25 Jahre Yes, I am: Melissa Etheridge tourt von Manchester bis Oslo und war am Frauentag im Tempodrom Berlin

Berlin, Deutschland/ Oslo, Norwegen (Kulturexpresso). Yes, I am (Ja, ich bin) klingt ein bisschen wie das „Yes, we can“ der Aufbruchsjahre in den USA nach George W. Bush, aus dem ein „Yes, I can“ – ja, ich kann es – folgerte. Und es ist beabsichtigt oder unbeabsichtigt nah dran am „Ich denke, also bin ich“, lateinisch „cogito, ergo sum“. Melissa Etheridges 4. Studioalbum aus dem Jahr 1993 hieß so: Yes, I am.

Berliner, die auf der Straße die Plakate sahen, verstanden diese allerdings nicht automatisch; auch mit Englischkenntnissen nicht. Ganz zu schweigen davon, dass die Anfangszeit 20 Uhr nicht auf das Plakat gedruckt wurde, eine Unsitte genau wie das überflüssige Aufdrucken der beiden Nullen vor dem 8.3.: „08.03.2019“. Vielleicht liegt es auch daran, dass in diesem Fall die Ziffern weiß sind und damit Druckerfarbe gespart wurde – das würde zu den Umweltschutzzielen passen, die Etheridge bei Ihrer Dankesrede am 5. März 2006 im Kodak-Theater so formulierte: „Am meisten muss ich Al Gore danken, dafür dass er uns inspirierte, mich inspirierte, zeigte, dass sich um die Erde zu kümmern weder republikanisch noch demokratisch, weder noch rot noch blau [die Farben der beiden großen US-Parteien] ist, es ist nur grün.“

Das war bei der Preisverleihung der Academy of Motion Picture Arts and Sciences (AMPAS), die die Academy Awards mit den kleinen glänzenden Statuen vergibt.

Melissa Etheridge gelang, worauf Bradley Cooper und Glenn Close noch warten: Sie erhielt einen Oscar

„An Inconvenient Truth“, deutscher Titel „Eine unbequeme Wahrheit“, so heißt der Dokumentarfilm aus dem Jahr 2008, der den Oscar in der Rubrik „Bester Dokumentarfilm“ erhielt und für das beste originale Lied (“Best Original Song“) von

2007 mit dem Titel „I Need to Wake Up“ aus ebendieser Doku „An Inconvenient Truth“ erhielt Melissa Etheridge einen der begehrten Oscars.

Der 55jährige Regisseur Davis Guggenheim des Films „Eine unbequeme Wahrheit“, („He Named Me Malala“) ist der Sohn des am häufigsten für diesen Oscar nominierten Regisseurs Charles Guggenheim.

Al
Gore lobte Melissa Etheridge, weil sie sich immer ‚in Sachen
reinhängt‘, auch wenn es darum geht, anderen zu helfen.

Der
ehemalige Vizepräsident und Fast-Präsident – er hatte 300.000
Stimmen mehr bekommen als George Bush, der 2000 das Amt antrat –
spricht in dem Film die Wahrheit an, das die Menschheit in der heute
bekannten Form nicht überleben wird. Falls „Global warming“, die
weltweite Erderwärmung mit Klimawechsel nicht aufgehalten wird, geht
es unseren Kindern und Enkeln schlecht.

Auch bekam Melissa Etheridge einen Stern am Hollywood Walk of Fame.

Melissa Etheridge – 30 Jahre mit Musik in der Öffentlichkeit

1988 brachte die Singer-Songwriterin und Rockmusikerin ihr Debutalbum heraus: „Melissa Etheridge“. Es erhielt zweimal Platin. Der Höhepunkt des Erfolges bildete die Veröffentlichung von Yes, I am 1993: sechsmal Platin, zwei Jahre in den Charts.

Auf der LP Yes, I am sind die Erfolgsstücke „Come to My Window“ und „I am the only one“.

1993 und 1995 gewann Melissa Etheridge einen Grammy – der Preis wurde nach dem Grammophon benannt – und zwar den Grammy für die „beste weibliche Gesangsdarbietung – Rock“. Erst mit „Ain‘t it Heavy“, dann mit „Come to My Window“. Im Original auf englisch hieß dieser Preis „Grammy Award for Best Female Rock Vocal Performance“.

Seit 2005 gibt es die Auszeichnung so nicht mehr. Es gibt nur noch einen Preis für die „Best Rock Vocal Performance, Solo“. Egal, ob es ein Sängerin oder ein Sänger ist – es kann nur einer gewinnen.

Am Broadway debütierte sie 2011 als „Jimmy“ in Green Day’s Rock Oper „American Idiot“, wo sie Billie Joe Armstrong für eine Woche ersetzte.

Ebenso bekam sie einen Stern am Hollywood Walk of Fame.

Die Yes, I am – Tour mit Melissa Etheridge

Zur Feier des Jubiläums 25 Jahre „Yes, I am“ kündigte Melissa Etheridge im September 2018 eine Europatour an.

„Das Warten hat ein Ende. Lang ist es her, dass ich in Europa war. Ich bin fasziniert, diese Tour jetzt über den großen Teich zu bringen […].“, sagte Melissa Etheridge im Herbst.

Beginnend in Manchester führte die Tournee durch europäische Metropolen und Hauptstädte wie Berlin, Kopenhagen, Stockholm und als Abschluss am 13. März ein Konzert im norwegischen Oslo.




Der Preis für Eskapaden in und um Hamburg: Volko Lienhardt und Stefanie Sohr erhalten ITB-BookAward

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Volko Lienhardt sieht manchmal ein bisschen aus wie vom Nordwind verweht, Stefanie Sohr hat ein durchweg heiteres Gemüt – sie sind die Richtigen für Eskapaden! 52 davon, kleine und große, haben sie zusammengestellt und verfasst – Eskapaden in und um Hamburg. Die ITB BookAwards, so die Eigenschreibung, gehen jedes Jahr in ausgesuchten Rubriken an mehrere Empfänger. 2019 ist Malaysia das Partnerland der größten Reisemesse der Welt, der ITB. Wenig verwendet in der Langform, stirbt die Erinnerung an den Namen „Internationale Tourismus-Börse“ langsam aus. Das internationale ist es, dass der Börse den Garaus macht. Man braucht einen Markennamen, der hier und in Übersee – was für ein Wort, auch mit Umlaut und ohne Überlebensfähigkeit, genau wie das Überleben, deswegen gibt es nur noch Survival-Handbücher, sorry, handbooks – bestehen kann.

Thema der ITB-BuchAwards 2019: Reisen nach und Eskapaden in und um Hamburg

Warum dieses Jahr ausgerechnet Hamburg? Die Bücher waren zu gut. Der 1. Preis – rein chronologisch, nicht im Sinne eines Hauptpreises – wird als „DestinationsAward“ mit Themenfokus auf das Partnerland vergeben; dieses Jahr malaysisch. Gewonnen hat MALAYSIA von Moritz Jacobi, Mischa Loose, Renate Loose, Stefan Loose im Stefan Loose/ DuMont-Reiseverlag.

Gleich an zweiter Stelle des drei DIN-A4-Seiten großen, bunten Plakats über die BuchAwards dieses Jahres steht die Rubrik (oder „Kategorie“) „Deutsche Reisegebiete Hamburg“.

Zwei Gewinner gab es: für den klassischen Reiseführer, der so klassisch gar nicht ist, da er auch eng an Online-Apps angebunden ist, die ihn ergänzen:„Hamburg“ im Michael-Müller-Verlag. Autor Matthias Kröner schreibt extrem kundennah und das Buch ist seinen Preis schon allein dadurch wert, was es einspart. In dem Buch steckt mehr als erwartet.

Der andere Gewinner für ein Hamburg-Reise-Buch ist „52 kleine und große Eskapaden in und um Hamburg“ von Herrn Lienhardt und Frau Sohr. Der frisch gestaltete Umschlag verrät, wohin die Reise geht: „Ab nach draußen!“. Ähnlich wie auf dem Hamburgbuch aus dem Michael-Müller-Verlag, das mit einer App daherkommt, die man sich als Käufer herunterladen kann, preist schon der Umschlag an: „Mit allen Touren zum Download“.

Jede Woche auf zu Eskapaden in und um Hamburg

Warum 52? Da war doch was mit der Zahl der Wochen in einem Jahr … Wer geht schon jede Woche auf Tour, doch so jemand das möchte, hat er ein Jahr lang jedes Wochenende richtig was zu tun mit maximalem Spaß und nie allein, sondern mit dem treuen Begleiter Buch an der Seite. Papier ist geduldig, widerspricht nie, ist trotzdem hilfreich und im allerschlimmsten Fall, wenn man am Ende der 52. Ausflugstour wegen eines plötzlichen Kälteeinbruchs am Elbufer zu erfrieren drohen sollte, könnte man am Strand damit ein Feuer anzünden oder sich direkt am brennenden Papier wärmen. (Versuchen Sie das einmal mit einer App!…)

Doch ist das natürlich viel zu schade.

Bibliographische Angaben zu
Eskapaden in und um Hamburg

Verlag: DuMont-Reiseverlag

Verfasser:
Stefanie Sohr, Volko Lienhardt

Titel:
52 kleine & große Eskapaden in und um Hamburg

Seitenzahl: 232

Preis in Euro für die Bundesrepublik: 14,99

ISBN 13: 9783770180714 ISBN 10: 3770180712




Titelseite von Peter Demetz' Buch über Rainer Maria Rilkes Jahre in Prag, seiner Geburtsstadt.

Was nicht in Wikipedia steht. Steht „alles im Internet“ – weit gefehlt

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Wir sprechen jetzt nicht von echten Geheimnissen. Von Tips, die man gegen Bezahlung bei teuren Beratern einholt und die oft nur versteckt oder in nicht aufbereiteter Form zu finden sind. Sondern von vielerlei vielleicht enzyplopädischem Wissen, das in der Enzylopädie namens Wikipedia nicht zu finden ist. Nicht im Internet, nicht in Wikipedia.

Über die Frage, ob es dort hingehört, gibt es innerhalb der Wikipedianer Diskussionen. Manche Personen, die man für unwichtig hält, sind in der Online-Enzyklopädie verzeichnet. Andere, die durchaus wichtig sind oder zu sein scheinen, fehlen bei Wikipedia.

Die Gründe sind nicht nur subjektiv. Es muss auch immer jemanden geben, der die Information hat UND bereit ist, kostenlos darüber zu schreiben. Fernerhin muss er die Wagenburg von Wikipedia durchbrechen, wie wir es einmal nennen wollen, was auch keine Selbstverständlichkeit zu sein scheint.

Dabei ist die Frage, ob und wo Wissen vorhanden ist, entscheidend.

Zur Illustration ein Beispiel.

Beispiel Wilmersdorfer Straße – was nicht in Wikipedia stand

Die Wilmersdorfer Straße in Berlin-Charlottenburg hatte schon seit geraumer Zeit einen eigenen Eintrag. Was dort stand, war nicht wenig, aber inhaltlich trotzdem dürftig, wenig fundiert und oft zumindest irreführend um nicht zu sagen, schlicht falsch. Immer wieder einmal gab es im damaligen Heimatmuseum Charlottenburg Überlegungen, der Sache auf der Grund zu gehen. Einmal gab es sogar einen richtiggehenden Anlauf, Material zu sammeln; Ergebnis: ein dicker Leitz-Ordner. Doch erst nach der Bezirkszusammenlegung Charlottenburgs mit Wilmersdorf und weiteren günstigen Umständen, so der Renovierung der Villa Oppenheim für 1,6 Millionen Euro, nahm 2011 die Planung konkretere Formen an. Ein Rechercheteam machte sich an die Arbeit, eigene und fremde Archive zu durchsuchen.

Am Ende der Arbeit standen eine sehr erfolgreiche Ausstellung, deren Laufzeit immer wieder verlängert wurde und nach zig Nachfragen, die einen großen Bedarf signalisierten, ein Buch. Es sollte kein Ausstellungskatalog werden, unter anderem, da das Erscheinen nicht sicher innerhalb der Laufzeit liegen konnte und, weil es eine grundlegende Monographie zum Thema werden sollte.

Viel Zeit ging dahin, Manpower war am Werke. Das Internet gab es bereits seit geraumer Zeit, war inzwischen Alltag geworden. Jetzt kommt der springende Punkt: Zwei bis drei Autoren wurden für das Projekt auserkoren. Ein vierter gesellte sich später hinzu. Was war passiert? Ein Mitarbeiter mit einem anderen Aufgabengebiet hatte, anfänglich aus Langeweile, die „Wilmersdorfer Straße“ gegoogelt. Mühsam hatte er sich durch die redundanten Einträge, die sich mit irgendwelchen Straßen in Wilmersdorf oder irgendwelchen Wilmersdorfern beschäftigten, hindurchgefressen. Am Ende beziehungsweise während des Prozesses, der neben der eigentlichen Arbeit geschah, standen allerdings hinreichend interessant erscheinende Details und Anekdoten, die auch noch in dem zu verfassenden Buch Platz finden sollten. Der Finder wurde nachträglich zum Co-Autor der Publikation bestimmt.

Das Internet war so voller Einträge, dass der hinzukommende Autor letztlich die größte Textmenge unterzeichnete.

Das Internet verändert vieles.

Das spräche doch für das Internet?

Es geht hier auch weniger um einen künstlichen Gegensatz Buch-Internet, sondern um ein ergänzendes Miteinander und ein Leben mit Büchern, da dieses sinnvoller ist und eine Menge Vorteile bietet. Sogar oder auch in der Papierform.

Die neuen Forschungsergebnisse, die das 2013 in Berlin erschienene Buch über die Wilmersdorfer Straße letztlich enthielt, waren im wesentlichen Akten und Karten zu verdanken – weder den Büchern noch dem Netz. Wobei Bücher und Landkarten seit Ewigkeiten zusammen angeboten werden, man denke zum Beispiel an Kiepert.

So stellte sich heraus, dass es um 1910 herum für wenige Jahre eine Synagoge in der Wilmersdorfer Straße gegeben hatte, die wegen der repräsentativen Neubauten in der Pestalozzi- und Fasanenstraße aufgegeben wurde. In Nachschlagewerken ist diese nicht aufgeführt.

Auch konnte der Name der Wilmersdorfer Straße 100 Jahre früher belegt werden als bisher allgemein bekannt und veröffentlicht. Bis 2012 hatte es geheißen: Straßenname „ab 1824“ in Gebrauch. Die Forschung ergab, dass es mindestens ab 1724 zwei Namen gab: „Wilmersdorfische oder Lange Spreestraße“.

Stehen in Büchern wichtige Informationen oder kann man „alles im Internet finden“?

Ein Teil der Antwort ist subjektiv. Unterschiedliche Menschen werden unterschiedliche Antworten finden und geben.

Wer analog aufwuchs, tendiert vielleicht von vornherein zum – richtigen – „Ja, es gibt in Büchern wichtige Informationen. Diese Informationen kann man nur zum Teil auch im Internet finden.“

Digital aufgewachsene, die vielleicht schon mit fünf ein Handy bekommen haben, haben dagegen oft mit Büchern Probleme. Obwohl es an der Universität Auflagen gibt, mindestens eine Buchquelle zu benutzen und nicht ausschließlich digitale Quellen, drücken sich viele Twens recht erfindungsreich darum.

Wer die Welt der Bücher nicht kennt, traut ihr bestimmt auch weniger zu. Die Digital Großgewordenen nennt man Digital Natives, Generation Y oder Millenials.

Trotzdem bejahen vielleicht auch viele Jüngere, dass man nicht „alles“ im Internet finden kann. Vielleicht mit der Einschränkung, dass bald „alles“ zu finden sein wird. Schließlich gibt es ja durchaus Digitalisierungsbestrebungen und – anstrengungen. Insofern haben die „Natives“ (sprich: Nejtiws) , die Eingeborenen der Digitalwelt, einen positiven Ausblick.

Nicht in Wikipedia, sondern hier: Rilke und die Eisenbahn

Jetzt muss eines der vielen möglichen Beispiele folgen. Noch gar nicht vor so langer Zeit, in den 50er Jahren, erschien in der Bundesrepublik Deutschland ein Buch von Peter Demetz. Just in dem Jahr, als „René Rilkes Prager Jahre“ bei Diederichs in Düsseldorf erschien, 1953, wanderte Demetz in die Vereinigten Staaten von Amerika aus. 1958 wurde der Germanist dort Staatsbürger.

Wikpedia kennt den Autor und führt in der Rubrik „Werke“ als zweites auch „René Rilkes Prager Jahre“ auf. Erschienen im Alter von 31 Jahren. Mit 30 wurde „Goethes ‚Die Aufgeregten‘ “ in Hannoversch-Münden verlegt – 1952.

Das war aber wohl kaum Demetz‘ erstes Werk, denn wir erfahren aus dem Klappentext des Buches: „Der Verfasser, der sich mit einer Arbeit über Kafka bereits einen Namen machte, ist ein junger Prager Literaturhistoriker, der seine Heimatstadt erst vor kurzem verließ.“ Wann? 1948, nach dem kommunistischen Putsch. Das Deutschland, aus dem das Regime kam, das am Tod seiner Mutter schuld war, war vermutlich nicht Peter Demetz‘ Traumziel.

Peter Demetz wurd am 21. Oktober 1922 geboren, das weiß Wikipedia, auch von der Emeritierung 1991 an der Yale University.

Demetz wusste als gebildeter Prager nicht nur von Rilke und Kafka, sondern blickt auch zur Seite auf Mauthner und Werfel, um die deutsch-böhmische Dichtung um die Jahrhundertwende darzustellen.

René Rilke – das ist etwas ungewohnt, nicht wahr? Er ist derselbe, der uns als Rainer Maria Rilke geläufiger ist. Außer René trug Rilke noch die Vornamen Karl Wilhelm Johann Josef Maria. Aus den sechs Vornamen wurden später zwei.

Neue Erkenntnisse durch Bücher – Lesefrüchte

Was weiß Demetz‘ Buch, das nicht in Wikipedia stünde? Zum Beispiel Vieles über Rilkes Vater Josef. René hatte nicht zufällig ein halbes Dutzend Namen. Einer der sechs Vornamen stammte von seinem Vater Josef Rilke (1839–1906).

Wikipedia weiß, warum Rainer nicht mehr René heißt – seine Liebe Lou Andreas-Salomé fand den Namen scheinbar nicht männlich genug.

Über den Vater heißt es nur, er sei Bahnbeamter geworden. Das kann man nur bedingt so stehenlassen, da Beamte im Staatsdienst sind. Nachdem das Gesuch des Artillerieunteroffiziers Josef Rilke, Offizier zu werden, nicht befürwortet worden war, verließ Rilkes Vater das Militär. Mit Hilfe seines Bruders fand er eine Stellung als Offizial der Turnau-Kralup-Prager Eisenbahn. Dabei handelte es sich um eine private Gesellschaft.

Eisenbahnfreunde, von denen es wahrlich viele gibt, wird auch interessieren, dass er Stationsvorsteher in Bakov, dann Magazinvorsteher und schließlich Revisor der Böhmischen Nordbahn wurde. Die Nordbahn, heute im Tschechischen gelegen wie die Turnau-Kralup-Prager Eisenbahn, im 19. Jahrhundert im Norden Österreich-Ungarns, war ebenfalls eine Aktiengesellschaft.

Nun könnte man anmerken, dass diese Fakten ja nicht besonders interessant seien. Doch darum kann es in keinster Weise gehen. Mehr als 50% des Inhaltes einer Enzyklopädie interessiert die Mehrheit nicht.

Es geht darum, ob solche Informationen im Netz verfügbar sind
– und sie sind es nicht.

Als Eisenbahnfan würde es mich interessieren, dass Rilkes Vater Eisenbahner war – und wo. Bakov heißt in der deutschen Wikipedia übrigens Bakow.

Als Literaturstudent oder -wissenschaftler oder Rezipient von Rilkes Werk würde mich der Werdegang des Vaters ebenso interessieren.

Zur Frage des Eisenbahn-“Beamten“ Josef Rilke: Die Böhmische Nordbahn wurde 1908 verstaatlicht. Josef Rilke lebte da bereits zwei Jahre nicht mehr.

Ein Hoch auf die Bücher, die allein solche und andere Wissenslücken schließen können, der Forschung und dem Wissen dienen.

Mögen auch die Digital Natives sich mit ihnen anfreunden. Papier ist geduldig, die Generation Y weniger.




The Favourite ist der Favorit. Olivia Colman gewinnt den Oscar als beste Schauspielerin (Academy Award)

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Olivia Colman. Schon wieder Großbritannien! Ein Wechselbad der Gefühle. Werden wir, die „Festlandeuropäer“, die nicht auf einer Insel wohnen – Helgoland, Rügen und die Mainau jetzt mal außen vor – bald alleingelassen? Läuft alles nach Plan? Oder werden Engländer und Deutsche verlieren und mit ihnen Luxemburger und Franzosen? Werden die Schotten bald noch mehr sparen müssen, obwohl sie in der EU hatten bleiben wollen?

Auch im Film ist England zurzeit Thema. Auch Schottland. Mit „Mary, Queen of Scots“ – deutscher Titel „Maria Stuart, Königin von Schottland“ – mit Saoirse Ronan in der Hauptrolle und Margot Robbie als Königin von England haben wir endlich ein Werk der Kunst, das die neuen Forschungsergebnisse berückichtigt. Alle Theaterstücke und Spielfilme bisher gingen teilweise von falschen Voraussetzungen aus. Obendrein verfolgen wir nach Maria Stuarts Tod 1587 den Beginn der Phase, in der es nur noch eine Königin beziehungsweise einen König für England und Schottand gab, dann für Großbritannien (die ganze große Insel) und heute für das Vereinigte Königreich von Großbritannien und Nordirland. Margot Robbie verkörpert Marys Gegenspielerin Elisabeth I. Heute regiert Elisabeth II.

Dazwischen gab es viele andere, zum Beispiel Queen Victoria, die das 19. Jahrhundert beherrschte und leider die Trennung des hannoverschen Throns vom britischen markiert. Nach welfischem Thronfolgerecht durfte keine Frau den Thron im Kurfürstentum Lüneburg-Braunschweig und dann im Königreich Hannover besteigen. Im Ersten Weltkrieg rächte sich diese Regelung, die Frauen außen vor ließ, bitter und zerstörte das Deutsche Reich fast vollends. Unter einem Monarchen hätten sich Hannover und Großbritannien nie bekämpfen können.

Olivia Colman – zum erstenmal nominiert, sofort gewonnen

Olivia Colman wurde als Beste Darstellerin nominiert. Sie spielte Königin Anne (Queen Anne) in Giorgos Lanthimos‘ „The Favourite – Intrigen und Irrsinn“, so der deutsche Titel. Anne Stuart wurde 1665 geboren. Der Film aus dem Jahr 2018 beschäftigte sich mit der letzten britischen Königin des Hauses Stuart. Der Familienname ist uns aus dem 16. Jahrhundert sehr gewärtig. Queen Anne starb am 1. August 1714. Sie war seit 1702 bis zu ihrem Tode Königin von Irland und gleichzeitig Königin der Königreiche England und Schottland. Als diese beiden 1707 vereinigt wurden, bestieg sie als erste den Thron des Königreiches Großbritannien.

Zur Erinnerung: Im Barock passierte in Preußen zeitgleich Folgendes: Kurfürst Friedrich II. von Brandenburg krönte erst sich und dann seine Frau Sophie Charlotte, Tochter des Kurfürsten von Lüneburg-Braunschweig, zum 1. König in Preußen. Das geschah in Preußen, einem Herzogtum an der Ostsee, einem Territorium, das später als Ostpreußen bekannt wurde. Genauer in Königsberg in Preußen, meist Königsberg i. Pr. abgekürzt. Die Bezeichnung Ostpreußen ist also in gewissen Sinne irreführend. Sophie Charlotte starb 1705. König Friedrich I. gründete ihr zu Ehren die Stadt Charlottenburg und starb selbst 1713 noch vor Königin Anne von Großbritannien.

Im Film ist Königin Anne durch die spanischen Erbfolgekriege belastet und leidet selbst stark unter der Gicht. Ihr engste Beraterin und Vertraute ist Sarah Churchill, Herzogin von Marlborough (1660-1744), dargestellt von Rachel Weisz. Churchill führt Abigail Masham, eine verarmte Cousine (Emma Stone), bei Hofe ein, die letztlich mit einigen Schachzügen und Intrigen sogar ihre Gönnerin Sarah Churchill aussticht. Zurück bleiben drei unglückliche Frauen.

Echte Überraschung bei der Oscarverleihung – Olivia Colman spielte dabei nicht

Bei den Academy Awards ist meist entscheidend, gegen welche Konkurrenz man antritt. In den wichtigen personenbezogenen Kategorien gibt es meist 5 Alternativen. Der beste Film dagegen wird unter 8 Streifen ausgewählt.

Wer waren die vier Konkurentinnen von Olivia Colman? Glenn Close („THE WIFE“) wurde im Vorfeld bisweilen als Favoritin genannt, da sie schon oft nominiert wurde, aber nie eine Trophäe erhielt.

Hier im Überblick die Nichtgewinnerinnen in der Kategorie „Beste weibliche Hauptrolle“ („Beste Hauptdarstellerin“):

Yalitza Aparicio in „Roma“, der Film wurde als bester fremdsprachiger gekürt und Regisseur Cuaron räumte zwei weitere Oscars ab.

Glenn Close – „Die Frau des Nobelpreisträgers (The Wife)“;

Lady Gaga – „A Star Is Born“ – Hier ging Filmpartner Bradley Cooper leer aus und Lady Gaga gewann einen musikalischen Preis für den „Besten Filmsong“.

Melissa McCarthy – „Can You Ever Forgive Me?“ McCarthy ist eine tolle Schauspielerin, der Film blieb aber unter den Erwartungen; er spielte an den Kassen nur wenig mehr (etwa eine Million Dollar mehr) ein, als ausgegeben wurde.

Statistik: Wer gewann 2019 häufiger im Verhältnis zu den Nominierungen?

Es war klar, dass „Roma“, der in Venedig bereits einen Goldenen Löwen gewann, Preise einheimsen würde. Trotz 10 Nominierungen wurden es aber nur die 3 oben genannten.

Der zweite Top-Favorit war „The Favourite“: ebenfalls 10mal nominiert, aber nur 1 Oscar! Auch deswegen war Olivia Colman überglücklich, bedankte sich ausführlich, musste immer wieder den Fokus finden. Sie war eine echte und ehrlich glückliche Oscar-Gewinnerin.

Andere Filme wie „Green Book – Eine besondere Freundschaft“ hatten ein besseres Nominierungs-Gewinn-Verhältnis: 5: 3.

Am erfolgreichsten war „Bohemian Rhapsody“, ebenfalls 5mal, also halb so oft wie „Roma“ und „The Favourite“ nominiert, aber sogar 4mal gewonnen.

„A Star Is Born“ wurde 8mal nominiert, aber nur für das beste Filmlied ausgezeichnet. Auch „Vice“ brachte es nur auf ein Verhältnis von 8:1.

In diesem Licht können sich die Macher von „The Favourite“ immerhin rühmen, einen der beiden meistnominierten Filme der Oscar-Saison 2019 gemacht zu haben.

Filmografie des Filmes, in dem Olivia Colman die oscar-prämierte Hauptrolle spielt

Originaltitel: „The Favourite“

Deutscher Titel: „The Favourite – Intrigen und Irrsinn“

Produktionsland: Vereinigtes Königreich von Großbritannien und Nordirand, Irland, USA

Originalsprache: Englisch

Erscheinungsjahr: 2018

Filmlänge: 120 Minuten

Altersfreigabe: FSK 12

Besetzung
(Cast)

Olivia
Colman: Queen Anne

Rachel Weisz: Sarah Churchill

Emma Stone: Abigail Masham

Nicholas Hoult: Robert Harley

Joe Alwyn: Samuel Masham

Mark Gatiss: Marlborough

James Smith: Godolphin

Jeanny Rainsford: Mae

Stab

Regie: Giorgos Lanthimos

Drehbuch: Deborah Davis, Tony McNamara

Produktion: Ceci Dempsey, Ed Guiney, Giorgos Lanthimos, Lee Magiday

Kamera: Robbie Ryan

Schnitt: Yorgos Mavropsaridis




Mit Liebe gemacht. Oscars: GREEN BOOK Bester Film – mit Viggo Mortensen, Maherschala Ali

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Wir hatten uns gewünscht, dass dieser Film gewönne, fünfmal war er nominiert. Drei Oscars oder Academy Awards bekam er: Green Book wurde „Best Picture“, also Bester Film, Mahershala Ali bester Nebendarsteller. Die 91. Oscarverleihung lief am Sonntagabend, den 24. Februar 2019 in Hollywood. Nur der Film „Bohemian Rhapsody“ gewann mehr Preise. „Roma“ und „Black Panther“ konnten mit je drei Academy Awards gleichziehen. GREEN BOOK erhält die Auszeichnungen Bester Film, Bestes Originaldrehbuch (Best Original Screenplay) und Bester Nebendarsteller. Das mit dem Nebendarsteller irritiert etwas. Zunächst einmal hält man Mahershala Ali für den Hauptdarsteller. Er spielt in Green Book einen Musiker, der auf Tournee geht. Das Trio umfasst auch noch zwei russische (!) Musiker. Tourbus? Weit gefehlt. Man ist im Pkw unterwegs. In zwei Pkw. Für das zweite Auto sucht man noch einen Fahrer. Gut, dass Viggo Mortensen als Hauptdarsteller zählte. Er konnte zwar keinen „Academy Award“ abräumen, da Rami Malek diesen für seine Rolle als Leadsänger Freddie Mercury (Queen) in „Bohemian Rhapsody“ erhielt. Dafür war dann der Oscar für den besten Nebendarsteller fällig.

Drei Oscars für GREEN BOOK: Bester Film, Bestes Originaldrehbuch und Bester Nebendarsteller

Ein grünes Buch wie in „The Green Book“, den Oscar-gekrönten Spielfilm mit Viggo Mortensen und Mahershala Ali. © 2019, Foto/BU: Andreas Hagemoser

Ein bisschen irritiert ob der Reihenfolge der Darstellung der 91. Oscarverleihung konnte man schon sein. Der Preis für den Besten Film wird traditionell ganz zum Schluss vergeben, Julia Roberts betrat dazu die Bühne. Während bei den Schauspielern im Haupt- und Nebenfach je fünf Frauen und Männer nominiert wurden, sind es bei den Filmen acht. Doch irgendwie bekam man das Gefühl, GREEN BOOK stehe bereits vor der Verkündung fest.

Sogar ein Kongressabgeordneter betrat die Bühne quotengerecht in Begleitung einer jungen Frau. Beide African American, an politischen Signalen wurde 2019 nicht gespart. Während die Motion Picture Academy bei der 90. Verleihung 2018 noch stark mit sich selbst beschäftigt war und das „Me, too“ die Runde machte, zeigte man sich dieses Jahr offener, selbstbewusst und angriffslustig. Vergangenes Jahr hatten sich noch viele auf der „Fast lane“, der Schnellgasse, an den Rote-Teppich-Reportern vorbeigeschlichen, unsicher, was sie sagen sollten. Vielleicht hatten ihnen die PR-Fachleute auch einfach geraten, den Mund zu halten. Dieses Jahr hatte jeder etwas zu sagen und die ganze Filmgemeinde stieß in ein Horn.

Barbra Streisand formulierte es so: „Wie lieben die Wahrheit.“ Auch die Muttersprachler im Saal brauchten ein paar Zehntelsekunden, um das zu verstehen.

Green Book

Regie: Peter Farrelly

130 Minuten

Seit dem 31. Januar 2019 in den bundesdeutschen Kinos.




Im Dolby Theatre Los Angeles werden die Oscars verliehen, die Academy Awards

Oscar ist ein Mexikaner. Alfonso Cuarón aus Mexiko gewinnt wieder zwei Oscars: Roma auch bester fremdsprachiger Film

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Emil‌io Fernández hatte Modell gestanden für den Oscar, wie wir ihn kennen. 1928 soll Cedric Gibbons, Mitglied der Motion Picture Academy, auf der Suche nach einem Modell für die Figur gewesen sein. Seine Zukünftige, Dolores del Río, soll ihm dann Emil‌io Fernández vorgestellt haben, der erst dazu überredet werden musste, nackt zu posieren. Der 1904 geborene Fernández war Schauspieler in Sam Peckinpahs „The Wild Bunch“ und Regisseur einer ganzen Reihe von Filmen, ehe er 1986 in Mexiko-Stadt starb. Anfänglich an Filmen mit künstlerischem und sozialem Anspruch interessiert, wendete er sich ab den 50er Jahren Kassenschlagern zu.

Roma von Alfonso Cuarón bester fremdsprachiger Film

Der Oscar ist also ein Mexikaner – ist es da ein Wunder, dass im letzten halben Dutzend Jahre immer wieder mexikanische Regisseure die Statue überreicht bekamen? Sonntagnacht war schon recht bald der Beste fremdsprachige Film an der Reihe. Unter vielen Einsendungen 2019 waren fünf Streifen nominiert worden. Hiesige Hoffnungen ruhten auf dem deutschsprachigen Film „Werk ohne Autor“ von Florian Henckel von Donnersmarck (Bundesrepublik Deutschland), der international unter dem Titel „Never look away“ läuft. Nominiert waren weiterhin die Liebesgeschichte „Cold War“ von Pawel Pawlikowski aus Polen und der diebisch herzerwärmende „Shoplifters“ des Regisseurs Hirokazu Kore-eda aus Japan. Der arabischsprachige Film „Capernaum (Caphernaum)“ von Nadine Labaki ging für den Libanon ins Rennen, „Roma“ auf Spanisch und Mixtekisch für Mexiko. Eine Story, die den Millionen Hausmädchen, die oft den kleinen Ethnien Mexikos entstammen, ein Denkmal setzt. Alfonso Cuarón durfte die Oscar-Statue für den Siegerfilm ROMA entgegennehmen.

Bei seinen ersten Danksagungen machte er einen Witz mit der Analogie: „What would Lubitsch do?“ „What would Lubezki do?“ Emmanuel Lubezki Morgenstern heißt ein berühmter mexikanischer Kameramann. Lubezki studierte Film am mexikanischen Centro Universitario de Estudios Cinematográficos (CUEC), wo er Alfonso Cuarón traf.

Alfonso Cuarón dreimal auf der Bühne, zwei Oscars für sich: Beste Kamera, Beste Regie

Alfonso Cuarón musste später noch zweimal auf die Bühne im Dolby Theatre. Dabei bedankte sich unter anderem bei seinen mexikanischen Kollegen Alejandro G. Iñárritu („Birdman“(2014), gewann 2015 vier (4) Oscars: Bester Film, Bester Regisseur, Bestes Originaldrehbuch, Beste Kamera: Emmanuel Lubezki ) und Guillermo del Toro („Pacific Rim“, 2013), der 2018 für „The Shape of Water“ die Academy Awards (Oscars) für Regie und Besten Film einheimste.

Insgesamt vier Academy Awards nennt Alfonso Cuarón nun sein eigen. Als er 2014 den für die Beste Regie erhielt, war er der erste Lateinamerikaner, dem diese Ehre zuteil wurde. Es ging um den Film „Gravity“ von 2013. Den zweiten Oscar für „Gravity“ erhielt er für den Schnitt zusammen mit Mark Sanger.




Zu dünn! Oder: Iss, Farida, iss! Der Film FLESH OUT im Berlinale-Panorama macht Schluss mit dem Schlankheitswahn

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Wer nicht zu seinem Gewicht steht, ist selber schuld. Kokettieren jedenfalls hat jetzt ein Ende. „Ach, ich bin so dick – niemand mag mich“ heischt nach „So dick bist du doch gar nicht!“. Es ist nicht nur ein ‚Fishing for compliments‘, also ein die-Angel-Auswerfen nach unverdienten Streicheleinheiten, sondern nicht im Geringsten abgenabelt von der Jugend- und Schlankheitsdiktatur der Werbewirtschaft US-amerikanischer Prägung, die bereitwillig von den Vasallen in Europa und bedingt auch in China übernommen wurde. Flesh Out! „Überall auf der Welt!“ Wer hat das gesagt? Schlecht recherchiert oder keine Ahnung! Während ganz Gallien vom Römischen Reich besiegt wurde, wehrt sich … ein kleines Dorf … seit Jahrzehnten … mittels eines Zaubertranks. Die ganze Welt? Niemand hat an Afrika gedacht! Und wie immer gilt: Augen auf beim Alles-in-einen-Topf-schmeißen.

Geographie zurechtgerückt – die Sache mit den Inseln

Afrika – das Land, von dem wir keine Ahnung haben. Erstens mal ist es kein Land, sondern ein Kontinent, sogar größer als Europa, das manche nur als westliche Halbinsel Eurasiens sehen. Bei den Ausmaßen Sibiriens, das zwar politisch zu Rußland gehört, geographisch aber Nordasien bildet, ist Europa wirklich auch nicht viel mehr als ein anderes Kamtschatka und Großbritannien im Vergleich zu Sachalin so winzig wie Helgoland. England, wie manche fälschlich die Insel in der Nordsee nennen, die immerhin ein bisschen größer als Irland ist, also nichts weiter als eine undeutende, vorgelagerte Insel vor dem eurasiatischen Kontinent? Der auch China und Indien sein eigen nennt? Böse Zungen und Außerirdische, die neutral von außen oder oben auf unseren Erdball schauen, hätten da im Prinzip gar nicht so Unrecht.

Spanien liegt nicht nur in Europa

Eine Halbinsel der Halbinsel Europa, die Iberische nämlich, dehnt sich mit Spanien auf den afrikanischen Kontinent aus. In Ceuta und Melilla stehen die Zäune, die lange Schlangen von Afrikanern regelmäßig organisiert und massenhaft zu erklimmen versuchen – die Berlinale zeigte es in entsprechenden Dokumentarfilmen. „Wenn du wegschaust – siehst du nicht!“ lautet ein Lied der Different Voices of Berlin. „Wer nicht fragt, bleibt dumm!“ der Refrain des Titelsongs einer bekannten Kindersendung.

Gerade auch für die Berliner, von denen manche so reiseunwillig sind wie gewisse US-Amerikaner, ist oder wäre die Berlinale eine unverschämt naheliegende, einmalige Bildungsmöglichkeit. Wer die verstreichen lässt … „… ist selber schuld. Haben wir begriffen. – Und was gibt‘s da nun so Spannendes zu lernen?“ Zum Beispiel, dass viele in Afrika viel zu dünn sind, um geheiratet zu werden.

Es ist nur eine Frage des örtlich geltenden Schönheitsideals, in dem man unreflektiert papageienhaft mitschwimmen kann.

Geh doch rüber! Für Jammerer gibt es eine Alternative: Mauretanien

In der Bundesrepublik der 70er Jahre hat man Linken, Gewerkschaftern und Sozis, die trotz des Lebens wie die Made im Speck zuviel zu meckern hatten, manchmal gesagt: „Dann geh‘ doch ‘rüber!“ Gemeint war die DDR, für die man als Deutscher genausowenig ein Visum brauchte (wenn man denn dortgeblieben wäre) wie DDR-Bürger in der BRD. Der Hintergedanke: ‚Das machste ja doch nicht, und dann wirste schon sehen, wie schön es hier ist und wie gut du‘s hier hast!‘ ‚Da kannste det Maul nämlich nich so weit uffreißen – und übahaupt!‘

Wohin kann man die ewigen Jammerer beiderlei Geschlechts schicken, die sich selbst zum Opfer machen und schwächen? Die unabhängig von den Fakten ständig die Schallplatte anhaben „Ich bin zu dick?“ Zum Beispiel nach Mauretanien in Westafrika.

Mauren

In Spanien steht bis heute viel maurische Architektur. Auch in der Hauptstadt Madrid gibt es viele Häuser im maurischen Stil. Die Mauren, das waren die Araber und Moslems, die bis sich 1492 im Süden des Landes festgesetzt hatten. 1492 wurde nicht nur Amerika „entdeckt“, sondern in der „Reconquista“ auch die Araber – Mauren – von der Iberischen Halbinsel vertrieben. Granada, Alhambra, Sevilla sind die Stichworte. Übrigens wurden auch die Juden unsanft herauskomplementiert und suchten, ladinisch sprechend, unter anderem im Osmanischen Reich Zuflucht.

Die Mauren, die nicht erschlagen wurden, gingen über die Straße von Gibraltar zurück nach Afrika. Dort folgten dann die finster-brutalen Kapitel von Entführung, Sklaverei und Kolonialismus. Die Bevölkerung Kubas, Brasiliens und der USA wurde neu gemischt. Am Ende des Zweiten Weltkriegs, der Großbritannien und Frankreich geschwächt hatte, stand der Anfang vom Ende des Kolonialismus. In Indien, Arabien und Afrika.

Mauretanien

Einer des vielen in den 50er und vor allem 60er Jahren selbstständig gewordenen Staaten heißt Mauretanien. 1957 waren neun Zehntel der Bevölkerung Nomaden. 1960 von der Französischen Republik losgesagt. Die Franzosen trennten sich leichter von Mauretanien als von Algerien, nicht nur, weil Algerien größer ist, näher und mehr Öl fördert.

Trotzdem ist Mauretanien riesig: die alte Bundesrepublik passte viermal hinein, das neue, jetzige Deutschland immerhin noch fast dreimal. In Zahlen: Über eine Million Quadratkilometer. Mauretanien bedeckt das Westende der Sahara und hat eine Atlantikküste.

Außerdem gibt es hier das bis heute unerklärte Weltwunder, das Auge Afrikas, die Richat-Struktur.

Im Lande wohnen etwa soviele Menschen wie in Berlin während der Grünen Woche oder IFA. Gut vier Millionen.

Das Land wurde ausführlich in dem Dokumentarfilm „7915 km“ (2009, mit Mali und Westsahara) und „Wer schön sein will, muss reisen“ (2013) behandelt.

Die Staatsform ist eine Islamische Republik. Das müsste man als Schönheitsflüchtling schon schlucken.

Berlinale-Film Flesh out

Apropos Schönheitsflüchtling, apropos schlucken: Von Beginn an sehen wir Farida, ein junge schöne Mauretanierin, beim Essen. Die verschleierte Frau kommt nicht viel raus und sieht viel fern. Trotzdem ist sie nicht dick genug.

Das stellt sich spätestens heraus, als der Mann mit der Waage kommt.

Doch eins nach dem anderen. Farida soll heiraten, verheiratet werden. In drei Monaten soll es soweit sein. Hurra. Doch erstmal wiege, wer sich ewig bindet. Heiratsvermittler übernehmen den Job der Anbahnung. Den Zukünftigen, der selbst eine Sonnenbrille trägt und ziemlich verschleiert ist – Haut kann man jedenfalls nicht erkennen – kriegt Farida nicht zu sehen, und auch von weitem nur, weil sie heimlich durch zwei Fenster gespäht hat.

Als die Familien sich einig sind, kommt der Mann mit der Waage. Mindestens eine weitere Frau muss natürlich dabei sein. Die kleine Farida wiegt 77-78 Kilogramm. Viel zu wenig. Das ist klar und gibt die Mutter zu. Doch das wird schon, beteuert sie. Farida erhält jetzt immer zwei Schalen Essen.

Wer immer noch gedacht hatte, dass in Afrika die Kinder hungern und es kaum Autos oder Handys gäbe, wird endlich eines besseren belehrt.

6 Uhr: Aufstehen, essen!

Mitten in der Nacht wird sie geweckt. Sie soll essen, hat aber keinen Appetit. „Mama, es ist 6 Uhr morgens“! Draußen ist es noch dunkel. Egal, Luke auf, rein damit.

Eine zusätzliche Mahlzeit. Flesh out!

Filmisch verstärkt sich der Eindruck der Quälerei des Essens noch dadurch, dass nicht mit Besteck, sondern mit den Fingern gegessen wird.

Zwischendurch sehen wir Mutter und Tochter beim Einkaufen. In der halalen Schlachterei werden besonders fette Sorten Kamelfleisch ausgesucht. Flesh out! Inschallah kommt es zu einer baldigen Gewichtszunahme, das wünschen sich alle. Doch Farida fühlt sich schlecht.

Das örtliche Schönheitsideal ist eine richtige extreme Orangenhaut. Spannungsfugen als Gütesiegel. Wenn die Haut es kaum noch schafft, den Körper zu Umspannen, dann ist es genau richtig. Flesh out.

Die Hauptfigur des Filmes hatte nicht gegen ihre Religion opponiert. Auch verheiraten hätte sie sich lassen. Aber das tägliche Mästen?

Das bringt das Fass zum Überlaufen!

Farida wird am Ende wohl ein Flüchtling. Nicht nach Europa! Mal langsam. Nicht jeder Afrikaner ist ein Selbstmörder oder Wirtschaftsflüchtling, der gerne in Lagern vergammelt und eher überlebt als lebt.

Die „liberale Weltstadt“ alias Millionenmoloch Kairo ist das Ziel.

Hier könnte sie vielleicht auch einen Mann finden, der sie so mag, wie sie ist – und nicht, wie sie isst.

Filmtitel: Flesh out

Flesh out – Italien/ Frankreich; Ein Film von Michela Occhipinti

Jahr: 2019

Sektion: Panorama der Berlinale




Riesige deutsche Erfolge! Nora Fingscheidt und Angela Schanelec erhalten Silberne Bären bei der Berlinale 2019

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Nora Fingscheidt gewinnt 2 Preise, darunter einen Silbernen Bären. JVA Plötzensee am Valentinstag: Berlinale goes Kiez und zwar ins Gefängnis! Um 17 Uhr wurde der Film über das systemsprengende Kind nördlich von Moabit und Westhafen gezeigt. Wer jetzt hellwach geworden ist und den versilberten Film schnell sehen will, gehe am 17. Februar rechtzeitig zum Berlinale-Palast und hoffe, dass er noch eine Karte ergattere. Groß ist das Kino ja, eigentlich ein Musical-Theater am Potsdamer Platz. Filmbeginn ist 18.30 Uhr. Eintrittskarten an der Kinokasse am Marlene-Dietrich-Platz, wenn überhaupt, denn Berlinale.de meldet: online ausverkauft.

Die Heilkur in der Lüneburger Heide, immer neue Einweisungen und vorübergehende Aufenthalte bei Pflegefamilien und in Heimen zeigen, dass für eine ausrastende 9jährige unser System nicht gebaut ist. Die Mutter hat mit den jüngeren beiden Kindern zu tun und fühlt sich überfordert. Ob nun Niedersachsen oder nicht: Das System für Kinder in der Bundesrepublik Deutschland hat im Ausnahmefall eine Lücke.

Englischer Titel: „System crasher“. Vorführung auf deutsch mit englischen Untertiteln.

Silberner Bär für die Beste Regie: Angela Schanelec

Der erfahrene Filmkritiker Oliver Bradley meinte gestern am Rande der Fipresci-Preisverleihung, dass Angela Schanelecs Film sich im Forum Expanded gut machen würde. Etwas störend ist, dass der Zuschauer für dumm verkauft wird.

In „Ich war zuhause, aber …“/ „I Was at Home, But“ tut die Regisseurin nicht nur, was sie tut, sondern erklärt es mittels ihrer Hauptdarstellerin Maren Eggert gleich auch noch zweimal überdeutlich im Film. Übrigens am Kurfürstendamm zwischen Olivaer Platz und Adenauerplatz, Leibniz- und Wilmersdorfer Straße auf der Südseite.

Der Film ist nicht noch einmal programmiert auf der Berlinale.




Doppelerfolg! Nadav Lapid gewinnt mit SYNONYMS/ SYNONYMES den Goldenen Bären UND den FIPRESCI-Preis der Berlinale

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Nun also auch den Goldenen Bären für den besten Film im Wettbewerb. Synonymes bekommt ihn – Regisseur und Produzenten, denn der Preis ist nicht für die beste Regie, sondern für den besten Film und insofern unpersönlich. Der einzige Goldene neben vielen Silbernen.

Goldener Bär 2019 für die Drei-Länder-Koproduktion über einen Israeli, der in Frankreich bei Null anfangen möchte und merkt, dass das nicht geht.

Wer bekam den Goldenen Bären 2019?

Synonymes – zwei herausfordernde Stunden Kino, die nun bestimmt ins Selbiges kommen.

Nadav Lapid, Gewinner des Fipresci-Preises für SYNONYMS (Wettbewerb). Zu deutsch SYNONYME. © 2019, Foto/BU: Andreas Hagemoser




Gut Pferdestehlen. Herausragende künstlerische Leistung für Film von Hans Petter Moland nach Buch von Per Petterson

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Eng war das Feld des Berlinale-Wettbewerbs dieses Jahr nicht, auch deswegen, weil ein Film von 17 fehlte: der des Goldene-Bären-Gewinners Zhang Yimou (Zhang ist der Familienname). Völlig berechtigt aber diese herausragende Einzelleistung mit einem Silbernen Bären zu belohnen: Bei einem Verzicht auf Filmmusik wird nicht nur der Wald als Wald gezeigt, sondern auch so dunkel wie er ist. Der Himmel nur, wenn etwas besonders passiert. Der Regisseur von OUT STEALING HORSES, Hans Petter Moland, bestand darauf und ein Vertreter des Teams bedankte sich bei ihm dafür, dass man nicht versucht habe, einen gewöhnlichen Film zu machen.

Der italienische Spielfilm „La Paranza dei Bambini“ („Piranhas“) über eine Jugendbande in Neapel, die in der Oberliga der Kriminalität mitspielen will, erhielt den Preis für das beste Drehbuch. Ein runder Film, der die Produktblindheit der Jugendlichen und ihre Hoffnungslosigkeit spiegelt. Ähnlich wie in Mexiko sehen sie, dass die Drogenhändler die besseren Häuser, Frauen, Autos haben und sehen sie als Vorbild. Schutzgelderpressung bei kleinen Läden und Marktständen versuchen sie dagegen auszusetzen. Die Mutter des Anführers leidet selbst finanziell darunter. Sie hat eine chemische Reinigung.

Nie zuvor gab es das, dass Jugendliche die Stadt zu übernehmen versuchten. Eine Verhaftungswelle begleitet von Hausarrest verschaffte ein Machtvakuum, in das die Kinder hineinstoßen.

Zwei verdiente Silberne Bären.

Film: Ut og stjæle hester (Originaltitel, schwedisch), Englisch: Out Stealing Horses | zu deutsch: Pferde stehlen