Tu das, was du tun willst, ohne nachzudenken! – Über die wunderbare Autobiografie „A typical Girl“ von Viv Albertine

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© Suhrkamp

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). „Ich hatte immer gedacht, dass ich aufgrund meiner besonderen Umstände – aufgewachsen im Norden Londons, Gesamtschule, Sozialwohnung, Mädchen – nicht mit dem ausgestattet bin, was nötig sei, um Erfolg zu haben. Doch während ich mir die Sex Pistols ansehe, spüre ich zum ersten Mal keine Barriere mehr zwischen mir und der Band. Ideen, die ich seit Jahren im Hinterkopf habe, drängen nach vorn…

John Lennon, Yoko Ono, die Kinks, die Frau in der Third Ear Band, die Schlagzeugerin bei Kokomo, die vorher gar nicht spielen konnte, Sandie Shaw, Suzi Quatro, Emma Peel, die beiden Mädchen in der Incredible String Band, Patti Smith, Mick Jones, Johnny Rotten, meine Liebe zur Musik…
… das ist es. Endlich sehe ich das Universum vor mir, dem ich immer angehören wollte – und dazu auch gleich die Brücke, die hinüberführt.“

Endlich ist sie da! Die fast 500 Seiten starke Bibel für die selbstbewusste Frau, und solche, die es werden wollen! Die eingangs zitierte Offenbarung Viv Albertines begegnet uns auf Seite 101 im Kapitel 23 Der Sprung – 1975. Die Musikerin und Autorin ist zu diesem Zeitpunkt zwanzig Jahre alt und auf der Brücke zu ihrem Universum angelangt. In kurzen, manchmal nur eine Seite langen Kapiteln haben wir ihren Lebensweg bis hierhin verfolgt, im Präsens geschrieben und kongenial von Conny Lösch ins Deutsche übertragen. Viv Albertines Sprache ist knapp, sezierend und selbstironisch. Hinter jedem Satz stehen mehrere Absätze, die Kollegen bemüht hätten.

„Jeder weiß, wie man ein leerstehendes Haus besetzt. Man zieht nachts los, sucht sich ein leerstehendes, bricht ein, tauscht die Schlösser aus – und schon gehört es einem.“

Das war 1973 und die nüchterne Bilanz der Vorstadtkindheit lautete bei Albertine: „Ich kann mir nicht vorstellen, wie ein glückliches Zuhause aussieht.“ Der Vater schlägt die Schwestern mit einem Gürtel und bettelt wenig später um Verzeihung. „Wir müssen ihm verzeihen, wir haben täglich mit ihm zu tun.“ Er kennt seine Kinder nicht. Auf Vivs Verkündigung, „Daddy, wenn ich groß bin, will ich Popsängerin werden.“ antwortet er: „Du bist nicht schick genug.“ Bald darauf ist er fort, die Mutter freuts. Die Mädchen vermissen ihn nicht. Viv hört John Lennons You Can´t Do That – „Dieser Song bohrt sich mir ins Herz, und ich glaube kaum, dass es je wieder heilen wird.“ Musik, Klamotten, Jungs – das erste Universum der Heranwachsenden. „Musiker sind unsere wahren Lehrer. Sie öffnen uns – politisch mit ihren Texten und kreativ mit experimenteller, psychedelischer Musik“ Sie bekommt ihre Periode und macht jedes Mal eine Szene. „Ich hatte immer Probleme mit Blut und Scheiße.“ Später hängt sie sich in rote Farbe getunkte Tampons an die Ohren und collagiert am Kunstcollege Bilder mit Tampons und Blut.

Wilde Jahre im Londoner Schmelztiegel folgen, Punk explodiert. Mick, Sid, Vivienne, Malcolm… „Musik liegt in der Luft. Und dass es an der Zeit ist, Bands zu gründen…“ Das einzigartige an dieser Biografie ist die weibliche Sicht auf die viel beschriebenen Vorgänge, eine absolut unpathetische Sicht auf Versuche, auf das Scheitern. Den Spaß, die Drogen, die Angst. Vor verletzten Codes, nächtlichen Heimwegen – und Männern.

„Hinter jeder erfolgreichen Frau steht ein Mann, der sie daran hindern wollte.“ Dieses Zitat (Graffito an der Wand der Damentoilette in einer Londoner Taverne) unterschreibt Albertines 32. Kapitel Beschuss aus den eigenen Reihen und steht für die Schwierigkeiten, sich als Frau zu behaupten. Privat und künstlerisch. Zu diesem Zeitpunk liegen Jahre des Rückzugs ins Private hinter ihr, Krankheit und die Geburt ihrer Tochter. Gibt es einen Weg zurück in die Musikbranche? In die Kunst? Wie reagiert das männlich dominierte Management? Ihre Zeit bei den Slits hat sie gewappnet. In einem Interview mit der taz antwortete Albertine kürzlich auf die Frage, wieso Punk heute als sexistisch gälte: „Das weise ich zurück: Wir Frauen brachten Fortschritt in die Sache. Klar gab es Sexismus: Die Musikindustrie war 1976 eine Männerbastion. Genauso die Medien. In vielen Bands gaben Machos den Ton an, nehmen wir Paul Weller von The Jam. Bedeutender für mich war Vivienne Westwood, eine Geschäftsfrau, die aus der nordenglischen Arbeiterklasse kam und Männer nicht mehr unterwürfig angelächelt hat.“
Fazit: Knackig, ehrlich und amüsant geschriebenes Resümee einer wahren Punkerin, nicht nur für Frauen – absolut empfehlenswert!

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Viv Albertine, A Typical Girl, Ein Memoir, aus dem Englischen von Conny Lösch, Suhrkamp Nova, 479 Seiten, Suhrkamp Verlag, Berlin 2016, ISBN: 9783518466759, Preise: 18,00 Euro (D), 18,50 Euro (A), 25,90 SFR

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