Die Russen sind schuld! Wenn Deutschlands Fußball-Herren ausscheiden, sind fast alle Deutschen betroffen

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Die Russen sind schuld. Wer sonst. Nach dem Abpfiff tiefe Trauer. Verstörung, Irritation. Sprachlosigkeit. Sogar in der Kabine. Einzig Mats Hummels findet Worte; Kritik äußert er nicht – außer Selbstkritik. Doch die Suche nach den Schuldigen beginnt oder wird beginnen. Jogi Löw ist so unschuldig wie seine weiße Weste. Oder die Trikots der DFB-Mannschaft. Mats Hummels ist unschuldig. Erst war er verletzt, am letzten (sic) Spiel hat er mitgewirkt – und wie! Er schoss und köpfte mehrfach aufs Tor, obwohl er neben J. Boateng Verteidiger ist. Er hätte fast das, was normal ist, mitgeholfen zu erreichen: Einen deutschen Sieg.

Unvorstellbares ist passiert.

Sogar Jogi Löw wird darüber schlafen. Hoffentlich wird er nicht vertragsbrüchig, sondern bis 2022 bleiben. So lautet der Auftrag. Aber wenn er es nicht war, wer dann?

Einen Fußball kann man nicht hacken: Trotzdem: bestimmt waren die Russen schuld. Wer sonst?

Wenn der Fußball Trauer trägt

Die Landesflagge der Bundesrepublik Deutschland trägt schwarz. Ganz oben. Und genauso schwarz sehen jetzt viele. Eine Kollegin sagte: „Das ist ganz schrecklich, denn wie können die Deutschen jetzt ihr Nationalbewusstsein ausleben? Der Fußball war die einzige Möglichkeit!“

Nun, das stimmt zwar nur zum Teil.

Deutschland ist Weltmeister

Denn 1.: Deutschland ist Fußballweltmeister. Immer noch. Bis ein neuer gefunden werden wird. Etwa am 15.7.2018. Also Kopf hoch bis zum 15. Juli!

2. Deutschland hat 2017 den Confed-Cup gewonnen. In Russland. Daran waren ausnahmsweise mal nicht die Russen schuld. Oder doch? Immerhin: in KAZAN (zu deutsch Kasan) spielte man gegen Chile, oder dessen Nationalmannschaft – nur 1:1.

Wurde aber letztlich Meister und holte den Pokal. In einem Spiel gegen Chile (sic). Der Confederations-Cup, auch Mini-WM, wird alle vier Jahre ausgespielt, genau wie der World Cup. Als Generalprobe findet er immer im Vorjahr der WM im selben Land statt, also 2021 in Katar. Bis dahin bleibt der Pokal in deutscher Hand.

3. Im selben Jahr wurde DEUTSCHLAND U-21-Europameister (im Herrenfußball). [Nicht nur auf der Nürnberger U-Bahn-Linie waren die deutschen Jungs – und ein paar junge Erwachsene, schon gut – europabester, sondern unter denen, die zum Zeitpunkt X unter 22 bzw. 21 Jahre alt waren. (2017 also die, deren Tag der Geburt am/ nach dem 1.1.1994 lag.) Bei durchaus starker Konkurrenz. Findet seit der EM in den Niederlanden 2007 in den ungeraden Jahren statt, also alle 2 Jahre. -Dort spielen Leute wie der französische Teenager Kylian Mbappé, der erst am 20.12. 20 werden wird; 2016 U-19 Europameister mit Frankreich.]
Übrigens ganz gute Voraussetzungen für 2022 in Katar. Das hat auch fünf Buchstaben, wie Kasan, beginnt mit ‚K‘ und hat zwei Silben auf ‚a‘, aber das hat ja nichts zu sagen.

Und zwischendurch ist noch EM. 2020.

Da ist Korea nicht dabei!
Weder Süd noch Nord. Garantiert nicht! Kopf hoch!
[Grund: EM bedeutet hier nicht nicht Effektive Mikroorganismen (deutsch von Effective Mikroorganisms oder „EM“, wie Entdecker Professor Teruo Higa sie im Japanischen selbst genannt hat), sondern Europameisterschaft. Ein Begriff, der auch im Handball und anderen nicht nur Ballsportarten greift.- Noch ein Trost: aus Ostasien kommt sehr viel Gutes.]

(zu 1.: Das ist so ähnlich wie mit Angela Merkel: Sie konnte als neue Bundeskanzlerin nicht gewählt werden, solange die neue Koalition nicht stand. Jamaica machte Probleme, der Verrat der FDP. Fast ein Dolchstoß, doch dann ging es ja nochmal gut, und es geht hier nicht um Politik. Eher um Soziologie, Psychologie – und Recht: Wer ist schuld?)

Fußball ist Nebensache. Das mag die offizielle Version sein. So mancher Fußballfan würde diesen Satz, mit Einschränkungen und so manchem ‚aber‘ natürlich, äußern. Im Innern jedoch, im Herzen ist vielen klar: Der Fußball steht über allem.

Die Deutschen und die Russen sind schuld – (wie) im Film

In Spielfilmen gibt es ein bekanntes Muster. Schon mal aufgefallen? Wenn – gern auch namenlose – Bösewichter eine Rolle spielen müssen fast aus einem Schurkenstaat, dann greift man entweder auf „die Deutschen“ – manchmal synonym zu: Die Nazis – zurück oder auf „die Russen“.

Da es hier um die Frage geht, warum Deutschland kein Tor geschossen hat (in anderthalb Stunden – ein Tor hätte die Welt verändert!), können es die Deutschen ja nicht gewesen sein. Also bleibt nur die zweite Möglichkeit. Die Russen sind schuld.

Manchmal verändert die Welt ein Tor!

Ein Pferd, ein Tor, ein Königreich für ein Tohhhhhhhhhhhhr!

Letztlich landete „Deutschland“ (der WM-Kader der Herren eigentlich) in der unteren Tabellenhälfte. Ob auf dem letzten oder vorletzten Platz – wer will das schon so genau wissen. Die „Berliner Zeitung“ schrieb am 27. Juni, um sicher ins Achtelfinale zu gelangen, muss mit zwei Toren Unterschied gewonnen werden. Nun – das gelang. Den Koreanern. Das mit den zwei Toren. Leider nützte ihnen das auch nicht, sie werden in ihre Heimat zurückkehren. Sind raus aus dem Turnier. So wie die Deutschen. Unglaublich.

Mit Bonbons beworfen

Vielleicht werden die koreanischen Fußballer diesmal nicht mit Bonbons beworfen. Weil sie nicht weitergekommen sind?

Nein, nein – in Korea ist es ganz schlimm, mit Bonbons beworfen zu werden. In der Fernsehsendung „Kwartira“ (auf deutsch: Wohnung, das ‚r‘ bitte rollen wie in Süddeutschland und Österreich) zeigte man die Bilder von der Steinigung, Entschuldigung, Bewerfung. Stumm standen Spieler in Sakko und Schlips und wurden beworfen. Bei der WM im eigenen Land trug die Begeisterungswelle die Mannschaft noch unter die ersten vier. Das ist lange und nicht so lange her: 16 Jahre. Es war 2002. Die Spiele fanden in der Republik Korea und Japan statt.

Ehre ist in Ostasien nicht so wichtig wie in der Türkei. Im Fernen Osten geht es darum, das Gesicht zu wahren.

Man kann doch in der Vorrunde ausscheiden. Schließlich war man noch nie Weltmeister. So wie die deutsche Mannschaft zum Beispiel. Die Mannschaft.
Nun scheidet man gemeinsam mit dem amtierenden Weltmeister aus dem Turnier. Wieder hat Korea etwas mit Deutschland gemein.

Ein Sieg über den Weltmeister. Das ist sehr, sehr viel wert.

Koreaner und Deutsche teilen das Leid der Teilung

Der DDR-Mannschaft gelang das. 1974. Jeder kennt Sparwasser. Der schoss das Tor. 0:1 in dieser deutsch-deutschen Begegnung. Manche Fans der DFB-Elf rieben sich verwundert die Augen. Es war (auch) in der Vorrunde. Hatte also nichts zu bedeuten. Die DFB-Elf war bereits qualifiziert.

Doch die „DDR“, wie sie anfänglich überall genannt wurde, später nur noch in der Springer-Presse, hatte die Mannschaft aus „dem Westen“ besiegt. Dann fuhr man nach Hause. Die deutsche Mannschaft – die DFB-Auswahl – wurde dann vor Holland Weltmeister. Das zweite Mal nach 1954. 2:1 gegen die Niederlande. Müller – Tor! Gerd, nicht Thomas. Das Siegtor.
Die Nationalmannschaft der Nachbarn waren nie wieder so nah dran am World Cup. [Das ist richtig, kann man aber auch anders sehen, denn 1978 und 2010 wurden die Niederlande ebenfalls Vizeweltmeister. Wann’s näher dran war, ist subjektiv. – Auch möchten wir uns nicht am Spott beteiligen. Sport ist nur einen Buchstaben entfernt. Die Niederlande sind immerhin zwei Buchstaben von der Niederlage entfernt.] Durch einen Flugzeugabsturz wurde einmal fast die ganze Nationalmannschaft ausgelöscht, als sie aus holländischsprachigen Gebieten Amerikas zurückkehren wollte. Seitdem sind die lieben Nachbarn vom Pech verfolgt und können einem echt leid tun. Die Russen sind schuld? Wohl kaum.

Die einzige Mannschaft, die 1974 bei der WM den Weltmeister bezwang, war die der DDR.

Das gelang jetzt so ähnlich Südkorea. Zwar besiegte auch Mexiko die Nationalelf auf dem Platz, doch waren da noch alle Chancen offen. In der Wahrnehmung – und nur um die geht es oft – wird die südkoreanische Herrenmannschaft die sein, die die deutsche vom Thron gestoßen hat.

Ausgeschieden – zum ersten Mal in der Vorrunde

Die deutsche Elf war noch nie in der Vorrunde ausgeschieden. Noch nie. Frankreich, Argentinien, andere Weltmeister wie Spanien und Italien. „Deutschland“ – noch nie. Im Fernsehen (ZDF) war die Rede von „historisch“. Ein Wort, das viel zu schnell in den Mund genommen wird. Wenn man etwas wichtiger machen will als es ist.

Es ist schlicht zum 1. Mal passiert. Das ist auch alles.

Südkorea hat’s erreicht. Auch wenn irgendwann Südkorea gar nicht mehr existieren wird. Alle Länder werden irgendwann wieder vereinigt. Warum sollte es auf der koreanischen Halbinsel anders sein? Zypern? Jemen, Vietnam – Deutschland!

Die DDR gibt es auch nicht mehr. Doch Sparwassers Ruhm währte. Südkorea schoss sogar zwei Tore. Wen interessiert es später, ob das in der Nachspielzeit geschah. Ob das eine Abseits gepfiffen wurde und eine Frage für den Videobeweis war. Ob Neuer im Tor stand oder stürmte. Was in den Annalen bleibt, ist das 2:0. Das 0:2.

Gastgeber gewinnen

Immer wieder gewannen in großen Turnieren Mannschaften aus dem Gastgeberland. Die Wirkung der Psychologie ist erstaunlich. Immer noch zum großen Teil unerforscht und unverstanden.

Ein eigenes Thema für Sportseite, Feuilleton und wissenschaftliche Arbeiten. Nicht jetzt.

Jetzt wird getrauert.

Sotschi (Sochi) – haben die Deutschen verdient

Hätte „Deutschland“ das zweite Spiel verloren, wäre es im dritten um nichts gegangen. So wie in dem Spiel zwischen Ägypten und Saudi-Arabien. So haben wir uns alle noch Hoffnungen auf den Endsieg gemacht – den Gruppensieg, und so sind wir alle jetzt besonders enttäuscht.

Sotschi und Kazan, das ist wie bei Asterix und Obelix. Majestix, der Bürgermeister oder andere alte Kempen erinnern sich immer nur an einen Schlachtort – den, wo sie gewonnen haben. Der andere sollte am besten nicht genannt werden. Alesia …

4 Tage im Juni, vom 23. bis zum 27. war das deutsche Volk im Freudentaumel. Es gab Autokorsos, äh -Krosos. Nach dem Kroßartigen, wirklich kroßen Tor von Toni Kroos. Und jeder kannte oder erzählte die Geschichte von dem Mann, der allein noch auf dem Platz steht und Torschüsse übt für Freistöße. Wenn die anderen schon längst unter der Dusche stehen.

Der Fußball dringt weit in die Gesellschaft ein, ins Unterbewusstsein. Termine werden verschoben, es gibt Rabattaktionen. Manche Wirtschaftszweige, wie die Kinos, liegen am Boden und bieten, wie das Cinestar im Sonycenter, alle Filme mit Kundenkarte für 5 Euro an.

Legenden werden gebildet.

Geschichten, die früher am Lagerfeuer, bei den Karawanen oder auf dem Jahrmarkt von Geschichtenerzählern weitergegeben wurden, entstehen. Orale Tradition gibt es auch heute in einem aufgeklärten Land. Denken wir an das 7:1, an 1974 oder ’54 gar, können wir vielleicht die Schmach vergessen.

An Kazan sind die Russen schuld

Kazan heißt rückwärts: Nazak, oder Na zak, also: Na, zack!

„Na“ heißt auf russisch: bitteschön, oder: Da hast du! Zack!

– Einspruch! Auf deutsch schreibt man den Namen der Stadt „KASAN“. Na gut. Dann nicht. Nochmal davongekommen.

Aber sonst sind die Russen schuld! Immer. An allem, wenn es nicht gerade ein Schurkenstaat ist. Aber auch die haben ja manchmal Kontakte nach Moskau. Sehen Sie? Eben.

Die Russen sind schuld

Die Russen sind schuld.

q.e.d.

Mexiko gewinnt




Autokennzeichen aus Helmstedt an einem weißen Auto am Bahnhof Wolfsburg.

Sie haben es getan! Niedersachsen führt mit dem 31.10. einen neuen Feiertag ein

Berlin/ Hannover, Deutschland (Kulturexpresso). Neue Feiertage einzurichten, ist in der Bundesrepublik Deutschland gerade Mode. Das Land Berlin überlegt noch und beteiligt seine Bürger und die Presse an der Diskussion. Feiertag: ja, bitte, aber wann? Niedersachsen hat entschieden: in Zukunft gibt es jedes Jahr in diesem nördlichen Flächenstaat 9 Feiertage, statt 8. Man feiert die Reformation vom 31. Oktober 1517, die zur lutherischen Kirche führte, zu Evangelischen und Protestanten.

Manch anderer Teilstaat Deutschlands feiert den Reformationstag bereits. So das Bundesland Brandenburg. Zur Freude der Brandenburger, die gern Ende Oktober zum Einkaufen in die Hauptstadt fahren. Diese ist ganz vom ostdeutschen Brandenburg umschlossen, so dass der Zugang leicht fällt, zumindest seit Maueröffnung 1989.

8. März oder 17. Juni – welches wird der neue Berliner Feiertag?

Berlin will laut Regierendem Bürgermeister Müller auch einen Feiertag einführen. Der 8.3., 17.6. und 31.10. waren und sind im Gespräch. Gegen den 31. Oktober spricht, dass Berlin dann viele Einnahmen von den Shoppingtouristen aus Cottbus, Rheinsberg und Frankfurt an der Oder fehlten. Noch ist Berlin nicht schuldenfrei, obwohl trotz Zinszahlungen Schritte in die richtige Richtung unternommen wurden und die Zahl der Minus-Milliarden sinkt.

Für den 17. Juni spricht, dass dieser in den 70er und 80er Jahren bereits gesetzlicher Feiertag war – auch in Berlin (West) – und sich auf Ereignisse bezieht, die in Leipzig und der DDR, vor allem aber auch in Berlin passiert sind. Die Weltnetz-Enzyklopädie Wikipedia vermerkt im Artikel „Aufstand vom 17. Juni 1953“: „Der 17. Juni war von 1954 bis zur deutschen Wiedervereinigung 1990 als „Tag der deutschen Einheit“ der Nationalfeiertag der Bundesrepublik Deutschland; er ist weiterhin Gedenktag.“

Der Reformationstag, der 2017 per Gesetz überraschend bundesweit dekretiert wurde – von einigen auch begangen – sollte einmalig so gefeiert werden. Läuft es jetzt so wie bei der PKW-Maut? Jahrelang stand sie außer Frage. Nach Einführung der LKW-Maut wurde eine eventuelle PKW-Maut dementiert und abgestritten. Niemand hatte die Absicht, eine PKW-Maut einzuführen. Und nun ist sie da.

Warum ein neuer, zusätzlicher Feiertag?

An alten Pfründen rütteln, trauen sich auch Politiker nur selten. Die bereits bestehenden gesetzlichen Feiertage in Niedersachsen und Berlin bleiben also.

Wie kommt es aber, dass plötzlich mehr oder weniger aus heiterem Himmel Feiertage „dazugebucht“ werden, werden sollen?

Ein Grund könnte das Ungleichgewicht innerhalb der föderalen Struktur Deutschlands sein. Der Freistaat Bayern feiert dreizehnmal. Trotzdem bietet Horst Seehofers Heimat neben dem Ländle die besten Wirtschaftsergebnisse Deutschlands. Obwohl weniger gearbeitet wird. Wie das?

Vielleicht denken sich die Landesregierungen in Hannover und Berlin: „Wir wollen mehr wirtschaftlichen Erfolg und mehr Steuereinnahmen. Bayern hat ihn – und viele Feiertage. Vielleicht besteht ein Zusammenhang? Lasst uns mit der Zahl der freien Tage gleichziehen, dann wird auch die Landeskasse gefüllt.“ So naiv sind wohl doch auch die Politiker nicht.

Feiertag statt Gehaltserhöhung?

Was ist dann der Grund? Vielleicht folgendes: Berlin laufen die fähigen Beamten weg. Spätestens seit der Flüchtlingswelle 2015 fehlen Lehrer, doch auch in der Polizei und an anderen Stellen, sogar in den Bezirksämtern hapert es. Auch Spitzenpositionen sind schlecht zu besetzen mit subdurchschnittlichen Gehaltsangeboten. Wer schon da ist, wandert ab. Freie Stellen können einfach nicht besetzt werden, zudem in der gegenwärtig wirtschaftlich guten Situation. Auf dem Arbeitsmarkt finden Unternehmer seit Monaten nicht mehr alle, die sie suchen.

Staatliche Institutionen geraten dadurch noch mehr ins Hintertreffen. Der Pillenknick wird sich bemerkbar machen. Die jetzt verrenteten Jahrgänge sind noch geburtenstark. Ab Jahrgang 1965 wendet sich das Blatt weiter. Dann wird es nicht „Fachkräftemangel“ heißen, sondern „Arbeitskräftemangel“. Allen opportunistischen Beteuerungen zum Trotz füllen Flüchtlinge nicht die Lücken. Zudem vor allem die Syrer bald zurückwollen; der Bürgerkrieg scheint so gut wie zu Ende. Weder sprachlich noch von der Qualifikation her wird im großen Maßstab ein Schuh daraus.

Aber schon heute muss die Verwaltung ihre Probleme lösen. Angleichung der Löhne an bayerische Verhältnisse ist unmöglich; gleichzeitig steigen die Berliner Mieten und es fehlt an allen Ecken und Enden Wohnraum, vor allem bezahlbarer. Der Neubau hinkt seit Jahren hinterher, nur Luxusobjekte werden stark angeboten. Die Vorzüge einer Hauptstadt allein ziehen nicht. Dann wenigstens Freizeitausgleich.

Was war die Reformation, nach der der neue Feiertag benannt ist?

Reiche und Religionen scheinen die Tendenz zu haben, sich im Laufe der Weltgeschichte immer weiter aufzuspalten. Syrien, der Irak und Saudi-Arabien – alles Teile des Osmanischen Reiches. Indien umfasste auch Pakistan und Bangladesh. Die Sowjetunion war mit Riesenabstand der größte Staat, gebar viele neue Staatenkinder vom Baltikum bis Mittelasien.

Der Islam erlebte ein Schisma, im Buddhismus gibt es ein großes und kleines Fahrzeug sowie Theravada. Der Hinduismus ist nur homogen, weil er seinen Gründer nicht kennt und sowieso in viele Splitter aufgespalten. Das Christentum kannte West- und Ostkirche. Doch 1517 war es mit der Einheit der Westkirche vorbei. Die Reformation oder „Erneuerung“ bis zum westfälischen Frieden von 1648, der den verheerenden Dreißigjährigen Krieg beendete, schuf streng genommen drei Konfessionen. Die alte Richtung hieß fortan katholisch, die neuen lutherisch und reformiert. Die heutigen Mitgliederzahlen lassen infragestellen, ob sich die Erneuerung überhaupt „gelohnt“ hat.

Weit über 1,2 Milliarden Katholiken gibt es, noch nicht mal ein Dreiviertel Hundert Millionen evangelische Christen lutherischer Prägung, von den Reformierten ganz zu schweigen. Sie datieren auf 1522 zurück. Ein Wurstessen während der Fastenzeit sollte die Nichtbefolgung menschlicher Gesetze repräsentieren. Die starke zahlenmäßige Ausbreitung der Katholiken ist vor allem der Mission und dem Kolonialismus geschuldet. Lateinamerika spricht portugiesisch und spanisch, denkt katholisch. Die Reformation spricht – grob zusammengefasst – deutsch. Auch in der Schweiz. (Die Hochburgen der Reformierten waren Zürich, Genf, die Kurpfalz und Schottland.)

Feiertag in deutschen Landen

Kein Wunder, dass man das Ereignis in deutschen Landen feiern will. Doch passt das in die Zeit? Die während des Nationalsozialismus eingeführte Kirchensteuer entbehrt mancherorts ihrer legalen Grundlage, müssen doch 55% Gläubige vorhanden sein. Viele Kirchen werden an andere Konfessionen verkauft oder entwidmet. Ausgerechnet jetzt neue gesetzliche, religiöse Feiertage? Wegen der Macht der runden Zahl? Das Dogma des Jubiläums, das auch die Briefmarkenausgaben der Deutschen Bundespost und Deutschlands fest im Griff hat?
Oder wird hier über den Kopf hinweg etwas entschieden, was bei einer Volksabstimmung keinen Bestand hätte? Oder wenn doch, so nur wegen des einen arbeitsfreien Tages?

Reformationstag 2017:

Freier Eintritt ins Cinemaxx 7 – Rosaana Velasco ante Portas! Kunst im Kino: „Breaking Religion – 500 Jahre Reformation“ in Berlin

Feiertagsbedarf?

Stalins Tod und die Folgen. Film „The Death of Stalin“ erhellt.- Gesammeltes Schweigen – gerät der 17. Juni in Vergessenheit? Brauchen wir wieder einen Feiertag?




Stalins Tod und die Folgen. Film „The Death of Stalin“ erhellt.- Gesammeltes Schweigen – gerät der 17. Juni in Vergessenheit? Brauchen wir wieder einen Feiertag?

Berlin/ Bernau/ Köthen/ Meitingen/ Mengen/ Schwarzenberg/ Worms, Deutschland (Kulturexpresso). Der 17. Juni ist heute kein Feiertag mehr; der Tag der deutschen Einheit ist am 3. Oktober. Doch er kann es – zumindest in Berlin – wieder werden. Der Regierende Bürgermeister Müller ist dafür, einen neuen Feiertag festzulegen. Da 2017 versprochen worden war, den Reformationstag nur einmalig bundesweit zu feiern, sollte man ein anderes Ereignis würdigen. 1848 war wenig mutig, die Karlsruher Straße in Berlin ist aus den falschen Gründen so benannt. 1918/19 wurde die Entkaiserung verkorkst und der nächste Ärger eingebrockt.

1953 zeugte der Aufstand im sowjetischen Sektor Berlins und in der DDR von Mut und Zivilcourage; auch wenn es zunächst nur um höhere Löhne ging. Oder wenigstens nicht mehr Arbeit zum gleichen Lohn. Anfang 1953 lebte Stalin noch. Panzer fuhren auf. Kanonen auf Spatzen? Oder war das Regime in Gefahr? Kalter Krieg, soviel ist gewiss. Seit wenigen Jahren hatte auch die UdSSR die Atombombe und die gemeinsame, friedliche Verwaltung der Viermächtestadt klappte nicht so richtig …

Der 17. Juni – eine gute Wahl

An 1953 zu erinnern, hat heute mehr Wert als der 500 Jahre zurückliegende Luthertag am 31. Oktober. Der internationale Frauentag, von einer Deutschen ins Leben gerufen, ist aufgrund der Übergenderisierung obsolet. Selbst namhafte Frauen lehnen öffentlich ab, ihn in Berlin als gesetzlichen Feiertag zu etablieren.

Da wäre der 17. Juni eine gute Wahl.

Immerhin war der 17. Juni 2018 arbeitsfrei. Der ehemalige „Tag der deutschen Einheit“ fiel auf einen Sonntag.

Jetzt mal ganz praktisch – und von der Religion abgesehen – betrachtet: ein Feiertag am 17. Juni passt viel besser in den Kalender. An Ultimo Oktober, dem letzten Tag des Monats, braucht niemand einen (bundesweiten) Feiertag. Der 3. Oktober liegt nur ein paar Wochen zurück im selben Monat. Buß- und Bettag und viele andere religiöse Feiertage füllen den grauen November, im Dezember folgt eine Planübererfüllung an Feiertagen.

Im Sommer dagegen hapert es. An Feiertagen. An Tagen, an denen man gut arbeiten kann. Wenn man blau macht und im Freibad schwitzen will, kann man das auch an einem Feiertag tun.
Der Mai steht im Sternzeichen Stier. Ausruhen und Bräsigkeit sind angesagt, besonders bei starkem Sonnenschein wie dieses Jahr. Global warming macht das immer öfter möglich. Auch der Juni mit dem Zwilling kann eine Pause – und sei es eine kreative – gebrauchen.

Was war eigentlich los im Juni und Juli 1953?

Der richtige Anlass wäre es. Es gab 1953 eine Welle von Streiks. Am Ende gab es zwischen 55 und 75 Tote. Zum Beispiel Alfred Diener aus Jena. Er wurde nur 26. Erschossen. Standrecht.

Früher hatte es im einen deutschen Staat geheißen, es habe über 500 Todesopfer gegeben. Im anderen hieß es: 25. Die Zahlen differieren um den Faktor 20. Welche Zahl in welcher Republik veröffentlicht wurde, kann man sich denken.

Stalin starb; ein Machtkampf entbrannte – auch in der DDR, erst im Machtzentrum, dann auf der Straße

Stalin war gestorben. Am 5. März. Leicht zu merken: 5.3.‘53. Das Ende des Stalinismus. Lawrenti Berija (Beria) war der neue starke Mann, mit dessen Rückendeckung sich Rudolf Herrnstadt, Chefredakteur der Tageszeitung „Neues Deutschland“ (ND) und Wilhelm Zaisser, Minister für Staatssicherheit gegen den Starken Mann Ulbricht positionierten.

Der neue Kurs wurde am 16. Juni 1953 vom Zentralkomitee (ZK) abgesegnet. Das klang so und eigentlich ganz prima: „Es geht darum, eine Deutsche Demokratische Republik zu schaffen, die für ihren Wohlstand, ihre soziale Gerechtigkeit, ihre Rechtssicherheit, ihre zutiefst nationalen Wesenszüge und ihre freiheitliche Atmosphäre die Zustimmung aller ehrlichen Deutschen findet.“

Probleme hatte die Ankündigung der Normenerhöhung im VeB Wohnungsbau zum 30. Juni 1953 bereitet. Rudolf Herrnstadt, (Mit-) Gründer des Berliner Verlags und des „Neuen Deutschlands“ war 1945-1949 Chefredakteur der „Berliner Zeitung“ gewesen. Am 14. Juni erschien im „ND“ unter Herrnstadts Ägide die Reportage „Es wird Zeit, den Holzhammer beiseite zu legen“. Die diktatorischen Methoden, mit denen die Normenerhöhung durchgesetzt worden war, wurden angeprangert. So jedenfalls konnte man die Kritik verstehen, die dem DDR-Bürger signalisierte, dass Ulbricht nicht unumstritten war. Auch im Zentrum der Macht nicht.

Weder in dem Zeitungsartikel vom 14. noch im neuen Kurs vom 16. wurde die Normenerhöhung zurückgenommen. Die Protest ließen sich nicht mehr aufhalten. Welchen Umfang sie annahmen, lässt nicht nicht nur die Zahl der Toten erahnen, sondern auch die etwa 1600 Verurteilten. Darunter waren zwei zum Tode Verurteile: Ernst Jennrich und Erna Dorn.
Der 17. Juni war in der Bundesrepublik – der Bonner Republik, dessen Hauptstadt der Kölner Konrad Adenauer mitbestimmt hatte – bereits bundesweiter Feiertag. Gesetzlicher Feiertag. Der Kampf um die Freiheit und bessere Bedingungen wurde gewürdigt. Endlich mal war jemand aufgestanden.

Gefährdet ein neuer 17. Juni das Bruttosozialprodukt?

Zu überlegen ist natürlich auch, ob wir uns als Staat und Gesellschaft einen weiteren Feiertag so ohne weiteres leisten können. Mancher erinnert sich noch daran, wie vor wenigen Jahren eine Steigerung des Bruttosozialprodukts gemeldet wurde. Einschränkend wurde hinzugefügt, den größten Anteil daran habe die Tatsache, dass in dem betrachteten Jahr kalenderbedingt ein Arbeitstag mehr lag.

Unsere Wirtschaftslage steht ja auf tönernen Füßen. Ist vielleicht geldpolitisch nicht so unbedenklich und sorglos zu betrachten, wie man es aufgrund der niedrigen Arbeitslosenzahlen vermuten könnte.

Vielleicht ist es falsch, die Hände einen Tag länger in den Schoß zu legen.

Vielleicht ist es besser, so schnell wie möglich die Schulden abzubauen, solange die Zinsen noch niedrig sind.-

Kino-Starttermin von „The Death of Stalin“ („Stalins Tod“) von Armando Iannucci war der 29. März 2018. Der Film dauert eine Stunde 48 Minuten. Ein Spielfilm mit Steve Buscemi, Simon Russell Beale, Jeffrey Tambor und anderen. Produziert in den Ländern der drei West-Siegermächte des Zweiten Weltkriegs: USA, Großbritannien und Frankreich. Die mit der Sowjetunion Berlin verwalteten. Berlin (West) war nichts anderes als die drei Sektoren der nichtsozialistischen Sieger. Ab 1961 mit einer Stadtmauer drumherum.

Wann und wo läuft der Film „The Death of Stalin“?

Am Dienstag, 19. Juni:

– Kino Cinderella, Hauptstraße 60, 86405 Meitingen, Dienstag 19. Juni, 17.30 und 20 Uhr
– Cine-Circus, Weintraubenstraße 15, 06366 Köthen (Anhalt), Dienstag 19. Juni, 17.30 und 20 Uhr
– Filmpalast Bernau bei Berlin, Börnicker Chaussee 1, 16321 Bernau bei Berlin, Dienstag 19. Juni, 20.30 Uhr
Freiluftkino Kreuzberg, Mariannenplatz 2, 10997 Berlin, Dienstag 19. Juni, 21.45 Uhr Auf englisch mit deutschen Untertiteln. (U Kottbusser Tor; erreichbar über den Zugang gegenüber der Adalbertstraße 73. über den Mariannenplatz oder vom Bethaniendamm.) Eintritt EUR 7,50.
www.freiluftkino-kreuzberg.de
www.piffl-medien.de
(Am 20.6. im Freiluftkino um dieselbe Zeit (21.45 Uhr) läuft „I, Tonya“. Siehe dazu die beiden Links ganz unten.)

Am 20. Juni:

– Kinocenter Mengen,Hauptstraße 22, 88512 Mengen, Mittwoch, 20.Juni, 17.30 und 20.30 Uhr
– KW Kinocenter Worms, Wilhelm-Leuschner-Straße 20, 67547 Worms, Mittwoch, 20.Juni, 20 Uhr

Am 25. Juni:

– Olympia Schwarzenberg, Neustädter Ring 2, 08340 Schwarzenberg/Erzgebirge Montag, 25. Juni 2018, 18 Uhr und 20.15 (alle Angaben wie immer ohne Gewähr)

Nun noch 4 Links zu den Themen Feiertag, Freiluftkino im Hof von Bethanien am Mariannenplatz, Zivilcourage/ Veränderungen in der Bundesrepublik und Tonya-Harding-Film:

Zu Feiertagsdebatte und Reformationstag:

Freier Eintritt ins Cinemaxx 7 – Rosaana Velasco ante Portas! Kunst im Kino: „Breaking Religion – 500 Jahre Reformation“ in Berlin

Zum Mariannenplatz/ Bethanien (Ort des Freiluftkinos Kreuzberg)- siehe besonders den Abschnitt „Der Veranstaltungsort von „Voladores“ und seine Geschichte“:

Kieke mal Kike Arnal! Die unglaublichen „Voladores“-Flieger aus Mexiko in einer Fotoschau von Ximena de la Macorra oder: Wie Tugend und Kultur Frieden erhalten

Zu Schweigen und Zivilcourage:

Gesammeltes Reden … gesammeltes Schweigen. Benefiz-Matinée mit Hanna Schygulla im Filmkunst 66

Zum Film „I, Tonya“:

Die Leiden der Eis-Rebellin – White Trash auf Kufen: „I, Tonya“, eine gelungene Tragikomödie über Tonya Harding




Selahattin Demirtas

„Morgengrauen – Geschichten eines politischen Gefangenen“, gelesen für Selahattin Demirtas im Berliner Maxim-Gorki-Theater

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). „Eine Frau wird Opfer staatlicher Willkür, nur weil sie zur falschen Zeit auf dem Weg zur Arbeit ist. Ein Vater sieht sich gezwungen, über seine Tochter zu richten, um die Ehre der Familie zu retten. Einem Mädchen bleibt nur die Flucht von zu Hause, damit es selbst über sein Leben bestimmen kann.“ Diese „Schicksalsgeschichten“ würde der inhaftierte türkische Oppositionspolitiker Selahattin Demirtas „eindrücklich erzählen“, teilt die Verlagsgruppe Random House GmbH mit Sitz in München mit.

"Morgengrauen" von Selahattin Demirtas.
„Morgengrauen“ von Selahattin Demirtas. © Penguin Hardcover

Wohl wahr: In München zu sitzen ist allemal besser als im Hochsicherheitsgefängnis Edirne in der Türkei wie Selahattin Demirtas. Deswegen soll am 19. Juni 2018, ab 18 Uhr, im Berliner Maxim-Gorki-Theater eine „Solidaritätslesung“ genannte Veranstaltung mit dem Titel „Morgengrauen – Geschichten eines politischen Gefangenen“ stattfinden, für die laut Verlagsmitteilung kein Eintritt entrichtet werden müsse.

Das Maxim-Gorki-Theater kündigt zudem nach der Lesung, die „eine Veranstaltung des Penguin-Verlags in Kooperation mit dem Kultur-Forum Türkei-Deutschland und dem Gorki-Forum“ sei, ein Gespräch zur Lage der politischen Gefangenen in der Türkei mit Cem Özdemir und Can Dündar an.

Wir werden im Lichtsaal hören, ob den Geschichten, „die in der Türkei von Hundertausenden gelesen werden“, „politische Wucht“ innewohnt. Lesen sollen Deutsche die türkischen Texte von Demirtas ab Herbst können.

Vielleicht kommt der Politiker der Demokratischen Partei der Völker, der für die Präsidentschaftswahl am 24. Juni 2018 aus dem Gefängnis heraus kandidiert, vorher frei.




Rainer Anton Niedermeier im April 2018 im Roten Salon der Volksbühne in Berlin-Mitte

Wortgewand. Ein Gedicht

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Inspiriert von der Wortgewalt, Sprachgewalt, Direktheit und Kühnheit RANs, der wie ein Fels in der BRANdung steht. RAN ist die Abkürzung, sind die Initialen von Rainer Anton Niedermeier. Wortgewand. Ein Gedicht. Wenn nicht RAN gewidmet, (wäre es) so doch ohne ihn so nie entstanden.

Wortgewand

Wortgewandt umschrieben
innerlich getrieben
Klarstellung
Alleinstellung
Aufhellung
Aufklärung
Wortumhüllt
eingepackt
Aufgefüllt
Angefüllt
Satt

ran-poetry.de
http://ran-poetry.de/

Ran is dran! Ein Geburtstagsgedicht für Rainer Anton Niedermeier

Rainer Anton Niedermeier
ist kein Niederschreier.

Ein Kommentar in Wortgewand

Was bei der AfD-Demo, der Demonstration der Alternative für Deutschland, und der Gegendemo störte, war das Niederschreien, das, was alle können und wofür man keine Argumente brauchte.

Ja, wir lasen bei den Kollegen, die Demo der AfD in Berlin hätte 5.000 Mitläufer gehabt, die Gegen-Demo habe 25.000 auf die Beine, Barken und Barkassen gebracht. Für die, die nicht rechnen können, wurde sogleich hinzugefügt, das seien viel mehr und fünfmal soviel. Soweit, so gut. Politische Auseinandersetzung, friedliche, ist gut. Dazu gehört in einem Lande der Meinungsfreiheit wie der Bundesrepublik Deutschland, dass man seine Meinung sagen kann, nicht nur zuhause. Dass man sie nicht zu flüstern braucht. Dass man sie am Stammtisch sagen kann, in Leipzig an einem Montag, in Hamburg oder auf Usedom an der Ostsee an einem Sonntag, in Bonn, in Köln auf der Domplatte, überall in Deutschland. Auf Helgoland, auch wenn Pakete dorthin extra kosten, worauf bei jedem Einkauf online hingewiesen wird.

Man kann seine Meinung sagen.

Sie in ein Wortgewand kleiden.
Wortgewandt darf man beneiden;
ein bisschen.
Wortgewandt darf man alles. Fast alles, wenn es im Rahmen der Verfassung und der Gesetze ist.

Gedanke, Wort oder Handlung

Was der Mensch kann oder tut, ist entweder Gedanke, Wort, oder Handlung.

Die Gedanken sind frei.

Die Worte. Man kann sie äußern. Oder schweigen.

„Reden ist Gold“, heißt ein Buch.
„Schweigen ist Gold“ ein Sprichwort.
Denken Sie selbst. Reden Sie selbst – oder lassen es bleiben.

Flüstern, sprechen, reden, singen, lobpreisen
alles ist möglich, alles ist edel.
Rädelsführer führen die Rede.

Handeln.
Das Wort ist mehrdeutig.
Handeln ist erlaubt.
Im Rahmen der Gesetze.
Im Rahmen der 10 Gebote.
Handeln ist Wirtschaft.

Niederschreien und einfach nur mehr sein als die anderen ist plump.
„Kommt alle“ hängt grau in einem Hinterhof.
Wozu? Habt ihr nichts zu tun? Warum alle?

Wer wirklich etwas zu sagen hat, wird gehört werden.

Wenn ein paar tausend wirklich nichts zu sagen haben, dann lasst sie doch.
Ignoriert sie doch. Es ist doch egal.

Aber, um Himmels willen: Lasst die Leute die Meinung sagen.

Die Meinungsfreiheit ist ein kostbares Gut.
Wer heute jemandem die Meinung verbietet, dem wird sie vielleicht einmal selbst verboten.
Niemand will das. Mund verbieten hatten wir schon.
Woanders. Hier, früher. Fast überall. in vielen Formen.

Denken vorschreiben. Mund verbieten. Es reicht.

Passt nicht in die Zeit.

Mund verbieten hatten wir schon.

Was wir jetzt brauchen, ist mehr, muss phantasievoller und anders sein.

Oder ehrlich und direkt.

Meinemeinung.

 

 

Aha.




Lucky Luke Heft 46 Der Großfürst (Comic)

LUCKY? Maliks Mutter Veronica Schildt Bendjelloul wird 74

Berlin/Stockholm, Deutschland/ Schweden (Kulturexpresso). Die schwedische Übersetzerin Veronica Schildt Bendjelloul hat am 20. Mai Geburtstag. In der Bundesrepublik unbekannt, ist sie in Schweden eine Größe, ihre Familie allemal. Ganz entfernt so wie der US-Folksänger Sixto Diaz Rodriguez, über den Veronicas Sohn Malik Bendjelloul eine Doku drehte, die ihm Bafta, Oscar und Guldbagge einbrachten, den schwedischen Filmpreis. Rodriguez nahm in den USA zwei Platten auf, hatte aber finanziell wenig Erfolg. In Südafrika hingegen war er Kult. Der Dokumentarfilm heißt „Searching for Sugar Man“. Maliks Mutter Veronica Schildt Bendjelloul übersetzte und kümmerte sich in der schwedischen Kirche um Finnen, vor allem Schwedenfinnen.

Veronica Schildt Bendjelloul, die Isabelle- und Lucky-Luke-Übersetzerin

Neben ihrer Malerei ist Frau Schildt Bendjelloul (Jahrgang 1944), die tragischerweise den Tod ihres Sohnes erleben musste, vor allem als Übersetzerin in die Kulturgeschichte eingegangen. Namentlich der Comicserien „LUCKY LUKE“ und „ISABELLE“.

Die schwedische Übersetzung von „Dalton City“ (Lucky Luke) erschien 1971, als Veronica Schildt ihr Studium an der Universität Stockholm beendete.
Veronica Schildt Bendjelloul gab unter anderem der Figur des Gefängniswachhundes, die 1960 in „Sur la Piste des Dalton“ erstmals bei Lucky Luke auftaucht, ihren Namen. Der Hund hieß und heißt im Original auf französisch und auf deutsch Rantanplan. Veronica Schildt Bendjelloul nannte den dummen Wachhund „Ratata“. Rantanplan alias Ratata isst gern, ist aber nicht helle.
Er ist eine Parodie auf den klugen Deutschen Schäferhund Rin-tin-tin, mit dem in den 20er Jahren über zwei Dutzend Filme gedreht wurden. Im Stummfilmzeitalter. Rin Tin Tin, der 1932 starb, brachte es sogar zu einem Stern auf dem Walk of Fame in Los Angeles, den viele andere Hunde am Halsband ihrer Herrchen entlangwackeln dürfen.
Um den zahmen Wolf Rantanplan rankte sich ab 1985 eine eigene Comicserie (ein Ableger oder Spin-off von Lucky Luke).

Isabelle und andere belgische Comics

Die belgischen „Isabelle“-Comics wurde von Will gezeichnet und seit 1969 bis zum Tode des Zeichners im Jahr 2000 veröffentlicht. Zuerst im Magazin „Spirou“. Drei verschiedene frankophone Verfasser verfertigten die Texte. Einer von ihnen, Delporte, schrieb später die Texte mit Will zusammen. Ein anderer, André Franquin, benannte die Figur des jungen Mädchens, das in viele Abenteuer mit einer guten und einer bösen Hexe gerät(Kalendula und Calendula), nach seiner Tochter.
Die Geschichten ranken sich um ein magisches Bild, ein fliegendes Dorf und eine schwimmende Insel.

Die Reihe bestand über drei Jahrzehnte, was einen großen Erfolg darstellt.

Neben Asterix sind die Beneluxländer, besonders Belgien, eben auch der Ursprung für andere beliebte Bildergeschichten. „Asterix“ pilotierte Ende 1959 im belgisch-französischen Comicmagazin „Pilote“ (Pilot). Die noch erfolgreicheren und legendären Papierprodukte (als Isabelle) über das Dorf der unbeugsamen Gallier mit dem stärkenden Biotrunk mit Superfoodanteil wurden, wie bekannt, von René Goscinny verfasst und von Albert Uderzo gezeichnet.

Goscinny schrieb auch die Lucky-Luke-Texte.

Veronica Schildt Bendjelloul übersetzte nicht nur Comics, sondern schuf auch literarische Übersetzungen ins Schwedische (Agatha Christie).

Die Familie von Veronica Schildt Bendjelloul: Über vier Generationen Kultur

Spätestens mit Holger Schildt, dem Opa von Veronica Schildt Bendjelloul, fing alles an.
Er markiert auch den Übergang von Rußland/ Finnland nach Schweden. Bereits seine Geburts- und Todesdaten sprechen Bände: 28. März 1889 in Helsinki, gestorben am 13. Juli 1964 in Stockholm. Auch heutiger Sicht würde man sagen: „Soso, in Finnland geboren, in Schweden mit 75 Jahren gestorben. (Ein) Alter Schwede.“ Zudem zu der Zeit. Er vollendete ein Dreivierteljahrhundert.

Warum Helsinki nicht (nur) in Finnland liegt – und was die Schweden dort zu suchen haben

Doch: Die Wahrheit ist komplexer. Warum waren überhaupt Schweden in Finnland? (Und gehörte Helsinki überhaupt zu Finnland? 1889? Oder 1914?) Schweden war eine Großmacht. Nicht nur Puttbus auf Rügen mit seinem berühmten Theater war schwedisch, auch Teile Pommerns gehörten dazu. Die russische Hauptstadt Petersburg wurde aus einem Sumpf an der Ostseeküste aus dem Boden gestampft, an der Newa. Doch der Fluss hatte auch einen schwedischen Namen und das Land mussten die Russen den Schweden erstmal abjagen, um dann die Stadt bauen zu können (1703).

Als Finnland zu Schweden gehörte, wurde Helsinki, das schwedisch „Helsingfors“ heißt, gegründet: 1550.

Als die Russen unter dem Zaren die Stadt eroberten, machten sie sie 1812 zur Hauptstadt des neu errichteten Großfürstentums Finnland.
Dadurch verlor Turku den Rang als wichtigste Stadt im Lande. Hauptstadt Finnlands ist Helsinki erst seit 1917, denn damals wurde das Land der Finnen als Staat unabhängig.

Eigentlich ist Helsinki/ Helsingfors also eine schwedische Stadt und die Frage, warum dort (Finnland-)Schweden sind oder waren, erübrigt sich.

Holger Schildt druckte in Schildts Verlag (förlag) die Bücher seines Cousins Runar und vieles andere. Nach einer Fusion gibt es den Verlag bis heute. Der Name Schildt hat überlebt.
Holger heiratete Marie Schaupp und nannte seinen Sohn Ernst Henrik.

Pia Veronica Schildts Vater Henrik, der Filmschauspieler, Kollege Greta Garbos

Veronicas Eltern sind Margareta Morsing und Henrik Schildt (1914 in Helsinki/ Helsingfors, 2001 in Stockholm). Das Paar heiratete 1940 und blieb 16 Jahre zusammen.
Ernst Henrik ist der Vater von Johan, Peter und Veronica. Henrik Schildt (1914–2001) wurde noch in Finnland geboren, als es zum Zarenreich gehörte. Der Schauspieler ist Schwede, debütierte 1935 in dem Film „Kanske en gentleman“ („Vielleicht ein Gentleman“) des norwegischen Drehbuchautors, Regisseurs und Piloten Tancred Ibsen. Ibsen führte bei zwei Dutzend Streifen Regie und schrieb ebensoviele Drehbücher. Wie praktisch, wenn ein Land im Frieden lebt, selbst wenn Nachbarn Krieg führen. Das Königreich Schweden blieb im Zweiten Weltkrieg neutral. So konnte Henrik 1939-1942, statt eine Uniform anzuziehen und ggf. als Zielscheibe zu dienen, die bedeutende Schauspielschule Dramatens elevskola besuchen. Diese Schule, die eigentlich Kungliga Dramatiska Teaterns Elevskola heißt, wurde vom Königlichen Dramatischen Theater (kurz: Dramaten) betrieben, bis Ingmar Bergman, 1964 Intendant, die Lösung der Schule vom Theater betrieb, was er später bereute. Viele berühmte Schauspieler absolvierten die Schauspielschule „Dramatens elevskola“, darunter neben Bergman Max von Sydow und Greta Garbo.

Der Darsteller Henrik Schildt spielte unter anderem in „Blood and Fire“ (1945), „Each Heart Has Its Own Story“ (1948) und „Customs Officer Bom“ („Zollbeamter Bom“) (1951) mit.
Seine drei Kinder heißen Johan Schildt, Peter Schildt und Veronica Schildt Bendjelloul.

Pia Veronica Schildt heiratete 1969 einen Arzt, der am Krankenhaus von Helsingborg tätig war und hieß fortan mit Nachnamen Schildt Bendjelloul.

Die Brüder vom Film

Bruder Peter (geboren 1951), der bald Geburtstag hat, am 9. Juni, ist auch Schauspieler. Er begann mit 7 Jahren als Kinderdarsteller, ähnlich wie Malik Bendjelloul („Searching for Sugar Man“). Peter Schildt ist auch Regisseur beim Film und Theater sowie Drehbuchautor (u.a.„Games of Love and Loneliness“ (1977), „Flight of the Eagle“ (1982) und als Schaupieler „Distant Land“ (2010))

Bruder Johan (*1959) ist eigentlich Veronicas Halbbruder, da Vater Henrik ein zweites Mal heiratete (1956), die Schauspielerin Berit Schildt, geborene Gramer. Johan feierte Montag vor einer Woche Geburtstag, am 7. Mai. Er ist Schauspieler, Drehbuchautor und Verleger (wie sein Großvater Holger), macht seit den 80er Jahren viel fürs Fernsehen, so die Serien „Nya tider“ („Neue Zeiten“, Serien haben doch gern mal allgemeine Namen, man denke an Gute Zeiten, schlechte Zeiten GZSZ) und „Bibliotekstjuven“ („Der Büchereidieb“).

Die Kinder

Veronika hatte zwei Kinder, zwei Söhne.
Johar ist am 1. September 1975 geboren. Er ist Maliks älterer Bruder. Malik wurde zwei Jahre später geboren, am 14. September 1977 in Ystad (etwa 50 Kilometer von Malmö). Weltweit ist Malik Bendjelloul vielleicht der bekannteste Name, vor allem durch den Oscar für seinen letzten Dokumentarfilm.

Was Johar wohl ist? Fernsehmoderator und Journalist.

Wir sind nicht überrascht.

Veronikas Onkel, der Filmkritiker, nach dem ein Preis benannt wurde

Die Familie Schildt ist also sehr telegen und den laufenden Bildern verbunden, ob sie nun über den Bildschirm flimmern oder auf die Leinwand projiziert werden.

Auch Veronica Schildts Onkel Jürgen gehört dazu. Jürgen war Filmkritiker beim altehrwürdigen, 1830 gegründeten „Aftonbladet“ (Abendblatt) und 1957-62 beim schwedischen Radio. 1965-66 war er Kulturchef des „Aftonbladet“, also Ressortleiter Kultur.

61 Jahre vor der Kamera: Die Filmschauspielerin Annalisa Ericson. Photograph unbekannt. (By Unknown photographer) (Rolfs 1931. Stockholm 1931.) [Public domain], via Wikimedia Commons

Jürgen Schildt heiratete am 2. Juli 1964 die berühmte Filmschauspielerin Annalisa Ericson (1913-2011), die zwischen 1930 und 1991 – in 61 Berufsjahren! – in 58 schwedischen Filmen mitspielte. Sie starb vor sieben Jahren am 21. April, 20 Jahre, nachdem sie das letzte Mal vor der Kamera gestanden hatte.
Für sie war es die dritte Ehe. Sie blieben bis zu seinem Tode 1990 zusammen.
Die Feier der Silberhochzeit war ihnen noch vergönnt.

Der Preis

Anschließend wurde ein Filmkritikerpreis gestiftet, der „Jurgen-Schildt-priset“, den das „Aftonbladet“ verwaltete. Er wurde 1992-2010 an Filmwissenschaftler, Kritiker, Buchautoren und Redakteure vergeben.

Chaplin

Erste Preisträgerin war die Kollegin und Kulturjournalistin Jannike Ahlund, Jahrgang 1954, von 1990 bis 1995 Chefredakteurin der Filmzeitschrift „Chaplin“ (ISSN 0045-6349). Das Filmmagazin bestand 1959-1997 und erschien zweimonatlich. 38 Jahre lang.

Jannike Ahlund hat am 18. Mai Geburtstag. Wir gratulieren herzlich!

Unsichtbare Bande: Was verbindet Malik Bendjelloul und Runar Schildt?

Spurensuche: „Searching for Sugar Man“ von Malik Bendjelloul wird wieder gezeigt




Bild zum 4. Todestag von Malik Bendjelloul (1977-2014), Regisseur des Films "Searching for Sugar Man"

Spurensuche: „Searching for Sugar Man“ von Malik Bendjelloul wird wieder gezeigt

Berlin/ München/ Wiesbaden, Deutschland (Kulturexpresso). Es war eine tolle Geschichte. Schon bevor sie ins Kino kam. „Searching for Sugar Man“ heißt nicht umsonst nicht einfach „Sugar Man“, oder „Der Zuckermann – Leben und Werk“. Der Film zeigt, wie fragmentarisiert unsere Welt zum Glück trotz der Digitalisierung und des Internets und Cyberspace ist oder noch bis vor kurzem war. Heute jährt sich der Todestag des Regisseurs Malik Bendjelloul zum vierten Mal. Grund genug, den Dokumentarfilm anzuschauen. Wer das schon einmal getan hat, wird in der Regel zustimmen, dass man sich ihn gut ein zweites Mal anschauen kann.

Danke, Malik Bendjelloul, für „Searching for Sugar Man“

Malik Bendjelloul (1977-2014), der junge Schwede, ist Regisseur des überraschenden Musikfilms „Searching for Sugar Man“. Die Geschichte ist spannend wie ein Krimi, aber echt. Irgendwie stieß jemand auf ein paar Audio-Kassetten und brachte sie nach Südafrika. Dort entwickelten sich Kult und Hype um den Musiker Sixto Rodriguez („Sugar Man“) und seine Musik. Unglaublich, aber wahr. Doch die Geschichte wird durch noch mehr Zufälle und Anekdoten, die das Leben schrieb, weiter gewürzt.

Zuhören ist etwas, dass man bei dieser Doku gerne tut. Vielleicht ist es Absicht, dass das Wort ‚Searching‘ ein ‚ear‘ (Ohr) enthält …

Wie wurde Malik Bendjelloul aus Ystad zum Oscar-Preisträger?

Bendjelloul wurde am 14. September 1977 in Ystad geboren. Er erhielt seinen schwedischen Pass also nicht etwa als eingereister Araber, wie manche vielleicht vorschnell aufgrund des maghrebinischen Familiennamens und jüngster Entwicklungen seit Sommer 2015 vermuten mögen. Den Namen erhielt er von seinem Vater. Der 1939 geborene schwedische Arzt Hacène Bendjelloul hat algerische Wurzeln.

Malik wurden Mehrsprachigkeit und Kultur in die Wiege gelegt, und damit eine gewisse Offenheit, der weite Blick über Grenzen mit einem Gespür für Begrenzungen, die andere weder sehen noch fühlen, die aber vorhanden sind.

Du spürst Deine Fesseln nur, wenn du dich bewegst – oder frei sein möchtest, heißt ein bekanntes Wort.

Veronica Schildt Bendjelloul, geborene Pia Veronica Schildt, hat Malik Bendjelloul geboren. Maliks Mutter ist Übersetzerin. Am 20. Mai 2018 wird sie ihren 74. Geburtstag feiern. Sie übersetzte u.a. die Comicserien „LUCKY LUKE“ und „ISABELLE“ aus dem Französischen und Agatha Christie aus dem Englischen ins Schwedische. Auch wenn es den einen oder anderen erstaunen mag: „LUCKY LUKE“ gibt es zwar auf englisch, musste allerdings erst übersetzt werden.

Viele Mitglieder der Familie Schildt sind am Theater oder in Film und Fernsehen tätig: Henrik, Jürgen, Johan und Peter. Auch das erleichterte Maliks Zugang zum Metier der laufenden Bilder.

Veronicas Großvater Holger, Maliks Urgroßvater, hatte in Finnland einen schwedischsprachigen Buchverlag gegründet. Mehrsprachigkeit, die in der Familie lag, macht geistig beweglich und fördert Kulturleistungen.

Bescheidener Musiker Rodriguez überlässt Bendjelloul und seinem Produzenten das Rampenlicht im Dolby Theatre: Oscar für „Searching for Sugar Man“

Der frühere Kinderdarsteller Malik Bendjelloul wurde als Dokumentarfilmer Oscar-Preisträger.

Vor der Verleihung galt das märchenhafte Dokudrama des schwedischen Regisseurs als großer Favorit für die begehrte Trophäe, den Academy Award, denn: „Searching for Sugar Man“ war 2012 zum Überraschungserfolg in Großbritannien und den Vereinigten Staaten geworden und hatte bereits mehr als 30 internationale Auszeichnungen erhalten, darunter den British Academy Film Award (BAFTA).

Ab Dezember 2012 war der Film auch in deutschen Kinos zu sehen.

Der Oscar wurde Malik Bendjelloul und Simon Chinn bei der Verleihung der 85th Academy Awards am 24. Februar 2013 in Los Angeles vom bekennenden „Searching for Sugar Man“-Fan Ben Affleck überreicht.

Der gefeierte Protagonist dieser unglaublichen filmischen Spurensuche, Musiker Sixto Rodriguez, war selbst nicht anwesend. Laut Produzent Simon Chinn wollte er den Verantwortlichen des Films den Erfolg lassen und zeigte damit einmal mehr seine große Bescheidenheit. Dies und vieles andere macht seine Geschichte so besonders.
Malik Bendjelloul starb am 13. Mai 2014 in Stockholm mit 36 Jahren. Er soll den Freitod gewählt haben.

Vorführungen/ Projektionen von „Searching for Sugar Man“

– im Mai 2018:

13.5., Sonntag, in Berlin: im Ladenkino,
dito , Sonntag, in München: Werkstattkino,
dto., Sonntag, in Berlin im Sputnik-Kino (Kinobar),
Sonntag, in Berlin im Kino in der Kulturbrauerei,
in Berlin im BABYLON-Mitte (an der Volksbühne Rosa-Luxemburg-Platz),

17.5., Donnerstag, in Berlin im „Saal 2“, einem „neuen“ Lichtspieltheater (ehemals Downstairs-Kino),

und im Juni 2018:

23.6. in Wiesbaden im Murnau-Filmtheater (Hessen)

Verpasst? Arbeit am Sonntag? Lieber Sonne genießen? Das Buch zum Film

Es gibt auch ein Buch zum Thema des Films. Zwei Jahre nach Bendjellouls Tod erschien „Sugar man: The Life, death and Resurrection of Sixto Rodriguez“ von Craig Bartholomew Strydom und Stephen „Sugar“ Segerman bei Penguin South Africa als Taschenbuch (ISBN 1770228144).

Strydom und S. „Sugar“ (!) Segerman waren wie viele andere Südafrikaner in den 70er und 80er Jahren von Rodriguez‘ Musik begeistert, fasziniert und hingerissen. Man kannte vom Musiker nur den Namen und wusste, dass er sich auf der Bühne umgebracht habe. Eine Story, die heute im Zeitalter des Internets nicht mehr geschrieben werden könnte, vor allem – wohl nicht mehr passieren könnte.

Moderne Wagenburgen, Kino und ESC

Obwohl sich auch heute viele Länder mehr oder weniger abschotten. Die Volksrepublik China wollte den irischen Beitrag in China nicht spielen, daraufhin entzogen die europäischen Verantwortlichen gleich die gesamten Senderechte für den European Song Contest ESC.

In Saudi-Arabien dürfen Frauen seit 2017 Autofahren. Wow! Sogar ein Kino gibt es jetzt. Auspeitschungen von Frauen, eine Polizei, die das Kopttuchtragen streng kontrolliert und die Tatsache, das Frauen einen Vormund brauchen, machen aus dem Wüstenstaat auf dem Ölsee der arabischen Halbinsel allerdings noch kein fortschrittliches Land. Zensur und eine Reglementierung des Internets sind naheliegend. Die VR China versucht Ähnliches.

Eine freie Presse kann man nicht nur in der Türkei nicht erwarten, sondern auch in vielen anderen Ländern nicht. Wieder andere Länder wie Bhutan garantieren ihren Bewohnern ein Recht auf Glück. Doch eine geistige Freizügigkeit wie hierzulande ist auch dort nicht zu erwarten. Die Globalisierung ist eine Fata Morgana. Beschränkungen verbreiten sich zurzeit schneller. Bloß weil es fast überall Burger einer bekannten Marke gibt, heißt das noch lange nicht, dass die Welt verwestlicht. Und wenn: Was wird zuerst übernommen? Zunehmendes Selbstbewusstsein von Ländern wie der Volksrepublik China und das Verblassen der wirtschaftlichen Vormachtstellung der Vereinigten Staaten von Amerika werden in Zukunft sogar eher dazu führen, dass jeder seins macht.

Südafrikas goldene Zeit (? Splendid isolation?)

In Südafrika geschah das nicht freiwillig. Denn ein Großteil der Welt akzeptierte die Politik der Apartheid nicht. Das konnte den Südafrikanern jedoch relativ egal sein. Sie hatten alles im Lande, konnten zuhause Skifahren oder Orchideen züchten und waren nicht arm (als Land). Das südafrikanische Gold (Krügerrand) ließ sogar das Vereinigte Königreich Rücksicht nehmen. Der Rand war eine recht stabile Währung, stabiler als die Finnmark allemal. Die Republik Südafrika baute sogar eine Atombombe. Das Land wurde später zum einzigen, das sie besaß und dann verzichtete, Gott sei Dank. Beim Export von Obst und Gemüse wurde als Herkunftsangabe verschämt „RSA“ angegeben.

1994 wurde die Macht übergeben, nachdem auch der Bevölkerungsmehrheit das Wahlrecht gewährt wurde. Damit endete auch die Isolierung. Andere Musik flutete ins Land und eine Geschichte wie „Searching for Sugar Man“ wiederholte sich nie. Im heutigen Kommunikationszeitalter wäre zumindest das Mysterium um den Künstler Rodriguez nicht so lange eines geblieben. Obwohl der Absturz zweier malaysischer Verkehrsflugzeuge nach 2012 zeigt, dass auch heute Rätsel über Rätsel bleiben.

Und auch aus der großen Zeit der südafrikanischen Rodriguez-Euphorie in den 80ern sind Unklarheiten, Widersprüche und Rätsel verblieben, trotz jahrzehntelanger Frist zur möglichen Aufklärung. Wie der koreanische Passagierflug KAL 007 von 1983 und entsprechende Buchtitel beweisen: Seymour Hersh: „The Target is Destroyed: What Really Happened to Flight 007 and What America Knew About It“, Faber and Faber, 1986. Oliver Clubb: „KAL Flight 007: The Hidden Story“, Permanent Press NY 1986 und vor allem Michel Brun: „Incident at Sakhalin: The True Mission of KAL Flight 007“, Four Walls Eight Windows Publishers.

Ein kanadischer Regisseur aus Südafrika und süafrikanische Filmmusik:

Gute Erinnerung – Vor einem Jahr kam Neill Blomkamps „Chappie“ (USA, Mexiko) ins Kino

www.rapideyemovies.de

Mehr über Malik Bendjelloul und seine Klub-27-Verbindungen:

Unsichtbare Bande: Was verbindet Malik Bendjelloul und Runar Schildt?

Der Dokumentarfilmer, seine Mutter, seine Familie voller Filmleute:

LUCKY? Maliks Mutter Veronica Schildt Bendjelloul wird 74




Temporäres Räuberrad auf der triangulären öffentlichen Grünfläche vor der Berliner Volksbühne

Büchse auf! Aus der Dose Leben. Feuerstein öffnet Geistkonserve (vor Volksbühne) – für Stärkung der Freiheit von Kunst und Kultur

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Geistkonserve? Der Zeitpunkt war gut gewählt. Die Sonne schien, das Gras war grün. Auf der dreieckigen öffentlichen Fläche vor der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz: Handwerker am Werk. Nebenan fand Kultur statt. Im Kino Babylon-Mitte lief bereits seit Mittwoch das polnische Filmfest Filmpolska und in Saal 1 „Writing in Migration“ (WiM), eine hochkarätige Debütveranstaltung über afrikanische Literatur.

Wochenendfreiheit

Am Samstagnachmittag hatten viele Zeit und mancher WiM-Gast nutzte wenigstens eine kurze Pause, um die Sonne zu genießen und den tiefblauen Himmel. Viele andere zogen das Draußen dem Drinnen vor, sei es nun hier in Mitte oder weiter draußen. Sie genossen die vorübergehende Freiheit. Des Wochenendes, Freiheit von. Der Lohnarbeit. Teils recht freizügig. Wegen der Wärme. Unter dem unbegrenzt scheinenden Himmelszelt. So stießen zu den Absichtsbesuchern der gegenüber der Straßenebene erhöhten Rasenfläche mit Blick auf den Fernsehturm Passanten und Zufällige. Gallery Weekend war auch noch am 28. April. Galerien und Pop-up-Galleries zeigten vielerorts viel.

Kultur am Platz

Ach ja. Und in der Volksbühne soll es ja auch ab und zu Kultur geben. Zumindest im Roten Salon. Dort fand unlängst sogar ein großes Kulturereignis statt. Der Dichter RAN – Rainer Anton Niedermeier – trug am 19. April kraftvoll starke Gedichte vor ( ran-poetry.de) begleitet von zwei wunderbaren Musikern.

Wozu sich also in Berlin Sorgen machen um Kunst und Kultur? Oder die Freiheit dieser?

Wir befragten Passanten, Demonstranten und Besucher, die Veranstalterin und die Polizei. Wurden auch selbst befragt von einem Interviewgast, wie denn das Interview laufen solle. Allein, das war von einem Kollegen vom Fernsehen geplant. O-Töne sammeln in der Sonne. Der Ü-Wagen des RBB berichtete live, kam aber nicht wegen der Eröffnung auf dem Rasen.

Ein Samstagnachmittag auf der Rasenfläche. Was zimmern die Helfer? Ein Fußballtor? NEIN.

Was ist hier los?

Die erste Befragte war ein junge, tätowierte Polin. Ob diese an diesem Tag oder überhaupt zu Filmpolska ging, wissen wir nicht. Das war nicht Thema. Die Kommunikation lief zum größten Teil auf englisch und ein wenig deutsch-polnisch. Worum es denn da auf dem Rasen gehe? Ja, die Volksbühne, das Rad, es sei weg, und die Volksbühne auch, nein, nicht die Bühne, aber die Leute, die das früher gemacht haben und jetzt sei das eine Demonstration dagegen. Wohl. Wenn ich Genaueres wissen wolle, solle ich doch mal in der Mitte fragen. Nun, wo ich schon mal in Mitte war …

Was sagt die Polizei?

Die Polizei merkt an, die Fläche sei öffentlich. Wo denn das Kunstwerk sei, das hier früher stand? „In der Restauration, in Frankreich.“ Es werde wohl auch erstmal nicht zurückkommen. Ob denn die Aufstellung des Rades legal sei? Ja, die Veranstaltung sei angemeldet und genehmigt. Die Errichtung des „Wagenrades, nein Räuberrades“ sei ausdrücklich ein Teil der Veranstaltung und in Ordnung. Die Konstruktion werde errichtet und nach kurzer Zeit vor Ende der Veranstaltung am selben Tag wieder abgebaut. Alles gesetzestreu. Ob denn eine dauerhafte Aufstellung oder Errichtung beantragt worden sei? „Eine Sondernutzungsgenehmigung gibt es nicht. Sie wäre erforderlich bei Nutzung öffentlichen (Straßen-)landes, genau wie bei der Aufstellung von Tischen und Stühlen.“ Ob denn eine Sondernutzungsgenehmigung angestrebt worden sei? Das entzog sich der Kenntnis der Vertreterin der Exekutive.

Interviews

Weitere Demo-Besucher wurden befragt. Ob es sich nun um einen Demonstration oder ein Happening oder eine direkte Aktion handelte, wussten wir immer noch nicht so genau.

Der ausgewählte Besucher war ein geladener Gast. Er hatte bei der jüngsten Abgeordnetenhauswahl sein passives Wahlrecht genutzt und sich als Unabhängiger aufstellen lassen, um das bedingungslose Grundeinkommen bedingungslos zu unterstützen. DM-Gründer Werner macht sich dafür stark. Gregor Gysi sagte uns in Wolfsburg, dass er es aus drei Gründen nicht unterstützen könne. Das begründete er wie immer schlüssig und klug. Gysi gab allerdings zu, dass andere Linke das mit dem Grundeinkommen oft anders sähen.

Die Linken sind rechts

Richtig. Die Linken. Die sind rechts. Rechts am Platz, der nach eine Sozialistin benannt ist, in der Weydingerstraße. Sie flankieren die räumliche Situation derart, dass sie weder von der Volksbühne noch von der Dreiecksgrünfläche übersehen werden können. Es sei denn, man sei kurzsichtig, oder blind. Die Politik ist das manchmal. Doch bleiben wir bei der Kultur.

Die gute Atmosphäre unter den dem Ereignis Beiwohnenden spricht gute Bände. Die Veranstalterin wird mir vorgestellt. Rike. Und mit Nachnamen? Feuerstein.

Geistkonserve? Worum geht es?

Worum es hier ging hätten auch schweigsame und kontaktscheue Leser unschwer herausfinden können. Hätten sie keine Scheu vor Annäherung gehabt. Sprachen doch zwei recht kleine Schilder in kontrastreicher, sehr gut lesbarer Schrift eine deutliche Sprache.

Am Anfang steht das Wort – Geistkonserve

Es geht: Um die Stärkung der Freiheit von Kunst und Kultur. Durch – zweites Schild – Eröffnung der Geistkonserve. Nun, mal angenommen. Da wir als Journalisten auf vielen Hochzeiten tanzen, können wir nicht überall den ganzen Abend bleiben. Oder Nachmittag. Um so etwas zu verstehen –immerhin wurde ein genau neues Wort dafür erfunden – braucht man mitunter oder unter Umständen mehrere Tage. Aber wer hat die heute? Oder nimmt sie sich?

Die Symbolik muss vielleicht für sich sprechen und einen großen Teil des Verständnisses erzeugen. Und dann: auch bei Kunst und vielen Spielfilmen stehen wir wie der Ochs vorm Berge. Nicht erst seit der nouvelle vague (vage übersetzt: die neue Welle) ist das Vage im Film schick. Auch wenn es manche in bestimmten Fällen zur Weißglut bringt, weil sie das Rätsel nicht lösen können. Hier gibt es etwas ganz Handfestes. Das Wagenrad, nein Räuberrad. Das, das vorher hier stand, war fester, stabiler und standfest. Sogar wetterfest.

Das neue ist aus Sperrholz. Doch halt: es ist KEIN Ersatz!

Genehmigung? Wozu? Geistkonserve ist eröffnet

Ich frage Rike Feuerstein, ob denn eine Sondernutzungsgenehmigung beantragt wurde. Sie überlegt kurz. Sehr sympathisch. Leute, die wie aus der Pistole geschossen antworten, sind entweder Politiker, oberflächlich, oder Genies. Oder, im Einzelfall, superschnell. Dem Regierungssprecher würde ich das zutrauen. Aber nur wenigen. Ich habe Zeit, kurz ihre Kleidung zu betrachten. Sie trägt oben an der Oberfläche etwas Lilanes. Sehr spirituell. Die Frau hat nicht nur Initiative ergriffen, sie bewegt etwas.

Feuerstein hat das Rad erfunden

Es heißt ja, man müsse das Rad nicht neu erfinden. Doch das stimmt nicht immer. Denn das neue Rad stünde hier nicht. Genauer: wäre nicht hier. Denn es liegt nur auf dem Rasen. Fast rund. Aber Fußball ist die letzte Assoziation, auch im Jahr der WM. „Hätte es aufgerichtet werden sollen?“ „Nein.“ „Und es braucht hier auch nicht zu bleiben. Wozu?

Die Geistkonserve ist eröffnet.

Alles andere geht jetzt von allein.“

„So ein bisschen wie mit der Büchse der Pandora? Die man besser nicht öffnen soll?“

„Ja, genau.“

Be here now. Sei jetzt hier. Achte den Augenblick

Toll. So wie die Klebebande oder andere Taper arbeiten. Angeklebt, angeschaut, wieder weggemacht. Entfernt. Fast so, als sei das Kunstwerk nie dagewesen.

Die Klebebande klebt dir was – Tape-Art-Projekte und Ideen – Kunst aus Klebeband

Sinn für den Augenblick. Eine Art „Kirschblüten – Hanami“. Nur, dass nicht die Natur malt, sondern der Mensch …

Ausgedost

Geistkonserve? Ich bin dafür!

Die Welt kann noch ein bisschen Geist gebrauchen. Ob der nun aus der Konserve kommt oder nicht. Jedes Gramm zählt, wo doch Dummheit unausrottbar ist (vgl. Horst Geyer, „Über die Dummheit. Ursachen und Wirkungen der intellektuellen Minderleistung des Menschen“.)

Und den Geist einsperren, wie es viele Regierungen und Konzerne versuchen, um ihre Konserven zu verkaufen? Ist eh nicht sinnvoll.

Geistkonserve eröffnet. Geist freigelassen, der jetzt wirkt, sich entfaltet. Lassen wir uns überraschen, seit dem 28.April ist alles anders. Gute Aussichten.

Volksbühne Ost am 16. März 2016 noch mit Räuberrad.
© 2016, Foto/BU: Andreas Hagemoser

Die Volksbühne Mitte am 16. März 2016 noch mit. [Mit Räuberrad.] (Vorher – nachher.)

Abendansicht Volksbühne Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin-Mitte
Die Volksbühne im Oktober 2017. Links der Rote Salon. © 2017, Foto/BU: Andreas Hagemoser




Rainer Anton Niedermeier (RAN) bei Lesung (Performance) am 19. April 2018 im Roten Salon in Berlin-Mitte.

Ran is dran! Ein Geburtstagsgedicht für Rainer Anton Niedermeier

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Datensammelei stützen wir nicht. Daten schützen ist heiligste Pflicht. Wann ist RANs Geburtstag, wann? Stecker ziehn aus Macht- und Sammelwahn. – Zwanzig Zeilen eilen – weilen. Ein Gedicht, das Gedicht: RAN ist dran.

RAN ist dran

Oh mein Gott wie stark ist DAS denn?
aus dem Trott he raus ge ris sen
Ist es gar Me-di-ta-tion – Zen?
Oder aller Bon-zen Grau-sen?
Sind es jugendliche Flausen?

Es mag alles – nur nicht flau sein,
es mag alles – nur nicht grau sein,
es mag alles – nur nicht lau sein.
Es kann alles nur kein Gau sein!
In alte Strukturen: Hau rein!

RAN, der große Worte-Ätzer
gegen alle Volksverhetzer
gegen Denunzianten-Petzer
gegen Kriegs-und Welt-Kriegshetzer
Mitläufer und Augenschließer.

Hast Du die Hoffnung verloren,
na, dann spitz mal Deine Ohren,
Mach mal Deine Lampe jetzt an!
Tal Liebe Banner – Lampion
RAN geht ran! Und Du auch dann. – Wann?
© 2018 Andreas Hagemoser

ran-poetry.de
http://ran-poetry.de/

Ran is dran! RAN ist dran. RAN ist dran!

RAN ist Rainer Anton Niedermeier.




Stolpersteine in Rüdersdorf bei Berlin.

Geschichte auf dem Bürgersteig – Ein Flohmarktfund führte dazu, dass Rüdersdorf bei Berlin nun seine ersten Stolpersteine hat

Rüdersdorf bei Berlin, Brandenburg, Deutschland (Kulturexpresso). Es nieselt bei Temperaturen um den Gefrierpunkt. In Herzfelde, einem Straßendorf am östlichen Rand Berlins, ist morgens um neun kein Fußgänger zu sehen. Nur vor dem Haus Nr. 29 in der Strausberger Straße hat sich an diesem März-Morgen eine Menschentraube versammelt. Daneben steht ein Baufahrzeug, dessen Besatzung soeben zwei blitzblanke Stolpersteine in das Pflaster des Bürgersteigs eingelassen hat. Die schwarz-golden uniformierte Bergkapelle Rüdersdorf spielt den jiddischen Gassenhauer „Bei mir bist du schön.“

© 2018, Foto: Hartmut Rößler

Im Vorgängerbau des Einfamilienhauses Nr. 29 wohnte die Familie Jakobsthal. Max Jakobsthal kam im KZ Sachsenhausen ums Leben; seine Mutter Karoline starb in Theresienstadt. Ihre Namen tragen die ersten Stolpersteine in Herzfelde, wo bei Kriegsausbruch fast vierzig Juden lebten.

„Diese Stunde hat eine lange Vorgeschichte“, sagt Liesel Becker, die als Kind Bombennächte und Kriegsende in Berlin-Köpenick erlebte. Max Jakobsthal war der jüdische Ehemann der Schwester ihrer Mutter. „Als mein Onkel starb, war ich neun Jahre alt, doch sein Schicksal hat mich ein Leben lang begleitet“, sagt die 85-Jährige, die nach dem Krieg in Hennickendorf zur Schule ging, wo ihr Vater Lehrer war.

Seit Jahrzehnten lebt Liesel Becker in der Pfalz; sie kann aber immer noch berlinern. Erst vor fünf Jahren fasste sie den Mut, das Konzentrationslager in Sachsenhausen zu besuchen. Dort fand sie den Namen ihres Onkels in den Totenbüchern: Max Jakobsthal, Beruf: Händler, Wohnort: Herzfelde, geb. am 07.03.1900 in Budsin, Kreis Kolmar; Zugang am 07.05.1939, Sterbedatum: 10.03.1942.

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Tragisch ist es, dass der Jude aus Herzfelde noch kurz vor seiner Verhaftung eine Einladung nach New York erhielt. „Doch er vertraute auf den deutschen Rechtsstaat“, erzählt Liesel Becker, die als Kind viele Gesprächsfetzen aufgeschnappt hat. „Die Erwachsenen redeten über solche Dinge nicht mit uns. Doch wenn sie untereinander tuschelten, spitzten wir die Ohren.“

Vor zwei Jahren stolperte Liesel Becker erneut über das Schicksal ihres Onkels. „Eines Morgens, als ich im Bett lag und Zeitung las, klingelte das Telefon“, erinnert sie sich „Ein mir unbekannter Mann fragte, ob ich etwas mit dem Namen Jakobstahl verbände. Das war für mich wie eine Stimme aus dem Jenseits. Ich war mehrere Wochen lang durch den Wind.“

© 2018, Foto: Hartmut Rößler

Der Anrufer war Dmitri Silbermann, ein Russe, der seit 25 Jahren in Berlin lebt und sich für die deutsch-jüdische Geschichte interessiert. Tagsüber arbeitet er als Programmierer; in der Freizeit sammelt er Feldpostbriefe deutscher Soldaten, um deren Haltung zum Nationalsozialismus zu erforschen.

Auf dem Flohmarkt hatte Silbermann eine Postkarte gefunden, die Max Jakobsthal im Februar 1942 aus dem Konzentrationslager an seine Familie in Herzfelde schrieb – sein letztes Lebenszeichen; zwei Monate später war er tot. Die Nachricht ist banal und belanglos. „Es handelt sich um eine typische Karte aus einem KZ, wo jegliche Post streng zensiert wurde“, erklärt Silbermann. Doch man vernimmt die Verzweiflung hinter Jakobsthals letzten Worten „Ich wäre gern bei Euch. Es soll doch nun nicht sein.“

Silbermann fand ebenfalls den Ausweis von Jakobsthals Tochter, der fünfjährigen „Halbjüdin“ Anneliese; mit einem J auf dem Deckblatt und dem Namenszusatz „Sarah“. Er kaufte die beiden Dokumente, die beschmutzt und beschädigt waren; der Postkarte fehlt die Ecke mit der Briefmarke.

Wenn Dmitri Silbermann ein interessantes Dokument findet, versucht er, das Schicksal des Schreibers zu recherchieren und Angehörige zu finden. „Meist lande ich in einer Sackgasse, da keine Verwandten mehr leben“, meint er. „Max Jakobsthal fand ich aber im Verzeichnis der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem. Als ich jedoch sah, dass der Eintrag von 1986 stammt, sank meine Zuversicht.“

Damals hatte Liesel Becker die Gedenkstätte in Jerusalem besucht. „Als ich meinen Onkel dort nicht aufgelistet fand, ließ ich mir ein Antragsformular geben und ihn in das Verzeichnis der Ermordeten eintragen“, erinnert sie sich. Auch ihre eigene Adresse hatte sie hinterlassen. So konnte Silbermann ihre Nummer ganz einfach im Telefonbuch finden.

Kurz dem Telefonat trafen sich die beiden in Berlin, und Silbermann schlug vor, für Max Jakobsthal einen Stolperstein in Herzfelde legen zu lassen. Er hat mit der Prozedur bereits Erfahrung – ein anderer Flohmarktfund führte dazu, dass er zwei Stolpersteine im Berliner Scheunenviertel legen ließ. „Die Verbrechen der Nationalsozialisten kann ich nicht rückgängig machen“, erklärt Silberstein. „Aber Stolpersteine dienen für jene Menschen, die umgebracht wurden und ohne Grab blieben, zumindest als symbolische Grabsteine. So werden ihre Namen nicht vergessen.“

Zwei Jahre nach dem Postkartenfund haben die Jakobsthals endlich ihren symbolischen Grabstein. Obwohl Liesel Becker schon in ihrem ersten Brief an den Herzfelder Heimatverein schrieb: „Da ich Jahrgang 1933 bin, wird nun die Zeit etwas knapp.“ Es musste eine Gemeinderatssitzung einberufen und die Zustimmung des Bürgermeisters eingeholt werden.

Der Hauptgrund für die Verzögerung ist jedoch der Andrang bei dem Kölner Bildhauer Gunter Demnig, dessen Stiftung europaweit bereits über 68.000 Stolpersteine verlegt hat. Mehr als 440 Steine pro Monat schafft die Werkstatt nicht; daher gibt es eine Wartezeit.

In Herzfelde war Demnig persönlich dabei, mit Schlapphut und Jeanshemd. Er fährt einen roten Kombi, in dessen Laderaum ganze Paletten mit Stolpersteinen liegen. „Jedes Schicksal ist anders. Das ist für mich nie Routine geworden“, meint er.

Liesel Becker ist froh, dass ihr Onkel nun einen Stolperstein hat. Doch ihr Resümee bleibt skeptisch: „Nach dem Krieg waren wir uns jahrzehntelang sicher: So etwas darf und wird nie wieder passieren. Inzwischen bröselt diese Zuversicht.“

Die Gedenkfeier wurde dann ein größerer Akt, als sie sich das anfangs vorgestellt hatte. Dmitri Silbermann, der Finder der Postkarte, reiste ebenso an wie Mitglieder der jüdischen Gemeinde aus Frankfurt/Oder. Viele Anwohner, der Bürgermeister, Pfarrer und Mitglieder der Verwaltung waren ebenfalls dabei. Liesel Becker fand es besonders aufregend, dass sie in Herzfelde zwei entfernte Verwandte kennenlernte.