Erstmals so verliehen. Orden vom aztekischen Adler an Sigmar Gabriel, Monika Grütters und weitere Persönlichkeiten

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Queen Elisabeth II. hat einen. Der vierzigste Kaiser Japans Akihito hat einen. Haile Selassie erhielt einen. Nelson Mandela bekam einen. Eisenhower, der Schah von Persien, Tito. König Carl Gustaf XVI. von Schweden. Königin Margrehte II. von Dänemark; König Juan Carlos I. von Spanien, König Olav V. von Norwegen und sogar Konrad Adenauer. Den Orden vom aztekischen Adler. Der aztekische Adler ist das Wappentier Mexikos, des etwa 200 Jahre alten Staates mit einer über 2000 Jahre alten Geschichte. Der aztekische Adler ergreift die Schlange. Auf jeder Silbermünze finden wir den auf einem Kaktus sitzenden Adler mit der Schlange. Manche interpretieren das so: Die Schlange ist das Böse, das Laster, die Versuchung, die der Adler, die Kraft und Tugend Mexikos in den Griff bekommen hat. Solange die Tugend stark ist, ist das Böse automatisch schwach. Natürlich gibt es ganze Bücher über Heraldik und die Gründungsmythen des stolzen Mexikos.

Der Legende nach gründeten die Azteken Tenochtitlán, die Stadt, dort, wo sie einen Steinadler fanden, der sich auf einem Feigenkaktus niedergelassen hatte und eine Schlange festhielt.

Der Orden vom aztekischen Adler wird nur vom Präsidenten vergeben. Eigentlich. Üblicherweise in Mexiko. Ihn können Staatsoberhäupter und Premierminister erhalten sowie alle die, die sich besonders um Mexiko verdient gemacht haben. Früher gab es ihn in acht verschiedenen Klassen beziehungsweise Versionen. So, wie es das Bundesverdienstkreuz am Bande gibt.

So haben alle oben genannten Träger des Ordens vom aztekischen Adler die höchste Klasse bekommen, den Collane. Bis auf Olav V. Von Norwegen und Konrad Adenauer, die das Großkreuz erhielten, eine Stufe darunter (Nelson Mandela erhielt die Stufe „banda“). Dann folgt das Komturkreuz, die Schriftstellerin Alexandra Kollontai erhielt es 1944. Darunter gibt es noch das Ritterkreuz. Das bleibt für Bill Gates. Aber auch Pablo Neruda und Juri Knorosow.

Nach der Reform der Ordensstruktur im März 2011 gibt es nur noch sechs verschiedene. In aufsteigender Rangfolge: Insignia, Venera, Placa, Banda, Banda en Categoría Especial und Collar. Davor waren es acht Ränge: Mención Honorífica, Insignia proper, Venera, Placa, Medalla, Banda, Cruz und Collar; beziehungsweise fünf: Insignia, Encomienda, Banda, Cruz, Collar. Die deutschen Bezeichnungen sind: Ritter (placa), Offizier (medalla), Kommandeur (banda), Großkreuz (cruz) und Collane (collar) wegen der Ordenskette.

Wer erhält den Orden vom aztekischen Adler?

Orden vom aztekischen
Adler. © Alexeinikolayevichromanov, 2015

Schauen wir uns doch einmal die Geschichte von Juri Knorosow an. Der sowjetische Ägyptologe marschierte 1945 mit der Roten Armee in Berlin ein. Dort in der Reichshauptstadt fand er in der Preußischen Staatsbibliothek den Dresdner Kodex. Das ist eine Reproduktion einer Maya-Handschrift. Außerdem stieß er auf „Relación de las cosas de Yucatán“. Dieser Text von Diego de Landa, der in einer manuellen Kopie vorlag, ist eine Rechtfertigungsschrift. Der Bischof von Yucatan war gegen die einheimische Bevölkerung vorgegangen, die MAYA. 1566 wurde er deswegen angeklagt. Indem er sich rechtfertigte, ging er auf die Maya-Schrift ein. Knorosow übersetzte das Buch später ins Russische und publizierte es 1956 in Moskau.

Die faszinierende Geschichte eines Mannes, der zwei Bücher hatte „mitgehen“ lassen

Er hatte den Dresdner Kodex und die Abschrift von de Landas Rechtfertigung mit nach Russland genommen, also in die Sowjetunion. Das wurde später von Bedeutung. Denn Knorosow leistete hervorragende Arbeit. Seine Doktorarbeit von 1952 – „Drevnyaya pis’mennost’ Tsentral’noy Ameriki“, zu deutsch „Alte Schriften Mittelamerikas“, beschäftigte sich mit der Entzifferung der Maya-Schriftzeichen. Zunächst führte seine Kenntnis des Mittelägyptischen und ein Vergleich der Anzahl der „Buchstaben“, also der Maya-Schriftzeichen, dazu er eine Gemeinsamkeit erkannte. Beides sind Silbenalphabete, das wusste allerdings niemand sicher und de Landa scheinbar auch nicht, sonst hätte er die Schriftzeichen anders notiert und nicht so viele verschiedene. Ein einzelnes Schriftzeichen, das Zeichen für Westen, war in der Scientific Community, also unter Gelehrten, bekannt. Knorosow zeigte, wie es zu lesen sei (chi-kin, wobei Kin die Sonne ist) und präsentierte damit schon 1952, als noch der Koreakrieg tobte, einen verheißungsvollen Ansatz zur Entzifferung des Maya-Schrift: den phonetischen.

1954 folgte das in Mexiko-Stadt und Moskau veröffentlichte Werk „La antigua escritura de los pueblos de America Central“, zu deutsch „die alte Schrift der Völker Mittelamerikas“.
Zwei Jahre später dann die erwähnte Übersetzung: „Diego de Landa. Soobshchenie o delakh v Yukatani“ oder „Mitteilung über die Angelegenheiten in Yukatan“ ist die russische Ausgabe der aus Berlin mitgenommenen Abschrift Diego de Landas.

Bereits 1963, in dem Jahr, als Kennedy ermordet wurde, erschien „Pis’mennost Indeitsev Maiia“ in Moskau. „Die Schrift der Maya (-Indianer)“ oder einfach „Die Mayaschrift“. Vier Jahre später erschien vom Peabody-Museum eine englische Ausgabe: „The Writing of the Maya Indians“.

Der „blöde“ Kalte Krieg: Energieverschwendung und Erkenntnisblockade

Doch Knorosow wurde trotz seiner bahnbrechenden Erkenntnisse keine weltweite Anerkennung zuteil. Denn es herrschte ja seit 1947 noch Kalter Krieg. Zudem hatte Knorosow einen Feind. J. E. S. Thompson, den führenden britischen Maya-Archäologen. Thompson behauptete, Knorosows Gedanken seien kommunistische Propaganda. Damit verhinderte er vorübergehend die Anerkennung der Knorosowschen Erkenntnisse. Erst nach dem Tod des Briten 1975 setzte sich die Erkenntnis langsam überall durch. Zum Glück hatte der Akademiker ein langes Leben, er starb 1999 in Sankt Petersburg.

Erst 1995, 20 Jahre nach dem Tod seines Rivalen, wurde er von der mexikanischen Regierung mit dem Orden vom aztekischen Adler belohnt. Vier Jahre vor seinem Tod. Knapp, aber nochmal gutgegangen.

Daran kann man sehen, dass, wer nicht gerade als Prinzessin geboren wurde, einiges „auf dem Kasten“ haben muss, um den begehrten Orden zu ergattern.

Orden vom Aztekischen Adler: Fünf Preisträger 2018

Die Initiative für die Preisverleihung ging von Seiner Exzellenz dem Botschafter der Vereinigten Staaten von Mexiko, Rogelio Granguillhome, aus.

Der Orden vom aztekischen Adler wird sonst nur vom Präsidenten übergeben. Rogelio Granguillhome trat an Enrique Peña Nieto heran, der drei Jahre nach der Veröffentlichung von Knorosows „Maya-Schrift“ geboren wurde.
Neto stimmte zu und so werden die Orden am 22.November 2018 in Berlin überreicht. Für ihren Beitrag „zur Stärkung der Beziehungen zwischen Mexiko und Deutschland werden fünf Persönlichkeiten geehrt“:

Sigmar Gabriel, Mitglied des Bundestages (MdB) und Bundesminister a.D. (außer Dienst); Die Staatministerin für Kultur und Medien, Prof. Monika, Grütters MdB, Staatssekretär a.D. Uwe Beckmeyer. Michael Leutert, ehemaliger Vorsitzender der deutsch-mexikanischen Parlamentariergruppe und Prof. Gereon Sievernich, Kurator des Hauptstadtkulturfonds und ehemaliger Direktor des Martin-Gropius-Baus.

Die feierliche Verleihung des Ordens des aztekischen Adlers wird in der zweiten Tageshälfte des zweiundzwanzisten November in einem der wenigen Gebäude auf deutschem Boden vollzogen, die mexikanische Architekten erbaute.

Der Orden vom aztekischen Adler ist die höchste mexikanische Auszeichnung, die Ausländer im Lande erhalten können. Er heißt im Original Orden del Águila Azteca.

Die oben genannten fünf Persönlichkeiten waren in den vergangenen Jahren wirklich ziemlich aktiv im Austausch mit Mexiko. Man denke nur an das duale Jahr, in dem sich einerseits der G7-Staat Bundesrepublik Deutschland in Mexiko präsentieren konnte und andererseits der nordamerikanische Staat bei uns.

Die Maya-Ausstellung im Martin-Gropius-Bau war eines der Highlights.




"Ramones" von Flo Hayler.

Ramones forever forever Ramones – Annotation zur Liebesgeschichte „Ramones“ von Flo Hayler

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Viele lustige Musikanten wirken endlose Jahre später mit ihrer Musik, auch wenn sie schon längst die Radieschen von unten sehen. Die Ramones aus dem fernen Amerika erfreuen sich großer Beliebtheit, was ihren Erben zupasskommt, weil sie (Die Ramones!!!) eben fast alle schon längst hinüber sind. Ihre eingängigen, punkigen Melodien, sowie klaren und wahren Botschaften erfreuen die Herzen von Bänkern wie Pennern gleichermaßen. Es läuft, wie man so schön sagt.

Und wenn’s läuft, bleibt auch Raum für leicht abseitige, liebenswerte Eumel, die sich ins Gebälk setzen und mit romantischen Ritualen die ewige Liebe zu ihren Idolen proklamieren. Flo ist einer von ihnen.

Es gibt wahnsinnige Sammler, pedantisch-irre Sammler, symphytisch verpeilte Sammler und Sammler für die Unendlichkeit. Flo Hyler gehört eindeutig zur letzten Kategorie. Sein Ramonesbuch ist: Der Irrsinn zwischen zwei Buchdeckeln.

Oh ja, es ist gnadenlos subjektiv, Flo ist ein echter Fanatiker, der sofort bei Rot über jede Kreuzung sprintet, wenn irgendwo ein Ramonesfetzen leuchtet oder einer von ihnen elvismässig seine Wiederauferstehung (Gerüchte, Gerüchte) feiert.

Sein Buch ist voll weitschweifiger Geschichten (ein Beispiel: 1985 trägt Joey Ramone nicht mehr nur Lederhandschuhe, sondern auch Lederhosen (kurioserweise ist das auf dem Beweisfoto im Buch nicht zu erkennen)), Devotionalien, Beschreibungen von Konzerten, Begegnungen, kurzum, bzw. langum – es bietet bis ins kleinste Kinkerlitzchen alles, was man vielleicht mal über die Ramones lesen will.

Ein Lektor muss daran scheitern, das ist aber bei dieser Sorte Buch egal, was man wie die Bibel im Ramonesgedenkschrein lagert und ab und an aufschlägt, um im Ramonesuniversum zu versinken.

Bibliographische Angaben

Flo Hayler, Ramones, Eine Lebensgeschichte, 640 Seiten, gebundenes Buch, 640 Seiten, Format: 21,0 x 26,0 cm, durchgehend vierfarbig, Verlag: Heyne Hardcore, München 2018, ISBN: 3-453-27051-0, Preise: 48 EUR (D), 49,40 EUR (A), 65 sFr




Mutter der Nanas – Künstlerin Niki de Saint Phalle wäre 88 Jahre alt geworden

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). 1930 wurde sie am 29. Oktober geboren, im Mai 2002 starb sie 71jährig in La Jolla, einer Community von 50.000 Einwohnern in den USA. 7 Meilen oder 11 Kilometer lang ist die Küstenlinie La Jollas am Pazifik, das zur Stadt San Diego gehört, seit Kalifornien um 1850 ein Staat wurde. Der heutige Bundesstaat der USA gehörte zu Mexiko und war eine Kriegsbeute nach dem mexikanisch-amerikanischen Krieg wie Arizona, New Mexico und andere Provinzen auch. Niki de Saint Phalle hatte es geschafft.
Ihr Name und ihre Kunst wurden weltweit berühmt, vor allem in Europa und in den Vereinigten Staaten von Amerika. Besonders herausragend im doppelten Sinne sind riesige bunte Frauenfiguren, die sogenannten Nanas.

Wer an einem Ort wie La Jolla seinen Alterssitz hätte, dem stünden lange Sandstrände und felsige Uferbereiche in allernächster Nähe sehr abwechslungsreich zur Verfügung. Hier an der Ostküste des Stillen Ozeans geht die Sonne, so die Wolken es zulassen, immer im Meer unter. Im größten Weltmeer, das der blaue Planet zu bieten hat.

Niki de Saint Phalle und ihr Werk. Zum Beispiel „Hon“

Der Lebensweg von Niki de Saint Phalle war lang und interessant. Sieben Jahrzehnte mit Reisen, von denen man viel erzählen könnte. Sie gewann wichtige Freunde und Mitstreiter in der Kunstwelt und lernte viele Menschen kennen.

Zum Beispiel Claes Oldenburg und Martial Raysse. Pontus Hulten hatte sie nach Schweden eingeladen. Im Moderna Museet in Stockholm sollte parallel zur elften Ausstellung des Europarates im Nationalmuseum, „Königin Christina“, eine Skulptur gezeigt werden. Herr Hulten bat die vier Künstler, Jean Tinguely eingeschlossen, sie zu bauen. Da die anderen drei absagten, verhindert waren, oder, wie Tinguely, keine rechte Lust hatten, machte Niki de Saint Phalle es allein. Schweden ist kein armes Land und recht groß. Das stolze skandinavische Königreich war durch seine Erze ziemlich unabhängig und blieb im Zweiten Weltkrieg neutral. Das ‚moderne Museum‘ für moderne Kunst ist nicht klein; die große Halle erst recht nicht. So entstand „HON“ (schwedisch für Sie). „Die größte Nana aller Zeiten“, wie es ihre Düsseldorfer Biographin, die Kunsthistorikerin Dr. Monika Becker ausdrückt.

Keine Reise nach Moskau

Letztlich machte Tinguely doch mit und Per O. Ultvedt stieß dazu. Doch den dreien fiel nichts ein. Pontus Hulten „wollte die Inspiration beflügeln, indem er den Künstlern anbot, ein paar Tage nach Moskau zu reisen“. Vielleicht dachte Hulten an die Zwiebeltürme, die den Rundungen der Nanas in nichts nachstehen.

Die Erlöserkirche in Leningrad, wie Sankt Petersburg damals noch hieß, ist ein Beispiel für den beeindruckenden Gebrauch der Farben. Auch in der russischen Hauptstadt gibt es unzählige kunsthistorische Beispiele. Die Petersburger Kirche ist von so einer beeindruckenden Schönheit und Andersartigkeit, dass sie aus einer anderen Welt zu stammen scheint. Staunend hält man an und ein. Ähnlich wie die Sagrada familia in Barcelona, sind das die Orte, wo Kunst Ehrfurcht bewirkt – und Transzendenz.

„Leider wurde nicht daraus“. Aus der Reise in die Sowjetunion, schreibt Dr. Becker.

Also blieb Niki de Saint Phalle bei den Farben aus Henri Matisses Palette. Hellgrün, Gelb, Blau, Rot und Orange. Ergänzt durch ein leuchtendes Rosa. Für Sprachverführte und -verirrte: Rosa ist das, was viele heute „pink“ nennen.
Dazu kam an einigen Stellen Schwarzweiß.

Zeitdruck und Zufälle

Das Problem, rechtzeitig zur Ausstellungseröffnung im Moderna Museet fertigzuwerden, löste Pontus Hulten. Er schlug eine Nana vor, die die ganze Museumshalle ausfüllen sollte. Höchste Eisenbahn. Bis zum Eröffnungstermin 9. Juni waren nur noch 6 Wochen geblieben. Da die Halle sich in die Waagerechte erstreckt, musste „SIE“ liegen. Fast 27 Meter lang sollte sie werden und von innen begehbar! „Oberweite: 24 Meter.“

In anderthalb Monaten hätte die drei Künstler – ja, zwei Künstler und eine Künstlerin verflixt – das nie allein schaffen können. Tinguely leitete andere an.

Wieder wurde Pontus Hulten aktiv. Er wohl mehr als die Künstler war in der Verantwortung, wenn sein Stadion erst nach den Olympischen Spielen fertig geworden wäre.

Er organisierte eine Mannschaft. Darunter Rico Weber. Der war auch aus der Schweiz. So ein Zufall. Doch damit nicht genug: Weber, der sich zu dem Zeitpunkt als Koch in der Snackbar des Museums etwas dazuverdiente, war Künstler. Als deutsch und französisch sprechender Künstler war die Kommunikation im fernen Schweden kein Problem.

Jetzt hatte er für die nächsten zehn Jahre einen Job; solange arbeitete er nämlich dann mit Tinguely und de Saint Phalle zusammen. Im Register der Beckerschen Biographie taucht er allein zwölfmal auf.

Kopfkino? Nein, Kino im linken Arm

In einem Arm war ein kleines Kino vorgesehen mit genau einem Dutzend Plätze. Es sollte immer derselbe Streifen gezeigt werden. Gretas Garbos erster Film. „Luffarpetter“. ‚Luffar-Petter‘ bedeutet „Peter, der Vagabund“. Der mittellange Stummfilm von 1922 ist ein Slapstickkomödie. Ein Stummfilm, versteht sich. Dieser Spielfilm ist nie in Deutschland in die Kinos gekommen und wurde auch im Fernsehen nie gezeigt. Manchmal lohnt es sich eben doppelt, nach Schweden zu fahren.

Big Brother oder Kein Datenschutz auf der Liebesbank

Verschiedenes für Kinder und Erwachsene fand im Innern Platz. Ein halbes Tausend Besucher täglich hatte man eingerechnet, 1.800 wurden es. Ein Kritiker hatte sich sehr positiv geäußert und so strömten ein Vierteljahr lang die Leute nur so ins Museum.

Und das, obwohl es einen klaren Bruch des Datenschutzes, der Privatsphäre gab. Die Datenschutzgesetzgebung war um 1970 noch nicht so ausgefeilt.

Im Knie gab es die „beschallte Bank der Verliebten“ mit beleuchtetem roten Samt. „Von der Liebeslaube aus hatte man einen Ausblick auf die Galerie der Fälschungen, daneben ein Münzfernsprecher.

Das Geflüster der Liebenden wurde heimlich per Mikro in die Colabar in der rechten Brust übertragen.“

„Die Idee für diese Indiskretion hatte man aus der phantastischen Grottenarchitektur aus dem italienischen Orsini-Park in Bomarzo. Dort trug der Schall das, was im Innern des Felsenraumes geflüstert wurde, nach draußen in den Park.“

Leergut ohne Pfandrückgabe

„Das Leergut der Flaschen aus der Cola-Bar wurde einer komplizierten Maschine im Verdauungstrakt zugeführt, die es zermalmte.“ Gebaut, na klar, von Jean Tinguely, dem Maschinenbauer.

Selbst in Malmö würde so etwas heute nicht mehr durchgehen. Wo das Überleben der Welt gefährdet ist, werden Solarzellen, Recycling und Kreislaufdenken Existenz-entscheidend.

Kleinkopferter Großkörper

Weitere Attraktionen waren ein bewegliches Holzgehirn im Kopf, eine Radioskulptur in der Nana-Hüfte, in der linken Brust ein Planetarium. Im Herzen den „Mann im Schaukelstuhl“ von Ultveldt.

„Daß man in der Tatsache, die Figur durch das Geschlecht betreten zu müssen, absolut nichts Pornographisches zu sehen habe, wurde explizit auf der Innenseite des rechten Oberschenkels notiert.“ Warum dort? Nun zum einen war das neben dem Eingang.
Viele mussten warten. Eine rote Ampel regelte den Verkehr. Waren 150 Menschen im Innern, mussten sich die anderen die Füße vertreten. „Ein Blick durch ein beleuchtetes Aquarium mit Goldfischen und ein versilbertes Schaufelrad einer Wassermühle verwandelte“ eventuell aufkommende Unruhe, Ungeduld und Unwillen in Ruhe und „Neugierde“.

Zum anderen stand der Hinweis auf einem schwarzen Streifen, der sich als Strumpfband interpretieren ließ: „Honi soit qui mal y pense“. Der englische Hosenbandorden benutzt diesen französischen Vers, der auf deutsch bedeutet: Ein Schelm sei, wer Schlechtes dabei denkt. „Die Anregung, den Eingang mit einem Leitspruch zu versehen, hatte man von dem Höllenmaul aus dem Heiligen Hain von Bomarzo bekommen.“ Es trägt die Inschrift „Ogni pensiero vola“.

Was blieb von „IHR“, von „HON“?

Nur der Kopf blieb erhalten. Dass er so klein war, löste Diskussionen aus. Alle Köroerteile, die sie mit Emotionen verbunden sah, betonte Niki de Saint Phalle.

Neue Neuro-Forschungen strafen sie lügen. Ohne Kopf kein Gefühl, steuert doch die Hypophyse mit Hormonen alles.

„HON“ hatte Folgen – für die Theaterbühne

Dass Niki de Saint Phalle nicht nur wahrgenommen wurde und polarisierte, sondern auch inspirierte und aufgegriffen wurde, zeigt das Beispiel von „LYSISTRATA“, der Aristophanes-Komödie, im nordhessischen Kassel. Den jungen Regisseur Rainer von Diez inspirierte das berühmte Pressephoto, das das Publikum in einer Warteschlange zwischen den monumentalen Beinen der HON abbildet.

Das athenische Volk sehnt sich nach Frieden. Er wird durch die List der „Heeresauflöserin Lysistrata“ erzwungen. „Sie überredete alle Frauen Griechenlands, in den Liebesstreik zu treten“ – gemeint ist natürlich Sexualiät – „bis ihre Männer Frieden schlössen“.

Niki de Saint Phalle baute dann in Kassel eine 10 Meter große Nana im Theater.

Diez hatte Erfolg: „LYSISTRATA“blieb ausverkauft.

Rundungen im Freien

Niki de Saint Phalles Werke stehen heute in vielen Museen oder im Freien. Einiges schuf sie allein, anderes mit anderen zusammen. Als Frau wurde sie von Feministinnen besonders wahrgenommen. Ihr Tun verstand sie jedoch selbst auch frauenbefreiend.
Die erste zusammenfassende deutschsprachige Biographie erschien mit ebendiesem Hinweis 1999 und 2001 als Taschenbuch. Das Paperback wurde in den drei Jahren der Abschaffung der D-Mark in mindestens drei Auflagen gedruckt. Und das zu einer Zeit, als das gedruckte Buch bereits ernsthafte Konkurrenz erhalten hatte und das ebook am Horizont drohte. 2001, im ersten Jahr des neuen Jahrtausends (das Jahr 2000 gehört ja zum 20. Jahrhundert), war das deutsche Buch also im Schnitt schon einmal jährlich gedruckt worden. Das ist umso bemerkenswerter, als dass es noch zu de Saint Phalles Lebzeiten geschah. Natürlich erfuhr die Künstlerin posthum, ab Mai 2002, nochmals eine gewisse Aufmerksamkeit.

Das phantastische Paradies

„Le Paradis Fantastique“ (sprich Le paradi fantastiehk, alles hinten betont) ist in Zusammenarbeit Saint Phalles mit dem Frankoschweizer Jean Tinguely in den Jahren 1967-1971entstanden. Die beiden kollaborierten immer wieder. Dieses Werk ist ein gemeinsames Frühwerk. Es brachte den beiden den Durchbruch.

Die Expo 2000 in Hannover und der damit verbundene Schuldenberg sind nur ein Abglanz früherer Weltausstellungen. Viele kennen diese Phase vielleicht nur von der Innenseite eines Flakons Kölnischwasser. In einer Zeit. Als Reisen nicht so selbstverständlich und preiswert war, wirkten die Weltausstellungen und die Berichte darüber in den Zeitungen wie Magneten.

Die Ausstellungen waren auch ein Anlass, in die Zukunft zu weisen oder etwas für die Zukunft zu hinterlassen. Das Atomium in Brüssel und der Eiffelturm sind solche Wahrzeichen.

Montreal hatte sich 1967 zum Ziel gesetzt, „einem neuen Weltbild zur Reife zu verhelfen, einem Weltbildes totalen Engagements, zu dem der schöpferische und soziale Mensch fähig ist“. Was wäre für die Neuen Realisten der Nouveaux Réalistes ein besserer Anlass für eine Beteiligung gewesen? Doch zuerst musste der Auftrag an Land gezogen werden. Das erledigte die kämpferische Niki. Die Französischkenntnisse des Künstlerduos waren nicht nur in Paris, sondern auch in der Schweiz und in Quebec, dem französischsprachigen Osten Kanadas, von Vorteil. Letztlich gelang es. Die französische Regierung erteilte einen exklusiven Auftrag für eine Außenskulptur, den Dachgarten des französischen Pavillons.

Tinguelys schwarze Maschinen griffen quasi die bunten Riesenfiguren de Saint Phalles an. Seit Radha und Krishna, wie Lakshmi und Narayan in ihrer Kindheit hießen, gehört necken wohl dazu. Der indische Tanz drückt das mit verschmitzten Blicken und vielerlei Gesten bis heute aus.

Die Kosten des Ruhms

Das Konzept wurde verstanden und kam an. Zu dem großen Erfolg des PHANTASTISCHEN PARADIESES trug bei, dass der französische Pavillon beim Publikum der Welt nicht gut aufgenommen wurde. Dabei war er der größte auf der Expo und hatte acht Ebenen. Doch wurde er als zu schwer und kompliziert empfunden. Dagegen der Kontrast, wenn man auf das Dach hinaus kam. Die Fröhlichkeit der bunten Figuren, obwohl von dunklen Maschinen bedrängt, und das bei Tageslicht und frischer Luft muss wie eine doppelte Befreiung gewirkt haben nach acht Etagen bedeutungsschwangerer Schwere.

Wie sehr ein Künstler unter den Ausgaben für das Material zu leiden hat, dafür ist das phantastische Paradies ein Lehrbeispiel. Zwei Tonnen Polyester und 300 Kubikmeter Schaumstoff verarbeitete de Saint Phalle für die neuen Skulpturen auf dem Pavillon-Dach.

De Gaulle hatte zwar das beauftragt, die Finanzierung war damit aber nicht abgesichert!

Anschließend kaufte das Ministerium für Kunst und Wissenschaft vier Figuren. 80.000 DM. Immerhin. Die Materialkosten waren damit eigentlich nicht gedeckt, geschweige denn die Kosten für Produktion und Transport. Aber das nordamerikanische Publikum liebte das „Paradies“. Nach der Expo ‘67 in Montreal verließ es Kanada, ging nach nach Buffalo in den Innenhof einer Galerie und dann 1968 in den Central Park in Manhattan, New York. De Saint Phalle und Tinguely überließen es dann dem Moderna Museet. Sammler aus Texas bezahlten des Transport aus den Vereinigten Staaten von Amerika nach Schweden.

Bibliographische Angaben

Monika Becker: Starke Weiblichkeit entfesseln. Niki de Saint Phalle. In der Reihe „Rebellische Frauen“. Als List-Taschenbuch im Econ Ullstein List Verlag GmbH und Co. KG München 2001. Copyright 1999/2001. Anhang, Quellen, literatur, Register, 249 Seiten. „Originalausgabe“

Titelabbildung: Thilo Tuchscherer – „Schutzengel“ in der großen Halle im Hauptbahnhof Zürich




Omarosa Manigault Newman packt in „Entgleisung“ aus – Zu einem Buch über Donald Trump

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Oh mein Gott, was für ein widerlicher Molch ist dieser gelbhaarige Trump aus Amerika. Nein, er ist keine Comicfigur, er ist der wahre Präsi der U.S.A. Nachdem zuletzt eine Prostituierte über seinen Lullermann dichtete, ist es nun Omarosa Manigault Newman, eine ehemalige Mitarbeiterin, die Interna über seine Psyche und den Rest der präsidialen Trump-Figur absondert. Natürlich schiebt die Dame Frust, weil sie abgeschoben wurde, trotzdem sind doch einige Körner Wahrheit in ihrem Abgesang zu finden.

Vor 15 Jahren lernte sie Trump während einer Fernsehgeschichte kennen, sie mochten sich auf Anhieb (was auch immer sie an diesem eitlen Kerl fand) und fortan arbeitete sie für ihn, bis sie „..seine Verunglimpfungen von Frauen, Afroamerikanern und Kritikern irgendwann nicht mehr aushielt…“

Am Anfang erfahren wir alles über ihren Rauswurf, der sehr seltsam begründet wurde und sich recht primitiv abspielte.

Macht, Geltungsdrang, Gier sind die Antriebspunkte des Genossen Trump, wir haben es nicht anders vermutet, doch aus dem Mund dieser Dame klingt es glaubhaft. Sie wurde von ihm wegen ihrer schwarzen Hautfarbe engagiert, das wird ihr schnell klar – doch trotz des ganzen Mulms bleibt sie Trump lange Zeit eine treue Seele und macht alles mit. Das ist mitunter so trostlos und widerlich, dass man das Buch an die Wand klatschen möchte. Möglicherweise ist das eine der Stärken ihrer Aufzeichnungen.

Wer mehr über den Billigheimer Trump und seine fiese Weltsicht wissen will, greife zu diesem Buch!

Bibliographische Angaben

Omarosa Manigault Newman, Entgleisung, Eine ehemalige Mitarbeiterin von Donald Trump packt aus, 384 Seiten, Verlag: Piper, München 2018, ISBN: 3-492-05960-2, Preise: 20 EUR (D), 20,60 EUR (A)




Walfangreise der Bark Petrel

Walfangreisen Ende des 19. Jahrhunderts – Annotation zum Buch „Walfangreisen der Bark Petrel“

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Dem „Internationale Maritime Museum in Hamburg“ ist ein ganz besonderer Fang bei einer Auktion ins Netz gegangen: die äußerst seltenen Original-Tagebücher des deutschsprachigen, amerikanischen Offiziers Julius Jacobsen auf einem Walfängerschiff. Ein feines Stück Zeitgeschichte, das uns Nachgeborenen einen Einblick in das Leben an Bord gibt. Die Schiffe waren mitunter viele Monate unterwegs, ohne auch nur einen Wal zu sichten. Viele der Einträge sind scheinbar unbedeutend, doch die Zuhilfenahme wissenschaftlicher Deutungsgehilfen machen diese Texte zu einem spannenden Projekt. Oft gibt es nur einem knappen Hinweis zum Wind. Wie der Verlag zu Recht schreibt „Manfred Stein transkribierte sie umsichtig, die Mitautoren Karl-Hermann Kock, Reinhard Krause und Gerd Wegner steuerten Wissenswertes zur Nautik, zum historischen und modernen Walfang sowie zur Person des Autors bei.“

Julius Jacobsen besucht auf St. Helena Napoleons Verbannungsort und beschreibt die Beerdigung aus 3. Hand, er trifft indigene Ureinwohner und lässt etwas wie ein erweitertes touristisches Interesse erkennen.

Liebevoll, detailverliebt, inniges Buch, ein Traum!

Bibliographische Angaben

Herausgeber: Manfred Stein, Karl-Hermann Kock, Reinhard Krause und Gerd Wegner, Walfangreisen der Bark Petrel, Tagebücher von Julius Jacobsen, Augenzeuge der Dezimierung der Pottwale 1877-1884, 480 Seiten, Verlag: Koehler im Maximilian-Verlag, Hamburg 2018, ISBN: 3-7822-1318-9, Preis: 29,95 EUR




Lemmy mit Hütchen und Whiskey als Tittenclown verkleidet – Zur Autobiographie „Lemmy – White Line Fever“ von Ian Fraser Kilmister

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Der Dino ist gelandet. Vor drei Jahren starb Lemmy, der legendäre Sänger und Chef der Band Motörhead.

Drogen, besonders Speed und Koks, waren neben Whiskey und Pommes seine Lieblingsspeisen. Eine Acid- und Speedbirne der alten Schule, dessen Blut das reine Gift gewesen sein muss. Ein Wunder, dass er 75 Jahre alt werden konnte, aber Wunder gibt es immer wieder.

In seiner Bio mit dem programmatischen Titel: „White Line Fever: Die Autobiographie“ erzählt er vom schrecklichen Leben eines Musikanten, der mit seiner Suffstimme besonders in den frühen 80ern die Unterhosen einer bestimmten Sorte Menschen zum Flattern brachte.

Wer auf Nicht-PC-Bücher steht, wird seine wahre Freude haben. Alle paar Seiten wird gesoffen, gefickt, der Drogenkonsum verherrlicht und gegen „falsche“ Emanzen und GemüsefreundInnen vom Leder gezogen.

Allesficker Lemmy hat schließlich einen Ruf zu verteidigen. Das tut er 368 Seiten lang, Fans haben bestimmt ihre Freude daran, der Freund schöner Sätze muss das Buch immer mal wieder zur Seite legen, um seiner Lachkrämpfe Herr zu werden. Teils aus Fremdschämerei, manchmal weil es wirklich witzig ist, mitunter um die unbegreifliche Dämlichkeit und Beschränktheit Lemmys wegzulachen.

Aber weil er ja schließlich Hartmetallmusikant war, kann man von ihm keine tiefere Einsicht, geschweige denn die Frage nach dem Sinn des Ganzen erwarten. Lemmy ist Lemmy, mehr oder weniger ein Mensch wie du und ich, ein Clown im Musikantenstadl, ein schräger Asi, der früher mal die Herzen der ehrlichen Arbeiter mit schlichten Versen und vieeeel Krawall erwärmte.

Bibliographische Angaben

Ian Fraser (Lemmy) Kilmister in Zusammenarbeit mit Janiss Garza, Lemmy – White Line Fever, die Autobiographie, aus dem Amerikanischen von Klaas Ilse, erweiterte und aktualisierte Neuausgabe, aktualisiert von Steffen Chirazi, 368 Seiten, Verlag: Heyne, München 2018, ISBN: 978-3-453-67727-2, Preise: 10,99 EUR (D), 11,30 EUR (A) und 16,90 sFr




Selahattin Demirtas: "Morgengrauen"

Geschichten aus einem kleinasiatischen muselmanischen Morgenland – Zum Buch „Morgengrauen“ von Selahattin Demirtas

17Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Die Storys von Selahattin Demirtas sind auf 144 Seiten eine verschlüsselte sowie subtile Erzählung für die Belogenen und Betrogenen. Einer davon ist der Autor selbst.

Er saß im Hochsicherheitsgefängnis von Edirne und schrieb dort diese Geschichten, die als Protest gegen Erdogan und die seinen sowie die AKP gelesen werden können, denn der 1973 in Palu im von Türken besetzten Kurdistan, wie die einen sagen, oder – die anderen – Armenien, geborene Demirtaş. Dennoch ist Demirtas Zaza und gehört zu einem weiteren Volk auf türkischem Staatsgebiet, dessen Sprache und Kultur unterdrückt wird. Die meisten Zaza dürften sich mehr oder weniger als Kurden sehen, von denen sie auch als solche betrachtet werden.

Während sein Bruder in der PKK gegen die Erdogan-Türken kämpfte, wählte er den Weg der Paragrafen und Parlamente. Er stieg im Februar 2018 zum Co-Vorsitzender der Demokratischen Partei der Völker (HDP) auf, obwohl er seit November 2016 gefangengehalten wird.

Das von Gerhard Meier übersetzte literarische Werk plädiert für einen parlamentarisch-demokratischen Weg, für den Demirtas als Liberaler plädiert und das durchaus einprägsam und mit Humor.

Demirtas schreibe laut Verlag darüber, wie es ist: „Wenn eine Frau Opfer staatlicher Willkür wird, nur weil sie zur falschen Zeit auf dem Weg zur Arbeit ist. Wenn ein Vater sich gezwungen sieht, über seine Tochter zu richten, um die Ehre der Familie zu retten. Wenn einem Mädchen nur die Flucht von zu Hause bleibt, um selbst über sein Leben zu bestimmen.“

Er schreibt über Zustände in der Türkei, die der Aufstände wert sind.

Bibliographische Angaben

Selahattin Demirtas, Morgengrauen, Storys, aus dem Türkischen von Gerhard Meier, Originaltitel: Seher, 144 Seiten, Format: 12,5 x 20,0 cm, gebunden, Pappband mit Banderole, Originalverlag: Dipnot Yayinlari, Verlag: Penguin, 1. Auflage, München, Oktober 2018, ISBN: 978-3-328-60061-9, Preise: 16 EUR (D), 16,50 EUR (A), 22,90 sFr




"Erdsee" von Ursula K Le Guin.

Die Magische Inselwelt der Ursula K. Le Guin in einer Prachtausgabe – Annotation zum Buch „Erdsee“

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Die 2018 verstorbene amerikanische Fantasy-Autorin Ursula K. Le Guin brachte vor 50 Jahren den ersten Band ihrer „Erdsee“-Reihe heraus. Zu diesem Jubiläum ehrt der Fischer/Tor-Verlag die Grand Dame mit einer neu übersetzten und illustrierten Ausgabe, die sämtliche Erdsee-Romane, Erzählungen und Essays der Autorin enthält. Lohnt sich der Kauf? Auf jeden Fall! Die teilweise farbigen poetischen Illustrationen des berühmten Fantasy-Künstlers Charles Vess bereichern die vollständige Neuübersetzung (von Hans-Ulrich Möhring, Sara Riffel und Karen Nölledes) um den jungen Magier Ged, welcher sich dem komplexen Kampf um die Rettung des Erdsee-Kosmos stellt…

Für die Fans der Feministin K. Le Guin dürfte der Essay „Kinder, Frauen, Männer und Drachen“, den die Autorin 1992 hielt und welcher hier als „Erdsee mit neuen Augen“ angehängt ist, aufschlussreich sein. Sie erklärt, warum Helden männlich konnotiert waren – und wie sie selbst mit dieser Tradition brach: „Was früher Unschuld war, ist jetzt Verantwortungslosigkeit. Es müssen neue Visionen her.“

Der Verlag würdigt mit dieser prachtvollen Ausgabe eine großartige Autorin und Historikerin, welche nicht nur James Tiptree Jr., Ann Leckie und Roberto Bolaño prägte, als politische Visionärin, die ein Werk von wilder Freiheit hinterließ.

Bibliographische Angaben

Ursula K. Le Guin, Erdsee, Die illustrierte Gesamtausgabe, 1118 Seiten, Einband: gebunden, Verlag: Fischer-Tor, 1. Auflage, 26. September 2018, ISBN-10: 9783596701605, ISBN-13: 978-3596701605, Preis: 58 EUR (D), 59,70 EUR (A)




Dieter Lobenbrett mit einer Biographie über Vicco von Bülow.

Eine Biographie über Vicco von Bülow oder Lobenbrett über Loriot

Berlin, Deutschland (Kulturepxresso). Das etwas über 200 Seiten dicke und ungefähr im A5-Format gehaltene Buch trägt als Biographie zwar den Titel Loriot, doch gemeint ist Bernhard-Viktor Christoph-Carl von Bülow, kurz Vicco von Bülow, den viele unter diesem, seinem Künstlernamen kennen.

Dass wir dem „Meiste des feinsinnigen Humors“ Cartoons, Fernsehsketche, Bücher und Filme verdanken, das ist wohl war, aber auch Kritik. In jedem Werk von Loriot steckte immer auch Analyse und Kritik, die allerdings feinfühlig und durchdacht vorgetragen und immer auch unter dem Mantel des Humors versteckt wurde, der sich einerseits hinter Höflichkeit verbarg und andererseits mit ihr drehte. Mit Scherzkeksen wie Otto Waalkes und Komikern wie Harald Schmidt und Witzbolden wie Mario Barth hat das nichts zu tun.

Von Bülow wusste mit Worten, die sein Handwerkszeug waren, umzugehen und situationsgerecht einzusetzen. Ein „Ach“ oder „Aha!“ an der richtigen Stelle reichte. Als Parodist entlarvte er die einen und als Ratgeber half er den anderen und nebenbei hob er die Komik auf die Höhe großer Schriftsteller.

Vicco von Bülow, der 1923 in Brandenburg an der Havel geboren wurde und 2011 in Ammerland am Starnberger See in Oberbayern starb, spielte Musik und Theater, drehte fürs Fernsehen und Kino, war vor und hinter der Kamera, schrieb Drehbuch und führte Regie, er war zudem Bühnen- und Kostümbildner, zum Schluss sogar Honorarprofessor für Theaterkunst in Berlin. Er war künstlerisch vielseitig und sein Repertoire war reichhaltig.

Darüber berichtet Dieter Lobenbrett, aber vor allem auch über seine Kindheit und frühe Jugend, seine Familie. Nachdem die Herkunft geklärt ist, wird sein Werdegang im Adenauer-Deutschland der Nachkriegszeit skizziert und seine Karriere zum erfolgreichsten Humoristen unserer Zeit. Unerbittlich beobachtete er jedes Detail unserer Marotten und hielt uns wie kein anderer den Spiegel vor – worüber wir uns köstlich amüsiert haben. Trotz seines Erfolgs ist er immer bescheiden geblieben, verpflichtet nur der Kunst und dem, was er sich selbst als Maßstab vorgegeben hat. Das Buch geht dem Phänomen Loriot auf den Grund und ist ein unverzichtbares Werk für alle Fans und Anhänger des intelligenten Humors.

Die im Münchner Riva-Verlag kurz nach von Bülows Tod erschienene Biografie musste Mitte Januar 2013 aufgrund von Urheberrechtsverstößen vom Markt genommen werden, weil seine Tochter Susanne von Bülow vor dem Landgericht Braunschweig dagegen geklagt hatte und Recht bekam, dass das Buch zu viele Zitate ihres Vaters enthalte. Die Klägerin erzielte einen Teilerfolg. Das Recht zum Zitieren hat ein Autor nur dann, wenn er sich mit dem Zitat auseinandersetzt, nicht aber um sein eigenes Buch mit den Gedanken eines anderen, „weil es so schön geschrieben ist“, wie der Vorsitzende Richter Jochen Meyer meinte, zu schmücken.

Der Verlag erklärte, das Buch in veränderter Form auflegen zu wollen. Im Verlag wurde schon an einer geänderten Ausgabe gearbeitet, die noch 2013 kam.

Biliographische Angaben

Dieter Lobenbrett, Loriot-Biographie, 208 Seiten, Softcover, Gewicht: 282 g. Verlag: Riva, 1. Auflage, München, Oktober 2018, ISBN: 978-3-7423-0733-0, Preis: 7,99 EUR (D)




"Wie ich fälschte, log und Gutes tat" von Thomas Klupp.

Thomas Klupp bereichert das Genre des soften Arschlochromans um eine kleinstädtisch gleich bayerische Variante

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Hand aufs Arschgeweih, wer von uns möchte nicht nochmal sechzehn sein und den ersten Hauch von Sex und Drogen atmen?

Thomas Klupp schickt uns via Benedict Jäger, von seinen Freunden Dschägga genannt, auf eine kleine Tour durch das halbmalade Weiden, eine Fucking Kleinstadt in der Nähe der tschechischen Grenze, wo Chrystal Meth wie Leberkäse noch günstig und voll die Natur sind.

Dschägga, schulisch gesehen ein Vollversager, hat in seinem kurzen Leben als überforderter Gymnasiast schon allerhand Dinge angestellt, die Provinzeltern (Mutti Hausfrau, Vati Chefchirurg) in Sinnkrisen stürzen können. Er fälscht die Unterschrift seiner Eltern, betrügt professionell bei Klausuren und Aufsätzen und setzt seine kreative Ader ein, um schulisch gesehen mit dem Arsch an die Wand zu kommen.

Den Lebenssinn findet er beim Tennisspielen mit männlichen Artgenossen. Bei der Aftershow im lokalen Bummsclub für Jugendliche und Junggebliebene geht es robust zu, immerhin kommen sie dort gut an Softdrogen und billigen Alkohol. Seine Nächte sind einsam, ab und an berückt er sich mit der hohlen Hand und träumt vom ersten Mal.

Unerwartet tut sich ein Spalt auf, als eine der Kleinstadtschönheiten Dschägga für eine Scheinexistenz bucht. Als Gegenleistung für öffentlichkeitswirksames Knutschen mit der holden Maid muss er beispielsweise als Zeuge für eine verruchte Nacht (Crystal und Blümchensex) herhalten.

Auch Dschäggas Mutti ist eine Meisterin des Blendens, um ihren schalen Hausfrauentreffen etwas Glamour überzuhelfen, ruft Dschägga sie regelmäßig während diesen Treffen an und Fakepalavert mit ihr über teure Reisen, Opernbesuche und ähnlichen Schnulli, der in diesen Kreisen angesagt ist.

Achja, die dummen Streiche der Reichen, man kann gar nicht früh genug damit beginnen. So richtig doll böse und fies sind die Gestalten des Buches nicht, keiner tut dem anderen wirklich weh, auch wenn sie allesamt in der allgemeinen Arschlockskala einen der vorderen Plätze einnehmen. Richtig Fahrt nimmt die lässige Schnurre auf, als der böse und vom Krebs schon ordentlich zerfressene Lehrer Sargnagel die Gymnasiasten ernsthaft zu knechten beginnt. Ausgerechnet in Mathe und Physik! Die schlimmsten Fächer der Welt! Selbst mir rieselt es, fast 40 Jahre nach meinem Abiturabbruch, noch eisig den Rücken herunter. Der aasige, halbtote Greis wird in einer konzertierten Aktion zur Strecke gebracht, als Dschägga und seine bekloppten Tenniskumpels endlich mal was Gutes tun. Wenigstens beziehe ich den dritten Teil des Buchtitels darauf. Ob ich richtig liege? Lest selbst dieses pittoreske Jugendbuch, das in seinen schönsten Momenten an Tom Sawyer gemahnt. Summa Summarium ein Buch für die ganze Familie, selbst die lieben Kleinen (FSK 14) kann man damit behelligen, insofern sie noch wissen, was ein Buch ist.

Bibliographische Angaben

Thomas Klupp, Wie ich fälschte, log und Gutes tat, Roman, 256 Seiten, Hardcover, Berlin Verlag, Berlin 2018, ISBN: 3-8270-1366-8, Preise: 20 EUR (D), 20,60 (A), E-Buch: 17,99 EUR