Christof Meueler und Franz Dobler: Die Trikont-Story

Haut drauf, lacht aus, tanzt dazu! – Zum Buch „Die Trikont-Story“ von Christof Meueler und Franz Dobler

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Ein wahres Schwergewicht zur Geschichte des Münchner radikalen Musik- und Buchverlages Trikot haben die beiden Perlenfischer Christof Meueler und Franz Dobler an die Oberfläche geholt. Dank umfassender Recherche im Archiv und ausführlicher Gespräche mit den Hauptprotagonisten und Trikont-KünstlernInnen, dürfen wir schnabulierfreudige LeserInnen nun endlich allerhöchstes LeserInnenglück erfahren.

Aufwendig gestaltet (Vierfarbdruck!!!) ist das Buch auch als veritables Wurfgeschoß zu gebrauchen, falls mal wieder ein Revolutiönchen durch die BRD braust. In sechs Teilen die da heißen Anfänge, 70er, 80er, 90er, 0er, 10er, unterhalten uns die beiden Autoren aufs löblichste über das wechselhafte Geschick von Trikont. Immer im Blick bleibt dabei das Zeitgeschehen, dass Trikont überhaupt erst möglich machte. Alles begann mit Che, Onkel Ho und Fidel, dicht gefolgt vom Halb-Spaß-Guerillero Bommi Baumann.

Getreu dem Hunter S. Thompson-Motto: „Wenn die Sache irre wird, werden die Irren zu Profis“, ist Trikont quasi ein Notwehr-Verlag, entstanden aus einer Vakuumsituation im Jahr 1968. 1968 – allein diese Zahl genügt, um den reaktionären Suppenkaspern den Schaum vor die Gurkennase zu zaubern.

Der ganze Spaß liest sich flüssig, ist mit Witz gebacken und erscheint Dank des großzügig eingewobenem Bildmaterials als eine runde Sache.

Dringende und absolute Kaufempfehlung, hier findet der weltgewandte Feingeist alles für den Kampf und die Party!

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Christof Meueler und Franz Dobler, Die Trikont-Story: Musik, Krawall & andere schöne Künste, 464 Seiten, Heyne Verlag, München 2017, ISBN: 3-453-27135-7, Preise: 30,00 EUR (D), 30,90 EUR (A), 39,90 CFR




Jan Costin Wagner

Jan Costin Wagner schickt uns in die Wüste des Leids – Annotation zum Roman „Sakari lernt, durch Wände zu gehen“

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Ein nackter junger Mann steht mit einem Messer in der Hand in einem Brunnen. Er ist auf dem Weg zu den Engeln, der Erlösung, einem Platz außerhalb unseres Wissens. Und ist für alle anderen Protagonisten auf seinem Weg nicht mehr unerreichbar. Als sich ein Polizist beim Einsatz gegen den zukünftigen Engel bedroht sieht, greift er zur Waffe und erschießt den Mann. Das ist die Ausgangslage des kleinen Dramas, mit welcher der finnische Polizist Kimmo Joentaa konfrontiert wird, weil der schießende Polizist sein Freund ist. Kimmo erfühlt die losen Stränge des Geschehens und führt uns für zwei Tage in ein bitteres Stück Schmerz, das zwei Familien an den Rand des Irrsinns treibt.

Wagner ist ein feinfühliges Buch gelungen, er umschifft problematische Untiefen, ohne im Kitsch zu versinken, der so viele Krimis, bzw. krimiähnliche Romane ausmacht. Letztlich ist das Buch ein Zwitterwesen, eine wenig Genre, doch schon viel Literatur. Wagner hat in seiner Sprache eine Dichte erreicht, die ihresgleichen sucht.

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Jan Costin Wagner, Sakari lernt, durch Wände zu gehen, Ein Kimmo-Joentaa-Roman, 240 Seiten, Galiani Verlag, Berlin 2017, ISBN: 3-86971-018-1, Preis: 20 EUR (D), 20,60 EUR (A)




Eingang "Heldenmarkt" in der Station Berlin am Gleisdreieck.

Hier kein japanisches Wasser trinken, sondern denken? Wer weiße Weihnachtsgeschenke will, wandert zum „Heldenmarkt“

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Dinge ehrlich und mit ökologisch-reinem Gewissen zu erwerben, ist für das Herz ein Gedicht. In der deutschen Hauptstadt wurde dafür der Heldenmarkt erfunden. Nachdem das Deutsche Reich von 1914 mit Kaiser unterging, und das sinnlose, brutale Massensterben weder das Vaterland noch Deutschland retten konnte, brauchte es eine neue Heldendefinition.

Mit viel Humor und wahrem Kern hört man den Namen dieses Marktes immer gern.

Mit einem Schmunzeln geht man an den Plakaten vorbei.

Helden bis ins Mark

Süßigkeiten und Lebensmittel,
Schals, Handschuhe, Kittel,
Mützen und andere Textilien,
keine Froschschenkel und Reptilien,

das alles gibt‘s auf dem „Heldenmarkt“ zu kaufen,
und wer gut ist, kommt gelaufen,
mit dem Rad, Bus oder U-Bahn,
doch nicht mit Auto angefahrn!

Das ist doch klar:
Das böse Auto war,
der gute Held ist;
die gute Heldin ißt,

nicht was auf den Tisch,
sondern war aus der Näh‘ kommt,
dann ist es noch frisch,
und – bekommt.

Regional ist das Stichwort,
von hier und nicht von dort,
soll, muss alles herstammen,
um niemanden zu verdammen.

Her mit dem Geld,
Du bist ein Held!

Grüner wird‘s nicht? Ende der Märchenstunde?

Kathrin Hartmann schrieb 2009 das in München verlegte, begrenzt überzeugende Buch „Ende der Märchenstunde. Wie die Industrie die LOHAS und Lifestyle-Ökos vereinnahmt“. (Der Duden definiert eine Loha als ‚weibliche Person mit überdurchschnittlichem Einkommen, die versucht, Konsum und Genuss mit Umweltbewusstsein zu kombinieren‘. Nicht ganz so weiblich ist der geschlechtsneutrale Ursprung des Kurzwortes aus dem Englischen: Lifestyles of Health and Sustainability, etwa: Gesundheits- und Nachhaltigkeitslebensweisen. Er schließt alle Geschlechter ein. Paul H. Ray verwendete 2000 das Akronym erstmals in dem Buch „The Cultural Creatives: How 50.000.000 People Are Changing The World“ (zusammen mit Sherry Ruth Anderson, Ph.D., Harmony Books Publishers, New York). In der BRD wird der Begriff seit 2007 bekannter.)

Das Werk von Frau Hartmann erschien im Verlag „Blessing“, ob es wirklich ein Segen ist, möge jeder selbst entscheiden.

Denn Kleinvieh macht auch Mist und jeder Schritt in die richtige Richtung hilft.
Nicht umsonst gibt es Slogans wie „Weltweit denken, örtlich handeln“ (‚Think globally, act locally‘), genauer: „Im weltweiten Zusammenhang denken, vor Ort handeln!“

Ein weiterer griffiger, origineller, doppeldeutiger Titel von Frau Hartmann ist „Grüner wird’s nicht – Eine Kritik des ethischen Konsums“, ein Beitrag neben denen von Sandra Dusch Silva – „Was bringen Öko-Siegel und Standards wirklich?“ – Kirsten Brodde – „Kritik von Mode als Wegwerfware“ – und anderen in „Presente“ – dem Bulletin der Christlichen Romero-Initiative e.V. 2/ 2014. Christentum und Ökologie gehen oberflächlich zusammen, zudem sich die Kirche etwas einfallen lassen musste, nachdem die Gläubigen in Scharen davonliefen. Doch für viele enge Bibelausleger, Exegetiker, hat der Verbrauch von leidlos Hergestelltem wenig Sinn. Zum einen ist Christentum ohne Leid nicht vorstellbar, weiterhin die Weltgeschichte vorherbestimmt und nicht änderbar; die Welt also nicht rettbar.

Kathrin Hartmann: „Ende der Märchenstunde“, Blessingverlag, ISBN 3896674137 (ISBN-13 9783896674135).




Der verbotene Liebesbrief

Das Establishment tötet – Über das Hörbuch „Der verbotene Liebesbrief“ von Lucinda Riley

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Dass das Establishment auch in London und umzu alles andere als nett und niedlich ist, sondern im Gegenteil jede auch noch so kurze Liaison mit ihr tödlich enden kann, das und noch viel mehr offenbart der Kriminalroman „Der verbotene Liebesbrief“ von Lucinda Riley.

Um viel Liebe geht es, wobei Lügen und Betrügen nicht zu kurz kommen, und Tote gibt es. In der einerseits spannend, aber am Anfang schwer in Fahrt kommenden Geschichte steht eine junge Journalistin im Mittelpunkt, die es vom Land nach London und dort zu einem Boulevardblatt zog. Joanna, wird auf die Beerdigung des einst gefeierten Theaterschauspielers Sir James Harrison, der 95 Jahre alt wurde, abkommandiert, um zu berichten. Dort kommt sie in Kontakt mit einer alte Dame, die am Anfang Rose heißt, aber in Wirklichkeit eine andere ist, wie sich später herausstellt, als die richtige von Joanna aufgespürt wird, in Kontakt, denn sie erleidet einen Anfall, als sie einen alten Mann wiedererkennt. Joanna begleitet die schräg wirkende Frau, die kürzlich aus Frankreich in die Hauptstadt des Vereinigten Königreichs zog, nach Hause. Notgedrungen und aus Mitleid. Als die 27-jährige Joanna, die wie eine durchschnittliche, langweilige Mittelschichtsfrau aus Yorkshire präsentiert wird, von ihr auch noch einen Brief erhält, schlittert sie in einen Kriminalfall, der bis in den Buckingham Palace reicht.

Der verbotene Liebesbrief
© Der Hörverlag

Erst stirbt die alte Dame, dann weitere Figuren wie ihr Chefredakteur, MI5- und ausländische Agenten, sogar Joannas neuer Freund. Im Laufe der Recherche entpuppt sich Sir James als ein anderer und Ire, Zoe Harrison, die Tochter von James, die mit 18 schwanger wurde, also Mutter eines auf ein Internat geschickten Zehnjährigen ist, als Schwester ihres neu gewonnene Gefährten zur neuen Freundin avanciert, als Liebschaft des Thronfolgers.

Im Laufe der Geschichte, die in den Jahren 1995 und 1996 und also in der Gegenwart spielt, wobei die Autorin zwischen zwei, drei Handlungsorten hüpft, aber die Protagonisten in der Geschichte, in der manches Grab geschaufelt wird, graben, wird Joannas bester Freund aus Kindertagen, von Simon lernte sie, auf Bäume zu klettern, Fußball zu spielen und Räuber und Gendarm, als ein MI5-Agent enttarnt, der nur zehn Busminuten von ihr entfernt wohnt und angeblich in White Hall einem langweiligen Bürodienst nachgeht. Zwischen Vertrauen und Misstrauen pendeln nicht nur diese studierten Köpfe hin und her.

Das Ende der Monarchie in UK naht, Tote stehen auf und Lebende werden beerdigt. Das Rätsel der verrückten alten Dame wird gelöste. Die Handlungen einiger Hauptfiguren schwanken zwischen Rache an den besseren Kreisen durch die Belogenen und Betrogenen sowie deren Diskretion und Loyalität zum herrschenden Falschen. Das Establishment raubt, brandschatzt und mordet. Am Ende finden immerhin zwei von dieser etablierten Elite, dieser klüngelnden und korrupten Klasse, zwei Totgeblaubte zueinander – wie zuvor zwei Überlebende des klasse Krimis, de von Simone Kabst vorzüglich vorgetragen wird.

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Lucinda Riley, Der verbotene Liebesbrief, aus dem Englischen von Ursula Wulfekamp, Lesefassung: Anke Albrecht, ungekürzte Lesung von Simone Kabst, Regie: Marie-Luise Goerke, Technik: Serotonin, Berlin, zwei MP3-CD`s, erste CD sechs Stunden und 40 Minuten, zweite CD sieben Stunden und 17 Minuten, Produktion: Der Hörverlag, erschienen am 18. September 2017, ISBN: 978-3-8445-2787-2, Preis: 29,95 EUR (D)




Burg Hohenzollern

Die Burg bröckelt oder Das Buch „Burg Hohenzollern. Ein Jahrtausend Baugeschichte“ von Christian Kayser

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Bereits auf der hochformatigen und beinahe A4-großen Titelseite prangt die Burg Hohenzollern in Postkartenmotivmanier. Prächtig und von Nebel umschlungen steht sie da: die „Krone der Burgen in Schwaben“ mit einer tausendjährigen Baugeschichte, die der Autor Christian Kayser um 1100 nach unserer Zeitrechnung beginnen lässt.

Bevor Kayser in seinem Vorwort des Autors“ das „landbeherrschende“ und „vieltürmige Burgschloss am Horizont“ auftauchen lässt (S. 13), dürfen Karl Friedrich Fürst von Hohenzollern und Georg Friedrich Prinz von Preußen als „Burgherren“ zu Wort kommen. Der eine sieht in der „prächtigen Anlage … die enge Beziehung des Hauses Preußen und des Fürstlichen Hauses Hohenzollern“ belegt, den „sich die Familien … bis in die Gegenwart … teilen“ würden (vgl. S. 10), der andere in der „Zollernburg … den Machtzuwachs des schwäbischen Grafengeschlechts bis an die Ufer von Nord- und Ostsee“ und in dem „Motto des 1851 auf der Burg gestifteten Hausordens, das „Vom Fels zum Meer“ lautet, eine Herkunft, ohne die es keine Zukunft gebe (vgl. S. 11).

Denjenigen, die sich von der Last von Klerus und Adel befreiten, sollte vor einer solchen Zukunft bange werde. Doch darum geht es in dem Burg-Buch nicht. Im Gegenteil: Das Alte, an dem der Zahn der Zeit nagt, muss erhalten werden. „Umfangreiche Restaurierungs- und Sanierungsmaßnahmen … müssen … durchgeführt werden“ (S. 11).

Den anstehenden Arbeiten von Lohnarbeitern seien laut Georg Friedrich Prinz von Preußen „intensive Bauforschungen vorangegangen, „deren Ergebnisse“ der Münchner Architekt und Bauforscher Christian Kayser „in diesem Buch erstmals veröffentlicht“ (S. 11). Kayser notiert dazu, dass „der Hintergrund der bauhistorischen Untersuchungen … nicht erfreulich sei: Nach über einhundertfünfzig Jahren bröckel es an den Mauern der Festung und der Auffahrt. Risse, Ausbrüche und Verformungen machen eine umfassende Sicherung und Instandsetzung unumgänglich“ (S. 13). Und weil man laut Kayser nur erhalten könne, was man kenne (S. 13), seien „im Verlauf von fünf Jahren … zahlreiche bauliche Geheimnisse“ entdeckt worden.

Grob in erste (um 1100 bis 1423), zweite (1454 bis 1800) und dritte (ab 1844 bis heute) Burg ist der Buch gegliedert, wobei der Autor einen Abstecher in „Die Ruinenanlage Friedrich Arnolds“ (1819 bis 1844) unternimmt. Dem 224 Seiten starken Werk mit rund 320 überwiegend gut geeigneten Abbildungen für ein Fachbuch sowie schönen Bildern für der Burg geneigte Betrachter fügt sich ein Glossar, eine Bibliografie, Bild- und Eigentumsnachweise sowie einer Danksagung an.

Das Burg-Buch, das nicht nur eine Vermessung ist, sondern auch eine Chronik darstellt, dürfte auch für architektonische und bauhistorische Laien, die sich mit dem Stammsitz der Deutsche und andere regierende sowie gegen sie Krieg führende preußische Könige und deutsche Kaiser näher beschäftigen möchten, von Interesse sein.

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Christian Kayser, Burg Hohenzollern, Ein Jahrtausend Baugeschichte, 224 Seiten, mit ca. 320 Abbildungen, Format: 21,2 x 28 cm, Hardcover, Südverlag, Konstanz 2017, ISBN 978-3-87800-108-9, Preis: 24,90 EUR (D)




Wolfgang Hilbig

Mutter, Mutter über alles – Das unglückliche glückliche Leben des Wolfgang Hilbig

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Nach einigen mehr oder weniger halben Versuchen einiger VorgängerInnen, hat sich nun Michael Opitz ernsthaft mit der Biografie des Wolfgang Hilbig befasst. Auf 672 Seiten bearbeitet er hauptsächlich das literarische Feld Hilbigs und bietet einen (in erster Linie) literaturwissenschaftlichen Zugang zu dessen Werk und Biografie.
Das mag an den Belangen noch lebender Personen liegen, doch dem interessierten Zeitgenossen fehlt in Opitz Lebensbild leider ein wenig das Grundlegende jeder spannenden Biografie: Das Suppenfleisch des Lebens.

Ohne ins Reich des Spekulativen abzurücken, ist doch gerade die komplexe Wirklichkeit des 1941 geborenen, sogenannten Arbeiterschriftstellers, eine Bezeichnung, gegen die sich Hilbig sein ganzes Leben gewehrt hat, eine Ansammlung von wahren Abgründen, die es zu deuten und zu bearbeiten gilt. Es beginnt mit der Familie, der Opa ein brutaler Schläger, Trinker und Analphabet, der Vater im Krieg verschollen, die Mutter eine einfache Frau, die ihr Kind bis weit nach der Pubertät im Ehebett schlafen lässt. Ist es da ein Wunder, dass Hilbig Zeit seines Lebens ein Beziehungsscheiternder ist? Er sucht die Nähe der Frauen, doch zu viel Nähe bringen Probleme. Fürsorge ja, Alltag nein?

Aufgewachsen im Kaff Meuselwitz ist Hilbig ein klassischer Schulversager, verlässt die Schule in der 8. Klasse und erlernt den Beruf eines Bohrwerksdrehers. In der Pubertät beginnt Hilbig zu schreiben (und wächst über die Jahre zum Autor von Weltrang), inspiriert von Groschenheften, ein wahres Wunder für einen Jungen, der in einem bildungsfernen Haushalt aufwächst. Seine Mutter hält von der Schreiberei nichts, ja verachtet sie.

Die DDR bezeichnet Hilbig später als KZ, trotzdem verlässt er sie nicht, was bis 1961 (da war Hilbig bereits zwanzig) leicht möglich gewesen wäre. Er geht zur NVA und lässt sich auf die DDR ein. Oder auf die Mutter? Hier gibt Opitz keine klaren Antworten.

Hilbig bleibt immer irgendwie bei der Mutter, unterm mütterlichen Rock, kehrt bis in die 80er immer wieder in ihr warmes Nest zurück, das ihm Zeit seines Lebens gehasste und geliebte Zuflucht bleibt. Hilbig ist süchtig. Hilbig trinkt, nein er säuft ganze Schnapsflaschen aus. Hilbig ist Alkoholiker, mal trocken, mal nicht. Erst kurz vor seinem Tod, schwer vom Krebs gezeichnet, sagt er sich von der Mutter los. Warum so spät und erst auf der Totenbahre? Welchen Anteil hat Hilbigs letzte Partnerin daran? Warum überträgt er dieser Dame sein literarisches Erbe?

Der Schriftsteller Hilbig wird von Opitz ausführlich beleuchtet, der Mensch Hilbig bleibt versteckt im Werk.

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Michael Opitz, Wolfgang Hilbig, Eine Biographie, 672 Seiten, S. Fischer Verlag, Frankfurt 2017, ISBN: 3-10-402210-9, 24,99 Euro




Illustrierte Geschichte der Weltliteratur

Zum Anfüttern oder Zum Buch „Illustrierte Geschichte der Weltliteratur“ von Beatrix Gehlhoff

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Der in Hamburg lebende und arbeitende freie Autorin, Redakteurin und Übersetzerin Beatrix Gehlhoff ist ein praktischer wie quadratischer Kurzüberblick für Anfänger über die Literatur dieser Welt geglückt.

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Beatrix Gehlhoff, Illustrierte Geschichte der Weltliteratur, 176 Seiten, 100 Abbildungen in Farbe, Format: 21 x 24 cm, gebunden, J. B. Metzler Verlag, 1. Auflage, Stuttgart 2017, ISBN: 978-3-476-04475-4, Preis: 24,99 EUR (D)




Rolling Stones

Alles über die Songs der Stones – Annotation zum Buch „Rolling Stones – Alle Songs“ von Jean-Michel Guesdon und Philippe Margotin

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Das definitive Buchwerk zur Geschichte aller Songs der Rolling Stones erschien dieser Tage bei Delius Klasing. Die beiden gottgleichen Autoren haben auf 752 satten Seiten auch das letzte Detail der Geschichten und Anekdoten um die Songs der rollenden Steine verraten. Wie kam es wann und warm zu welchem Song, wer hat ihn gedichtet, wer hat welchen Anteil, wer oder was passierte nach der Veröffentlichung?

Seit 50 Jahren touren Mick und Co. Durch die Welt, erfinden sich neu, verschwinden für eine Weile, um dann wie zum Beispiel 2017 ihre phänomenale Wiedergeburt zu feiern. 601 Abbildungen zieren dieses endgültige Buch, an dem kein Stonesfan vorbeikommt. Ob Gimmie Shelter oder Down Home Girl – alles was der Fan noch nicht wusste, findet er in diesem schweren Brocken. Immerhin 42 Alben gilt es abzuarbeiten, wobei auch musikalische Fehler behandelt werden. Wohl aus Gründen des Copyright, durften die Texte nicht abgedruckt werden, es empfiehlt sich also, hier zum Ausdruck zu greifen die Platten rauszuholen und im Stonestaumel zu versinken. Tolles Buch! Weihnachtsnote eins!

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Jean-Michel Guesdon und Philippe Margotin, Rolling Stones – Alle Songs, Die Geschichten hinter den Tracks, 752 Seiten, 601 Abbildungen/Fotos, gebunden mit Schutzumschlag, Format: 22 x 27.9 cm, Delius Klasing Verlag, 1. Auflage, Bielefeld 2017, ISBN: 3-667-11088-6, Preis: 59,90 Euro




Swiss Rebels

Schweizer Rebellen fotografiert von Karlheinz Weinberger

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Der Verlag Steidl präsentiert in seinem neusten Bildband Aufnahmen des Schweizer Fotografen Karlheinz Weinberger. Die Bilder des Buches stellen einen Querschnitt seiner Arbeiten dar.

Unter dem Titel „Swiss Rebels“ zeigt Weinberger, der ein Fabel für Außenseiterkulturen hatte, meist auf Schwarz-Weiss-Aufnahmen, dass in der Schweiz der sechziger und siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Jugend in der Öffentlichkeit rebellisch auftrat.

Das Buch beginnt mit dem Frühwerk ab 1953. Weinberger lichtet Bauarbeiter mit freiem Oberkörper und bei der täglichen Arbeit ab, beispielsweise im Straßenbau der Eidgenossenschaft. Es folgen die Jahren von 1959 bis 1960. Starke Straßenarbeiter und tolle Tankwart geraten in den Fokus. Von 1955 bis 1964 fällt der Blick des Betrachters auf Halbstarke. Jugend mit Jeans. Beinkleid waren Bastion gegen das Establishment. Harte Haarschnitt und Zigaretten im Mundwinkel waren Mode.

Mann und Frau treffen sich auf Jahrmärkten zum Rumhängen oder zum Ringkampf in der Arena. Im Herzen und Kopf die Rock-and-Roll-Musik von Elvis Presley.

Von 1958 bis 1964 erfasst Weinberger mit seiner Kamera die Mode der Halbstarken in den Schweizer Straßen. Mit großen Gürteln und gewagten Halsketten versuchte sich die Jugend der Berge in Szene zu setzen.

1963 und 1964 traf sich der Jugendkult auf der St. Petersinsel in der Schweiz. Dort wurde getanzt, gezeltet und Lebensstil präsentiert. In Tarzan-Badehose gingen Jung und Alt ins kühle Nass.

Von 1967 bis 1989 stehen die Rocker in der Schweiz auf dem Zettel des Fotografen. vor allem steht die Kutte auf den unentbehrlichen Ausstattungslisten der nachwachsenden Generation. Weinberger fand und fotografierte in der beschaulichen Schweiz sogar einen Ableger der Hells Angels.

1967 bis 1984 dient die Rückenbeschriftung der Kutten der Schweizer Biker als Motiv.

„Born to be wild“ lautet das Motto der Bilder in den Jahren von 1970 bis 1987. Jetzt beginnt die Zeit, in der es chic ist, sich seine Lebenseinstellung auf die Haut brennen zu lassen.

Das alles und vieles mehr in einem Bildband der Extraklasse, der einen guten Einblick in das Gesamtwerk des Schweizer Fotografen Karlheinz Weinberger bietet, herausgegeben von Esther Woerdehoff.

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Karlheinz Weinberger, Swiss Rebels, Herausgegeben von Esther Woerdehoff, Buchgestaltung: Gerhard Blaettler, 240 Seiten, 165 Abbildungen, Fester Einband, Leineneinband, Format: 22 x 30 cm, Deutsch, Steidl Verlag, Juli 2017, ISBN: 978-3-95829-380-9, Preis: 65,00 EUR




Doron Rabinovici

Ein moralisches Buch über die Invasion von Außerirdischen – Annotation zu „Die Außerirdischen“ von Doron Rabinovici

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Klingt komisch, ist aber so. Und ist ganz und gar nicht komisch. Der Ich-Erzähler Sal erwacht in unserer Welt und sieht sich via Fernsehbildschirm mit der Invasion von Außerirdischen konfrontiert. Nach anfänglichen Unruhen innerhalb der Bevölkerung läuft alles ganz normal, die Außerirdischen halten sich zurück, erscheinen nach ein paar Wochen zum ersten (und letzten Mal) in Turnschuhen und Shirts und erinnern in ihrer Performance an die Auftritte von Zuckerberg und Co. Alles schön schluffig und supercool.

Letztlich haben sie nur einen Wunsch, ab und an einen Erdenbürger zu vernaschen. Zu diesem Zweck wird ein Spiel installiert. Junge, hübsche und nicht sonderlich intellektuelle Kandidaten treten im Schlag den Raab-Stil gegeneinander an, der Gewinner kommt auf eine Palmeninsel, der Verlierer wird geschlachtet. Im Lauf der Geschichte kommt Sol auch auf die Insel der vermeintlichen Glückseligkeit, allerdings als Gefangener, weil er Widerstad gegen das Spiel und dessen Organisatoren leistet. Das große Spiel wird von Menschen geregelt, von Menschen vermarktet und von Menschen bis zur letzten Konsequenz abgewickelt. Denn zuletzt steht: Das Schlachten.

Rabinovicis Kosmos ist extrem – und das ist gut so. Er schildert in drastischen Szenen, wozu wir Menschen in der Lage sind. Das erinnert nicht zufällig an den Holocaust, besonders die Vivisektionsszenen auf der Insel sind in ihrer Härte schwer auszuhalten. Der Mensch ist Lamm und Wolf, nur wenige behalten ihre Würde und organisieren den Widerstand. Auch wenn einige kosmische Fakten etwas durcheinandergeworfen wurden, ist es ein beeindruckendes und mitreißendes Buch, das weniger durch wunderschöne Sätze, als durch starke Dant`sche Höllenritte besticht.

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Doron Rabinovici, Die Außerirdischen, Roman, 255 Seiten, gebunden, Suhrkamp Verlag, Berlin 2017, ISBN: 3-518-42761-3, Preise: 22,00 EUR (D), 22,70 EUR (A), 31,50 Fr