„Extravaganzen“ – Ein Ballettabend im Saarländischen Staatstheater

Saarrücken, Deutschland (Kulturexpresso). Die Federleichtigkeit des Seins – nirgends wird sie dem Publikum so vor Augen geführt wie wenn Tänzer, die der Schwerkraft der Erde trotzen, förmlich durch den Raum fliegen.

Auch an diesem Ballettabend, an dem der Orchestergraben abgedeckt bleibt, bezauberte das Saarländische Staatsballett unter der Leitung des belgischen Ballettdirektors Stijn Celis mit den drei Choreografien „610 Elm Drive“, „The Grey Area“ und „La Stravaganza“.

610 Elm Drive

Die romantische Pianoklänge der hochvirtuosen zweiten Klaviersonate von Sergei Rachmaninows erklingen, an Hollywoodfilme erinnernd und rühren an die Seele: der japanische Pianist Ryo Kuroki begleitet live an seinem Piano auf der Bühne sitzend, die nackt ist und jeweils changierend mit pastelligen Unifarben im Fond angestrahlt wird. Rachmaninow, erfolgreicher Komponist und Pianist, lebte zuletzt als russischer Emigrant in Kalifornien in Beverly Hills, im 610 Elm Drive, wo auch Hollywood-Prominenz verkehrte. Auf der Bühne fließend-schwebender Ausdruckstanz – ausdrucksstarke Solisten fliegen schmetterlingsähnlich über die Bühne – ihre kaftanähnlichen, seitlich geschlitzen Seidenkostüme in diversen nicht kitschigen Pastellfarben flattern im Wind der Bewegungen. Bei den Tänzern erzeugt eine Nude-Look-Hose die optische Täuschung, dass von hinten nur die blanken, gut trainierten Glutaeus maximus-Muskeln zu sehen seien. Pas de deux’s, mal Mann-Mann, Frau-Frau, Frau-Mann wechseln sich ab mit großartigen Soli, die teilweise an die Mary Wigman oder andere ausdrucksstarke Tänzer der Golden Twenties erinnern. Diese Choreografie Stijn Celis ist ein Hochgenuss.

The Grey Area

Ätherisch-sphärisch-filigran trifft den Tenor dieser Choreographie des Londoners David Dawson. Nackte Bühne, dunkler Hintergrund, hell angestrahlter Boden – die Tänzer nur minimalistisch angeleuchtet, die sich surrealistisch anmutend zum Klang der Syntheziser-Sphärenmusik bewegen, teilweise klassisch Spitze tanzend. Musik, die sich zum dröhnenden Wummern steigert, bevor sie wieder sphärisch spielt. Sehr elegant wirkende Tänzer in phantasievoller Ausdruckstanz teils mit Pas-de-deux’s – teils tanzt das Ensemble quer über die Bühne verteilt. Gezeigt wird hohe Tanzkunst, die entschleunigend wirkt. Verstärkt wird der Eindruck des Ätherisch-Sphärischen durch die filigran wirkenden Kostümchen, entworfen von Yumiko Takeshima, selbst ehemals arrivierte Tänzerin. Durchsichtig wie Spinnenweben geben sie dem Ganzen den letzten Pfiff und Touch. „The Grey Area“ ist ebenfalls eine äußerst extravagante Choreographie.

La Stravaganza

Das in dunkelrot angestrahlte Bühnenbild (Leihgabe aus Toulouse) sieht aus wie eine Steinzeithöhle. Davor tanzen zu elektronisch-akustischer Musik roboterartig – wie Aliens wirkend – Tänzer im Gleichschritt, die mit ihren antik wirkenden Kostümen (Star-Designer Hervé Pierre) wie einem Vermeer-Gemälde entliehen aussehen. Als Kontrapunkt hierzu kommt ein Teil des Ensembles in hautfarbenen, modernen Kostümen von der anderen Seite der Bühne. Sie tanzen spritzig-lebendig in hohem Tempo zu luftig-leichter Vivaldi-Musik „in neoklassischer Tanzsprache, die …unsere Vorstellung des Fliegens, in-die-Luft-Steigens in sich trägt“, so der renommierte, französische (albanisch-stämmige) Star-Choreograph Angelin Prelijocaj, dessen Werk 1997 in New York uraufgeführt wurde. „Menschen, die wie Ahnen aus einer vergangenen Zeit auftauchen („Vermeer-Figuren“) und die, entgegen allen Erwartungen, das Neue bringen…“ so skizziert der von seiner Einwanderungsgeschichte geprägte Prelijocaj seine Inspiration zur Choreographie – ein Feuerwerk an Schrittkombinationen.

Das Publikum goutierte diese Aufführung der „Extravaganzen“ mit frenetischem Beifall und teils stehenden Ovationen. Das war ein mehr als gelungener Ballettabend.

Weitere
Aufführungen

Samstag, 16. März 2019, Freitag, 29. März 2019, Sonntag, 31. März 2019, Dienstag, 9. April 2019, Donnerstag, 25. April 2019, Freitag, 10. Mai 2019 und
Sonntag, den 19. Mai 2019.