Donnerstag, 19. October 2017 | :
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Von Wittstock bis Seddin – Serie: Die Prignitz und ihre historischen Zeitschätze (1/2)

Von Wittstock bis Seddin – Serie: Die Prignitz und ihre historischen Zeitschätze (1/2)
© Foto: Günter Knackfuß, 2016
Verschiedene Metallkonstruktionen markieren den Marktplatz; eine begleitende Audioführung informiert über die mittelalterliche Szenerie.

Prignitz, Brandenburg, Deutschland (Kulturexpresso). Wer eine Reise in die Prignitz plant – egal ob mit Bahn, Bus, Auto oder Fahrrad – der kann jetzt neue Ziele ins private Programm einbauen: Unter der Marke „Zentrale Archäologische Orte“ wurden aktuell sechs historische Zeitschätze touristisch aufgearbeitet. Die historische Landschaft Prignitz im Nordwesten des Landes Brandenburg verfügt über ein reiches archäologisches Erbe. Bis heute gibt es ca. 3500 Fundstellen. Im ersten Teil unserer Zeitreise berichten wir über Ausgrabungen zur Schlacht von 1636 bei Wittstock, über den Archäologischen Park Freyenstein und das berühmte Königsgrab von Seddin.

380 Jahre nach der Schlacht

© Foto: Günter Knackfuß, 2016

© Foto: Günter Knackfuß, 2016

1636 tobte der Dreißigjährige Krieg in weiten Teilen Europas. Nahe bei Wittstock kam es in diesem Jahr zu einer wichtigen Entscheidungsschlacht zwischen schwedischen Truppen und der kaiserlich-sächsischen Armee. Heute ist das Gebiet auf halber Strecke zwischen Berlin und Hamburg touristisch erschlossen, sind die archäologischen Fundstellen gut dargestellt und erklärt. Für die Wittstocker bleibt der 24. September für ewig ein historisches Datum. Denn nach dem schwedischen Sieg blieb ihre Stadt von Verwüstung verschont. So zeigt sich das im Mittelalter bedeutende wirtschaftliche, politische und religiöse Zentrum noch heute mit einer geschlossenen Stadtmauer. Eine der ältesten und am besten erhaltenen in Norddeutschland. Die ganze Geschichte wird im „Museum Dreißigjähriger Krieg“ dargestellt.

Die bewegende Historie erlebbar gemacht haben Wissenschaftler von 16 Forschungsdisziplinen rund um die Schlachtfeld-Archäologie. Wir erreichen auf unserer Tour den Bohnekamp, den zentralen Ort der blutigen Gemetzel mit 8000 Toten. Hier wurde eine Aussichts- und Gedenkplattform gestaltet – Erinnerung und Mahnung zugleich. Anhand großflächiger detailgetreuer Schlachtpanoramen wird über den Hergang der Schlacht, deren Ursachen und Folgen berichtet. Auf Informationstafeln sind Landschaftspanoramen abgebildet, auf denen die drei rekonstruierten Phasen des Schlachtverlaufes erläutert sind. Mit hölzernen Stangen wird die Aufstellung einiger Soldaten im Gelände gekennzeichnet. Ausgangspunkt des Projektes war die Ausgrabung von 125 Söldnerskeletten im europaweit ersten entdeckten Grab des Dreißigjährigen Krieges im Jahr 2007. Beeindruckend die wissenschaftliche Leistung der Archäologen, die die menschlichen Reste nach Nationalität, Alter und Todesursache beurteilt haben. Zum Erschrecken dargestellt im ehemaligen Wasserbehälter auf dem Berg an der sagenumwobenen Schwedenstrasse.

Stadt Freyenstein im historischen Grundriss

© Copyright Tourismusverband Prignitz e.V., Foto: Markus Tiemann

© Copyright Tourismusverband Prignitz e.V., Foto: Markus Tiemann

Inmitten einer reizvollen Landschaft zwischen Ostprignitz und der mecklenburgischen Seenplatte erreichen wir das „brandenburgische Pompeji“. Archäologische Untersuchungen der letzten Jahre haben den Grundriss der alten Stadt Freyenstein wieder sichtbar werden lassen. Nun entstand ein archäologisches Freigelände. Gleich neben den beiden restaurierten Schlössern der „Neustadt“ gelangen wir zum 25 ha großen Areal. Es zählt zu den bedeutendsten Bodendenkmalen dieser Art. Grabungen und moderne Messmethoden ermöglichten weitreichende Rekonstruktionen des mittelalterlichen Stadtbildes. Eine große Anzahl von Kellern wurde mit Hilfe geomagnetischer Untersuchungen entdeckt. Sie sind in regelmäßigen Reihen angeordnet, wodurch sich neben der Ausrichtung ganzer Häuserzeilen auch die mittelalterlichen Straßenverläufe zeigen. In zentraler Position befand sich im 13. Jahrhundert ein großer rechteckiger Marktplatz, der von allen Seiten mit dichter Bebauung eingefasst war. Von Bedeutung auch der Nachweis einer bislang unbekannten Burganlage, die sich einst im Nordwesten der Altstadt befand. „Bisher wurde der überwiegende Teil der Stadtwüstung hauptsächlich landwirtschaftlich genutzt, erläutert Dr. Joachim Wacker vom Brandenburgischen Amt für Denkmalpflege. Inzwischen sind die meisten Flurstücke teils durch Flächenankauf, teils durch Tausch im Zuge eines Bodenordnungsverfahrens in städtischen Besitz übergegangen. Die Umsetzung der Konzepte zur Gestaltung eines archäologischen Freigeländes bewahrt die Stadtwüstung als Denkmal mittelalterlicher Siedlungsgeschichte und macht diese der Öffentlichkeit zugänglich“. Der „Archäologische Park Freyenstein“ ist heute Bestandteil der touristischen Erlebnisroute durch den Nordwesten Brandenburgs als Projekt „Zentrale Archäologische Orte (ZAO) in der Prignitz„.

Königsgrab bei Seddin

© Foto: Günter Knackfuß, 2016

© Foto: Günter Knackfuß, 2016

Wir nähern uns einem Wäldchen am Feldrand – vermuten hier niemals eine sagenumwobene Grabstätte. Entdeckt im Jahre 1899 atmet sie immer noch den Geist der Geschichte des 9. Jahrhunderts vor Christus. Mit ihren wertvollen Schätzen gilt die Grabanlage als die bedeutendste im nördlichen Mitteleuropa. Gefunden und geborgen wurden 41 Stücke aus der Bronzezeit. Eine bronzene Amphore, ein Schwert, ein Tüllenbeil und -meißel, Wendelringe, Rasiermesser mit stilisierten Darstellungen, Bronzeblechgeschirr, Stangenknopf, Speerspitzen, Kamm, Messer mit Ringgriff, Lockenringe aus Spiraldraht, Metallgefäßen, Wagen- und Zaumzeugteile und zwei Eisennadeln. Die reiche Grabausstattung weist auf eine sozial hochgestellte Persönlichkeit hin. Alle Grabschätze befinden sich heute im Märkischen Museum in Berlin, Kopien davon im Museum in Perleberg. Mit Hilfe moderner Forschungen konnte nur 53 m nördlich des Königsgrabes, auf ca. 290 m Länge, eine Reihe mit ca. 150 steingefüllten Gruben entdeckt werden. Wahrscheinlich Bestattungsplätze – die Archäologen sind sich noch nicht sicher.

Anmerkungen:

Vorstehender Beitrag von Günter Knackfuss ist eine Erstveröffentlichung im Kulturexpresso. Die Recherche wurde unterstützt vom Tourismusverband Prignitz e.V.

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