Serhij Zhadan Internat

Gefangen in Chaos – Annotation um Buch „Internat“ von Serhij Zhadan

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Pascha muss seinen jungen Neffen aus dem Internat abholen. Er wurde dort aus Sicherheitsgründen geparkt, doch nun rückt die Front näher, bzw. ist plötzlich überall. Lebend durch den Ort zum Internat und wieder zurück zu gelangen, ist das Ziel für einen Tag.

Eskortiert von Kriegsgestalten, apokalyptischen Hunden und hilflosen Menschen, irren wir mit Pascha und seinem Neffen durch das Epizentrum des Grauens. Zhadan schafft es in bedrückender Manier, das Leid, das Chaos und die Ohnmacht der Donbasskrise in eine Romanhandlung zu expedieren. Der Lehrer Pascha gerät durch Zufall in die Frontlinie und erlebt als Einer von Vielen hautnah die Schmerzen des ukrainischen Bürgerkrieges.

Surreale, bedrückende Bilder, trotzdem ein literarisches Kunstwerk, das die Angst fassbar macht. Ein Buch wie ein Hammer auf der Schädeldecke!

Bibliographische Angaben

Serhij Zhadan, Internat, 300 Seiten, Roman, gebunden, Suhrkamp Verlag, Berlin, März 2018, ISBN: 3-518-42805-4, Preis: 22 EUR (D), 22,70 EUR (A), 31,50 sFr




Maile Meloy: Bewahren Sie Ruhe.

Kreuzfahrt-Alptraum oder Der hochspannende Roman einer entgleisten Urlaubsreise- Annotation zum Buch „Bewahren Sie Ruhe“ von Maile Meloy

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). „Penny blinzelte in die Sonne. Neben ihr war Isabel, und mit einer Hand hielt sie den kleineren Schwimmreifen fest, auf dem June und Sebastian trieben. Ihre Finger waren schon ganz verschrumpelt. Sebastians Arm streifte ihren. Hector und Marcus hielten sich am dritten Schwimmreifen fest. Vögel zwitscherten und Insekten summten durch die Luft, aber weit und breit war kein Mensch zu sehen.“

Auf Seite 75 des 436 Seiten dicken neuen Romans von Maile Meloy verschwinden die Kinder. Bis dahin gleicht die Handlung einem heile Welt-Urlaubs-Geplänkel – ein Kreuzfahrtschiff, vier Kinder und ihre Elternpaare. Die Mütter sind Cousinen. Ein Vater ist Schauspieler, ein Junge Diabetiker. Man lernt eine argentinische Familie mit zwei jugendlichen Kindern kennen, vergnügt sich, schippert die amerikanische Westküste nach Lateinamerika hinab, bald ist Weihnachten. Dann geschieht es. Bei einem Ausflug an die Küste werden die sechs Kinder in einen Flussarm landeinwärts getrieben – der Erzählstrang teilt sich und wir verfolgen abwechselnd die Kinder oder die Eltern. Die Kinder bleiben verschwunden. Das Wohlstandgefüge zerbröselt, alles ist in Frage gestellt.

Besonders überzeugend dargestellt ist die (scheinbare) Zufälligkeit, mit der die Dinge ihren Lauf nehmen, was wem zustößt und wie die einzelnen Figuren agieren, beziehungsweise nicht handeln. Der Leser wird durch dramaturgische Kniffe der Autorin mit jedem Handlungsstrang in eine Spiegelung gedrängt, aufgefordert, abzugleichen, was er selbst in der jeweiligen Situation unternehmen würde. Gänsehaut, Angst, Wut und Scham inklusive.

Maile Meloy, 1972 in Montana geboren, legte mit „Tochter einer Familie“ (2010) und „Lügner und Heilige“ (2011) bereits mehrfach ausgezeichnete Romane vor, in diesem jüngsten und mit Abstand dicksten Buch verwebt Meloy eine Reisegeschichte mit deutlichem Subtext an Rassismus- und Kapitalismuskritik zu einem mitreißenden Pageturner. Großartig. Sehr gut geschrieben und adäquat übersetzt! Die perfekte Urlaubslektüre für die nächste Schiffsreise.

Bibliographische Angaben

Maile Meloy, Bewahren Sie Ruhe, Roman, Aus dem Amerikanischen von Anna-Christin Kramer und Jenny Merling, 432 Seiten, Hardcover, Format: 11,8 x 18,5 cm, Kein & Aber Verlag, März 2018, ISBN: 978-3-0369-5776-0, Preis: 23,00 EUR




Bild von Autor und Theaterdirektor Runar Schildt, der durch Selbstmord starb

Unsichtbare Bande: Was verbindet Malik Bendjelloul und Runar Schildt?

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Ernst Runar Schildt war ein Cousin Holger Schildts, der in Helsinki, das auf schwedisch Helsingfors heißt, einen Buchverlag gründete. Runar Schildt schrieb auf schwedisch, der Verlag veröffentlichte seine und andere Bücher in schwedischer Sprache. Malik Bendjelloul, der Oscar-Preisträger, ist Holgers Urenkel, doch dazu unten.

Runar Schildt als Buchautor

Runar Schildt debütierte 1912 mit seinem ersten Buch „Den segrande Eros“, einer Novellensammlung („Der siegreiche Eros“).

Insgesamt verfasste er 33 Kurzgeschichten. 25 wurden in Buchform veröffentlicht. Ein Teil wurde verfilmt, so „Aapo“, „Galgmannen“, „Hiersipuumiehen“ und „The Kiss of a Sparrow“ (Regie: Claes Olsson). Es gibt insgesamt sieben Filme. Es war die Zeit des Stummfilms.

Runar Schildt schrieb schwedisch. Seine Texte, die zumeist auch als Bücher gedruckt wurden, wurden ins Englische, Französische, Deutsche und Finnische übersetzt.

Runar Schildts Werk (Auswahl)

„Armas Fager. En silhuett“ (1920), „Asmodeus och de tretton själarna samt tre noveller“, „Den segrande Eros“ („The Victorious Eros“), „Den stora rollen“, „En sparv i tranedans“ (verfilmt als „The Kiss of a Sparrow“ („Spatzenkuss“)), „Från Regnbågen till Galgmannen“, „Från Rönnbruden till Häxskogen“, „Galgmannen: en midvintersaga“, „Häxskogen och andra noveller“, „Hemkomsten och andra noveller“(1925), „Lyckoriddaren. Skadespel i fem akter“(1923), „Nagra Blad“ (1926) (Einführung: Gunnar Castrén), „Perdita och andra noveller“ und „Rönnbruden och pröfningens dag: tva berättelser fran Rävsbacka“ (1918).

Runar Schildt in anderer Funktion: Bibliothek und Theater

Ernst Runar Schildt wurde im Herbst des deutschen Dreikaiserjahres in Helsinki geboren: am 26. Oktober 1888; wo er am 29. September 1925 auch starb. Durch eigene Hand; im Alter von 36 Jahren. Der schwedischsprachige finnische Autor aus Helsinki hatte einen Sohn, der denselben Beruf ergriff: der Kunsthistoriker Göran Schildt. Der andere Sohn, Christoffer, wurde Redakteur.

Vater Runar Schildt studierte Ästhetik und zeitgenössische Literatur, Kunstgeschichte und nordische Geschichte an der Universität Helsinki, naheliegend. Kunstgeschichte – wie der Vater, so dann der Sohn. 1910 machte Ernst Runar seinen Abschluss (Bachelor). Er arbeitete in der Universitätsbibliothek.

Er war Direktor des schwedischen Theaters.

Und war auch als Literaturkritiker und Übersetzer tätig.

1915 dann: Literaturdirektor von Schildts Verlag, den es in anderer Form bis heute gibt.

Die Stadt Helsinki, zu seiner Geburt russisch, seit 1917 finnisch, gedachte seiner.
1955 benannte sie eine Grünanlage nach ihm, den Runar-Schildt-Park in Skillingstigen.
Seit 1976 gibt es den Schildtinpolku (schwed. Schildtstigen, deutsch: Schildtsteig, Schildtweg), eine kurze Gasse am Bahnhof Pohjois-Haagan. Beide im Stadtteil Lassila (schwedisch: Lassas) nördlich der Altstadt.

Runar Schildt und sein Verwandter Malik Bendjelloul lernten sich nie kennen

Malik Bendjelloul, der mit seinem mehrfach preisgekrönten Dokudrama „Searching for Sugar Man“ über den Folksänger Sixto Rodriguez sogar den Oscar gewann, wählte 2014 den Freitod.

Laut Bert Hellingers Familienaufstellungen gibt es subtile Bande zwischen uns und unseren Vorfahren. Seine „Aufstellungen“ sollen helfen, diese zu erkennen und Konflikten vorzubeugen oder diese aufzulösen. (Darauf beruhen Bücher wie „Leiden ist leichter als lösen“(ISBN 387387444X/ 9783873874442).)

Dass Runar Schildt, der durchaus erfolgreich war und bekannt, wenn auch in den 20er Jahren wirtschaftlich schlecht gestellt, in Depressionen verfiel und schießlich seinem Leben ein Ende setzte, könnte durchaus ein „Muster“ sein, dem Malik Bendjelloul folgte.

Dass ein Filmemacher einen Oscar erhält, ist unwahrscheinlich und eine der höchsten oder höchstbewerteten Auszeichnungen. Als Dokumentarfilmer ist die Chance geringer. Als Nicht-US-Amerikaner noch geringer. Wenn man nach so einem Erfolg und vielen anderen Preisverleihungen depressiv wird, muss das einen Grund haben. Natürlich weiß man nie, was in einem anderen Menschen alles vor sich geht.

Doch einfach so passiert nichts. Kein Zufall.

Beide waren Akademiker im Kulturbereich.

… standen durch ihre Erfolge im Lichte der Öffentlichkeit.

Beide nahmen sich (trotzdem) das Leben.

Beide im Alter von 36.




Wege die sich kreuzen von Tommi Kinnunen.

Unausgesprochenes in einem Familienroman, der sich über ein Jahrhundert in Finnland sprunghaft erstreckt – Annotation zum erstaunlich perfekten Debüt-Roman „Wege, die sich kreuzen“ von Tommi Kinnunen

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). „Marias Hand bewegte sich langsam. Sie schob mit den Fingern die Klinge des Messers gegen den Daumen, als zerkleinerte sie Möhren. Im Zimmer war es fast dunkel, aber das bemerkte sie nicht. Sie verrichtete ihre Arbeit, ohne nachzudenken, ohne in Frage zu stellen, ohne sich zu wundern. Die Waschschüssel füllte sich Stück für Stück.“

Die junge Hebamme Maria zerschneidet ein totes Kind in seiner Mutter, um diese zu retten – gleich zu Beginn des Romans: „Wege, die sich kreuzen“ im Jahre 1895. Tommi Kinnunen hat auf 326 Seiten einen Familienroman geschrieben, der genau einhundert Jahre umfasst. Es ist ein mutiges Buch, ein tiefgründiges, mitreißendes und erstaunlich perfektes. Der Autor, 1973 im nordfinnischen Kuusamo geboren wurde, lebt als Lehrer im südwestlichen Turku. „Wege, die sich kreuzen“ ist sein erster Roman, der wochenlang auf Platz der finnischen Bestsellerliste stand, mittlerweile in über 20 Ländern erschien und für den europäischen Buchpreis nominiert war.

Sind die Hauptfiguren zunächst starke Frauen; die Rad fahrende alleinerziehende Hebamme Maria und ihre Tochter Lahja, welche ein Fotoatelier in einer kleinen Stadt im Norden Finnlands eröffnet – nimmt im Laufe der sprunghaften Erzählung die Geschichte Onnis immer größeren Raum ein. Onni wird sein Leben an Lahjas Seite verbringen, zwei Kinder mit ihr bekommen und drei aufziehen. Aber ein dunkles Geheimnis umgibt seine Figur und schleicht sich wie Gift in Lahjas Gemüt…

Wie Filmschnitte setzt Kinnunen mit jedem Kapitel den Blick einer anderen Figur in den Focus, und einer anderen Zeit. Am Ende haben wir einhundert Jahre einer scheinbar normalen Familiengeschichte erfahren, die viele schöne Szenen, viele alltägliche und einige tragische enthält – wie beinahe jede europäische Familie. Aber hier klingen sowohl das Emanzipationsthema als auch das homoerotische überproportional stark an, in einer Meisterschaft, die verblüfft. Kinnunen selbst sagt über sein Buch: „Ich staune, wieviel Unausgesprochenes in jeder Familie steckt. Wege, die sich kreuzen erzählt genau diese Geschichten, über die geschwiegen wird.“

Bibliographische Angaben

Tommi Kinnunen, Wege, die sich kreuzen, Originaltitel: Neljäntienristeys, Aus dem Finnischen von Angela Plöger, Roman, 331 Seiten, Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, Format: 13,5 x 21,5 cm, Verlag: DVA, 19. März 2018, ISBN: 978-3-421-04771-7, Preise: 20 EUR (D), 20,60 EUR (A), 27,90 CHF




Bianca Bellová, Am See.

„Am See“ – ein sprachgewaltiger Roman von Bianca Bellová

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Der Seegeist holt sich die Männer, die Mutter ist eine Erscheinung aus roten Dreiecken. Nami wird bei den Großeltern groß, der See verdunstet.

Rings um die verseuchte Seelandschaft liegt Wüste. Die Bewohner des Dorfes arbeiten (noch) in der Fischfabrik, ihre Kinder haben Ekzeme und Missbildungen. Armut, verrotteter Plattenbau und Kolchose contra Melone, Pfirsich, Tomate und Blini mit Kaviar. Frittierte Krapfen, Schafskäse, Hammelfleischfrikadellen, Piroggen und Brot mit Zwiebeln. Schnaps und Schweigen. Nami macht sich auf, die Mutter zu suchen, wegzukommen vom See. Verdingt sich, wandert weiter.

In diesem düster apokalyptischen Roman wird der Leser hart gebeutelt, Umweltverschmutzung, Islamisierung, Vergewaltigung und Sklaverei sind in der vagen Zukunft Alltag. Wie sich der junge Mann durch die dystopische Welt schlägt und seine Wurzeln sucht, ist meisterhaft erzählt. Bianca Bellová, 1970 in Prag geboren, zählt zu den wichtigsten Stimmen der tschechischen Literatur und wurde für diesen Roman mit dem tschechischen Buchpreis Magnesia und dem Europäischen Literaturpreis ausgezeichnet.

Ein Menetekel, das man nicht so schnell vergessen wird!

Bibliographische Angaben

Bianca Bellová, Am See, Roman, Aus dem Tschechischen von Mirko Kraetsch, 240 Seiten, Hardcover, Format: 12,8 x 19,4 cm, Verlag: Kein & Aber, Zürich, Februar 2018, ISBN 978-3-0369-5778-4, Preis: 20 EUR




"Untergrund war Strategie Punk in der DDR" von Geralf Pochop

Authentisches Zeitdokument eines DDR-Punks – Über das Buch „Untergrund war Strategie, Punk in der DDR“ von Geralf Pochop

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Punkrock war in der DDR illegal, wer Punkrock ausübte, geriet sehr schnell mit der Staatsmacht in Berührung. Blieb der Punker seiner Sache treu, traf sich vielleicht noch mit PunkrockerInnen aus dem Westen, hörte frech Punkmusik oder machte sie selber und trug den Iro spazieren, waren Knast oder Jugendwerkhof nicht fern.

Die öffentlich auftretenden Punker (wir reden hier nicht von Faschingspunks oder Halbpunks im Jackett) in der DDR waren eine kleine Gruppe, ein paar Hundert, mehr nicht. Zu groß gerieten die Repressalien des Staates, als dass sich diese Subkultur weitflächig ausbreiten konnte (wie zum Beispiel die harmlosen Popper oder die friedfertigen Blueser). Skinheads waren bei den DDR-Sicherheitsorganen beliebter. Warum? Sie hatten ein entspanntes Verhältnis zum Wehrdienst, gingen fleißig arbeiten und hielten ihren Rumpf sauber. Als die Staatssicherheit der faschistischen Ideologie vieler Skinheads auf die Schliche kam, änderte sich das allerdings sehr schnell.

In Geralf Pochops Erinnerungswerk „Untergrund war Strategie. Punk in der DDR: Zwischen Rebellion und Repression“ geht es um seine unmittelbaren Lebenserfahrungen als Punkrocker in der DDR. Geboren 1964 in Halle, fand er mit achtzehn schnell Kontakte zu gleichgesinnten Punks, engagierte sich in der unabhängigen DDR-Friedensbewegung und landete bereits 1983 in den Verhörzellen des „Roten Ochsen“, dem Hallenser Stasiknast. 1987 kam er zum zweiten Mal wegen eines politischen Deliktes ins Gefängnis, diesmal für ein halbes Jahr.

Pochops Erinnerungen sind ein lebendiges Zeitbild, besonders die Kapitel um den Besuch des legendären Konzertes der Toten Hosen (seinerzeit in Pilsen gespielt) und der Einstürzenden Neubauten (kamen nicht mehr zum Zug, weil knüppelschwingende Tschechenbullen dem Spuk ein Ende bereiteten und die Westbands zurück nach Bayern knüppelten) 1987 im tschechischen Pilsen lassen kein Punkerauge trocken. Auch die Themen besetzte Häuser, Margot Honecker und das Jeansverbot, das Punkerdasein als Überlebenstraining sowie die Punkhochburg Aschersleben werden eindringlich behandelt. Nebst einigen wunderbar schrägen Punkeranekdoten, es war ja nicht alles zum Heulen in der DDR.

1989 reiste er nach Westdeutschland aus, inzwischen lebt er mit seiner Familie ein, wie er sagt, entschleunigtes Leben in Torgau, hat aber selbstverständlich den Punk weiterhin im Herzen. Geralf Pochop hat Knast und Verfolgung gut überstanden, er musiziert in der FunPunkBand Gleichlaufschwankung und ist nebenher ein rühriger Schallplattenverleger und Plattenhändler.

Jugend (und Junggebliebene) der Welt – kauft euch das Buch und gruselt euch, flüstert und schreit!

Bibliographische Angaben

Geralf Pochop, Untergrund war Strategie, Punk in der DDR, Zwischen Rebellion und Repression, 200 Seiten, Hirnkost-Verlag, Berlin 2018, ISBN: 3-945398-83-8, Preis: 20 EUR (auch als E-Buck erhältlich)

Einblicke in die Westberliner Musik-Subkultur – Kritik zum Buch „Berlin, Punk, PVC“ von Gerrit Meijer




Jens Fuge: Kennst du den Platz, wo die Sonne stets lacht? Chemie Leipzig und seine Fans (Band II).

Chemie, Chemie, nur noch Chemie – Annotation zum Buch „Kennst du den Platz, wo die Sonne stets lacht?“ von Jens Fuge

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Wir alle leider unter den schlimmen, fußballosen Zeiten, die in geschmackloser Regelmäßigkeit über uns hereinbrechen. Vom Handballteufel erfundene Ruhezeiten, sinnlos vergammelte Wochenenden ohne unsere innig geliebte Balllümmelei. In solchen traurigen Stunden kann der Blick in ein gutes Buch helfen. Ganz besonders fleißig ist derzeit Jens Fuge, seines Zeichens Fan von Chemie Leipzig und historisches Gewissen aller Anhänger der Grünweißen.

Schon der zweite Band seiner BSG-Chemie-Leipzig-Fantrilogie erblickte kürzlich das Licht der Welt und entflammt nicht nur die Chemiker aus dem fernen Leipzig-Leutzsch. Kennst du den Platz, wo die Sonne stets lacht?, heißt der fette Band, der wesentlich in den 80er Jahren bis zur Wende in der DDR angesiedelt ist. Neben etwa 1000 Fotos und Abbildungen begeistert das Buch durch einen wahren Orkan an Fangeschichten, in denen sehr häufig von lachenden Sonnen wenig zu spüren ist. Denn die aktiven Fußballfans der DDR hatten einen Hauptfeind, der ihnen permanent auf die Füße trat, ihnen das Leben schwermachte und den Spaß versaute: Vater DDR-Staat, samt eifriger Meute aus Stasileuten, Volkspolizisten, Transportpolizisten, Parteigenossen und deren willfährigen Spitzeln und Vollstreckern. Immer auf der Jagd nach negativ-dekadenten Jugendlichen, die vom Westfußball verseucht, die gleichgeschaltete DDR-Jugend möglicherweise konterrevolutionär infiltrierten und am Ende sogar den Staat stürzen wollten? Mit frechen Gesängen, in Westjeans gekleidet, tapeziert mit Bundesligaaufklebern und einer Sehnsucht nach ein bisschen Freiheit im biederen DDR-Alltag, spazierten diese jungen Menschen durch das Stadtbild und zeigten Karl Marx die lange Nase. Und jagten den sozialistischen Kleinbürgern einen gehörigen Schrecken ein.

Bei Chemie war diese Klientel besonders stark vertreten. Chemie galt als sogenannter ziviler Club. Keine Stasi, keine Bullen, keine Partei hatten dort angeblich das Sagen. Chemie war für seine Fans gelebte, unangepasste Arbeiterkultur. Roh, laut, irgendwie dagegen, am liebsten besoffen. Besoffen vor Glück, besoffen von billigem Fusel, besoffen vor Freundschaft, die viele Jugendliche beim Fußball fanden. Chemie zog Kunden, Punks, Rocker und Langhaarige magisch an. Fuge hat es in seinem Buch geschafft, dieser Klientel eine Stimme zu geben. In Interviews, Gedächtnisprotokollen und Fotoserien geben sie Auskunft über das Fandasein in der DDR. Immer mit der großen Zehe im Knast, den Kopf voll herrlicher Flausen, ließen sich viele vom Staat und dessen willigen Schergen einfach nicht unterkriegen.

Das Buch ist ein Denkmal für alle jene Chemiker (und wenige Chemikerinnen), die zu DDR-Zeiten stolz und abenteuertrunken durch die Stadien der Zone pilgerten, sich kloppten, sich liebten, ihre Lieder sagen und ihr kleines bisschen Fußballfreiheit lebten. Ein großartiges Geschichtsbuch, eine wunderbare Hommage an alte Säcke, die einmal Helden waren. Kaufen, kaufen, kaufen!

Bibliographische Angaben

Jens Fuge, Kennst du den Platz, wo die Sonne stets lacht?, Chemie Leipzig und seine Fans (Band 2), 524 Seiten, 1000 Abbildungen, Verlag: Backroad Diaries, Leipzig 2017, ISBN: 3-9816023-6-4, Preis: 35 EUR




Andreas Hock: Das Buch der legendären Panini-Bilder.

Wir sind Panini! – Annotation zu „Das Buch der legendären Panini-Bilder“ von Andreas Hock

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Ich, du, er, sie, es – wir alle sind Panini. Oder kauften wenigstens einmal im Leben für Kinder, Opa oder Freunde die Sammelbilder samt Sammelheft von Panini.

Wie meinte schon Rudi Völler in einem anderen Jahrtausend: „Was meine Frisur betrifft, da bin ich Realist“. Das Buch baut ein Denkmal für all die vielen schnieken, schrägen, kranken und so wunderbaren Paninisammelbilder der letzten Jahrzehnte unserer Bundesligaheroen. Wir begegnen den Siegern unserer Jugend und erfahren: „Bei so einem Spiel muss man die Hosen runterlassen und sein wahres Gesicht zeigen“, so Alexander Strehmel.

Beckenbauer, kleines dickes Müller, Rufer, Wynalda – die Namen sind ungezählt, wie die damit verbundenen Geschichten. Sehr feines Buch, um die schlimmen Halbzeiten der WM zu überbrücken!
Fußballfaktor: Alles sind sie drin, alle sind sie da – außer Erich Honecker, Lieblingsspiel der Protagonisten: Fußball, taugt für: Paninifreaks, Sammler von Fußballnippes.

Bibliographische Angaben

Andreas Hock, Das Buch der legendären Panini-Bilder, 96 Seiten, Hardcover, Riva-Verlag, 2. Auflage, München 2018, ISBN: 3-742-3054-97, Preis: 14,99 EUR




Das Buch "Behind the Wall, Depeche Mode-Fankultur in der DDR" von Sascha Lange und Dennis Burmeister

Hinter der Mauer lauern: Depeche Mode! – Annotation zum Buch „Behind the Wall, Depeche Mode-Fankultur in der DDR“ von Sascha Lange und Dennis Burmeister

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Depeche Mode hören und sterben – diese Parole geisterte durch die Hirne der manchmal renitenten DDR-Jugend, denn auch im Osten liebte man die Popmusik aus dem Westen.

Lange und Burmeister haben ein einviertelempirisches und dreiviertelerinnerungskulturelles Werk zum Wirken der smarten britischen Buben geschaffen, nach dessen Lektüre keine Fragen mehr bestehen zum: Wirken von Pop in Diktaturen und der grenzenlosen Fantasie von herrlichen Träumern, denen kein Weg zu weit ist, um ihren Idolen nahe zu sein.

In Gesprächen mit Fans, Fanclubbern, Fanzinern, wird die Zeit vorm Mauerfall lebendig – mit all ihrer Freude und den Kümmernissen der SED-Diktatur.

Bestückt mit teils farbigen Fotos und Dokumenten, ist die Kladde eine smarte Wundertüte für die Fans von anno dazumal. Wir erfahren alles über die DDR-Fanclubs, den grauen Alltag der jungen Leute, ihrem unbändigen Willen, zum einmaligen, legendären, unwiederbringlichen Konzert in die Werner Seelenbinder Halle zu gelangen, wo ihr Warten und Träumen ein Ende fand.

Sehr feines Buch, um die unerträglichen Stunden ohne Fußball zu überbrücken!

Bibliographische Angaben

Sascha Lange und Dennis Burmeister, Behind the Wall, Depeche Mode-Fankultur in der DDR, Klappenbroschur, mit farbigen Abb., 240 Seiten, Ventil Verlag, Mainz, März 2018, ISBN: 3-95575-089-3, Preis: 30 EUR (D)




"Heiliges Dunkel, Die letzten Tage des Gulag" von Lewan Berdsenischwili im Mitteldeutschen Verlag

Vom Zeitvertreib der politischen Häftlinge im sowjetischen Gefangenenlager kurz vor der Perestroika – Annotation zum Buch „Heiliges Dunkel“ von Lewan Berdsenischwili

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Lewan Berdsenischwili ist ein knorker Schelm. Der Georgier saß samt Bruder und diversen großartigen Geistern ein paar Jahre im Gulag.

Die Sowjetunion pfiff auf dem letzten Loch, es war nicht mehr der stalinsche Terror, trotzdem ist jeder Tag als politischer Häftling im Knast einer zu viel. Zumal das Vergehen der beiden Brüder, die Gründung einer demokratischen Partei Georgiens, ein zutiefst demokratisches gewesen ist. Von 1984 bis 1987 war Lewan Berdsenischwili als politischer Häftling wegen »Antisowjetischer Agitation und Propaganda« in einem Gefangenenlager inhaftiert. Vorher war er Direktor der georgischen Nationalbibliothek und Dozent für antike Literatur an der staatlichen Universität Tbilissi. 1953 geboren, stand er im besten Alter. Im Lager, der „Zone“, traf er Gleichgesinnte aus allen Ecken der damaligen Sowjetunion. Russen, Balten, Ukrainer, Armenier, Juden usw. Lewan Berdsenischwili hat Heiliges Dunkel geschrieben, um den Lagerinsassen ein Denkmal zu setzen und ihren Angelegenheiten einen Sinn zu geben: „Es ist kein Buch über mich, sondern über die Menschen, die ich kennen und lieben gelernt habe. Vielleicht erkennen einige von ihnen sich nicht wieder, denn die Erzählungen enthalten mehr Wahrheiten über sie, als sie selber wissen oder zu wissen glauben. Es ist ein Buch nicht nur über das Traumatische dieser Erfahrung, sondern auch das Glück des Austauschs mit sehr unterschiedlichen Menschen, denen dasselbe Los zuteilgeworden war.“

Das gelingt ihm aufs trefflichste, mit feinem Humor zeichnet er den Alltag und vor allen die wundervollen Gespräche über Politik, Literatur, Philosophie nach. Feine Schelmen- und Lausbubengeschichten stehen neben härtester Knastprosa und schlimmen Geschichten von Terror und unendlich langer Gefangenschaft. Starkes Buch, der Leser wankt zwischen Tränen des Mitleids und der Freude über herrlich komische Geschichten. Am Ende der jeweiligen Geschichten, die den Spitznamen der Protagonisten tragen, erfahren wir, wie es in der Freiheit mit den Lagerheiligen weiter ging. Mitunter unfassbar skurril, aber lest selbst. Lest unbedingt selbst!

Bibliographische Angaben

Lewan Berdsenischwili, Heiliges Dunkel, Die letzten Tage des Gulag, 264 Seiten, Deutsch von Christine Hengevoß, Dokumentarfiktion, Format: 135 x 210 cm, Mitteldeutscher Verlag, Halle, März 2018, ISBN: 3-954-6299-16, Preis: 25 EUR