Kunst und mehr – auf dem See und um den See herum

Bregenz, Österreich (Kulturexpresso). Sicherlich ist die Bodenseeregion eine der ältesten Kulturlandschaften Europas, denn nicht nur Kelten, Alemannen und Römer siedelten hier. Die ältesten Pfahlbauten datieren auf 3500 vor Christus und erzählen von einer vergessenen Welt, die dennoch fühlbar ist. Vielleicht hat der See diese Vergangenheit gespeichert und sensible Menschen hören das Flüstern der Geschichte hier intensiver als in unseren lauten, modernen Städten. Diese Region war immer eine von der Natur geformte Einheit, auch wenn politisch gezogene Grenzen den Austausch zuweilen störten. Heute ist Europa sicherlich hier am intensivsten fühlbar und die Spannungen, die Brüssel vielerorts verursacht, werden traditionsgemäß nicht so ernst genommen. Fast fühlt man sich im ‚Exil‘ am See, und viele Menschen denken, dass eine Erneuerung Europas durchaus hier entstehen könnte. Bregenz mit dem Vorarlberger Rheintal ist der viertgrößte Ballungsraum Österreichs. 250.000 Menschen aus 100 Herkunftsländern leben hier. Wirtschaftliche Dynamik und Migrationsbewegungen führen zu weiterem Wachstum.

Kunst hatte immer einen besonderen Stellenwert in dieser Region, die grandiose Natur beflügelt wohl das kreative Schaffen der Menschen am See und drum herum. Bregenz, Rheintal und Bregenzerwald arbeiten an einer Bewerbung für die Europäische Kulturhauptstadt 2024. Überall im Ländle wird diskutiert und geplant. Doch auch alltagsmäßig ist das Kulturangebot enorm vielschichtig. Musik, Lesungen, Diskussionen, Ausstellungen, Theater und noch so manches mehr sind täglich zu besuchen. So wundert es den Besucher auch nicht, dass man schon im ersten Nachkriegsjahr die Bregenzer Festspiele auf zwei Lastkähnen gestartet hat. Aktuell wurde die Saison 2018 nun vorgestellt. Auf dem See wäre dann wieder Bizets ‚Carmen‘ zu erleben, die im letzten Sommer 193.000 Besucher anzog. Eröffnet werden die Festspiele am 18. Juli 2018 mit einer Rarität, der österreichischen Erstaufführung der Oper ‚Beatrice Cenci‘ von Berthold Goldschmied (1903-1996). Brigitte Fassbaender inszeniert den ‚Barbier von Sevilla‘ und leitet erneut eine öffentliche Meisterklasse. Weitere Programmdetails sind auf der Homepage abrufbar.

Doch nicht nur im Sommer gibt es große Kultur in Bregenz, nein, eine aktive Theaterszene ist über das gesamte Jahr in verschiedenen Theatern zu erleben. So muss man eine beachtenswerte Premiere im Theater Kosmos erwähnen: Die deutschsprachige Erstaufführung ‚Tod eines Komikers‘ von Owen McCafferty, eine herbe Kritik an einem erbarmungslosen Showsystem, wurde zu einer bewegenden Anklage gegen die Mechanismen einer ausbeuterischen Unterhaltungsbranche, bei der der einzelne Künstler als Mensch oftmals auf der Strecke bleibt. Immer stärker wird hier der Agent, das Management, zum skrupellosen Spekulanten, der nur den eigenen Profit sucht und mit Kunst so gar nichts am Hut hat.

Für den bekannten Schauspieler Dominique Horwitz war die Rolle zum hochgepuschten Komiker Steve eine Traumpartie. Er konnte alle Register seines Könnens zeigen. Angefangen vom etwas unbeholfenen Komiker, der in drittklassigen Etablissements auftritt, bis hin zum steppenden Star, der große Hallen füllt, aber am Leben allgemein scheitert. Marcus Widmann spielt den skrupellosen Agenten mit enorm viel Gestaltungsvermögen und Facettenreichtum, ebenso grandios Lisa Hofer, die die unglückliche Freundin und das Gewissen von Komiker Steve darstellt. Dieses Drei-Mann-Theaterspiel könnte als Lehrstück in Sachen Vermarktung für jeden angehenden Künstler lehrreich sein. Doch bleibt immer die Frage, wie weit gibt man sich selbst preis auf der Leiter zum Erfolg und finanzieller Sicherheit? Wahre Ideale sollten nicht verkauft werden, doch jeder entscheidet für sich allein. Bis zum 7. Dezember darf im Theater Kosmos noch darüber reflektiert werden.




Eingang "Heldenmarkt" in der Station Berlin am Gleisdreieck.

Hier kein japanisches Wasser trinken, sondern denken? Wer weiße Weihnachtsgeschenke will, wandert zum „Heldenmarkt“

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Dinge ehrlich und mit ökologisch-reinem Gewissen zu erwerben, ist für das Herz ein Gedicht. In der deutschen Hauptstadt wurde dafür der Heldenmarkt erfunden. Nachdem das Deutsche Reich von 1914 mit Kaiser unterging, und das sinnlose, brutale Massensterben weder das Vaterland noch Deutschland retten konnte, brauchte es eine neue Heldendefinition.

Mit viel Humor und wahrem Kern hört man den Namen dieses Marktes immer gern.

Mit einem Schmunzeln geht man an den Plakaten vorbei.

Helden bis ins Mark

Süßigkeiten und Lebensmittel,
Schals, Handschuhe, Kittel,
Mützen und andere Textilien,
keine Froschschenkel und Reptilien,

das alles gibt‘s auf dem „Heldenmarkt“ zu kaufen,
und wer gut ist, kommt gelaufen,
mit dem Rad, Bus oder U-Bahn,
doch nicht mit Auto angefahrn!

Das ist doch klar:
Das böse Auto war,
der gute Held ist;
die gute Heldin ißt,

nicht was auf den Tisch,
sondern war aus der Näh‘ kommt,
dann ist es noch frisch,
und – bekommt.

Regional ist das Stichwort,
von hier und nicht von dort,
soll, muss alles herstammen,
um niemanden zu verdammen.

Her mit dem Geld,
Du bist ein Held!

Grüner wird‘s nicht? Ende der Märchenstunde?

Kathrin Hartmann schrieb 2009 das in München verlegte, begrenzt überzeugende Buch „Ende der Märchenstunde. Wie die Industrie die LOHAS und Lifestyle-Ökos vereinnahmt“. (Der Duden definiert eine Loha als ‚weibliche Person mit überdurchschnittlichem Einkommen, die versucht, Konsum und Genuss mit Umweltbewusstsein zu kombinieren‘. Nicht ganz so weiblich ist der geschlechtsneutrale Ursprung des Kurzwortes aus dem Englischen: Lifestyles of Health and Sustainability, etwa: Gesundheits- und Nachhaltigkeitslebensweisen. Er schließt alle Geschlechter ein. Paul H. Ray verwendete 2000 das Akronym erstmals in dem Buch „The Cultural Creatives: How 50.000.000 People Are Changing The World“ (zusammen mit Sherry Ruth Anderson, Ph.D., Harmony Books Publishers, New York). In der BRD wird der Begriff seit 2007 bekannter.)

Das Werk von Frau Hartmann erschien im Verlag „Blessing“, ob es wirklich ein Segen ist, möge jeder selbst entscheiden.

Denn Kleinvieh macht auch Mist und jeder Schritt in die richtige Richtung hilft.
Nicht umsonst gibt es Slogans wie „Weltweit denken, örtlich handeln“ (‚Think globally, act locally‘), genauer: „Im weltweiten Zusammenhang denken, vor Ort handeln!“

Ein weiterer griffiger, origineller, doppeldeutiger Titel von Frau Hartmann ist „Grüner wird’s nicht – Eine Kritik des ethischen Konsums“, ein Beitrag neben denen von Sandra Dusch Silva – „Was bringen Öko-Siegel und Standards wirklich?“ – Kirsten Brodde – „Kritik von Mode als Wegwerfware“ – und anderen in „Presente“ – dem Bulletin der Christlichen Romero-Initiative e.V. 2/ 2014. Christentum und Ökologie gehen oberflächlich zusammen, zudem sich die Kirche etwas einfallen lassen musste, nachdem die Gläubigen in Scharen davonliefen. Doch für viele enge Bibelausleger, Exegetiker, hat der Verbrauch von leidlos Hergestelltem wenig Sinn. Zum einen ist Christentum ohne Leid nicht vorstellbar, weiterhin die Weltgeschichte vorherbestimmt und nicht änderbar; die Welt also nicht rettbar.

Kathrin Hartmann: „Ende der Märchenstunde“, Blessingverlag, ISBN 3896674137 (ISBN-13 9783896674135).




Cézanne, Gauguin, van Gogh: Rückkehr alter Meister. „Gauguin“ jetzt im Kino, „Loving Vincent“ Ende des Jahres, ein Spielfilm aus Ölgemälden

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Seit den 60ern Jahren hat man das Gefühl: Alle Musiker, die noch leben, treten immer weiter auf. Zwar gibt es auch neue Bands, doch das Abtreten alter geht anders, oder gar nicht. Die Klassik wird auch immer wieder aufgeführt: Mozart, Beethoven und unübertroffen: Bach. Warum also sollten alte Meister „aussterben“, in Vergessenheit geraten? Das Medium Film trägt dazu bei, sich zu erinnern.

Paul Cézanne, 1839-1906, in Aix-en-Provence.
Es gibt u.a. die Cézanne-Filme Danièle Huillets (1936-2006, Paris/Cholet) und Jean-Marie Straubs, „Cézanne im Gespräch mit Joachim Gasquet“ (1989) und „Une Visite au Louvre“ (2003).
Siehe Artikel vom 5. Oktober „Sag‘s den Steinen bis wir beginnen etwas zu sehen“.

Eugène Henri Paul Gauguin, 1848-1903, geboren in Paris, gestorben in Atuana auf Hiva Oa, einer der Marquesas-Inseln (frz. Archipel des Marquises, eigentlich Henua‘enana (‚die Erde der Männer‘), 1000 Meilen nordöstlich von Tahiti in Französisch-Polynesien.

„Gauguin“ jetzt im Kino (seit dem 2.11., französischer Originaltitel (OT) „Gauguin – Voyage de Tahiti“, Frankreich 2017). U.a. im Cinema Paris am Charlottenburger Kurfürstendamm in Berlin. Spielt in Paris und ab 1891 in Tahiti; in die Hauptstadt kehrte er einmal zurück. Später lebte er in Ost-Polynesien. Der 5 Jahre jüngere Vincent van Gogh war bereits gestorben, als Paul Gauguin in der Südsee ankam.
Mit Vincent Cassel als Hauptdarsteller, Tuheï Adams als Tehura, seiner Muse und Modell seiner bekanntesten Gemälde, die auch Teha‘amana hieß; Malik Zidi (Henri Vallin), Pua-Taï Hikutini, Pernille Bergendorff (Mette Gauguin), Marc Barbé (Mallarmé), Samuel Jouy (Emile Schufenecker), Ian McCamy (Le violoniste) und anderen. Regie: Édouard Deluc.
Gedreht im Herbst 2016 u.a. in Französisch-Polynesien.
Kamera: Pierre Cottereau; Schnitt: Guerric Catala; Casting: Julie Navarro; Kostüme: Céline Guignard-Rajot; Musik: Warren Ellis; Produktion: Bruno Levy; Länge: 102 Minuten.

Paradies – Die Leidenschaften des Paul Gauguin„, (OT: „Paradise Found“ Australien 2003), mit Kiefer Sutherland als Paul Gauguin und Nastassja Kinski als Mette Gauguin

„Die Augen des Wolfes“. (OT: „Oviri“ [bedeutet in der Landesprache soviel wie ‚wild‘] bzw. „Gauguin, le loup dans le soleil„, engl. „The Wolf at the door“, eine dänisch-französische Koproduktion aus den Jahren 1985/86), mit Donald Sutherland als Paul Gauguin. Der Spielfilm war in Venedig im Wettbewerb.

Vincent van Gogh – Ein Leben in Leidenschaft„. (OT: „Lust for life„; USA 1956)
Mit Kirk Douglas als Van Gogh und Anthony Quinn als Gauguin, der dafür den Oscar gewann.

Vincent & Theo“ (NL, GB, F, I, D 1990). Tim Roth als van Gogh, Paul Rhys als Theo van Gogh, Kitty Courbois als Anna van Gogh, Wladimir Yordanoff als Paul Gauguin. 138 Minuten. Ursprünglich ein mehrteiliger Fernsehfilm, dann gekürzt und in einem Stück in die Kinos gekommen.

Vincent van Gogh 1853-1890, geboren in Groot-Zundert, gestorben in Auvers-sur-Oise, Département Val d‘Oise, Region Île-de-France, gut 30 Kilometer vom Pariser Zentrum entfernt.

Der polnisch-englische Spielfilm „Loving Vincent“ ist der erste, der nur aus Ölgemälden besteht (etwa 35.000). Bundesweiter Kinostart am 28. Dezember 2017.
(Die Entscheidung, ob die alten Meister nach Alter oder Alphabet zu ordnen sind, fiel leicht.)

Aktuell:
Berliner Kinos zum bundesweiten Start von „Gauguin“ am Donnerstag, den 2. November:
CAPITOL DAHLEM, U-Bahnhof Thielplatz, jetzt „Freie Universität“, Linie U3

CINEMA PARIS, Charlottenburg, U-Bahnhof Uhlandstraße, Linie 1

CINEMAXX POTSDAMER PLATZ, Tiergarten, Mitte, U2

FILMTHEATER AM FRIEDRICHSHAIN, Bus 200

HACKESCHE-HÖFE-FILMTHEATER, Mitte, S-Bahnhof Hackescher Markt, Stadtbahn

KINO IN DER KULTURBRAUEREI, Prenzlauer Berg (Bezirk Pankow), U-Bahnhof Eberswalder Straße, U2

YORCK-KINO, Yorckstraße, Kreuzberg, U-Bahnhof Mehringdamm, U7

Kinostarts in verschiedenen Ländern(Auswahl):

Im Produktionsland Frankreich: 20. September 2017
Bundesrepublik Deutschland, Ukraine (unter dem Titel „Dikin“ (etwa: der Wilde, vergleiche den Titel „Oviri“ (s.o.)): 2. November 2017




Garten der Akademie der Künste im Hanseatenweg im Hansaviertel bei Nacht.

Sagen Sie’s den Steinen… BIS WIR BEGINNEN, ETWAS ZU SEHEN! Rencontre II am 10. und 11. 11., Retrospektive endet am 5. November im Fsk mit Christophe Clavert live

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Die Avantgarde ist bisweilen die Justiz. So in den 80ern, als das Bundesverfassungsgericht das Recht auf informationelle Selbstbestimmung festhielt. Wahrhaft prophetisch angesichts der Bedrohungen dieses Rechts jedes einzelnen durch neue Technik und Begehrlichkeiten großer Unternehmen.

Die am Tiergarten angesiedelten Häuser der Akademie der Künste und der Kulturen der Welt sprengen ebenfalls die Enge des durchschnittlichen Denkens. Die Akademie der Künste im Hansaviertel trägt dem frischen Wind der Hanse Rechnung. In frischer Luft lässt es sich besser denken.

Während die Bevölkerung den Kunstbegriff wohl enger zieht – Kunst wird dort ausgestellt, die Akademie lehrt – denken sich die Akademiker immer neue Querverbindungen aus und weichen Grenzen auf.

Kunst, Kino, Musik – drei klar getrennte Rubriken, nicht wahr? Schon die Architektur lässt ahnen, dass dem hier nicht so ist. Der „Kinosaal“ der Akademie ist ein Mehrzwecksaal mit einer Bühne; das Publikum sitzt vorn – oder hinten, wie bei den Buchpräsentationen und Lesungen aus „Die Schraube“, „El Tornillo“ und „Potslom“ aus Lino Santacruz‘ Alamos-Verlag. Oder beiderseits der Bühne.

Wo ist überhaupt vorn und hinten? Man sieht schon, herkömmliche Grenzen verschwimmen. Die Moderne bricht auf oder gibt zu denken.

Das Ganze ist recht gehirnig. In dem Sinne, dass auch im Gehirn, mit dem viele täglich denken, die Sache nicht so einfach ist, wie sich viele vorstellen.

Das beginnt schon mit dem oben und unten, vorn und hinten.

Computer-Tomographien kranker Gehirne, Schichtaufnahmen, lassen zum Beispiel vermuten, dass „da vorne“ etwas geschrumpft sei oder „am Rand“.

Unsere zwei- und dreidimensionalen Denkgewohnheiten, die durch Fernsehen, Twitter & Co. teils noch verkleinert und verengt werden, reichen zum Verstehen und Beschreiben des Geschehens nicht aus.

Längst haben die Neurowissenschaftler noch nicht alle Rätsel gelöst.

Seele, Hypophyse, drahtlose Kommunikation von Mensch zu Mensch, Träume und Liebeskummer – restlos erklärt ist das alles nicht.

Die Akademie, Ort des Forum Expanded der Berlinale

Zurück in die Akademie. Das an die Grenzen normalen Verständnisses und gewöhnlicher Rubriken stoßende „Forum expanded“ der Berlinale ist auch ein Beispiel von grenzüberschreitenden Begegnungen. Immer wieder am Hanseatenweg stattfindend.
Das nächste Mal wohl im Februar. Voriges Mal war es im Februar.
Ob wir nach vorn oder zurückblicken, wir erhalten dasselbe Ergebnis.
Das kann auch der Kreis.

Grenzüberschreitungen

Von der vorübergehenden Aufhebung des Rechtsstaats im September 2015 mal abgesehen: Vielleicht sind die grenzüberschreitenden Migrantenströme des 21. Jahrhunderts Zeichen der Zeit. Nicht zwingend biblisch angekündigt, jedoch Denkvorgänge abbildend.

Gedanke, Wort und Handlung

Gedanke, Wort und Handlung folgen üblicherweise aufeinander. Das Wort kann weggelassen werden.
Viele Handlungen, seien sie nun schnell vorgenommen, wie das Löschen einer umgekippten Kerze, hinterrücks – wer kündigt ein Verbrechen schon an – oder von einem wortkargen Menschen ausgeführt, geschehen ohne Worte.
Sogar Karikaturen und Witze ohne Worte gibt es.

Immer steht vor der Handlung der Gedanke

Doch immer steht vor der Handlung der Gedanke. Irgendetwas müssen sich die Migranten gedacht haben, bevor sie sich mit Handy und Bündel aufmachten. Das Tele-phon transportiert den Klang, Musik und Sprache schon seit Reis weit über (die) Grenzen.
Die Rechner der Welt zeigen auf Bildschirmen das Innere des Vatikans genauso wie Norwegens Einöde und die Straße des 17. Juni vor dem Brandenburger Tor.

Der Satz „Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann“ weist in seiner humorvollen Unvollkommenheit in die richtige Richtung.

Der Werbespruch eines Reiseführerverlages „Man sieht nur, was man weiß“ ebenso.

Wenn wir uns mit dem Jetzt von Danièle Huillets und Jean-Marie Straubs Werk beschäftigen, „bis wir beginnen, etwas zu sehen“, könnte das den Horizont erweitern.

Was sehen wir denn?

Was sehen wir denn?
Bevor man nicht von anderen darauf hingewiesen wird, sehen wir manchmal noch nicht einmal den WALD VOR BÄUMEN.

Die obige in der Akademie der Künste aufgenommene Photographie ist bestimmt nicht das, was wir erwarten, wenn wir uns ein Bild von der Akademie machten.
Und selbst das, was wir auf dem Bild sehen, ist nicht einstimmig feststellbar.
Der eine sieht „nichts“, der andere „grün“, der Dritte bemerkt immerhin die Personen, die sich in der Fensterscheibe spiegeln, die an sich unsichtbar ist.

Eiernde Planeten

Ähnlich wie in der Astronomie manche Himmelskörper nur wegen der merkwürdig eiernden Bahnen eines Nachbarn entdeckt wurden, von einem klugen Kopf entdeckt wurden,
„sehen“ wir die Scheibe nicht, sondern „erkennen“ sie durch die Spiegelung.

Das Treffen mit Peter Nestler, Christophe Clavert, Florian Schneider, Mikhail Lylov, Elke Marhöfer, Patrick Primavesi und Ute Holl

Das Treffen „Rencontre II“ zum Abschluss der Ausstellung greift die Fäden des bisher Gesagten und Gesehenen auf, spitzt Fragen und Erkenntnisse zu, um auf verschiedene Weise in der Gegenwart anzukommen. Der Titel des Rencontre II lehnt sich an die beiden Cézanne-Filme Danièle Huillets und Jean-Marie Straubs, „Cézanne im Gespräch mit Joachim Gasquet“ (1989) und „Une Visite au Louvre“ (2003, ‚Ein Besuch im Louvre‘), an und betont die Bedeutung, die das Werk des Malers und vor allem sein Verständnis des Sehens für beide Filmemacher hatte.
In Anwesenheit von Jean-Marie Straub und Barbara Ulrich (BELVA-Film).

Regisseur Peter Nestler und Kameramann Christophe Clavert – Gäste des Rencontre II
Akademie der Künste, Hanseatenweg, Studio, 16 und 19 Uhr

Am 10. November stehen mit dem Dokumentarfilmer Peter Nestler Filme im Mittelpunkt, die Nestler und Huillet/Straub dem jeweils anderen gewidmet haben – in einer jahrzehntelangen Freundschaft, die nicht zuletzt auf dem geteilten Respekt für den Akt des Sehens beruht. Auch Christophe Clavert, der bei den meisten der von Straub seit Huillets Tod (2006) realisierten Filme die Kamera geführt hat (u.a. „Kommunisten“, 2014), wird zum Rencontre und den letzten Programmen der Retrospektive (4. und 5.11. im Kino fsk) anwesend sein.

Öffentliches Seminar mit Florian Schneider und Interventionen von Mikhail Lylov, Elke Marhöfer, Patrick Primavesi, Ute Holl und anderen – auf Englisch

Wo und wann?
Akademie der Künste, Hanseatenweg am Tiergarten, Foyer, 14 bis 18 Uhr
Das Seminar am 11. November beschäftigt sich mit der Frage, was der von Serge Daney so genannten „Straub’schen Pädagogik“ zu Grunde liegt und welche Bedeutung diese in einem postdigitalen Zeitalter haben könnte.

Musikalische Inszenierung des Antigone-Scripts von Huillet/Straub

New Composers Collective (Spin-Off von Mouse on Mars) und Astrid Ofner
Wann und wo? Akademie der Künste, Hanseatenweg, Studio, 19 Uhr

Ganz in der Gegenwart angekommen ist der Programmzyklus der Akademie der Künste zu Huillet/Straub mit der Uraufführung einer musikalischen Inszenierung des Antigone-Scripts, die zum Abschluss des Rencontres am 11. November auf dem Programm steht.

Die Zusammenarbeit mit der Schauspielerin und Regisseurin Astrid Ofner, die in Huillet/Straubs Film von 1991 die Antigone verkörpert, ist das erste Projekt des New Composers Collective, eines Spin-Off-Projekts des Elektronikduos „Mouse on Mars“.

Das New Composers Collective (Jan St. Werner, Andi Toma, Matti Gajek und Michael Rauter) ist ein Zusammenschluss von Komponisten, Produzenten und Musikern, die sich außerhalb der traditionellen Kategorisierungen der Künste und Musik bewegen, mit anderen Künsten und Disziplinen zusammenarbeiten und experimentell neue Technologien, Kompositionstechniken und Aufführungsformate zusammenführen.

Veranstaltungsdaten:

Was? „Sagen Sie’s den Steinen“
Zur Gegenwart des Werks von Danièle Huillet und Jean-Marie Straub

Ausstellung
Wann? … bis 19. November 2017

Was? Treffen: Rencontres II „Bis wir beginnen, etwas zu sehen“
Wann? Am 10. und 11. November 2017.

Ort: Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, 10557 Berlin

Website:
huilletstraub-berlin.net




Tony Franz

Wider dem scheinbar schönen Schein – Tony Franz mit „SEND THEM TO US“

Dresden, Deutschland (Kulturexpresso). Sich ein wenig mit der beschissenen Boulevardpresse, die Macht der Bilder dieses Jauche-Journalismus und die Verführbarkeit des aus diesem Sudel-Pfuhl saufenden Publikums zu befassen, das kann nicht schaden. Im Gegenteil: Ein Besuch im Projektraum Neue Galerie, wo die Städtische Galerie Dresden seit dem 28. Oktober 2017 eine raumgreifende Arbeit von Tony Franz zeigt, bietet anhand von Abschaum Anregungen für Aufklärungen.

In einer Pressemitteilung der Museen der Stadt Dresden vom 24. Oktober 2017 heißt es zur Ausstellung: „Ausgangspunkt für Tony Franz‘ raumgreifende Installation war eine Online-Debatte zu verfluchter Kunst, auf die er zufällig gestoßen war. Sie bezog sich auf einen lange zurückliegenden Fall: In den 1980er Jahren hatte die Londoner Boulevardzeitung ‚The Sun‘ in einem Artikel suggeriert, Gemäldereproduktionen weinender Kinder des Künstlers Giovanni Bragolin (1911-1981) würden Brandkatastrophen auslösen. Nach zahlreichen bestätigenden Rückmeldungen von Lesern gipfelte die Geschichte in einem Aufruf der Zeitung, die Leser mögen der Redaktion ihre Exemplare des „Weinenden Jungen“ zusenden, um sie in einem großen ‚Massenfeuer‘ zu vernichten: ‚SEND THEM TO US‘.

Die Zeitungsartikel der ‚Sun‘ verwendete Tony Franz als Vorlage für seine Bleistift-Zeichnungen. In der künstlerischen Bearbeitung tritt der Inhalt mehr und mehr in den Hintergrund, während die Aufmachung der Seiten – die Schriftarten und -größen, die Fotos und Überschriften – in den Vordergrund treten. Schlieren, Überlagerungen, Leerstellen und Störungen verunklaren die freie Sicht. In seiner Rauminstallation befasst sich der Künstler mit der Macht des Bildes und dessen subtilen Mechanismen sowie mit der Verführbarkeit des Publikums, das selbst vor modernen Formen des Exorzismus nicht zurückschreckt.“

Darauf, dass Tony Franz dazu einlädt, „selbst aktiv zu werden und mit Neugierde und Entdeckerfreude Hintergründe freizulegen“, wird auch hingewiesen. Und das ist bei allen Abgründen, die sich in Hintergründen offenbaren, gut so.

* * *

Städtische Galerie Dresden, Wilsdruffer Straße 2, 01067 Dresden

Öffnungszeiten: dienstags bis donnerstags, samstags und sonntags von 10 bis 18 Uhr, freitags von 10 bis 19 Uhr, montags geschlossen

Eintritt: 5 Euro, ermäßigt 4 Euro, Gruppen ab zehn Personen 4,50 €, freitags ab 12 Uhr Eintritt frei, außer an Feiertagen




Rosaana Velasco vor dem Portal

Freier Eintritt ins Cinemaxx 7 – Rosaana Velasco ante Portas! Kunst im Kino: „Breaking Religion – 500 Jahre Reformation“ in Berlin

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). 2000 Jahre sind eine lange Zeit. Nicht ausgeschlossen, dass da mal ein Geburtstag verrutscht, schließlich gab es zwischendurch verschiedene Kalender. 500 Jahre sind da schon etwas handlicher. Martin Schulz wird in 50 Jahren vielleicht schon nicht mehr erinnert werden, außer in SPD-Kreisen und seiner Familie vielleicht. Luther dagegen hat es geschafft. Mit dem gleichen Vornamen. Als ungläubiger Thomas wollte er Gottes Wort jeden Sonntag auf deutsch hören und weil es keine Vertonung gab, übersetzte er erst einmal selbst. Jetzt soll er das größte Cinemaxx-Kino am Potsdamer Platz füllen, den Saal 7.

Saal 7

Hier werden bei der Berlinale wichtige Filme aus dem „Panorama“ gezeigt mit Q&A auf der Bühne. Am Berlinale-Kinotag werden hier die Panorama-Publikumspreise bekanntgegeben und vergeben.
Niemand geringerer als Knut Elstermann persönlich moderiert die Preisverleihungen und übergibt die Awards in den Rubriken Spiel- und Dokumentarfilm.
Und hier, in diesem wunderschönen Saal im Herzen des Gebäudes, nun eine große Veranstaltung. Eben.

Nicht das tägliche Brot brechen

Da man ein größeres Publikum ansprechen möchte oder einem in der Muttersprache die Worte fehlen, heißt das „Event“ „Breaking Religion – 500 Jahre Reformation“. Oder ist das Brechen der Religion etwas, dass man nicht aussprechen möchte? Luther war Katholik, so wie Jesus Jude war. Das Schisma in Katholizismus und Protestantismus hat er verursacht, einen Keil getrieben ins Christentum, der die Ökumene gebar, die immer noch keinen haltbaren Kitt für die Trennung gefunden hat.

Die Feierlichkeiten zum Halbtausendjubiläum besuchen teils auch Katholiken, Agnostiker und Ungläubige. Sogar bei den Kommunisten und Sozialisten war ML nicht so unbeliebt, wie man vermuten könnte. Die Führungen zu den 95 Thesen, die Martin L. ans Kirchentor genagelt haben soll, fanden in Wittenberg unter DDR-Ägide und -Kontrolle statt. 1483 wurde M.L. geboren, der 500. Geburtstag 1983 begangen.
Briefmarken und 5-Mark-Stücke erschienen. 1546 starb der Übersetzer. Mal sehen, ob und wie 2046 gefeiert wird.

Der 31. Oktober 2017 ist in Deutschland ein bundeseinheitlicher Feiertag

Hier und heute geht es um das Annageln der Thesen. 95 Stück – nicht einzeln natürlich – an das Hauptportal der Schloßkirche zu Wittenberg. Die Stadt an der Elbe hat heute knapp 50.000 Einwohner und den Beinamen Lutherstadt.
Wann genau das passiert ist, daran erinnert uns seit vielen Jahren der Reformationstag, den man in Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt (hier liegt die Elbestadt mit der berühmten Kirche) und Thüringen feiert. Viele Brandenburger gehen dann in Berlin schoppen, da sie in ihrem Land nicht einkaufen können. Daraus wird in diesem Jahr nichts.

Das Risiko des Feiertags

Obwohl man vor ein paar Jahren gelernt hat, dass das Bruttosozialprodukt stark zunahm, wenn ein Feiertag weniger stattfand (oder an einem Sonntag) – einfach deswegen, weil einen Tag länger gearbeitet wurde – riskierte die alte Bundesregierung Mindereinnahmen durch Produktions- und Arbeitsausfall in 12 Bundesländern.
Entweder dachte sie „Nach uns die Sintflut, die Steuermindereinnahmen muss ja die nächste Regierung ausbaden“ oder der Anlass war ihr wichtig.

Den Nagel getroffen

„Aller Anfang ist schwer, sagte der Dieb und stahl einen Amboss.“ Vor dem Ruhm des Reformators stand das Handwerk. Einen Hammer muss der Augustiner-Eremit schon in die Hand genommen haben, um den Nagel auf den Kopf zu treffen. Wenn es gut werden soll, sollte man es besser selbst machen.

Der Tacker war noch nicht erfunden, Baumärkte gab es nicht und der Erfinder der Reißzwecke, ob es nun Heinrich Sachs war aus Wien, Johann Kirsten aus dem 200 Kilometer entfernten uckermärkischen Lychen in der Nähe von Templin oder ein unbekannter Dritter, war sicher noch nicht geboren. Soviel ist gewiss.

Hammer, Nagel, Papier

Das Werkzeug des Übersetzers war die Feder. Der Reformator schaffte den Durchbruch mit dem Hammer. 97 Thesen hatte er vorher verfasst, bekannt sind die 95 vom 31. Oktober.

Gib mir den Hammer

Nicht ausgeschlossen, dass Luther einen Mitbruder um das Werkzeug und Nägel bat.
Fest steht, dass am Ultimo des 10. Monats das Ereignis des Annagelns gefeiert wird, gleichzeitig die Veröffentlichung.
Es geht also nicht um ein allgemeines Datum aus Luthers Leben wie Geburts- oder Todesdatum, sondern das Festhalten eines Ereignisses, einer Aktion. Leiser als die Boston Tea Party, doch vielleicht mit durchschlagenderer Wirkung.

Die Christen und die Nägel

Auffällig, wie wichtig in der Religion der Christen die eingehämmerten Nägel sind.
Das Symbol des Christentums, das Kreuz, trug die eingehämmerten Nägel. Ohne die Kreuzigung kein Religionsbeginn, scheint es.
Doch immerhin rechnet die Christenheit heute 2017 Jahre nach Christi Geburt.

Der ins Tor dringende Nagel Luthers spaltete nicht nur ein kleines bisschen das Holz.
Kleines Nägelchen, große Wirkung.

Kein Tor, ein Portal

Ein Nagel drang in eine Tür und das Portal in eine neue Zeit öffnete sich.

1517, 1760, 1857

Am 31. des Monats Oktober also, 1517.
So die Überlieferung denn stimmt.

Die Kirche der Stadt ist ein halbes Jahrtausend später noch zu besichtigen.

Die Thesentür nicht.

Die heutige Tür: in Bronze getrieben

Heute sieht man eine rechteckige bronzene Tür mit Thesen, darüber musizierende Knaben auf dem waagerechten Kämpfer und oben, im Tympanon, der Schmuckfläche im Bogenfeld des Portals, ein Gemälde mit goldenem Himmel vor der Silhouette Wittenbergs. Es zeigt Christus ans Kreuz genagelt mit Inschrift INRI, rechts Melanchthon mit dem Augsburger Bekenntnis und links Luther mit der deutschen Bibel.

Zwei Gemälde

Das Gemälde, das am 29. Oktober 2017 in Kino Cinemaxx am Potsdamer Platz präsentiert wird, zeigt das große Tor. Durch die verklärte Erinnerung erscheint es vielleicht noch größer als das Original.
O-Ton Rosaana Velasco: „Heute ist die Präsentation meines größten Gemäldes meines Lebens.“

Die Deutschmexikanerin hat die künstlerische Freiheit. Diese brauchte sie auch dringend, denn 1760 verbrannte die Tür; als die Kirche ausbrannte, im Siebenjährigen Krieg.

Nie wieder Krieg

Man kann es nicht oft genug wiederholen: Nie wieder Krieg.
Der siebenjährige Krieg setzte auch dem Französischen als Weltsprache ein Ende. Die preußischen Könige verwendeten anfangs diese Sprache für ihre Korrespondenz. Friedrich II. brach mit Frankreich und verbündete sich mit England, das durch den 7jährigen Krieg zur unumstrittenen Weltmacht wurde mit dem größten Territorium der Weltgeschichte. Die Franzosen wurden in Nordamerika besiegt, Kanada und das Land, das heute die USA sind, wurden britisch.

Die Zerstörung der Thesentür an der Universitätskirche würde heute vielleicht als Kollateralschaden bezeichnet.

Die Schloß- und Universitätskirche, an der die Thesen prangten, wurde in den Befreiungskriegen erneut stark beschädigt. 1814 wurde die Stadt erstürmt.

Die Universität Wittenberg zog 1817, vor genau 200 Jahren, nach Halle (Saale).

Die Stadt kam durch den Wiener Kongress zu Preußen. Dessen König Friedrich Wilhelm IV., der für den Dänemark- und Baden-Feldzug verantwortlich war, stiftete angeblich 1858 das heutige metallene Tor, in das die Thesen eingraviert sind. Er tat dies am feierlich am 10. November, dem 375. Geburtstag Luthers.

Fridericus Gvilelmus IV Rex Portam

An der Tür steht ein mittellanger Text, der mit „Fridericus Gvilelmus IV Rex Portam“ beginnt und mit der Jahreszahl „1857“ endet. Friedrich Wilhelm hatte in jenem Jahr mehrere Schlaganfälle und zog sich aus der Regierungsverantwortung zurück, sein Sohn, der Prinz von Preußen, vertrat ihn. Am 7. Oktober 1858 unterschrieb der Vater die Regentschaftsurkunde und reiste am 12. Oktober nach Italien, um die verfassungsmäßige Bedingung eines längeren Auslandsaufenthalts einzuhalten.

Egal, ob 1857 oder ‘58, die Thesentür aus Metall erwies sich bisher als dauerhaft. Sie gehörte mit zu den letzten Dingen, die der preußische König seit seiner Krönung 1840 erfolgreich unternahm.

Friedrich Wilhelm IV. starb kurz nach Neujahr 1861 und wurde in der Potsdamer Friedenskirche bestattet.

In Wittenberg liegt Luther an der Seite Melanchthons begraben.

Augsburg

Die Stadt des Bekenntnisses, das Melanchthon auf dem Tympanon zeigt, hatte nach der Reformation Probleme, den Frieden zu wahren. Den heutigen gregorianischen Kalender hatte der Papst eingeführt. Das evangelische (protestantische) Augsburg wollte deshalb den julianischen Kalender beibehalten. Wegen dieses Kalenderstreits (Höhepunkt: 1584), der ohne Luther und Melanchthon unmöglich zustandegekommen wäre, kam es in Augsburg fast zum Bürgerkrieg.
Dies wäre ein (indirekter) Religionskrieg gewesen.

„Breaking Religion. Rule Breakers, Rebels & Reformers unite.“ – 500 Jahre Reformation
„Das Event am Potsdamer Platz“
29. Oktober 2017
3mal:
11 Uhr, 13 Uhr und 16 Uhr
Cinemaxx-Kino Potsdamer Platz
Kinosaal 7 –

„Eine besondere Show zum 500. Jahrestag der Reformation mit
Live-Theater & Gospelmusic feat. Andrew & Alaina Mack. Gastsprecher: Dr. Paul Louis Cole aus Dallas, USA.“

Veranstalter: „Berlin Church“

Eintritt frei




Das Gemälde "Pajaro Carpintero" von Rosaana Velasco

Im Tiergarten, im Tiergarten ist Kunstauktion. Versteigerung zugunsten der Erdbebenopfer in Mexiko-Stadt mit Werken von Bianca Monroy, Vanessa Enriquez, Rosaana Velasco u. a.

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Die Erdbeben in Mexiko vom 7. und 19. September waren nicht so schlimm wie das große in den 80ern, forderten aber dennoch viele Todesopfer und Verletzte, ließ viele ohne Hab und Gut obdachlos zurück. Nun verzichten 19 mexikanische Künstler, die dauerhaft oder vorübergehend in Deutschland leben, für den guten Zweck auf einen Teil ihres Hab und Guts. Der Erlös wird ans Deutsche Rote Kreuz (DRK) gespendet, das die Mittel nach Mexiko weiterleitet, um den Opfern zu helfen.

Werke von 21 Künstlern

Es sind 29 Werke von 21 Künstlern zu erstehen, darunter Alberto Castro Lenero, Ana Mena, Ángel Montes, Bianca Monroy, Filiberto Montesinos, Margarita Morales, Rosaana Velasco, Sergio Tapiro, Silvia Juárez, Vanessa Enriquez, Oscar Bätchold und andere.

Matthias Fischer hält den Hammer

Die Künstlerin Rosaana Velasco stiftete das Gemälde „Pájaro Carpintero“ (Tischlervogel) für die Auktion, die von einem Profi geleitet wird, dem deutschen Auktionator Matthias Fischer, Gründer von Lakeside Interiors und Spezialist für englische Kunst, der sich seit Jahren in der Branche auskennt.
Eingeladen hat das Netz „Red de Talentos Mexicanos“; die Vizepräsidentin Bianca Monroy stiftete selbst ein Werk. Sie ist Malerin und Bildhauerin. Präsident von „Red de Talentos“ ist Juan de Dios Ocampo.

Vielleicht kennt der eine oder andere noch das Volkslied

„Im Grunewald
im Grunewald ist Holzauktion

Der ganze Klafter Süßholz kost‘ ’nen Taler

der Forstgehilfe
küßt des Försters Tochter…“,

das uns zur Überschrift inspirierte.

Versteigerung für wohltätige Zwecke:

Mittwoch, 25. Oktober 2017, 17 Uhr in der Botschaft Mexikos in der Bundesrepublik Deutschland, Klingelhöferstraße 3, 10785 Berlin




Landesmuseum Mainz

Sonderausstellung „Landschaft und Skulptur“ – Landesmuseum Mainz zeigt Werke des Bildhauers Eberhard Linke

Mainz, Deutschland (Kulturexpresso). Der 1937 in Lauban, Schlesien, geborene Eberhard Linke, der seit über 50 Jahren Skulpturen aus Terrakotta und Bronze herstellt und in diesem Jahr mit der Max-Slevogt-Medaille ausgezeichnet wurde ist der renommiertesten Bildhauer Rheinhessens.

In der Hauptstadt des Bundeslandes Rheinland-Pfalz zeigt das Landesmuseum Mainz der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz (GDKE) eine Sonderausstellung mit dem Titel „Landschaft und Skulptur“, die am Sonntag, den 8. Oktober, um 16 Uhr im Beisein des Künstlers eröffnet wird.

Inmitten seiner Dauerausstellung werden zahlreiche Zeichnungen und Skulpturen des Bildhauers, die einen Überblick über das vielseitige künstlerische Schaffen von Eberhard Linke vermitteln, gezeigt.




Worpswede

Kunstpreis Worpswede 2017 für die Heilbronner Künstlergruppe BMP

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Am Kunstpreis Worpswede 2017 mit dem Thema „Auto – Macht – Mobilität“ sollen sich laut Kunstverein ART-Projekt Worpswede-Deutschland e.V. „ca. 370 Künstler/innen aus 29 Nationen beworben“ haben. Die öffentliche Kunstpreis-Verleihung fand am vergangenen Samstag, den 30. September 2017, im neuen Einbecker Mobilitätsmuseum PS.Speicher statt.

Ausgezeichnet wurde die Heilbronner Künstlergruppe BMP. Die drei Künstler bekamen die mit 10.000 Euro dotierte Auszeichnung für ihr Objekt „Universelle Mobilität“ verliehen, wie der Kunstverein mitteilte.

Die Jury, bestehend aus Rita Werneyer, Prof. Dr. Marion Pusch, Stefan Lang, Hargen Depelmann und Harro Schmidt nominierte 55 Künstler/innen. Laut Veranstalter soll der Kunstpreis Worpswede „herausragende Leistungen der bildenden Kunst“ würdigen. Er stelle als einziger Kunstpreis in Deutschland wirtschaftlich und politisch relevante Themen in den Fokus. Der Preis ist mit einer Gesamtsumme von 20.000 Euro, inklusive Publikumspreis, dotiert.




Carpe Diem – Ewiges Leben und Sieg über den Tod! Eine experimentelle Oper beschließt die Kosmismus-Ausstellung im Haus der Kulturen der Welt

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Ein Tag geschenkt, wo könnte man den besser verbringen als im Haus der Kulturen der Welt? Der 3. Oktober liegt an einem Dienstag. Nach dem ersten Besuch im Hause zum Thema Kosmismus blieb der Wunsch, tiefer zu gehen, doch ständig kam etwas dazwischen. Da endlich, der Tag der deutschen Einheit am Horizont! Nun wird’s was! Die Ausstellung „Art Without Death: Russischer Kosmismus“ ist zur Finissage sogar bis 22 Uhr geöffnet, Ausschlafen freigestellt.
Und es lockt ein von den Ideen des Russischen Kosmismus inspiriertes neues Werk mit einer digitalen Übersetzung von Klängen in visuelle Muster: Dorit Chrysler (Theremin, Sprechgesang) und Carsten Nicolai (Sampled ANS-Synthesizer) präsentieren um 20 Uhr eine Experimentaloper.

    Victory over Death!
    Победа над смертью!
    Sieg über den Tod!

Die Russische Revolution und die Entdeckungen jener Jahre ermutigten Künstler und Wissenschaftler zu Pionierarbeiten.
Dorit Chrysler und Carsten Nicolai schaffen mit verschiedenen Instrumenten, gesampelten Sounds und Bildern eine Performance, die an diese Geschichte anknüpft.

Der Erfinder Léon Theremin und das russische Saxophon

Der sowjetische Forscher Léon Theremin entwickelte das gleichnamige Instrument als eines der ersten elektronischen Instrumente überhaupt und ließ es 1928 patentieren.
Für „Sieg über den Tod!“ spielt Chrysler zwei speziell gefertigte Theremins: Die Peilantenne auf der linken Seite des Instruments kontrolliert die Lautstärke, während die aufgerichtete Antenne die Tonhöhe aussteuert. Die elektrischen Signale des Instruments werden verstärkt und an einen Lautsprecher gesendet.

Nicolai spielt gesampelte Sounds, die vom legendären ANS-Synthesizer generiert werden.
Das optoelektronische Musikinstrument ist eine Erfindung des sowjetischen Ingenieurs Evgeny Murzin (1914-1970) und nach dem Avantgardekomponisten Alexander (Nikolajewitsch) Skrjabin (A. N. S.) benannt. Der Moskauer Pianist und Komponist lebte von 1872–1915.

Exkurs: Namenkunde

Übrigens sagt niemand alle drei Teile des Namens. Man spricht man neutral von Alexander Skrjabin. Da der Familienname nicht selten ist, kann man den Vornamen dazusagen. Zudem auch Alexanders Sohn Julian (1908-1919) Pianist und Komponist wurde. Russische Musiker würden unter sich im vertrauten Ton auch von Sascha Skrjabin sprechen. Dieser Vorname ist nicht wie im Deutschen (Sascha Hehn) eigenständig, sondern ein Diminutiv von „Alexander“ wie das im Deutschen, Englischen und vielen anderen Sprachen gebräuchliche Kurzwort Alex.
Solange er lebte, wurde Skrjabin selbst mit Alexander Nikolajewitsch angesprochen (oder genannt), eine respektvolle Anrede, die nicht zu vertraut ist. Niemand hätte im Alltag Alexander Skrjabin gesagt, außer vielleicht der Polizei. Im Pass steht in Russland und Weißrussland immer „Alexander“, nie Sascha oder Alex. In der Bundesrepublik Deutschland ist das anders, hier können auch Kurzformen wie Hans, Tanja, Alex den offiziellen Rufnamen bilden. Sogar Verkleinerungsformen kommen zum Zuge, meist zum Leidwesen der Kinder.
Der in Kanada und den Vereinigten Staaten gebräuchliche Mittelname entspricht nicht dem Patronym oder Vatersnamen im Russischen.

Murzins Erfindung

Technisch basiert Murzins Erfindung auf der Methode der graphischen Tonaufzeichnung, die auch im Kino zum Einsatz kommt. Das Verfahren wurde in der Sowjetunion parallel zu ähnlichen in den USA verwendeten Systemen entwickelt. Es erlaubt das Generieren des Bildes einer Klangwelle beziehungsweise das Synthetisieren eines Klangs aus einem künstlich gezeichneten Sound-Spektrogramm. Tarkovsky-Fans werden die vom ANS erzeugten Klänge vertraut sein: Der Komponist Edward Artemiev (Eduard Artemjew), geboren 1937 in Nowosibirsk, erschuf mit diesem Synthesizer die ikonische Filmmusik zu „Solaris“ (1972).

Alexander Svyatogors „Biokosmistisches Manifest“

Dorit Chrysler wird außerdem – als Referenz an die Geschichte des „Gesamtkunstwerks“ – das 1922 vom futuristischen Dichter Alexander Svyatogor geschriebene Biokosmistische Manifest aufführen:
„Die Fragen der Unsterblichkeit und des Interplanetarismus dürfen weder unabhängig voneinander betrachtet noch automatisch miteinander verbunden werden. Beide ergeben sich aus dem jeweils anderen Phänomen und ergänzen einander. Sie konstituieren ein einheitliches, organisches Ganzes – vereint unter einem einzigen Begriff: Biokosmismus.“

Die (Klang-) Künstlerin Dorit Chrysler: Komponistin und Theremin-Spielerin

Dorit Chrysler wurde in Graz geboren und lebt in New York und Österreich. Die virtuose Theremin-Spielerin, Klangkünstlerin und Komponistin ist Mitgründerin der NY Theremin Society und Initiatorin der ersten Theremin-Akademie KidCoolThereminSchool. Für diese entwickelte sie einen eigenen Lehrplan für die frühkindliche Erziehung im Bereich elektronische Musik. Weitere neue Werke Chryslers werden demnächst bei der Ars Electronica zur Aufführung kommen, eine Auftragsarbeit wird sie beim Steirischen Herbstfestival vorstellen und im Rahmen der „Sisters Academy“ wird eine Sound Performance bei Den Frie, CPH zu hören sein. Chrysler realisierte zahlreiche künstlerische Koproduktionen, unter anderem mit Jesper Just, Phillippe Quesne, Anders Trentemøller, Cluster, Sasha Waltz und Elliot Sharp.

Carsten Nicolai aus Karl-Marx-Stadt

Carsten Nicolai aka Alva Noto ist einer der renommiertesten Künstler an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft und bekannt für seinen minimalistischen Ansatz. 1965 in Karl-Marx-Stadt (dem heutigen Chemnitz) geboren gehört er einer Generation an, die vor allem im Grenzbereich von Musik, Kunst und Wissenschaft kreativ tätig ist. Als bildender Künstler will Nicolai die Grenzen zwischen den sensorischen Wahrnehmungen des Menschen überwinden, indem er technische Phänomene wie Klang und Lichtfrequenzen für das Auge und Ohr wahrnehmbar macht. Seine Installationen sind von faszinierender Eleganz und Konsistenz und werden durch ihre minimalistische Ästhetik ausgezeichnet. Neben Teilnahmen an großen internationalen Ausstellungen wie der documenta X sowie der 49. und 50. Biennale von Venedig werden Nicolais Werke weltweit in Einzel- und Gruppenausstellungen präsentiert. Zu seinem künstlerischen Oeuvre zählen auch die unter dem Pseudonym Alva Noto durchgeführten Klangexperimente, die von einem prägnanten Reduktionismus begleitet unmittelbar in die Sphäre elektronischer Musik führen. Für sie entwickelt Nicolai alias Alva Noto eigene Zeichencodes, eine spezifische Akustik und visuelle Symbole.

Russischer Kosmismus – Begeisterung für Wissenschaft und Technik inklusive

Der Russische Kosmismus stand für die Forderung nach physischer Unsterblichkeit, Wiedererweckung der Toten und Reisen ins All. In seinen Lehren verbanden sich westliche Aufklärung und östliche Philosophie, russisch-orthodoxe Tradition und Marxismus, gepaart mit der Begeisterung für Wissenschaft und Technik. Die Bewegung inspirierte sowjetische Denkerinnen und Denker, fiel später der Unterdrückung durch den Stalinismus zum Opfer und ist heute nahezu vergessen.

Eine Utopie – und ein Opfer des Stalinismus

„Art Without Death: Russischer Kosmismus“ blickt auf diese verwegene Utopie und ihre Resonanzen in Kunst, Wissenschaft und Politik. Die Ausstellung verknüpft Arbeiten der russischen Avantgarde aus der Sammlung Costakis – ausgewählt von Boris Groys – mit zeitgenössischen Positionen: Filme von Anton Vidokle und eine Installation von Arseny Zhilyaev reflektieren philosophische, wissenschaftliche und künstlerische Konzepte des Russischen Kosmismus.

„Art without Death: Russischer Kosmismus“ endet mit dem Konzert Sieg über den Tod! um 22 Uhr

Art Without Death: Russischer Kosmismus ist Teil von „100 Jahre Gegenwart“ und wird gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages. Das Haus der Kulturen der Welt wird gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und dem Auswärtigen Amt.

Eintrittskarten: tickets@hkw.de / +49 – (0)30 – 39 78 7175, Online www.hkw.de/cosmism

Oper: 3. Oktober 2017, 20 Uhr
Ausstellung: bis 22 Uhr
Kombiticket (Konzert und Ausstellung) EUR 10/ermäßigt EUR 8

Haus der Kulturen der Welt (ehem. Kongreßhalle), John-Foster-Dulles-Allee im nördlichen Großen Tiergarten