Swiss Rebels

Schweizer Rebellen fotografiert von Karlheinz Weinberger

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Der Verlag Steidl präsentiert in seinem neusten Bildband Aufnahmen des Schweizer Fotografen Karlheinz Weinberger. Die Bilder des Buches stellen einen Querschnitt seiner Arbeiten dar.

Unter dem Titel „Swiss Rebels“ zeigt Weinberger, der ein Fabel für Außenseiterkulturen hatte, meist auf Schwarz-Weiss-Aufnahmen, dass in der Schweiz der sechziger und siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Jugend in der Öffentlichkeit rebellisch auftrat.

Das Buch beginnt mit dem Frühwerk ab 1953. Weinberger lichtet Bauarbeiter mit freiem Oberkörper und bei der täglichen Arbeit ab, beispielsweise im Straßenbau der Eidgenossenschaft. Es folgen die Jahren von 1959 bis 1960. Starke Straßenarbeiter und tolle Tankwart geraten in den Fokus. Von 1955 bis 1964 fällt der Blick des Betrachters auf Halbstarke. Jugend mit Jeans. Beinkleid waren Bastion gegen das Establishment. Harte Haarschnitt und Zigaretten im Mundwinkel waren Mode.

Mann und Frau treffen sich auf Jahrmärkten zum Rumhängen oder zum Ringkampf in der Arena. Im Herzen und Kopf die Rock-and-Roll-Musik von Elvis Presley.

Von 1958 bis 1964 erfasst Weinberger mit seiner Kamera die Mode der Halbstarken in den Schweizer Straßen. Mit großen Gürteln und gewagten Halsketten versuchte sich die Jugend der Berge in Szene zu setzen.

1963 und 1964 traf sich der Jugendkult auf der St. Petersinsel in der Schweiz. Dort wurde getanzt, gezeltet und Lebensstil präsentiert. In Tarzan-Badehose gingen Jung und Alt ins kühle Nass.

Von 1967 bis 1989 stehen die Rocker in der Schweiz auf dem Zettel des Fotografen. vor allem steht die Kutte auf den unentbehrlichen Ausstattungslisten der nachwachsenden Generation. Weinberger fand und fotografierte in der beschaulichen Schweiz sogar einen Ableger der Hells Angels.

1967 bis 1984 dient die Rückenbeschriftung der Kutten der Schweizer Biker als Motiv.

„Born to be wild“ lautet das Motto der Bilder in den Jahren von 1970 bis 1987. Jetzt beginnt die Zeit, in der es chic ist, sich seine Lebenseinstellung auf die Haut brennen zu lassen.

Das alles und vieles mehr in einem Bildband der Extraklasse, der einen guten Einblick in das Gesamtwerk des Schweizer Fotografen Karlheinz Weinberger bietet, herausgegeben von Esther Woerdehoff.

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Karlheinz Weinberger, Swiss Rebels, Herausgegeben von Esther Woerdehoff, Buchgestaltung: Gerhard Blaettler, 240 Seiten, 165 Abbildungen, Fester Einband, Leineneinband, Format: 22 x 30 cm, Deutsch, Steidl Verlag, Juli 2017, ISBN: 978-3-95829-380-9, Preis: 65,00 EUR




Doron Rabinovici

Ein moralisches Buch über die Invasion von Außerirdischen – Annotation zu „Die Außerirdischen“ von Doron Rabinovici

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Klingt komisch, ist aber so. Und ist ganz und gar nicht komisch. Der Ich-Erzähler Sal erwacht in unserer Welt und sieht sich via Fernsehbildschirm mit der Invasion von Außerirdischen konfrontiert. Nach anfänglichen Unruhen innerhalb der Bevölkerung läuft alles ganz normal, die Außerirdischen halten sich zurück, erscheinen nach ein paar Wochen zum ersten (und letzten Mal) in Turnschuhen und Shirts und erinnern in ihrer Performance an die Auftritte von Zuckerberg und Co. Alles schön schluffig und supercool.

Letztlich haben sie nur einen Wunsch, ab und an einen Erdenbürger zu vernaschen. Zu diesem Zweck wird ein Spiel installiert. Junge, hübsche und nicht sonderlich intellektuelle Kandidaten treten im Schlag den Raab-Stil gegeneinander an, der Gewinner kommt auf eine Palmeninsel, der Verlierer wird geschlachtet. Im Lauf der Geschichte kommt Sol auch auf die Insel der vermeintlichen Glückseligkeit, allerdings als Gefangener, weil er Widerstad gegen das Spiel und dessen Organisatoren leistet. Das große Spiel wird von Menschen geregelt, von Menschen vermarktet und von Menschen bis zur letzten Konsequenz abgewickelt. Denn zuletzt steht: Das Schlachten.

Rabinovicis Kosmos ist extrem – und das ist gut so. Er schildert in drastischen Szenen, wozu wir Menschen in der Lage sind. Das erinnert nicht zufällig an den Holocaust, besonders die Vivisektionsszenen auf der Insel sind in ihrer Härte schwer auszuhalten. Der Mensch ist Lamm und Wolf, nur wenige behalten ihre Würde und organisieren den Widerstand. Auch wenn einige kosmische Fakten etwas durcheinandergeworfen wurden, ist es ein beeindruckendes und mitreißendes Buch, das weniger durch wunderschöne Sätze, als durch starke Dant`sche Höllenritte besticht.

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Doron Rabinovici, Die Außerirdischen, Roman, 255 Seiten, gebunden, Suhrkamp Verlag, Berlin 2017, ISBN: 3-518-42761-3, Preise: 22,00 EUR (D), 22,70 EUR (A), 31,50 Fr




Nikita Afanasjew

Nikita Afanasjew schickt uns in seinem Debutroman „Banküberfall, Berghütte oder ans Ende der Welt“ den Mann mit allen Eigenschaften auf den Hals

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Die Wirklichkeit ist langweilig. Immer die gleichen Rituale, ständig gibt es Spaghetti mit Thunfischsoße, keiner kümmert sich um die Obdachlosen Berlins und der Wetterfrosch ist ein Faschist! Wer nicht aufpasst, landet mit dreißig schon im Altersheim der verlorenen Seelen.

Nikita Afanasjew hat ein vielschichtiges Buch vorgelegt. Auf 304 Seiten geht es ums das richtige Leben im falschen, um Lebensmut- und Lebensfeigheit und die ewige Frage nach dem Sinn der ganzen Angelegenheit.

N.A. verlegt die Handlung seines Romans ins Berlin der Gegenwart. Die Protagonisten tummeln sich in der großen Szene der sogenannten Kreativen, deren Mikrokosmos keinem weh tut und darin besteht, die Tasse kreisen zu lassen. Der Maler Jakob Ziegler hat die dreißig überschritten und steht vor einer inneren Zäsur. Ziegler hat nach anfänglichen Erfolgen die Malerei ein wenig schleifen lassen und gibt sich ganz dem süßen Leben eines Tagediebs hin. Der Onkel zahlt die Ateliermiete, die Freundin und ein paar Kollegen kümmern sich um die Unterhaltung und die Mittelchen, um das ganze Nichts ein paar Stündchen zu verschatten.

Doch irgendwo im Resthirn schlummert Zieglers Wille und lässt ihn die Kunstfigur Johann Zeit schaffen. Ein Kunst-machendes-Wesen mit „allen Eigenschaften“. Erfolgreich, progressiv, gutaussehend. Schnell findet sich ein Werbeagent, der Johann Zeit Flügel verpasst, Leben einhaucht und Jakob Zeigler die Figur kurzerhand kapert. Während Zeigler auf der Suche nach der wahren Kunst ist, hat der Werber Sinn für persönlichen Profit. Indes sein Erfinder Ziegler immer tiefer in die Krise schlittert, bewegt Zeit via Guerillawerbung schnell die Herzen des zwitschernden Schwarms in Internet und real Live.

Als ein Brief auftaucht, den er sich ein paar Jahre vorher selbst zu seinem Geburtstag schrieb, setzt das einen Mechanismus in Gang, der zwei mögliche Enden prognostiziert: Selbstzerstörung oder Selbstfindung.

Mit furioser Sprache schafft Afanasjew einen putzigen Biotop voll verzagter Seelen. Auf schmalen Grat zwischen Witz, Pathos und Spleen werden wir Leser Zeuge eines Entwicklungsromans, einer Geschichte mit Schmackes und Moral, die ein offenes Ende ausschließt.

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Nikita Afanasjew, Banküberfall, Berghütte oder ans Ende der Welt, Roman, 304 Seiten, Verlag Voland & Quist GmbH, Dresden und Leipzig 2017, ISBN: 3-863911-81-2, Preis: 22 EUR




Es ist der Horror! Meiden Sie die Kinos, ab 28. September kommt der Schrecken in Form von Stephen Kings S…

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Die Bücherregale sind schon lange nicht mehr sicher vor ihm, die Videotheken auch nicht. Nun steht der neue Horror vor der Tür. Gerade eröffnete er das Fantasy-Film-Fest, das unter dem Motto Fear Good Movies keine Feelgood-Movies anbietet, sondern Fantasy und Blutigeres.

Auf dem Umschlag seiner Bücher, die gern mal in rot-schwarz oder grün-schwarz gehalten sind, steht schon mal eindeutig, worum es geht: „Der Alptraum beginnt …“, heißt es zum Beispiel auf dem Cover von „The Green Mile“. Bei „Es“ steht zur Erläuterung auf der Rückseite des Bandes: „Das Böse in Gestalt eines namenlosen Grauens“.
Die deutsche Übersetzung von „It“ – man beachte das kleine ‚t‘, das ‚Ei-ti‘ gesprochene „IT“, dass neumodisch denglisch nichts anderes als EDV bedeutet, besteht aus zwei Großbuchstaben – erschien bereits 1990.
Rechtzeitig zum Kinostart spendiert der Heyne-Verlag für seine Taschenbücher einen leicht abziehbaren Aufkleber „Jetzt im Kino“.
Bill Skarsgard spielt im Film den Clown Pennywise.

Doch langsam, denn so einfach ist es nicht. Die deutschsprachige TB.-Ausgabe aus den 80er Jahren, die im Jahr der Wiedervereinigung erschien, war gekürzt.
Erst 2011 erschien im März die neubearbeitete, erstmals vollständige Taschenbuchausgabe. Vielleicht wollte man angesichts des Majakalenderdatums 2012 rechtzeitig sein, sonst wäre das Buch vielleicht nie erschienen …

In diesem Jahr 2017 wurde das dicke Büchlein wiederaufgelegt. Der Umschlag dieser 2. Auflage wurde von Nele Schütz Design in München gestaltet – unter Verwendung eines Motivs von Warner Bros. Die Urheberrechte des farbigen Motivs – ein Kind mit blauer Hose, Gummistiefeln und einer knallgelben Regenjacke – liegen dementsprechend bei Warner Bros. Entertainment Inc. Falls Zweifel entstehen, steht das auch noch einmal auf englisch dort: All Rights reserved. Und zwar für das „Motion Picture Artwork“. Den Hinweis finden wir im Impressum und auf dem Umschlag des Heyne-Taschenbuchs.
Genannt auch: „Das Buch zur großen Neuverfilmung“.

Die multimediale Verflechtung in Zeiten, da sich (fast) jeder freiwillig ein Handy oder ein Smartphone kauft, führt dazu, dass hinten auf dem Umschlag so ein hässlicher, schwarzweißer QR-Code prangt, der einem den Trailer zum Film verheißt. Wer eine Flatrate hat und Empfang, kann also gleich, das Buch noch in der Hand, den Trailer anschauen.

Wer bis hierhin alle englischen Wörter verstanden hat, dem machen weitere Hinweise im Impressum nichts aus. Der Wälzer mit 1533 Seiten (!), den man, sollte man es denn lesen, also lange nicht aus der Hand legen wird, ist „Printed in Germany“. (Die Druckerschwärze für das Wort „Western“ wird seit zweieinhalb Jahrzehnten eingespart.) Genauer gesagt in der Druckerei C.H.Beck in Nördlingen, wo auch die Bindung erfolgte. Der gute alte Wilhelm-Heyne-Verlag, der sich selbst Wilhelm Heyne Verlag schreibt – eine Unart, mit der Verlage vor einem Jahrhundert begannen – ist übrigens keine GmbH und auch kein ganz deutsches Unternehmen mehr, sondern Teil der Verlagsgruppe Random House GmbH. Immerhin: beider Sitz ist München.
Die Originalausgabe erschien bei Viking Press, New York. Aus dem amerikanischen Englisch ins Deutsche übersetzt von Alexandra von Reinhardt und Joachim Körber. Bearbeitet und teilweise neu übersetzt von Anja Heppelmann.
Geschrieben von 37 Jahren in Neuengland: „Dieses Buch wurde am 9. September 1981 in Bangor, Maine begonnen und am 28. Dezember 1985 in Bangor, Maine, beendet.“

Mehr als vier Jahre hat der Verfasser – mit Unterbrechungen – an diesem Werk gesessen. Manch einer braucht genauso lange, um 1500 Seiten zu lesen.

So weit es King in seinem Beruf gebracht hat – ob der Familienname half? – und so weit, wie die Phantasie mit ihm durchging, so bodenständig ist er in der Nähe seines Geburtsortes geblieben. Gerademal 129 Meilen sind es über die Interstate 95 von Portland, Maine nach Bangor, wo der Schriftsteller zusammen mit seiner Frau Tabitha King immer noch lebt. Man braucht noch nicht einmal den Bundesstaat zu verlassen und beide Orte sind Hafenstädte. King stiftete Bangor ein Sportstadion und besitzt drei kleine Rundfunksender. Viele von Kings Geschichten spielen hier oder haben einen Bezug zu der 30.000-Einwohner-Stadt, die 1853 gegründet wurde und im 18. Jahrhundert Sunbury hieß.

Auf dem schiffbaren Fluss, der zwischen Bangor und seiner Nachbarstadt Brewer liegt, verkehren Eisbrecher, 90 Kilometer vom offenem Meer entfernt.

Eisig wird es einem auch beim Einsteigen in Kings Geschichten. Der Konsum will also gut überlegt sein. Denn tausende andere Bücher warten darauf, gelesen zu werden. Berücksichtigt man die Tatsache, dass man von 100.000 Büchern, die jährlich auf der Frankfurter Buchmesse neu erscheinen, in seinem Leben nur einen Bruchteil lesen kann, will es doppelt gut überlegt sein.
Wem es darauf ankommt, wenigstens eine möglichst große Anzahl von Buchtiteln am Lebensende abgehakt zu haben, dem ist von der Lektüre ebenfalls abzuraten. Es sei denn, man liest so schnell wie Mao Tse-tung und im echten Leben mangelt es an Schrecken.




Gebrauchsanweisung zur Selbstverteidigung

Auf den Hals oder in die Eier – Annotation zum Buch „Gebrauchsanweisung zur Selbstverteidigung“ von Thomas Glavinic

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Im gar nicht so weit entfernten Österreich lebt seit langer, langer Zeit der Herr Glavinic, Thomas. Er ist ein Dichter, ein richtig guter Romanautor, seine Wallfahrtsposse „Das bin ja ich“ hat mir unheimlich gut gefallen. Auf allen Fotos guckt er ein wenig böse. Und er hat eine Glatze. Er mag keine Menschen, das ist ja sehr gut zu verstehen.

Eigentlich ist er aber ein ganz Lieber, hilft alten Damen über die Straße und will, wie jeder anständige Mensch, eine bessere Welt. Dazu braucht es bessere Menschen. Das ist ein Problem, zumal es sehr viele schlechte Menschen gibt. Nicht nur solche Vögel wie Trump oder Kim, nein, nein. Ich meine die ganz normalen Bösewichter, die andere Menschen gern in der U-Bahn angehen, aller Welt aufs Maul hauen wollen. Weil sie eine böse Kindheit hatten, einen kleinen Pimmel mit sich herumtragen, was auch immer. Jedenfalls ist es gut, wenn man sich gegen solche Lianenschwinger, so nennt Glavinic sie in seinem Buch, zur Wehr setzen kann. Bzw. lernt, Begegnungen mit Lianenschwingern ohne böse Verletzungen oder Beleidigungen zu überstehen. Auf 218 luftig gesetzten Seiten hilft uns TG übern Berg, soll heißen, er gibt uns Tipps, wie wir Ärger aus dem Weg gehen. Und was getan werden muss, wenn der Ärger uns hinterherrennt. Mit der Handkante auf den Hals, mit dem Fuß in die Eier.

Er verweist auf einige Kampftechniken, wird nicht Müde über das Streitschlichten zu philosophieren und hat einige böse Beispiele aus seinem Leben parat, wo ihm nur mit viel Glück nicht mindestens der Skalp abhandenkam.

Klar, manchmal hat man das Gefühl, alles schonmal woanders gelesen zu haben, aber die Wiederholung ist ein wesentliches Element des ganz großen Schutzes. Pater Noster nochmal, das Buch liest sich fein und ist eine Zierde in den schmucken Schatzkästchen aller Menschen, die bis zur Lektüre noch voll Furcht durchs Leben gehen.

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Thomas Glavinic, Gebrauchsanweisung zur Selbstverteidigung, 224 Seiten, Piper Taschenbuch Verlag, München 2017, ISBN: 3-492-27676-4, Preise: 15,00 EUR (D), 15,50 EUR (A)




Heinz Emigholz‘ Film „Streetscapes [Dialogue]“ gebührt das Verdienst, Häuser der Architekten Julio Vilamajó, Eladio Dieste und Arno Brandlhuber zu zeigen und ins Bewusstsein zu holen

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Heinz Emigholz liebt Häuser und zeigt sie gern anderen. Darum dreht er Filme. Eine Tetralogie, die dieses Jahr auf der Berlinale gezeigt wurde, lautet „Streetscapes“. Der dritte Teil von vieren lauet „Streetscapes – Dialogue“.
Vielleicht sollte man diesen Teil als ersten sehen, dann erschlösse sich vieles schneller. Der Film arbeitet mit drei Schauspielern, die Emigholz und seinen Interviewpartner (eigentlich seinen Therapeuten) darstellen. Damit der Film eine Struktur bekommt, wurden Wochentage (Montag, Dienstag, … in grellen, roten Versalien auf englisch) eingefügt.

Die Schauspieler gehen, stehen und sitzen in, vor und außerhalb mehrerer architektoisch bedeutsamer Häuser. Bedachtsam ist die Kamera aufgestellt, ohne das einem das gleich auffällt.

Doch da die Gesprächspartner im Film über ihn, den Film, reden, erfährt man das mit dem nachträglichen chronologischen Aufbau und mit den Gebäuden – zu welcher Strömung sie gehören, zu welchem Architekten und welchem Land (oft Uruguay, was zu einem schönen Licht führt, und in die regnerische Bundesrepublik Deutschland) – im Laufe der 132 Minuten, die schneller vergehen, als gedacht.

Wir haben es hier mit einem selbstreflexiven Film zu tun. Er ist nie langweilig; scheint nur höchstens manchmal narzißtisch, doch das ist in einem Therapiezusammenhang unvermeidlich. Emigholz hat vielleicht nur einen kleinen, aber auf jeden Fall treuen Kundenstamm. Zu Ulrike Ottinger geht auch nicht jeder, trotz Berlinale. Bei ihr sehen viele nicht ein, warum man stundenlang im Kino sitzen solle, wenn es doch auch schneller geht? Böse Zungen behaupten gar, dass sie kürzere Filme einfach nicht hinkriege. Was sind da Emigholz‘ 2 Stunden 12 Minuten „Dialog“ in Straßenlandschaften?

Treppenhäuser sind ein Steckenpferd Emigholz‘, oder besser gesagt, ein Hauptaugenmerk. Er denkt sich mehr über sie, als wir wohl je gedacht haben. Dabei benutzen wir sie täglich.

Seine bereits über zwei Dutzend Filme werden angeschaut, laufen auf dem großen A-Festival der Internationalen Filmfestspiele Berlin (Berlinale). In der Reihe Forum erlebte der neue Film Streetscapes [Dialogue] im Februar seine Weltpremiere.

Vielleicht sind sie nicht für jeden Geschmack, doch der Autor persönlich bereut nicht, dabei gewesen und geblieben zu sein ohne Pause für Popcorn oder ähnliches. Denn ein paar Rätsel entstehen doch im Film, die sich im weiteren Gang meist auflösen. So gehen 132 Minuten vorbei, die die Filmgalerie 451 mit vorstellt.

Der Streifen startet am 12. Oktober.

Die Republik östlich des Uruguay taucht selten in den Nachrichten auf und ist für Mitteleuropäer kein häufiges Reiseziel. Wenn, dann sind die Gebäude Julio Vilamajós und Eladio Diestes wohl nicht unbedingt an erster Stelle der besuchten Sehenswürdigkeiten. Zumindest nicht die Lager- und Hafengebäude oder Busbahnhöfe.
Umso mehr ist es eine Freude, sie auf diesem Wege gesehen zu haben.

Ob der intensive Dialog dabei stört? Man stelle sich vor, der Film laufe ohne Ton, von Harfenklängen unterlegt oder mit dem Charakter einer (US-)Fernsehdokumentation … Dann schon besser so.

Emigholz und Per Kirkeby be(ob)achten Architektur

Wer lieber liest und genießt, dem seien Per Kirkebys Essays empohlen.
-“Naturens Blyant“, Kopenhagen 1978
-“Bravura“, Kopenhagen 1981 (beide dänisch)
– Englische Ausgabe „Selected Essays from Bravura“, Eindhoven 1982
Eine Kostprobe aus „Bravura“ (aus dem Dänischen übersetzt von Johannes Feil Sohlman), aus dem Kapitel ‚Der Maler – Architektur‘: „Die Größe ist das Tosen der freien Strömung, die überall, in der Freiheit der Fenster, in den Kuriositäten der Giebel, zu fühlen ist. Wäre die Architektur nicht durch diese künstlerische Freiheit geformt, gäbe es keine ernsthafte Stimmung. Die Größe ist ein Nebenprodukt dieser Freiheit.“ (Bern 1984)
Die Genauigkeit der Beobachtung und der Respekt vor Künstler und Werk einen Per Kirkeby und Emigholz.

Bundesweiter Kinostart von „Streetscapes“ ist der 12.10.2017.

Streetscapes [Dialogue]
Regie: Heinz Emigholz,
Darsteller: John Erdmann, Jonathan Perel, Natja Brunkhorst

Ein fiktionalisierter Dialog zwischen einem Regisseur und seinem Therapeuten, der auf Protokollen psychoanalytischer Sitzungen Emigholz‘ basiert, gedreht in und neben Gebäuden von Julio Vilamajó (1894-1948), Eladio Dieste (1917-2000) und Arno Brandlhuber (*15. Mai 1964) in Uruguay und Deutschland.

Der Dokumentarfilm wird unter anderem in Berlin im fsk, Segitzdamm 2, 10969 Berlin-Kreuzberg laufen:

Sonntag, 15.10. 14.30 Uhr mit Filmgespräch!
Nach der Vorführung von STREETSCAPES [Dialogue] (Filmstart: 14:30) findet ein Gespräch zwischen Heinz Emigholz und dem Architekten Arno Brandlhuber statt;

Weitere Vorführungen (Screenings):

Samstag, 21.10. 2017, 15 Uhr;

Sonntag, 29.10.2017, 13.15 Uhr.

Die Serie Streetscapes

Kapitel I = 2+2=22 [THE ALPHABET)

Kapitel II = BICKELS [Socialism]
(über die Architektur des Kibbuz-Baumeisters Samuel Bickels)

Kapitel III = STREETSCAPES [Dialogue]

Kapitel IV = DIESTE [Uruguay]
(29 Bauwerke des Schalenbaumeisters Eladio Dieste und als Prolog drei von Vilamajó in Motevideo)

Gezeigt wird im fsk-Kino vom 14.-29. Oktober 2017 die ganze Serie „Streetscapes“ (insgesamt 407 Minuten). Die Filme sind eigenständig.

Sa. 14.10. 2+2 80′ 15.45
So. 15.10. Streetscape 132′ + FG 14.30
Sa. 21.10. 2 + 2 80′ 13.00
Sa. 21.10. Streetscape 132′ 15.00
So. 22.10. Dieste 95′ 13.00
So. 22.10. Bickels 92′ 15.00
Sa. 28.10. Bickels 92′ 13.30
Sa. 28.10. Dieste 95′ 15.30
So. 29.10. Streetscape 132′ 13.15
So. 29.10. 2 + 2 80′ 15.45

Die drei Architekten des 3. Films „Streetscapes [Dialogue]“

Julio Vilamajó

Werk (Auswahl):

– Palacio Santa Lucia; Casa de Felipe Yriart; Wohnhaus von Augusto Pérsico, alle Montevideo
– Denkmal für die argentinisch-uruguayische Konfraternität, Buenos Aires
– Hotel El Mirador, Colonia
– United Nations Building, New York

Eladio Dieste

Werk (Auswahl):
– „Cristo-Obrero“-Kirche in Atlántida (an der Küste Uruguays 45 km östlich der Hauptstadt, in Teil IV)
– San-Pedro-Kirche in Durazno (im Landesinnern von Uruguay, in Teil IV)
– Busbahnhof in Salto (drittgrößte Stadt Uruguays an der Grenze zu Argentinien)
– Tor der Weisheit/ ugs. „Die Möwe“, Salto, (Denkmal für Dieste, in Teil IV)

Arno Brandlhuber

Projekte (Auswahl)

– St.-Agnes-Kirche Alexandrinenstraße 118 (Werner Düttmann), 10969 Berlin-Kreuzberg
(die ehemalige katholische Kirche wird für Kunstausstellungen (König-Galerie) und Veranstaltungen genutzt)
[vom Kino fsk den Segitzdamm bis zur Gitschiner Straße und an der dortigen Hochbahn nach rechts (Westen) bis zur Alexandrinenstraße, dort wieder rechts]

– Gebäude Brunnenstraße 9, 10119 Berlin-Mitte (Nähe Rosenthaler Platz), von AB selbstgenutztes Atelier- und Galeriehaus

– Neanderthal-Museum, Neanderthal, Talstraße 300, 40822 Mettmann (zwischen Düsseldorf und Wuppertal)




Karl Bartos

Mit Kraftwerk durch die Welt und später bis ins Universum – Annotation zum Buch „Der Klang der Maschine“ von Karl Bartos

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Karl Bartos stieg 1975 bei der deutschen Musiklegende Kraftwerk ein und prägte deren Stil bis ins Jahr 1991 mit. In dieser Zeit entstanden u.a. die legendären Alben „Die Mensch-Maschine“ und „Radio-Aktivität“.

Bartos, ein studierter Orchestermusiker, brachte Struktur und Standhaftigkeit in die Musik der Klangforscher. Ein wahrer Tüftler, ein musikalischer Tausendsassa, der uns in seinem Buch in versierter Erklärbärmanier genau erzählen kann, wieso und warum dieser und jener Song entstand, wie die Hintergründe waren, wie bestimmte Versatzstücke zu verstehen sind und wer welchen Anteil am Großen Ganzen hat. Als Mitte der 80er Kraftwerk musikalisch stagnierte (im Grunde leben sie heute noch von den 70ern) und die Oberbefehlshaber des Kraftwerkbetriebs Ralf Hütter und Florian Schneider sich dem Radfahren und anderen profanen Hobbys widmeten, katapultierte sich auch Bartos in neue Klangwelten und Projekte.

Für jeden Kraftwerkfan wird der Mittelteil des Buches interessant sein, weil sich Bartos hier sehr detailliert diversen Maschinen und Spezialinstrumenten widmet und ihren Stellung im Kraftwerkkontext erklärt. Das ist ungemein spannend und sehr uneitel zu lesen. Im Prozess der Abnabelung von Kraftwerk wird dann kurz auf Schmutzwäsche umgeschaltet, irgendwie muss er es ja der Nachwelt erklären, wieso er die Gelddruckmaschine und beste Band nach „Goethe auf der Flöte“ verließ. Danach ging es musikalisch bei Bartos munter weiter, elektronische Musik blieb sein Ding, selbst wenn er mit seinen Projekten auch nie nur halbwegs an den Erfolg von Kraftwerk heranreichte, ist er doch ein wichtiger Mentor der Elektromusik und ewige Hebamme des Maschinensounds im universitären Bereich. Summa Samarium eine tolle Schwarte für alle Freunde deutscher Musik der anstrengenden Art. Wer alles über »DAS MODEL« & »DIE ROBOTER« erfahren will, liest hier richtig!

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Karl Bartos, Der Klang der Maschine, Autobiografie, 640 Seiten, Eichborn Verlag, Köln 2017, ISBN: 3-8479-0617-9, Preis: 26 Euro




Die Vergänglichkeit der Liebe – eine großartige Graphic Novel bringt „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ von Marcel Proust zum Leuchten

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Wir alle lieben, spätestens seit unseren ersten pubertären Leseversuchen, die Welt des Marcel Proust in all ihrer fremden Exaltiertheit. Wer wandelte nicht traumverloren durch die Flure der Guermantes und ließ in Balbec den Blick über den Atlantik schweifen, nicht ohne dabei die scheuen Gesten der jungen Damen errötend zu registrieren? Dem Schweizer Künstler Nicolas Mahler ist es nun gelungen, der Lebensfrage Prousts eine ganze Graphic Novel zu widmen.

Entstanden ist ein komischer, wie tiefer dreifarbiger Bildepos, der uns mitnimmt auf einen Kurztrip durch die Geisteswelt des MP. Natürlich geht es um die Liebe, die größte Kraft. Und um das, was sie aus uns macht. In großer Kunstfertigkeit benutzt Mahler seinen Pinselstrich und hat sich tief in Proust`s Werk eingefressen. Die Skepsis, ob er in der Lage ist des Pudels Kern zu treffen, verfliegt bereits auf der zweiten Seite.

Ein Zauberbuch für Proustfreunde und künftige Proustleser, denen die Dicke des proustschen Werkes bisher zu schauderhaft erschien. Mahler schafft einen wunderbaren Eingang ins Werk des großen Franzosen, der einer neuen Generation Leser die Auen für MP öffnet. Grandios!

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Nicolas Mahler, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit – Nach Marcel Proust, Graphic Novel, Suhrkamp Taschenbuch, Klappenbroschur, 174 Seiten, Berlin 2017, ISBN: 3-518-46808-1, Preise: 18,95 EUR (D), 19,50 EUR (A), 27,50 SFr




"Romeo oder Julia" von Gerhard Falkner

Gerhard Falkner macht den Romeo – Annotation zum Buch „Romeo oder Julia“

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Noch Letztes Jahr quälte uns Gerhard Falkner mit senilen Altmännerfantasien in seinem baufälligen Pullervergleichroman „Apollokalypse“. Sorry, aber man musste sich ernstlich Sorgen um diesen Autor machen. Das ist endlich vorbei. Er hat tatsächlich zurück in die Spur gefunden und erreicht seine alte, humoristische Klasse. Mit seinem neuen Buch „Romeo oder Julia“ gelingt ihm der Befreiungsschlag aus dem selbstgewählten Elfenbeinturmdasein des schlaffhäutigen Welterklärers zurück in die zweite Liga der ausgeschlafenen Unterhalter.

Wer sich noch an Falkners wunderbaren Problembärenroman „Bruno“ erinnern kann, wird ähnlichen Spaß an „Romeo oder Julia“ haben. Das ist mal herzlich geschwätzige Jammerprosa eines alten Dichters, der dank Goetheinstitut und Co. Sein Gnadenbrot futtern darf. Und im nächsten Satz herrlich sprachverwurstender Halbkrimi, der die Betriebsgeheimnisse der ewig schnatternden, deutschen Literatenschar aufs Korn nimmt. Natürlich schwirren, wie bei Falkner üblich, permanent betörende Frauen durchs Bild. Der Autor bekommt sie diesmal leider nicht alle! Aber die Beste schon, sonst wäre es kein Falknerroman. Spätestens jetzt findet der Leser dann auch den Bezug zu Julia. Merke: ohne Klassiker geht bei Falkner nichts, über die Literatur der Gegenwart weiss er nicht viel zu berichten, oder will nicht viel wissen, oder will uns nicht viel wissen lassen, oder findet sie einfach schlecht, so einfach geht das manchmal. Immerhin bastelt er einige Protagonisten im Stil eines Kettensägenholzschnitzers nach und lässt sie in seinem Roman räsonieren, auftauchen und abtauchen. Natürlich gibt sein alter ergo im Possenriegen die beste Figur ab. Das ist furchterregend lustig, eine Selbstdemontage von Shakespearschem Ausmaß, ein laberiger Schelmenroman, den man nicht aus der Hand gibt, bis endlich die Pointe aus dem Sack hüpft. Vier Sterne von fünf!

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Gerhard Falkner, Romeo oder Julia, Roman, 272 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, Berlin Verlag, München 2017, ISBN: 3-8270-1358-3, Preise: 22,00 EUR (D), 22,70 EUR (A)




Herr Müller, Hopper und Vermeer. Deutsche Kinemathek brachte mit „Master of Light“-Filmreihe die Verbindungen alter Meister zum Kameramann Robby Müller ans Licht – Ausstellung läuft

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Ein Kino am Potsdamer Platz hat auf den ersten Blick mit den Gemäldegalerien im Kulturforum oder auf der Museumsinsel – die schönen Dahlemer Museen wurden ja im Zentralisierungswahn abgeschafft – nichts zu tun. Ins Imax oder Cinestar im Sony-Center ziehen viele junge Leute oder Familien zum Popcornessen, das ist in der Bilderausstellung am Matthäikirchplatz oder im Kupferstichkabinett nicht erlaubt, genausowenig wie das Herumtollen oder Kreischen.
Dass zwischen den Alten Meistern und Robby Müller eine Verbindung besteht, deren Enge durchaus mit der räumlichen Nähe des Sony-Centers zum Berliner Kulturforum mit der Philharmonie, Staatsbibliothek und seinen vielen Museen vergleichbar ist, bewies die Filmreihe „Master of Light“ im Filmhaus an der Potsdamer Straße.
Es ist das große Verdienst des „Arsenals“, Filme nicht nur nach Regisseur geordnet oder chronologisch zu zeigen, sondern immer wieder bestehende senkrechte und Querverbindungen aufzuzeigen, die man glatt übersehen hätte oder übersehen hätte können.

Das „senkrechte“ Weltbild

Schon Rüdiger Dahlke hatte seinen Beitrag zum Aufweichen bisher vorherrschender Sicht-Weisen geleistet, als er mit Nicolaus Klein 1986 über „symbolisches Denken in astrologischen Urprinzipien“ schrieb. Dieser (Unter-)Titel ist natürlich wenig eingängig, und so hieß das Buch im Hugendubel-Verlag kurz „Das senkrechte Weltbild“.
Damit brachen sie verhärtete und verkrustete Weltbilder bereits in den 80er Jahren vorsichtig auf; zu einer Zeit, als man sich im Kalten Krieg (trotz unterschwelliger Angst vor totaler atomarer Vernichtung aller Physis und Kultur einschließlich des dies denkenden Individuums) noch ausruhen konnte in der Gewissheit der Blöcke. Begriffe wie Sozialismus und Kommunismus, Freie und Dritte Welt machten nicht nur die Runde, sondern wurden von jedem als Kategorie verstanden. Atomwaffen befanden sich nur in den Händen „verantwortungsvoller“ Politiker oder Militärs, also des weißen Mannes und der Chinesen. Die südafrikanische Kernwaffe eingeschlossen.
Alles schien irgendwie an seinem Platz, trotz Entkolonialisierung, der 68er und der Notstandsgesetze.
1986 konnte man noch darüber nachdenken, ob man denn einen Computer oder Rechner bräuchte – oder eben nicht.
Dahlke und Klein zeigten jetzt aber, dass das Denken nicht nur immer linear geradeaus geht. (Sie wissen schon, der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann…) Beim Blättern im senkrechten Weltbild erfuhr man, dass ganz erstaunliche Zusammenhänge bestünden oder bestehen – ja, ganz unglaublich – zwischen, sagen wir Orangen, Grünkohl, Dinkel und Linsen (die Beispiele sind willkürlich gewählt und entsprechen nicht den tatsächlichen Verbindungen, die in dem Buch enthüllt werden).
Waagerechtes Denken sind wir gewohnt, wir tun im Grunde nichts anderes. Wir tun Äpfel, Pfirsiche, Aprikosen und Pampelmusen in die Schublade „Obst“, können Blumenkohl und Paprika dem „Gemüse“ zuordnen, stimmen seit der Grundschule zu, dass Hafer, Gerste und Roggen „Getreide“ sind sowie Erbsen und Bohnen in die Rubrik „Hülsenfrüchte“ gehören. Alles an seinem Platz. So kann die astrologische „Jungfrau“ Ordnung schaffen.
Linsen und Binsen lassen sich durch den Deutschunterricht verbinden, in dem wir verschiedene Reimarten kennenlernten. Dass Roggen und Piroggen, Blumenkohl und Aerosol, Kupfer und Gras-Hupfer noch in anderer Form zueinandergehören könnten, war fast unvorstellbar.
Dahlke und Klein entwarfen dann ein Weltbild, das – wie gesagt, dies sind keine realen Beispiele aus dem Buch – den inneren Zusammenhang zwischen Äpfeln, Tomaten, Hafer und Linsen zeigten, ja darüberhinaus auch noch Metalle, Halbedelsteine und Planeten zuordneten.
So wurden Reihen beschrieben wie Apfelsine, Chinakohl, Roggen, Bohnen, Kupfer, Ametyst, Mars oder Pfirsich, Rettich, Gerste, Erbsen, Silber, Venus usw.

Das senkrechte Weltbild im Film

Bei Kinofilmen sind wir gewohnt, entweder dem Regisseur oder den oberflächlich sichtbaren Schauspielern zu huldigen. Nur bei Oscar- und Bärenverleihungen denken wir auch mal an die Kostüme, das Bühnenbild, die Produzenten und Location Scouts. Zwar ist die Leistung der Deutschen Kinemathek nicht so epochal wie Rüdiger Dahlkes, doch wurden wir in der Filmreihe wie „Master of Light“ auf unsichtbare Zusammenhänge gestoßen.

Das Versteck hinter der Kamera

Kameraleute sind denkbar gut versteckt, 180° hinter dem Gesehenen drehen sie das zu Zeigende. Manche haben ihre eigene Handschrift und sind nicht nur die Exekutive des Regisseurs. Dass die Kameraführung wichtig ist, zeigt auch, dass nicht nur manchmal gut verdienende Stars der Leinwand zu Produzenten oder gar Regisseuren werden, sondern dass auch letztere nicht nur Regie führen wollen, sondern zuweilen das Gerät übernehmen, ohne den kein Streifen auskommt.

Soderbergh setzt auf kreative Kontrolle

Steven Soderbergh („Ocean’s 12“, „Magic Mike“) hat für sein neuestes Projekt mit Channing Tatum nicht nur ein eigenes Unternehmen gegründet („Fingerprint Releasing“). Der Regisseur ist schon extrem eigen, hatte er doch sogar mit dem „normalen Filmemachen“ aufgehört und ging zum Fernsehen. Die Rückkehr auf die Kinoleinwand erfolgte nur, weil er die kreative Kontrolle über alle Aspekte behalten konnte. Der Verleih bildet die Basis, da man heutzutage auch ohne die großen, traditionellen Filmstudios auskommen kann. Stichwort digitale Weltveränderung. Die schöpferischen Aspekte, die Soderbergh kontrollieren wollte sind Regie, Schnitt – und Kamera.

Das Ding, an dem man dreht

Man kann einen Film ohne Farbe machen, ohne Darsteller (oder nur mit Tieren), ohne Kostüme. Ohne Ton (Stummfilme), fast ohne Geld (Low-Budget- und „No-Budget“-Filme) und sogar ohne Feingefühl.
Einen Film ohne Kamera können noch nicht einmal die Stop-Motion-Filmemacher herstellen, auch nicht mit noch soviel Knete („Shawn, das Schaf“).

Und so konnte man sich im August die Augen reiben und im Kino Arsenal Filme (wieder-) sehen, die für viele Zuschauer nicht im Zusammenhang standen. Zumindest nicht auf den ersten Blick.

Was hat „Paris, Texas“ mit „Dead Man“ und „Die gläserne Zelle“ zu tun? Wer hätte das gewusst?

Aufklärung

Die Deutsche Kinemathek erläutert:
Der Niederländer Robby Müller (Jahrgang 1940) gilt als einer der bedeutendsten europäischen Kameramänner. Er wurde für seine Arbeit vielfach ausgezeichnet (s.u.) und trug seit den 70er Jahren beträchtlich zum Erfolg einer ganzen Generation unabhängiger deutscher Filmautoren bei, bevor er später überwiegend in den USA arbeitete.

Die wichtigsten Aspekte der Bildgestaltung Robby Müllers sind das Photographieren mit möglichst natürlichem Licht, die bewegliche Kamera sowie eine dem jeweiligen Sujet angepasste Farbdramaturgie.
Landschaften und Kamerafahrten in „PARIS, TEXAS“ oder Close-ups von Johnny Depp in „DEAD MAN“ zeugen von seiner Virtuosität und zeigen Bezüge zu Werken Hoppers und Vermeers auf.

Jan Vermeer van Delft und das Licht

Bei Jan Vermeer (1632-75) bezieht sich Müller auf einen Landsmann. Bei der „Dienstmagd mit Milchkrug“ ist das Licht entscheidend, bei der berühmten Delfter Stadtansicht beeindrucken der wolkige Himmel und die Schatten auf dem Wasser. Das berühmte Bild „Meisje met de parel“ (Das Mädchen mit der Perle), vor dem man, einfach, wie es ist, lange verweilen kann, steht die junge Frau vor einem fast schwarzen Hintergrund. Die Perle schimmert und glänzt aus dem Schatten heraus.

Die „Ausstellung zur Filmreihe“ im Museum für Film und Fernsehen ist bis zum 5. November 2017 geöffnet (s.u.).

Von der Karibik über West- nach Mitteleuropa

Geboren wurde Müller in Willemstad auf Curacao, da sein Vater, ein begeisterter Hobbyfilmer, im Ölgeschäft mitmischte. Willemstad hat eine riesige Raffinerie, eine der weltgrößten, die venezolanisches Erdöl verarbeitet; kurz nach Robbys Geburt zum Beispiel zu Flugbenzin für US-Bomber.
Robby konnte die Zweitkamera seines Vaters nutzen.
1962 bis 1964 studierte er in Amsterdam Kamera und Schnitt. Die Assistententätigkeit bei seinem Kollegen Gérard Vandenberg wurde sein Brückenkopf in die Bundesrepublik. Der 1999 in München Verstorbene war in Amsterdam geboren.

Eine Auswahl aus Müllers Filmtiteln

1968 war er schon bei Geißendörfer für den Fernsehfilm „Der Fall Lena Christ“. Geißendörfers „Gläserne Zelle“, 1979 oscarnominiert (der vierte Film der Arsenal-Reihe), schoss Müller zehn Jahre später.
Die Kooperation mit Wim Wenders, durch die er bekannt wurde, schloss sich an. Anschließend, in den 80ern, drehte er fast exklusiv in den USA.
1999 Wenders‘ „Buena Vista Social Club“ und den zweiten Film mit Lars von Trier, „Dancer in the Dark“. 1996 hatte Müller im Veröffentlichungsjahr für „Breaking The Waves“ den New York Film Critics Circle Award erhalten.

Spätwerk

2003 drehte er seinen wohl letzten Kinofilm wieder mit Jim Jarmusch und Ralf Schmerbergs Filmdrama „Poem – ich setzte den Fuß in die Luft und sie trug“ wurde auf der Berlinale welturaufgeführt; zusammengestellt aus 19 Gedichten, von denen Müller das 6., 9. und 15. verfilmte: Goethes „Gesang der Geister“, Ingeborg Bachmanns „Nach grauen Tagen“ und Heinrich Heines „Der Schiffbrüchige“ mit Klaus Maria Brandauer.
Danach folgte 2004 noch die 10. Episode von „Visions d’Europe“ – europäische Visionen – in der Regie von Béla Tarr, der 2011 für „Das Turiner Pferd“ den Großen Preis der Jury (Silberner Bär) der Berlinale und den FIPRESCI-Preis erhielt.

Prijs, Preise und Awards für Robby Müller

Zwischen 1975 und 1991 dreimal das Filmband in Gold für die Kameraführung („Falsche Bewegung“, Geißendörfers „Klassen Feind“, „Korczak“).
1984 Goldene Kamera und 1985 Bayerischer Filmpreis für Wenders‘ „Paris, Texas“.
2005 Ehrenkameramann/Deutscher Kamerapreis; 2006 Camerimage für das Lebenswerk; 2007 Goldenes-Kalb-Kulturpreis.
2009 erhielt Müller den Bert Haanstra-Oeuvreprijs (van de Nederlandse film). Der heute 77jährige ist der vorerst letzte Bert-Haanstra-Preisträger und erhielt das bisher höchste in diesem Zusammenhang vergebene Preisgeld (50.000 Euro).

Wieder für sein Lebenswerk: 2013 der International Achievement Award der American Society of Cinematographers und 2016 die Manaki Brothers Film Festival Golden Camera 300.

Liste der Filme zur Ausstellung

Vom 4. bis zum 17. August zeigte das Kino Arsenal in Kooperation mit der Deutschen Kinemathek sechs Filme, die von Robby Müller fotografiert wurden:

1. „Der amerikanische Freund“ (BRD/F 1977, Regie: Wim Wenders), OmU, 126 min (am 4.8. )
Wenders Verfilmung des Patricia-Highsmith-Romans „Ripley’s Game“ siedelt das Geschehen in Hamburg und Paris an. Dennis Hopper als Tom Ripley findet in dem von Bruno Ganz dargestellten Jonathan Zimmermann einen ebenso arglosen wie überforderten Auftragsmörder. Nicht zuletzt durch Robby Müllers brillante Kameraführung und ausgeklügelte Farbgestaltung gelingt Wenders eine kongeniale filmische Umsetzung des Stoffs.

2. „Dead Man“ (USA/D 1995, R.: Jim Jarmusch), OmU, 121 min am (5.8. )
Jarmuschs auf einem selbst verfassten Drehbuch basierender Western um den von Johnny Depp dargestellten Buchhalter William Blake wurde von Robby Müller in betörend schönen Schwarzweiß Bildern fotografisch komponiert. Der Zuschauer wird in das kafkaeske Geschehen, das sich aus den zufälligen und seltsamen Begebenheiten im Leben von Blake ergibt, hypnotisch hineingezogen.

3. „Paris, Texas“ (F/BRD 1984, R.: Wim Wenders), OmU, 148 min (am 8.8.)
Bei „Paris, Texas“ arbeiten Robby Müller und Wim Wenders zum wiederholten Male zusammen. Und wieder versteht es Müller, seine eigene Kunst überzeugend in den Dienst des Regisseurs zu stellen, mit dem er am häufigsten im Laufe seines Lebens kooperiert hat. Harry Dean Stanton verkörpert Travis, dessen Liebe zu Jane (Nastassja Kinski) sich in Besessenheit wandelt und ihn schließlich sprachlos macht. Dafür sprechen die weiten und kraftvoll farbigen Bilder unter einem unendlichen texanischen Himmel umso beredter.

4. „Die gläserne Zelle“ (BRD 1978, R.: Hans W. Geißendörfer), 93 min (am 11.8.)
Der Architekt Phillip Braun (Helmut Griem) kehrt nach fünf Jahren aus dem Gefängnis zu seiner Familie zurück. Er hat unschuldig für ein Verbrechen gebüßt, das ein anderer begangen hat, doch seine Frau und sein Sohn haben sich inzwischen von ihm entfremdet. So gerät er in einen Strudel aus Schwermut und Abhängigkeit. Den neuerlich auf einer Geschichte von Patricia Highsmith basierenden Film gestalteten Geißendörfer und Müller in dichten Bildern als kammerspielartiges Psychogramm eines Verzweifelten.

5. „Barfly“ (USA 1987, R.: Barbet Schroeder), OF, 99 min am (15.8.)
Basierend auf einem Drehbuch von Charles Bukowski spielt Mickey Rourke den saufenden Dichter Henry, der sich auf eine Beziehung mit der ebenfalls alkoholkranken Wanda (Faye Dunaway) einlässt, was zu fortgesetzten Auseinandersetzungen zwischen den beiden führt. Müller zeichnet ein Amerika der Gescheiterten in faszinierend pastelliger, beinahe schöner Farbigkeit.

6. „Breaking The Waves“ (DK/S/F/NL/NO/IS 1996, R.: Lars von Trier), OmU, 158 min (am 17.8. )
Von Triers monumentales Werk um einen Bohrinselarbeiter (Stellan Skarsgård), der, nachdem er durch einen Unfall gelähmt wird, von seiner tiefgläubigen Freundin (Emily Watson) verlangt, sich für ihn zu prostituieren, erhält seine atemlose Dynamik durch den forcierten Einsatz der Handkamera.

Es gab Einführungen von Nils Warnecke, Georg Simbeni, Maximilian Weinberg („Paris, Texas“), Gerlinde Waz, Peter Mänz und Kristina Jaspers (in den wellenbrechenden Trierschen Film um die Folgen des Bohrinselarbeitsunfalls „Breaking The Waves“).

Die Lichtmeister-Ausstellung

Die Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen widmet dem Kameramann seit dem 6. Juli die Ausstellung „Robby Müller – Master of Light“. Die ursprünglich vom EYE-Filmmuseum in Amsterdam konzipierte Schau legt den Fokus auf die Zusammenarbeit mit den Regisseuren Wim Wenders, Jim Jarmusch und Lars von Trier. In der Ausstellung vermitteln großflächige Projektionen ausgewählter Filmszenen einen Eindruck vom visuellen Scharfsinn und der Vielschichtigkeit seiner Werke.

Die Ausstellung „Robby Müller – Master of Light“ ist im Museum für Film und Fernsehen im Filmhaus am Potsdamer Platz bis 5. November 2017 zu sehen.

www.deutsche-kinemathek.de/ausstellungen/robby_mueller

Museum für Film und Fernsehen (und Kino Arsenal) im Filmhaus am Potsdamer Platz, Potsdamer Straße 2, 10785 Berlin-Tiergarten bzw. -Mitte

Wer ähnlich tiefsinnige Filmreihen in Zukunft nicht verpassen möchte, informiert sich rechtzeitig auf www.arsenal-berlin.de Kino Arsenal im Filmhaus am Potsdamer Platz, Potsdamer Straße 2, 10785 Berlin-Tiergarten