Taping bringt Farbe in die Stadt – Das neue Graffiti ist ein Band, das klebt und hält

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© Foto: Andreas Hagemoser

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). China ist kunstbegeistert und wird auf der Welt immer sichtbarer. Kein Wunder, dass man bei Ta-ping an die Taiping-Bewegung des 19. Jahrhunderts denkt, oder, wenn man es ausgeprochen hört – „Tej–ping“ – an eine Kunstform, die es ja auch ist. Doch noch beherrschen die USA die Welt und nicht die Volksrepublik China oder Taiwan (mit der Hauptstadt Taipeh). Far-ben-froh oder schlicht schwarzweiß, in 2D oder 3D, an Straßenmöbeln wie Brückengeländern oder ganz einfach auf dem Asphalt liegt uns eine neue Kunst zu Füßen. Sie bringt uns auf den Boden der Tatsachen: Unser Alltag ist viel zu grau und wir bleiben täglich weit unter unseren Möglichkeiten. Gruppen wie die „Klebebande“ und ihrer Phantasie ist es zu verdanken, dass wir mitten im öffentlichen Raum plötzlich innehalten können, Schönheit und einen ganz anderen Blickwinkel entdecken.

Mitte Oktober in Berlin. Nichtsahnend unterquere ich die Kreuzung am ZOB und ICC in der Nähe des Messegeländes. Die große Verteilerhalle mit in optimistischem Orange gehaltenen, gefliesten Säulen wird gern von Skatern besucht, die den Platz und die Wetterunhängigkeit schätzen. Zudem ist dieser zwischen Theo und Lietzensee gelegene Ort in Charlottenburg mit U- und Ringbahn gut erreichbar. Diesmal umkreisen mich aber nicht nur die klappernden Jugendlichen. In der Mitte der Halle, auf halbem Wege zum zur Zeit geschlossenen Übergang zum Internationalen Congress Centrum (ICC) wird es bunt. Nicht nur das strahlende Orange lockt mich an, sondern auch grelle Neonfarben, die hier im künstlichen Licht ihren Namen doppelt verdienen. Überirdisch wechselt das Wetter zwischen Niesel und tiefhängenden grauen Wolken. Hier unten fühlt man sich plötzlich wohler als oben. Üblicherweise durchquert man diese geräumige Unterführung schnellen Schrittes auf dem Weg zur Grünen Woche, zur ITB oder zur IFA, wenn sich Gratiszeitungs- und Zettelverteiler hier postieren. Oder man will zum Bus, Fernbus oder Taxi.

Während ich mich langsam nähere, sehe ich Strippenzieher, dünne farbige, angeleuchtete Streifen und Markierungen auf dem Boden. Schließlich erfasse ich das Ganze: Es ist ein Baum! Jahreszeitlich passend in den Farben des Herbstes, doch schon in seinen Farbschattierungen etwas irreal, wie aus einer Folge von „Raumschiff Enterprise“ (auf amerikanisch: ‚Star Trek‘), im wahrsten Sinne des Wortes künstlich. Die Baumkrone wird durch den Leuchtstoff erhellt, der auf dem Grund einen weißen Nichtschattenriss hinterlassen zu haben scheint. Da die künstliche Sonne, die ewige Flamme dieses abgespaceten Ortes, nicht durch den Orbit wandert, sondern ständig im Zenit steht, haben sich vielleicht Lichtionen wie eine weiße Kruste eingebrannt. Daneben liegt allem Anschein nach buntes Laub großformatiger Blätter. Es mangelt an Grün, sie scheinen chlorophyllarm zu sein – und trocken, denn die „Blätter“ der baumähnlichen „Pflanze“ haben sich in diesem ariden Klima – es regnet und schneit hier nie – scheinbar aufgerollt.

Vergessen wir nicht: Direkt daneben ist auf der Oberfläche des Planeten das Alumonster-Raumschiff ICC gelandet, es kann sich hier also nicht um etwas Natürliches handeln, sondern nur um etwas Künstliches oder eine neue (Lebens-)Form. Vor mir sehe ich scheue organische Lebensformen, die wie ich zwei Beine haben. Einer spricht meine Sprache. Er bestätigt mir, dass es sich bei dem Anziehungspunkt um einen BAUM handelt. Nun bemerke ich auch die versteckte Kamera. Von welchem Sender? Nicht aus dem nahen Haus des Rundfunks der rbb, auch nicht aus der Vergangenheit gebeamt der SFB (Sender Freies Berlin), sondern ARTE. Ah, Arte, na klar. Der Sender, der das Filmfestival „Around the World in 14 Films“ Ende November/Anfang Dezember in der Kulturbrauerei unterstützt.

Kunst in einer künstlichen Umgebung. Wir tauschen die Grußfrequenzen. Der irdische „Außerirdische“ reicht mir ein Begrüßungsgeschenk. Es ist eine kleine Karte. Keine topographische ihres Herkunfts-Raumquadranten, sondern eine mit einem fremdartigen Schriftzeichen. In schlichtem Weiß auf Schwarz meine ich, ein gespiegeltes OKAY zu erkennen – eine graphische Friedenstaube? Von diesem Häkchen zieht sich ein ebensobreiter Strich schräg nach außen ins Unendliche, wie es scheint. Weiter meine ich, einen Doppelpunkt zu erkennen – oder sind es zwei weiße Quadrate? Sicherer bin ich mir beim Entziffern bekannter, erst 2500 Jahre alter römischer Schriftzeichen: ‚Nkobu‘ steht dort in lateinischen Buchstaben, vielleicht ein Name aus einer mir unbekannten Sprache.

Ich schreite zum Druckausgleich (ich spreche hier von irdischem Termindruck, denn die Atmosphäre entsprach der an der Oberfläche, von der geringeren Luftfeuchtigkeit einmal angesehen) und verabschiede mich von diesen freundlichen Fremden.
Nach dieser bereichernden Begegnung sinne ich nach: Wer wohl das Laub des besonderen Baumes beseitigt? Ob man es mit irdischem in Laubsäcken mischen darf? Vielleicht war ja auch die Stadtreinigung BSR schon zur Stelle und ich habe sie in ihrer orangen Tarnfarbe zwischen den apfelsinenfarbig glänzenden Säulen übersehen. Möglicherweise war das auch der Grund, dass der weithergereiste Künstler, als ich mit ihm zu kommunizieren die Ehre hatte, eine Handvoll bunten, abgefallenen Laubes zur Entsorgung zusammengekratzt hatte – vielleicht kann es ja sogar für den Antrieb ihres Fahrzeuges genutzt werden.
Das ist mehr, als man von den Hinterlassenschaften irdischer Künstler behauptet kann; ich denke zum Beispiel an den banalen Eisblock vor der Neuen Nationalgalerie in der Potsdamer Straße im Rahmen der Berlin Art Week. Mitte September bei Temperaturen um 25 Grad Celsius schmolz der coole Block rapide und hinterließ nichts als eine Pfütze – die auch bald verschwand. Solange Autos nicht mit Wasser fahren also ziemlich unnütz.

Ich vermerke im Logbuch: „Arte-Programm verfolgen“, um eventuell Aufschluss über einige Fragen zu der neuen bunten Kunstrichtung zu erhalten, deren in der Überschrift erwähnte Name wohl doch eher dem Englischen entlehnt ist. Langsam muss ich leider von der Stelle, an der Science Fiction Wirklichkeit wurde, weichen.
Selig entferne ich mich von diesem Ort zwischen den Welten.

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