"Mile 22" mit Mark Wahlberg.

Am Ende sind die Russen schuld – Ist „Mile 22“ nur ein hirnloser Film mit Feuerwerk oder pure Propaganda?

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Dass sich Mark Wahlberg in „Mile 22“ von seiner harten Seite zeigt, tut dem Film gut, denn darum geht`s, um Härte und nicht um Gnade.

Unter der Regie von Peter Berg spielt Wahlberg den Elite-Agenten James Silva, der keine Gnade kennt und mit schonungsloser Härte sein Ziel verfolgt. Dass die beiden nach mittlerweile drei Filmen eingespielt sind, Regisseur und Schauspieler arbeiteten für „Lone Survivor“, „Deepwater Horizon“ und „Boston“ zusammen, das merkt man „Mile 22“ an. Wahlberg läuft und das rund. Darüber hinaus sind Berg und Wahlberg mit Stephen Levinson auch noch die Produzenten dieses in seiner Turbulenz eindimensionalen Feuerwerks, durch die sich alle Handelnden von Szene zu Szene hangeln wie Affen von Baum zu Baum. Atemlos. Belanglos. Langweilig.

Silva leitet in der witzlosen Erzählung einen von über einen Dutzend und eine weitere Hand voll Geheimdiensten der Vereinigten Staaten von Amerika (USA), der immer dann zum Einsatz kommt, wenn die anderen versagen. Silva ist Gold wert und mehr geht nicht.

Der Mann und seine Mannschaft von Overwatch müssen bei diesem Auftrag den Überblick behalten und einen angeblichen Doppelagenten namens Li Noor aus einem nicht näher genannten Staat in Asien retten, weil der Gute wohl weiß, wo das von Deutschen 1861 entdeckte himmelblaue Caesium ist, jedenfalls ein radioaktiver Teil davon, den nicht nur Washington zu wollen scheint.

Noor muss von der US-Botschaft, wo er sich befindet, bis zum Flughafen gebracht werden, von wo er außer Landes geflogen werden soll. Das ist also eine Aufgabe für Super-Silva, der die 22 Meilen – keine Frage – in weit weniger als 95 Minuten schafft, dabei Feinde in die Flucht schlägt oder gleich ganz vernichtet.

Doch auf dem Flughafen offenbart sich ihm, dass Noor nicht nur Doppel- sondern Dreifachagent ist. Von Putin persönlich angeheuert, zumindest aus dem Kreml soll er seinen Auftrag erhalten haben, das Overwatch-Team in diese fiese Falle zu locken. Böse, böse, böse. Zeitgleich wird die Overwatch-Zentrale in den USA überfallen und nur einer kam durch. Wie gemein!

Auch in diesem Actionfilm aus Hollywood bekommt der analytische und kritische Kopf durchweg Pause. Am Ende sind die Russen schuld. Prächtig? Pure Propaganda!

Filmografische Angaben

Originaltitel: Mile 22
Deutscher Titel: Mile 22
Land: USA
Jahr: 2018
Regie: Peter Berg
Buch: Lea Carpenter, Graham Roland
Kamera: Jacques Jouffret
Schnitt: Melissa Lawson Cheung, Colby Parker Jr.
Musik: Jeff Russo
Schauspieler: Mark Wahlberg, Iko Uwais, Lauren Cohan, Ronda Rousey, John Malkovich, Nikolai Nikolaeff, Alexandra Vino, Sam Medina, Terry Kinney, CL
Produzenten: Peter Berg, Stephen Levinson, Mark Wahlberg
Länge: 95 Minuten
Altersfreigabe: FSK 16




"The Equalizer 2" mit Denzel Washington.

Ein Regierungsagent im Ruhestand sieht rot oder Washington bei jedem Wetter, Denzel Washington! – Zum Film „The Equalizer 2“

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Nein, es ist nicht Charles Bronson, der rot sieht. Der US-amerikanische Schauspieler litauischer und tatarischer Abstammung starb 2003.

Und der Mann, der rot sieht, taucht auch nicht in einem neuen Teil der Death-Wish-Reihe auf, sondern in „The Equalizer 2“. Richtig, die Rede ist von Denzel Washington. Im zweiten Teil fährt er Taxi und greift immer dann ein, wenn andere sich im Ton und in der Tag vergreifen. Als Kämpfer für das Gute muss er im Laufe der 120 Minuten gegen seine Ex-Kollegen ran, nachdem diese seine Freundin und Führungsagentin Susan Plummer (Melissa Leo) in Paris umbringen. Ja, es hätte auch Berlin sein können, egal.

Hauptsache Rache, egal wo, aber nicht egal wie, sondern ein bisschen besser als Bronson, der den Bösen in der Nacht das Fürchten lehrte. Andererseits ist es bei Washington auch nicht gerade taghell, noch nicht einmal in Washington, wo ein rechter Wind weht.

Und so wie in „Ein Mann sieht rot“ Bronson das belebende Element war, so ist es Washington für „The Equalizer“. Der zweifache Oscar-Preisträger setzt seinen Dackel- und Dödelblick auf, fährt Taxi und auf gute Tagen ab, und streut seinen Überschuss an Moral meisterlich über die Nebendarsteller, sofern sie es verdienen, selbst wenn das Richard Wenk als Autor ihm die Füße wegzieht.

Wenk und Regisseur Antoine Fuqua lassen Washington offensichtlich durch einen trockener Rachethriller tapern, in dem aufziehende Sturm nur noch von Washingtons Zorn überboten wird. Alle Wetter.

Die Erzählung ist durchaus kurzweilig, aber vorhersehbar in ihrem Verlauf. Zu oft bekommt der Kopf mal Pause. Die Geschichte dürfte zudem Antirassisten und Philosemiten zu Tränen rühren. Für einen Thriller ist das dann doch zu viel Brei. Mit Bronson wäre das nicht pasiert.

Filmografische Angaben

Originaltitel: The Equalizer 2
Deutscher Titel: The Equalizer 2
Land: USA
Jahr: 2018
Regie: Antoine Fuqua
Drehbuch: Richard Wenk
Kamera: Oliver Wood
Schnitt: Conrad Buff IV
Musik: Harry Gregson-Williams
Schauspieler: Denzel Washington. U.a. sind Pedro Pascal, Bill Pullman, Melissa Leo, Ashton Sanders, Sakina Jaffrey, Jonathan Scarf, Orson Bean
Länge: 121 Minuten
Altersfreigabe: FSK 16




„Die Frau, die vorausgeht“ oder ein Film zwischen Larifari und Lügen über Tȟatȟáŋka Íyotake

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Der edle Wilde, hier und da erotisch, in Form des legendären Sioux-Lakota-Häuptlings Sitting Bull (Michael Greyeyes), dazu ein Haufen böser und blöder Einwanderer und Eroberer, die auch noch nett rüberkommen, sowie eine reiche, liberale Witwe aus New York, fertig ist ein unbeachtenswerter Western, in dem den Einwohnern Würde und weites Land genommen wird.

Zwar wird behauptet, dass der Film auf wahrer Begebenheiten basiere, doch es sind nur die Namen der Persönlichkeiten wie der Sitting Bulle und Catherine Weldon (Jessica Chastain), die dazu dienen, mit allerlei Kitsch und Klimbim zugekleistert zu werden. Der Film ist weder eine Dokumentation, noch eine historisch-kritische Aufarbeitung dessen, was vor dem Massaker am 29. Dezember 1890 auf dem Gebiet der heutigen Ortschaft Wounded Knee in der Pine Ridge Reservation in South Dakota geschah, nachdem weniger Tage zuvor Tȟatȟáŋka Íyotake und also der „Sich setzender Bulle“ ermordet wurde.

Das Beste an dem zwischen Larifari und Lügen über Tȟatȟáŋka Íyotake schwankenden Schmarrn ist noch die wie in einem Werbefilm präsentierte Landschaft, durch die Chastain als weiße Witwe mit Gerechtigkeitsfimmel latscht.

Filmografische Angaben

Originaltitel: Woman Walks Ahead
Deutscher Titel: Die Frau, die vorausgeht
Land: USA
Jahr: 2017
Originalsprache: Englisch, Lakota
Regie: Susanna White
Buch: Steven Knight
Kamera: Mike Eley
Schnitt: Lucia Zucchetti, Steven Rosenblum
Musik: George Fenton
Schauspieler: Jessica Chastain, Michael Greyeyes, Sam Rockwell, Ciarán Hinds, Chaske Spencer, Louisa Krause, Bill Camp, Boots Southerland, Kindall Charters
Länge: 102 Minuten
Altersfreigabe: FSK 12




Barrie Kosky

Barrie Kosky und der gewöhnliche Antisemitismus oder die Frage »Wie antisemitisch ist Deutschland?»

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Die Umfragewerte sind alarmierend. Während die Zahl der Straftaten in Deutschland 2017 zurückgegangen ist, sind die judenfeindlichen Vergehen um 2,5 Prozent gestiegen. Dazu gehört alles, von Beleidigungen und Schmierereien bis zu schwerer Körperverletzung.

2018 wollte das ZDF in einer Umfrage wissen: »Wie groß ist die Judenfeindlichkeit in Deutschland?» 51 Prozent meinten: »nicht groß», 23 Prozent »groß», 16 Prozent meinten, es gäbe keine. 55 Prozent der Befragten meinen, man solle unter das Erinnern an den Holocaust keinen Schlussstrich ziehen, aber immerhin sind 40 Prozent für einen Schlussstrich. 35 Prozent sind der Auffassung, Deutschland nehme wegen des Holocaust zu viel Rücksicht auf Israel, 46 Prozent finden »Rücksichtnahme» richtig und 6 Prozent meinen, es werde zu wenig Rücksicht genommen. Letztere Frage führt allerdings vom Problem weg, denn viel oder wenig Unterstützung der imperialistischen Politik des Staates Israel ist kein Kriterium für Judenfeindlichkeit. Die Unterdrückung der palästinensischen Bevölkerung, der Landraub in Palästina, der Krieg gegen Gaza, die Okkupation des Golan durch den Staat Israel werden von humanistisch denkenden, friedliebenden Menschen abgelehnt, aber nicht die Juden als Bürger, als Personen oder als Nationalität. Aus einer politischen Meinung kann Kritik entstehen, aber keine Judenfeindlichkeit.

Fakt aber bleibt, dass der Antisemitismus in Deutschland zunimmt, aggressiver wird. Jeder zweite Anhänger der »Alternative für Deutschland» (AfD) meint, Juden hätten in Deutschland zu viel Einfluss, und der Landtagsabgeordnete Bernd Höcke wird umjubelt, wenn er das Holocaustdenkmal »ein Denkmal der Schande im Herzen Deutschlands» nennt.

Ein Stimmungsbild und seine Folgerungen

Was ist aus solchem Stimmungsbild zu folgern? Barrie Kosky, der Intendant der Komischen Oper Berlin, geht in einer Dokumentation der Frage nach. »Wie antisemitisch ist Deutschland? Muss man als Jude in Deutschland Angst haben?» In Australien geboren, Jude, seit zehn Jahren in Deutschland lebend und arbeitend, hat er den Vorteil, dieses Land unvoreingenommen, mit fremdem Blick zu sehen – eine Form der Verfremdung also, die zu nüchterner Analyse befähigt.

Kosky zieht aus, um Leute auf der Straße zu fragen: »Was ist Antisemitismus?», »Ist der Holocaust ein Problem? Soll man einen Schlussstrich ziehen?» Er interviewt auch Leute, die sich mit dem Thema politisch beschäftigen oder damit Politik treiben, und jene, die von Anfeindungen betroffen sind.

Betroffene, Verbündete und Agitatoren

Die Familie Michalski aus Berlin nahm ihren Sohn von der Schule, weil er beleidigt und geschlagen wurde. Die Schule unternahm nichts. Ein Jude wurde von Jugendlichen auf der Straße krankenhausreif geprügelt. Benjamin Steinitz von der Informationsstelle Antisemitismus schildert viele Einzelfälle von Antisemitismus im Beruf, auf der Straße oder in der Schule, zum Beispiel von einem Steuerberater, der statt Holocaust lieber »Endlösung der Judenfrage» sagt. Der Sportler Marik Wajnstejn erzählt, wie er Beschimpfungen von Juden auf dem Sportplatz erlebt. Kosky befragt den Träger einer Deutschlandfahne auf einer Demo, der meint, Antisemitismus sei »nicht präsent». Die Antisemitismusdebatte müsse ein Ende haben.

Mit dem Lehrer Dervis Hizarci erörtert Kosky die Frage, ob der Antisemitismus mit den muslimischen Flüchtlingen importiert werde, denn 70 Prozent der Juden fürchten ein Anwachsen des Antisemitismus durch die Flüchtlinge.

Wie steht die evangelische Kirche zum Antisemitismus? Hat das Jubiläum der Reformation den Antisemitismus Martin Luthers verharmlost oder verschwiegen? Der Bischof Markus Dröge erkennt an, dass Luther mit seinem Judenhass einen schädlichen Einfluss auf die Gesellschaft hatte und die Naziideologie beförderte. Diese Belastung der Kirche müsse Konsequenzen haben. Nötig sei eine Kultur des Dialogs von Christen und Juden sowie von Christen und Muslimen.

Kosky interviewt auch Träger der antisemitischen und rassistischen Ideologie oder ihre Verharmloser. Der AfD-Kommunalpolitiker Wolfgang Fuhl aus Lörrach, selbst Jude, leugnet die rassistische Ideologie seiner Partei. »Wir haben keine Rechtsextremen.» Der Islam gehöre nicht zu Deutschland. Das »deutsche Volk in seiner Mehrheit» entscheide, wer zu Deutschland gehöre. Kosky: So entschied auch das deutsche Volk in der Nazizeit über die Juden.

In dem »Volkslehrer» Nikolai Nering, der in Berlin wegen seiner Hetze und Verschwörungstheorien aus dem Schuldienst entlassen wurde, findet Kosky die Parolen und Lügen der neofaschistischen Ideologie gebündelt. »Deutscher ist, wer sein Land und sein Volk liebt.» Man müsse den »Deutschen» das Schuldbewusstsein nehmen. Kosky sei Staatsbürger der BRD, aber kein Angehöriger des deutschen Volkes. »Antisemit ist nicht einer, der die Juden nicht mag, sondern einer, den die Juden nicht mögen.» Kosky disqualifiziere sich als Deutscher. Der Film zeigt erschreckend, mit welcher Selbstsicherheit und Aggressivität die Ideologen und Agitatoren des Antisemitismus und Rassismus ihren faschistischen Geist verbreiten.

1965 schuf Michail Romm den Film »Der gewöhnliche Faschismus». Er ging der Frage nach, was Menschen dazu bringt, den Faschismus zu bejahen oder sogar zum Mörder zu werden. Vieles von dem, was Barrie Kosky eruiert, liefert sinngemäß Steine zu dem Mosaik »Der gewöhnliche Antisemitismus».

Was aber tun?

Koskys Fazit: Der Antisemitismus in Deutschland war immer da. Das Problem ist nicht gelöst. »Unsere Verantwortung ist, mit den Dämonen und Furien zu kämpfen.»

Da gibt der Film zu wenige Anhaltspunkte. Breit, wenn nicht überbreit, schildert der Film das Selbstverteidigungssystem Krav Maga, quasi die letzte Rettung bei einem physischen Angriff. Unterbelichtet ist, was sich in der Gesellschaft ändern muss, damit der Antisemitismus im Denken und Handeln zurückgedrängt wird. Die Frage drängt sich im Falle des Schülers Michalski auf. Wie müssen die Kinder bereits im Kindergarten und in der Schule zu Völkerfreundschaft, Antirassismus und Solidarität erzogen werden? Hier wäre ein Interview mit dem zuständigen Minister oder mit dem Vorsitzenden der Rektorenkonferenz der Universitäten interessant gewesen. Denn wenn an deutschen Universitäten der Begriff Faschismus verpönt ist oder wenn In Politik und Presse die Nazis vornehm zu »Nationalsozialisten» stilisiert werden, wie soll eine antifaschistische Grundeinstellung vermittelt werden? Oder wenn sich deutsche Polizisten zur AfD hingezogen fühlen? Wie können sich Parteien, Gewerkschaften, Kulturvereine, Kirchen und Verbände gegen Rassismus, Antisemitismus und Antiziganismus engagieren? Wer hält Juden, zum Beispiel jüdische Künstler und Wissenschaftler, zurück, die wegen des Antisemitismus Deutschland verlassen oder sich mit dem Gedanken tragen zu gehen?

Unterschwellig bleibt die Fiktion, das Land Deutschland habe seit der Befreiung vom Faschismus 1945 als Einheit bestanden. Gab es keine Unterschiede zwischen den deutschen Staaten?

In der DDR stand in der Verfassung, die Bekundung von Glaubens-, Rassen- und Völkerhass werde als Verbrechen geahndet. Wie beeinflusste das die Haltung der Bevölkerung, die Schulbildung, Literatur und Kunst? Was ist davon geblieben? Welches geistige Gut muss erhalten werden?

Ein Film kann eine solide Information bieten, er kann nicht alle Fragen beantworten, aber eine Diskussion einleiten. Thorsten Berrars und Barrie Koskys Film vermittelt eine humanistische Botschaft. Er gehört in alle Schulen (und in die Lehrerbildung).

Filmographische Angaben

Titel: Wie antisemitisch ist Deutschland?
Land: Deutschland
Jahr: 2018
Genre: Dokumentation
Buch und Regie: Thorsten Berrar
Mit: Barrie Kosky
Produktion: Labo M im Auftrag von 3sat und ZDFinfo, Ausführender Produzent Torsten Berg
Länge: 44 Minuten

Ausstrahlung

ZDFinfo, Donnerstag, 27.9.2018, 19.30 Uhr
ZDFinfo, Freitag, 5.10.2018, 05:30 Uhr
ZDF, Mittwoch, 7.11.2018, 00:30 Uhr
3SAT

Anmerkung:

Vorstehender Beitrag von Dr. Sigurd Schulze wurde im WELTEXPRESS unter dem Titel „Der gewöhnliche Antisemitismus – Barrie Kosky geht der Frage nach: »Wie antisemitisch ist Deutschland?»“ am 26.9.2018 erstveröffentlicht.




Szene aus dem Film "Aufbruch in die Freiheit".

Nie wieder § 218 – Marsch vor die Glotze und „Aufbruch in die Freiheit“ gucken

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Wenn in Berlin Tausende Christen aller Couleur, darunter Berlins katholischer Erzbischof Heiner Koch und Weihbischof Matthias Heinrich sowie der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer, sowie solche, die es werden wollen, an einem vorgeblichen „Marsch für das Leben“ und in Wahrheit gegen Abtreibung und Sterbehilfe auf die Straße gehen und sich am neuen Berliner Hauptbahnhof zu Klängen einer Christen-Combo versammeln, dann ist es an der Zeit, auf alles aufmerksam zu machen, was Frauen Recht gab und gibt.

Wenn Grußworte von Polit-Christen wie Volker Kauder, dem Vorsitzenden der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag, verlesen werden, Abtreibung mit Massenmord verglichen wird und vom „Baby-Caust“ die Rede ist, dann fühlt man sich wie im falschen Film.

Ganz und gar besser wäre es, einen eventuell richtigen Film zu gucken. Das wollen wir gerne machen und das inszenierte Drama „Aufbruch in die Freiheit“ von Isabel Kleefeld sehen, das laut ZDF „die Emanzipation einer Ehefrau auf dem Land in den 70er Jahren“ skizzieren solle. Erzählt werde „die Geschichte der Metzgersfrau Erika (Anna Schudt, rechts im Bild), deren Ehe durch eine heimliche Abtreibung in eine schwere Krise gerät. Sie findet Unterstützung bei ihrer Schwester Charlotte (Alwara Höfels), die in einer Kölner WG lebt, und engagiert sich wie sie in der Frauenbewegung.“

„Aufbruch in die Freiheit“ wird am Montag, den 29. Oktober 2018, ab 20.15 Uhr im ZDF gezeigt. Ab 29. Oktober 2018, 10 Uhr, ist der Film drei Monate lang in der Mediathek des ZDF zu sehen.

Filmografische Angaben

Titel: Aufbruch in die Freiheit
Land: Deutschland
Jahr: 2018
Regie: Isabel Kleefeld
Buch: Andrea Stoll, Heike Fink, Ruth Olshan
Kamera: Martin Langer
Licht: Horst Mann
Ton: Hank Trede
Szenenbild: Andrea Kessler
Kostümbild: Annegret Stößel
Maske: Delia Mündelein, Sonja Fischer-Zeyen
Schauspieler: Anna Schudt, Alwara Höfels, Christian Erdmann, Marie Anne Fliegel, Lene Oderich, Charlie Schrein, Milla Hammann, Carol Schuler, Denis Schmidt, Ralph Kretschmar, Franziska Hartmann, Johanna Gastdorf, Benjamin Grüter, Artus Maria Matthiessen, Lilia Lehner, Gerhard Fehn, Michael Kleiber, Birte Schrein, Daniel Wiemer, Kathleen Gallego Zapata, Wolfgang Rüter, Ralf Drexle und andere
Produzentin: Heike Wiehle-Timm
Redaktion: Solveig Cornelisen, Caroline von Senden




Nie wieder Rodeo – Kritik zum relativ unkritischen Film „Der Reiter“

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Verstanden zu Zeiten, als der Norden Amerikas noch von Ureinwohnern gesäubert werden musste, die Einwanderer unter Rodeo das schnelle Einreiten von Wildpferden und die Arbeit mit dem Lasso, so ist das heute eine Schauveranstaltung, bei der keine Wildpferde einsetzt werden, sondern für wenig Geld gekaufte Tiere, die als „nicht reitbar“ gelten.

Das wird in dem Film „Der Reiter“ zwar nicht thematisiert, aber auch nicht verheimlicht, aber das Drehbuch und die Kamera (Joshua James Richards) rotieren um die raue und harte Prüfung menschlicher Fähigkeiten und um die Frage nach Männlichkeit und Mut, dem Sieg über die eigene Angst und die des ängstlichen Fluchttieres, das keine Chance hat – wie die Ureinwohner Nordamerikas keine Chance gegen die Einwanderer hatten.

Die Organisation PETA nennt Rodeo eine „billige und manipulierte Darstellungen der primitiven menschlichen Dominanz über Tiere, versteckt hinter einer mageren Verkleidung als Unterhaltung“. Das dokumentiert der Film, der als Neo-Western von Hofberichterstattern und solchen, die das werden wollen, abgefeiert wird, sehr selten. Chloé Zhao, die sowohl das Drehbuch schrieb als auch Regie führte, wollte wohl eine Erzählung über den jungen indianischen Pferdetrainer Brady Blackburn (Brady Jandreau), der in Folge eines verhängnisvollen Sturzes aus dem Sattel mit einer beinahe tödliche Kopfverletzung gezwungen ist, das Rodeo aufzugeben. Mit einer verkrampfenden Hand kann er im Notfall nicht rechtzeitig vom Pferd springen, aber immerhin noch gemütlich über die Prärie reiten.

Die Geschichte spiel in einem Indianereservat in South Dakota. Brady lebt fünf Jahre nach dem Tod seiner Mutter mit seiner geistig behinderten Schwester und seinem mehr oder minder von Alkohol abhängigen und nach Glücksspiel süchtigen Vater. American life also, wie er seltener gezeigt wird.

Das Besondere: die spielen sich alle selbst – der Hauptdarsteller, die Schwester und der Vater. Auch die anderen sind Laiendarsteller. Bradys bester Freund Lane Scott, ein einst erfolgreicher Rodeo-Champion, der seit einem Autounfall (im Film ist es ein Rodeo-Unfall) körperlich schwer behindert in einem Pflegeheim wohnt, ist ebenfalls in die Handlung einbezogen. Auch Cat Clifford spielt Cat Clifford, Terri Dawn Pourier spielt Terri Dawn Pourier, Tanner Langdeau spielt Tanner Langdeau und James Calhoon spielt James Calhoon.

Cool? Das fanden zumindest einige Cineasten, sie zeichneten die Filmemacher und vor allem Chloé Zhao mehrfach aus, obwohl der Film unkritisch mit dem Rodeo an sich umgeht, als sei das nur die Hintergrundrauschen oder -geschichte eines jungen Mannes auf seinem Weg ins Leben, der sich nicht fragt, wer es ist, aber scheinbar weiß, was er will.

Rodeo ist viel mehr. „Elektroschock-Stäbe, Stäbe mit scharfen Spitzen, ätzende Salben und anderes Folterwerkzeug, das in den USA bei Rodeos verwendet wird, um die Tiere zu reizen und in Wut zu bringen“, sei laut PETRA Tierquälerei. Die oft äußerst eng geschnürten Flankenriemen sind Folterwerkzeuge, damit die Tiere, die „Rodeo-Pferde“ bocken.

PETRA verweist zudem auf Dr. C. G. Haber, einem Tierarzt, „der 30 Jahre seines Lebens als Bundesfleischbeschauer in den USA zubrachte“. Haber sei „in Schlachthäusern tätig“ gewesen und habe „viele ausrangierte ‚Rodeo-Tiere‘, die zum Schlachten verkauft worden waren“ gesehen. Er beschrieb die Tiere als „so extrem mit Quetschungen und blauen Flecken versehen, dass diese Tiere nur noch am Kopf, Nacken, an Beinen und Bauch Haut auf dem Fleisch besaßen. Ich habe Tiere gesehen, die sechs bis acht Rippen vom Rückgrat gebrochen hatten, die ihnen teilweise sogar die Lunge durchstoßen hatten. Ich habe gesehen, wie sich sieben bis elf Liter Blut unter der abgelösten Haut gesammelt hatten.“

Nein, das alles zeigt der unkritische, bisweilen kitschige und dabei durchaus wirklichkeitsnahe Film nicht.

Filmografische Angaben

Originaltitel: The Rider
Deutscher Titel: Der Reiter
Land: Vereinigte Staaten von Amerika
Jahr: 2017
Regier und Buch: Chloé Zhao
Kamera: Joshua James Richards
Musik: Nathan Halpern
Schnitt: Alex O’Flinn
Länge: 104 Minuten
Altersfreigabe FSK ab 12




Christopher Robin mit Teddybär.

Ein Bär „mit sehr geringem Verstand“ im melancholischen Familienfilm „Christopher Robin“

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Pu, Puuh, Winnie Puuh. Der Bär tauchte erst im Biopic „Goodbye Christopher Robin“ auf und wenige Wochen später im melancholischen Familienfilm „Christopher Robin“. Dieser neue Titel, der mit dem anderen nicht wirklich etwas zu tun hat, kam erst am 3. August 2018 in die US-amerikanischen und am 16. August in die deutschen Kinos und basiert auf dem Kinderbuch „Pu der Bär“ („Winnie-the-Pooh“, 1926) von A. A. Milne.

Ewan McGregor spielt den Titelhelden Christopher Robin, der erwachsen geworden zu sein scheint, doch noch „der Junge, der einst mit seinen Freunden aus dem Hundertmorgenwald die größten Abenteuer erlebte“ ist, wie es in einer Pressemitteilung vom 16.8.2018 heißt. Robin sei jetzt „überarbeitet“ und „unterbezahlt“. Er steckt ohne Perspektive in einem Leben, das von der Lohnarbeit bestimmt wird. Kein Wunder also, dass Robin alt wirkt und müde ist, wenn seine Tochter nach ihm verlangt. Er vernachlässigt sein Mädchen, seine Frau und alles, was ihm einst wichtig war. Er entfremdet sich also.

„Seine idyllische Kindheit, die er mit Winnie Puuh und seinen Freunden verbrachte“, sind seltene Erinnerungen, bis eines Tages der Honig liebende Bär „mit sehr geringem Verstand“ in London auftaucht und Robin zur Rückkehr in den Hundert-Morgen-Wald bewegt.

Dass die Dialoge zwischen dem Bürokraten und dem Stück Stoff zeitweise zäh sind wie ein Kaugummi, das zählt wohl nicht bei denjenigen, die an der Kinokasse zahlen. Der Humorkuchen dieses nostalgischen Rührstücks ist massentauglich, der Teig Schmerz fürs Herz von Hirnlosen, aber völlig okay, weil der Plüsch echt nice rüberkommt. Für alle anderen, die den Streifen, der in London, im Park von Schloss Windsor und im Ashdown Forest gedreht wurde, fürs kindliche Gemüt gucken wollen, gilt: die rosa Brille nicht vergessen!

Filmografische Angaben

Titel: Christopher Robin
Land: USA
Jahr: 2018
Originalsprache: Englisch
Regie: Marc Forster
Buch: Alex Ross Perry, Allison Schroeder
Kamera: Matthias Koeningswieser
Schnitt: Matt Chessé
Musik: Geof Zanelli, Jon Brion
Darsteller: Ewan McGregor, Hayley Atwell, Bronte Carmichael, Mark Gatiss und andere
Produktion: Brigham Taylor, Kristin Burr
Länge: 104 Minuten




Vor dem Moviemento-Kino

8. Kurdisches Filmfestival im Moviemento endet mit sechs Filmen von Savas Boyraz, darunter „Birthday Parents“ und „Invisible Landscapes“

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Kurzfilme sind auf dem 8. Kurdischen Filmfestival in der deutschen Hauptstadt stark. Kein anderer Regisseur wird dabei so hofiert wie Savas Boyraz, vermutlich zurecht. Eine Hommage könnte man es nennen, was da am Mittwoch, den 29. August 2018 im Moviemento-Kino am Kreuzberger Kottbusser Damm präsentiert wird. Eine Zuschauerin meinte: „Eine Retrospektive“; scherzhaft auf die nicht ausschließlich aus dem Jahr 2018 stammenden Filme. Mit spitzer Zunge formuliert.

Savas Boyraz hat eine unterschiedliche Herangehensweise. Das eine Mal spricht ein Kind – Evin – vor einem immer gleichen Hintergrund, ohne dass die Kamera bewegt wird. Das erinnert an James Benning („L. Cohen“, Berlinale 2018) und Sebastian Schipper („Victoria“, mit einem Bären ausgezeichnet auf der Berlinale 2015, ein 2-Stunden-Film aus einem Take).

Berlinale geht weiter. Arsenal zeigt ab heute Forumsfilme, darunter den wichtigsten Berlinalefilm: L. Cohen von James Benning

Dabei ist „Evin‘s Story“ eigentlich ein Teil eines Triptychons für eine Multi-Screen-Installation.

Ein anderes Mal engangiert er einen renommierten Schauspieler wie Aziz Capkurt, um das Phänomen der „Birthday Parents“ zu beleuchten; ein Lehrstück an interkultureller Kommunikation.

Norwegen oder Kurdistan, das ist ein Unterschied: „Birthday Parents“ von Savas Boyraz

In Norwegen wird gedreht. Einige Kriegsflüchtlinge aus kurdischen Gebieten hatten das Glück, in Norwegen zu landen. Dem Land mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen bzw. Lebensstandard nach anderen Skalen. Einige hatten sogar das Glück, mit ihren Eltern zusammen zu sein – oder mit ihren Kindern. Je nach Sichtweise. Doch wie feiert man in Norwegen Geburtstag?

Gewiss anders als in Cizre, Suruc und Kobani.

Doch das Feiern muss man erst einmal üben. Statt „Wedding Planner“ also „Birthday Parents“, denn auch das Ausrichten eines Kindergeburtstags kann ein gehöriger Aufwand sein. Da ist es nicht hilfreich, keine Ahnung zu haben.

Vielleicht ein universelles Lehrstück für die Begegnung von Kulturen.




Ein »Urknall» und der Islamistische Terror – Zur Dokumentation über den Aufstand in Mekka 1979

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Am Morgen des 20. November 1979 stürmten mehrere Hundert bewaffnete Männer unter Führung von Dschuhaiman Ibn Seif al-Utaibi, einem ehemaligen Korporal der saudischen Nationalgarde, die Große Moschee in Mekka. Damit begann eine zweiwöchige Besetzung der heiligen Stätte, bei der etwa 1000 Menschen starben. Das saudi-arabische Königshaus konnte die Ordnung erst mit Hilfe der GIGN, einer Spezialeinheit der französischen Gendarmerie, wiederherstellen. Heute gilt die lange Zeit totgeschwiegene Geiselnahme von 100 000 Gläubigen vielen als Geburtsstunde des Terrorismus.

Fünf Jahre recherchierte der Filmautor Dirk van den Berg für den ARTE-Dokumentarfilm »Mekka 1979 – Urknall des Terrors?» und sprach exklusiv mit Beteiligten und Zeugen des dramatischen Ereignisses. Er erlangte Zugang zu Dokumenten und Filmmaterial, die das Zusammenspiel der historischen, politischen und religiösen Faktoren des Aufstands beleuchten.

Van den Berg kam entgegen, dass auch Oberstleutnant Abdulaziz AL-Dhari, der Sohn des damaligen Kommandierenden Generals der königlichen Armee, in seinem Privatarchiv Dokumente sammelte, darunter ein direkt nach der Niederschlagung des Aufstands aufgenommenes Interview mit dem General. Auch Al-Dhabi wartete auf eine Gelegenheit, die Vorgänge von 1979 an die Öffentlichkeit bringen zu können. Nicht weniger wichtig war, dass van den Berg endlich an ein Dokument gelangte, das ein streng gehütetes französisches Staatsgeheimnis barg, nämlich den Einsatz der Spezialeinheit GIGN, die laut Gesetz nur im Inneren Frankreichs operieren darf. Hinzu kamen Interviews mit dem langjährigen Geheimdienstchef Saudi-Arabiens, mit führenden Politikern und Geistlichen, mit französischen und US-Diplomaten, mit Mitkämpfern der Aufständischen und mit Wissenschaftlern und Journalisten.

Mit einem bloßen Terrorakt wäre die Besetzung der Großen Moschee falsch beschrieben. Es handelte sich um einen bewaffneten Aufstand, hauptsächlich getragen von Beduinen, Stämmen, die seit jeher die Okkupation der Macht durch die Dynastie der Saud und deren Anspruch, Hüter des Islam zu sein, als Unrecht ablehnten und die den Sturz des Königshauses erzwingen wollten. Ihr Ziel war nicht etwa die Errichtung einer Republik, sondern eines von »Allah» legitimierten Islamischen Staates, der auch an den Grenzen Saudi-Arabiens nicht halt machte. Geplant war nicht die Ermordung von Pilgern. Die Festsetzung von mehreren Zehntausend Geiseln war ein Trumpf, aber auch eine gewaltige Belastung. Sozial gesehen kamen die Kämpfer aus ärmeren Schichten, darunter Nomaden, die ihre Freiheit bedroht sahen. Außer dem Sturz des Königs und der Errichtung des Gottesstaates hatten sie weitere Forderungen, die im Film aber nicht erläutert werden. Die Besetzung der Moschee in Mekka, durch welche laut Film täglich 1.5 Milliarden Gläubige ziehen, wählten die Aufständischen als Symbol, weil eben der König das Zentrum des Islam und die Religion als seinen Besitz betrachtete. Dirk van den Berg rekonstruiert mittels der Aussagen der Zeitzeugen die Niederschlagung des Aufstands. Ein Hindernis daran war das im Koran vorgeschriebene Verbot, im Umfeld der Moschee Waffen zu gebrauchen. Der Rat der Geistlichen, die Ulama, genehmigte den Tabubruch. Auch der französische Präsident, Valery Gisgard d´Estaing, brach das Gesetz, indem er den Einsatz von Gendarmen und die Lieferung von Tränengas erlaubte, um die in den Kellergewölben verbarrikadierten Kämpfer ausräuchern zu können. Frankreich wurde dafür mit großen Rüstungsaufträgen reich belohnt.

Unklar bleibt, woher die Aufständischen die Mittel für Trainingslager, Waffen, Munition, Verpflegung und so weiter hatten. Fast beiläufig wird im Film erwähnt, dass sich Saudi-Arabien an der Seite der USA im Konflikt mit der islamischen Revolution im Iran befand. Die Interessenlage an einem Erfolg des Aufstands scheint klar, wird im Film jedoch ausgeblendet.

Die Folge des Aufstands war eine dem Königshaus willkommene Gelegenheit zur Restauration in Gesellschaft, Politik und Kultur. Sie wurde auch genutzt, um militante Islamisten nach Afghanistan, Pakistan und in andere Krisenherde »wegzuloben». Ein vom Autor des Films prognostizierter Reformkurs des Königreichs wird von Fakten nicht gestützt. Die Ankündigung von Kronprinz Mohammed bin Salmon im vergangenen Jahr, zu einem moderaten Islam zurückkehren zu wollen, bedeutet keinen Wandel in der aggressiven Außen- und Militärpolitik des Landes. Die Saudis leugnen die Unterstützung des islamischen Terrors. Vielleicht rechnen sie Staatsterror (zum Beispiel den Krieg im Jemen) nicht dazu. Wenn das Königshaus Hüter des Islam sein will, könnte sich seine Macht auch auf einen Islamischen Staat erstrecken.

Der Film, der nach dem »Urknall» in Mekka 1979 ja auch weitere Terrorakte suggeriert, wirft mehr Fragen auf, als er beantwortet.

Ist der »Urknall» wirklich ursächlich für den anhaltenden Terror, von Al Kaida, des Islamischen Staates, in Tschetschenien und so weiter? Nicht die Besiegten, sondern die Sieger hätten die Macht dazu. Besteht ein Zusammenhang mit den Attentaten vom 11. September 2001, von Barcelona, Paris, Brüssel, Nizza und so weiter?

Oder: Welche innenpolitische Machtstruktur, sprich Klassenlage der Bourgeoisie, der Geistlichkeit und anderer Schichten hatte Einfluss auf die Entstehung und die Niederschlagung des Aufstands? Wer stand loyal zum Königshaus und wer nicht? Ging es nur um Religionsfragen oder auch um ökonomische Interessen?

Wenn Terror die Qualität eines Urknalls haben kann, wo ordnet sich das Attentat von Sarajewo im Jahre 1914 ein? Am Ende profitieren die Großmächte und nicht die Attentäter an der »Basis».
Van den Berg wählt eine Form der Recherche, die die Zeugen reden lässt, ohne ihnen »auf die Hühneraugen zu treten», das heißt, ihnen unangenehme Fragen zu stellen. Dabei kommt viel Wahrheit zutage, auch ihre Denkweise, aber ist taktische Zurückhaltung nicht auch eine Art von Schere im Kopf?

Das Grundproblem ist ein anderes. Bei der Analyse des Aufstands und seiner Niederschlagung schildert van den Berg die Situation der Beduinen sowie die politischen und religiösen Gründe ihres Widerstands gegen Ideologie und Politik des Königshauses. So wird verständlich, warum sie überhaupt revoltiert haben. Bei der Erörterung des Aufstands und seiner Niederschlagung kommen jedoch überwiegend die Sieger zu Wort und nur zwei Mitkämpfer, die aber nicht die politischen Ziele des Widerstands erklären. So entsteht gewollt oder ungewollt der Eindruck, dass der Aufstand falsch und seine Niederschlagung notwendig war. Die Geschichte wird vom Standpunkt der Sieger erzählt. Man könnte sie aber auch als Tragödie der Rebellen darstellen. So wäre nach ihren Schwachpunkten und ihren Fehlern zu fragen, zum Beispiel, dass der Aufstand nicht von einer Massenbewegung, sondern von einer extremen Gruppierung mit restaurativen Vorstellungen getragen wurde. Die Aufständischen hatten keine Verbündeten in der Armee und in der Arbeiterklasse, so unterentwickelt die auch gewesen sein mag. Wie aus allen erfolglosen Revolten und Revolutionen wäre daraus zu lernen. Um die Motive der Aufständischen und die Gründe ihrer Niederlage verstehen zu können, wäre wissenswert, ob die Gefangenen vor ihrer Hinrichtung verhört wurden und ob es davon Protokolle gibt.

Absicht der Autoren war es sicherlich nicht, die Festigung der Macht der Saudis nachträglich zu legitimieren, aber die Tücke steckt eben darin, dass die Sieger im Film überzeugender auftreten als die wenigen überlebenden Regimegegner.

Dessen ungeachtet: Der Zuschauer lernt viel. Für viele waren das bisher böhmische Dörfer. Wer es sich aussuchen kann, schaue sich die Fassung der ARD am 27. August an. Sie ist um 23 Minuten länger und bietet mehr Fakten.

Mekka 1979 – Urknall des Terrors?

Dokumentarfilm von Dirk van den Berg, ARTE FRANCE / NDR, Frankreich 2018, Erstausstrahlung, auf ARTE am 21.August, 22.10 Uhr, 52 Minuten, im ERSTEN am 27. August, 22.45, 75 Minuten

Anmerkung:

Dieser Beitrag von Sigurd Schulze basiert auf einen Beitrag, der am 21.8.2018 im WELTEXPRESS erstveröffentlicht wurde.




Szene aus dem Film "Hotel Artemis" von Drew Pearce.

Bis die Polizei kommt oder Jodie Foster als Engel der Bengel im Einsatz in L.A. – Zum Film „Hotel Artemis“

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Im Los Angeles des Jahres 2028 versinken die Straßen der Stadt im Chaos eines außer Kontrolle geratenen Bürgeraufstands: Für Waikiki (Sterling K. Brown) und seine Kumpanen die perfekte Gelegenheit eine Bank zu überfallen. Als ihr Raubzug vom Kugelhagel der Polizei unterbrochen wird, bleibt der schwerverletzten Gang nur ein Ort, an den sie sich retten kann: Hotel Artemis – ein längst zum Mythos erklärtes, geheimes Krankenhaus für Schwerverbrecher. Unter der Obhut der Schwester (Jodie Foster) und ihres Assistenten (Dave Bautista) glaubt sich Waikiki zunächst sicher. Doch der wahre Ärger beginnt, als plötzlich weitere Outlaws im Hotel einchecken…

Mit „Hotel Artemis“ liefert Regisseur und Drehbuchautor Drew Pearce („Iron Man 3“) einen unvergleichlichen Mix aus Action, Sci-Fi und Noir, der für adrenalingeladene Unterhaltung sorgt. Für sein facettenreiches Charakter-Ensemble versammelt er u.a. Oscar®-Preisträgerin Jodie Foster („Elysium“, „Der Gott des Gemetzels“), Sterling K. Brown („Black Panther“, „American Crime Story“), Jeff Goldblum („Thor: Tag der Entscheidung“, „Jurassic World: Das gefallene Königreich“), Sofia Boutella („Die Mumie“, „Star Trek: Beyond“), Dave Bautista („Avengers: Infinity War“, „Guardians of the Galaxy“), Charlie Day („Pacific Rim 2: Uprising“, „Kill the Boss“) und Zachary Quinto („Star Trek“, „American Horror Story“). Als Produzenten zeichnen u.a. Marc Platt („La La Land“), Adam Siegel („Drive“) sowie Stephen und Simon Cornwell („The Night Manager”) verantwortlich.

Fotoreportage

Mehr Bilder zum Beitrag in der Fotoreportage: Jodie Foster führt als alleinunterhaltende Oberärztin mit Mount Everest als Gehilfen im Film „Hotel Artemis“ durch L.A.s Club-Krankenhaus für Kriminelle aller Couleur von Stefan Pribnow.

Filmografische Angaben

Originaltitel: Hotel Artemis
Deutscher Titel: Hotel Artemis
Land: USA, UK
Jahr: 2018
Regie: Drew Pearce
Drehbuch: Drew Pearce
Musik: Cliff Martinez
Kamera: Chung Chung-hoon
Schnitt: Gardner Gould, Paul Zucker
Schauspieler: Jodie Foster (Jean Thomas / Die Schwester, Sterling K. Brown (Waikiki / Sherman), Sofia Boutella (Nice), Jeff Goldblum (Niagara), Brian Tyree Henry (Honolulu), Jenny Slate (Morgan), Zachary Quinto (Crosby Franklin), Charlie Day (Acapulco), Dave Bautista (Everest)
Produktion: Simon Cornwell, Stephen Cornwell, Marc Platt, Adam Siegel
Originalsprache: Englisch
Länge: 95 Minuten