800 Jahre und noch sehr rüstig – Das Vorarlberger Landeskonservatorium gratuliert Feldkirch mit einem Konzertmarathon

Feldkirch, Vorarlberg, Österreich (Kulturexpresso). Im Bundesland Vorarlberg feiert man gerne und viel, somit ist der 800. Geburtstag der Stadt Feldkirch ein Ereignis, das man dieser Stadt seit Jahresbeginn zelebriert. 800 Jahre sind nicht wirklich alt in der europäischen Geschichte, doch die zweitgrößte Stadt Vorarlbergs ist sicherlich eine der schönsten in der Region, die zudem ihre historische Substanz erhalten konnte und gleichzeitig ein weltoffenes Flair ausstrahlt. Feldkirch beheimatet einige wichtige Institutionen des Landes, so auch das Vorarlberger Landeskonservatorium, und dieses wollte natürlich auch einen wichtigen Beitrag zum Stadtjubiläum liefern.

Der Streifzug durch 800 Jahre Musikgeschichte, anhand von sechs Konzerten à 35 Minuten, an vier verschiedenen Orten, versprach eine spannende Zeitreise zu werden. Dass dies nicht ganz so gelang, lag vielleicht auch an der Moderatorin des Abends Natalie Knapp, die partout das Publikum davon überzeugen wollte, dass die europäische Musikgeschichte mit der menschlichen Evolution übereinstimme. Oder so ähnlich. Wahre Kreativität sieht sie nur im pubertierenden Jugendlichen, der die Welt allein verändern könne. Wollen wir nicht vertiefen. Die musikalische Reise begann im Dom St. Nikolaus mit ‘O ignee Spiritus‘ von Hildegard von Bingen, gefolgt von weiteren spirituellen Gesängen des Mittelalters, bewegend gesungen vom Kammerchor Feldkirch sowie Studierenden des Landeskonservatoriums unter der Leitung von Benjamin Lack.

Danach wanderte das Publikum durch die Altstadt über den Fluss zum Landeskonservatorium, in dessen Kapelle das Ensemble ConCorda Musik aus dem 16. Jahrhundert u.a. von Francesco Turini, Biagio Marini und Dario Castello mit Violine, Viola da Gamba und Cembalo zart zu Gehör brachte. Diese sanften Weisen benötigte man auch, um sich von den ‚tiefgehenden‘ Gedanken der jugendlichen Philosophin Natalie Knapp zu erholen.

© 2018, Foto: Midou Grossmann

Danach ging es hinunter in den Festsaal. Hier warteten schon die ‘24 Geigen des Königs‘ – das gleichnamige Orchester des Königs Louis XIV war legendär. In einer aufwendigen Arbeit wurden die verschollenen Instrumente in Frankreich nachgebaut und nun geht man damit erfolgreich auf Tournee. Benjamin Lack leitete das Klangensemble sowie erneut den Kammerchor Feldkirch mit sichtlicher Begeisterung, die auch vom Publikum geteilt wurde. Beschwingt begab man sich dann erst einmal in eine längere Pause und an das reichhaltige Buffet.

Natürlich durften Bach (Carl Philipp Emanuel) und Joseph Haydn nicht fehlen, Werke beider wurden nach der Pause vom Epos:Quartett virtuos musiziert. Es war schon spät an diesem vielleicht letzten Sommerabend als die ‚Verklärte Nacht‘ von Arnold Schönberg zu hören war, es musizierte wieder das Epos:Quartett, abschließend die ‚6 Bagatellen für Streichquartett‘ von Anton Webern. Die Zukunft erklang dann noch zu später Stunde im Pförtnerhaus des Landeskonservatoriums mit einer Neukomposition von David Helbock mit dem Titel ‚No Borders! Parallelen in der Ewigkeit‘. Das große Tutti mit Musiker/innen des Abends, dem Kammerchor Feldkirch unter der Gesamtleitung von Benjamin Lack bewies, dass sich auch Parallelen berühren können.

Man darf von einem gelungenen Abend sprechen. Es ist wichtig die sogenannte Klassik aus dem Korsett des gängigen Abonnementkonzerts zu befreien. Es muss ja nicht immer so aufwendig sein, wie an diesem Abend, wenngleich die Alte Oper Frankfurt vor einiger Zeit ein Konzertmarathon von 75 Konzerten in 24 Stunden an 18 Orten, nach einer Idee von Daniel Libeskind, sehr erfolgreich und ausverkauft durchführen konnte.




Bregenzer Festspiele 2018

Halbzeit in Bregenz – Festspiele vermelden einen erfolgreichen Start

Bregenz, Österreich (Kulturexpresso). Bis jetzt spielte auch das Wetter mit und bescherte der Seebühne ausverkaufte Vorstellungen mit grandios inszenierten Sonnenuntergängen. Die ‚Carmen‘- Produktion musste heuer nur einmal ins Haus verlegt werden.

Zum Festspielfinale stehen noch zwei interessante Musiktheater-Ereignisse auf dem Programm. Die Uraufführung ‚Das Jagdgewehr‘ des Komponisten Thomas Larcher, in der Regie von Karl Markovics auf der Werkstattbühne, verspricht ein musikalisches Highlight zu werden. Rossinis ‚Der Barbier von Sevilla‘ im Kornmarktheater, in der Inszenierung von Brigitte Fassbaender, mit ausschließlich ganz jungen Künstlern, die schon an der Masterclass des Opernstudios Bregenz teilgenommen haben, schließt dann den Premierenreigen.

Zwei Epochen im Orchesterkonzert

Das gestrige Konzert der Wiener Symphoniker präsentierte vorab eine weitere Komposition von Thomas Larcher. ‚Alle Tage‘ – Symphonie für Bariton und Orchester, nach vier Gedichten von Ingeborg Bachmann (österreichische Erstaufführung). Vorläufige Erkenntnis: Die Stärke des gefragten Komponisten liegt doch wohl mehr in der orchestralen Gestaltung. Wenngleich von der menschlichen Stimme fasziniert, arbeitet Larcher überwiegend mit einem melodischen Sprechgesang, welcher zuweilen die Entstehung einer notwendigen Dynamik vermissen lässt.

Bariton Benjamin Appl wird als indisponiert angesagt, doch davon ist nichts zu bemerken, seine Interpretation der schwierigen Gesangspassagen klingt kraftvoll und entwickelt dennoch in den lyrischen Passagen eine große Sensibilität.

Spricht Thomas Larcher im Einführungsgespräch noch von der Angst der Frauen vor dem großen Orchesterapparat, als er gefragt wird, warum er sein Werk für Bariton geschrieben habe, beweist hier Dirigentin Karina Canellakis, dass sie durchweg furchtlos mit einem großen Klangkörper umzugehen versteht.

Einfühlsam und doch mit Zielstrebigkeit arrangiert sie mit den Wiener Symphonikern die recht schwierige Partitur und versteht es dennoch, die bekannte Klangschönheit der Wiener zu Gehör zu bringen.

Das Schicksal pocht an die Tür

Ludwig van Beethovens fünfte Symphonie zeigt sich nach der Pause als interessante Entwicklungsstudie der klassischen Musik in der Gegenwart. Beethoven soll den prägnanten Auftakt mit den Worten: „So pocht das Schicksal an die Pforte“ erklärt haben. Ganz so dramatisch klingt das Werk an diesem Abend nicht. Karina Canellakis besitzt einen Dirigierstil, der vordergründig mit visuell ansprechenden Bewegungen zu fesseln scheint; Kommentare nach dem Konzert bezüglich des visuellen Aspekts sind interessanterweise zu vernehmen.

Cannellakis ‚begleitet‘ die Symphoniker mehr als sie zu leiten, selten ist eine prägnante ‚Vorabzeichengebung‘ zu bemerken. Schnelle Tempi geben ihrer Interpretation Schwung sowie Pathos, dennoch bremsen letztendlich die oft extrem langsamen Ausdeutungen einiger Pianopassagen den Fluss der Sinfonie. Eine überhöhende musikalische Dimension kann sich leider nicht wirklich entfalten.

Dennoch großer Jubel vom Bregenzer Publikum für die Dirigentin sowie die brillant musizierenden Wiener Symphoniker. Auf die Entwicklung der sogenannten ‚ernsten‘ Musiktradition in den kommenden Jahren darf man gespannt sein.




Eröffnung der 73. Bregenzer Festspiele.

Eine Welt der schönen Bilder – Die Eröffnung der Bregenzer Festspiele 2018

Bregenz, Österreich (Kulurexpresso). Traumsommertag in Bregenz. Trachtengruppen und Militär begrüßen den Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen, einige Minister aus Wien sowie Vertreter aus Land und Stadt. Alles, wie seit Jahrzehnten festgelegt. Das Volksfest nach der Eröffnungs-Gala (Direktübertragung nach draußen) zeigt sich gewollt bürgernah, Speis und Trank für Alle am See, welcher leider nicht mehr zu sehen ist, hinter all der Technik.

Drinnen im Saal gibt es musikalische Kostproben des Programms 2018 sowie die üblichen Reden der VIPs. Nichts lässt vermuten, dass der Planet Erde gerade in einer heiklen Phase seiner Geschichte zu sein scheint, Unruhen und Kriege zuhauf, Menschen auf der Flucht, und das millionenfach.

Der Staatspräsident Alexander Van der Bellen sinniert in seiner Rede über die Freiheit der Kunst, die für ihn unantastbar ist. Auch die Angriffe auf die ‚Lichtgestalt‘ Karl Böhm, der einige Male das Festspielorchester – Wiener Symphoniker – in Bregenz geleitet hat, werden angesprochen, Karl Böhm wird als williger Diener der Nationalsozialisten bezeichnet. Das Schauspiel ‚Böhm‘ von Paulus Hochgatterer und Nikolaus Habjan wird diesen Sommer zudem zur Aufführung kommen.

Erstaufführung Österreich

Am Abend wird die Premiere von Berthold Goldschmidts Oper ‚Beatrice Cenci‘ nicht zum Skandal. Bregenz steht für die österreichische Erstaufführung in deutscher Sprache. Das Libretto zeigt leider nur eine etwas eindimensionale Sprachdramaturgie, vielleicht bedingt durch diese deutsche Fassung. Goldschmidts Oper entsteht 1949/1950 in London, nach einem Roman von Percy Bysshe Shelley (1819), der das Leiden zweier Frauen im dekadenten Rom des 16. Jahrhunderts zum Thema hat. Beatrice Cenci ist die Tochter des Adligen Francesco Cenci, der seine Söhne ermorden lässt, seine Tochter vergewaltigt sowie seine zweite Frau misshandelt; was aus der ersten geworden ist, erfährt man leider nicht. All das wird von der Kirche geduldet, Cenci kann sich immer wieder frei kaufen. Die verzweifelte Beatrice und ihre Stiefmutter Lucrezia beschließen Cenci zu ermorden, das gelingt, doch beide Frauen enden ebenfalls auf dem Schafott.

Regisseur Johannes Erath ist bekannt für seine ästhetische Gestaltungsmaxime. Katrin Connans klares und stilvoll bestechendes Bühnenbild gibt der Handlung, die in der geschichtlichen Epoche des Geschehens angesiedelt bleibt, einen eleganten Rahmen. Die durchweg phantasievollen, leicht überzeichneten Kostüme von Katharina Tasch, ergänzen noch das ‚Sehvergnügen‘ mit geschmackvoll angeordneten nackten Männern, Strapsen und funkelnden Penisschützern. Doch bleibt das Geschehen auf der Bühne, auch wegen der etwas entrückten Regieauslegung von Johannes Erath, immer in einem surrealen Bereich. Der bildhafte Eindruck der Szene dominiert das Geschehen, welches durchaus dramatischere Akzente hätte vertragen können. Träume, Phantasien, Wesen des Unterbewusstseins, werden eingesetzt. Eine Puppe zeigt die Verletzungen der Titelheldin. Allerdings wird dieses Konzept konsequent bis ins letzten Detail von Johannes Erath umgesetzt, und das auf einem hohen künstlerischen Niveau.

Musikalisch etwas blass

Über die Partitur der Oper kann man sagen, dass hier viel Mahler, Strauss, Korngold zu hören ist, doch ohne große Prägnanz. Es fehlen die starken dynamischen Strukturen, wenngleich man mit dieser Partitur gewiss noch tiefer gestalterisch hätte arbeiten können. Dirigent Johannes Debus begnügt sich mit einer verhaltenen Romantik, die sich so auch in der Szene wiederfindet. Ist das ein Konzept?

Die Wiener Symphoniker musizieren vielleicht gerade deshalb sehr differenziert mit klarer, schöner Phrasierung und Flexibilität. Somit können die Sänger aus dem Piano heraus gestalten, was für einige Stimmen hilfreich ist. Wie auch für die Sängerin der Titelpartie Gal James, die ihr Stimmvolumen hier geschickt lyrisch einsetzen kann, wobei die vordergründig kindliche Rollengestaltung der Beatrice ebenfalls hilfreich ist. Der Slogan der Festspiele ‚Starke Frauen‘ kann allerdings nicht umgesetzt werden, denn beide weiblichen Wesen, Beatrice sowie Stiefmutter Lucrezia, tragen von Anfang an das Stigma der Verliererinnen. Dshamilja Kaiser gibt der Lucrezia nur eine verhaltene Präsenz, doch stimmlich kann sie gefallen. Der ruchlose Francesco Cenci hat in Christoph Pohl einen überzeugenden Interpreten, der die Szene zumeist dominiert. Stimmlich hat er zudem die besten Momente, denkt man nur an eine Szene, in der er als Rockstar agiert. Per Bach Nissen sowie Michael Laurenz (Kardinal Camillo und Orsino) ergänzen mit guter Stimme und Gestaltungspräsenz. Der Prager Philharmonische Chor, seit Jahrzehnten die große Stütze der Bregenzer Festspiele, ist wie immer mit großartigem Gesang zu erleben.

Sicherlich wird sich Goldschmidts Oper nicht im Repertoire etablieren können. Als Eröffnungsabend für die Bregenzer Festspiele bleibt das Werk wohl als gelungene Arbeit, ohne belastende Bilder, in Erinnerung. Trotz Drama, man kann beruhigt zur Premierenfeier gehen. Das Gemütspendel bleibt im grünen Bereich. Der Applaus ist durchweg als mehr als nur wohlwollend für das gesamte Team zu bezeichnen.




»Proserpine« von Camille Saint-Saëns neu entdeckt – Klassik-Auszeichnung für eine Opern-Rarität

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Professor Ulf Schirmer, Intendant und Generalmusikdirektor der Oper Leipzig, erhält für seine CD-Einspielung »Proserpine« von Camille Saint-Saëns mit dem Münchner Rundfunkorchester den International Classical Music Award (ICMA) 2018 in der Kategorie »Audio: Oper«. Die CD erschien im Mai 2017 in der Reihe »Opéra français« des Palazzetto Bru Zane, dem wichtigsten Forschungszentrum für französische Musik der Romantik, mit dem die Oper Leipzig in der Spielzeit 2016/2017 bei der Neuproduktion der Opernausgrabung von Charles Gounods »Der Rebell des Königs (Cinq-Mars)« zusammenarbeitete.

Zudem hat Professor Schirmer in seiner Zeit als Chef des Münchner Rundfunkorchesters weitere Projekte zusammen mit dem Palazzetto Bru Zane erarbeitet, neben »Cinq Mars« auch Benjamin Godards »Dante«, beide Werke wurden erfolgreich in München, Wien sowie in Paris/Versailles aufgeführt. Verdient ging der Klassik Award an »Proserpine«, erweist sich die Oper doch beim genauen Studium als echte Fundgrube von kompositorischen Finessen und Farben. Saint-Saëns war immer von seiner Oper überzeugt und bezeichnete diese oft als seine beste Arbeit. Doch das Werk erschließt sich nicht sofort beim ersten Hören, gegensätzlich der großen Operntradition, setzt der Komponist hier nicht auf vordergründige Effekte oder orientiert sich an der Tradition der Grand Opéra mit opulenten Arien und Chorpassagen. Als ein Zeitgenosse der Freunde Franz Liszt und Richard Wagner, die er beide kannte, darf man sagen, dass Einflüsse dieser beiden Genies auch in der Oper »Proserpine« zu finden sind, in einer harmonischen Symbiose, und das gerade macht das Werk so interessant. Eine durchweg impressionistische Klangsprache dominiert zumeist, wenn auch zuweilen dramatisch musikalische Eruptionen zu erleben sind. Bemerkenswert ist die Ausgestaltung der Gesangspartien, welche konsequent über die Musik hinweg gesungen werden und manchmal sogar à Cappella, zudem glänzend dem französischen Sprachrhythmus angepasst. Ulf Schirmer und das ungemein differenziert musizierende Münchner Rundfunkorchester zeigen sich hier als geniale Interpreten der Partitur, sicherlich ganz im Sinne des Komponisten.

Gesanglich darf ebenfalls von einem hohen Niveau gesprochen werden, die wunderbare Véronique Gens beeindruckt erneut mit ihrem dunkel timbrierten Sopran, der große Gestaltungsfacetten und eine leuchtenden Höhe entfaltet. Die Entwicklung von der dominanten Kurtisane Proserpine bis hin zur verzweifelt Liebenden, die den Tod sucht, kann die Sängerin stimmlich überzeugend umsetzen. Die liebliche Angiola wird von Marie-Adeline Henry ebenso brillant mit einem schönen lyrischen Sopran gestaltet. Die Männerriege ergänzt diese homogene Gesangsteam bestens: Grandios alle, Tenor Frédéric Antoun (Sabatino), Bass-Bariton Andrew-Forster Williams (Squarocca), Bass Jean Teitgen (Renzo). Der Flämische Radio Chor wurde von Chorleiter Hervé Niquet hervorragend für dieses Projekt vorbereitet.

Für jeden Opernliebhaber dürfte diese hervorragende Einspielung sicherlich eine Bereicherung sein. Ob sich das Werk allerdings auf den Opernbühnen etablieren kann, bleibt abzuwarten, denn das Libretto zeigt sich nicht wirklich überzeugend.

Anmerkung:

Der Beitrag von Midou Grossmann wurde im WELTEXPRESS am 12.3.2018 erstveröffentlicht.




Bregenzer Festspiele

Merci Hélène Grimaud – Im Winter in Bregenz klassische Musik erleben

Bregenz, Österreich (Kulturexpresso). Auch im Winter kann man in Bregenz klassische Musik erleben, wenngleich das allseits bekannte Festspielhaus aktuell vermehrt für Events quer durch das Genre Showbusiness gebucht wird. Es sind dann nicht die Bregenzer Festspiele, die planen, sondern das Kongresszentrum Bregenz. Nun ja, das Haus verursacht sicherlich hohe Kosten rund ums Jahr, dennoch, man stelle sich vor, dass im Wiener Musikverein auch Popkonzerte, Musicals sowie Varieté stattfinden würden. Die Grenzen verwischen sich immer mehr zwischen den Unterhaltungsgenres und der Klassik. So durften Die Prinzen kürzlich mit dem Gewandhausorchester Leipzig auftreten. Ob dies nun der Qualität des Auftritts genutzt hat, bleibt dahin gestellt, sicherlich war der PR-Effekt gewollt.

Finden sich im Sommer die Wiener Symphoniker am Bodensee ein, seit Jahrzehnten das Hausorchester der Bregenzer Festspiele, so war letzten Sonntag das Kammerorchester des Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, unter der Leitung von Konzertmeister Radoslaw Szulc, zu erleben. Stehend, Szulc mit Violine unterm Kinn, zelebrierten die Musiker den Abend, wohl anspielend auf vergangene Zeiten, auch Hans von Bülow ließ sein Meininger Orchester stehend musizieren. Vielleicht geriet deshalb auch der Auftakt mit Samuel Barbers Adagio für Streicher etwas disharmonisch, man musste sich schon anstrengen, um die bekannte Komposition zu erkennen. Es fehlte der große Bogen, das verbindende Element, auch der Streicherklang der Bayern war etwas ruppig.

Das gilt auch für Beethovens Konzert für Klavier und Orchester Nr. 4. Doch Hélène Grimaud konnte mit ihrem brillanten Spiel davon ablenken. Ihr unglaublich leichter Tastenanschlag begeistert, schwebend perlende Klänge, die dem Klavierkonzert Nr. 4 so gut zu Gesicht stehen, zaubert sie ohne Ende in den Raum. Rhythmik sowie Phrasierung sind bei ihr einfach perfekt, danke Maestra Grimaud.

Nach der Pause dann Unbekanntes. Zwei Kompositionen des 1937 geborenen Komponisten Valentin Silvestrov: Der Bote und Zwei Dialoge mit Nachwort, beides in der Besetzung für Klavier und Streicher. Etwas zaghaft war der Eindruck der durchweg an die Klassik angelehnten Kompositionen, gerne würde man die Werke noch einmal in einer Interpretation mit mehr Dynamik hören. Zum Schluss noch etwas Heiteres: Joseph Haydns Sinfonie Nr. 60, auch Il Distratto (Der Zerstreute) bezeichnet. Charmante Musik à la Commedia dell’arte, die von dem vergrößerten Kammerorchester nun mit viel Elan musiziert wurde. Irgendwann wurde man auch aufgefordert zu klatschen, war es wegen dem Zerstreuten oder während der Zugabe, ich weiß es wirklich nicht mehr. Eben doch ein etwas konfuses Konzert.




Kunst und mehr – auf dem See und um den See herum

Bregenz, Österreich (Kulturexpresso). Sicherlich ist die Bodenseeregion eine der ältesten Kulturlandschaften Europas, denn nicht nur Kelten, Alemannen und Römer siedelten hier. Die ältesten Pfahlbauten datieren auf 3500 vor Christus und erzählen von einer vergessenen Welt, die dennoch fühlbar ist. Vielleicht hat der See diese Vergangenheit gespeichert und sensible Menschen hören das Flüstern der Geschichte hier intensiver als in unseren lauten, modernen Städten. Diese Region war immer eine von der Natur geformte Einheit, auch wenn politisch gezogene Grenzen den Austausch zuweilen störten. Heute ist Europa sicherlich hier am intensivsten fühlbar und die Spannungen, die Brüssel vielerorts verursacht, werden traditionsgemäß nicht so ernst genommen. Fast fühlt man sich im ‚Exil‘ am See, und viele Menschen denken, dass eine Erneuerung Europas durchaus hier entstehen könnte. Bregenz mit dem Vorarlberger Rheintal ist der viertgrößte Ballungsraum Österreichs. 250.000 Menschen aus 100 Herkunftsländern leben hier. Wirtschaftliche Dynamik und Migrationsbewegungen führen zu weiterem Wachstum.

Kunst hatte immer einen besonderen Stellenwert in dieser Region, die grandiose Natur beflügelt wohl das kreative Schaffen der Menschen am See und drum herum. Bregenz, Rheintal und Bregenzerwald arbeiten an einer Bewerbung für die Europäische Kulturhauptstadt 2024. Überall im Ländle wird diskutiert und geplant. Doch auch alltagsmäßig ist das Kulturangebot enorm vielschichtig. Musik, Lesungen, Diskussionen, Ausstellungen, Theater und noch so manches mehr sind täglich zu besuchen. So wundert es den Besucher auch nicht, dass man schon im ersten Nachkriegsjahr die Bregenzer Festspiele auf zwei Lastkähnen gestartet hat. Aktuell wurde die Saison 2018 nun vorgestellt. Auf dem See wäre dann wieder Bizets ‚Carmen‘ zu erleben, die im letzten Sommer 193.000 Besucher anzog. Eröffnet werden die Festspiele am 18. Juli 2018 mit einer Rarität, der österreichischen Erstaufführung der Oper ‚Beatrice Cenci‘ von Berthold Goldschmied (1903-1996). Brigitte Fassbaender inszeniert den ‚Barbier von Sevilla‘ und leitet erneut eine öffentliche Meisterklasse. Weitere Programmdetails sind auf der Homepage abrufbar.

Doch nicht nur im Sommer gibt es große Kultur in Bregenz, nein, eine aktive Theaterszene ist über das gesamte Jahr in verschiedenen Theatern zu erleben. So muss man eine beachtenswerte Premiere im Theater Kosmos erwähnen: Die deutschsprachige Erstaufführung ‚Tod eines Komikers‘ von Owen McCafferty, eine herbe Kritik an einem erbarmungslosen Showsystem, wurde zu einer bewegenden Anklage gegen die Mechanismen einer ausbeuterischen Unterhaltungsbranche, bei der der einzelne Künstler als Mensch oftmals auf der Strecke bleibt. Immer stärker wird hier der Agent, das Management, zum skrupellosen Spekulanten, der nur den eigenen Profit sucht und mit Kunst so gar nichts am Hut hat.

Für den bekannten Schauspieler Dominique Horwitz war die Rolle zum hochgepuschten Komiker Steve eine Traumpartie. Er konnte alle Register seines Könnens zeigen. Angefangen vom etwas unbeholfenen Komiker, der in drittklassigen Etablissements auftritt, bis hin zum steppenden Star, der große Hallen füllt, aber am Leben allgemein scheitert. Marcus Widmann spielt den skrupellosen Agenten mit enorm viel Gestaltungsvermögen und Facettenreichtum, ebenso grandios Lisa Hofer, die die unglückliche Freundin und das Gewissen von Komiker Steve darstellt. Dieses Drei-Mann-Theaterspiel könnte als Lehrstück in Sachen Vermarktung für jeden angehenden Künstler lehrreich sein. Doch bleibt immer die Frage, wie weit gibt man sich selbst preis auf der Leiter zum Erfolg und finanzieller Sicherheit? Wahre Ideale sollten nicht verkauft werden, doch jeder entscheidet für sich allein. Bis zum 7. Dezember darf im Theater Kosmos noch darüber reflektiert werden.




Cosi fan tutte

Wie machen‘s denn alle? – Così fan tutte am Mainfranken Theater Würzburg

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Weiterer Titel dieser Mozart-Oper lautet: Die Schule der Liebe. Alles etwas konfus im Libretto (von da Ponte) in Mozarts letzter Buffo-Oper. Regisseurin Martina Veh setzt ganz auf italienische Burleske und beschert einen gelungenen knalligen Opernabend voller Spannung und Drive. Selten erlebt man eine so stimmig ausgerichtete Inszenierung. Das helle schwebende Bühnenbild mit abstrakten Räumen und Bildeinblendungen von fettFilm (Momme Hinrichs, Torge Møller) sowie Malereien des Zeichners Freddy Engel, zeigen einen unbeteiligten Kosmos, der den verrückten Liebespielen der Menschen verwundert zuschaut. Das Ganze hoch ästhetisch ausgearbeitet, die genialen Kostüme von Christl Wein sind das I-Tüpfelchen dieser Arbeit. Nur der Schluss wirkt nach den verrückten Liebeswirren doch etwas ernüchternd, aber ‚das Mozartl‘ schreibt 1789 mahnend an sein Konstanze: „Glaube sicher, nur das kluge Betragen einer Frau kann dem Mann Fesseln anlegen.“ – Bums – auch er ein wahrer Frauenversteher.

Die bekannten Längen der 3-stündigen Oper werden an diesem Abend mit spritziger Spielfreude sowie brillantem Musizieren geschickt gewürzt. Quicklebendig wird agiert, aus allen Dimensionen der Bühne. Die sechs Darsteller sitzen in Schachteln, Liegestühlen, fallen aus dem Schnürboden oder krabbeln aus dem Untergrund, scheinen die Tollheit auch noch zu genießen. Ebenso ist der Chor sehr aktiv, nicht nur stimmlich, allerdings hervorragend vorbereitet von Anton Tremmel.

Aus dem Orchestergraben hört man viel Erfreuliches. GMD Enrico Calesso will seinen Mozart ergründen, analysieren und zelebrieren, das macht er auf eindrucksvolle Art und Weise. Sein Dirigat ist eminent pointiert, dennoch immer fließend ohne an Spannung zu verlieren. Er versteht es, die musikalischen Höhepunkte als solche zu präsentieren und dennoch die Sänger immer auf Händen zu tragen. Nach anfänglichem Premierenfieber singen sich die sechs Protagonisten frei und man darf besten Mozartgesang erleben.

• Fiordiligi – Sopran Silke Evers – grandios dramatisch und höhensicher, darstellerisch mehr als überzeugend, ein charmante, etwas unterkühlt zweifelnde Liebhaberin.
• Dorabella – Mezzosopran Marzia Marzo – die forschere Schwester der beiden, mit warmer Stimme brillant singend, ebenso höhensicher und gestalterisch charmant.
• Despina – Sopran Akiho Tsujii – ungeheuer spielfreudig, ideale Mozartstimme, ein Name, den man sich merken sollte.
• Das gilt auch für den Tenor Roberto Ortiz als Ferrando, flexibel auf Linie gesungen, mit Timbre und Gefühl, der große Verführer des Abends.
• Guglielmo – Bariton Daniel Fiolka, auch er ein charmanter Liebender, etwas verhalten vielleicht, dennoch mit viel schönem Stimmpotential.
• Don Alfonso – Bariton Taiyu Uchiyama, junger Draufgänger mit Potential zum Star.

Fazit: Ein gelungener Abend, da man die Oper mit einem ‚Augenzwickern‘ auf die Bühne gebracht hat. Leicht und locker, das war wohl auch so von Mozart und da Ponte gewollt. Bravi! Ach, und laut Inszenierung sollen 55% der Frauen Untreue pflegen, von den Männern wurde nicht gesprochen.




Vive La Grande Nation – Charles Gounods „Cinq-Mars“ erlebt eine fulminante Auferstehung in Leipzig

Leipzig, Deutschland (Weltexpress). Uraufgeführt wurde ‚Cinq-Mars‘ am 5. April 1877 an der Opéra Comique in Paris, die Premiere war nicht sonderlich erfolgreich. Die Handlung spielt im 17. Jahrhundert, in den letzten Jahren der Regentschaft von Louis XIII, und es gab ihn wirklich, den Marquis de Cinq-Mars, der von Kardinal Richelieu an den Hof geholt wurde. Doch schon bald plant der Marquis ein Komplott gegen seinen Gönner. Im Mittelpunkt der Handlung steht seine unglückliche Liebe zu der Prinzessin Marie de Gonzague, der späteren polnischen Königin. Cinq-Mars‘ noble romantische Liebe bleibt unerfüllt, er beendet sein Leben auf dem Schafott. Das Libretto basiert auf dem berühmten Roman von Alfred de Vigny.

Gounod war ein Zeitgenosse Richard Wagners und er scheint zudem von Wagners Forderung nach einer prägnanten Sprachgestaltung beeinflusst zu sein, denn über weite Strecken ist das gesungene Wort höchst dominant, die Musik agiert dagegen wie ein Klangteppich für den Text, wenn auch in einer sehr gelungenen Symbiose. Dank Palazetto Bru Zane, einer Organisation, die sich die Förderung der romantischen Musik Frankreichs zum Ziel gesetzt hat, wurde ‚Cinq-Mars‘ (Deutscher Titel: ‚Der Rebell des Königs‘) neu entdeckt und erlebt nun an der Oper Leipzig – nach 140 Jahren – eine szenische Wiederauferstehung.

Den großen Erfolg beim Publikum hat man wohl so nicht ganz erwartet, traut man sich doch in deutschen Theatern nicht allzu oft mit Schönheit und Opulenz zu wuchern. Allerdings war es geanu der richtige Weg, um das vielleicht etwas karge Libretto zum Leben zu erwecken. Dem Regisseur Anthony Pilavachi und seinem Ausstatter Markus Meyer gelang der ‚große Wurf‘, der Geist der ‚Grande Nation‘ in der Zeit von König Louis XIII (1601-1641) wurde zur Realität in der Oper Leipzigs. Ein trotzig mutiger Rebell (Cinq-Mars), der todesmutig für eine freie Art zu leben kämpft, wenngleich sein Schicksal vom ersten Moment an ausweglos erscheint, wird als echter Held gezeigt, kein Hauch eines Antihelden beschattet hier das Wesen der Titelpartie. Auch die Kostüme von Markus Meyer kreieren ein grandioses Ambiente, das nie langweilig wirkt, sondern an die großen Gemälde dieser Epoche erinnert.

Anthony Pilavachi setzt Maßstäbe mit seiner einfühlsamen und detaillierten Personenregie, hier ist alles stimmig, der Zuschauer kann sich auf die Handlung einlassen. Dazu natürlich die fabelhafte Musik Gounods, die mit einer enormen Bandbreite fesselt, Drama, Romanze und Patriotismus gleichermaßen beinhaltet. Blendend musiziert wird das Ganze vom Gewandhausorchester mit David Reiland am Pult. Hervorragend auch der Chor der Oper Leipzig, ganz wunderbar einstudiert von Chordirektor Alessandro Zuppardo.

Gesang vom Feinsten

Dieser gelungene Opernabend wird getragen von Sängern, die alle souverän Spitzenleistungen zeigen. Da wäre zuerst einmal der Held der Titelpartie Mathias Vidal, der schon mit der konzertanten Aufführung 2015 in München auf sich aufmerksam gemacht hatte, als er ganz kurzfristig einspringen musste und so die Herzen des Publikums im Sturm eroberte, die inzwischen erschiene CD-Produktion belegt dieses aufs Schönste. Auch in Leipzig ist Mathias Vidal mit seinem warmen, schön timbrierten Tenor der ideale Titelheld, der zudem mit perfekter französischer Phrasierung bezaubert.

Sopranistin Fabienne Conrad als Prinzessin Marie de Gonzague gefällt mit leuchtenden Spitzentönen und einer intensiven Rollengestaltung, die sie als mutige Liebende zeigt. Jonathan Michie (de Thou) besitzt einen Samtbariton, zeigt große französische Gesangskultur, ebenso wie Mark Schnaible (Père Joseph), Sébastien Soules (Vicomte de Fontrailles). Nicht vergessen darf man den imposanten König Louis XIII, dem Randall Jakobsh seine mächtige Stimme leiht. Danae Kontora und Sandra Maxheimer – als Marion Delorme und Ninon de Lenclos – singen ebenfalls mit viel Schönklang in diesem hochkarätigen Team.
Diese Produktion sollte nach der Wiederaufnahme im Januar 2018 nicht im Fundus verschwinden, als ein Bestandteil im Repertoire wäre sie sicherlich weiterhin ein Erfolg.




Gefangen im Netz der Gefühle – Benjamin Brittens Oper ‚Peter Grimes‘ am Theater in Bonn

Bonn, Deutschland (Kulturexpresso). Benjamin Brittens Oper ‚Peter Grimes‘ ist sicherlich kein Werk, das zu den ‚Top-Ten-Favorite-Operas‘ gehört. Dennoch hat sich dieses Werk seit der Uraufführung am 7. Juni 1945 im Sadler’s Wells Theatre in London auf den Spielplänen der meisten Opernhäuser etabliert, ja, das Werk gehört sogar zu den am meistgespielten, die nach dem Zweiten Weltkrieg komponiert wurden. Die damalige Uraufführung wurde beschrieben mit: „Sie erhoben sich von den Plätzen und schrien und schrien.“ – So war es auch jetzt nach der Aufführung in Bonn. Zehn Minuten Standing Ovation belohnte das Team für hoch spannendes und berührendes Musiktheater.

Für den humanistisch ausgerichteten José Cura, der neben der Titelrolle auch Regie und Ausstattung übernommen hatte, ist ‚Peter Grimes‘ eminent wichtig für die aktuelle Zeit. Die Kernaussage des Werks basiert auf dem Anderssein eines Menschen, der von einer engstirnigen Dorfgesellschaft in den Tod getrieben wird. Grimes, ein grimmiger Fischer, sicherlich auch mental nicht in Harmonie mit sich selbst, wird immer mehr zum Außenseiter, weil einige seiner Lehrlinge im Dienst bei ihm verunglücken und sterben. Letztendlich sieht er keinen anderen Ausweg als den Tod, der ihm noch nahegelegt wird von Balstrode, einem ihm eigentlich wohlgesonnen Seemann. Daran sieht man das enorme Ausmaß der mitmenschlichen Hilflosigkeit: wer nicht ins Bild passt, sollte sich ‚entsorgen‘, um die anderen nicht zu stören.

In dieser Inszenierung wird ganz klar gezeigt, dass Grimes nicht am Tod der Kinder verantwortlich ist, eine Verkettung unglücklicher Umstände bringt ihn vor Gericht. Cura zeigt Grimes als einen Grobian, aber auch die menschlichen Sehnsüchte des Titelhelden sind gut herausgearbeitet. Grimes möchte unbedingt dazugehören und ein bürgerliches Leben mit Ellen führen, ein großer Fang soll ihm das ermöglichen und dafür benötigt er Hilfe, eben die Lehrbuben.

Der ebenfalls von Cura geschaffene Bühnenraum besteht aus einem Haus mit einem Turm, der dem Wachturm in Brittens Wohnort Aldeburgh gleicht. Auf einer Drehbühne aufgebaut, wird es wechselnd zur Dorfkneipe, Kirche oder Grimes‘ Hütte. Über dem Gesamtbühnenbild hängt ein großes Fischernetz, symbolisch sicherlich zeigend, wie verstrickt die Dorfgemeinschaft in festgefahrenen Strukturen ist. Eine detaillierte Personenregie gibt der Handlung einen fließenden Ablauf, liebevolle Details untermalen noch das Libretto. Die historischen Kostüme, wie auch das Bühnenbild sind in Sepiatöne gehalten, an Bilder der alten Meister angelehnt.

Als Sänger der Titelpartie fokussiert sich Cura auch stimmlich auf die Gebrochenheit des Peter Grimes. Die träumerischen Erzählungen von den Plejaden über dem Meer gelingen ebenso eindrucksvoll wie die hoffnungslosen Momente, gepaart mit glaubhafter Verzweiflung. Seine dunkle Stimme, die immer wieder stark durchlichtete Töne hervorzaubert, passt zu dieser Inszenierung sehr gut. Nach dem französischen ‚Tannhäuser‘ von Monte Carlo, hat der Ausnahmetenor auch hier wieder stimmlich sowie darstellerisch eine gelungene Weiterentwicklung seiner erfolgreichen Karriere gezeigt.

Bariton Mark Morouse stand als Kapitän Balstrode auch stimmlich ganz auf der Höhe von Peter Grimes/José Cura. Yannick-Muriel Noah bezauberte mit einer bewegend lyrischen Ellen Orford, die auch darstellerisch nur Güte auszustrahlen vermochte. Wunderbar Geri Williams als Auntie, immer als die gute Seele präsent in all der Dramatik, und dies mit äußerst souveräner Stimme. Das gilt ebenso für die weiteren Sänger, alle Partien waren bestens mit Ensemblemitglieder besetzt, wie die Nichten (Marie Heeschen, Rosemarie Weissgerber), Mrs. Sedley (Anjara I. Bartz), Pastor Adams (David Fischer).

‚Peter Grimes‘ ist eine Choroper und an diesem Abend waren der Chor des Theater Bonn sowie der Extrachor extrem gefordert, alle meisterten die Aufgabe grandios, unter der Leitung von Marco Medved. Extrem viele Musikrichtungen waren hier zu singen, von stürmischen Passagen bis hin zu Kirchenlieder, stilsicher wurde all dies gemeistert.

Last but not least muss die absolut grandiose Leistung des Beethoven Orchester Bonn unter der Leitung von Jacques Lacombe erwähnt werden. Die enorm vielschichtige Partitur Brittens wurde kraftvoll und mit wunderbarem Fluss interpretiert, was als eine spannende Klangreise bezeichnet werden muss. Fazit: eine gelungene Ensemblearbeit, der anzumerken ist, dass man dem Werk auf hoher künstlerischer Ebene dienen wollte, dies ist auch gelungen. Jedem Opernfan sei ein Besuch in Bonn empfohlen.




Der Rebell der Oper – José Cura präsentiert seine Sicht auf Benjamin Brittens Oper ‘Peter Grimes’ in Bonn

Bonn, Deutschland (Kulturexpresso). Eine Matinee der besonderen Art war am Sonntag im Theater Bonn zu erleben. Der weltweit gefeierte Tenor José Cura präsentierte sich zugleich als Regisseur, Ausstatter sowie als Sänger der Titelpartie von ‚Peter Grimes‘, Premiere am 7. Mai 2017. Sicherlich ist Cura den meisten Opernfreunde als einer der vielseitigsten Sänger, mit einer ausdrucksstarken Stimme sowie einer großen Darstellungskunst, ein Begriff, allerdings als Regisseur kennen ihn nur wenige. Der Künstler, der als Komponist und Dirigent ausgebildet wurde, er trat mit 15 Jahren schon als Dirigent auf, entschied sich erst mit 28 Jahren für die Sängerlaufbahn, ist ein kreatives Genie, das kein Schubladendenken zulässt. Im Februar sang er seinen ersten ‚Tannhäuser‘ in Monte Carlo, und das mit einer grandiosen stimmlichen Überzeugungskraft.

Nun präsentierte er seine Sicht auf Benjamin Brittens Oper ‚Peter Grimes‘, die 1945 im Sadler’s Wells Theatre London uraufgeführt wurde. Allerdings dauerte es etwas, bis er am Sonntagmorgen sprechen durfte. Cura wurde von der Moderatorin, Musikjournalistin Regine Müller, erst einmal total ignoriert. Sie diskutierte detailliert mit dem Dirigenten Jaques Lacombe sowie mit dem Bariton Marc Morouse ohne José Cura einzubeziehen. Als Frau Müller endlich den der deutschen Sprach nicht mächtigen José Cura mit einem etwas holprigen Englisch in das Gespräch einbinden wollte, saß dieser schon 15 Minuten im Vakuum, hatte wohl keine Ahnung davon, wie die Diskussion bis jetzt verlaufen war. Höchst unprofessionell von Frau Müller, die dann auch als Einstieg noch einen Hinweis auf Rolando Villazon benutzte. Nachdem der Sänger, Ausstatter und Regisseur der Produktion die Situation geklärt hatte, erzählte er temperamentvoll von seiner Sicht auf die Oper, die Übersetzung übernahm jetzt der Amerikaner Marc Morouse und auch Dirigent Jaques Lacombe sprach von nun an Englisch. Die Moderatorin war überflüssig geworden und so entwickelte sich endlich eine lebhafte und interessante Einführung in Brittens doch sehr anspruchsvolles und für so manchen auch sperriges Werk.

José Cura sieht seinen Ansatz philosophisch, die Message ist für ihn klar: Grimes‘ Kampf gegen das Meer steht wohl auch für den Lebenskampf so vieler Menschen in einer gnadenlosen Gesellschaft. Als Außenseiter wird Peter Grimes von der Dorfgemeinschaft beobachtet und ohne Mitleid vorverurteilt. Ein altes Thema der Menschheitsgeschichte: wer sich nicht anpasst, wird ausgeschlossen. Fischer Grimes ist zudem auch kein ‚Diplomat‘ und so nimmt das Drama seinen Lauf. Ob er schuldig an dem Tod der beiden Jungen ist, wird vom gesamten Team letztendlich verneint. Grimes sei wohl stark kontaktunfähig, nach heutigen medizinischen Begriffen auch bi-polar angehaucht, doch ein Mensch der nach Zuneigung schreie, so die Meinung des ‚Leading Teams‘.

Das Libretto der Oper basiert auf dem Gedicht von George Crabbe, welches Cura als wichtige Grundlage für seine Inszenierung bezeichnet. Sicherlich hat er auch in dieser Partie als Sänger eine neue Herausforderung gefunden, die neue Maßstäbe setzen wird. Klar zu erkennen war in dieser Diskussion zudem die Sorge des José Cura um diesen Planeten. Die turbulenten sozialen sowie politischen Ereignisse können einen Künstler, der in dem totalitären System Argentiniens aufgewachsen ist, einfach nicht unbeteiligt lassen. Auch steht immer wieder sein Engagement für ein autarkes künstlerisches Ambiente mit Tiefgang im Raum. Unter diesen Voraussetzungen dürfte diese Produktion – eine Koproduktion mit der Oper Monte Carlo – sicherlich zu einem bewegenden Opernerlebnis werden.