1 lustiger Abend vong Humor her! Willy liest Nachdenklich live im Hofbräu München Wirtshaus Berlin

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Früher wurde alles mögliche vom gedruckten Papier im Netz eingegeben. Zeitungsartikel, Bücher und anderes. Gescannt, eingetippt, hochgeladen. Oft war es dort nur eine Kopie seiner analogen Entsprechung und führte dementsprechend ein Schattendasein. Das Maßgebliche war das Buch, die Zeitung, das handfeste Archiv. Bis das Digitale und das Internet immer und immer wichtiger wurden. Bis neue Generationen, die sogenannten Digital Natives, nur noch auf das Digitale zugreifen wollen und das Analoge links linken lassen oder nur im Notfall anfassen. Oder, wie Studenten, wenn sie dazu gezwungen werden, auch eine Buchquelle zu verwenden. Jetzt aber kriecht einer aus dem Netz heraus: Willy Nachdenklich.

Von Analog nach Digital führt keine Einbahnstraße

Heute gibt es ein Gegenbewegung. Noch gibt es Bücher und sogar neue Buchhandlungen entstehen und sind entstanden. Jetzt werden Internet-Stars handfest. Ihre Ergüsse, die bisher nur am Bildschirm oder auf dem Display flimmerten, werden auf Papier gedruckt und die Seiten zwischen Buchdeckeln gebunden.

Willy Nachdenklich goes Print – ein Internetauftritt in Buchform

Ein Beispiel ist Willy Nachdenklich. Er macht in den „Social Media“ eine Seite namens „Nachdenkliche Sprüche mit Bilders“. Hinter der Kunstfigur verbirgt sich ein Großhandelskaufmann aus Amberg. Ursprünglich wollte er die von Rechtschreibfehlern strotzenden kurzen Mitteilungen in den „sozialen Medien“ aufs Korn nehmen. Indem er Bildern kurze Sprüche hinzufügte, die absichtlich Fehler enthielten und Ziffern statt Wörtern. Ein Unfug namens „Vong-Sprache“ entstand, die sogar in Wikipedia einen Eintrag erhielt. Aus vielen einzelnen Sprüchen entstand nun ein Buch.

Wie erkennt man, dass es sich um Vong-Sprache handelt?

M8 = MACHT. Gesehen an einer Straßenbahn der Metro-Linie 8 am Berliner Naturkundemuseum. © Foto/BU : Andreas Hagemoser, 2018

3 Merkmale tauchen immer wieder auf.

1. Der inflationäre Gebrauch der Ziffer „1“ auch dort, wo nicht eine Anzahl, sondern nur ein unbestimmter Artikel auftaucht.

(Beispiel auf Vong: „1 unbestimmter Artikel auftaucht“; es geht hier nicht um die Zahl unbestimmter Artikel, sondern darum, ob der Artikel ein bestimmter ist – der, der, das – oder nicht.)

1a) die Silbe oder das Wortteil „acht“ kann durch die Ziffer 8 ersetzt werden. So wird Macht zu M8, „wir durchwachten die Nacht“ zu wir durchw8en die N8 und Wachteln werden zu W8eln. M8 bezeichnete vorher bereits – neben anderem – die 8er Metro-Tram vom Hauptbahnhof zur Petersburger Straße, einen Gasnebel, Autobahnen auf den britischen Inseln, in Russland, Malawi und anderswo, chinesische Handys und ein Leica-Kamera. Nun gibt es wegen des Vong-Blödsinns, an dem sich 100.000e laben, noch eine Missverständnismöglichkeit mehr.

Im Englischen kennen wir das ja mit den Ziffern 2 (two) und 4 (four), die phonetisch für „to“ („too“) und „for“ verwendet werden. This is too much (das ist zuviel). (wird zu: This is 2 much.)

Beispiele aus der Musik, in den Namen von Bands und Chören: U2 ist keine U-Bahnlinie wie in Berlin seit 1986, sondern eine Musikgruppe oder steht für „You, too“ = „Du auch“ oder „Sie auch“.

Jocelyn B. Smith gründete wenige Jahr nach der Jahrtausendwende den Chor „4bridges“. Das heißt auf deutsch: „Für Brücken“, im Sinne von „Wir wollen Brücken bauen zwischen Menschen und Kulturen“. (Der Chor trat unter anderem bei einer Großveranstaltung auf dem Flughafen Tempelhof auf; heute gibt es ihn nicht mehr. Einige Mitglieder singen jetzt bei den „Different Voices of Berlin“.)

Von der Kritik an falsch und zu lässig Hingekliertem zum Jugendwort des Jahres!

2. Leichte, aber meist gut erkennbare Falschschreibungen wie „I bims“ statt „Ich bin‘s“. 2017 wurde „I Bims“ Jugendwort des Jahres! Wie weit sind wir gekommen.

3. taucht eine Dreierkombination häufig auf; „vong … her“ (statt des sowieso schon Umständlichen „von …her“. Der Artikel vor dem Bezugswort wird weggelassen, z.B. „vong Grammatik her“ statt „der Grammatik“.
Vong = von.)

– Sätze mit Füllwörtern und aus dem gesprochenen Übernommenem können ja immer noch richtig sein. Die Sprachebene ist zwar eine andere. Aber es handelt sich ja immer noch um deutsch. Vong-Sprache dagegen ist bewusst falsch und suhlt sich in albernen running gags für Insider. Selbst Erfundenes wird immer wieder wiederholt.

Das sei ja nichts Schlimmes, meinen die einen. Cool, meinen die Fans. Nervig, meint eine Mehrheit. Wo Geld verdient werden kann, wird mitgemacht; auch von den Etablierten. Da kann die Kunstkritik noch so wettern. Andy Warhol, Basquiat und sogar Joseph Beuys, der einiges auf dem Kasten hatte, wurden für banal erklärt. Das sei ja keine Kunst. Andy Warhols Drucke sind weit verbreitet und heute zweifelt ihn fast niemand mehr an. Egal, ob die „Vong-Sprache“ nun wirklich ein Idiom oder eine Sprache ist oder nur ein Schmarrn – Blödsinn – alles, was weit verbreitet ist, kommt in der Mitte an. Zudem, wenn es so harmlos ist und weder den Staat noch sonst etwas Mächtiges gefährdet.

Auf den Zug aufgesprungen

Mehrere große Unternehmen wie die Sparkasse und sogar die Walterin und Hüterin der deutschen Sprache in ihrer Rechtschreibung, die Duden-Redaktion in Mannheim, veröffentlichten Werbung und ähnliches in der „Vong-Sprache“, die nichts anderes als einen bestimmte Verballhornung der guten alten deutschen Sprache ist, die immer wieder und, wie es scheint, immer weiter unter die Räder kommt.

Willy Nachdenklich materialisiert sich/ Willy Nachdenklich zum Anfassen

Online hat Willy Nachdenklich 360.000 Fans, da wir uns mit diesen Medien nicht so auskennen, können wir das nicht verifizieren. Ein Flyer von Hofbräu München: „Damit hat er als Internet-Star Kultstatus erreicht.“

Weiter: „Jetzt gibt es Willys unterhaltsame Lebensweisheiten in Buchform“ – „aber vor allem auch live auf der Bühne!“

„Willy liest dabei nicht nur vor – er improvisiert und interagiert mit seinem Publikum und garantiert damit einen köstlich amüsanten Abend“.

Das Hofbräu München Wirtshaus Berlin präsentiert im Erdgeschoss viel Livemusik, nicht nur von Blaskapellen aus Bayern. Am 7.11. steht eine Kapelle mit Blechbläsern aus dem Weserbergland auf dem Programm.

Ein Stockwerk höher liegt die Event-Etage oder „Eventetage“ für Veranstaltungen wie Public Viewing von Fußballspielen mit Beteiligung des Vereins Bayern München. Dort wird am 8. November die Lesung von Willy Nachdenklich stattfinden.

Lesung von und mit Willy Nachdenklich

Willy Nachdenklich liest Willy Nachdenklich

Wann? 8.11.2018 20 Uhr, Einlass: 18.30 Uhr (frües Kommen 1 Vorteil vong bessere Plätze her)

Wo? Hofbräu München Wirtshaus Berlin, Karl-Liebknecht-Straße 30, 10178 Berlin

Tickets, das sind Eintrittskarten, im Berliner Wirtshaus nahe dem Alex oder online unter www.msm-musik.de

Wirtshaus Berlin: Telefon (030) 67 96 65 52 0
E-Mail: reservierung@berlin-hofbraeu.de




Das Missverständnis von Albert Camus.

Absurditätärätätä – In den Kammerspielen lässt Jürgen Kruse „Das Missverständnis“ missverstehen

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Es gibt viel zu sehen auf der von Volker Hintermeier ausgestatteten Bühne zum Stück „Das Missverständnis“ von Jürgen Kruse. Schon beim Hereinkommen kann das Publikum hinter einem durchsichtigen Vorhang im Halbdunkel Unmengen von Gegenständen ausmachen. Die Flut der Dinge ist nicht aufzuhalten. Über den Köpfen der Zuschauenden ist eine rote Leine gespannt, an der eine Haarbürste, ein Topflappen und Babyspielzeug hängen.

Wenn Linda Pöppel den Vorhang beiseite schiebt, wird es auf der Bühne nicht viel heller, aber die Stimmung ist eher heimelig als düster, wie in einem voll gestellten Trödelladen. Zwischen Möbelstücken, Musikinstrumenten, einer Batterie Weinflaschen und zahlreichen größeren und kleinen Gegenständen steht in der Mitte ein Empfangstresen, hinter dem sich die Mutter (Barbara Schnitzler) räkelt.

Die Musicbox ganz hinten an der Wand funktioniert. Im Verlauf des Stücks werfen drei junge Leute dort Münzen ein, bringen sie zum Leuchten und Klingen und tanzen mit Albert-Camus-Masken zur Musik.

Regisseur Jürgen Kruse hat das karge Personal des Stücks ein bisschen aufgestockt. Anne Makosch, eine der jungen Frauen, erscheint auch als „Kommisarinerynis“, die beständig sehr konzentriert mit einem Besen Strohhalme hin und her kehrt. Einmal darf sie einen roten Farbfleck auf das Bettlaken sprühen, an dem Martha (Linda Pöppel) und ihr Bruder Jan (Manuel Harder) spielerisch zerren. Das gelbe Absperrband der Polizei vor der Bühne weist überdeutlich darauf hin, dass es sich hier um einen Tatort handelt.

Albert Camus fand den Stoff für sein Stück in einem Zeitungsartikel, in dem über einen Mord in einem tschechischen Dorf berichtet wurde. Die Geschichte ist absurd genug, um in Camus’ Weltbild zu passen: Ein Mann, in der Fremde reich geworden, kehrt nach zwanzig Jahren in sein ödes Heimatdorf zurück, wo seine Mutter und seine Schwester ein Gasthaus betreiben und wohlhabende Reisende ermorden und ausrauben. Die Frauen erkennen den Sohn und Bruder nicht, und er zögert den Augenblick hinaus, in dem er seine Identität preisgeben und Mutter und Schwester zu Wohlstand und Glück verhelfen will. Er zögert so lange, bis es zu spät ist.

2008 hat Gil Mehmert „Das Missverständnis“, ebenfalls in den Kammerspielen, mit sparsamen Mitteln sehr prägnant inszeniert. Auch in dieser Inszenierung war Jans Frau Maria, die erst ins Gasthaus kommen soll, wenn ihr Mann sich zu erkennen gegeben hat, wie eine Geistererscheinung an seiner Seite. Maria hat Angst um Jan, hat ihm von dem Versteckspiel abgeraten und ist in Gedanken bei ihm, von ihm unbemerkt, während das Publikum sie sieht.

Bei Jürgen Kruse scheint Jan seine Frau auch dann nicht zu bemerken, wenn sie real anwesend ist. Die AkteurInnen reden nicht miteinander. Meistens stehen sie an der Rampe und richten ihre Worte ans Publikum, dem sie vorrangig demonstrieren, was ein Missverständnis ist.

Das Wort Missverständnis kommt im Stück einmal vor, während es hier vielfach erscheint, oft zusammenhanglos und, eben missverständlich, mit verstellten Buchstaben. Auch andere Worte werden verdreht ohne dass dies zu bemerkenswerten Neuschöpfungen führt. Manchmal wird die Wortstellung in Sätzen so verändert, dass sich die Sprache wie deutsch von Ausländern anhört, und manchmal spricht die Mutter mit französischem Akzent. Manuel Harder flicht gelegentlich Schlagerzitate in seine Texte ein und bekam in der B-Premiere einen Lacher, weil er seine Frau als „Santa Maria, Insel, die aus Träumen geboren“, titulierte. Sonst wurde nicht gelacht, und zweimal verließen einige ZuschauerInnen den Saal. Manuel Harder sagt als Jan: „Diese Stunde ist nicht leicht“, und ein Zuschauer stimmte ihm lauthals zu.

Nicht nur eine, sondern knapp zwei Stunden dauert die Vorstellung, und die schleppen sich spannungslos dahin. Irgendwann taucht über der Bühne ein seltsames Gebilde auf, vielleicht einer der Planeten des kleinen Prinzen, senkt sich herab und entschwindet wieder.

Die Musik ist zusammengetrödelt wie das Bühnenbild. Neben französischen Chansons ein bisschen Wolf Biermann, „Mr. Tambourine Man“ auf deutsch, der rosarote Lampion von France Gall, und immer wieder fassen sich alle ganz plötzlich an den Händen und singen: „Fahrende Musikanten, das sind wir“. Dies ist einer der beiden Running Gags. Der andere ist der häufige Zwischenruf „Existenzialismus!“ von Jürgen Huth in der Rolle „der alte Knecht“, im Programmheft als „Alterstummerdienerknecht“ bezeichnet.

Bis auf Wort- und Satzverdrehungen und viele Wiederholungen ist an der Übersetzung von Guido G. Meister kaum etwas geändert. Jan kommt allerdings nicht nach zwanzig, sondern nach 19,99 Jahren nach Hause zurück.

Die SchauspielerInnen wechseln zwischen gekünstelter Sprechweise und Konversationston und haben, aufgrund der vielen Verfremdungseffekte, kaum Chancen, die von ihnen verkörperten Personen mehr als rudimentär zu skizzieren.

Trotzdem gelingt es Alexandra Finder, die wachsende Besorgnis von Maria und ihre Verzweiflung und ihr Entsetzen am Schluss ganz verhalten und anrührend zum Ausdruck zu bringen.

Auch Linda Pöppel setzt bemerkenswerte Akzente im Inszenierungschaos. Ihre Martha ist eine Kämpferin, überzeugt von ihrem Recht auf ein besseres Leben. Sie verschließt sich vor dem Mitleid mit ihren Opfern ebenso wie vor ihrer eigenen Verbitterung und setzt ihre Träume dagegen. Am Ende geht sie voller Zorn und Empörung in den Tod.

Diese schauspielerischen Leistungen vermögen jedoch den Abend nicht zu retten. Der Regisseur, der hier in seiner ganzen Allmacht präsent ist, serviert das Stück als einen Wust von Kleinteilen, die weder Sinn noch bedenkenswerten oder auch nur vergnüglichen Unsinn ergeben.

„Das Missverständnis“ von Albert Camus hatte am 3. Dezember Premiere in den Kammerspielen. Nächste Vorstellungen: 25.12.2017 sowie 03. und 13.01.2018.

Anmerkung:

Der Beitrag von Hinrike Gronewold wurde im WELTEXPRESS am 20. Dezember 2017 erstveröffentlicht.