Zwischen Heldentum und Rechtsbruch – “Terror” im Bonner Contra-Kreis-Theater

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© Contra-Kreis-Theater

Bonn, Deutschland (Kulturexpresso). Nicht jeder, der ein voll besetztes Flugzeug abschießt, ist notwendigerweise ein Terrorist. Diese These vertritt der Erfolgsautor Ferdinand von Schirach in seinem Theaterstück „Terror“. Denn der wahre Terrorist befindet sich in der Passagiermaschine auf ihrem Flug von Berlin nach München. Er wird getrieben von der Absicht, innerhalb der nächsten dreiviertel Stunde die Maschine in der mit 70.000 Zuschauern besetzten Allianz-Arena zum Absturz zu bringen.

Welche andere Wahl hätte also der Luftwaffenpilot Lars Koch (Bernard Niemeyer), als das zu einer fliegenden Bombe umfunktioniere Passagierflugzeug mit seiner Sidewinder-Rakete abzuschießen? Oder aber den Terroristen sein furchtbares Zerstörungswerk vollenden zu lassen. Denn dass der internationale Terrorismus inzwischen auch in Deutschland jederzeit seine hässliche Fratze zu zeigen bereit ist, daran zweifelt der Pilot nicht einen Augenblick.

Rechtsphilosophisches Labyrinth

Das Bonner Contra-Kreis-Theater hat sich in einer Co-Produktion mit Junges Theater Bonn unter der Regie von Lajos Wenzel dieser Thematik angenommen. Und niemand aus dem Publikum scheint zunächst zu ahnen, in welches rechtsphilosophische Labyrinth unterschiedlicher Straftheorien der Autor ihn für die nächsten zweieinhalb Stunden entführen wird. Nie intellektuell überladen, dafür jedoch jederzeit informativ und spannend im Detail.

Besonders wenn sich herausstellt, dass am Ende des Strafprozesses gegen den angeklagten Kampfflieger das Laienrichter-Publikum über Schuldspruch oder Freispruch selbst zu entscheiden hat. Der äußere Rahmen eines Gerichtsverfahrens ist dabei perfekt nachgestellt (Bühne: Thomas Pfau), sodass der Austausch der kontroversen Argumente beginnen kann.

Die Würde des Menschen

Noch hat der „gesunde Menschenverstand“ die Lufthoheit. Denn warum sollte man einen Helden verurteilen, der zwar164 ohnehin dem Tod geweihte Passagiere opferte, dafür aber im Gegenzug 70.000 unschuldige Zuschauer vor der zu erwartenden Katastrophe rettete. Nicht ganz so einfach sieht es Staatsanwältin Nelson (Kerstin Gähte). Sie hält sich an die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland, in der die „Würde des Menschen“ als immerwährendes Rechtsgut festgeschrieben ist. Eine Einsicht, die auch das Bundesverfassungsgericht teilt, sodass Menschenleben, egal welcher Größenordnung, niemals gegeneinander aufgewogen werden dürften.

Übergesetzlicher Notstand

Engagiert hält Verteidiger Biegler (Volker Risch) dagegen. Er ist davon überzeugt, dass das Prinzip der Menschenwürde nicht über die realen Menschenleben gestellt werden darf. Die Welt mit ihren Problemen sei kein Seminar für Rechtsstudenten. Denn schließlich gehe es darum, nicht die Feinde der Rechtsordnung durch Unterlassung zu schützen, sondern sie notfalls auch mit Gewalt zu bekämpfen.

Verstieß also der Angeklagte gegen die Verfassung und das Urteil des Bundesverfassungsgerichts, sodass er nun als schuldig zu verurteilen wäre? Oder ist er der wahre Held, weil er im übergesetzlichen Notstand seinem Gewissen Folge leistete und die vielen Stadionbesucher rettete? Die Sache spitzt sich immer stärker zu, bis schließlich auch das Publikum in den Vorgang der gerechten Urteilsfindung einbezogen wird.

Klarheit in der Sache

Es ist förmlich zu spüren, wie die vielen unerwartet ins Schöffenamt berufenen Laienrichter innerlich mit sich zu Rate gehen. Und schließlich noch die Pause zu Diskussionen nutzen, um sich in der Sache Klarheit zu verschaffen. Denn immerhin geht es um „schuldig“ oder „nicht schuldig“ mit allen daraus folgenden strafrechtlichen Konsequenzen. So wird das Publikum in seinem Abstimmungsverhalten zur letzten Instanz, der sich schließlich auch der Vorsitzende (Bernhard Dübe) beugen muss.

Das Urteil fällt, zumindest an diesem Abend, eindeutig aus und der Richter begründet es in allen Details. Was wäre jedoch, wenn das Publikum ein anderes Mehrheitsverhältnis herbei geführt hätte? Niemand, der Ferdinand von Schirachs Werk näher kennt, würde die Möglichkeit ausschließen, dass er auch für diesen Fall eine richterliche Begründung parat hätte. Insgesamt ein emotional aufgeladenes und doch durch und durch rationales Stück, dessen Spannungsbogen bis zur Urteilsfindung anhält.

In weiteren Rollen: Thomas Kahle, Katharina Felschen, Karina Kirkuc und Benedikt Fiebig.

Im Programm bis 23.10.2016, www.contra-kreis-theater.de

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