Zunehmender Mond über Baumreihe im Dunkeln.

Sagt der eine Blinde zum anderen: „Lass uns ins Kino gehen!“ Na klar! Hörfilme gibt es wirklich – kein Witz! – sogar einen Preis, den Deutschen Hörfilmpreis 2018. Die 16 Nominierungen

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Stellen Sie sich vor, Sie gehen ins Kino, die Süßwaren zur Linken, das Getränk zur Rechten, nach zwei Stunden ist der Film zu Ende, Sie sind zufrieden – und die Leinwand blieb die ganze Zeit dunkel. Oder hell. So genau weiß das niemand im Saal. Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband e. V. (DBSV) hat die Nominierungen für die Verleihung des Deutschen Hörfilmpreises im März bekanntgegeben. Darunter wichtige und gute Filme wie „Beuys“ und „Kundschafter des Friedens“.

Es gibt nicht nur solche Filme, es wird wert auf Qualität gelegt, sowohl beim Rohmaterial als auch bei den Bildbeschreibungen, die in die Pausen zwischen die Dialoge eingesprochen werden, die Gesichtszüge, eine hochgehende Augenbraue, einen aufwärts gerichteten Daumen oder das goldene Prunkgemach Ludwig XIV. verraten.

Schön, dass diese Streifen nun für alle „sichtbar“ sind.

„Beuys“ über Joseph und seine Provokationen, seinen Kunstbegriff, Kunst und Nichtkunst ist viel besser, als man bei dem Titel vermuten mag, wenn man bisher nur von der Fettecke gehört hatte.

„Kundschafter des Friedens“ ist eine herrliche, friedliche Agentenkomödie mit DDR-Einschlag und Erinnerungen an die UdSSR, Gorbatschow und die Freunde. Durchaus gut.

„Die Unsichtbaren“ meint weder die Blinden noch die, die sie nicht sehen können, noch Menschen unter der Tarnkappe oder Außerirdische. Es ist ein Film über jüdische Mitbürger, die „untertauchten“, wenn man mal die nicht-legale Konnotation in der Hintergrund stellt. ‚Schon, wieder? Wie langweilig!‘ gilt hier gar nicht.

„Licht“. Wieder ein Filmtitel, bei dem einem ein Licht aufgeht. Kein Nischenfilm für Sehbehinderte!

„Einsamkeit und Sex und Mitleid“: Schön, dass dieser „sehenswerte“ Beitrag jetzt noch sichtbarer wird.

„Rabbi Wolff“ von Britta Wauer ist einfach gut, fast so toll wie der überraschende Herr Wolff selbst.

„Simpel“. Nicht schlecht. Kann man sich auch mit Augenlicht gut angucken. Fast scheint es, als hätten Filme, die irgendwie Inklusion oder Behinderte einschließen, bessere Chancen für die Einsprechung und Nominierung.

„WENDY – Der Film“. Alle Achtung, wie man einen Pferdefilm adäquat „übersetzen“ und übermitteln will – keine Ahnung. Respekt. Filmstart war 26. Januar 2017 (Sony Pictures). Von Vorteil ist natürlich, das sowohl die Pferde als auch die Darsteller eine Augenweide sind.

Liste der Nominierten

Diese Produktionen haben mit ihren hochwertigen Bildbeschreibungen die Finalrunde um den begehrten Titel „Bester Hörfilm des Jahres“ erreicht:

„Beuys“ (Deutschland 2017, Regie: Andres Veiel) eingereicht von Speaker-search als Dokumentation
„Blinky Bill – Das Meer der weißen Drachen“ (USA/Australien 2015, Regie: Deane Taylor) eingereicht von KIKA als Kinder-/Jugendfilm
„Die Lebenden und die Toten (1) – Ein Taunuskrimi“ (Deutschland 2016, Regie: Marcus O. Rosenmüller) eingereicht vom ZDF als Serie/TV-Reihe
„Die Vierhändige“ (Deutschland 2017, Regie: Oliver Kienle) eingereicht von Erfttal-Film als Spielfilm
„Die Unsichtbaren“ (Deutschland 2017, Regie: Claus Räfle) eingereicht von CinePlus Filmproduktion als Dokumentation/Spielfilm
„Einsamkeit und Sex und Mitleid“ (Deutschland 2017, Regie: Lars Montag) eingereicht vom Bayerischen Rundfunk als Spielfilm
„Für Hund und Katz ist auch noch Platz“ (Großbritannien 2013, Regie: Max Lang, Jan Lachauer) eingereicht vom ZDF als Kinder-/Jugendfilm
„In aller Freundschaft; Folge 773: Mach‘s gut, Nick!“ (Deutschland 2017, Regie: Heidi Kranz) eingereicht vom Mitteldeutschen Rundfunk als Serie/TV-Reihe
„Kundschafter des Friedens“ (Deutschland 2016, Regie: Robert Thalheim) eingereicht von Majestic-Filmverleih als Spielfilm
„Landgericht – Geschichte einer Familie“ (1) (Deutschland 2017, Regie: Matthias Glasner) eingereicht vom ZDF als Spielfilm
„Licht“ (Deutschland 2017, Regie: Barbara Albert) eingereicht von Farbfilm-Verleih als Spielfilm
„Meine fremde Freundin“ (Deutschland 2017, Regie: Stefan Krohmer) eingereicht vom Norddeutschen Rundfunk (NDR) als Spielfilm
„Rabbi Wolff“ (Deutschland 2016, Regie: Britta Wauer) eingereicht von Basis Berlin als Dokumentation
„Simpel“ (Deutschland 2017, Regie: Markus Goller) eingereicht von Universum-Film als Spielfilm
„Tatort – Der Tod ist unser ganzes Leben“ (Deutschland 2017, Regie: Philip Koch) eingereicht von X Filme Creative Pool als Serie/TV-Reihe
„WENDY – Der Film“ (Deutschland 2017, Regie: Dagmar Seume) eingereicht von Bantry Bay als Kinder-/Jugendfilm

Eingereicht werden konnte in den Bereichen Spielfilm (Kino/TV), Kurzfilm, Kinder- und Jugendfilm, Dokumentation und Serie/Fernsehreihe.

Die Bekanntgabe erfolgte gestern, am 14.12.2017.

Die Preisträger werden im Rahmen einer festlichen Verleihung am Dienstag, den 20. März 2018 im Kino International in Berlin bekanntgegeben, unweit des Alexanderplatzes in „Mitte“.

In den vergangenen 16 Jahren hat die Preisverleihung immer mehr an Bedeutung für „barrierefreie“ Filme gewonnen und so maßgeblich dazu beigetragen, dass inzwischen das Angebot an Produktionen mit Audiodeskription auf dem deutschen Markt gewachsen ist. Angesichts dieser erfreulichen Entwicklung setzt sich der Deutsche Hörfilmpreis für eine hohe Qualität der Hörfilme ein. Bei der Bewertung der Hörfilme dient die von der Filmförderungsanstalt (FFA) veröffentlichte „Empfehlung für Standards barrierefreier Fassungen“ als Orientierung.

Hörfilme ermöglichen es blinden und sehbehinderten Menschen, Filme besser wahrzunehmen und zu genießen, quasi „als Ganzes“. Diese Filme sind mit einer Audiodeskription (AD) versehen, die in knappen Worten zentrale Elemente der Handlung sowie Gestik, Mimik und Dekor beschreibt. Diese Bildbeschreibungen werden in den Dialogpausen eingesprochen.

Der Deutsche Hörfilmpreis wird seit 2002 vom DBSV verliehen und von der Aktion Mensch unterstützt. Der DBSV ist der Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband.

www.deutscher-hoerfilmpreis.de




Geschmückt mit Helgas Tränensäcken – Der Punk-Poet Jan Off schenkt uns neue Aufzeichnungen aus der Vorhölle

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). „Seine Hoden fühlten sich an, als wären sie auf die Größe von Weintrauben geschrumpft, in seinem Magen blubberte und brodelte es wie in einer Schwefelquelle.“

Was hält Sir Jan Off diesmal für Offenbarungen bereitet? Nachdem der Meister bisher die Punkszene, die Autonomen und immer wieder sich selbst durch den Kümmerling gezogen hat, steht diesmal nichts weniger als das Ende der Welt vor der Tür.
„Es war ein Meteorit ausgemacht worden, der sich auf die Erde zubewegte. Zwar besaß dieses Exemplar eine nie dagewesene Größe, aber das stellte keinen Grund zur Beunruhigung dar, schließlich hatte man die Abwehr derartiger Bedrohungen in den letzten Jahren zu genüge durchgespielt.“

Wer das Glück hat, Deutschlands berühmtesten Punk-Barden einmal öffentlich erlebt zu haben, kennt den Charme seines professionellen Vortrags, die Kraft seiner Stimme. Und liest Sätze wie den eingangs zitierten im getragenen Tempo des Autors, „Hoden“ etwas höher gejauchzt, folgend der leicht absinkende Tonfall bis hin zum letzten gedehnten Wort. Und schon ist man hinein gebeamt in ein rasantes Untergangsszenario, welches sich auf knackigen einhundertsechzig Seiten entfaltet. Jan Offs Stimme im Ohr. Jedes Sprachbild schlüssig, jedes Fortschreiten der Handlung atemberaubend und abgrundtief böse.

Die Rettung der Welt hatte irgendwie nicht geklappt: „Das Manöver war schiefgelaufen.“ Marek, ein knapp vierzigjähriger und ziemlich einsamer Looser, begibt sich nach draußen. Wenn schon alles gleich vorbei ist, könnte man ja schnell noch ein paar Drogen nehmen, oder ficken. Kaum der Wohnung entwichen, ereilt ihn eine Einladung zum Umtrunk, mit dem alten Herrn Harnleitner von gegenüber.

„Allerdings sah der heute deutlich anders aus als gewohnt. Er trug Strapse, eine längere, silberne Perlenkette und sonst …nichts. Aber halt, Letzteres stimmte nicht ganz. Da war noch ein Accessoire, ein Detail, das Marek erst jetzt auffiel, obwohl es eigentlich nicht zu übersehen war. An Harnleitners Ohren hingen, wie ganz normaler Schmuck befestigt, zwei ausgefranste, blutige Hautlappen in der Größe von Spielkarten. Was bitte schön war das? Schlachtereiabfälle? Der Alte bemerkte Mareks Blick und sagte: »Helgas Tränensäcke.« Nun war Marek erst recht verwirrt. »Wie bitte? Was?« »Na, die Tränensäcke von Helga, meiner Frau.«“

Marek flieht hinaus in das Chaos, erst mal René besuchen, seinen Dealer. Der ist hin, wie sich bald herausstellt, gemetzelt von einer wikingergleichen Wilden, schwanger und schön obendrein. Die kettenrauchende Kira geleitet unsern trottligen Marek in die Apokalypse, gemeinsam schlingert das ungleiche Pärchen durch den entfesselten Nahkampf. Apotheke, Spielhalle, Schwimmbad. Dazwischen ein Ausflug Mareks zu einem entzückenden Rockabillygirl mit Pferdeschwanz und Pony. Dies ließ jedenfalls das Profilbild Kats in seiner Thunder-Dating-App vermuten.

„Es empfing ihn tatsächlich ein Schlafzimmer, es empfing ihn tatsächlich ein Bett, es empfing ihn tatsächlich eine Frau. Aber diese Frau hatte mit dem Bild von Kat so viel zu tun wie Prinzessin Lillifee mit einem Orkweibchen. Ein Trumm von einem Körper; eine Walküre mit massigen, welken Oberarmen; die Haut teigig; die Haare fettig. Wenigstens war sie nicht nackt, wenigstens ersparte sie ihm den Anblick ihrer klatschnassen …“

Lesen Sie selbst, wie sich Mareks Weltuntergang gestaltet. Dass Jan Off uns letztlich die Sympathie mit dem Anti-Helden aus den Herzen sprengt, ist das Mindeste, was wir von diesem Autor erwarten durften. Fulminant und überraschend bis zur letzten Zeile!

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Jan Off, Die Helligkeit der letzten Tage, Roman, 160 Seiten, Hardcover, Unsichtbar Verlag, 2016, ISBN: 978-3-95791-055-4, Preis: 12,99 Euro