„Pelléas et Mélisande“ in der Komischen Oper Berlin – Eine Literaturoper von Claude Debussy

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Pelléas et Mélisande
Claude Debussy: Pelléas et Mélisande. Auf dem Bild: Nadja Mchantaf (Mélisande). © 2017, Foto: Monika Rittershaus

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Wieder ein Geniestreich vom Intendanten Barrie Kosky! Nachdem er das Berliner Pubklikum eine ganze Saison hindurch mit revueartigen, quirligen, schillernden Operetten in der Nazizeit verfolgter jüdischer Komponisten verzaubert hatte, zeigt er jetzt – spätestens nach seiner großartigen Inszenierung der „Meistersinger von Nürnberg“ in Bayreuth das breite Repertoire seines Talents und eher „die dunkle Seite der Macht“.

Das Psychodrama Maurice Maeterlinck’s verkleidet im Rahmen eines klassischen Märchens mit Schlössern, Königen und Prinzessinnen, erzählt von der unmöglichen, verbotenen Liebe Mélisandes mit Pelléas, Bruder von Golaud, mit dem sie verheiratet ist. Die Eifersucht gipfelt in einen Brudermord – Mélisande zerbricht daran und stirbt.

Auf einem dunklen, ultraschlichten, raffinierten, minimalistischen Bühnebild mit verschachtelten Drehelementen wird die märchenhafte Romanvorlage des flämischen Literaturnobelpreisträgers Maeterlinck quasi wie in der molekulearen Küche auf den Inhalt reduziert, um dem mächtigen psychologischen, dramatischen Inhalt zur Geltung zu helfen.

„Vor einer überladenen Ausstattung drohen die Sänger*innen ins Zwergenhafte zu schrumpfen“, begründet Barry Kosky seine Entscheidung – der man nur Beifall zollen kann! „Ich wollte kein Meer, keine Türen, keinen Turm und auch kein lang herabfallendes Haar.“

Die Bühne dreht die brillianten Sänger*innen ständig so, dass keine großartigen Auf- und Abtritte erfolgen, sondern alles „wie ein Uhrwerk“ ineinandergreift.

Dies erleichtert dem Zuschauer, die komplexe, verwickelte Familiengeschichte eher zu durchdringen mit all ihrem Grauen und Verdrängtem oder wie Debussy sagte: „Die „Menschlichkeit“, ein vertrautes Abbild eigener Seelenzustände: verdrängte Gefühle, blinder Zorn, seelische und körperliche Gewalt – ohne rechtes Wissen darum – die Qualen der Liebe, stumpf ertragener Schmerz, nacktes Ausgeliefertsein und stumme Ausweglosigkeit.“

Hervorragend dirigiert der Kanadier Jordan de Souza das Orchester der Komischen Oper, seit dieser Saison Kapellmeister an der Komischen Oper Berlin und empfindet die Musik Debussys so: „Die Musik sprießt und grünt förmlich aus dem Text, in einem Fließen, das alles ins Wanken bringt. Debussy überführt Maeterlincks Drama in eine höhere Sphäre. Man hat das Gefühl eine neue Galaxie zu betreten.“

„…jene dämmrige, flüchtige, schwebende Musik mit ihren unendlich subtilen Abstufungen, ihrer hauchfeinen Textur, ihrem delikaten Wohlklang, ihrer merkwürdigen widerhallenden Dissonanzen, ihrem einzigartigen Reichtum an Stimmungen, ihrer verschatteten Schönheit, ihrer exquisiten und elaborierten Kunstfertigkeit.“schwärmt 1907 der US-amerikanische Musikkritiker Laurence Gilman. Treffender kann man es kaum beschreiben.

Eine eindringliche, durch und durch gehende Inszenierung mit Tiefenwirkung und einem hervorragenden Ensemble.

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