Ein „Fachmann für vergleichenden Fanatismus“ ist tot – Amos Oz starb heute in Jerusalem

Jerusalem, Israel (Kulturexpresso). Heute starb Amos Oz im Alter von 79 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung in Jerusalem. Das teilte seine Tochter Fania Oz-Salzberger auf Twitter mit.

Oz gehörte zu den herausragenden Schriftstellern Israels, der wie David Grossman und A.B. Jehoshua die Überzeugung vertrat, dass die Unabhängigkeit des palästinensischen Volkes in ihrem eigenen Staat neben dem Staat Israel die Basis für Frieden ist und deshalb für Israel genauso wichtig ist wie für die Palästinenser.

Oz, der sich als quasi Poetik-Prof in Tübingen als „Spezialisten für vergleichenden Fanatismus“ vorstellte, befasste sich genau damit in seinen drei Plädoyes und Essays, die Interessierte in seinem Buch „Liebe Fanatiker“ finden.

Er schreibt darin, dass „von Fanatikern … gegenwärtig die größte Gefahr“ ausgehe und zwar „auf dem gesamten Globus – als Terroristen führen sie Krieg gegen bestimmte Gruppen wegen deren Glaubens oder Hautfarbe, als Selbstmordattentäter ermorden sie wahllos Einzelne um ihren Glauben zu bezeugen und/oder wegen medialer Aufmerksamkeit.“

Oz, geboren am 4. Mai 1939 in Jerusalem als Amos Klausner und dort aufgewachsen, zum Schriftsteller in einem Kibbuz geworden, in der Friedensbewegung „Schalom achschaw“ (deutsch „Frieden jetzt“) aktiv gewesen, war aufgrund seiner Erfahrung für wahr ein „Fachmann für vergleichenden Fanatismus“ geworden, wie auch der Suhrkamp-Verlag meint: „in seinen Büchern lotet er dessen Abgründe aus, als Kommentator bekämpft er sie politisch, als Betroffener stellt er sich und anderen die Frage, wie man zum Fanatiker werden kann“.

Amos Oz, der zuletzt in Arad im Negev wohnte, war also Dichter und Denker, wußte jedoch Politik und Literatur zu trennen, konnte folglich politische und literarische Texte schreiben. Er konnte mit dem Panzer kämpfen wie im Sechstage-Krieg auf dem Sinai oder im Jom-Kippur-Krieg auf den Golan-Höhen, aber auch mit der Schreibmaschine.

Er, der für die friedliche Zwei-Staaten-Lösung stritt, schrieb beispielsweise: „Mein zionistischer Ansatz ist schon seit Jahren ganz einfach: Wir sind nicht allein in diesem Land. Wir sind nicht allein in Jerusalem. Das sage ich auch zu meinen palästinensischen Freunden. Ihr seid nicht allein in diesem Land. Es gibt keinen anderen Weg, als dieses kleine Haus in zwei noch kleinere Wohnungen aufzuteilen.“

Wohl geschrieben. Ohne die Russen ist das gemeinsame europäische Haus ein Widerspruch in sich, wie Israel ohne Palästina. Mal sehen, wer mit dem politischen Hausbau früher fertig wird.

So lange dürfen Leute, die lesen, zu den Büchern von Oz greifen, beispielsweise zu „Black Box“, „Allein das Meer“ und „Geschichte von Liebe und Finsternis“, aber auch zu „Liebe Fanatiker“, „Deutschland und Israel“ und „Wo die Schakale heulen“.




Hrant-Dink-Gedenken im Maxim-Gorki-Theater mit Filmen, Texten, Dokumenten, Gesprächen und Musik aus Anlass des 12. Todestages

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Am 19. Januar 2007 wurde der Journalist, Redakteur sowie Mitbegründer- und Mitherausgeber der türkisch-armenischen Wochenzeitung „Argos“ Hrant Dink beim Verlassen des Zeitungsgebäudes in Istanbul erschossen.

Im Berlin Maxim-Gorki-Theater möchten Berliner und solche, die es werden wollen, anlässlich seines zwölften Todestages am 19. Januar 2019 ab 17.00 Uhr, Bühne, Studio Я, Lichtsaal, an ihn erinnern und seiner Gedenken. 

Unter dem Titel „Hrant Dink (Ge)denken“ soll es Filme, Texte und Dokumente, aber auch Gespräche und Musik geben. Mitmachen würden laut Gorki-Presseinfo vom 13.12.2018 Gork Can Dündar, Sesede Terziyan, Mehmet Atesçi, Nedim Hazar, Merlyn Solakhan, Fethiye Çetin, Karin Karakşlı, Stepan Gantralyan und Meline Popovian.

Das Programm

17.00 Uhr Film Lichtsaal, Eintritt frei 
Ein Chor von Merlyn Solakhan, 65 min, 1996, dt. 
Anschl. Q&A mit Merlyn Solakhan 

Schwalbennest von Bülent Arınlı, 20 min, 2007, türk. m. dt. Untertiteln
Anschl. Q&A mit Nedim Hazar, Producer des Films

19.00 Uhr Gespräch Studio Я, Eintritt frei
12 Jahre später  
Fethiye Çetin, Anwältin der Familie Dink und Karin Karakşlı, Autorin der Zeitung Agos im Gespräch 

Bühne 20.30 Uhr
Gedenkveranstaltung: Hrant Dink (Ge)Denken (10 EU / erm. 8 EU)
Von und mit Can Dündar
sowie mit Mehmet Ateşçi und Sesede Terziyan Live-Musiker François Regis Szenische Einrichtung Hakan Savaş Mican und Arsinée Khanjian

Can Dündar, ehemaliger Chefredakteur von »Cumhuriyet«, hat eine Auswahl von Hrant Dinks Texten zusammengestellt, kontrastiert durch Protokolle des Prozesses gegen die Mörder.

Auf Türkisch und Deutsch mit englischen Übertiteln

Studio Я 22.00 Uhr Konzert, Eintritt frei
Konzert von Stepan Gantralyan und Meline Popovian  




Dokumentation: Das Caricatura Museum Frankfurt trauert um den Künstler und Mentor des Caricatura Museums F.W. Bernstein

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Aus gegebenem Anlass dokumentieren wir nachstehend die Pressemitteilung des Caricatura Museums vom 21.12.2018.

„Der Zeichner, Dichter und Satiriker Fritz Weigle, alias F.W. Bernstein, ist am 20. Dezember 2018 nach langer Krankheit gestorben. Bekanntheit erreichte F.W. Bernstein durch seine Arbeiten für die Satiremagazine Pardon und Titanic, die Mitbegründung der Neuen Frankfurter Schule und als Professor für Karikatur und Bildgeschichte in Berlin.

Geboren wurde F.W. Bernstein als Fritz Weigle am 4. März 1938 in Göppingen. Nach seinem Abitur 1957 studierte er an der Kunstakademie Stuttgart, wo er Robert Gernhardt kennen lernte. Später wechselte er an die Hochschule der Künste Berlin. Von dort aus nahmen er und Robert Gernhardt die ersten Kontakte zum 1962 gegründeten Satiremagazin Pardon auf. Nach ihrer Abschlussprüfung 1964 wurden sie Teil der Redaktion, zu der bereits Chlodwig Poth, Hans Traxler und F.K. Waechter gehörten. Bei Pardon war F.W. Bernstein zusammen mit Robert Gernhardt und F.K. Waechter für die Pardon-Beilage „Welt im Spiegel“, kurz WimS, verantwortlich und kultivierte hier den Nonsens in Text und Bild.

Die Gruppe dieser fünf Zeichner und der drei Autoren Pit Knorr, Eckhard Henscheid und Bernd Eilert, von denen ein Teil 1979 das Satiremagazin Titanic gründete, wurde unter dem Namen Neue Frankfurter Schule bekannt. Mit dem bekannten Tier-Zweizeiler „Die schärfsten Kritiker der Elche/waren früher selber welche!“ verschaffte F.W. Bernstein der Neuen Frankfurter Schule ihr Motto und inspirierte Hans Traxler zum Entwurf des Wappentiers. Oliver Maria Schmitt, Schriftsteller und ehemaliger Titanic-Chefredakteur, bescheinigt F.W. Bernstein eine Sonderstellung im „Kollegium der Neuen Frankfurter Schule“: „Er ist nicht nur der Einzige, aus dem was Ordentliches geworden ist…, sein Werk ist das im Gruppenkreise mit sicherem Abstand Sperrigste und Eigenartigste“.

Neben seiner satirischen Tätigkeit ging F.W. Bernstein als Lehrer in den Schuldienst. Später war er Akademischer Rat an der Pädagogischen Hochschule Göttingen und dozierte als Gast an der Hochschule für Bildende Kunst Kassel. Stets war er Förderer und Mentor junger Zeichnerinnen und Zeichner. 1984 führte dies zur Berufung auf die weltweit einzige Professur für Karikatur und Bildgeschichte an der Hochschule der Künste Berlin. Von dort aus arbeitete er freischaffend als Zeichner, Karikaturist und Schriftsteller u.a. für das endgültige Satiremagazin Titanic. Seine genialen Reime und Zeichnungen zeigen eine außerordentliche Vielseitigkeit in Stil und Material. „Er lässt sich gern von seinem Strich entführen, von der Feder in die Ferne tragen. Komik und Kunst machen sich selbständig, ohne Hinter- oder gar Verwertungsgedanken, manches bleibt erratisch, verschroben, schleierhaft“, so Oliver Maria Schmitt über ihn.

F.W. Bernstein wurde einem breiten Publikum durch seine zahlreichen und unvergesslichen lyrischen und satirischen Werke bekannt. Dazu gehört zum Beispiel die Gemeinschaftsarbeit mit Robert Gernhardt und F.K. Waechter „Die Wahrheit über Arnold Hau“ (1966), „Lehrprobe – Report aus dem Klassenzimmer“, veröffentlicht 1969 unter dem Namen Fritz Weigle, sowie das bis heute für die Gattung einzigartige „Bernsteins Buch der Zeichnerei – Ein Lehr-, Lust-, Sach- und Fach-Buch sondergleichen“ (1989). Erst jüngst erschien der Gedichtband „Frische Gedichte“ (2017) im Nachtrag zu „Die Gedichte“ (2003).

Noch umfangreicher als sein literarisches Werk gestaltet sich das zeichnerische Œuvre F.W. Bernsteins, das in zahlreichen Ausstellungen gewürdigt wurde. Allein über 3.000 Zeichnungen befinden sich im Besitz des Caricatura Museums Frankfurt, für dessen Gründung F.W. Bernstein mitverantwortlich war und das er bis zuletzt interessiert begleitete. Seit der Eröffnung im Jahr 2008 haben seine Zeichnungen einen festen Platz in der Dauerausstellung des Hauses.

Zudem wurde F.W. Bernstein mit zahlreichen Preisen geehrt: 2003 mit dem Göttinger Preis für Satire „Göttinger Elch“, der nach seinem berühmten Zweizeiler benannt wurde, im gleichen Jahr gemeinsam mit seinen Kollegen der Neuen Frankfurter Schule mit dem Preis der Binding-Kulturstiftung. 2007 erhielt er den „Heinrich-Schickhardt-Preis“ der Stadt Göppingen, 2008 den Wilhelm-Busch-Preis sowie den Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor, 2011 den Deutschen Karikaturenpreis für sein Lebenswerk. Am 14. März 2018 wurde er mit dem Ludwig-Emil-Grimm-Preis der Stadt Hanau geehrt, dort wurde aus diesem Anlass auch seine bisher letzte große Ausstellung gezeigt.

F.W. Bernstein lebte zusammen mit seiner Frau Sabine in Berlin. Er hat
zwei Kinder.“




L’ chaim! Auf das Leben! Jüdisch in Westfalen – Das Jüdische Museum Westfalen in Dorsten eröffnet am 16. Dezember eine neue Dauerausstellung

Dorsten, Deutschland (Kulturexpresso). Dass das Jüdische Museum Westfalen (JMW) in Dorsten „nach dreijähriger Vorarbeit und längerem Umbau eine neue Dauerausstellung, die dritte in seiner Geschichte“, eröffnen wird, das wird per Pressemitteilung des JMW vom 11.12.2018 mitgeteilt.

Die neue Ausstellung wird am 16. Dezember 2018 um 11 Uhr mit geladenen Gäste eröffnet. Tobias Stockhoff, Bürgermeister der Stadt Dorsten, und Museumsleiter Norbert Reichling werden sprechen. Grußworte von Klaus Kaiser, Parl. Staatssekretär im Ministerium für Kultur und Wissenschaft NRW, Eckhard Uhlenberg, Präsident der NRW-Stiftung, und Dieter Gebhard,
Vorsitzender der LWL-Landschaftsversammlung, werden erwarten. In einem Gespräch werden Cordula Lissner, Thomas Ridder und Elisabeth Cosanne-Schulte-Huxel die neue Dauerausstellung erläutern. Anschließend soll Musik von „Schwarz-Rot-Atemgold“ im ganzen Haus erklingen. Ab 14 Uhr lädt Prof. Dr. Miriam Rürup, Direktorin des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden, Hamburg, zu Gesprächen in der Ausstellung.

Ab 16 Uhr wird das JMW für alle geöffnet und alle sind herzlich eingeladen in eine Ausstellung, welche „die wichtigen Themen, die beibehalten werden sollten, in veränderter Gestalt“ fortführe. Zudem berühre die neue Dauerausstellung „Aspekte wie jüdische Vielfalt, Ein- und Auswanderung, jüdische Ethik und Jüdischsein in der Gegenwart“. Außerdem sei „die Darstellung der jüdischen Lebenswege“ erweitert und vertieft worden. Zudem würden „neue Techniken und Medien eingesetzt“.

Darauf, dass „die klassische Vitrinenausstellung … größtenteils einer Präsentation, die zum Mitmachen“ animiere, weichen würde, weist
Thomas Ridder vom JMW ausdrücklich hin. „Digitalisierung und Interaktion ist wichtig und gewollt.“

Nichts gegen eine lebhafte Ausstellung mit neuen Techniken und Medien und Digitalisierung , doch in erster Linie ist eine Ausstellung eine Sammlung von Gegenständen ist, die öffentlich gezeigt werden, mithin ein Ort der Erinnerung und der Gedanken und somit der Zukunft zugewandt.

Das Motto dieser Dauerausstellung trifft mit „L‘Chaim! – Auf das Leben!“ daher den Nagel auf den Kopf – vor allem wenn man weiß, dass L‘Chaim! auch ein Trinkspruch ist und sich dieser wie fast alle Trinksprüche auf die Zukunft bezieht. Besondern bei Verlobungsfeiern ist dieser Trinkspruch in der hebräisch sprechenden und jüdischen Welt häufig zu hören, weshalb das Fest als ganzes auch den Namen L’Chaim trägt.

Jüdisches Museum Westfalen

Julius-Ambrunn-Straße 1, 46282 Dorsten

Kontakt: Telefon: 02362 4 52 79, E-Mail: info@jmw-dorsten.de




"Publikumsbeschimpfung" von Peter Handke in den Kammerspielen in Berlin.

Publikumsbeschimpfung in den Kammerspielen – Aufstand oder Aufstehen?

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Endlich wieder eine richtige Publikumsbeschimpfung in einem Deutschen Theater. Nein, nicht wirklich. Es ist „nur“ ein Stück. Ein Stück von Peter Handke. Ein Stück? Ein Sprechstück. In einem Akt. Ein Abwasch sozusagen, der Ausdruck seiner Ablehnung des herrschen Falschen war, des kleinbürgerlichen Nachkriegstheaters im besetzten Westdeutschland.

"Publikumsbeschimpfung" von Peter Handke in den Kammerspielen in Berlin.
„Publikumsbeschimpfung“ von Peter Handke in der Regie von Martin Laberenz. © 2018, Foto: Julian Marbach

Das Original wurde am 8. Juni 1966 in Frankfurt am Main im Theater am Turm erstmal aufgeführt. Damals führte Claus Peymann Regie. In ein paar Tagen, genauer am 6. Oktober 2018, wenn das Stück in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Premiere haben soll, wird Martin Laberenz Regie führen. Nach dem Stück darf das beschimpfte Publikum Party feiern. Mit dem Regisseur. Mit dem Sprecher auch? Nein, denn es soll gespielt werden. Schauspieler sollen spielen und auf die Namen Manolo Bertling, Peter René Lüdicke, Jeremy Mockridge, Batali Seelig, Johann Jürgens / Leo Schmidthals und Birgit Unterweger hören. Spielen auf einer von Volker Hintermeier gestalteten Bühne und in von Aino Laberenz Musik Leo Schmidthals gefertigten Kostümen.

Was sich Laberenz mit seinen Dramaturgen Jan Hein und Katrin Spira da wohl wieder ausgedacht hat? Wollen wir sehen. Am Samstag, den 6. Oktober 2018, ab 19.30 Uhr.

Ob er „Aufstand gegen das Bestehende“ (Peymann) heute noch zum „Aufstehen“ (Lafontain/Wagenknecht und so weiter) reicht?

Oder wie Fragen in der Pressemitteilung des Deutschen Theaters vom 26.9.2018 lauten: „Was hat es noch auf sich mit diesem Stück, das in Tiraden an das Publikum gipfelt, um sich am Ende beim Zuschauer zu bedanken? Was will, kann, darf und fordert das Theater und was das Publikum – wie treffen sie am Abend selbst aufeinander?“

„Schaun mer mal, dann sehn mer scho.“ (Beckenbauer)




Nie wieder Rodeo – Kritik zum relativ unkritischen Film „Der Reiter“

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Verstanden zu Zeiten, als der Norden Amerikas noch von Ureinwohnern gesäubert werden musste, die Einwanderer unter Rodeo das schnelle Einreiten von Wildpferden und die Arbeit mit dem Lasso, so ist das heute eine Schauveranstaltung, bei der keine Wildpferde einsetzt werden, sondern für wenig Geld gekaufte Tiere, die als „nicht reitbar“ gelten.

Das wird in dem Film „Der Reiter“ zwar nicht thematisiert, aber auch nicht verheimlicht, aber das Drehbuch und die Kamera (Joshua James Richards) rotieren um die raue und harte Prüfung menschlicher Fähigkeiten und um die Frage nach Männlichkeit und Mut, dem Sieg über die eigene Angst und die des ängstlichen Fluchttieres, das keine Chance hat – wie die Ureinwohner Nordamerikas keine Chance gegen die Einwanderer hatten.

Die Organisation PETA nennt Rodeo eine „billige und manipulierte Darstellungen der primitiven menschlichen Dominanz über Tiere, versteckt hinter einer mageren Verkleidung als Unterhaltung“. Das dokumentiert der Film, der als Neo-Western von Hofberichterstattern und solchen, die das werden wollen, abgefeiert wird, sehr selten. Chloé Zhao, die sowohl das Drehbuch schrieb als auch Regie führte, wollte wohl eine Erzählung über den jungen indianischen Pferdetrainer Brady Blackburn (Brady Jandreau), der in Folge eines verhängnisvollen Sturzes aus dem Sattel mit einer beinahe tödliche Kopfverletzung gezwungen ist, das Rodeo aufzugeben. Mit einer verkrampfenden Hand kann er im Notfall nicht rechtzeitig vom Pferd springen, aber immerhin noch gemütlich über die Prärie reiten.

Die Geschichte spiel in einem Indianereservat in South Dakota. Brady lebt fünf Jahre nach dem Tod seiner Mutter mit seiner geistig behinderten Schwester und seinem mehr oder minder von Alkohol abhängigen und nach Glücksspiel süchtigen Vater. American life also, wie er seltener gezeigt wird.

Das Besondere: die spielen sich alle selbst – der Hauptdarsteller, die Schwester und der Vater. Auch die anderen sind Laiendarsteller. Bradys bester Freund Lane Scott, ein einst erfolgreicher Rodeo-Champion, der seit einem Autounfall (im Film ist es ein Rodeo-Unfall) körperlich schwer behindert in einem Pflegeheim wohnt, ist ebenfalls in die Handlung einbezogen. Auch Cat Clifford spielt Cat Clifford, Terri Dawn Pourier spielt Terri Dawn Pourier, Tanner Langdeau spielt Tanner Langdeau und James Calhoon spielt James Calhoon.

Cool? Das fanden zumindest einige Cineasten, sie zeichneten die Filmemacher und vor allem Chloé Zhao mehrfach aus, obwohl der Film unkritisch mit dem Rodeo an sich umgeht, als sei das nur die Hintergrundrauschen oder -geschichte eines jungen Mannes auf seinem Weg ins Leben, der sich nicht fragt, wer es ist, aber scheinbar weiß, was er will.

Rodeo ist viel mehr. „Elektroschock-Stäbe, Stäbe mit scharfen Spitzen, ätzende Salben und anderes Folterwerkzeug, das in den USA bei Rodeos verwendet wird, um die Tiere zu reizen und in Wut zu bringen“, sei laut PETRA Tierquälerei. Die oft äußerst eng geschnürten Flankenriemen sind Folterwerkzeuge, damit die Tiere, die „Rodeo-Pferde“ bocken.

PETRA verweist zudem auf Dr. C. G. Haber, einem Tierarzt, „der 30 Jahre seines Lebens als Bundesfleischbeschauer in den USA zubrachte“. Haber sei „in Schlachthäusern tätig“ gewesen und habe „viele ausrangierte ‚Rodeo-Tiere‘, die zum Schlachten verkauft worden waren“ gesehen. Er beschrieb die Tiere als „so extrem mit Quetschungen und blauen Flecken versehen, dass diese Tiere nur noch am Kopf, Nacken, an Beinen und Bauch Haut auf dem Fleisch besaßen. Ich habe Tiere gesehen, die sechs bis acht Rippen vom Rückgrat gebrochen hatten, die ihnen teilweise sogar die Lunge durchstoßen hatten. Ich habe gesehen, wie sich sieben bis elf Liter Blut unter der abgelösten Haut gesammelt hatten.“

Nein, das alles zeigt der unkritische, bisweilen kitschige und dabei durchaus wirklichkeitsnahe Film nicht.

Filmografische Angaben

Originaltitel: The Rider
Deutscher Titel: Der Reiter
Land: Vereinigte Staaten von Amerika
Jahr: 2017
Regier und Buch: Chloé Zhao
Kamera: Joshua James Richards
Musik: Nathan Halpern
Schnitt: Alex O’Flinn
Länge: 104 Minuten
Altersfreigabe FSK ab 12




Marlene Dietrich

Die Dietrich in Dorsten – Marlene-Ausstellung im Jüdischen Museum Westfalen

Dorsten, Deutschland (Kulturexpresso). Eine Ausstellung wandert ins Jüdische Museum Westfalen, genauer gesagt: eine Marlene-Ausstellung. Richtig, die Dietrich in Dorsten. Marlene Dietrich!

Der deutscher Weltstar im Einsatz gegen Hitler-Deutschland machte sich hierzulande unbeliebt – laszive Lola mit den Langen Beinen im Cineastenklassiker „Der blaue Engel“ hin oder „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ her.

Marlene Dietrich
Marlene Dietrich, Porträt für eine Promotion, 1965. © Marlene Dietrich Collection Berlin

Vor allem diess Kapitel im Leben und Werk der Diedrich scheint die Ausstellung im Jüdischen Museum Westfalen (JMW) mit dem Titel „Marlene Dietrich. Die Diva. Ihre Haltung. Und die Nazis.“ zu behandeln. Und das ist gut so.

In der Pressemitteilung des JMW vom 21.8.2018 heißt es dazu, dass die Ausstellung „einen weniger beachteten Bereich ihres Lebens“ thematisieren würde und zwar „ihr Verhältnis zu Deutschland und den Deutschen, zu Unrecht, Krieg und Frieden“. „Anhand zahlreicher Dokumente, Fotografien und weitgehend unbekannter Filmsequenzen rekonstruiert die von der Gedenkhalle Oberhausen entwickelte Wanderausstellung, für welche Haltung diese Frau ihr gesamtes Leben stand.“

Um die Haltung der Hauptdarstellerin berühmter Filme anzudeuten, wird in der Pressemitteilung Folgendes mitgeteilt: „Nachdem Marlene Dietrich 1944 bereits vor zahlreichen US‐Soldaten in Italien aufgetreten war, führte sie ihre zweite Tournee für die amerikanischen Streitkräfte im Herbst/Winter 1944/45 auch in das belgisch‐deutsch‐niederländische Grenzland. Unter anderem gastierte sie in Eupen, St. Vith, Verviers und Spa, in Aachen und Stolberg, sowie in Heerlen und Maastricht.“

Marlene Dietrich
Marlene Dietrich besucht GI´s. © Marlene Dietrich Collection Berlin

Marlene sorgte also bei den Feinden des Faschismus, bei den Feinden Hitler-Deutschlands für die Moral.

Dass dieses Tun auf Seiten der US-Amerikaner der Dietrich „bei ihrer Deutschland‐Tournee 1960 von Teilen der deutschen Öffentlichkeit massiv vorgeworfen“ wurde, das wundert wenig. Genau so wenig wie die Tatsache, das die Diva „zur gleichen Zeit … in Israel oder auch in Polen gerade für diese Haltung“ gefeiert wurde.

Verständlich also, dass sie nach dieser Erfahrung „nur noch selten nach Deutschland“ reiste. „Erst mit ihrem Tode 1992 kam sie wieder in ihre alte Heimat Berlin, in der sie 1901 als Marie Magdalene Dietrich zur Welt gekommen war und sich so früh wie eigensinnig in „Marlene“ umbenannt hatte. Ihr Grab gehört zu den Ehrengräbern Berlins.

In der Marlene-Ausstellung, die dank der umfassenden Unterstützung durch die Marlene-Dietrich-Collection-Berlin, die den 1993 von der Stadt Berlin übernommenen gesamten Nachlass dieser Künstlerin von Weltruf verwaltet, realisiert wurde, sollen „vielen Fotografien aus ihrem Leben, … zahlreiche Dokumente und Filmsequenzen“ zu sehen sein.

Die Ausstellung wird im JMW Dorsten vom 26. August bis zum 16. Dezember 2018 gezeigt werden.




Hannes Jaenicke "Im Einsatz für Geparden".

Hannes Jaenicke ist wieder „Im Einsatz“, dieses Mal „für Geparden“

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Hannes Jaenicke ist wieder im Einsatz. Dieses Mal für Geparden. In der Dokumentation des ZDF ist neben Jaenicke vor allem die Forscherin Dr. Laurie Marker zu sehen Raubkatzen ganz nah: der prominente Tierschützer an der Seite von in Namibia.

Dorthin führt Jaenicke seine Reise im Einsatz für Geparden, denn dort würden „die Gepardenbestände“ laut ZDF „als stabil“ gelten. Diese „Erfolgsgeschichte“ sei „vor allem der unermüdlichen Arbeit der amerikanischen Wissenschaftlerin und Geparden-Expertin Dr. Laurie Marker zu verdanken“, die „vor über 30 Jahren … in Namibia eine Organisation zum Schutz von Geparden“ namens Cheetah Conservation Fund (CCF) gründete. Außerhalb des Gebietes der CCF würden jedoch 95 Prozent der Geparde leben und das nicht gut. Sie würden von der Bevölkerung „erschossen oder vergiftet“ werden, weswegen Volksaufklärung eine wichtige Arbeit der CCF sei, der laut ZDF auch „den illegalen Handel mit Gepardenbabys zu bekämpfen“ versuche.

Doch weil exotische Haustiere bei der Bourgeoisie immer beliebter werde, geht Jaenicke diesen Weg, den die Geparden nehmen, nach. „Er besucht im Ruhrgebiet das größte Zoogeschäft der Welt, beleuchtet den florierenden Onlinehandel, trifft Experten von Tier- und Artenschutzorganisationen und Zoos, versucht Licht in den Dschungel deutscher Gesetze zu bringen. So ist, wie ein Beispiel in der schwäbischen Stadt Heilbronn zeigt, Privatleuten die Haltung von Geparden gestattet, solange es sich nicht um Tiere aus freier Wildbahn handelt, sondern um Nachzuchten.“

Immerhin trifft der Star der Serie die Tiere „am Ende seiner Reise“ auch in Freiheit: in einem privaten Naturreservat in Südafrika. Ende gut, alles gut?

Nein, denn weltweit sollen nur noch 7000 Geparde in Freiheit leben, aber Hunderte würden als Haustiere gehalten werden. Geparde im Garten? Nein!

Zur immer kleiner werdenden „freien Wildbahn“ und der Dezimierung der Bestände sagt Jaenicke: „Habitatverlust und Flächenfraß sind nicht nur in Afrika ein großes Problem. Auch bei uns in Deutschland werden Tag für Tag mehrere Fußballfeld-große Areale an Grünflächen vernichtet. Und wir müssen auch nicht jeden Wolf gleich erschießen, der unseren Siedlungen zu nahe kommt. Wir reden immer von Raubtieren, Nutztieren, Schadtieren, Beutetieren, Haustieren – aber alle diese Definitionen werden von uns Menschen gemacht. Dabei ist jedes Tier Teil der Natur und deshalb schützenswert.“

Hannes Jaenicke: Im Einsatz für Geparden

Dienstag, 9. Oktober 2018, 22.15 Uhr, ZDF

Filmografische Angaben

Titel: Hannes Jaenicke: Im Einsatz für Geparden
Buch und Regie: Eva-Maria Gfirtner, Judith Adlhoch
Kamera: Markus Strobel, Tim Henkel
Schnitt und Sounddesign: Jan-Philipp Stahl
Ton und Flugaufnahmen: Harley Dietrich, Tim Henkel
Mischung: Alexander Catarinelli
Grafik: Magnet FX
Sprecher: Hannes Jaenicke, Judith Adlhoch
Wissenschaftliche Beratung: Birgit Braun AGA Artenschutz
Archive: Vice, Transterra Media
Produktionsleitung: Janna Sperling (Tango Film) und Cora Szielasko-Schulz, Petra Ziegler (ZDF)
Redaktionelle Mitarbeit: Pinar Aydin
Executive Producer: Markus Strobel, Hannes Jaenicke
Redaktion: Renate Marel
Produktion: Tango Film GmbH und Pelorus Jack Filmprods LLC im Auftrag des ZDF




Szene aus dem Film "Hotel Artemis" von Drew Pearce.

Fotoreportage: Jodie Foster führt als alleinunterhaltende Oberärztin mit Mount Everest als Gehilfen im Film „Hotel Artemis“ durch L.A.s Club-Krankenhaus für Kriminelle aller Couleur

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Im Film „Hotel Artemis“ führt Jodie Foster als gealterte Schwester ein Kleinstkrankenhaus für Großganoven in einem Moloch namens Los Angeles. Draußen zieht eine Revolte durch die Metropole, drinnen zieht Foster als alte Frau alle Register ihrer Schauspielkunst, die ihr Drehbuchautor und Regisseur Drew Pearce bietet.

Die düstere Geschichte spielt in dunklen Räumen, genauer gesagt in L.A.s exklusivstem Club-Krankenhaus für Kriminelle aller Couleur, in dem es in bester Action- und Krimi-Manier drunter und drüber geht.

Mehr Text zu den Bildern im Beitrag Bis die Polizei kommt oder Jodie Foster als Engel der Bengel im Einsatz in L.A. – Zum Film „Hotel Artemis“ von Lenina Sachs.




Der Buchladen der Florence Green

Fotoreportage: Freiheitskämpfchen in einem Fischerdörfchen in dem Film „Der Buchladen der Florence Green“ von Isabel Coixet

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Auf der 68. Berlinale lief im Februar 2018 ein beachtlicher Beitrag aus dem kleiner gewordenen Großbritannien, nebenbei bemerkt auch aus Spanien und Deutschland, der im Jahr 2017 produziert wurde. Bei „Der Buchladen der Florence Green“ handelt es sich um eine Literaturverfilmung von Isabel Coixet, die nicht nur Regie führte, sondern auch das Drehbuch schrieb und zwar auf Basis des Buches „The Bookshop“ von Penelope Fitzgerald.

Mehr Text zur Fotoreportage im Beitrag Emily Mortimer und Bill Nighy beim Freiheitskämpfchen in einem Fischerdörfchen gegen Patricia Clarkson – Zum Film „Der Buchladen der Florence Green“ von Isabel Coixet von Paul Puma.