Mittwoch, 23. August 2017 | :
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Oben ohne. Halb so viele Bäume und halb so viel Kultur am Henriettenplatz in Berlin-Wilmersdorf, links und rechts des Kurfürstendamms

Oben ohne. Halb so viele Bäume und halb so viel Kultur am Henriettenplatz in Berlin-Wilmersdorf, links und rechts des Kurfürstendamms
© Andreas Hagemoser 2017
Der Henriettenplatz am Kurfürstendamm, Südhälfte. Blick nach Südwesten auf die Ex-Bücherei. Rechts gab es Bänke, Bäume, Telefonzellen und einen Spielplatz.

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Auf der Westseite des schönsten Platzes Berlins – so eine ehemalige Anwohnerin, die den Platz mindestens seit Mitte der 50er Jahre bis Ende der 90er erlebte – hat ein Kahlschlag stattgefunden. Erst die Kultur, nun die Bäume. Bereits in den 90er Jahren wurde die Walter-Rathenau-Bücherei geschlossen, eine Zweigstelle der Stadtbücherei Wilmersdorf. Inzwischen gibt es nicht mehr nur die Bücherei nicht mehr, die Bücher, Zeitschriften und Zeitungen sowie Globen und andere Medien ortsnah bereitstellte, sondern auch den Bezirk. Charlottenburg-Wilmersdorf tönt es heute verwaltungsdeutsch.

Die Anzahl der Groß-Berliner Bezirke, von 20 bei der Gründung auf 23 nach der Teilung angewachsen, weil die DDR, die völkerrechtswidrig Ost-Berlin als ihr Territorium bezeichnete auf der grünen Wiese drei neue sozialistische (Plattenbau-)Viertel baute, ist seit 2001 wieder geschrumpft, auf ein rundes Dutzend. Das spart angeblich Geld. Strukturen wurden verschlankt. Bezirksnamen dagegen aufgebläht.

Fehlende Identifikation

Sie sind heute meist zu lang, werden selten ausgesprochen und bieten keine Identifikation. Wer möchte schon gern Tempelhof-Schöneberger oder Steglitz-Zehlendorfer sein? Der Prenzlauer Berg ist inzwischen verschwunden, das kurze, sechsbuchstabige Pankow, Ziel des berühmten Lindenberger Sonderzugs, hatte es geschluckt. Nur Reinickendorf, Neukölln und Spandau durften aufgrund ihrer Dimensionen und Bevölkerung so bleiben, wie sie waren.

Zurück zum zweitwestlichsten Platz des Kurfürstendamms; dem westlichsten, den man betreten kann.

Kunst auf den westlichen Ku’damm-Plätzen

Der Rathenauplatz ist als Dauer-„Parkplatz“ für Wolf Vostells Beton-Cadillacs reserviert und kann nicht oder nur unter Lebensgefahr betreten werden, da er inmitten eines vielbefahrenen Kreisels an einer Autobahnabfahrt liegt.

Bücherei und Brunnen

Kunst gibt es auch auf dem Henriettenplatz, sogar als Brunnen wie am Lehniner oder Adenauerplatz. Der Gorgobrunnen zeigt Medusa, eine Schlange ringelt sich um ihr Haupt.
Der Brunnen beherbergt noch weitere Tiere. Einige Kleinteile scheinen aber bereits von Vandalen oder Souvenirjägern entwendet worden zu sein.
Immerhin fließt zurzeit das Wasser, bei Berliner Brunnen im 21. Jahrhundert durchaus keine Selbstverständlichkeit mehr.

Dem danebenstehenden Büchereigebäude, als Architekturbüro zwischengenutzt, droht jetzt nach dem Leerstand der Abriss.
Die Kunst konnte gerettet werden, der Kulturtempel Bibliothek nicht.

Nun droht der Platz auch noch zu verschatten und die Sonne früher unterzugehen.

Hoch hinaus – Tradition Traufhöhe ausgehöhlt

Ein Neubau deutlich höher als die Berliner Traufhöhe von 22 Metern soll die Aussicht(-en) trüben und die echte und die Wohlfühltemperatur auf dem Stadtplatz am Weltstadt-Boulevard senken. Steigen sollen Umsätze und Mieten. Eine Bürgerinitiative versucht seit Jahren, das zu verhindern.

Weitere Bahngrundstücke nördlich und südlich am Ring, an der Halenseekurve und anschließenden Gleisen, bis vor kurzem Kleingärten und Gewerbe, sind umgewidmet worden. Die Initiative beschwor per E-Mail das „Verkehrschaos Halensee“, da sie nach Zerstörung von Kleingewerbe und Schrebergärten an der Georg-Wilhelm-Straße 26 und dem Bau von Läden und Supermärkten ein solches voraussah. Sie heißt einfach und treffend Bürgerinitiative Henriettenplatz (bi-henriettenplatz.de).

Wer verkehrt oder was ist verkehrt?

Der Verkehr mit Pkw hat allerdings durch den Spielplatz in der Georg-Wilhelm-Straße, der durch den erst verwahrlosten und verwaisten, dann verfallenen und „rückgebauten“ Spielplatz am Kurfürstendamm neben dem Eingang zur Ringbahn nicht mehr entlastet wurde, mindestens genauso zugenommen. Vom Parkdruck ganz zu schweigen.

Vollendete Tatsachen, gebrochene Versprechen und Bürgerfeedback

Nachdem die geräumten Gewerbegrundstücke an der Seesener Straße südlich des Platzes mit einem sehr lang wirkenden Riegel entlang der Bahnstrecke bebaut wurden – ohne versprochene Kita – überdachte so mancher Anwohner seine Parteipräferenz und wanderte bei der Abgeordnetenhauswahl zur Konkurrenz ab.
Bundestagswahlen und eine zeitgleiche Abstimmung über die Zukunft des Flughafens Tegel (TXL) samt des höchst funktionellen und formschönen Hauptgebäudes stehen noch aus.

Eine Kiezbücherei hätte in Zeiten von stark anwachsenden Bevölkerungszahlen, Neubauten und Verdichtung bei nach wie vor hohem Bildungsbedarf durchaus ihren Sinn.

Architektur in Sichtweite

Doch Kunst und Kultur stehen oft an zweiter oder dritter Stelle. Ob wenigstens die Architektur zum Erhalt von Restaspekten der Kultur beitragen kann – von Kunst am Bau wagen wir gar nicht zu träumen – muss sich zeigen. Bevor das Betongold nicht steht, glauben wir nichts.

Möglicherweise bleiben der Baumarkt auf der Westseite der Gleise und das Gebäude auf der anderen Seite des Kurfürstendamms die architektonischen Highlights im Umkreis.

Immerhin: Wenn man mal die Kultur kurz vergisst, finden sämtliche neuen Anwohner eine glänzende Verkehrsinfrastruktur vor. Im ÖPNV werden sie mit S-Bahn GmbH und BVG von zwei Unternehmen bedient und sind so halbseitig vor Streiks geschützt; können mit einer Restmobilität auch ohne Auto und Taxi rechnen.

Elektrisierend (:) gute Aussichten

Da BVG und Post/DHL zunehmend auf Elektrobusse und -lkw setzen und auch der Individualverkehr zunehmend elektrisiert, gibt es einen Silberstreif am Horizont.

Der Schutz der Architektur und Kunstwerke vor Korrosion und Luftverschmutzung wird einfacher werden.
Die Lebensqualität wird durch ersatzlosen (Diesel-)Lärmwegfall und verringerte Abgase steigen.

Besonders die leisere Umgebung wird den Leuten in der (Groß-) Stadt ungeahnte Möglichkeiten (zurück-) geben. Nicht nur am Henriettenplatz mit seinen Kunstwerken und Cafés wird das von Joachim-Ernst Berendt beschworene neue Hören Einzug halten. Hörer statt (automobile) Störer. Doch bis zu einem im Alltag hörbaren Unterschied ist es wohl trotz Prius-Taxis und i3 noch weit.

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