Lesesaal am Ende der Welt – Der aufregende Rechercheroman einer Weltbürgerin

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© Mitteldeutscher Verlag

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). „Ich dachte so vor mich hin, dass Geschichte fast immer wie ein Krimi war. Man musste nur eintauchen und schon taten sich ungeahnte Abgründe auf. Das tatsächlich Geschehene wirkte oft viel unglaublicher und spektakulärer als das, was Romanautoren so zu Papier brachten. Würde die Realität sich nicht ständig durch ihre einfache Existenz selbst vergewissern, wir hielten sie für ausgedacht.“

Auf Seite 66 des 314 Seiten langen Romans taucht diese Erkenntnis bei Ich-Erzählerin Anna Stehr auf und bringt das gesamte Unterfangen wunderbar auf den Punkt. Wir haben einen Roman vor uns liegen, der, das wird schnell klar, auf tatsächlichen Gegebenheiten beruht. Ein deutscher Kaufmann in Wladiwostok, erster Weltkrieg, Verbannung – und eine Historikerin, die heute nach dessen Spuren, genauer gesagt, Adolph Dattans Tagebuch der Verbannung, sucht. – Klingt das spannend? Dem mitteldeutschen Verlag ist es bereits mit der Covergestaltung gelungen, dieses literarische Prachtstück aufregend zu gestalten. Ein gelbdiesiger Himmel über blauen Bergen im Hintergrund, eine mediterran wirkende Häuserzeile und ein überbordendes Lampengewirr im Vordergrund, dazwischen ein blasses Meer – fertig ist der Blick in die Fremde. Oder doch nicht? Wie fremd ist uns der sehr sehr ferne Osten Russlands? Darf eine Stadt am Rande der östlichen Welt mediterran wirken? Im Netz nachgeschaut, erfährt der neugierige Leser, dass Wladiwostok auf einem Breitengrad mit Florenz liegt, die Winter dennoch kalt und trocken geraten. China ist 100 km entfernt und nach Japan gibt es eine Fährverbindung, mehr als eine halbe Million Menschen leben dort.

Doch schlagen wir das Buch endlich auf, überblättern die purzelnden Matroschkas des Schmutzblattes und stürzen uns kopfüber in die packende Handlung. Nancy Aris entwirft einen historischen Roman mit Krimi-Elementen, der sich rasant entfaltet. Ihre sicherlich autobiografisch inspirierte Figur Anna (Aris studierte Russistik und Neueste Geschichte u.a. in Moskau und arbeitet seit 2003 als stellvertretende Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen in Sachsen) erhält vom Enkel des Kaufmanns Dattan den mysteriösen Auftrag, in Wladiwostok nach dessen Tagebuch zu suchen. Erzählt wird das Treffen mit dem Enkel, die Reise nach Russland, die Ankunft im Archiv. Slapstickhafte Ereignisse würzen die Auftragserteilung, Reise und Ankunft in Wladiwostok. Liebevoll beschreibt die Autorin skurrile russische Bürokratismen, die Wohnungssuche Annas, das ehemalige Studentenwohnheim am Meer und seine Bewohner. Das heruntergekommene Kaufhaus „Kunst & Albers“, eine Autoschiebermafia, Yogajünger und Blockbusterkino. Wir tauchen ein in eine sehr lebendige und gar nicht so fremde Welt. Der trinkende und dem Sozialismus nachtrauernde Hausmeister in seinem Kellerrefugium, die zutrauliche arme Übersetzerin auf dem Flur, eine verknöcherte Archivarin – fertig ist das Ensemble, das uns durch den Roman begleitet.

Wie nebenbei klärt Anna Stehr einige Geheimnisse und Vorurteile dieses Trios auf und lehrt uns, wie recherchiert werden kann, nach Vermissten und Unmöglichem. Mit Witz und Mut schlingert die Hauptfigur durch ein Jahrhundert deutsch-russischer Geschichte, durch den postsozialistischen Alltag und eine Liebesgeschichte zu Zeiten der Verbannung. Selbstironisch und offen beschreibt sie die Rolle einer Deutschen, die wochenlang in Wladiwostok lebt genau hinschaut. Warmherzig Anteil nimmt und sich einmischt, Barrieren abbaut und genau dort anknüpft, wo ein engagierter deutscher Kaufmann einst scheiterte. Am Weltbürgertum im feinsten Sinne.

Das ist wunderschön erzählt, hält bis zum überraschenden Ende in Atem und sei dringlichst weiterempfohlen!

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Nancy Aris, Dattans Erbe, Roman, 314 Seiten, Mitteldeutscher Verlag, Halle, März 2016, ISBN: 978-3-95462-621-2, Preis: 14,95 Euro

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