Berlinale jetzt in Tanger. Christoph Terhechte präsentiert aktuelle Filme wie „The Tokyo Night Sky Is Always the Densest Shade of Blue“

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© Andreas Hagemoser 2017

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Am 20. Februar waren die Internationalen Filmfestspiele Berlin vorbei. Doch nun werden sie in Marokko gezeigt. Im halben Dutzend. Ohne Wettbewerb, das Panorama ist der Atlantik und die Retrospektive finden Sie in der Altstadt. Sparmaßnahmen? Nicht direkt. Verhinderung von Fluchtbewegungen? Schon eher, doch bevor man das dritte Mal rät und den kürzeren zieht, hier die Auflösung:

Die Berlinale ist mit speziell kuratierten Programmen international bei Filmfestivals oder anderen kulturellen Veranstaltungen präsent. Diese Aktivitäten firmieren als Berlinale Spotlight. Vom 24. bis 26. März wird das ‚Berlinale Spotlight: Forum‘ zu Gast in der „Cinémathèque de Tanger“ in Marokko sein.

In Tangers ‚Cinéma Rif‘ vermitteln an diesem Wochenende sechs ausgewählte Filme aus den Produktionsländern Argentinien, Brasilien, Deutschland, Israel, Japan, Kanada, Katar, Kolumbien, Marokko und den USA einen Eindruck von der diesjährigen Filmauswahl der Sektion Forum.
Eröffnet wird das Programm mit dem Dokumentarfilm „Tigmi n Igren“ („House in the Fields“, „Das Haus in den Feldern“) von Tala Hadid, dem Porträt zweier Schwestern, die in einem Dorf im Atlasgebirge aufgewachsen sind.

Auch „Crossing The Seventh Gate“ ist ein marokkanischer Film.

Werden hier Eulen nach Athen getragen? Erstens nicht nach Griechenland, zweitens und drittens ganz in die Nähe von Atlas und Casablanca. Das „weiße Haus“ ist der Titel eines der berühmtesten Filme der jungen Geschichte dieses Mediums und das Gebirge Namensgeber buchgebundener (Welt-)Kartenwerke schlechthin und inspirierend auch in der Literatur (vgl. „Atlas shrugged“/ „… wirft die Welt ab“ von Ayn Rand).

Zudem werden immer wieder auch westliche Großproduktionen in Marokko gedreht, wenn es darum geht, dem Publikum Saudi-Arabien, den Jemen oder Oman zu suggerieren. Die Filmbranche ist also häufig am Nordwestzipfel Afrikas zu Gast, der den Kanarischen Inseln so nah ist, dass der Wüstensand dort riesige Dünen bildete und man auf Gran Canaria auf Kamelen durch die „Wüste“ reiten kann.

Erdkunde und die Locations

Die geographische Vielfalt des Landes im Maghreb lässt kaum visuelle Wünsche übrig. Location Scouts geben sich hier die Klinke in die Hand.

Erdkundliche SchnellORIENTierung: Tanger und Ceuta liegen an der Straße von Gibraltar. Beides sind Fährhäfen mit Flughafenanschluss. Stellt man sich diese Spanien nächstgelegene Landmasse bildlich vor wie einen abgebrochenen Zahn, liegt Tanger links Richtung offenem Atlantik und Ceuta rechts oben. Viel weiter östlich auf der nächsten weit ins Mittelmeer hineinragenden Landzunge liegt Ceutas Schwesterstadt und europäische Enklave Melilla am Ostrand der dortigen Halbinsel.
Casablanca (kurz ‚Casa‘) liegt viel weiter südlich an der Atlantikküste noch jenseits von Rabat. Noch weiter unten auf unseren genordeten Karten dann die Hafenstadt Agadir.
Zöge man eine Linie als Verlängerung der marokkanischen Südgrenze in den Atlantik hinein, könnte man die zum Euroraum gehörenden kanarischen Inseln auf diese Linie stellen. Die Eilande liegen teils nur 80 Kilometer und noch weniger Seemeilen vom Festland entfernt, am nächsten Fuerteventura und Lanzarote.

Ein Wort der Direktorin der Cinémathèque

Malika Chaghal, die Direktorin der Cinémathèque, freut sich, dass das erste Berlinale Spotlight: Forum in Tanger mit dem 10jährigen Jubiläum ihrer Institution zusammentrifft: „Wir feiern mit dieser Veranstaltung unseren zehnten Geburtstag und bieten unserem Publikum damit die Gelegenheit, Filme jenseits des Verleihangebots in marokkanischen Kinos zu entdecken.“

Christoph Terhechte, Leiter der Sektion Forum, wird das „Berlinale Spotlight: Forum“ an der Cinémathèque de Tanger in Marokko präsentieren.

Die Filme des Programms (Reihenfolge ist keine Wertung oder Wichtigskeitsrangfolge):

1. Tigmi n Igren (HOUSE IN THE FIELDS) von Tala Hadid, Marokko/ Katar

2. MENASHE von Joshua Z Weinstein, USA/ Israel/ Kanada

3. Yozora ha itsu demo saikou mitsudo no aoiro da (THE TOKYO NIGHT SKY IS ALWAYS THE DENSEST SHADE OF BLUE) von Yuya Ishii, Japan

4. RIFLE von Davi Pretto, Brasilien / Deutschland – Berlinale-Talents-Alumnus, Talent Project Market 2015

5. Adiós entusiasmo (SO LONG ENTHUSIASM) von Vladimir Durán, Argentinien/ Kolumbien

6. Obour al bab assabea (CROSSING THE SEVENTH GATE) von Ali Essafi, Marokko

Da Englisch die Festivalsprache der Berlinale ist, sind die englischsprachigen Titel in Großbuchstaben angezeigt.
Dem einen oder anderen mag verwundern, dass der Film Nummer 2 hier gezeigt wird und werden darf, doch eine nähere Beschäftigung mit den marokkanischen Juden, die nicht restlos in die Alija gegangen sind, wird Verständnis und Erkenntnis bringen.

Solange die Berlinale nicht dauerhaft und für immer ganz umzieht oder sich gar in Tangerinale umbenennt, scheint dieses „Spotlight“ insgesamt eine gute Idee gewesen zu sein. Da wird so manchem ein Scheinwerferlicht aufgehen.

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