Ein „Fachmann für vergleichenden Fanatismus“ ist tot – Amos Oz starb heute in Jerusalem

Jerusalem, Israel (Kulturexpresso). Heute starb Amos Oz im Alter von 79 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung in Jerusalem. Das teilte seine Tochter Fania Oz-Salzberger auf Twitter mit.

Oz gehörte zu den herausragenden Schriftstellern Israels, der wie David Grossman und A.B. Jehoshua die Überzeugung vertrat, dass die Unabhängigkeit des palästinensischen Volkes in ihrem eigenen Staat neben dem Staat Israel die Basis für Frieden ist und deshalb für Israel genauso wichtig ist wie für die Palästinenser.

Oz, der sich als quasi Poetik-Prof in Tübingen als „Spezialisten für vergleichenden Fanatismus“ vorstellte, befasste sich genau damit in seinen drei Plädoyes und Essays, die Interessierte in seinem Buch „Liebe Fanatiker“ finden.

Er schreibt darin, dass „von Fanatikern … gegenwärtig die größte Gefahr“ ausgehe und zwar „auf dem gesamten Globus – als Terroristen führen sie Krieg gegen bestimmte Gruppen wegen deren Glaubens oder Hautfarbe, als Selbstmordattentäter ermorden sie wahllos Einzelne um ihren Glauben zu bezeugen und/oder wegen medialer Aufmerksamkeit.“

Oz, geboren am 4. Mai 1939 in Jerusalem als Amos Klausner und dort aufgewachsen, zum Schriftsteller in einem Kibbuz geworden, in der Friedensbewegung „Schalom achschaw“ (deutsch „Frieden jetzt“) aktiv gewesen, war aufgrund seiner Erfahrung für wahr ein „Fachmann für vergleichenden Fanatismus“ geworden, wie auch der Suhrkamp-Verlag meint: „in seinen Büchern lotet er dessen Abgründe aus, als Kommentator bekämpft er sie politisch, als Betroffener stellt er sich und anderen die Frage, wie man zum Fanatiker werden kann“.

Amos Oz, der zuletzt in Arad im Negev wohnte, war also Dichter und Denker, wußte jedoch Politik und Literatur zu trennen, konnte folglich politische und literarische Texte schreiben. Er konnte mit dem Panzer kämpfen wie im Sechstage-Krieg auf dem Sinai oder im Jom-Kippur-Krieg auf den Golan-Höhen, aber auch mit der Schreibmaschine.

Er, der für die friedliche Zwei-Staaten-Lösung stritt, schrieb beispielsweise: „Mein zionistischer Ansatz ist schon seit Jahren ganz einfach: Wir sind nicht allein in diesem Land. Wir sind nicht allein in Jerusalem. Das sage ich auch zu meinen palästinensischen Freunden. Ihr seid nicht allein in diesem Land. Es gibt keinen anderen Weg, als dieses kleine Haus in zwei noch kleinere Wohnungen aufzuteilen.“

Wohl geschrieben. Ohne die Russen ist das gemeinsame europäische Haus ein Widerspruch in sich, wie Israel ohne Palästina. Mal sehen, wer mit dem politischen Hausbau früher fertig wird.

So lange dürfen Leute, die lesen, zu den Büchern von Oz greifen, beispielsweise zu „Black Box“, „Allein das Meer“ und „Geschichte von Liebe und Finsternis“, aber auch zu „Liebe Fanatiker“, „Deutschland und Israel“ und „Wo die Schakale heulen“.




Hrant-Dink-Gedenken im Maxim-Gorki-Theater mit Filmen, Texten, Dokumenten, Gesprächen und Musik aus Anlass des 12. Todestages

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Am 19. Januar 2007 wurde der Journalist, Redakteur sowie Mitbegründer- und Mitherausgeber der türkisch-armenischen Wochenzeitung „Argos“ Hrant Dink beim Verlassen des Zeitungsgebäudes in Istanbul erschossen.

Im Berlin Maxim-Gorki-Theater möchten Berliner und solche, die es werden wollen, anlässlich seines zwölften Todestages am 19. Januar 2019 ab 17.00 Uhr, Bühne, Studio Я, Lichtsaal, an ihn erinnern und seiner Gedenken. 

Unter dem Titel „Hrant Dink (Ge)denken“ soll es Filme, Texte und Dokumente, aber auch Gespräche und Musik geben. Mitmachen würden laut Gorki-Presseinfo vom 13.12.2018 Gork Can Dündar, Sesede Terziyan, Mehmet Atesçi, Nedim Hazar, Merlyn Solakhan, Fethiye Çetin, Karin Karakşlı, Stepan Gantralyan und Meline Popovian.

Das Programm

17.00 Uhr Film Lichtsaal, Eintritt frei 
Ein Chor von Merlyn Solakhan, 65 min, 1996, dt. 
Anschl. Q&A mit Merlyn Solakhan 

Schwalbennest von Bülent Arınlı, 20 min, 2007, türk. m. dt. Untertiteln
Anschl. Q&A mit Nedim Hazar, Producer des Films

19.00 Uhr Gespräch Studio Я, Eintritt frei
12 Jahre später  
Fethiye Çetin, Anwältin der Familie Dink und Karin Karakşlı, Autorin der Zeitung Agos im Gespräch 

Bühne 20.30 Uhr
Gedenkveranstaltung: Hrant Dink (Ge)Denken (10 EU / erm. 8 EU)
Von und mit Can Dündar
sowie mit Mehmet Ateşçi und Sesede Terziyan Live-Musiker François Regis Szenische Einrichtung Hakan Savaş Mican und Arsinée Khanjian

Can Dündar, ehemaliger Chefredakteur von »Cumhuriyet«, hat eine Auswahl von Hrant Dinks Texten zusammengestellt, kontrastiert durch Protokolle des Prozesses gegen die Mörder.

Auf Türkisch und Deutsch mit englischen Übertiteln

Studio Я 22.00 Uhr Konzert, Eintritt frei
Konzert von Stepan Gantralyan und Meline Popovian  




Andrei Dmitrijewitsch Sacharow

Wie die EU mit dem Namen Andrei Sacharow Schindluder treibt oder Zum Sacharow-Preis für Oleg Senzow

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Oleg Senzow wurde mit dem Sacharow-Preis geehrt. Dieser Preis wird seit 1988 von einer sich Parlament nennenden Veranstaltung der Europäischen Union (EU) vergeben, die manches sein mag, aber ganz sicher keine Vertretung, die ein Volk vertritt und eine Regierung wählt und diese kontrolliert. Sie ist eine Veranstaltung, die die Idee der Wahlgleichheit mit Füßen tritt und vieles andere mehr, welches hier zu nennen zu weit führen würde.

Diese Veranstaltung vergibt den nach dem sowjetischen Physiker benannten Preis an Personen und Organisationen, die sich angeblich für die Verteidigung der Menschenrechte und der Meinungsfreiheit einsetzen.

Das hat Sensow zwar nicht getan, aber was soll`s, er hat ihn bekommen. Gestern war`s und zwar in Straßburg. Weil der ukrainische Filmemacher eine 20-jährige Haftstrafe in einer russischen Strafkolonie am Polarkreis absitzt, konnte er sich den Preis in Straßburg nicht abholen. Immerhin überlebte er auf diese Weise das muselmanische Attentat.

Daher zitiere ich den wegen angeblicher Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung gefangen Gehaltenen der Russischen Föderation, der vor Gericht kluge Worte – allerdings nicht zu seiner Verteidigung – sprach, weil er das Gericht nicht anerkannte.

„’Die schlimmste Sünde auf der Erde ist die Feigheit.‘ Das hat der große russische Schriftsteller Bulgakow in dem Buch ‚Der Meister und Margarita‘ geschrieben, und ich bin seiner Meinung. Die Feigheit ist die größte, die schlimmste Sünde auf Erden.“

Oleg Senzow

Der Moment, in dem er das sagte, wird im „Deutschlandradio Kultur“ (12.12.2018) wie folgt beschreiben: „Wie so oft im Gerichtssaal wirkt Senzow ruhig, ein bisschen spöttisch, ein bisschen trotzig. Wie stets trägt er ein weißes T-Shirt mit einem traditionellen ukrainischen Blumenmuster und der Aufschrift

„Ruhm der Ukraine“

Aha, daher weht der Wind und mit ihm die Fahne der EU. „Ruhm der Ukraine“ war und ist der Ruf ukrainischer Faschisten. Und die Ukraine ist ein Staat, „in dem bedeutende militärische Formationen, offen und mit präsidialem Wohlwollen versehen, sich auf eine eindeutig nationalsozialistische Vergangenheit berufen“, wie Willy Wimmer im WELTEXPRESS in seinem offenen Brief an Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier schreibt.

Wir sind alles andere als feige, wir schreiben und veröffentlichen das und auch, dass Senzow „sich über die Verleihung des Preises“ freue, wie „Die Presse“ (12.12.2018) vermeldet und weiter mitteilt: „jedoch dürften die anderen politischen Häftlinge nicht vergessen werden – mit diesen Worten soll sich Oleg Senzow für die gestrige Zuerkennung des Sacharow-Preises durch das Europaparlament bedankt haben.

Parlamentspräsident Antonio Tajani ehrte den Preisträger in einer Rede und forderte von den russischen Behörden Senzows Freilassung. Die EU verteidige Freiheit und Menschenrechte, ‚auch außerhalb der Union‘. ‚Ich hoffe, dass der Preis auf den russischen Staat Einfluss haben wird‘, sagte Senzows Anwalt Dmitrij Dinse vor Journalisten. Senzows Cousine Natalia Kaplan nahm den Preis entgegen. Die Auszeichnung ist mit 50.000 Euro dotiert.“

Genau darum dreht sich diese Polit-Inszenierung. Es geht um Agitation und Propaganda und Einfluss.

Zu Lebzeiten hätte „mein“ Sacharow das kritisiert. Seit er tot ist, wird in seinem Namen Schindluder getrieben, auch von der EU.




Vielleicht die schönste Verkaufsmesse auf dem Gelände der Messe Berlin – Bazaar Berlin. Jetzt noch fairer!

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Unter dem Namen „Partner des Fortschritts“ ging es 1962 los. Zwischendurch hieß die internationale Ausstellung und der Verkauf von dekorativen Kunstgegenständen, Schmuck, Textilien und Wohnaccessoires „Importshop“. Seit 2013 heißt sie Bazaar Berlin.

Der Shop heißt jetzt Bazaar Berlin

Warum eigentlich? Wir fragten eine Stammkundin, die nur mit den Schultern zuckte, aber verriet, dass sie diesen Termin jedes Jahr rot im Kalender anstreichen würde. Im übertragenen Sinne wahrscheinlich, denn auch Kalender … sind ja vielerorts digitalisiert und rot … ja, doch, vielleicht schon.
Eigentlich ist es ganz einfach. Eine Importmesse bietet nur Erzeugnisse des Auslands an. Auf der Bazaar Berlin sind aber jetzt auch inländische Unternehmen.

Waren aus dem Inland braucht man nicht zu importieren – auf die Bazaar Berlin

Das hat der Messe gutgetan. Denn nun kann auch regional eingekauft werden, aus demselben Bundesland wie Kaffee, Bonbons und Täschchen aus der Rungestraße in Mitte oder zumindest aus dem Inland. Gemessen an den unendlichen Weiten, aus denen das Kunsthandwerk und die Souvenirs an die Berliner Gestade gelangt sind, ist die Einfuhr aus dem Saar- oder Emsland ein Witz. Nicht hingegen, was die Ökobilanz angeht. Das Kohlendioxid, dass man mit der Schule abgehakt zu haben glaubte, sitzt einem jetzt immer im Nacken. Denn falls Donald Trump Unrecht haben sollte, dann Gnade uns Gott. Das Klima jedenfalls kennt keine Gnade. Die gute Nachricht: Jetzt ist Berlin auch noch Fair-trade-Stadt geworden!

Bazaar – jetzt in der Fair-Trade-Stadt Berlin

Fairness sollte auch im Umgang mit der Umwelt gelten. Solange man noch frei wählen darf und nicht zum Kauf einer Block- statt Panflöte gezwungen wird, ist das in Ordnung. Manche Sachen sind einfach aus der Ferne schöner und auf der Bazaar Berlin konnte man wieder wie früher zu Importshop-Zeiten neue Dinge entdecken. Aus Ecken, die man noch nie gesehen hat und wohl auch nie zu Gesicht bekommen wird – außer vielleicht auf den Bildern und Präsentationen der ITB.

Vom 7. bis 11. November präsentierten rund 500 Aussteller aus der ganzen Welt ihre Produkte. Viele Kaufleute, vor allem diejenigen, die ihre eigenen Waren selbst herstellen, erzählten den Besuchern gerne von sich und ihren Erzeugnissen: ob es nun handgefertigte Schuhe, Korbwaren, Schmuck oder bemalte Weihnachtskugeln sind. Auf dieser Ausstellung von Kunsthandwerk, Design, Naturprodukten und Waren mit dem Fair-Trade-Zeichen konnten Dinge erworben werden, die es eben nicht überall zu kaufen gibt.

Erzeugnisse zum Beispiel aus Kyrgystan bzw. Kirgisien – dort, wo sie wissen, wie man Warmhaltendes herstellt

In den acht Sälen des Ausstellungskomplexes in einzigartiger Atmosphäre fand man Geschenke für jeden Geschmack. Auch aus ehemaligen Sowjetrepubliken beziehungsweise der GUS.

Zum Beispiel aus dem bergigen Kyrgystan. Kirgisische Mützen und Pantoffeln, russische Puppen und Orenburg-Gaze-Schals, Armbänder, Tücher, Umhänge und Kleider aus Ziegenfell. Die Spinnennetztücher aus dem Naturmaterial sind besonders leicht – obwohl sie extrem wärmen. Das Land der Inuit und Kyrgystan sind die zwei einzigen Territorien der Welt, bei denen Vegetarier wie Are Waerland anerkennen, dass die dort Bewohner keinen Zugang zu Obst und Gemüse haben. Zumindest nicht, bis nicht ganz Grönland immergrün ist. Doch bis dahin würden noch viele Inuit im zu weichen Eis einbrechen und elendig untergehen. Die Kirgisen wissen, wie man sich mit örtlichen Mitteln vor Kälte schützt. Den zuweilen eisigen Novemberwind hierzulande halten solche Textilien allemal ab.

Dann: Ukrainische Malerei auf Holz und Keramik – „Petrykiwka“-Malerei (englisch Petrykivka oder Petrikivka): bemalte Teekannen, Schüsseln, Anhänger und andere Schmuckstücke, jeweils Unikate: keine zwei gleichen sich.

Holzteller „August“ mit „Petrykiwka-Malerei ( aufgenommen mit OLYMPUS DIGITAL CAMERA von Zharko140, copyright 2013 Wikimedia)

Für die Weihnachtsfeierlichkeiten und andere Festessen gab es Lakritzlikör aus Finnland, Bioprodukte aus Österreich – Wurstwaren, Käse, Apfelchips und kandierter Ingwer, Bio-Schokolade und Avocadoöl aus Mexiko und sogar die „deutsche Antwort“ auf die italienische Küche – Pflanzenöle und Kräuterwürze von deutschen Herstellern.

Eine aktuelle Basarveranstaltung ist die Vergabe eines Fairtrade-Town-Zertifikats an die Stadt Berlin. Dieser Titel wird Gemeinden verliehen, die besonders auf faire Produktionsbedingungen und Löhne sowie auf soziale und umweltfreundliche Handelsstrukturen achten. Die Fairtrade-Towns-Kampagne läuft seit 2009. Initiator ist der Kölner Verein TransFair. Im ganzen Land wurden 566 Gemeinden mit dieser Auszeichnung ausgezeichnet. Auch wurden bereits einzelne Bezirke zertifiziert – Charlottenburg-Wilmersdorf, Steglitz-Zehlendorf und Friedrichshain-Kreuzberg. Jetzt kam Berlin als Ganzes hinzu. Auf der Bazaar Berlin erhielt die Bürgermeisterin und Senatorin für Wirtschaft, Energie und Betriebe Ramona Pop die Auszeichnung.

Lanna Idriss präsentierte Gyalpa

Basarware von GYALPA aus Syrien und Schöneberg auf der Messe BAZAAR Berlin. © Foto: Andreas Hagemoser, 2018

Neben Fair-Trade-Produkten gab es an den Ständen auch Informationen zu Entwicklungsprojekten in Asien, Afrika und Lateinamerika. Teilnehmer des Basars waren mehrere öffentliche Organisationen, die sozial Benachteiligten den Markteintritt ermöglichten.

So präsentierte Lanna Idriss von der Gyalpa-Gesellschaft ihr Projekt zur Unterstützung syrischer Frauen. Produkte, die sie zu Hause herstellen – Olivenöl-Seife, Patchwork-Kleidung, Schuhe mit Applikationen – können sie nicht risikolos an den Mann bringen. Physisch ist es sehr schwierig, auf den Markt zu kommen, wenn die Gefahr besteht, dass man bombardiert wird. Diese ist oder war nicht gering, da Märkte gern unter Beschuss genommen wurden, da sich dort viele treffen. Nun müssen sie, durch die Unterstützung der Gesellschaft Gyalpa, das Haus nicht mehr verlassen – und können ihre Produkte in Deutschland verkaufen. Auf der Bazaar Berlin ist Lanna, die selbst syrische und dänische Wurzeln hat, bereits das dritte Jahr, und diesmal kann sie sich erfolgreich schätzen. Während ihre Idee anfangs bei der Öffentlichkeit eher kühl aufgenommen wurde, hat ihr Verein dieses Jahr ein professionelles Niveau erreicht und fühlt sich auf Augenhöhe gleichgestellt. Dieses Jahr stimmten Freundlichkeit, Feedback und Umsatz.

Wie jedes Jahr im November kamen rund 40.000 Besucher in die Messehallen der deutschen Hauptstadt am Fuße des Funkturms gegenüber vom ICC. Der Osteingang an der ICC-Brücke ermöglichte dieses Mal den Zugang zur Bazaar Berlin zusammen mit dem Nordeingang am Palais am Funkturm. Sie kamen, um auf diesem Markt exotischer Waren und des Kunsthandwerks aus aller Welt etwas Ungewöhnliches, Hochwertiges, Schönes oder ungewöhnlich Leckeres zu kaufen. Die vorweihnachtliche Stimmung unterstützte noch die gelöst-positive Atmosphäre.




Wahre Helden. Welche Ware wirkt wirklich heldenhaft? Es ist wieder Heldenmarkt!

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Die Tageszeitung Taz, Bäckereien, Teeproduzenten, Brot für die Welt, Redaktionen von Journalen, Modeanbieter und gläserne Strohhalme – wo findet man das alles versammelt? Was ist das Gemeinsame? Sie sind alle wahre Helden oder halten sich dafür. Zumindest aber tun sie viel Gutes und reden mal mehr, mal weniger darüber. Den Heldenmarkt gibt es nicht nur in Berlin. Mehr als ein Dutzend Standorte machten den Marktplatz zu einer beliebten Einkaufs- und Informationsquelle in Richtung Bio, Öko, Gesund, vegan und der Dritten Welt helfend, die ja der einen Welt dieses Planeten angehört.

Wahre Helden essen Bio

Fußabdrucktest ohne Fußmatte: 18 % des Abdrucks macht der Konsum aus. 22% das Durch-die-Gegend-Fahren. Essen: 35%. Wohnen. Ein Viertel-Abdruck. © Foto: Andreas Hagemoser, 2018

Gleich nachdem man die Warte-Schlange am Eingang passiert hat – selbst, wenn es keine Warteschlange gibt, windet man sich durch die schlangenförmige Absperrung – kann man seinen ökologischen Fußabdruck prüfen. Ihre Schuhe sind sauber? Da liegt keine Fußmatte? Auch wenn es Fußmatte heißt und nicht Schuhmatte, ist jene ja nur zum Abputzen der Schuhe gedacht. An diesem voraussichtlich bis Sonntagnachmittag recht trockenen Wochenende brauchen Sie in der Station Berlin wohl wirklich keine Matte. Ausgerechnet wird der Abdruck hier mit einem Lineal. Ausgerechnet Brot für die Welt unterstützt diesen Selbst-Test. Die Spendenorganisation.

Strom und Elt: Wie SAUBER ist ihr Versorger wirklich? Aufsteller auf dem Heldenmarkt. © Foto: Andreas Hagemoser, 2018

35 Prozent des Abdrucks macht die Ernährung aus. Also ist gesundes Essen wichtig, mehr noch: die gesunde Produktion der Nahrungsmittel, die auf dem Heldenmarkt meist Lebensmittel sind. Denn wahre Helden bekommen gute Ware.
Warum das besser bio sein sollte, kann man hier herausfinden.

Stromerzeugung und Mobilität, die ja auch immer mehr mit der Elektrizität zu tun hat und vielleicht auch haben wird, ist ein weiteres wichtiges Thema.

Wahre Helden und Superheroes

Ingenieure ohne Grenzen werben für den Infoabend am 21.11.2018 in Berlin im H 3006 um 19 Uhr. © Foto: Andreas Hagemoser, 2018

Inzwischen hat auch der letzte AfD-Wähler gemerkt, dass man in Afrika noch mehr helfen muss, um dort Lebensbedingungen zu schaffen, die ein Weggehen unsinnig erscheinen lassen. Die ehrenamtlich arbeitenden Ingenieure von Ingenieure ohne Grenzen (www.ingenieure-ohne-grenzen.org/mitmachen/) tun genau das. Sie helfen. Helden wie beim THW. Sie erhalten in Berlin kein Fahrgeld, wenn sie aber im ehemaligen Deutsch-Ostafrika versuchen, Brunnen zu bohren, werden ihre Reisekosten natürlich übernommen.

Übrigens haben auch die Ingenieure gelernt. Brunnen bohren ist nicht immer der beste Weg. Als sie in Afrika das Grundwasser nicht fanden, fingen sie mit dem Bau von Regenrinnen und Zisternen (in CHONYONYO bei Karagwe in Tansania) an. Eine Superidee! Dabei lernen Teilnehmer an verschiedenen Projekten, die durchaus in verschiedenen Ländern durchgeführt werden, auch gegenseitig. Wahre Helden sind super. Einige trifft man auf dem Heldenmarkt.

Heldenmarkt mit Quizfragen: Wann wurde die erste Solarstromzelle gebaut? 1954, 1971 oder schon im 19 Jahrhundert? © Foto: Andreas Hagemoser, 2018

Station Berlin am 17. und 18. 11 2018. Am 18. bis 18 Uhr.

Hier kein japanisches Wasser trinken, sondern denken? Wer weiße Weihnachtsgeschenke will, wandert zum „Heldenmarkt“

 




Daumenkino: Fotoreportage zu Vollmond – Ernte- oder Blutmond? 3 Minuten am Wolkenrand

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Heute, am 15. November um 15.54 Uhr MEZ ist es wieder soweit: Halbmond. Die Nacht und der Morgen davor ist noch zunehmender Mond. Vollmond soll dann am Freitag, den 23. November um 6.39 Uhr sein. Der Novembermond heißt Nebelmond oder Bibermond. Das Aussterben und Verschwinden der Biber in Deutschland hat der Begriff überdauert. Jetzt gibt es nicht nur Bieber in Kanada, sondern auch bei uns wieder Biber. Haben manche manchmal Fieber? Das weiß Rolf Zuckowski besser. Der vergangene Vollmond, der Oktobervollmond, heißt Ernte-, Jäger- oder Blutmond. Er amtiert quasi noch.

„Voll was los“ zu Vollmond 2018

Mondmäßig war ganz schön was los dieses Jahr. Im Januar und März gab es jeweils einen „Blue Moon“ mit zweimal Vollmond im Monat. Solche Sonnenjahre sind sehr selten. Im Februar – das war der Monat mit der Berlinale – gab es überhaupt keinen Vollmond, das nennt man auch Black Moon.
Bis in alle gesellschaftlichen Schichten drang die totale Mondfinsternis in der Nacht vom 27. auf den 28. Juli durch (siehe Link unten). Sie war in Berlin genauso sichtbar wie die Halbschatten-Mondfinsternis am 31. Januar.

Beobachtungsglück zu Vollmond

Auch beim Oktobervollmond hatte Berlin Glück. Während dieser Erntemond in weiten Teilen Deutschlands, zum Beispiel im Süden und Westen, nicht zu sehen war, gab es zwischen Elbe und Oder bessere Sichtungschancen, in der Hauptstadt vor allem im Westen.
Die daumenkinoähnlichen Bilder wenige Minuten nach der 100%igen Abdeckung beim von Regen und Wind freigewaschenem Himmel möchten wir ihnen nicht vorenthalten, zudem wir als Glücksfall den Vollmond genau am Rande eines riesigen Wolkenbandes ablichten konnten. Dabei gelangte er unter anderem scheinbar in ein Wolkenfenster und schaute heraus. Durch die hohe Durchzugsgeschwindigkeit der Wolken bei außergewöhnlich klarer Sicht ergaben sich buchstäblich in Windeseile immer wieder ganz neue Ausblicke, ohne die Geduld des Betrachters in der Kühle des Abends zu behelligen.

Zum Vollmond-Daumenkino:

Mehr erklärender Text zur Fotoreportage im Beitrag Ernte- oder Blutmond? Je reißerischer, desto häufiger verwendet werden die Begriffe, auch bei Vollmond von Andreas Hagemoser.

Wenn die Verdunklung erhellt. Die in Deutschland sichtbare Mondfinsternis, ein Jahrhundertereignis




Mallorca ist überall. Wann schafft es eine Nachricht in die Schlagzeilen? Der Chaos-Oktober im Zeitraffer

Mallorca, Spanien (Kulturexpresso). Am 19.10. dieses Jahres wurde Mallorca teilweise überflutet. Menschen wurden teils mit Hubschraubern evakuiert, Straßen und Brücken waren überschwemmt. Das wussten Sie? Möglicherweise handelt es sich um eine Verwechslung.

Denn:

Am 9.10. sorgten überaus starke Regenfälle im Nordosten der Insel für über die Ufer tretende Sturzbäche. Die Wassermassen suchten sich andere Wege zu Tal – Straßen lagen nahe. Genau wie die im Sommer monatelang ausgetrockneten und trockenliegenden „Torrente“, wie die Sturzbäche auf spanisch heißen, transportieren sie das Wasser gen Meer.
Manche haben sich auf Mallorca angewöhnt, in den Torrenten zu parken. Nach der überstandenen Wirtschaftskrise gibt es mehr Autos als Parkplätze, nicht nur in Touristenhochburgen wie Arenal am Playa del Palma, sondern auch in Orten wie Sant Llorenç des Cardassar im Nordosten, wo mehr als jeder zehnte Einwohner ein Deutscher ist.

Wenn Menschen sterben, schafft es eine Nachricht in die Schlagzeilen

Die Bilder von Überschwemmungen und geperrten Straßen gleichen sich, doch schafften es die Folgen des Unwetters vom Abend des 9.10.2018 ganz nach oben in die Schlagzeilen auch bei Euronews.

Der Hauptunterschied: 13 Tote.

Die Wetterkapriolen haben Mallorca den Rest des Oktobers im Griff gehabt. Trotz aller Beschwichtigungen der Mallorca-Touristiker.
Ortsansässige Hoteliers, die die Sturzregenfluten im Nordosten der Insel am Playa de Palma abritten – hier am Südstrand war außer leichtem Regen nichts zu spüren – ließen sich nicht aus der Ruhe bringen und beschwichtigten nach dem 9. Oktober ihre Gäste gern. „Starke Regenfälle und kleine Stürme im Herbst sind wir gewöhnt. Das ist nichts neues.“ „Das ist nicht so schlimm.“ Und Ähnliches war zu hören.
Die Ereignisse vom 9. Oktober und die während einer Woche andauernde Suche nach Vermissten mit der damit verbundenen ansteigenden Zahl der Toten wurde als Ausnahme und Einzelfall etikettiert.

Allerdings strafte schon der Verlauf des restlichen Monats die Beruhiger Lügen.

Doch gehen wir chronologisch vor:

Leslie und die Wetterwarnungen

Als wir die offizielle Wetterwarnung für die Nacht vom 14. auf den 15. Oktober einem Hotel-Mitarbeiter mitteilten für den Fall, dass er es noch nicht mitbekommen habe und in seiner Herberge gegebenenfalls Vorkehrungen treffen oder veranlassen wollen könnte, begleitete ein nachsichtig-bemitleidender Blick die Antwort. So, als ob man der Panikmache der Boulevardpresse aufgesessen sei.

Dabei hatte das staatliche spanische Wetteramt eine offizielle Warnung herausgegeben vom 14.10. 21.00 Uhr bis 15. 10. 2018 6.00 Uhr wegen des Durchziehens des ehemaligen Hurrikans „Leslie“ über Mallorca.

Gewitter, Regenschauer und ein die ganze Nacht stark heulender Wind, der einen vom Schlafen abhielt, bekräftigten die Wetterwarnung. Allerdings ging es diesmal glimpflich ab.

Ein am Montag nach dem Sturm Leslie, der immerhin ein Ex-Hurrikan vom Atlantik war, befragter Ersthelfer, Sanitäter und Rettungswagenfahrer des 112-Dienstes in Arenal, der Touristenhochburg östlich der Hauptstadt Palma, gab auf Nachfrage die Antwort, dass es sturmbedingt keine Personenschäden gegeben habe.

Allerdings verließ Leslie die Insel nicht ohne Folgen.

An Sachschäden waren unter anderem zu beklagen:

1. Ein Verlust eines Teils der hölzernen Uferbefestigung, die als Strandgut am Südende des Playa de Palma auftauchte kurz vor dem Yacht-Hafen.

2. Ein stark beschädigter Zweimaster, der weiter westlich am Ufer vor Palma auflief und hilflos in Schräglage immer wieder gegen das Felsen schlug. Der Ufer-Fuß-und-Radweg wurde von der Polizei gesperrt, um bei einem Umkippen des Schiffes Schäden durch die Masten vorzubeugen.

3. Mehrere zerstörte Gewächshäuser im Innern der Insel. Kleine Wirbelstürme, Minitornados, für die es auf Mallorca sogar einen eigenen Namen gibt, waren quer durch die gläsernen Hallen gezogen. Totalverlust. Am Schlimmsten betroffen ein Gartenbaubetrieb für Blumen und Zierpflanzen. Die Inhaberin äußerte sich glücklich, dass noch keine Gärtner bei der Arbeit gewesen waren, da Leslie nachts hindurchzog. Sonst wären bestimmt Menschen zu Schaden gekommen.

Kommt eine Nachricht in die Schlagzeilen, darf man trotzdem denken

Unser Ziel ist weder Panikmache noch Werbung für Global warming. Einlullende Phrasen wie „Was wollt ihr denn, es ist alles in Ordnung!“ oder „Sie können unbesorgt Urlaub machen bei uns“ – cui bono? – sind aber mit Vorsicht zu genießen.

Ein bisschen mehr Selbstverantwortung, Hören auf die Intuition und Rechnen mit dem Unerwarteten könnte gut tun.

Ein bisschen weniger „ich steige mit kurzen Hosen und Hemd auf den Berggipfel, falls das Wetter umschlägt, habe ich ja ein Handy dabei und kann die Bergrettung anrufen“ wäre gut.

Mallorca ist bestimmt für viele nach wie vor ein lohnendes Reiseziel. Ein jederzeit sicherer Hafen, in dem man sich sorglos vollaufen lassen kann, ist es nicht mehr.

Die Regenfälle Ende Oktober haben auf dem Flughafen Chaos ausgelöst.

Ein Pärchen spazierte am Ufer entlang, Plötzlich riss eine Woge die Frau ins Meer. Der Mann sprang hinterher, doch die junge Frau blieb verschwunden. Die Suche nach der 35-jährigen Französin wurde gestern früh fortgesetzt. Mittags musste sie wegen schlechten Wetters (!) eingestellt werden.

Mallorquinische Massenmedien warnten wegen des aufgewühlten Meeres vor dem Betreten der Strände (!)
Natürlich kommen auch Leute wegen ihrer Finca, des Ökotourismus und der Museen und Kunstschätze her. Doch die meisten wollen Sonne am Strand.
Manchmal ist eben Vorsicht geboten. Die Rettungsschwimmer waren bis zum 31.10. im Einsatz. Dann wieder 2019.




Ernte- oder Blutmond? Je reißerischer, desto häufiger verwendet werden die Begriffe, auch bei Vollmond

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Am 25. Oktober war in Berlin und an vielen anderen Orten Vollmond. Mittwoch abend, 18.45 Uhr wurde angegeben. Kurz nach Sonnenuntergang, als der Mond aufging, war er in Berlin allerdings noch hinter den Häusern, wenn es nicht jemand rechtzeitig auf den Kreuzberg, den Teufelsberg oder den Funkturm am ICC geschafft hatte. Bergbesteigungen empfohlen sich aber am 25.10. wegen der Regenschauer und Sturmböen keinesfalls. Um den Lesern die bestmöglichen Bilder zu bieten, musste also abgewartet werden, bis sich der Mond scheinbar über den Häuser-Horizont erhob.
Der ist abhängig von den in Berlin bis zur Regenrinne höchstens 22 Meter hohen Häusern plus Dach. Traufhöhe nennt man das. Hochhäuser brauchen Ausnahmegenehmigungen.

Unkontrollierte Macht der Wolken – auch bei Vollmond

Doch auch dann machten Wolken noch einige Zeit einen Strich durch die Rechnung. Zwar lag die Hauptstadt im für das Vollmond-Betrachten begünstigten Nordosten der Bundesrepublik Deutschland. Doch Wolken gab es auch. Wegen des starken Windes zogen sie allerdings so schnell, dass man immer wieder eine neue Chance bekam. Neue Sichtfenster taten sich schnell auf. Ein halbe Stunde nach dem Höhepunkt guckte der Vollmond endlich dauerhafter über die Wolkendecke. Der vom Regen saubergewaschene, staublose Himmel ermöglichte eine denkbar klare Sicht.

Berlin war um diese Zeit zweigeteilt. Östlich einer Linie, die durch Reinickendorf über den Zoo nach Neukölln verlief, war die Sicht nach oben erschwert.

Übrigens macht der kurze zeitliche Abstand zum theoretisch idealen Photozeitpunkt 18.45 Uhr kaum etwas aus.

Nach Mitternacht betrug die Rundheit und Lichtabdeckung immer noch 99,7%. Nicht nur Horst Seehofer hätte sich über so einen Wert für Bayern vorigen Sonntag gefreut; diese Zahl ist von den Wahlen zur DDR-Volkskammer bekannt.

Eine halbe bis Dreiviertelstunde nach dem kalendarischen Vollmond ist ein Unterschied mit bloßem Auge nicht festzustellen.

Jeder der meist 12 Vollmonde im Jahr hat mindestens einen Namen. Der im Oktober heißt Blut-, Ernte- oder Jägermond. Die Bezeichnung Erntemond gilt auch im August und September.

Nach dem Großereignis Mondfinsternis plus Vollmond, die in den Boulevardzeitungen gern mit „Blutmond“ angekündigt wurde, ist der Hype etwas abgeflaut.

Wer aber online über ecosia.org oder andere Suchmaschinen wissen wollte, wann genau Vollmond ist vor Ort, wurde gern mit der reißerischen Vokabel konfrontiert. Klicks und Quote regieren scheinbar.

Im Sommer nahm der Mond wenigstens noch eine rötliche Färbung an. Dass dem im Oktober nicht so war, beweisen unser und andere Photos.

Daumenkino: Fotoreportage zu Vollmond – Ernte- oder Blutmond? 3 Minuten am Wolkenrand

Wenn die Verdunklung erhellt. Die in Deutschland sichtbare Mondfinsternis, ein Jahrhundertereignis




Zugfälltaus. Berlin hat einen neuen Stadtteil. Mindestens. Ring und Zug fällt aus

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Kennen Sie die Geschichte von Herrn Kannitverstahn? Macht nichts. Mein Vater hat sie mir mehrfach erzählt, in größeren zeitlichen Abständen und mit Variationen, wie es sich für mündliche Überlieferung gehört. Das Nibelungenlied Mittelasiens, das Manas-Epos aus Kyrgystan, wurde Jahrhunderte und Jahrtausende nur mündlich überliefert, bis es vor (relativ) kurzer Zeit erstmals niedergeschrieben wurde. Herrn K. verschieben wir auf später. Hier geht es um einen neuen Stadtteil.

Die Berliner S-Bahn kommt ab und zu zu spät. Kann ja mal vorkommen, denkt der nachsichtige Beobachter. Der nachsichtige Fahrgast dachte das auch – vor ein paar Jahren. Inzwischen ist die Geduldsleine gerissen und man macht sich Luft.
Irgendwie hat man das Gefühl, die S-Bahn kriegt‘s nicht hin. Wobei: Dahinter steht die Bahn. Die Deutsche Bahn. Die ist inzwischen ein Unternehmen.
Unter den deutschen Tugenden wird die Pünktlichkeit genannt, sowohl von befragten Ausländern wie auch von Deutschen. Manchmal hat man das Gefühl, dass im Rahmen der Globalisierung auch diese verlorengeht.

Vielleicht sollte man die Schweizer bitten, in Zürich und Luzern, in Basel und Bern die Flagge der Pünktlichkeit hochzuhalten. Ein bisschen deutsch sind sie ja, zumindest sprachlich. Die Standarte Pünktlichkeit ist einfach zu schwer geworden und muss einmal kurz abgesetzt werden.

Berlin hat einen neuen Stadtteil?

Über die Größe Berlins wurde manches geschrieben. Gemeint ist hier die schiere Größe der Stadt Groß-Berlin (size) und nicht ihre greatness. Dadurch und durch die Zusammenlegung kleinerer Orte mit Berlin zu dem Groß-Berlin, das wir heute haben, wenn es auch fast niemand korrekt so nennt, gibt es von allem mehr. Mehr als in anderen – deutschen – Städten. Manchmal auch europäischen.
Mehr Brücken als in Venedig, hört man von Stadtführern. Manche sagen auch: mehr als im Hamburg. Mehr Straßen, mehr Straßennamen (sogar „Berliner Straßen“), mehr Rathäuser …

Mehr Stadtteile? Das wurde noch nicht verifiziert oder geprüft, soviel wir wissen. Doch schon bevor die Stadtteilzähler ihren Bleistift spitzen und die Möchtegern-Wikipedia-Autoren abstruse Vergleiche anstellen, sind ein oder zwei neue Stadtteile hinzugekommen. Berlin hat einen neuen Stadtteil? Das wüsste ich, werden manche denken – oder interessiert aufhorchen.

Vorm Flaneur Franz versteckt

Zumindest handelt es sich um einen neuen Stadtteil, den der Flaneur Franz Hessel noch nicht entdeckt hat. Neu muss er also sein, vielleicht auch neo.
Schwarz auf weiß hört man von ihm nicht oder wenig, wenn, dann in „der App“. Vielfahrer in Berlin und alle, die es aufgegeben haben, Parkplätze zu suchen, da diese immer seltener werden – 20% des Stickoxidausstoßes entfallen auf den Parksuchverkehr, erfuhren wir jüngst bei Maybrit Illner – meinen meist die App vom VBB; manche „Öffi“. Virtuell gibt es ihn also schon, einen neuen Stadtteil.

Nicht schwarz auf weiß, sondern Weiß auf Blau leuchtet er uns entgegen, der neue Ort. Auf manchem Bahnhof finden wir den Hinweis (und im Zug).

Die Berliner S-Bahn, zurzeit von der Deutschen Bahn verwaltet, steuert ähnlich wie die U-Bahn der BVG Orte an.
Die in London hilfreichen Hinweise „southbound train“ oder „northbound“ für Züge, die nach Süden respektive Norden fahren, gibt es in Berlin nicht. Man muss schon genau wissen, wo man hin will – und, wichtiger noch – wie der Ort heißt.

Wegen der kürzeren Distanzen zwischen zwei U-Bahnhöfen – im Vergleich mit der S-Bahn – heißen Stationen der Untergrundbahn oft nach Straßen, Plätzen oder Rathäusern. Bei der S-Bahn gibt es das auch (Osdorfer Straße, Yorckstraße, Rathaus Reinickendorf).
Häufiger sind allerdings S-Bahnhöfe mit Ortsnamen, die Viertel oder Bezirke benennen.

Außerhalb von Berlin fahren die S-Bahn-Züge auch Städte wie die brandenburgische Landeshauptstadt Potsdam oder mit der S46 Königs Wusterhausen an, das allen Unkenrufen zum Trotz mit seinen über 36.000 Einwohnern auch eine Stadt ist.

Manchmal kann man es lesen, meist jedoch hört man nur von dem einen neuen Stadtteil Ring.

Da heißt es zum Beispiel: „S41 nach Ring“.

Berlin hat einen neuen Stadtteil oder: Wo liegt Ring?

Erneuter Zugausfall bei der Berliner S-Bahn.
Zug fällt aus. Ring @ (am 29.10.2018 um 17.22 Uhr) © Foto/BU : Andreas Hagemoser, 2018

Ausländer, Touristen und fleißige Appbenutzer – manche scheinen sich aus praktischen Gründen das Handy schon an die Nase haben nähen lassen – suchen unverzüglich online nach diesem Ort. GPS wird eingeschaltet und die vier Buchstaben des kurzen Wortes werden geschwind eingetippt: R I N G.
Kein Ergebnis; außer vielleicht: Kaufen Sie „Ring“ bei Otto o.ä.

Nun ist Berlin ja bekanntlich aufgrund der schieren Anzahl seiner Stadtbezirke und Kieze darauf angewiesen, immer wieder neue Namen zu finden.

Ganz normale Wörter, die auf deutsch oder englisch eine Bedeutung haben wie „Mitte“ oder „Wedding“, werden hier zu Bezirken und Ortsteilen. Jetzt anscheinend auch „Ring“. Sogar die S-Bahn fährt schon dahin. Ganz so neu scheint der Berliner Ort doch nicht zu sein, doch wo befindet er sich?

Such, such.

Menschen scheinen dort auch zu wohnen, heißt es doch „innerhalb des Rings“ oder: „Wer außerhalb des Rings wohnt, braucht keine Umweltplakette“. Während der Ring der Nibelungen schon mal verballhornt wurde als „Ring, der nie gelungen“, sogar in Buchform, ist der Berliner Ring in den 1990er Jahren (wieder-) erbaut worden.

Doch einfach nur die Ringbahn, die historisch älter als die S- oder Stadtbahn ist, kann nicht gemeint sein.

Denn es heißt ja ausdrücklich nicht: „S41 Ringbahn“ oder „Ringbahn S42“.

Nein, es heißt „S41 nach Ring“. Genauso, wie es „ S9 nach Spandau“ heißt. (Jetzt mal ohne die Diskussion, ob das eine Stadt sei.)

Ring oder den Ring muss es also geben wie den Wedding oder Mitte. Bitte.

Bei wem es noch nicht klingelt, der fahre einfach mal auf der Ringbahn und warte an einem Bahnhof, bis zwei Züge nacheinander „nach Ring“ fahren.

Da steht dann „Ring, Ring“ und zumindest die Engländer, Kanadier und US-Amerikaner wachen dann auf.

Eigene Welt mit eigener Sprache

Auch die Berliner S-Bahn ist eine eigene Welt, so wie ihre Mutter Erde, die Deutsche Bahn. Die Deutsche Bahn, die alles kann. Sie spricht sogar eine eigene Sprache, wie sich das für Länder und andere Welten so gehört.

Berlin hat anscheinend einen neuen Stadtteil, einen ganz neuen. Doch: Wo liegt Zugfälltaus?

Zug fällt aus. Signalstörung in Wannsee. S7 Potsdam nur im 20-Minuten-Takt. Alltag bei der Berliner S-Bahn? © Foto/BU : Andreas Hagemoser, 2018

In der Nähe der Zugspitze? Oder doch weiter hinten?

Vielleicht liegt Zugfälltaus eher querfeldein.

Denn ein Zug fährt da einfach nicht hin. Obwohl die Bezeichnung immer wieder, sehr häufig sogar, im Zugzielanzeiger auftaucht.

Man sollte mal mit einem SUV hinfahren, einem Geländewagen. Viele haben ja auch Navi an Bord, da könnte man auch gleich versuchen, das Ring-Rätsel zu lösen. Da wird es dann wahrscheinlich nicht heißen:
„Bitte biegen Sie jetzt rechts ab!“, sondern eher: „Bitte fahren Sie jetzt im Kreis!“

Niki Lauda, der Rennfahrer und Organisator der Fluglinien Laudamotion und Niki Luftfahrt GmbH, hatte 1979 in Kanada die Worte ausgesprochen, die in die Geschichte eingingen:

„Ich will nicht mehr im Kreis fahren“.

Sich ewig im Kreis bewegen und nicht vorwärtskommen, ist ja auch eher eine Schreckensvorstellung.

Positiv betrachtet das Leben darstellend ist „Der ewige Kreis“ – ein Lied aus dem Musical „König der Löwen“ von Jocelyn B. Smith (The Circle of Life).

Der Pilot konzentrierte sich dann auf die Fliegerei und gründete im selben Jahr Lauda Air. Er war schon immer sehr schnell und wollte dann auch ein Ziel erreichen und nicht ewig im Kreis fahren. Niki Lauda kehrte 1982 wieder in die Formel 1 zurück, um seinem Unternehmen mehr Geld zu verschaffen. Auf dem Nürburgring hatte er 1976 einen schweren Unfall gehabt. Autos und Fliegen sind seine beiden großen Leidenschaften. Laudamotion begann als Autovermietung.

Wer weiß, würde Niki Lauda Züge managen, vielleicht hieße es dann seltener: Nächster Halt „Zugfälltaus“.




Vorankündigung einer neuen Aktion vom Zentrum für Politische Schönheit im November

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Das Zentrum für Politische Schönheit (ZPS) sei laut Impressum der Heimatseite www.politicalbeauty.de „ein Projekt von Dr. Philipp Ruch in Berlin“.

Auf dieser Heimatseite wird vom Verantwortlichen Ruch das ZPS als „eine Sturmtruppe zur Errichtung moralischer Schönheit, politischer Poesie und menschlicher Großgesinntheit – zum Schutz der Menschheit“ vorgestellt. Außerdem sei diese Veranstaltung „ein Zentrum des intellektuellen Widerstands gegen Rechts“.

Neun Aktionen des ZPS werden gelistet, ganz oben steht „Holocaust-Mahnmal Bornhagen“.

Ob die Aktionisten „Menschlichkeit als Waffe“ zeigten, den „aggressiven Humanismus“ vertraten und „mit den Gesetzen der Wirklichkeit“ experimentierten? Widerstand sei „eine Kunst, die weh tun, reizen und verstören muss“.

Weiter im Text: „Grundüberzeugung des ZPS ist, dass die Lehren des Holocaust durch die Wiederholung politischer Teilnahmslosigkeit, Flüchtlingsabwehr und Feigheit annulliert werden und dass Deutschland aus der Geschichte nicht nur lernen, sondern auch handeln muss. Das ZPS gehört zu den innovativsten Inkubatoren politischer Aktionskunst in Deutschland.“

Die Inkubatoren scheinen für November 2018 laut Pressemitteilung des Maxim-Gorki-Theaters Berlin vom 19.10.2018 „eine neue Arbeit“ zu planen.

„Wie immer wird die Aktion kurzfristig auf www.politicalbeauty.de und www.gorki.de bekanntgegeben, wir werden Sie außerdem per Mail darüber informieren“, lauten die letzten Worte zur Ankündigung. Die Welt darf gespannt sein.