Château de Grignan

Berühmte Briefe an die tumbe Tochter oder Die Gräfin von Grignan – Madame de Sévigné, die Edelfeder des französischen Hochadels

Grignan, Provence, Frankreich (Kulturexpresso). Sie galt und gilt als Edelfeder des französischen Hochadels: die am 5. Februar 1626 in Paris als Marie de Rabutin-Chantal geborene und am 17. April 1696 auf Schloss Grignan in der Provence als Marquise de Sévigné gestorbene Schreiberin unzähliger Briefe.

Grignan.
Blick über ein in Blüte stehendes Lavendel-Feld auf Grignan. © F. Da Costa

Irgendwer wird wohl nachgezählt haben, denn Florence, meine famose Französin, die mich Germanen in Grignan die Gassen rauf und runter führt, nachdem ich sie zuvor auf meinem Motorrad hin- und herfuhr, flüstert mir die Zahl 750 zu. Flüstert? Nun, bei einer Führung durch das Schloss schauen Besucher in der Regel andächtig auf zur Schau Gestelltes und lauschen den Worten der Herren und Damen über die Schlüssel. Es müssen viele sein, viele Schlüssel, denn das Schloss hat viele Türen, aber nach draußen nur diese eine, durch die alle Besucher müssen. Sie führt vorbei an einer Kasse, klar, an der wir Eintritt bezahlen, um uns das Gebäude ansehen zu können. Immerhin parkten wir den Feuerstuhl wild und ohne Gebühr am Fuße des großadeligen und rundum bebauten kleinen Berges.

Madame de Sévigné
Madame de Sévigné hängt im Château de Grignan. © Les Châteaux de la Drôme

Die passionierte adelige Autorin, welche die Gattung des Briefeschreibens begründete, zähle zu den großen Klassikern der französischen Literatur, und zur obersten Klasse der feinen Federn, in die es nur wenige Frauen wie Margarete von Angoulême, Madame de La Fayette, Anne Louise Germaine de Staël-Holstein oder Ende des letzten Jahrhundert nach unserer Zeitrechnung Yasmina Reza schafften, werde ich mit anderen, die eine Runde durchs Eckige drehen, belehrt.

Doch von Reza, der Autorin der Werke „Kunst“, „Drei Mal Leben“ und „Der Gott des Gemetzels“, zurück zur de Sévigné, die Briefe an die im Vergleich zur Mutter tumben Tochter schrieb und ins rustikale Renaissance-Schloss des Comte de Grignan im heutigen Département Drôme in der neuen Region Auvergne-Rhône-Alpes schickte. Schließlich heiratete die innig geliebte Tochter Françoise-Marguerite 1669 den Grafen von Grignan und zog zwei Jahre später in die für schwarzen Trüffel berühmte Kleinstadt nicht weit vom Mont Ventoux im Tricastin.

Grignan.
Ein schöner Ausblick vom Schloss Grignan in die Gegend. © M. Rougy/Auvergne-Rhône-Alpes Tourisme

Wer dem Tipp mit den „Truffle“, wie Florence mir ins Ohr haucht, keinen Glauben schenken mag, der möge sich in eine der für den Ort zahlreichen Restaurants ein gutes Gericht mit Perigord-Trüffel servieren lassen. Selbstverständlich lud ich meine reizende Reiseführerin zu einer Mahlzeit Tuber melanosporum ein, nachdem wir mit dem Buch „Briefe“ von Madame de Sévigné durch Grignan und die Gegend wandelten.

Wer sich ein Bild machen möchte auch über das Leben am Hofe Ludwigs XIV., über die politischen Ereignisse zur Zeit des Sohnes der Anna von Österreich, der 1715 im Schloss Versailles starb, vor allem über die geistige und menschliche Bildung jener feudalgesellschaftlichen Zeit in ihrer reinsten, abartigsten und anmutigsten Form, der greift zu diesen Briefen. Das Buch mit zeitgenössischen Kupferstichen wird seit 1979 bei Suhrkamp als Insel-Taschenbuch verlegt.

Grignan.
Dieses Mosaik in Grignan erinnert an die Edelfeder vom Château de Grignan genannten Schloss. © R. Schleipman/Auvergne-Rhône-Alpes Tourisme

In der Gegend gedeihen nicht nur knollige Gewächse und libidinöse Gefühle, sondern neben Liebe auch Lavendel. Zudem wächst Weisen auf Äckern, reifen Oliven an Bäumen. Diese Früchte dieser Erde rahmen die Grignan in eine malerische provenzialische Kulisse ein. Kein Wunder, dass die de Sévigné 1689 an ihre Tochter schrieb: „Ich denke andauernd an Grignan, an Euch und an Eure Terrassen mit dem wunderschönen triumphierenden Blick“ auf die Natur- und Kulturlandschaft.

Dass das Schloss, das die reiche Bankierswitwe Madame Fontaine im 20. Jahrhundert vollumfänglich sanieren und wiederaufbauen ließ, einst eine Burg auf einem Berg war, einer stattlichen Erhebung inmitten einer Ebene, das sehen Besucher von Stadt und Schloss noch heute. Zum Schloss zählt mehr oder weniger auch eine kleine Kirche, in der sich das Grab der Madame de Sévigné befinden soll. Die Stiftskirche Saint-Sauveur unterhalb der Terrassen soll zwischen 1535 und 1539 gebaut worden sein. Sie besteht vor allem aus Naturstein. Immerhin ist der Grabstein der Madame aus Marmor.

Grignan.
Der Eingang zur Kirche am Schloss Grignan. © R. Schleipman/Auvergne-Rhône-Alpes Tourisme

In der Kirche, die an heißen Tagen in langen Sommern in gewisser Weise Trost weil Kühle und vor allem Schatten spendet, schrieb die Frau mit der edlen Feder allerdings nicht. Sie soll in der ein paar Hundert Meter von Grignan entfernt liegenden Grotte manche allerdings nicht grottenschlechten Texte geschrieben haben. Von einem bevorzugten Ort des achtsamen Schreibens ist bei Fremdenführern die Rede, wenn es um die Grotte von Rochecourbière geht. Florence trage ich ein paar Verse abseits Höhle aber mit Verve vor. Ob es nun die Eloge der Madame ist oder mein Elan, das vermag ich nicht mit Bestimmtheit zu sagen, aber Florence folgt mir weiter durchs Département Drôme.

Und ich bin sicher: Die Gemeinde Grignan und die Gegend um das Chateau de Grignan sind eine Kultur- und kulinarische Reise wert und wer sie mit einem Motorrad unternehmen will, der wende sich an Jochen Ehlers von Endurofun Tours, der meine Recherche zum Thema freundlich unterstützte wie die Agentur für die touristische Entwicklung der Drôme, dessen Damen und Herren ebenfalls gerne Auskunft geben.




Haarlem in Holland.

Fotoreportage: Ein Blick auf die Spaarnestadt Haarlem in Holland

Haarlem, Holland, Niederlande (Kulturexpresso). Haarlem gilt als eine traditionsreiche Stadt an der Spaarne und ist nicht nur wegen Wasser, Grachten und Tulpen eine Reise wert, sondern wegen des romantischen Flairs, das eine Handvoll Kilometer von der Nordseeküste entfernt zu finden ist.

Nicht viel weiter ist es für Reisende nach Amsterdam und zum Großflughafen Schiphol.

Jenes Städtchen, das als Gemeinde mit drumrum über 150 000 Einwohner zählt, kann mit seinen gewundenen Kanälen, seinen stilvollen Bauwerken und reich bestückten Museen sogar dem stolzen Amsterdam ein wenig das Wasser reichen, bietet reichlich Grachten und Geschichten.

Mehr Text zu den Bildern im Beitrag Holländische Kostbarkeiten – Haarlem und seine Kulturschätze von Dr. Bernd Kregel im KULTUREXPRESSO.




Haarlem in Holland.

Holländische Kostbarkeiten – Haarlem und seine Kulturschätze

Haarlem, Holland, Niederlande (Kulturexpresso). Im Labyrinth der Wasserwege vom Haarlem öffnet sich dem Besucher eine nahezu unbekannte Welt.

Haarlem in Holland.
Stadtbild mit Boot. © 2018, Foto: Dr. Bernd Kregel

Die Römer waren bekannt für ihren ausgeprägten Spürsinn. Dieser sollte sich auch bewähren bei der Gründung der Stadt Haarlem in den heutigen Niederlanden. Alle strategischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen waren gegeben, um hier unweit der Nordsee ein Gemeinwesen entstehen zu lassen, das auch in kultureller Hinsicht ein „Goldenes Zeitalter“ erleben würde. Ein Glücksfall der Geschichte!

Ausgangspunkt für die städtebaulichen Aktivitäten war der Große Markt, um den herum sich in Windeseile zunächst einfache Häuserzeilen gruppierten. Ab dem 14. Jahrhundert kam die St. Bavokirche hinzu, deren schlanker Turm noch heute vom gesamten Stadtgebiet aus als Blickfang dient. Am bemerkenswertesten jedoch ist die prachtvolle Barockorgel des deutschen Orgelbaumeisters Christian Müller, die zur Zeit ihrer Fertigstellung die größte Orgel der Welt war. Auf ihr stellte sogar der junge Wolfgang Amadeus Mozart seine Fingerfertigkeit unter Beweis.

Prunkstück des Jugendstils

Haarlem in Holland.
Außenansicht der Neuen St. Bavo. © 2018, Foto: Dr. Bernd Kregel

Doch damit nicht genug! Denn das reiche Bürgertum von Haarlem hatte noch Größeres im Sinn. Und es gab Ende des 19. Jahrhunderts eine Neue Bavokirche in Auftrag. Ein Prunkstück des Jugendstils mit wunderschönen Glasfenstern, Mosaiken und Wandmalereien. Dabei machten orientalische Einflüsse die Kirche innen wie außen zu etwas Besonderem. Vergleichbar sogar der Sacré Coeur in Paris oder der Sagrada Familia in Barcelona?

Auch die Museen der Stadt stehen dem architektonischen Anspruch in nichts nach. Allen voran das Frans-Hals-Museum, das seine Sammlungen in einem prachtvollen Seniorenheim unterbrachte. Hier gilt es, die alten Meister des Goldenen Zeitalters zu entdecken wie Frans Hals, Jan Steen oder Jacob Ruisdael. Waren nicht sie es, wenn man genau hinschaut, die dem großen Meister Rembrandt stilistisch voran gingen?

Mekka der Trinkkultur

Haarlem in Holland.
Besucher im Frans-Hals-Museum. © 2018, Foto: Dr. Bernd Kregel

Ein Ausstellungsort ganz anderer Art begegnet einem mit dem Teylermuseum, dem ältesten Museum in den Niederlanden. Nicht nur seine künstlerischen und naturwissenschaftlichen Sammlungen sind bemerkenswert, zum Beispiel die Versuchsanordnung zur Entstehung der Elektrizität. Zugleich ist es das einzige Museum der Welt mit authentischem Gebäude sowie originaler Einrichtung aus dem 18. Jahrhundert.

Alte Kultur in Haarlem lässt sich jedoch auch in neue Bahnen lenken. Das zeigt sich in der Jopenkerk, einer ehrwürdigen Kirche nahe dem Buttermarkt. Statt das nicht mehr benötigte heilige Gemäuer aufzugeben, kam man hier auf die Idee, eine Brauerei samt Restaurant darin einzurichten. Schnell erwies sich diese architektonische Umgestaltung als ein wichtiger Beitrag zur Trinkkultur der Stadt, der sich längst als Mekka für alle Bierfreunde aus nah und fern bewährt hat.

Fotoreportage

Mehr Bilder von Dr. Bernd Kegel über Haarlem im Beitrag Fotoreportage: Ein Blick auf die Spaarnestadt Haarlem in Holland im KULTUREXPRESSO.

Anmerkungen:

Vorstehender Beitrag von Dr. Bernd Kregel ist eine Erstveröffentlichung im KULTUREXPRESSO. Die Recherche wurde unterstützt von: Niederländisches Büro für Tourismus und Convention (NBTM) sowie Haarlem Marketing.




Drei Häuser des Architekten Heinrich Straumer in Berlin-Frohnau.

Stromer auf den Spuren von Heinrich Straumer. Architektur erlaufen und erfahren in Berlin

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Heinrich Straumer (Initialen HS) ist ein deutscher Architekt. Wer schreibt, der bleibt. Wer baut, auch; bis seine Häuser zerstört sind. Davon sind wir noch ein gutes Stück weg und Straumer ist guter Grund zum Stromer zu werden. Seit der Tag-und-Nacht-Gleiche im März, dem Frühlingsanfang, braucht man wieder Ideen, wohin.

Auch im April liegt der See mal starr und still; denn der Monat macht, was er will. Das bisschen Schnee im März ist also kein Scherz. Nee, es ist normal. Doch die Tage werden länger und dann beginnt die Suche nach Zielen. Ausflugsziele zu suchen, wenn die Sonne schon scheint, führt manchmal zu Zeitverlust und Frust. Ist man endlich unterwegs, geht die Sonne doch schon unter. So oft geschehen in Berlin, wo jeder Weg eine halbe oder Dreiviertelstunde dauert. Zum Stadtrand noch länger.

Rundreise zu drei Bauten von Heinrich Straumer

Mein Vorschlag: Drei Bauten Heinrich Straumers chronologisch zu folgen: von Frohnau nach Dahlem und zuletzt nach Charlottenburg zum Messegelände am ICC.

Das kann einen halben Tag, einen Tag (oder, wenn man es intensiv macht, auch zwei Tage) dauern.

Wem das aus Zeitgründen nicht passt, kann von Dahlem mit der U-Bahn zum Heidelberger Platz fahren, dort umsteigen in die Ringbahn S41 Richtung Westkreuz/ Westend/ Jungfernheide und bis Messe Nord/ ICC fahren; in Fahrtrichtung hinten aussteigen und oben von den Ostpreußenbrücke am ICC den Funkturm bewundern. An der Kreuzung ist der Eingang zum Funkturminnenhof.

Heinrich Straumer – Chemnitz und Berlin

Geboren wurde Heinrich Straumer am 7. Dezember 1876 in Chemnitz; gestorben ist er am 22. November 1937 in Berlin.

Seine Geburtsstadt Chemnitz wurde nach seinem Tode, dem Zweiten Weltkrieg, der bedingungslosen Kapitulation und dem Untergang des Deutschen Reiches am 10. Mai 1953 umbenannt. Die Gemeinde hieß bis zur Wiedervereinigung 1990 Karl-Marx-Stadt.

Der U-Bahnhof Thielplatz, den er erbaute, wurde auch umbenannt. Damit muss man leben.
Die kreisfreie Stadt im Südwesten Sachsens war ein gutes Sprungbrett. 1883, nachdem Deutschland einen aus preußischer Sicht wichtigen Krieg gewonnen hatte und als Zweites Reich wieder gegründet worden war, wurde Chemnitz Großstadt. Grund war die immer weiter geführte Industrialisierung. Ein paar Jahre vor Straumers Tod erreichte die Einwohnerzahl ihre Spitze. Das Allzeithoch Anfang der 30er Jahre wird irgendwo über 360.000 Chemnitzer beziffert. Heute sind es eine knappe Viertelmillion Menschen. Zum Rückgang beigetragen haben die 80%ige Zerstörung der Chemnitzer Innenstadt bei Bombenangriffen im Februar und März 1945 und die Flucht vieler aus der DDR in den Westen vor dem Mauerbau im August 1961.

Die Umgewöhnung von einer Großstadt in die Millionenstadt Berlin und deutsche Reichshauptstadt dürfte Straumer nicht schwergefallen sein.

Ausgangspunkt der Erkundungsreise auf den Spuren von Heinrich Straumer: Frohnau

Start ist am S-Bahnhof Frohnau (für Autofahrer der Ludolfingerplatz).

Denn hier in Frohnau, seit 1920 Berlin-Frohnau als Teil des Bezirks Reinickendorf von Groß-Berlin, fing alles an. Der nördlichste Zipfel Groß-Berlins, das ist im wesentlichen das „Berlin“ von heute, war um die Jahrhundertwende so gut wie nicht bebaut. Straumer war 1896 20 Jahre alt, 1900 24. Das Projekt der Erschließung und Bebauung Frohnaus stand an. Der Begriff Gartenstadt kursierte, wurde verstanden und hatte seine Anziehungskraft. Das Bürgertum in der Hauptstadt des florierenden Deutschen Reiches und seiner Umgebung suchte ein gutes Leben in guten Häusern mit Garten.

Bevor eine Siedlung entsteht, braucht man erstmal eine Infrastruktur. Frei nach dem Motto „Aller Anfang ist schwer, sagte der Dieb und stahl einen Amboss“ musste erst einmal die Versorgung für die frisch erfundene Elektrizität her.

Zuerst der Strom: Straumers Umspannwerk, heutzutage mit spannender Musik

Heinrich Straumer baute 1907 das Frohnauer Umspannwerk. Mit Strom und Verstromung hat das Haus heute nur noch sehr wenig zu tun. Es ist ein Café. Wer es sehen möchte, kann sich vom Bahnhof Richtung Osten wenden und vom Zeltinger Platz den Fürstendamm entlanglaufen. Das letzte Haus auf der linken Seite ist die Nummer 40.

Kein Zufall, dass das Umspannwerk so weit hinten steht. Bürgerliches Wohnen dient der Entspannung, um für die Arbeit Kraft zu sammeln. Den Elektrosmog und das Brummen eines Trafos (Transformators) braucht niemand in seiner Nähe. Hier endete Frohnau, dann Berlin, dann auch West-Berlin. Nur wenige Meter weiter östlich bauten DDR-Maurer 1961 die „Berliner Mauer“.

Zur Orientierung: Etwas nördlich des Umspannwerks am Fürstendamm steht das Buddhistische Haus, das der eine oder andere vielleicht einmal besucht hat. Es liegt am Edelhofdamm ebenfalls zwischen S-Bahnstrecke und B96.

Gleich zu Beginn einkehren hat wenig Sinn. Das Musikcafé „Transformator“ im Umspannwerk ist mittwochs bis samstags ab 18 Uhr geöffnet. Am 23. März gab es hier ein Jazzkonzert mit Michael Gechter und HD. Lorenz, bei dem Sabina Saracevic sang.
Am Donnerstag, den 29. März spielt Ro Gebhardt Gitarre.

Straumer schlägt zu: Buche

Doch unsere Architekturwanderung beginnt eigentlich bei den drei Häusern, die auf dem Titelbild zu sehen sind. Baujahr 1910/1911. Man erreicht sie vom S-Bahnhof Frohnau aus über den Ludolfingerplatz und den Sigismundkorso.

Warum sind die drei Landhäuser „An der Buche“ so wichtig? Es waren mehr oder weniger die ersten Häuser in Frohnau und die Musterhäuser der neuen Siedlung. Sie wurden inmitten der zukünftigen Stadt oder des Stadtteils errichtet, um sichtbar zu sein. Noch sichtbarer, weithin gut zu sehen, wurden sie durch ihre Lage auf einem kleinen Berg. Einer Anhöhe.

Der Straßenname folgt dem beherrschenden Baum, einer Buche. Sie symbolisiert Kraft und Beständigkeit. Sie ist ein deutscher Baum und nicht wie die Kiefer oder Kastanie eingeführt worden. Vor dem Ersten Weltkrieg, der zunächst jahrzehntelang nur Weltkrieg genannt wurde, hatte Deutschland ein großes Selbstbewusstsein. Seit einigen Jahren war man mit Kiautschou und den Karolinen, Deutsch-Ostafrika und -Südwest sogar Kolonialmacht.

Die Lage der drei Häuser am Berg und später eines vierten (roten) auf der anderen Straßenseite strahlt zusammen mit der großen, alten Buche bis heute etwas Faszinierendes aus.

Es handelt sich übrigens nicht um die Originalbuche. Jene Buche wurde bei Berlins Blockade Brennholz.

Das rechte der drei Straumer-Landhäuser ist das erste Frohnauer Haus, das unter Denkmalschutz gestellt wurde.

Der Garten gleich mit, damit niemand auf die Idee käme (was bereits geschehen war), das Grundstück zu teilen und auf dem Hammer Mehrfamilienhäuser zu errichten.

Den ganz eigenen Charakter des Ensembles perfekt machen die teils bedingte Zugänglichkeit über weit von Straße und Bürgersteig entfernte Wege und ein alter Brunnen.

Zweiter Punkt der Erkundungsreise: U-Bahnhof Freie Universität (Thielplatz)

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/c1/U-Bahnhof_Thielplatz_20130704_4.jpg
Oft habe ich vor dem U-Bahnhof Thielplatz gestanden, bin um ihn herumgelaufen, besonders den nördlichen Ausgang, der von Straumer gestaltet wurde. Das erste Mal bewusst benutzt habe ich den Bahnhof 1983. Damals gab es den südlichen Ausgang schon mit zwei Treppen nach links und rechts, um auf Straßenniveau zu gelangen. Ich wollte zur Freien Universität und fuhr anschließend mit dem Bus bis „Im Dol“, um zu Fuß zur Podbielskiallee zu gelangen.

Zwei Einbahnstraßen flankieren den U-Bahnhof Thielplatz am Thielpark, der als Teil eines längeren Grünstreifens sich quer zur Bahnstrecke Richtung Krumme Lanke durch Dahlem zieht. Vielleicht sollte man sagen, eine Reihe von Parks, denn südöstlich der Thielallee schließt sich der Triestpark an. Wie auch immer man das nennen will, man kann mit und ohne Hund sehr gut vom U-Bahnhof aus einen längeren Spaziergang machen, vorbei an kleinen Seen beziehungsweise Teichen.

Etwa bis 1945 wurde der Thielpark als Thielplatz bezeichnet.

Wegen der Freien Universität Berlin und ihres Wachstums auf teilweise über 60.000 Studenten wurde der zweite U-Bahn-Ausgang gebaut. Das Auditorium maximum (Audimax) der FUB im Henry-Ford-Bau an der Garystraße ist vom südlichen Ausgang besser zu erreichen.

Umbenennen – ein Berliner Sport

Wohl auch wegen der vielen „dummen Fragen“ benannte die BVG den U-Bahnhof „Thielplatz“ am 11. Dezember 2016 „Freie Universität (Thielplatz)“ um. Die alten Namen werden zum Verständnis und zur Orientierung der Alteingessenen gern dem neuen beigefügt.

So heißt der S-Bahnhof auf der Ringbahn zwischen BMW-Zentrale und ICC statt „Witzleben“, wie das ganze Viertel, heute „Messe Nord/ ICC“ und kleiner: „Witzleben“. Der Bahnhof „Eichkamp“ hieß fast simultan „Messe Süd/ Eichkamp“. Der neue Hauptbahnhof, das ist der am Humboldthafen zwischen Europaplatz und Washingtonplatz, heißt statt „Lehrter Stadtbahnhof“ „Hauptbahnhof -Lehrter Stadtbahnhof“. Der Tunnel-S-Bahnhof „Unter den Linden“ heißt jetzt „Brandenburger Tor“, Unterschrift: „Unter den Linden“. Usw. usf.

Am 12. Oktober ging‘s los

Eröffnet wurde der U-Bahnhof Thielplatz am 12. Oktober 1913. Gleichzeitig mit acht anderen Bahnhöfen. Von der Hochbahngesellschaft. Das macht vielleicht auch etwas verständlicher, warum die U-Bahn nicht unterirdisch fährt. In der Tat ist „Thielplatz“ ein Einschnittbahnhof mit Mittelbahnsteig, das heißt man kann vom Bahnsteig aus die frische Luft genießen und das Tageslicht sehen. Außen halten die Züge Richtung Krumme Lanke oder Wittenbergplatz und weiter. Die Linie hieß bereits U2, U1 und U3. Linienbezeichnungen und -führungen sind kurzlebig. Anfänglich benutzte man Buchstaben.

Bis 1929 war „Thielplatz“ auch der Endbahnhof, der Endpunkt der Strecke und insofern doppelt prominent, da in Berlin der Endbahnhof die Richtungsbezeichnung angibt. Dadurch kennt jeder die Osloer Straße oder das Rathaus Steglitz.

Zusammenfassung: Reise zur Gegenwart von Heinrich Straumer

Die Ausflugsziele nach Entstehungszeitraum geordnet:

1907: Berlin-Frohnau, Umspannwerk Fürstendamm 40

1910–1911: Berlin-Frohnau, Landhausgruppe am Berg,
Anschrift/Adresse: An der Buche 17/21 (mit Hans Hermann und Ludwig Lesser) (siehe Photo)

1912–1913: Berlin-Dahlem, U-Bahnhof Thielplatz mit nördlichem Stationsgebäude, Vorplatz und Brücke

1924–1926: Berlin-Charlottenburg, Berliner Funkturm auf dem Messegelände

Transformation: Konzert in Straumers Umspannwerk. Saarländer Ro Gebhardt mit Gitarre in Berlin-Frohnau




Stephan Orth und Zohre Shahi.

Länderwissen interessant. Zohre Shahi und Stephan Orth gewinnen in Berlin Preise (ITB Buch Awards)

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Die größte Reisemesse der Welt, die Internationale Tourismusbörse ITB, ist für 2018 vorbei. Was bleibt, sind die Buchempfehlungen, die eine reisebucherfahrene Jury aussprach. Auf gut deutsch-englisch: „ITB BuchAwards“. Buchpreis ist ja nun auch wirklich ein doppeldeutiges Wort, ein Teekesselchen, und die ITB eine internationale Marke, die im Ausland bestehen muss und deshalb das „ö“ aus „Börse“ vermeidet. Einige Preise wurden vergeben und sie alle verdienen es, genauer betrachtet zu werden. Hier und heute geht es um zwei ITB Awards: den für Stephan Orth, „Couchsurfing in Russland“, und den für Zohre Shahi, eine Iranerin, die ein persisch-jüdisch-palästinensisches Kochbuch schrieb: „Jaan – Die Seele der persischen Küche“.

ITB Buch-Award für Stephan Orth „Couchsurfing im Russland“

9mal auf der Bestsellerliste der Zeitschrift „SPIEGEL“ in der Rubrik „Paperback Sachbücher“. Beste Platzierung: Platz 9. Von der 14. bis zur 20. Kalenderwoche (KW) war das Buch ununterbrochen unter den besten seiner Art, dann nochmal in der 31. und 34. KW. Dazu mag der Untertitel beigetragen haben: „Wie ich fast zum Putin-Versteher wurde“. Schließlich ist Putin-Bashing ein Volkssport in der Mainstream-Presse. Einem sympathischen Menschen wie Stephan Orth, der zudem seine Erkenntnisse verständlich „rüberbringt“, traute man eine zweite Meinung zu.

Ein Bestseller später: Was ist eigentlich „Couchsurfing“?

Was ist Couchsurfing überhaupt? Dass Sofa oder Diwan auf englisch anders heißt, wissen wir. Surfen ist das Wellenreiten und wird auch im übertragenen Sinne verwendet, im Netz surfen könnte man auch „sich durch das Netz klicken“ oder „Websites aufrufen“ nennen.

Die Kombination „Couchsurfen“ oder noch englischer „Couchsurfing“ ist inzwischen zu einem feststehenden Begriff geworden und international verständlich.

Beim Übernachten im Gästebett – das ist als Sofaersatz bestimmt auch erlaubt – lernt man andere Länder gut kennen. Quasi „an der Graswurzel“. Die Gastgeber kennen sich vor Ort aus, man kann mit ihnen einkaufen und Restaurantempfehlungen jenseits von Google-maps & Co. erhalten. Man spart Geld und hat vor allem viel mehr von seiner Reise, als wenn man abgeschirmt im Hotelbereich einer Kette sitzt, die weltweit in vielen Ländern vertreten ist. Wer auch noch in einem abgezäunten Strandbereich badet und Shopping nur als Gruppe „vornimmt“ – mit Reiseleiter – wird nicht wirklich im Land ankommen.

Alle diese Vorteile schließt der Begriff ein. Damit ist er nicht weit entfernt vom Terminus des „Rucksacktouristen“. Doch Couchsurfer können auch aus dem Koffer leben. Vielleicht bringt sie der Gastgeber noch zum Bahnhof. Der Anteil derer, die diesen Weg nicht mit dem Taxi, sondern mit dem Bus zurücklegen, ist unter Couchsurfern hoch.

Meist lernt man die Gastgeber erst kennen, weil, während oder nachdem man brav auf der Couch übernachtet. Vielleicht gibt man auch einen Obulus oder tut aus Dankbarkeit etwas in die Haushaltskasse. Das sind unwichtige Einzelheiten. Ein Beispiel für das Couchsurfing und seine Vorzüge ist Orths ähnlichlautendes Werk „Couchsurfing im Iran“. Die beste deutsche Tageszeitung, die Süddeutsche, nannte es schlicht „Ein wunderbares Buch“.

Stephan Orth auf und jenseits der Bestsellerliste: „Couchsurfing im Iran“

Wo nicht nur das Couchsurfen verpönt ist, sondern vieles Amerikanische, kann es trotzdem funktionieren. Orths Buch aus dem Jahr 2015 (Verlag Malik, Verlagsgruppe Piper) trägt den Untertitel „Meine Reise hinter verschlossene Türen“. Ein Erfolgsbuch, das zwei Jahre später als Taschenbuch erschien und dieses Jahr bereits eine Nachauflage erreichte. Es enthält – auch als Taschenbuch – 48 Farbabbildungen und 35 schwarzweiße. Der Klappentext trägt die Überschrift: Urlaub bei den Mullahs und fasst knackig zusammen: „Es ist offiziell verboten.“ Trotzdem reist Stephan Orth „als Couchsurfer kreuz und quer durch den Iran, schläft auf Dutzenden von Perserteppichen [wusst‘ ich‘s doch, dass mit der Couch braucht man nicht wörtlich zu nehmen], erlebt irrwitzige Abenteuer und lernt dabei ein Land kennen, das so gar nicht zum Bild eines Schurkenstaates passt.“

Das internationale Umwelt-Filmfestival „GreenMe“, das weltweit an fünf Standorten stattfindet, war auch im Iran zu Gast. Die Veranstalter konnten über die iranische Küche und Gastfreundschaft nur Positives berichten. Der Klappentext des Piper-Taschenbuches verweist auch auf die hospitality:

„… die Iraner sind nicht nur Weltmeister in Sachen Gastfreundschaft“ – ob das im Guinness-Buch der Rekorde steht? – „sondern auch darin, den Mullahs ein Schnippchen zu schlagen“.

Orth war neun Jahre Redakteur bei „Spiegel online“, bevor er sich 2016 selbständig machte. Da war das Reisebuch über Teheran, Kerman, Bam und Ahvaz bereits erschienen. Laut Piper-Verlag ist er schon lange Couchsurfer, empfing selber viele Gäste aus aller Herren Länder und war zu vielerorts zu Gast. In mehr als 30 Ländern.

Der Reisende Stephan Orth und die iranische Küche

Andere Buchtitel des Reisenden sind „Sorry, wir haben die Landebahn verfehlt“ und jüngst „Opas Eisberg“.

Wo und wann er Zohre Shahi kennenlernte, wissen wir nicht. Das tut auch nichts zur Sache. Wenn einer eine Reise macht, kann er viel erzählen. Da er viel Zeit im Land verbracht‘, kennt er wohl viele Seelen.

62 Tage war er im Land des Xerxes und des Shahs. Einem ziemlich großen Land, das im Süden an den nach ihm benannten Persischen Golf grenzt, im Norden an das Kaspische Meer und Nachfolgestaaten der Sowjetunion wie Turkmenistan. Es ist die Ostwestbrücke zwischen dem arabischen Zweistromland und Indien, grenzt an Afghanistan und Pakistan.

Was er von den Menschen zu berichten weiß, ist eine Sache. Dabei stellt er, wie wohl für Journalisten üblich, viele Fragen. Zum Beispiel: „Warum hast du es mit dem Heiraten so eilig?“

Er sieht einen Fluss ohne Wasser, an dem ein Verbotsschild steht „No Swimming“.

Da er, wie viele, jeden Tag isst, erzählt er auch von Kebab und Salzstangen. Von Schafkopf, Ghormeh Sabzi, einem traditionellen Eintopf, und Walnussbäumen. Sabji ist Hindi für Gemüse. Er zählt auf, was ihm aufgetischt wird, darunter Reis „mit der typischen goldbraunen Kruste“, selbstgemachten Joghurt und Salat.

Wem schon vor dem Ende des Surferbuches das Wasser im Munde zusammenläuft – vielleicht ist deshalb der Fluss trockengefallen? – der findet jederzeit in Zohre Shahis Buch die perfekte Ergänzung. Vielleicht ist ein Paar, dass man parallel lesen kann. Und versteht dann „Die Seele der persischen Küche“ zwischen dem Mittelmeer, dem persisch(-arabischen) Golf und dem Indischen Ozean besser.

ITB Buch-Award für Zohre Shahi mit „Jaan – Die Seele der persischen Küche“

Frau Zohre Shahi gewann einer der beiden Auszeichnungen in der Rubrik Reisekochbuch für das Werk: „Jaan – Die Seele der persischen Küche“. Sie ist am 9. März, als die zu den BuchAwards gehörenden Trophäen übergeben wurden, sehr glücklich. Sie zeigt ihre Freude und teilt sie mit anderen. So wie sie im zwischenmenschlichen Bereich „herüberkommt“, ist es wahrscheinlich auch mit ihrem Buch geschehen. Zohre Shahi hat es geschafft, ihre sympathische Art auch in ihrem Kochbuch zu transportieren.

In einem Kurz-Interview hat sie eine Vermutung, warum sie den BuchAward erhalten hat und auf die Preisträger-Bühne der größten Reisemesse der Welt gebeten wurde. „Wahrscheinlich habe ich gewonnen, weil ich nicht nur über die persische Küche schreibe und mich darauf beschränke, sondern auch die palästinensische und jüdische Küche miteinbeziehe.“

Bei aller teils hochkochenden Propaganda sollte nicht vergessen werde, dass Judentum und Iran durchaus zwei Dinge sind, die zusammenpassen. Bis heute gibt es im iranischen Parlament einen Sitz, der für die jüdisch-iranische Minderheit reserviert ist. In Israel ist die ehemals im Iran wohnende Gruppe, die nach der Staatsgründung 1948 ins Mutterland „heimkehrte“, durchaus groß und von Gewicht. Mit eigenen Zeitungen und Rundfunksendern waren die persischsprachigen Juden gut vertreten. Das von George W. Bush vergebene Etikett „Schurkenstaat“ und die manchmal hochkochende Polemik und Propaganda sollten den Blick auf die durchaus komplexere Realität nicht verstellen. Außenpolitische Beleidigungen gegen leichte Ziele dienen sehr oft nur der Festigung der innenpolitischen Machtbasis.

Stephan Orth Preisträger in der Rubrik Länderwissen – aktuell/ WM-Land 2018: Russland

Stephan Orth: „Couchsurfing in Russland – Wie ich fast zum Putin-Versteher wurde“
Verlag: Malik
EAN: 9783890294759
Erscheinungsdatum: März 2017
Anzahl der Platzierungen auf der Bestsellerliste: 9
Preis: 16,99 Euro

(als einer von mehreren Gewinnern)

Rubrik Reise-Kochbuch: Preisträger: Zohre Shahi, Heimo Aga und Nicole Schmidt

2 Gewinner:

Zohre Shahi: „Jaan – Die Seele der persischen Küche. Meine persisch-israelisch-palästinensischen Familienrezepte“
GU-Themenkochbuch aus dem Gräfe-und-Unzer-Verlag
Erscheinungsdatum: Oktober 2017
Preis: 24,99 Euro

Heimo Aga, Nicole Schmidt: „Teigtaschen – Eine Reise zu den besten Rezepten der Welt.
Dim Sum, Samosa, Manti, Ravioli, Maultaschen & Co.“

Hädecke-Verlag GmbH
Erscheinungsdatum: Mai 2017
Preis 24,90 Euro (D)




Zum Bierbad in die Sächsische Schweiz – Romantik vollbiologisch in Schmilka nahe der tschechischen Grenze

Schmilka, Sachsen, Deutschland (Kulturexpresso). Von Afrika aus schweift der Blick über die Elbe. Vor einem der Fluss, eingezwängt in ein enges Tal, mit dicht bewaldeten Hügeln, hinter einem Savannen-Romantik, zumindest lassen Möbel im Zebra- und Geparden-Look ein wenig Großwildjäger-Stimmung aufkommen.

Basteibrücke bei Rathen im Elbsandsteingebirge. © Foto: Fritz Hermann Köser, BU: Stefan Pribnow

„Safari“ nennt sich das Zimmer im Bio-Hotel „Helvetia“ in Schmilka nahe der tschechischen Grenze, eines von mehreren Themen-Räumen, Ernest Hemingway hätte sich hier bestimmt wohl gefühlt. Schlangen unter dem Bett gibt es nicht, auf Moskitonetz und Tropenhelm wurde trotz des Klimawandels verzichtet, dafür liegt die Zeitschrift „Schrot und Korn“ auf dem Nachttisch. Kühlschrank mit Mini-Bar? Fernseher? Wlan? Fehlanzeige. Stattdessen wurde alles nach Feng Shui konzipiert. Naturlatex-Matratzen, punktelastische Lattenroste und Bezüge aus ökologischer Baumwolle sorgen für einen gesunden Schlaf. Eine wunderbare Einstimmung, nicht nur auf die Mahlzeiten im zum Hotel gehörenden Bio-Restaurant „Strandgut“, erwähnenswert vor allem die Kürbissuppe mit Ingwer, sondern auf den gesamten Ort.

Fachwerkhäuser schmücken Schmilka. © Foto: Fritz Hermann Köser, BU: Stefan Pribnow

„Das ganze Dorf ist Bio“, sagt Nicole Hesse vom Tourismusverband Sächsische Schweiz. Vor allem ist es idyllisch. Der Ortskern ist ein paar Gehminuten vom Hotel entfernt, ein steiler Weg führt an putzigen Fachwerkhäuschen vorbei zum Marktplatz. Alles sehr einladend, das Gasthaus, die alte Mühle, die historische Bäckerei, in der nach alter Tradition gebacken wird, natürlich Bio, die Brau-Manufaktur, die naturtrübes Bier produziert wird. Und alles wirkt so, als hätte man ein Märklin-Dörfchen im Maßstab eins zu eins errichtet, wie eine Disney-Mini-Welt, nur mit Patina statt Plastikkitsch. Sachsen schönstes Dorf, so verspricht es jedenfalls ein Prospekt, ist fast zu schön, um wahr zu sein, es wäre ein idealer Drehort für Filme, die vor dem Krieg spielen. Auf dem Platz steht ein großer Holz-Zuber, in dem einige gut gelaunte Männer und Frauen planschen. Und trinken. Biergläser stehen am Rand, mit dem Gerstensaft wurde auch das Wasser verfeinert, das soll gut für die Haut sein. Ein junger bärtiger Mann im Mittelalterkostüm sorgt für Nachschub und die richtige Wassertemperatur. Dampf steigt aus dem Zuber, es riecht würzig. Pop schallt aus Lautsprechern. Bierbadetag in Schmilka.

Baden in einer Tonne mit einem Glas Bier. © Foto: Fritz Hermann Köser, BU: Stefan Pribnow

„Hier ist immer etwas los“, versichert Sven-Erik Hitzer. „Rituale“ nennt er die saisonalen Events, die fast täglich Gäste nach Schmilka anlocken sollen, derzeit ins „Winterdorf“, bis weit in den März hinein. Außer Bierbädern gibt es Lesungen, Filme oder Kabarett. Der Mittfünfziger ist der ungekrönte König des Örtchens, ihm gehört inzwischen von insgesamt 50 Häusern gut die Hälfte. Samt dem Bio-Hotel.

Der Cottbuser kam wegen der Kletterei ins Elbsandsteingebirge, die sächsische Schweiz sei schließlich die Geburtstätte des Freeclimbing, wie er erklärt. Seine Kumpels und er übernachteten in Felshöhlen, am Lagerfeuer spielten sie Bob Marley zu Klampfe und Mundharmonika. Schmilka selber war vor der Wende als Grenzdorf für normale Besucher weitgehend tabu, die Bewohner zu 60 Prozent Grenzer. Kurz nach der Wende kaufte er die ersten Immobilien von der Treuhand.

© Foto: Fritz Hermann Köser

Manchen Raum hat er der gelernte Gärtner und spätere Spielzeugdesigner mit alten Spielautomaten dekoriert.

Ein Tante-Emma-Laden sei sein nächstes Projekt, mit Kletter- und Wanderbedarf. Schließlich lädt die Gegend mit ihren Wäldern, steilen Felsen und Schluchten zu ausgedehnten Touren ein. Der Naturschutz wurde hier vor gut 100 Jahren entdeckt, sagt Nationalparkführerin Alrun Flechsig während einer Wanderung. Alte Gemälde zeigen meist nur den nackten Fels, das Gebiet litt unter Kahlschlag, viele Bewohner arbeiteten als Holzfäller, das Holz wurde auf Flößen verschifft.

Damals, so berichtet Regionalhistorikerin Andrea Bigge, gab es in Schmilka einen Ortsteil namens „Kamerun“, eine Art „Kolonie“ des Hauptorts, wo die Ärmeren wohnten. Zwar steht das Bio-Hotel dort nicht, aber dennoch: Afrika grüßt die Elbe.




Jerusalem

Willkommen in Jerusalem – wenigstens in der Jerusalem-Ausstellung des Jüdischen Museums Berlin

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Manche meiden Jerusalem und das nicht nur in diesen Tagen. Dabei ist diese Jeruschalajim auf Hebräisch oder al-Quds für die Heilige auf Arabisch genannte Stadt in den judäischen Bergen zwischen Mittelmeer und Totem Meer immer einen Besuch wert. Für alle an Geschichte und Gegenwart Interessierte hat sie nicht nur Kirchen, Moscheen und Synagogen für Christen, Muslime und Juden zu bieten, sondern vier Viertel in einer Altstadt, die alle – das muslimische, jüdische, christliche und armenische Viertel – besichtigungswürdig sind.

Jerusalem ist nicht nur von religiöser, kultureller und geschichtlicher Relevanz, Jerusalem sei auch „von außerordentlicher politischer Brisanz, da sowohl Israelis als auch Palästinenser es als ihre Hauptstadt beanspruchen“, heißt es in einer Pressemitteilung des Jüdischen Museums Berlin vom 21. Dezember 2017.

Die neue Ausstellung „Welcome to Jerusalem“, die seit dem 11. Dezember 2017 und noch bis zum 30. April 2019 läuft, wird mit folgenden Worten beworben: „Von der Zeit des zweiten Tempels und seiner Eroberung durch Rom über die osmanische Herrschaft und die britische Mandatszeit bis zum 21. Jahrhundert – die Ausstellung ‚Welcome to Jerusalem‘ thematisiert eine Stadtgeschichte, in der Alltag, Religion und Politik unauflöslich miteinander verflochten sind. Zu sehen sind wertvolle historische Objekte und Modelle, die erstmals in Berlin gezeigt werden; ebenso mediale Installationen, die eigens für die Schau entwickelt wurden.
Arbeiten von Yael Bartana, Mona Hatoum, Gustav Metzger, Fazal Sheikh und weiteren internationalen Künstlern kommentieren historische Ereignisse und politische Positionen. Eine Filmspur mit Interviews aus der Echtzeit-Dokumentation ’24h Jerusalem‘ macht die Besucher mit einer in jeder Hinsicht bemerkenswerten und aufregenden Stadt bekannt. – Welcome to Jerusalem!“

Die Ansicht einer Ausstellung ist das eine, die Erlebnisse, die Erfahrungen und Erkenntnisse einer Reise nach Jerusalem das andere und viel nachhaltiger für das Verstehen, Erklären und Verändern einer Welt im Wandel.

Die vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien mit freundlicher Unterstützung der Lotto-Stiftung Berlin geförderte Ausstellung ist im ersten Obergeschoss des Altbaus des Jüdischen Museums Berlin zu sehen.

Öffnungszeiten: täglich 10 bis 20 Uhr, montags 10 bis 22 Uhr
Eintritt: Mit dem Museumsticket (8 Euro, erm. 3 Euro)
Mehr Informationen: www.jmberlin.de/jerusalem




Kloster Springiersbach

Klosterurlaub im Viervierteltakt – Eintauchen in die Welt des Gospelgesangs

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Ist es ein mit Ungestüm hereinbrechendes Tropengewitter, das sich wie eine Urgewalt aus Blitz und Donner in mitreißender Energie entlädt? Das darüber hinaus jeden elektrisiert, der diesem sprühenden Funkenflug zu nahe kommt? So jedenfalls will es scheinen, wenn Lerato Sebele ihrem musikalischen Temperament Raum gibt und dabei ihre klanghelle Stimme mit rhythmischen Körperbewegungen unterstützt. Wie schon im Hamburger „Lion King“, bei dem sie in der Rolle der Rafiki gleich zu Beginn die ausgelassene Stimmung im Auditorium anheizte.

Ihr begeisterndes Engagement ist geblieben, nur der Ort ist ein anderer. Es ist das Karmelitenkloster Springiersbach in der Südeifel, nur wenige Kilometer entfernt von der Mosel zwischen Cochem und Traben-Trarbach. Normalerweise ein Ort der Besinnlichkeit und der Stille, der inneren Einkehr und der Kontemplation. Nur nicht in diesen Tagen mit Ausnahmecharakter, an denen die ruhigen Stellen nur noch in den Randbereichen der stattlichen Klosteranlage zu finden sind.

Musikalische Kabinettstückchen

Kloster Springiersbach
Außenfassade der Rokoko-Klosterkirche. © 2010, Foto: Dr. Bernd Kregel

Stattdessen schwungvoller und spontan mitreißender Gospelgesang, der selbst bei geschlossenen Türen und nur leicht angekippten Fenstern den Weg nach draußen findet. Klänge, die einer anderen Welt zu entstammen scheinen, zu der Lerato Sebele nun ihrem zwanzigköpfigen Chor Tür und Tor öffnen will. Es sind nicht die bekannten Stücke, wie sie von den Südstaaten-Baumwollfeldern Nordamerikas ihren Siegeszug durch die ganze Welt angetreten haben.

Vielmehr sind es vor allem die kleinen unbekannten Kostbarkeiten, die die Sängerin aus ihrer südafrikanischen Heimat mitgebracht hat. Musikalische Kabinettstückchen, durchweg dreistimmig gesetzt, die christlichen Glauben und christliches Leben auf eine unkomplizierte Weise mit geradezu entwaffnender Schlichtheit reflektieren und kommentieren. Einige auf Englisch, andere in der Zulu-Sprache, Schnalzlaute inbegriffen.

Wir-Gefühl

Und dabei bilden die Sänger – es sind in der überwiegenden Mehrzahl Sängerinnen – nicht einmal einen Chor im herkömmlichen Sinn. Was sie verbindet ist die Freude am gemeinsamen Gesang, und die hat sie aus allen Teilen Deutschlands hierher zusammen geführt, um sich auf das Experiment eines musischen Urlaubs im Kloster einzulassen. Ein Wagnis?

Noch kurz nach der Begrüßung der Gruppe durch Pater Felix, den Geistlichen Leiter des Exerzitien- und Bildungshauses „Carmel Springiersbach“, ist – man sieht es den versonnenen Gesichtern an – das Eis noch nicht gebrochen. Jeder für sich muss erst einmal ankommen am neuen Ort des Geschehens. Das weiß natürlich auch die Chorleiterin, die ohne große Vorrede sofort einen Versuch startet, bei den im Kreis um sie herum sitzenden Individuen ein gemeinsames Wir-Gefühl aufzubauen.

Gefühl der ausgelasenheit

Kloster Springiersbach
Gospel-Chor mit Lerato Sebele. © 2010, Foto: Dr. Bernd Kregel

Da erweist sich das von ihr in die Runde geworfene „Halleluja, praise celebrate rejoice in the name of the Lord“ als ein wahres Zaubermittel, das schnell ein erstes Lächeln auf den Gesichtern entstehen lässt. Ein Trend der anhält und in den nächsten Tagen zu einem Gefühl der Ausgelassenheit heranwächst, das Distanzen überwindet und im dreistimmigen Chorgesang Gemeinsamkeit schafft: „Have you heard of the city, the streets are paved with gold!“ Ein schlichter, hoffnungsvoller Text, der schon bald zur Chor-Hymne heranreift, die bei jeder Gelegenheit mit Eifer – unterstützt durch Mimik und Gestik – erschallt.

Sehr zur Freude der einheimischen Jugend und der zahlreichen Gäste im Ort, die von außen rhythmisch mitklatschen und sich bereits auf ein abschließendes Konzert in der barocken mit schmucken Rokoko-Elementen ausgestatteten Klosterkirche freuen. Anfangs als Projekt noch Besorgnis erregend, doch dann immer motivierender, anspornender, ohne dass die Freude am unbefangenen Gesang dadurch beeinträchtigt würde.

Zufriedenes Lächeln

Der Lockerung dienen auch Wanderungen in die nähere Umgebung, wobei natürlich die Mosel mit ihren kleinen Winzerorten unterhalb der hoch aufsteigenden Weinberge am meisten imponiert. Erinnert nicht auch der nun mit der Weinernte zu erwartende Gärungsprozess der Trauben an die Entwicklung, wie sie gerade im Chor stattfindet, wo sich mit der Zeit irgendwann einmal ein ausgereiftes und genießbares Ergebnis einstellt?

Noch unterbricht Lerato Sebeles Stimme ab und zu mit kritischen Anmerkungen den Gesang. Doch bei „Schlagern“ wie dem wehmütigen bis lustigen „Achiwiwiwi Buya Sithandwa“, das von einer Frau vom Lande handelt, die ungeduldig auf die Rückkehr ihres Mannes aus Johannesburg wartet, huscht nun wieder ein zufriedenes Lächeln über ihr stets hellwaches Gesicht. Gospel-Urlaub im Kloster? Kaum jemand zweifelt in diesem Stadium noch daran, dass dies die richtige Entscheidung für ihn war.

Einüben in Achtsamkeit

Kloster Springiersbach
Sonntagsmesse in der Klosterkirche Springiersbach. © 2010, Foto: Dr. Bernd Kregel

Auch der Gedankenaustausch kommt nicht zu kurz, entweder abends bei einem Moselwein im geräumigen Gewölbekeller des Klosters oder zum Sonnenuntergang bei einem Bier in der Dreibank-Sitzecke unweit der Kirchenfassade. Einige Teilnehmerinnen berichten von einschlägigen Erfahrungen, die sie bereits an anderen Orten in Deutschland mit dem Klosterurlaub gemacht haben: zum Beispiel mit dem liturgischen Gesang der Gregorianik in der Allgäuer Benediktinerabtei Ottobeuren.

Andere wiederum schwören auf Wellness-Klosterwochen im Bayerischen Wald und dabei besonders auf die Stressbewältigung durch angeleitetes Einüben in „Achtsamkeit“. Oder auf Besinnungstage in Niederaltaich an der Donau, wo Bogenschießen und Atemübungen dazu dienen sollen, sich körperlich und mental neu zu entdecken.

Optimales Mischungsverhältnis

Urlaub im Kloster demnach als Alternative zu Sonne und Strand, zu Bergen und Seen? Niemand von denen mit SKR-Klostererfahrung will dies so stehen lassen. Vielmehr sehen sie in der Mischung von Einkehr und Klosterumwelt, von Kultur und Natur, ein optimales Mischungsverhältnis mit persönlichem Gewinn für Körper, Seele und Geist.

Und natürlich, wie nun hier in Springiersbach, für die eigene Stimme. Das Konzert in der Klosterkirche steht nun unmittelbar bevor, und das Vertrauen in die stimmlichen Fähigkeiten ist bei allen enorm gewachsen. „Mögen sie nur kommen!“ meint man in den Augen der Workshop-Teilnehmer zu lesen. Und dass ein jeder von ihnen eine gehörige Portion an Erinnerung und Können mit nach Haus nimmt, daran zweifelt nun niemand mehr.

Infos Klosterurlaub:

SKR Studien-Kontakt-Reisen, Web: www.skr.de, E-Mail: info@skr.de
Karmelitenkloster Springiersbach, Web: www.karmelitenorden.de/klosterspringiersbach.html

Unterstützungshinweis:

Die Recherche wurde unterstützt von SKR-Reisen.




Calvin in Genf.

Spitzbärtiger Bücherwurm – Johannes Calvin brachte Luthers Ideen in die weite Welt. Sein Wohnort Genf wurde zum „protestantischen Rom“

Genf, Schweiz (Kulturexpresso). Martin Luther ist gerade in aller Munde. Das Reformationsjubiläum erinnert an seinen Einfluss auf das Christentum. Dabei wird gern vergessen, dass es die Anhänger von Johannes Calvin waren, die das Gedankengut der Reformation in die Welt trugen; nach Schottland oder Nordamerika, bis in die Südsee.

Es wurde kritisiert, dass die Evangelische Kirche bei den Jubiläumsfeierlichkeiten so stark auf Luther setzt. Der eignet sich eben zu gut als Sympathieträger. Gutmütig und lebensfroh blickt er aus dem berühmten Cranach-Porträt. Luther liebte gutes Essen und die Musik; mit den einfachen Leuten sprach er auf Augenhöhe. Calvin dagegen – hageres Antlitz, ernster Blick und langer Spitzbart – wirkt eher einschüchternd. Während Luther sich als leutseliger Prediger verstand, war Calvin ein disziplinierter, pflichtbewusster Bücherwurm. Die Mitmenschen fürchteten seine Reizbarkeit und scharfe Ironie. Getroffen oder geschrieben haben sich die beiden Reformatoren übrigens nie.

1509, ein Vierteljahrhundert nach Luther, kommt Calvin im nordfranzösischen Noyon zur Welt. Als Theologiestudent in Paris überträgt Jean Cauvin seinen Namen ins Lateinische. Da die evangelisch Gesinnten in Frankreich verfolgt werden, zieht er bald in die Schweiz, wo sich die Anhänger der Reformation um Ulrich Zwingli scharen.

Calvin in Genf.
Die Rue Jean-Calvin in Genf. © 2017, Foto: Antje Rößler

Nur widerwillig lässt sich der Bücherwurm Calvin überreden, beim Aufbau des Kirchenwesens in Genf mitzuhelfen. 1536 hat sich die Stadt für protestantisch erklärt und zugleich die unabhängige Republik ausgerufen – per Volksentscheid.

Doch die ersten Reformversuche gehen schief. Calvin findet keine Mehrheit im Bürgerrat und wird verbannt. Während eines dreijährigen Aufenthalts in Straßburg nimmt er immer wieder an Einigungsversuchen teil, um die Wogen zwischen Protestanten und Katholiken zu glätten. Wie auch Luther, liegt Calvin eine Spaltung der Kirche fern.

Unterdessen versinkt in Genf das politische und kirchliche Leben im Chaos. Calvin wird eindringlich um Rückkehr gebeten. Und so lässt er sich 1541, mit 32 Jahren, endgültig in der Stadt nieder.

Seit jeher war Genf ein wichtiger Handelsposten – dank der günstigen Lage zwischen Alpen und Jura, der Rhone und dem türkis schillernden Genfersee. Die Handelswege kreuzten sich auf dem zentralen Marktplatz, der Place du Bourg-de-Four, der heute allerorten mit Cafés und ihren Außenterrassen bestückt ist.

Die Altstadt zwängte sich auf einem Hügel zwischen wuchtige Befestigungswälle. Noch heute begegnet man hier Calvin auf Schritt und Tritt: Die schmale, steile Straße, in der er wohnte, ist nach ihm benannt. In der mittelalterlichen Kathedrale, wo er einst predigte, steht sein hölzerner Lehnstuhl.

Abgesehen von den bunten Kirchenfenstern wirkt die Kathedrale karg, wurden doch Dekor und Malereien im Zuge der Reformation entfernt. Wer die 157 Stufen des Kirchturms erklimmt, wird mit einem Panoramablick auf Bergketten und See belohnt.

Neben der Kathedrale steht eine kleine, schlichte Kapelle mit Spitzbogen-Pforte, die Calvin als Hörsaal für seine Vorlesungen nutzte. Um den theologischen Nachwuchs zu schulen, gründete er die Akademie, den Vorläufer der heutigen Universität. So legte er die Weichen dafür, dass sich Genf zum „protestantischen Rom“ entwickelte.

Calvin in Genf.
Das Reformationsdenkmal in Genf. © 2017, Foto: Antje Rößler

Bald wurde die Stadt zur Zuflucht für verfolgte Glaubensgenossen aus Frankreich, Schottland, Holland oder Italien. Die Bevölkerung innerhalb der engen Stadtmauern verdoppelte sich auf rund 20.000 – sogar die Häuser mussten aufgestockt werden. Zugleich trugen die Fähigkeiten der Flüchtlinge – darunter Lehrer, Ärzte, Uhrmacher und Kaufleute – zu einer wirtschaftlichen Blüte bei.

Näheres über Calvin und seine Wirkung erfährt man im Museum der Reformation, das in einem prächtigen klassischen Stadtpalais residiert. Stundenlang könnte man hier im Musikzimmer den Klängen der Reformation lauschen; von Hugenotten-Psalmen bis zu Luther-Chorälen.

Ausflugswert bietet ein Besuch des Literaturmuseums Fondation Bodmer, das in den Weinhügeln liegt, mit weitem Blick über den See. Es besitzt zahlreiche Schätze der Reformationszeit: ein Plakat mit Luthers Thesen, einen Brief aus der Feder Calvins; oder eine reich dekorierte Gutenberg-Bibel, die einst dem Zaren gehörte.

Entlang der Seepromenade geht es zurück in die Stadt, wo ein riesiges Freiluft-Denkmal an die Ereignisse der Reformation erinnert. Es stammt von Paul Landowski, der auch die Christus-Statue in Rio de Janeiro entworfen hat. In Genf setzte er eine hundert Meter lange Mauer aus hellem Stein gegen den Befestigungswall des Altstadthügels. Davor stehen vier überlebensgroße Skulpturen, die Hauptfiguren der Genfer Reformation. Calvin, am Spitzbart leicht erkennbar, ist der zweite von links.

Nach seinem Tod 1564 wurde der ernste Reformator ohne Pomp beigesetzt; nicht einmal einen Grabstein wollte er. Seine Grabstätte auf dem Genfer Prominenten-Friedhof besteht aus kniehohen immergrünen Büschen, umringt von einem gusseisern Zaun, davor eine nackte Steinplatte – schlicht und schmucklos, wie es Calvins Charakter entspricht.

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Mehr touristische Informationen über Genf unter https://www.geneve.com/de im Weltnetz.




Sara de Ascaniis

Heute oder nie? Moon Suk wird ihren Salon weltreisebedingt schließen – Zu Gast: die Pianistin Sara de Ascaniis

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Moon Suk reiste 1989 zu einem Aufnahmestudium nach Deutschland, seitdem hat sie hier eine beispiellose Karriere hingelegt und das Kunst- und Musikleben entscheidend bereichert. Seit 3 Jahren ließ sie die Berliner Salonkultur wieder aufleben und zieht hervorragende junge Künstler an. Diesmal die Pianistin Sara de Ascaniis. Die Italienerin ist bei der Koreanerin zu Gast, doch Länder zählen schon lange nicht mehr in der Welt der Musik. Sprachen, ja. Sara de Ascaniis hat beim Lesen der Noten und Partituren zweifellos einen Heimvorteil, da sie als Muttersprachlerin nicht erst lernen muss, was adagio bedeutet, oder andante oder piano. Das Piano, Klavier, der Flügel ist ihr Instrument. Sie studierte in Vicenza in Venetien, das ca. 60 Kilometer nordwestlich von Venedig liegt. Die norditalienische Großstadt mit etwa 112.000 Einwohnern ist unter anderem für ihre Keramik und Musikintrumente bekannt. Andrea Palladios Renaissancebauwerke führten zur Anerkennung eines Unesco-Welterbes.

Sara de Ascaniis‘ Italien

Sara de Ascaniis Eltern sind Musiker, haben aber ihr aber alle Freiheit gelassen. Nach einer Veranstaltung wiederholte die Zweieinhalbjährige das gerade mehrfach gehörte Hauptthema am Klavier, was bei den Eltern Erstaunen auslöste und sie langsam an das Instrument heranführen ließ. Von Schulbeginn an begann dann eine zehnjährige Ausbildung. Es ist diese Freiheit und Freiwilligkeit, die Sara de Ascaniis‘ Ausdruck und Entfaltung ermöglicht gemacht hat. „Perfekte“ Pianisten, deren technische, teils seelenlose „Perfektion“ wenig lebendig und noch weniger herzlich ist, deckeln einen Teil ihrer Persönlichkeit, um in einem kleinen Teilbereich bessere Ergebnisse zu erzielen. Professor Bernd Senf würde von Unterdrückung der Lebensenergie sprechen.

Qualität durch Freiheit und Freiwilligkeit

Dass Sara de Ascaniis‘ Entwicklung wunderbar und in Freiheit geschah, ist nicht anders vorstellbar. Wenn sie als Violinduo mit Julia Pérez Gámez auftritt, ist ihre Fähigkeit, ganz im Spiel zu versinken und gleichzeitig perfekt mit ihrer Partnerin zu harmonieren, voll ausgebildet. Ein Genuss, dies zu beobachten. Der Musikgenuss ergibt sich von ganz allein.

Moon Suks Verdienst, ist es immer wieder solche begnadeten Talente aufzuspüren, die doch sehr menschlich sind. Von Moon Suks Kunst und Gesang – die Sopranistin beherrscht allein 500 Stücke auswendig – wäre noch viel zu berichten.

Moon Suk setzt sich in einen VW-Bus und ist dann einfach mal weg

An dieser Stelle kurz der Hinweis, dass ihre Berliner Tage vorübergehend gezählt sind. 2018 wird sie auf eine vielleicht anderthalbjährige Weltreise gehen – in einem VW-Bus? – und unterwegs mit örtlichen Künstlern auftreten. Ein Datum der Wiederkehr wurde nicht festgelegt.

Der monatliche Salon pausiert auf unbestimmte Zeit – was das heißen kann, wissen wir vom ICC

Der monatliche Salon wird also ab Anfang der Jahres auf unbestimmte Zeit aussetzen. Die 1000 glücklichen Zuhörer ihre monatlichen Salons und diejenigen, die es bisher nicht schafften, werden wohl jetzt zum Run auf die Eintrittskarten ansetzen. Lediglich 50 werden für die Beletage in der Charlottenburger Altbauwohnung am Olivaer Platz verkauft.
Als einmal 70 Musikliebhaber Einlass begehrten, wurde es einfach zu eng.

Zu allem Guten obendrauf gibt es auch noch ein selbstzubereitetes schwäbisch-koreanisches Dinner-Büfett.

Sonntag, 15. Oktober 2017: „Musikalisches Oktoberfest“ im Salon Moon

www.moonsuk.de
(Nicht nur zum Salon, sondern auch zu Vita und Werk Moons.)

Der Salon Moon ist ja kein Auslaufmodell, aber ein Beweis für die Wandlungsfähigkeit des „Gesamtkunstwerks“ Moon: www.salonmoon.de

Mond und Sterne zum Anfassen – Exklusive Kultur-und-Wellness-Reise mit Wladimir Kaminer und Moon Suk