper ‚Peter Grimes‘, die 1945 im Sadler’s Wells Theatre London uraufgeführt wurde. Allerdings dauerte es etwas, bis er am Sonntagmorgen sprechen durfte. Cura wurde von der Moderatorin, Musikjournalistin Regine Müller, erst einmal total ignoriert. Sie diskutierte detailliert mit dem Dirigenten Jaques Lacombe sowie mit dem Bariton Marc Morouse ohne José Cura einzubeziehen. Als Frau Müller endlich den der deutschen Sprach nicht mächtigen José Cura mit einem etwas holprigen Englisch in das Gespräch einbinden wollte, saß dieser schon 15 Minuten im Vakuum, hatte wohl keine Ahnung davon, wie die Diskussion bis jetzt verlaufen war. Höchst unprofessionell von Frau Müller, die dann auch als Einstieg noch einen Hinweis auf Rolando Villazon benutzte. Nachdem der Sänger, Ausstatter und Regisseur der Produktion die Situation geklärt hatte, erzählte er temperamentvoll von seiner Sicht auf die Oper, die Übersetzung übernahm jetzt der Amerikaner Marc Morouse und auch Dirigent Jaques Lacombe sprach von nun an Englisch. Die Moderatorin war überflüssig geworden und so entwickelte sich endlich eine lebhafte und interessante Einführung in Brittens doch sehr anspruchsvolles und für so manchen auch sperriges Werk.

José Cura sieht seinen Ansatz philosophisch, die Message ist für ihn klar: Grimes‘ Kampf gegen das Meer steht wohl auch für den Lebenskampf so vieler Menschen in einer gnadenlosen Gesellschaft. Als Außenseiter wird Peter Grimes von der Dorfgemeinschaft beobachtet und ohne Mitleid vorverurteilt. Ein altes Thema der Menschheitsgeschichte: wer sich nicht anpasst, wird ausgeschlossen. Fischer Grimes ist zudem auch kein ‚Diplomat‘ und so nimmt das Drama seinen Lauf. Ob er schuldig an dem Tod der beiden Jungen ist, wird vom gesamten Team letztendlich verneint. Grimes sei wohl stark kontaktunfähig, nach heutigen medizinischen Begriffen auch bi-polar angehaucht, doch ein Mensch der nach Zuneigung schreie, so die Meinung des ‚Leading Teams‘.

Das Libretto der Oper basiert auf dem Gedicht von George Crabbe, welches Cura als wichtige Grundlage für seine Inszenierung bezeichnet. Sicherlich hat er auch in dieser Partie als Sänger eine neue Herausforderung gefunden, die neue Maßstäbe setzen wird. Klar zu erkennen war in dieser Diskussion zudem die Sorge des José Cura um diesen Planeten. Die turbulenten sozialen sowie politischen Ereignisse können einen Künstler, der in dem totalitären System Argentiniens aufgewachsen ist, einfach nicht unbeteiligt lassen. Auch steht immer wieder sein Engagement für ein autarkes künstlerisches Ambiente mit Tiefgang im Raum. Unter diesen Voraussetzungen dürfte diese Produktion – eine Koproduktion mit der Oper Monte Carlo – sicherlich zu einem bewegenden Opernerlebnis werden.




Drei Zauberlehrlinge – Junge Dirigenten im Aufbruch

Frankfurt am Main, Deutschland (Kulturexpresso). Der 8. Internationale Dirigentenwettbewerb Sir Georg Solti, der alle zwei Jahre in Frankfurt/Main stattfindet, präsentiert seinen Gewinner: Der 31-jährige Russe Valentin Uryupin kam, dirigierte und siegte. Der zweite Preis ging an Wilson Ng (27) aus China, den dritten Preis erhielt der US-Amerikaner Farkhad Khudyev (31). Auch der Publikumspreis ging an Uryupin, der mit einer erstaunlichen künstlerischen Reife den „Der Zauberlehrling“ von Paul Dukas sowie das Pflichtstück, für alle drei Finalisten identisch, „La Valse“ von Maurice Ravel zu Gehör brachte.

Die Schirmherrin des Wettbewerbs, Lady Valerie Solti, betonte die hohe künstlerische Qualität aller drei Finalisten, doch Valentin Uryupin, der zuletzt dirigierte, konnte die stärkste Identifikation mit der Partitur zeigen. Seine Zeichengebung blieb immer prägnant und besaß den ‚berühmten Schlag voraus‘, der heute nicht immer als eine Selbstverständlichkeit bezeichnet werden kann. Uryupin atmete mit dem Orchester und man wurde zu einer schwingenden Einheit, eben beste russische Schule. Ausgebildet wurde Uryupin u.a. bei Gennady Rozhdestvensy in Moskau. Allerdings schloss er sein Musikstudium 2009 zuerst als Klarinettist ab, um schließlich dann 2012 als Dirigent seinen musikalischen Weg zu beginnen.

Der zweite Preisträger Wilson Ng wechselte von der Flöte zum Taktstock und ist vorwiegend in Europa und den USA tätig. Seine Ausbildung als Flötist erhielt er in Paris und Lausanne. Sein erstes Dirigat im Wettbewerb, die Konzertouvertüre zu „Le Carnaval Romain“ von Hector Berlioz, basierte auf einer differenzierten und engagierten Zeichengebung. Das HR-Sinfonieorchester belohnte ihn mit einer geschmeidigen Klangsprache und der notwendigen musikalischen Brillanz; der junge Dirigent konnte zudem noch die fließende Klangfülle einfordern, die einem Publikum immer gefällt.

Dies gelang Farkhad Khudyev, dem dritten Preisträger, der als erster aufs Podium musste, nicht ganz so überzeugend mit der Ouvertüre zu „Oberon“ von Carl Maria von Weber. Etwas zu akademisch hier noch das Dirigat, allerdings gewann Khudyev mehr Sicherheit später mit „La Valse“ von Maurice Ravel, den er mit viel Temperament interpretierte.

Von 293 Bewerbern aus weltweit 58 Ländern waren 22 Kandidaten ausgewählt worden, die sich in den – nicht öffentlichen – Ausscheidungsrunden als Dirigenten des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters (am 7./8. Februar) bzw. des hr-Sinfonieorchester (am 9. Februar) präsentieren konnten. Das öffentliche Finalkonzert ist bei dem Frankfurter Publikum enorm beliebt, so war auch dieses Mal die ‚Alte Oper‘ am Sonntagvormittag fast ausverkauft. Beim anschließenden Empfang konnten alle Konzertbesucher über die Finalisten eifrig diskutieren, aber heuer war das Publikum mit der Entscheidung der Jury vollauf zufrieden.




Die Hoffnung stirbt immer zuletzt – Giacomo Puccinis ‚Turandot‘ wird in Leipzig bejubelt

Leipzig, Deutschland (Kulturexpresso). Wenngleich am letzten Wochenende sicherlich 10.000 Fußballfans aus Schottland Leipzigs Straßen im Schneesturm mit Gesangsdarbietungen durchwanderten, konnten Gewandhaus und Opernhaus ausverkaufte Vorstellungen melden.

Die Oper Leipzig zieht Bilanz und kann auf das erfolgreichste Jahr in den letzten 15 Jahren zurückblicken. Im Kalenderjahr 2016 kamen insgesamt 189.300 Besucher zu den 371 eigenen Aufführungen in Oper, Leipziger Ballett und Musikalischer Komödie. Die Gesamtauslastung der Oper Leipzig lag in 2016 bei 77,2%. Im Kalenderjahr 2015 kamen 173.000 Besucher zu 374 Veranstaltungen, die Auslastung lag bei 72,5%.

Dass sich Qualität auszahlt, zeigt die Entwicklung der Besucherzahlen seit Beginn der Intendanz Ulf Schirmers in der Spielzeit 2011/12. Diese stiegen von 154.500 (2011/12) auf 189.300 im Jahr 2016, die Auslastung stieg von 62% (2011/12) auf 77,2% im vergangenen Jahr.

Besonders die Sparte Oper trug zu diesem erfolgreichen Ergebnis bei. Hier konnten 79.200 Besucher und eine 70%ige-Auslastung aller Opernaufführungen in 2016 verzeichnet werden. In der Saison 2011/12 waren es 63.200 Zuhörer bei 52,3%. Die erfolgreichsten Neuproduktionen waren in 2016 Richard Wagners »Götterdämmerung« mit einer Auslastung von 99,5% und Puccinis ‚Turandot‘ mit 92,7%.

Puccinis Spätwerk zeigte sich auch letzten Samstag als Publikumsrenner, Jubel und Stand Ovation nach der fünften Vorstellung seit der Premiere belohnten ein homogenes Sängerensemble, das den Grippeviren bravorös getrotzt hatte. Doch gesagt werden sollte, dass in letzter Minute noch ein Tenor aus München sich per PKW auf den Weg nach Leipzig machen musste, um den Abend zu retten. Ricardo Tamura agierte als höhensicherer Calaf in einer für ihn unbekannten Inszenierung dennoch überzeugend und lieferte sich mit der beeindruckenden Turandot Jennifer Wilson grandiose Duette, auch sein Nessun Dorma gelang durchaus überzeugend und wurde mit Szenenapplaus belohnt. Die weiteren Solisten glänzten an diesem Abend alle mit hervorragendem Gesang, sollten somit erwähnt werden: Martin Petzold (Kaiser), Randall Jakobsh (Timur), Jürgen Kurth (Ping) Dan Karltström (Pong) und Keith Boldt (Pang). Gal James (Liu) besitzt sicherlich eine interessante Stimme, die leider aber schon zu sehr nach Drama klingt und zuweilen ein gefährliches Vibrato zeigt. Alessandro Zuppardo hatte die Chöre wieder bestens vorbereitet, italienische Gesangskultur steht bei ihm immer Vordergrund. Leider wurde Puccinis Partitur – schon sehr modern ausgerichtet und an Wagners ‚Zukunftsmusik‘ anlehnend – von dem Gewandhausorchester unter der Leitung von Matthias Foremny ziemlich lautstark und undifferenziert musiziert. Die modernen Strukturen dieser Musik blieben somit zumeist im Klangrausch des Orchesters verborgen.

Balázs Kovalik – der eine sensationelle ‚Frau ohne Schatten‘-Inszenierung in Leipzig erarbeitete – tat sich mit Puccinis letzter Oper etwas schwerer. Die Ansiedlung des Märchens auf einer Raumstation, mit einer morbiden Sience-Fiction-Ausrichtung, bewohnt von einer geschunden Masse Mensch, ganz in Schwarz gekleidet, mit Chip im Kopf, als Steigerung dann in unkleidsamer Unterwäsche leidend, erweist sich doch in dem wabenartigen Einheitsbühnenbild von Heike Scheele als langfristig ermüdend. So glaubt man auch nicht an eine Wandlung der Prinzessin am Ende des Abends, wenn auch die Alfano-Fassung Turandot etwas Hoffnung auf Liebe erlaubt. Das Schlussbild dieser Inszenierung, Turdandot sucht in der schwarzen Masse Mensch nach ihrem Prinzen, gibt wenig Raum für einen romantischen Liebestraum.




Wiener Concert-Verein auf turbulenter Konzertreise in Italien

Mailand, Italien (Kulturexpresso). Irgendwie dachte man an die große Vergangenheit der Klassik im Salla Verdi in Milano als der Wiener Concert-Verein, 1987 von Mitgliedern der Wiener Symphonikern gegründet, das Podium betrat. Orchester in einer kleinen Besetzung waren damals vorwiegend anzutreffen. Der Mailänder Konzertsaal befindet sich im Conservatorio di Musica „Giuseppe Verdi“ und jeder Stein dort erzählt Musikgeschichte.

Dass das Orchester mit seinem Tournee-Dirigenten Ulf Schirmer zuvor turbulente Tage erlebt hatte, war in keiner Weise zu bemerken. Sieben Konzerte in acht Tagen waren geplant, dass dies nicht nur Spaß bedeutet, wusste man vorab, doch beim Auftakt in Vasto konnten die Musiker das schwere Erdbeben, das die Region erschütterte, hautnah miterleben. Das Folgekonzert fand in L’Aquila statt, der Konzertsaal war in eine Notunterkunft für obdachlose Erdbebenopfer umgewandelt worden, der Wiener Concert-Verein musizierte trotzdem erfolgreich, allerdings an einem anderen Ort, für Menschen, die in ihrer Not noch Hoffnung in der Musik finden konnten. Die Konzerte in Campobasso, Neapel und Rom konnten ohne große Störungen stattfinden und in Milano durfte dann auch die Rezensentin grandioses Musizieren erleben.

Wiener Musiker sind immer noch – trotz Globalisierung – eine Klasse für sich und die Mitglieder des Wiener Concert-Vereins bewiesen dies erneut eindrucksvoll. Es gibt eben in Wien zwei große Orchester und ein Hauch vom Geiste Karajans (Chefdirigent 1948–64) ist bei den Wiener Symphonikern immer noch zu spüren. Spielfreude und technisches Können gehen konform, auch an diesem Abend lassen pointierte Eleganz sowie absolute Topleistungen aller Instrumentengruppen aufhorchen. Dirigent Ulf Schirmer ist mit dem Klangkörper seit Gründung vertraut und es gelingt ihm immer die ursprüngliche Art des Musizierens der Wiener großartig zum Leuchten zu bringen.

Das Mailänder Publikum zeigte sich dankbar und fasziniert, schon nach dem ersten Satz von Haydns Symphonie e-moll Hob: I/44, „Trauersymphonie“ bemerkte man eine positive Stille im Saal, keine Huster störten den meditativen Musikfreund. Haydns Symphonie bestach mit musikalischer Perfektion und hier schon wurde das Publikum gewonnen, das den weiteren Verlauf des Abends mit großer Aufmerksamkeit sowie Sympathie verfolgte.

Ja, dann folgte auch eine Uraufführung: Raffaele Bellafrontes Suite Nr. 2 für Fagott, Gitarre und Streicher. Die vielschichtige romantische auch etwas jazzige Musik forderte erneut eine enorme Virtuosität, die beeindruckend gelang. Wunderbar homogen musizierten auch die Solisten Davide Di Ienno (Gitarre) und Patrick De Ritis (Fagott). Die gute Akustik des Saals verlieh dem Werk einen dunklen Grundton mit samtiger Fülle. Den Namen des Komponisten sollte man sich merken.

Carl Philipp Emanuel Bach kam mit seinem Konzert für Fagott und Orchester nach einer Pause zu Gehör und erneut brillierte hier Patrick De Ritis als Solist. Es war tatsächlich ein Abend, den man nicht missen möchte, der erneut die enorme Kraft der Musik bezeugte. Dass Mozart nicht fehlen durfte, war eine Selbstverständlichkeit und seiner Symphonie Nr. 29, A-Dur, KV 201, fehlte es nicht an Leichtigkeit sowie virtuoser Klangkraft, so dass man für einen Augenblick vergaß in Milano zu sein; mit etwas Fantasie versetzte man sich in das Wien zu Mozarts Lebzeiten, in das Palais des Fürsten Dmitri Michailowitsch Golizyn in der Krugerstraße 10, welches Mozart oft besuchte und mit exquisiten Hauskonzerten bereicherte. Der Abschied von Italien fand dann in Sondrino statt, mit der Einweihung einer neuen Konzertmuschel im Teatro Sociale, bevor es wieder in den Wiener Musikverein zum ausverkauften 1. Abonnementkonzert der neuen Saison ging.




Neuerscheinung: Les collections de livre-disque du Palazetto Bru Zane – Marie, je vous aime!

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Charles Gounods Oper ‚Cinq-Mars‘ ist eine sensationelle Entdeckung, zudem noch als ‚Zugabe‘ der wunderbare Tenor Mathias Vidal zu hören ist, der innerhalb von nur 24 Stunden die für ihn unbekannte Partie des Titelhelden übernommen hat, nachdem der vorgesehene Künstler nach der Generalprobe absagen musste. Mathias Vidal, der bisher für Barockinterpretationen bekannt war, verleiht der Partie echtes französisches Flair. Seine hinreißende Sprachgestaltung zeigt sich höchst pointiert, und wenn er seiner Prinzessin Marie die Liebe mit schönstem tenoralem Glanz gesteht, dann kann man nur dahinschmelzen. Dennoch besitzt seine Stimme auch heldische Kraft ohne forcieren zu müssen.

Doch auch Sopran Véronique Gens als Prinzessin Marie de Gonzague bestätigt auf dieser Aufnahme wieder einmal ihre gesangliche Sonderstellung mit leuchtenden Spitzentönen und einer anrührend intensiven Gestaltung der Partie. Tassis Christoyannis (de Thou) brilliert mit einem Samtbariton, zeigt große französische Gesangskultur, ebenso auch Andrew Forster-Williams (Père Joseph), André Heyboer (Vicomte de Fontrailles). Marie Lenormand und Norma Nahoun – als Marion Delorme und Ninon de L’Enclos – singen mit viel Schönklang in diesem hochkarätigen Team. Erwähnt werden sollten auch die mitreißenden Chorszenen (Chor des Bayerischen Rundfunks), ganz à la Grande Nation.

Dass zu viel Kunst manchmal fast wie zu viel Schokoladenkuchen wirken kann, könnte man dennoch für Gounods Partitur geltend machen, allerdings nur kurz, denn immer wieder fesselt dann doch die enorme Vielschichtigkeit der Komposition mit einer unmittelbaren Musikalität, die Drama, Romanze und Patriotismus gleichermaßen beinhaltet. Blendend musiziert wird das Ganze vom Münchner Rundfunkorchester, mit seinem Chef Ulf Schirmer am Pult. Wie das deutsche Orchester bestes französisches Flair zu Gehör bringt, ist ungemein beeindruckend, dementsprechend wurde die konzertante Aufführung 2015 in der Opéra Royale Versailles auch stürmisch gefeiert.

Uraufgeführt wurde ‚Cinq-Mars‘ am 5. April 1877 an der Opéra Comique in Paris, die Premiere war nicht sonderlich erfolgreich, im November kam eine überarbeitete Fassung auf die Bühne mit Rezitativen anstatt gesprochener Dialoge, diese Version wurde auch für diese Einspielung benutzt. Die Handlung spielt im 17. Jahrhundert, in den letzten Jahren der Regentschaft von Louis XIII, und es gab ihn wirklich, den Marquis de Cinq-Mars, der von Kardinal Richelieu and den Hof geholt wurde. Doch bald schon plante der Marquis ein Komplott gegen seinen Gönner. Im Mittelpunkt der Handlung steht allerdings seine unglückliche Liebe zu der italienischen Prinzessin Marie de Gonzague, der späteren polnischen Königin. Cinq-Mars endet auf dem Schafott, seine noble romantische Liebe bleibt unerfüllt. Das Libretto basiert auf dem berühmten Roman von Alfred de Vigny.

Das CD-Buch führt anhand von Artikeln detailliert in die Entstehung des Werks sowie in den historischen Hintergrund ein und präsentiert sich in einer gelungenen Aufmachung. Es ist schon die elfte Folge dieser Serie des Palazetto Bru Zane, einer Organisation, die sich die Förderung der romantischen Musik Frankreichs zum Ziel gesetzt hat. 1842/43 reist Gounod auch durch Deutschland. Wenngleich er als einer der typischen Vertreter der französischen Opéra lyrique bezeichnet werden darf, lassen sich in der Partitur von ‚Cinq-Mars‘ Klänge entdecken, die an Wagner und Verdi erinnern. Die Oper scheint zudem von Wagners Forderung nach einer prägnanten Sprachgestaltung beeinflusst zu sein, denn über weite Strecken ist das gesungene Wort höchst dominant, die Musik agiert dagegen wie ein Klangteppich für den Text, wenn auch in einer sehr gelungenen Symbiose.

2017 wird die Oper dann endlich auch live auf der Bühne zu erleben sein und zwar in der Oper Leipzig. Mit von der Partie als Titelheld wieder der Tenor Mathias Vidal. Deutscher Titel: Der Rebell des Königs.