Der Geist Ernst Jüngers – Zum Buch „Ernst Jünger, Gespräche im Weltstaat, Interviews und Dialoge 1929-1997“

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"Ernst Jünger, Gespräche Im Weltstaat, Interviews und Dialoge 1929-1997", herausgegeben von Rainer Barbey und Thomas Petraschka. © Klett-Cotta

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Obgleich Ernst Jünger bereits seit 22 Jahren tot ist, geistert er noch immer durch die Hirne vieler Intellektueller in Europa.

Als einer der ersten deutschen Autoren verkündete er schon frühzeitig die Idee vom „Weltstaat“, der nach dem Verschwinden der Nationalstaaten für ihn eine unvermeidbare Konsequenz im Zeitalter der Atombombe war. Nur so sah er die Menschheit befähigt, auch noch ein 22. Jahrhundert erleben zu können.

Gegenwärtig erleben wird dank Trump, Putin und anderer geistloser und zweitklassiger Populisten, die wahrscheinlich auch gern die letzte Klippe zum Diktator erklimmen würden, einen Rückschritt auf dem Weg zu „Love and Peace“.

Umso süßer ist es, sich Jüngers alte Interviews und Dialoge vorzunehmen und ein wenig in der Vergangenheit zu nippen.

Sechzig Jahre Kommentar zu Werk und Alltag. Natürlich lässt Jünger keine Fragen zu Sexualität und anderen für ihn schlüpfrigen sogenannten Boulevard-Themen zu, für ihn zählt das dubiose und vernebelte Große und Ganze. Manchmal lässt er sich aber doch von seinen Interviewpartnern aus der Reserve locken. Und gerade die ersten Texte im Buch sind weit entfernt von Heldenverehrung, er wird von einigen seiner Besucher als dünnlippiger, asketischer und aus der Zeit gefallener Widerborst beschrieben. Vielleicht wollte er aus Unsicherheit „einen auf dicke Hose“ machen, möchte man heute mitunter hineininterpretieren.

Nichtsdestotrotz, der umstrittene Autor, dem Zeit seines Lebens die Nähe zu rechten bis ultrarechtes Kreisen vorgeworfen und nachgewiesen wurde, zeigt sich als fixer Beobachter der Dinge des Dichterlebens.

Auch wenn die früheren Jüngerbände bei Klett-Cotta etwas prunkvoller rüberkamen, lohnt sich der Besitz dieses Buches, weil es die Lücke vom Dichter Jünger zum Alltagsphilosophen schließt, der sich auch profanen Fragen zuwendet.

Bibliographische Angaben

Rainer Barbey und Thomas Petraschka (Hrsg.), Ernst Jünger, Gespräche im Weltstaat, Interviews und Dialoge 1929-1997, 575 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, Verlag: Klett-Cotta, Stuttgart 2019, ISBN: 978-3-608-96126-3, Preise: 45,00 EUR (D), 46,30 EUR (A)

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