Kein Obst, nirgends. Internationalität und Auswirkungen auf den Sprachgebrauch am Beispiel der Berliner Messe Fruit logistica

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2:4 © Andreas Hagemoser 2017

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Früher, das heißt bei Gemüseläden in Deutschland teilweise noch in der Gegenwart, hieß es: „Eßt mehr Obst!“ Ein gut gemeinter Rat für die Gesundheit gepaart mit ein bisschen Eigennutz des Einzelhandels. Der kurze Spruch prangt auf den grünen Papiertüten, in die leckeres Obst und Gemüse, Beeren und Nüsse verpackt wurden und werden.

„Eszett“

Das „ß“ ist aus diesem Satz durch die Rechtschreibreform 1996 verschwunden. In dieser Reform ist das „ß“ nur noch bei Diphthongen (äußerst, außen, heißen, Schmeißfliege, weiß) und langen Vokalen vorgesehen (Maß halten – Spaß machen). Dass es auffällig oft trotzdem weggelassen wird, auch dort, wo es hingehört, zeigt, wie komplizierte Regelungen vom Volk vereinfacht werden oder von Denkfabriken für ihre Zwecke missbraucht.
Welche Zwecke? Zum Beispiel soll Werbung möglichst gleichgeschaltet werden, zum Kostensparen, aber auch aus anderen Gründen. Die Erweiterung der Reichweite ist einer. Nicht alle Deutschen sind gleichzeitig in Deutschland, alle Franzosen in Frankreich, alle Chinesen in China.
Wenn zum Beispiel ein Deutscher in Frankreich Urlaub macht und ein Produkt X eines multinationalen Konzerns in der Bundesrepublik „Y“ heißt und in Frankreich „Z“, sind die Werbebemühungen an ihm so gut wie vergeudet.
Das „ß“ ist einfach nicht international genug, um im Weltmaßstab zu überleben. Deshalb geht es ihm auch in Deutschland an den Kragen.

Erschwerend kommt hinzu, dass anders als in Österreich in der Schweiz alle „ß“-Wörter mit „ss“ geschrieben werden. Die Confoederatio Helvetica, die in vielem einen gesunden Sonderweg geht, hat in ihrer Viersprachigkeit diesen Buchstaben aussortiert, da er in den anderen Schweizer Sprachen wie Französisch und Italienisch nicht vorkommt.

Vereinheitlichung und Internationalität

Wieviel Anziehungskraft hätten ferne Länder noch, wenn überall die gleiche Sprache gesprochen würde und das gleiche Essen auf den Tisch käme? Dennoch wünschen sich manche Touristen Ähnliches, zumindest zeitweise. Wer hat nicht schon im Ausland einen US-Amerikaner erlebt, der wie selbstverständlich davon ausgeht, dass wenigstens irgendjemand in Hörweite seine Sprache versteht und irgendwo im Ort ein gewohnt großer Burger oder Huhn aus Kentucky serviert wird?

Nun ist die Fruit logistica nicht in einer einfachen Lage. Sie ist die internationalste Messe der Welt, auch wenn Messechef Dr. Christian Göke in aller Bescheidenheit und mangels Zeit, eine solche Aussage zu verifizieren, diesen Satz nicht auszusprechen wagt.

Auf keiner anderen Messe der Welt sind Aussteller und Fachbesucher aus so vielen Nationen zu Gast.

Wenn der Messename „Obst logistica“ wäre oder, länger, „Obstbeschaffungs-, Lagerungs- und Transportmesse“, hätte man bestimmt ein Problem. Nicht, weil das Gemüse fehlt (das zu allem Unglück, wie ungünstig, ein ‚ü‘ enthält). Zum Beispiel, den Namen zu kommunizieren. Trotz Führerschaft auf dem Weltmarkt solcher Messen wäre es mit einem Stück Arbeit verbunden, Kunden für das Ereignis unter dem Funkturm zu werben.

Fazit

Wer weltweit so erfolgreich sein will, wie es viele Messen der „Messe Berlin“ sind, muss in den sauren Apfel der internationalen Begriffe beißen.
Gleich mehrere Leitmessen über das Jahr hinweg wie „Fruit logistica“, ITB und IFA sind mit „ö“ und „ß“ nicht zu halten.

Diejenigen Deutschen, die den Messenamen „Fru-eat Logistika“ aussprechen, gehören sowieso nicht zur Zielgruppe.

Ältere Jahrgänge unter uns, damit meine ich alle über 34, erinnern sich sicher noch daran, wofür die Buchstaben „ITB“ eigentlich stehen: „Internationale Tourismusbörse“. Zu dumm, dass Börse mit „ö“ geschrieben wird. Auch ein „oe“ hülfe an dieser Stelle wohl nicht weiter.

Da die Abkürzung bereits eingeführt war, ist sie zusammen mit dem Signet und den Farben Träger der Marke. Da war die Messeleitung in einer bequemen Lage und konnte auf dem raketenhaften Erfolg der ersten 25 Jahre aufbauen.

Wer die Langform des Markennamens ‚ITB‘ auf der Website des Berliner Veranstalters sucht, wird eine Überraschung erleben. Außer auf nostalgischen Seiten wie „Geschichte“ oder „50 Jahre ITB – Die Anfänge“ findet man kaum einen Hinweis darauf, wofür die Abkürzung steht. Das Internet macht’s möglich. Wer „1984“ von George Orwell gelesen hat, weiß, wie man die Vergangenheit manipulieren kann, auch ohne umständlich Schwarzweiß-Bilder von Staatsmännern zu retuschieren, wie es im Sozialismus üblich war.

Der Mantel des Schweigens.

Man muss schon in die Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz oder in Archive wie das des Museums Charlottenburg-Wilmersdorf – in diesem Bezirk finden die Messen statt – um gedruckte Beweise zu finden, dass es eine „Tourismus-Börse“ einst gab.

Es sei denn, man sammelt schon seit vielen Jahren Material auf der ITB und besitzt noch einen schönen Handzettel – pardon: Flyer.

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