Lange wurde der philippinische Film unterschätzt und übersehen – Endspurt für Kidlat-Tahimik-Schau im Berliner Filmhaus, die teils auch in München, Basel, Brüssel und London zu sehen ist

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© Foto: Andreas Hagemoser, 2016

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Am 20. März ist Frühlingsanfang. Eine Tür öffnet sich, eine andere schließt sich: „Kosmos und Alptraum“ geht in Berlin zu Ende. Den ganzen März über waren Kidlat Tahimiks Filme gezeigt worden, bis zum 12. sogar in seiner Gegenwart. Dabei entstanden interessante Gespräche. Am 20. März um 20 Uhr wird nun im Arsenal noch einmal „BALIKBAYAN#1 – MEMORIES OF OVERDEVELOPMENT REDUX III“ gezeigt. Dieser Film von Kidlat Tahimik (Philippinen 2015, OmU) lief auf der letztjährigen Berlinale im Forum und gewann den Caligari-Preis. Mit zweieinhalb Stunden oder 150 Minuten ist es ein ziemlich langer Langfilm, doch gemessen an der Vorbereitungszeit ist das nicht viel Zeit.

1984 begann Tahimik mit dem essayistischen Langzeitprojekt „WHY IS YELLOW THE MIDDLE COLOR OF THE RAINBOW?“ (1982-1994). Zitat Arsenal – Institut für Film und Videokunst: Wie konnte ein derart vielschichtiges Zeitbild der 80er Jahre, der Marcos-Diktatur auf den Philippinen, des Kalten Kriegs und der Globalisierung hierzulande so völlig übersehen werden?

Der Film hat eine ähnlich ausgedehnte Entstehungsgeschichte wie BALIKBAYAN#1 (20.3.), wobei die Stadien des Prozesses durch die politischen Ereignisse markiert wurden – das Attentat auf den Oppositionellen Benito Aquino, die „gelbe Revolution“ gegen die Marcos-Diktatur, den Abzug des US-Militärs von den Philippinen – , aber auch von Tornados und Stromausfällen und den Dramen und Epiphanien in Kidlats Familie auf ihren Reisen zwischen Arizona und Ingolstadt. Unter dem Titel „I am curious (Yellow)“ wurde der Film in einer Frühfassung schon einmal Mitte der 80er Jahre gezeigt, dann jedoch wieder zum Work-in-progress erklärt, nachdem sich die in Präsidentin Corazon Aquino gesetzten Hoffnungen nicht erfüllten und die Menschen wieder auf die Straße gingen.

Kidlat Tahimiks Filme sind nicht nur „Botschaften aus der Dritten Welt“, als welche „Der parfümierte Alptraum“ seinerzeit gefeiert wurde, sondern Produkte und Spiegel einer bis ins Private hinein globalisierten Welt, freilich bevor der Begriff „Globalisierung“ in aller Munde war. Wenn im „Alptraum“ durch Parallelmontage die Konstruktion eines bayrischen Zwiebelturms mit dem Bau eines Jeepney-Busses verglichen wird, oder wenn in Tahimiks zweitem Film „Turumba“ (1981) ein philippinischer Weiler zum Sweatshop wird, in dem der „Olympia-Waldi“, das Maskottchen der Münchner Olympischen Spiele 1972, im Akkord produziert wird, so wird hier eine lange schon stattfindende Hybridisierung filmisch dargestellt…

Neuer Deutscher Film? Übersehener Schatz

Womöglich sollte man Tahimiks Frühwerk sogar als eine Facette des Neuen Deutschen Films rezipieren. Denn bevor er mit seiner Familie auf die Philippinen zurückkehrte, drehte er in Oberbayern seinen zweiten Film „WHO INVENTED THE YOYO? WHO INVENTED THE MOON BUGGY?“ (1978/82), den er jedoch erst nach „Turumba“ fertigstellte. Der Film ist von derselben Spiel- und Bastelfreude geprägt wie der „Parfümierte Alptraum“ und erzählt nun von einem Filipino in Lederhosen, der immer noch auf den Mond reisen will und der auf dem bayrischen Bauernhof auch die Hardware dafür zur Hand hat: eine Zinkbadewanne, ein ausgedientes Futtersilo, ein Huhn für die Tierversuche und genug Zwiebeln für Biogas. „WHO INVENTED THE YOYO?“ gehört zu den sträflich übersehenen Schätzen der Filmgeschichte. Vielleicht kommt diese Deutschlandpremiere aber noch nicht zu spät, um uns davon zu überzeugen, dass der erste Mann auf dem Mond eine Frau war. Der Film wurde am 2.3. und 14.3.2016 im Arsenal gezeigt.

Die Retrospektive „Kosmos und Alptraum: Die Filme von Kidlat Tahimik“ wurde von Tilman Baumgärtel und Tobias Hering kuratiert. In Teilen wird sie auch im Werkstattkino München, im Stadtkino Basel, im Bozar Cinéma Bruxelles und auf dem Essay Film Festival in London zu sehen sein.
Außerdem wird Kidlat Tahimik den Filmstart von BALIKBAYAN #1, im Verleih von Arsenal Distribution, bundesweit bei Vorführungen im Rahmen der Caligari-Filmpreis-Tour begleiten.
In Berlin ist „BALIKBAYAN #1“ seit 12.3. im Sputnik-Kino zu sehen.

Die Retrospektive „Kosmos und Alptraum: Die Filme von Kidlat Tahimik“ wurde ermöglicht durch eine Förderung des Hauptstadtkulturfonds und zusätzlich unterstützt vom Goethe-Institut Manila.

Nachdem das Acht-Stunden-Epos „Hele sa Hiwagang Hapis“ (A Lullaby to a sorrowful Mystery / Ein Schlaflied zu einem sorgenbehafteten Geheimnis) auf der diesjährigen Berlinale den Silbernen Bären / Alfred-Bauer-Preis gewann, ist diese Retrospektive und die davon unabhängigen Aufführungen von „Balikbayan Nr. 1“ ein wichtiger Schritt, um dem philippinischen Film auch in Zukunft den Platz zu bieten, der ihm gebührt.

* * *

– Sonntag, 20. März 2016, 20 Uhr BALIKBAYAN#1 – Memories of overdevelopment Redux III von Kidlat Tahimik (Philippinen 2015), OmU, 150 Minuten, Kino Arsenal im Filmhaus, Potsdamer Straße 2, 10785 Berlin (Sony-Center)
– Am selben Ort: Kein philippinischer Film, aber wenigstens mit Gérard Philipe: Im Kino 2 im Rahmen der Magical History Tour: „La ronde / Der Reigen“, Max Ophüls Frankreich 1950. Mit Anton Walbrook, Simone Signoret, Gérard Philipe. 35 mm, OmU, 110 Minuten
– Sputnik-Kino, Hasenheide 54, V. Stock, 10967 Berlin, Telefon: 030/ 694 11 47
Werkstattkino München (in Isarnähe), Fraunhoferstraße 9, 80469 München, Tel. 089/ 260 72 50
Stadtkino Basel, Klostergasse 5, 4051 Basel, Schweiz
– „Der parfümierte Alptraum“ und WHO INVENTED THE YOYO? WHO INVENTED THE MOON BUGGY?, 20. März, 18 Uhr im Studio des Kinos, Bozar Cinéma Brüssel, Paleis voor Schone Kunsten, Rue Ravenstein 23,1000 Bruxelles, Belgien
– „BALIKBAYAN#1 – MEMORIES OF OVERDEVELOPMENT REDUX III“, Bundesstart 10. März 2016
– Am 30. März, 20 Uhr (OV): Studentischer Filmkreis im Audimax der TU Darmstadt, Karolinenplatz 5, 64289 Darmstadt

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