Frankenstein

Frankenstein oder Der moderne Prometheus – Eine Ausstellung „Zur maschinellen Interpretation der Welt“

Frankfurt am Main, Deutschland (Kulturexpresso). Frankenstein? Nein, der Titel der Ausstellung, die am 15. Februar 2018 in Frankfurt am Main beginnt, ist Denglisch. „I am here to learn: Zur maschinellen Interpretation der Welt“ nennt der Frankfurter Kunstverein (FKV) die Veranstaltung, die bis zum 8. April 2018 präsentiert werden soll und angeblich an die vergangene Ausstellung „Perception is Reality“ anschließe.

Dabei stünden laut Pressemitteilung des FKV (ohne Datum), die uns am 15. Januar 2018 per E-Mail erreichte, „lernenden Algorithmen und künstlicher Intelligenz“ im Mittelpunkt. Es ginge um das Verstehen und Erklären als die zwei der drei entscheidenden Charaktere der Wissenschaft, oder wie es der FKV notiert: „Der Fokus liegt auf Wahrnehmung und Interpretation als menschliche Qualitäten“. Und es drehe sich darum, wie diese „menschlichen Qualitäten … mittels Lernverfahren auf Maschinen übertragen werden“.

Zumindest das klingt sowohl nach Frankenstein von Autorin Mary Shelley als auch nach Hell, der Maschine in Odysee 2000 von Regisseur Stanley Kubrick, wenn man liest, dass sich „intelligente Systeme“ dadurch auszeichnen würden, „dass sie ihre Umgebung nicht nur passiv registrieren, sondern aktiv interpretieren“. Und auch ein wenig nach Luhmann, den man nicht lesen braucht, wenn man zu wissen scheint, dass jedes System genau jene Leute hervorbringt, die es braucht, um so weiterzumachen wie bisher. Offensichtlicht trifft das auch auf den FKV zu.

Laut dem sei „eine Interpretation nie objektiv“. Deshalb die falschen Fragen: „Verfügt ein künstlicher Agent mit der Fähigkeit zur Interpretation daher über einen eigenen Standpunkt? Hat ein intelligentes System ein Bewusstsein oder ein Ich-Gefühl? Bildet eine Maschine ein eigenständiges Bild von Welt aus? Wie viel Autonomie wollen wir ihr jetzt und in Zukunft zugestehen?“

Die Ausstellung mit den falschen Fragen wird von Mattis Kuhn kuratiert. Franziska Nori ist Co-Kuratorin. Die Namen der teilnehmende Künstler lauten: Zach Blas & Jemima Wyman, Dries Depoorter, Heather Dewey-Hagborg & Chelsea E. Manning, Jake Elwes, Jerry Galle, Adam Harvey, Esther Hovers, Yunchul Kim, Gregor Kuschmirz, Noomi Ljungdell, Trevor Paglen, Fito Segrera, Oscar Sharp mit Ross Goodwin & Benjamin, Shinseungback Kimyonghun und Patrick Tresset.

Vernissage

Ausstellungseröffnung im FKV, Steinernes Haus am Römerberg, Markt 44, 60311 Frankfurt am Main, ist am 14. Februar 2018 um 19 Uhr.

Postskriptum

Wer wissen will, was die dritte Charaktereigenschaft der Wissenschaft ist, der lese entweder diesen Beitrag noch einmal oder schreibe gleich an redaktion@kulturexpresso.de.




Olli Dittrich als Dittsche.

Dittscheridoo – Ab April läuft wieder Olli Dittrich als Dittsche in der Flimmerkiste

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Olli Dittrich kehrt als Dittsche zurück in die Flimmerkiste beziehungsweise in das Milieu der Gescheiterten, in die Imbißbude, um über das Leben und die Welt zu sinnieren.

Nach einem Jahr Pause soll die Kultserie mit dem HSV-Fan in Bademantel, Jogginghose und Aliletten wieder ab April im WDR laufen. Die Improvisationssendungen, von denen es seit Beginn 2004 mittlerweile 220 Stück in 26 Staffeln gibt, werden wohl wieder live aus der Eppendorfer Grill-Station in Hamburg kommen.

Neben Olli Dittrich spielte Jon Flemming Olsen den Ingo und bis zu seinem Tod der Musiker und Schauspieler Franz Jarnach die Schildkröte. Er war der stumme Stammgast in der Grille. Nach ihm kam Jens Lindschau als Krötensohn. Sogar Uwe Seeler war schon Gast.

Auf die 27. Staffel sind wir gespannt wie ein Regenschirm in Hamburg. Um welche Wörter wird das Dittscheridoo-Wortschätzchen von A wie Aufschamponieren bis Z wie Zullulitis, der griechischer Sänger, erweitern? Wir wissen es nicht, noch nicht.




Manuela Koska: Ich bin ein Mensch - Heimat.

Tränensäcke als Heimat oder Menschen in Mecklenburg-Vorpommern – Zu Ausstellung und Katalog „Ich bin ein Mensch – Heimat“ von Manuela Koska

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). „Ein Fotoprojekt. Ein Buch. Eine Ausstellung. Über Menschen. Über ihre Heimat. Über Identität. Verwurzelung. Sehnsüchte. Enttäuschungen. Freude. Hoffnungen.“ Mit diesen Worten wird auf der Heimatseite des Rostocker Traditionsverlags Hinstorff der Katalog zur Ausstellung im Schleswig-Holstein-Haus in Schwerin „Ich bin ein Mensch – Heimat“ von Manuela Koska beworben, in dem rund 180 Abbildungen zu sehen sind.

„Die in Mecklenburg-Vorpommern zu Hause sind“

Weiter im Text heißt es: „Oft zufällig traf Manuela Koska auf die Menschen, die sie dann vor ihre Kamera holte und mit denen sie zugleich Interviews führte. Menschen, die in Mecklenburg-Vorpommern zu Hause sind. Wobei sie sich nicht nur auf ‚Ur-Einwohner‘ beschränkte, sondern auch auf jene, die von irgendwoher kamen und blieben, mit ihren Kulturen, Weltanschauungen, Lebensformen und Eigenheiten. Sie alle hat sie porträtiert: die ‚Zuwanderer‘, die ‚Ausländer‘ und die ‚Einheimischen‘.“

Koskas Ausstellung „Ich bin ein Mensch – Heimat“ ist nach der Ausstellung in Schwerin gerade in Berlin zu sehen und zwar in der Landesvertretung Mecklenburg-Vorpommern.

Wir sagen dazu wenig, aber dass die 76 Protagonisten aus 42 Ländern stammen, als hätte das neue Bindestrich-Bundesland nicht mehr zu bieten, das bleibt nicht unerwähnt.

Die von Koska Fotografierten, „die in Mecklenburg-Vorpommern zu Hause sind“, stammen aus Marokko, Indien, Mosambik, Sri Lanka und so weiter.

Tränensäcke als Heimat?

Wundert sich da noch jemand, dass Christiane Peitz im „Tagesspiegel“ (23.12.2017) schreibt: „Heimat ist das, was du am Leib trägst, die faltige Gesichtshaut, die Tränensäcke – gelebte Identität.“

Herr, schmeiß Hirn vom Himmel, möchte man der Träne vom Tagesspiegel zurufen.

Die Ausstellung

in der Landesvertretung Mecklenburg-Vorpommern, In den Ministergärten 3, 10117 Berlin, läuft noch bis zum 12. Januar 2018. Öffnungszeiten montags bis freitags von 9 bis 17 Uhr (an Feiertagen geschlossen).

Bibliographische Angaben

Manuela Koska, Ich bin ein Mensch – Heimat, Katalog, Sprachen: Deutsch und Englisch, 176 Seiten, Broschur, Format: 20x 28 cm, Verlag: Hinstorff, ISBN: 9783356021462, Preis: 24,99 EUR




Klaus Altmayer, Die Papstmacherin.

Mehr als die Senatrix Roms oder „Als das Papsttum von Frauen dominiert wurde“ – Rezension zum Buch „Die Papstmacherin“ von Klaus Altmayer

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Dr. phil. Klaus Altmayer, der in München und Augsburg Alte Geschichte, Mittelalterliche Geschichte, Klassische Archäologie sowie Spätantike und Byzantinische Kunstgeschichte studierte und heute als freier Historiker und Autor tätig ist, legt nach „Die Herrschaft des Carus, Carinus und Numerianus als Vorläufer der Tetrarchie“ und „Elagabal – Roms Priesterkaiser und seine Zeit“ das Buch „Die Papstmacherin“ vor, in dem es auf 276 Seiten um „Starke Frauen des frühen Mittelalters“ geht.

Für dieses im Oktober 2017 erschienene Buch propagiert der Marix Verlag im Verlagshaus Römerweg per Waschzettel wie folgt: „Die Zeit der Renaissancepäpste, in der die Borgias über den Vatikan herrschten, gilt gemeinhin als der Höhepunkt kirchlichen Sittenverfalls. Doch glaubt man den Quellen, dann wird sie von den Zuständen im Rom des frühen Mittelalters weit in den Schatten gestellt, als die Päpste von angeblichen Kurtisanen ernannt oder abgesetzt wurden. Man bezeichnet diese Ära deshalb als saeculum obscurum oder »römisches Hurenregiment«. Daneben hat sich auch der Terminus »Pornokratie« eingebürgert. Eine dieser Frauen, die damals über den Stuhl Petri geboten, war die Fürstin Marozia. Bemerkenswerte Frauen spielten im frühen Mittelalter – einer scheinbar von Männern geprägten Epoche – oftmals eine herausragende Rolle. Im vorliegenden Buch wird erstmals spannend und ausführlich über das Leben der »Papstmacherin« im Kontext weiterer Herrscherinnen jener Zeit berichtet. Gerade in unserer Gegenwart, in der heftig über die Ordination und Gleichstellung von Frauen in der katholischen Kirche diskutiert wird, ist es erstaunlich, dass es einmal eine Zeit gab, in der das Papsttum von Frauen dominiert wurde.“

Um es vorweg zu nehmen: Altmayer kommt auf acht Frauen und gliedert mit ihren Namen den Inhalt: Ageltrude, Teodora, Marozia, Amalasuntha, Irene, Judith, Theophanu und Johanna.

In der Spurensuche genannten Einleitung beginnt Altmayer mit flotter Feder schreibend bei der Fürstin Marozia, die „kurz vor ihrer Krönung zur Kaiserin über die westliche Christenheit … entmachtet“ worden sei und deren „Spuren“ sich „im Dunkeln eines römischen Verlieses, wo sie wahrscheinlich im Jahr 936 starb“, verlieren würde. Altmayers Spurensuche gleicht einem Stadtspaziergang durch das heutige und zugleich Marozias Rom, über das er notiert, dass es „einen eigentümlichen und doch auch faszinierenden Anblick geboten haben“ müsse. „Es war eine zweifellso pittoreske und zuweilen bizarre Mischung von vergangenem Glanz, von großartigen mit Pflanzen überwucherten Ruinen und bescheidenen Hütten, Wohnhäusern, Kirchen, Klöstern, Adelssitzen sowie von landwirtschaftlichen Nutzflächen und Ödland. Auf dem Forum Romanum, dem glanzvollen Mittelpunkt des ehemaligen römischen Weltreichs, weidete das Vieh.“ (S. 25)

„Forscht man nach den Ursachen und den historischen Entwicklungsprozessen, die es im frühen Mittelalter einer Frau ermöglichten, das Papsttum zu dominieren, wie und warum der Bischof von Rom den Primat über die westliche Christienheit erlangen konnte, nur um dann kurze Zeit später auf dem Zenit seines Triumphs über das karolingische Kaisertum so tief zu fallen und zur Marionette einer ehrgeizigen Adeligen zu werden, so entdeckt man – bemerkenswert und werwunderlich genug in dieser von Gewalttätigkeit, Brutalität, Mord und Krieg gezeichneten Epoche – eine Reihe weiterer bedeutender Herrscherinnen und fRauen, die aus dem vermeintlichen Dunkeln jener Zeit hervortreten“, fährt der Autor fort. (S. 25f.)

Dabei erwähnt Altmayer die anderen Frauen, zu der „zweifellos auch so manche Gutsherrin, Bäuerin, Bürgersfrau, Magd oder Leibeigene“ zählte, nur einmal, denn „ihre Einzelschicksale“ seien „kaum greifbar“. (S. 28) Er bleibt bei den Frauen, deren „Lebensgeschichte“ sich mit der „Marozias und dem päpstlichen Rom ihrer Zeit verknüpfen lassen“. (S. 28). Und das ist auch übersichtlicher so. Auch wenn das Werk mehr oder weniger ein Buch über Marozia bleibt, weist es über die bereits geschriebenen Bücher mit Marozia im Mittelpunkt hinaus, von denen manche in den Literaturhinweise (S. 267ff.) genannt werden. Wer mit diesem Buch in die Welt von Reichtum und Religion einsteigen will, der kann weit kommen.

Bibliographische Angaben

Klaus Altmayer, Die Papstmacherin, Starke Frauen des frühen Mittelalters, 276 Seiten, farbige Abbildungen, gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen, Format: 14 x 21 cm, Marix Verlag im Verlagshaus Römerweg, 1. Auflage Oktober 2017, ISBN: 978-3-7374-1067-0, Preis: 24 EUR




Zypern

Griechisches Filmfestival in Berlin mit Hommàge an das Neue Zyprische Kino

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Zypern ist Zypern. Das ist so falsch nicht, aber auch nicht richtig, denn im Grunde ist Zypern griechisch. Viel zu lange wehte auf der Insel überall der Union Jack der Imperialisten aus Westminster und umzu. Doch dann gab das kleiner werdende Großreich als Vereinigtes Königreich von Großbritannien und so weiter (kurz UK für United Kingdom) den Großteil der Insel im Sommer 1960 zurück, halten aber immer noch zwei Militärstützpunkte besetzt.

Schlimmer noch: Die anglo-amerikanischen Imperialisten (USA und UK) forderten die Herrschenden in Ankara auf, den Norden Zyperns zu besetzen. Sie luden die Türkei, weil die überwiegend griechisch sprechenden Insulaner in der Mehrheit Teil des griechischen Staates werden wollten, regelrecht zur Invasion ein. Ankara schickte Truppen zum Angriff und besetze im Sommer 1974 den Norden der Insel.

Jetzt steckt das Hellas-Filmfest in Berlin Zypern in die Schachtel (in der Sprache der Imperialisten: Cyprus in a box). Anders gesagt: Das 3. Hellas Filmbox Berlin, das vom 24. bis zum 28. Januar 2018 stattfindet, wird sich auch dem Neuen Zyprischen Kino widmen.

Wir sind gespannt, wie zyprische Künstler die jüngste Geschichte und Gegenwart sehen, welche Fragen sie beschäftigen und welche Antworten sie geben.

Für die Hommàge an das Neue Zyprische Kino wählten laut Veranstalter Ioanna Kryona und Dareos Khalili folgende Filme aus:

Danach bleibt das Meer, (Istera menei I thalassa) Christos Georgiou & Giorgos Koumouros, 2016
Boy on the bridge, (Το agori sti gefira) Peter Charalambous, 2016
Conveyor Belt, Alexia Roider, 2015
Fish’n Chips, Elias Demetriou, 2011
Soul Kicking, (Psychi sto stoma) Yannis Εconomides, 2001
Slaughter of the Cock, (I sfagi tou kokora) Andreas Pantzis, 1996

Schaun mer mal, dann sehn mer scho im Januar 2018 in Berlin. Wer jetzt schon mehr wissen möchte, de surfe im Weltnetz auf die Heimatseite namens Hellasfilmbox.




Tony Franz

Wider dem scheinbar schönen Schein – Tony Franz mit „SEND THEM TO US“

Dresden, Deutschland (Kulturexpresso). Sich ein wenig mit der beschissenen Boulevardpresse, die Macht der Bilder dieses Jauche-Journalismus und die Verführbarkeit des aus diesem Sudel-Pfuhl saufenden Publikums zu befassen, das kann nicht schaden. Im Gegenteil: Ein Besuch im Projektraum Neue Galerie, wo die Städtische Galerie Dresden seit dem 28. Oktober 2017 eine raumgreifende Arbeit von Tony Franz zeigt, bietet anhand von Abschaum Anregungen für Aufklärungen.

In einer Pressemitteilung der Museen der Stadt Dresden vom 24. Oktober 2017 heißt es zur Ausstellung: „Ausgangspunkt für Tony Franz‘ raumgreifende Installation war eine Online-Debatte zu verfluchter Kunst, auf die er zufällig gestoßen war. Sie bezog sich auf einen lange zurückliegenden Fall: In den 1980er Jahren hatte die Londoner Boulevardzeitung ‚The Sun‘ in einem Artikel suggeriert, Gemäldereproduktionen weinender Kinder des Künstlers Giovanni Bragolin (1911-1981) würden Brandkatastrophen auslösen. Nach zahlreichen bestätigenden Rückmeldungen von Lesern gipfelte die Geschichte in einem Aufruf der Zeitung, die Leser mögen der Redaktion ihre Exemplare des „Weinenden Jungen“ zusenden, um sie in einem großen ‚Massenfeuer‘ zu vernichten: ‚SEND THEM TO US‘.

Die Zeitungsartikel der ‚Sun‘ verwendete Tony Franz als Vorlage für seine Bleistift-Zeichnungen. In der künstlerischen Bearbeitung tritt der Inhalt mehr und mehr in den Hintergrund, während die Aufmachung der Seiten – die Schriftarten und -größen, die Fotos und Überschriften – in den Vordergrund treten. Schlieren, Überlagerungen, Leerstellen und Störungen verunklaren die freie Sicht. In seiner Rauminstallation befasst sich der Künstler mit der Macht des Bildes und dessen subtilen Mechanismen sowie mit der Verführbarkeit des Publikums, das selbst vor modernen Formen des Exorzismus nicht zurückschreckt.“

Darauf, dass Tony Franz dazu einlädt, „selbst aktiv zu werden und mit Neugierde und Entdeckerfreude Hintergründe freizulegen“, wird auch hingewiesen. Und das ist bei allen Abgründen, die sich in Hintergründen offenbaren, gut so.

* * *

Städtische Galerie Dresden, Wilsdruffer Straße 2, 01067 Dresden

Öffnungszeiten: dienstags bis donnerstags, samstags und sonntags von 10 bis 18 Uhr, freitags von 10 bis 19 Uhr, montags geschlossen

Eintritt: 5 Euro, ermäßigt 4 Euro, Gruppen ab zehn Personen 4,50 €, freitags ab 12 Uhr Eintritt frei, außer an Feiertagen




Überleben in Neukölln

Neukölln, meine Perle oder „Überlegen in Neukölln“ von Rosa von Praunheim und Markus Tiarks – und mit Juwelia

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Neukölln war einst eine eigene Stadt, die vor etwas über 100 Jahren noch den Namen Rixdorf trug. Das alte Rixdorf wurde von Tempelrittern gegründet, die in Tempelhof ihre Häuser hatten. Nach den Templern ging`s bergab. Heute hausen dort Muselmanen.

Doch um die Geschichte der Stadt, die vor knapp 100 Jahren Teil von Groß-Berlin wurde, dreht sich der Film „Überleben in Neukölln“, für den Rosa von Praunheim und Markus Tiarks Regie führten, nicht. Im Mittelpunkt „steht Stefan Stricker, der sich Juwelia nennt und seit vielen Jahren eine Galerie in Berlin-Neukölln betreibt“, lese ich in der Pressemitteilung der Rische & Co. PR“ vom 26. Oktober 2017. Weiter heißt es darin, dass Juwelia in ihre Galerie „an den Wochenenden Gäste“ einladen würde, denen sie schamlos aus ihrem Leben erzählen und poetische Lieder vorsingen würde. „Juwelia war ihr Leben lang arm und sexy. Sie ist Clown, Philosoph und Überlebenskünstler und immer noch ein Geheimtipp. Neben Juwelia treffen wir die 89-jährige Frau Richter, die im Alter von 50 Jahren nach Neukölln zog, um hier mit einer Frau glücklich zu werden. Wir treffen den androgynen kubanischen Sänger und Tänzer Joaquin la Habana, der mit seinem Mann zusammenlebt. Wir treffen Mischa Badasyan aus Russland, einen Performancekünstler, der es sich zur Pflicht machte, ein Jahr lang jeden Tag mit einem anderen Mann Sex zu haben. Und wir begegnen der syrischen Sängerin Enana, die nach ihrer dramatischen Flucht nach Berlin hofft, ein freieres Leben führen zu können, als Frau und als Lesbe. Patsy l‘Amour la Love veranstaltet die „Polymorphia“ Party- und Diskussionsreihe und bezeichnet sich selbst als Polittunte.“

Doch dann ist in der Pressemitteilung doch noch von Neukölln als einem „armen, proletarischen Bezirk mit viel Kriminalität“ die Rede. „Vor zehn Jahren kamen wegen der billigen Mieten“ noch „die Künstler“, doch „seit fünf Jahren entwickelt sich Neukölln zum Hipster-Bezirk und Mekka für Spekulanten“. In gewisser Weise dürfte der Film also „ein Zeugnis“ dieses „Teils von Berlin“ sein, „der bald seine Künstler, die sich die Mieten nicht mehr leisten können, vertreiben wird“. Selbstverständlich vertreibt nicht ein Teil von Berlin. Die Eigentümer der Häuser und Wohnungen treiben die Preise für ihr Eigentum, dass sie vermieten oder verpachten in die Höhe. Das ist etwas anderes. In dem Film wird es darum ganz sicher nicht gehen. Es geht nur um „queere Überlebenskünstler unterschiedlicher Herkunft und sexueller Gesinnung“. Schade eigentlich.

Wer an der Kinostartpremiere von „Überlegen in Neukölln“ teilnehmen möchte, der möge am 23. November 2017 zu 20 Uhr ins Berliner Moviemento kommen. Regie und Protagonisten (Juwelia, José Promis, Kandis Williams, Rixdorfer Perlen, Wilfriede Richter, Markus Tiarks, Mischa Badasyan, Lothar Wiese, Joaquin La Habana, Siboney La Habana, Bernhard Beutler, Dani Alor, Ala, Zaitonnah, Aydin Akin, Marcel Weber, LCavaliero Mann, Patsy l’Amour laLove und Enana Alassar) der Doku sollen anwesend sein. Am 25. November 2017 werde laut Veranstalter „die Filmvorführung im Berliner Wolf-Kino umrahmt von einer Geburtstagsfeier Rosa von Praunheims, zu der auch die Protagonisten des Films, Juwelia und Joaquin La Habana, auftreten werden“. Viel Glück zum Geburtstag!




Baseball

„Curveball“ oder „Das Theater … als ein Ort des Täuschens, Manipulierens und Mutierens“

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Das Berliner nicht Keingeld- sondern Kleingeldtheater namens Theaterdiscounter bringt unerschrocken wie eh und je ein Stück auf die Bühne, dessen Titel Thema genug ist, mehr daraus zu machen. „Curveball“ lautet der Titel und nicht nur Sportskanonen, die Bälle mit Effet zu werfen wissen, ahnen, dass sich das Institut für Widerstand im Postfordismus an die Geschichte eines Agent des Bundesnachrichtendienst (BND) wagt, der als Zeuge “Curveball“ bei der Legitimierung des Irakkriegs durch Colin Powell vor den Vereinten Nationen (UN) eine wesentliche Rolle spielt. Dass die dessen Geschichte zugleich eine von vielen Skandalen des Auslandsgeheimdienstes der Bundesrepublik Deutschland (BRD) ist, das dürfte bei dieser Bühne wohl weniger von Belang sein.

Hinter dem Decknamen „Curveball“ soll sich Rafid Ahmed Alwan oder auch Rafid Ahmed Alwan El Dschanabi, der als Iraker mit BRD-Pass gilt. Als er 1999 in die BRD kam, um Asyl zu beantragen, so lautet seine auf Wikipedia nachzulesende Geschichte, habe er angegeben, Ingenieur und „Experte für chemische Kampfstoffe und Direktor einer Anlage zu deren Produktion in Djerf al Nadaf zu sein. Auch von mobilen Anlagen zur Produktion chemischer Kampfstoffe erzählte er.“ Wer es sagt oder was er sagte, das spielt im Grunde keine Rolle. Nützliche Idioten im Reich der „Spies and Lies“ finden sich immer, um die Wahrheit vor, während und nach Kriegen sterben zu lassen, um Massen von Menschen zu verdummen und zu verführen.

Auf der anderen Seite Aufklärer wie den damaligen Europachef der CIA Tyler Drumheller, der in auch in seinem Buch „Wie das Weiße Haus die Welt belügt“ (München, 2007) behauptet, er habe zuvor CIA-Chef George Tenet vor der Unzuverlässigkeit der Quelle gewarnt, oder namhafte Autoren des Politmagazins Kalaschnikow wie Stefan Pribnow, der unter der Überschrift „Über die kurzen Beine der Langfinger des Kapitals“ über Macht, Medien und Manipulationen im Zeitalter der Ölkriege schrieb.

„Die Performance rollt nun den Skandal wieder auf und stellt“ laut E-Mail-Einladung des Theaterdiscounters zur Premiere am 2. November 2017, 20 Uhr, „die Frage, wem wir warum Glauben schenken und wohin uns das Prinzip der Täuschung führen kann.“ Die Antwort dürfte schlicht und ergreifen ausfallen: Niemandem!

Doch weil das Theater auch in der BRD ein Theater ist, „rückt nicht zuletzt auch das Theater selbst als ein Ort des Täuschens, Manipulierens und Mutierens in den Fokus“. Mit anderen Worten: Gute Unterhaltung.




In der Schwangeren Auster ist das Haus der Kulturen der Welt untergebracht.

Ficken oder Forecast Festival

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). In der Schwangeren Auster im Berlin Tiergarten direkt an der Spree, findet in einigen Tagen das Forecast Festival statt. Dann präsentieren sich die Eingeladenen mit „wegweisende Ideen“. Oder auch nicht.

Jedenfalls soll aus dem Haus der Kulturen der Welt eine internationale Plattform werden, obwohl in englischer Sprache geredet werden soll. Deutsch ist denen wohl zu doof?! Gerne können die daher ohne mich „Eintauchen in sechs zukunftsweisende Projekte“ und Besucher beobachten, „was passiert, wenn sechs wegweisende Talente mit der Unterstützung von sechs führenden Mentoren die Grenzen zwischen Disziplinen verschieben“, wie es heute auf der Heimatseite des eingetragenen Vereins FORECAST – Skills heißt.

Laut Pressemitteilung vom 27.9.2017, würden „das Festivalprogramm … vielfältig“ sein und „von strahlungsabweisenden Möbeln bis zu Musik, die über die Nerven im Rücken spürbar wird, von einer Anleitung zum Aufstand gegen Polizeiformationen bis zu Pullovern, die von Algorithmen gestrickt werden“, reichen. Mir reicht schon die Pressemitteilung, um auf Abstand zu bleiben.

Und wer sich diese Leute von den Talenten über die Mentoren und Kuratoren bis hin zu den Schirherren anschaut, dem wird schon vorher übel, der will alles andere als „die Zukunft ertasten“. Was für ein Hirnfick!

Denn schon lieber auch am Freitag, den 20. Oktober, ab 18 Uhr, und am Samstag, den 21. Oktober, ab 16 Uhr, richtig ficken.




Kate Tempest will wegen Drohmails nicht in Berlin singen und sagt Konzert ab

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Statt am 6. Oktober 2017 im Hangar 5, einer Außenstelle der Berliner Volksbühne, zu singen, sagte Lyrikerin und Raperin Kate Tempest ab.

Die Berliner Volksbühne teilte in einer Pressemitteilung vom 20.9.2017 mit, dass „Ihr Management ATC in London … die Absage mit Drohungen gegen ihre Person“ begründet habe und zitiert wie folgt: „We have continued to receive personal threats via email and over social media and this is not a conducive environment in which to present our concert. Kate does not want to perform in such an aggressive atmosphere and I do not want to take a further risk with her mental health or potentially our team’s safety“.

Weiter heißt es in der Pressemitteilung der Volksbühne, dass Kate Tempest „im Zuge der Boykottaufrufe der BDS-Bewegung („Boycott, Divestment and Sanctions“) gegen das Berliner „Pop-Kultur“-Festival im August … in mehreren Presseartikeln als Unterstützerin dieser Bewegung genannt“ wurde, „weil sie sich 2015 zusammen mit 1.220 weiteren britischen Künstler*innen dazu bekannte, aus Solidarität mit den Palästinensern keine professionellen Engagements in Israel anzunehmen („Artists for Palestine“).“ Im Kulturexpresso berichtete ich im Beitrag „Das Festival Pop-Kultur und Der Boykott gegen die Besatzung“ (22.8.2017) darüber und auch, dass „Klaus Lederer, ein linker Lump, der vom Rostkehlchen über Quasselbuden des Kapitals bis in Staatsdienste flatterte“, … „zum Fernbleiben arabischer Musiker vom Festival ‚Pop-Kultur'“ erklärte, „dass er den Boykott ‚widerlich‘ findet und enttäuscht sei, wenn ‚Boykottaufrufe, Unwahrheiten und – anders kann ich es nicht nennen – Hass die Vorbereitungen auf das Festival beeinträchtigen'“. Dazu kommentierte ich: „Widerlich ist nicht nur Lederer, widerlich ist die seit 50 Jahren währende Unterwerfung des palästinensischen Volkes von und mit Israel.“

„Die israelische Regierung ist nicht die einzige Stimme des Judentums“

Kate Tempest sieht das nicht anders und teilte auf Facebook (https://www.facebook.com/katetempest/, 20.9.2017) mit: „Ich bin auf die Debatte in den deutschen Medien und den sozialen Netzwerken bezüglich meines geplanten Auftritts in Berlin aufmerksam geworden. Ich möchte klarstellen, dass ich über die Handlungen der israelischen Regierung gegen die palästinensische Bevölkerung entsetzt bin. Ich habe lange darüber nachgedacht und mich, gemeinsam mit vielen anderen Künstlerinnen und Künstlern, die ich respektiere, als Akt des Protestes dem kulturellen Boykott angeschlossen. Ich bin eine Person jüdischer Abstammung und zutiefst von den Vorwürfen, ich würde eine antisemitische Organisation unterstützen, verletzt. Die israelische Regierung ist nicht die einzige Stimme des Judentums. Dieser Auftritt war dazu gedacht, darauf aufmerksam zu machen, welchen Horror Migrantinnen und Migranten auf der Suche nach einem besseren Leben durchmachen müssen und Solidarität mit ihnen als Menschen zu zeigen und ich bin darüber enttäuscht, dass daraus ein politischer Spielball gemacht wurde. Ich bedauere, dass ich den Auftritt abgesagt habe, aber ich hatte das Gefühl, dass es weder ein angemessener noch ein sicherer Rahmen für mich wäre, meine Kunst zu präsentieren – ich hoffe das in Deutschland zeitnah wieder tun zu können. Ich bin dankbar für die Unterstützung des Teams der Berliner Volksbühne und wünsche ihnen nur das Beste.“

Nicht nur Tempest bedauern ihre Absage, auch Chris Dercon, der nach Frank Castorf neuer Intendant der Berliner Volksbühne ist. Laut Pressemitteilung der Volksbühne vom 20.9.2017 soll er gesagt oder geschrieben haben: „Ich bedauere es sehr, dass Kate Tempest sich entschieden hat, nicht in Berlin aufzutreten. Das ist eine riesige Enttäuschung für uns und die vielen Besucher, die sich auf das Konzert gefreut haben. Obwohl ich ihr Unwohlsein in dieser Situation verstehen kann, hätte ich mir gewünscht, dass sich die Künstlerin für einen Dialog mit ihrem Publikum geöffnet hätte. Dafür machen wir Kunst“.

Wer Tempest nun in Berlin nicht hören und sehen kann, der darf den Debütroman „Hold Your Own“ (deutsch: „Worauf du dich verlassen kannst“) lesen und erfahren, was die Autorin über das laut Verlag „finstere, schlagende Herz der Metropolen“ – wie Berlin, in dem Lumpen wie Lederer leben -, „das im alles überdauernden Takt von Drogen, Begehren und Freundschaft schlägt“, schreibt.