“Heisenberg” am Renaissance-Theater Berlin – Über eine romantische und kafkaeske Komödie um Quantenphysik und Liebe

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Ein Stück, wo man unvermittelt laut loslachen muss, ob der bizarren, im Stakkato explodierenden Äußerungen der ca. 40-jährigen, teil sehr ordinären, sich ständig in Lügen neu erfindenden Georgie (meisterhaft gespielt von Susanna Simon), stets aus dem Zusammenhang gerissene, direkte Fragen, Antworten, Attacken („Du fetter alter Sack!“) an und auf ihren 33 Jahre älteren Partner, den Metzger Alex (brilliant dargestellt von Walter Kreye). Eineinhalb Stunden inszenieren die beiden ihr Kennen- und sich Liebenlernen auf einer minimalistischen Bühne, ausgestattet mit einer verschiebbaren treppenähnlichen Konstruktion, die alles darstellen kann: Bahnhof, wo sie sich zuerst kennenlernten, Riesenbett auf dem sie sich lieben, Restaurant, wohin Alex Georgie ausführt oder einen Naturpark in den USA, wohin die beiden sich begeben auf der vergeblichen Suche nach Georgies Sohn – oder doch zu sich selbst?

In den Szenenwechseln mit verdunkelter Bühne, wo im Hintergrund in einem Permanentfilm eine äußerst stark frequentierte Londoner Straße mit geschäftig daherlaufenden Menschen gezeigt wird, wird das 68er-Publikum (und ältere) mit Liedern von John Lennon und Beatles-Songs beglückt.

Wieso heißt das Stück Heisenberg? Und wieso Heisenberg? Werner Karl Heisenberg war ein deutscher Kernphysiker und Nobelpreisträger, der zu den bedeutendsten Physikern des 20. Jahrhunderts zählt. Die Heisenbergsche Unschärferelation oder Unbestimmtheitsrelation (seltener auch Unschärfeprinzip) ist die Aussage der Quantenphysik, dass zwei komplementäre Eigenschaften eines Teilchens nicht gleichzeitig beliebig genau bestimmbar sind. (Quelle: Wikipedia)

Eineinhalb Stunden konzentriertes, bravouröses Spiel der beiden Darsteller – es ist sicher eine Herausforderung, diese Beckett-ähnlichen Texte lernen und abrufen zu können! Das Publikum gouttiert dies mit großem Beifall und Bravo-Rufen. Autor Simon Stephens hierzu: „Die Idee, dass ein Teilchen sich unvorhersehbar verhält und dass man das vorhergesehene Verhalten des Teilchens nicht wirklich beobachten kann, hat mich gefesselt. Ich hatte das Gefühl, dass darin vielfältige Metaphern für das Leben, das Theater und die Musik enthalten sind.“

Ironischerweise passt das Stück auch noch nur zu gut in unsere heutige Zeit, wo ein kleiner dicker Koreaner und ein missratener Abkömmling eines in die USA ausgewanderten Deutschen die Welt mit der Atombombe zerstören wollen: Der US-amerikanischer Historiker Thomas Powers porträtierte Heisenberg als Held des Widerstands (Heisenbergs Krieg, 1993); er habe trotz Kenntnis der richtigen Werte die kritische Masse unerreichbar hoch erscheinen lassen. Für Paul L. Rose dagegen war Heisenberg ein unfähiger Nazi, der die Bombe entwickeln wollte, allerdings scheiterte (Heisenberg und das Atombombenprojekt der Nazis, 2001). (Quelle: Zeit.de/Wissen)

Wieder einmal hat Intendant Horst Filohn ein zielsicheres, „goldenes“ Händchen bewiesen beim Griff nach diesem preisgekrönten Autorenstück.

Ein Stück, welches anregt und das begeisterte Publikum beim Verlassen des mit wunderschönen Art-Deco-Holztäfelungen bestückten Theaters in Danach-Gespräche bei einem Glas Wein entlässt.