Kunst und mehr – auf dem See und um den See herum

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Eine Pressekonferenz über Kunst in Bregenz. © 2017, Foto: Midou Grossmann

Bregenz, Österreich (Kulturexpresso). Sicherlich ist die Bodenseeregion eine der ältesten Kulturlandschaften Europas, denn nicht nur Kelten, Alemannen und Römer siedelten hier. Die ältesten Pfahlbauten datieren auf 3500 vor Christus und erzählen von einer vergessenen Welt, die dennoch fühlbar ist. Vielleicht hat der See diese Vergangenheit gespeichert und sensible Menschen hören das Flüstern der Geschichte hier intensiver als in unseren lauten, modernen Städten. Diese Region war immer eine von der Natur geformte Einheit, auch wenn politisch gezogene Grenzen den Austausch zuweilen störten. Heute ist Europa sicherlich hier am intensivsten fühlbar und die Spannungen, die Brüssel vielerorts verursacht, werden traditionsgemäß nicht so ernst genommen. Fast fühlt man sich im ‚Exil‘ am See, und viele Menschen denken, dass eine Erneuerung Europas durchaus hier entstehen könnte. Bregenz mit dem Vorarlberger Rheintal ist der viertgrößte Ballungsraum Österreichs. 250.000 Menschen aus 100 Herkunftsländern leben hier. Wirtschaftliche Dynamik und Migrationsbewegungen führen zu weiterem Wachstum.

Kunst hatte immer einen besonderen Stellenwert in dieser Region, die grandiose Natur beflügelt wohl das kreative Schaffen der Menschen am See und drum herum. Bregenz, Rheintal und Bregenzerwald arbeiten an einer Bewerbung für die Europäische Kulturhauptstadt 2024. Überall im Ländle wird diskutiert und geplant. Doch auch alltagsmäßig ist das Kulturangebot enorm vielschichtig. Musik, Lesungen, Diskussionen, Ausstellungen, Theater und noch so manches mehr sind täglich zu besuchen. So wundert es den Besucher auch nicht, dass man schon im ersten Nachkriegsjahr die Bregenzer Festspiele auf zwei Lastkähnen gestartet hat. Aktuell wurde die Saison 2018 nun vorgestellt. Auf dem See wäre dann wieder Bizets ‚Carmen‘ zu erleben, die im letzten Sommer 193.000 Besucher anzog. Eröffnet werden die Festspiele am 18. Juli 2018 mit einer Rarität, der österreichischen Erstaufführung der Oper ‚Beatrice Cenci‘ von Berthold Goldschmied (1903-1996). Brigitte Fassbaender inszeniert den ‚Barbier von Sevilla‘ und leitet erneut eine öffentliche Meisterklasse. Weitere Programmdetails sind auf der Homepage abrufbar.

Doch nicht nur im Sommer gibt es große Kultur in Bregenz, nein, eine aktive Theaterszene ist über das gesamte Jahr in verschiedenen Theatern zu erleben. So muss man eine beachtenswerte Premiere im Theater Kosmos erwähnen: Die deutschsprachige Erstaufführung ‚Tod eines Komikers‘ von Owen McCafferty, eine herbe Kritik an einem erbarmungslosen Showsystem, wurde zu einer bewegenden Anklage gegen die Mechanismen einer ausbeuterischen Unterhaltungsbranche, bei der der einzelne Künstler als Mensch oftmals auf der Strecke bleibt. Immer stärker wird hier der Agent, das Management, zum skrupellosen Spekulanten, der nur den eigenen Profit sucht und mit Kunst so gar nichts am Hut hat.

Für den bekannten Schauspieler Dominique Horwitz war die Rolle zum hochgepuschten Komiker Steve eine Traumpartie. Er konnte alle Register seines Könnens zeigen. Angefangen vom etwas unbeholfenen Komiker, der in drittklassigen Etablissements auftritt, bis hin zum steppenden Star, der große Hallen füllt, aber am Leben allgemein scheitert. Marcus Widmann spielt den skrupellosen Agenten mit enorm viel Gestaltungsvermögen und Facettenreichtum, ebenso grandios Lisa Hofer, die die unglückliche Freundin und das Gewissen von Komiker Steve darstellt. Dieses Drei-Mann-Theaterspiel könnte als Lehrstück in Sachen Vermarktung für jeden angehenden Künstler lehrreich sein. Doch bleibt immer die Frage, wie weit gibt man sich selbst preis auf der Leiter zum Erfolg und finanzieller Sicherheit? Wahre Ideale sollten nicht verkauft werden, doch jeder entscheidet für sich allein. Bis zum 7. Dezember darf im Theater Kosmos noch darüber reflektiert werden.

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