Die erste Tankstelle der Welt – Zum Kurzfilm „Bertha Benz: Die Reise, die alles veränderte“

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). In der Kürze liegt die Würze. Diese Weisheit gilt auch für viele Filme. Würde das einer Verantwortlichen langweiliger Langfilme vorher stecken, würden wir von viel Müll verschont bleiben.

Dieser Kurzfilm über Bertha Benz, die von 1849 bis 1944 lebte, hat Würze, auch wenn sie der Werbung dient und der Streifen über eine Reise mit einem Automobil, die angeblich „alles veränderte“, letztendlich totale Reklame ist.

In „Bertha Benz: Die Reise, die alles veränderte“ geht es um die erste Fernfahrt dieser Frau im Jahr 1888 nach unserer Zeitrechnung. Wiesen, Weiden, Felder und ein Dorf in der Provinz im Dreikaiserjahr der Preußen.

Menschen bei der Landarbeit. Ein Ungetüm nähert sich mit Ach und Krach. Ein Kind kriegt Angst, ein Baby große Augen, eine Kanne Milch fällt um. „Eine Hexe kommt“, warnt ein Mädchen mit roten Wangen wie Rücklichter die Dörfler.

Die Glocken schlagen, ein Pfaffe, frisch geschissen oder ein Kind auf dem Plumpsklo missbraucht, nimmt die Beine in die Hand. Ein Hahn, ein Schwein, eine Rauferei. Die Tiere wirken zahmer als das rohe Landvolk, bei dem die Freiheit von der Leibeigenschaft nur Erzählung ist.

Eine Lady will Leichtbenzin

Gesprochen wird wenig in diesem Film über die Reise mit dem Wagen über 106 Kilometer in 12 Stunden nach Pforzheim, der auch einer über die Apotheke, in der Bertha Benz Ligroin kaufte, sein könnte. Dieser Laden gilt – nebenbei bemerkt – als erste Tankstelle aller Zeiten.

Der von Anorak Film produzierte Beitrag über vier Minuten, bei dem Sebastian Strasser Regie führte und für den Alice Bottaro kreativ gewesen sein soll, wurde von der Daimler AG gestern zum Weltfrauentag präsentiert.

In einer Pressemitteilung vom 7.3.2019 heißt es dazu: „‚Meinem Team war es wichtig, Bertha Benz als starke Frau und zeitloses Vorbild zu zeigen‘, so Bettina Fetzer, Marketingchefin Mercedes-Benz Cars. ‚Bertha war eine Pionierin und unsere erste Testfahrerin. Ihr Mut und ihr Wille, nicht vorschnell aufzugeben, inspirieren mich sehr. Mit unserem Film wollen wir Menschen motivieren, mit einer ähnlich positiven, anpackenden Art durchs Leben zu gehen und Herausforderungen selbstbewusst anzugehen.‘

‚Sie war wagemutiger als ich‘, sagte ihr Mann Carl Benz über seine Frau. Er, der Erfinder, hatte mit seinem Automobil die Mobilität des 19. Jahrhunderts revolutioniert. Dieser Erfolg, der die Welt verändert hat, ist ohne Bertha Benz und ohne ihren unerschütterlichen Optimismus sowie ihre Fähigkeit, auch aus schwierigen Situationen einen Ausweg zu finden, kaum denkbar. Als die Öffentlichkeit der neuen, von „geheimnisvollen“ Kräften bewegten, pferdelosen Kutsche noch skeptisch gegenüberstand, machte sie sich kurzerhand mit den beiden Söhnen Eugen und Richard auf den damals recht strapaziösen Weg nach Pforzheim. Im Gepäck: der feste Glaube an die Erfindung ihres Mannes und an sich selbst.“

Aha! Märchen, Mythen, Machenschaften. Immerhin ist das Agitprop auf der Höhe der Zeit.




The Favourite ist der Favorit. Olivia Colman gewinnt den Oscar als beste Schauspielerin (Academy Award)

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Olivia Colman. Schon wieder Großbritannien! Ein Wechselbad der Gefühle. Werden wir, die „Festlandeuropäer“, die nicht auf einer Insel wohnen – Helgoland, Rügen und die Mainau jetzt mal außen vor – bald alleingelassen? Läuft alles nach Plan? Oder werden Engländer und Deutsche verlieren und mit ihnen Luxemburger und Franzosen? Werden die Schotten bald noch mehr sparen müssen, obwohl sie in der EU hatten bleiben wollen?

Auch im Film ist England zurzeit Thema. Auch Schottland. Mit „Mary, Queen of Scots“ – deutscher Titel „Maria Stuart, Königin von Schottland“ – mit Saoirse Ronan in der Hauptrolle und Margot Robbie als Königin von England haben wir endlich ein Werk der Kunst, das die neuen Forschungsergebnisse berückichtigt. Alle Theaterstücke und Spielfilme bisher gingen teilweise von falschen Voraussetzungen aus. Obendrein verfolgen wir nach Maria Stuarts Tod 1587 den Beginn der Phase, in der es nur noch eine Königin beziehungsweise einen König für England und Schottand gab, dann für Großbritannien (die ganze große Insel) und heute für das Vereinigte Königreich von Großbritannien und Nordirland. Margot Robbie verkörpert Marys Gegenspielerin Elisabeth I. Heute regiert Elisabeth II.

Dazwischen gab es viele andere, zum Beispiel Queen Victoria, die das 19. Jahrhundert beherrschte und leider die Trennung des hannoverschen Throns vom britischen markiert. Nach welfischem Thronfolgerecht durfte keine Frau den Thron im Kurfürstentum Lüneburg-Braunschweig und dann im Königreich Hannover besteigen. Im Ersten Weltkrieg rächte sich diese Regelung, die Frauen außen vor ließ, bitter und zerstörte das Deutsche Reich fast vollends. Unter einem Monarchen hätten sich Hannover und Großbritannien nie bekämpfen können.

Olivia Colman – zum erstenmal nominiert, sofort gewonnen

Olivia Colman wurde als Beste Darstellerin nominiert. Sie spielte Königin Anne (Queen Anne) in Giorgos Lanthimos‘ „The Favourite – Intrigen und Irrsinn“, so der deutsche Titel. Anne Stuart wurde 1665 geboren. Der Film aus dem Jahr 2018 beschäftigte sich mit der letzten britischen Königin des Hauses Stuart. Der Familienname ist uns aus dem 16. Jahrhundert sehr gewärtig. Queen Anne starb am 1. August 1714. Sie war seit 1702 bis zu ihrem Tode Königin von Irland und gleichzeitig Königin der Königreiche England und Schottland. Als diese beiden 1707 vereinigt wurden, bestieg sie als erste den Thron des Königreiches Großbritannien.

Zur Erinnerung: Im Barock passierte in Preußen zeitgleich Folgendes: Kurfürst Friedrich II. von Brandenburg krönte erst sich und dann seine Frau Sophie Charlotte, Tochter des Kurfürsten von Lüneburg-Braunschweig, zum 1. König in Preußen. Das geschah in Preußen, einem Herzogtum an der Ostsee, einem Territorium, das später als Ostpreußen bekannt wurde. Genauer in Königsberg in Preußen, meist Königsberg i. Pr. abgekürzt. Die Bezeichnung Ostpreußen ist also in gewissen Sinne irreführend. Sophie Charlotte starb 1705. König Friedrich I. gründete ihr zu Ehren die Stadt Charlottenburg und starb selbst 1713 noch vor Königin Anne von Großbritannien.

Im Film ist Königin Anne durch die spanischen Erbfolgekriege belastet und leidet selbst stark unter der Gicht. Ihr engste Beraterin und Vertraute ist Sarah Churchill, Herzogin von Marlborough (1660-1744), dargestellt von Rachel Weisz. Churchill führt Abigail Masham, eine verarmte Cousine (Emma Stone), bei Hofe ein, die letztlich mit einigen Schachzügen und Intrigen sogar ihre Gönnerin Sarah Churchill aussticht. Zurück bleiben drei unglückliche Frauen.

Echte Überraschung bei der Oscarverleihung – Olivia Colman spielte dabei nicht

Bei den Academy Awards ist meist entscheidend, gegen welche Konkurrenz man antritt. In den wichtigen personenbezogenen Kategorien gibt es meist 5 Alternativen. Der beste Film dagegen wird unter 8 Streifen ausgewählt.

Wer waren die vier Konkurentinnen von Olivia Colman? Glenn Close („THE WIFE“) wurde im Vorfeld bisweilen als Favoritin genannt, da sie schon oft nominiert wurde, aber nie eine Trophäe erhielt.

Hier im Überblick die Nichtgewinnerinnen in der Kategorie „Beste weibliche Hauptrolle“ („Beste Hauptdarstellerin“):

Yalitza Aparicio in „Roma“, der Film wurde als bester fremdsprachiger gekürt und Regisseur Cuaron räumte zwei weitere Oscars ab.

Glenn Close – „Die Frau des Nobelpreisträgers (The Wife)“;

Lady Gaga – „A Star Is Born“ – Hier ging Filmpartner Bradley Cooper leer aus und Lady Gaga gewann einen musikalischen Preis für den „Besten Filmsong“.

Melissa McCarthy – „Can You Ever Forgive Me?“ McCarthy ist eine tolle Schauspielerin, der Film blieb aber unter den Erwartungen; er spielte an den Kassen nur wenig mehr (etwa eine Million Dollar mehr) ein, als ausgegeben wurde.

Statistik: Wer gewann 2019 häufiger im Verhältnis zu den Nominierungen?

Es war klar, dass „Roma“, der in Venedig bereits einen Goldenen Löwen gewann, Preise einheimsen würde. Trotz 10 Nominierungen wurden es aber nur die 3 oben genannten.

Der zweite Top-Favorit war „The Favourite“: ebenfalls 10mal nominiert, aber nur 1 Oscar! Auch deswegen war Olivia Colman überglücklich, bedankte sich ausführlich, musste immer wieder den Fokus finden. Sie war eine echte und ehrlich glückliche Oscar-Gewinnerin.

Andere Filme wie „Green Book – Eine besondere Freundschaft“ hatten ein besseres Nominierungs-Gewinn-Verhältnis: 5: 3.

Am erfolgreichsten war „Bohemian Rhapsody“, ebenfalls 5mal, also halb so oft wie „Roma“ und „The Favourite“ nominiert, aber sogar 4mal gewonnen.

„A Star Is Born“ wurde 8mal nominiert, aber nur für das beste Filmlied ausgezeichnet. Auch „Vice“ brachte es nur auf ein Verhältnis von 8:1.

In diesem Licht können sich die Macher von „The Favourite“ immerhin rühmen, einen der beiden meistnominierten Filme der Oscar-Saison 2019 gemacht zu haben.

Filmografie des Filmes, in dem Olivia Colman die oscar-prämierte Hauptrolle spielt

Originaltitel: „The Favourite“

Deutscher Titel: „The Favourite – Intrigen und Irrsinn“

Produktionsland: Vereinigtes Königreich von Großbritannien und Nordirand, Irland, USA

Originalsprache: Englisch

Erscheinungsjahr: 2018

Filmlänge: 120 Minuten

Altersfreigabe: FSK 12

Besetzung
(Cast)

Olivia
Colman: Queen Anne

Rachel Weisz: Sarah Churchill

Emma Stone: Abigail Masham

Nicholas Hoult: Robert Harley

Joe Alwyn: Samuel Masham

Mark Gatiss: Marlborough

James Smith: Godolphin

Jeanny Rainsford: Mae

Stab

Regie: Giorgos Lanthimos

Drehbuch: Deborah Davis, Tony McNamara

Produktion: Ceci Dempsey, Ed Guiney, Giorgos Lanthimos, Lee Magiday

Kamera: Robbie Ryan

Schnitt: Yorgos Mavropsaridis




„Alita, Battle Angel“ oder Mumpitz von morgen mit Schnee von gestern

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Streng genommen ist der Film „Alita, Battle Angel“, der als „Cyberpunkt-Actionfilm“ bezeichnet wird, Mumpitz von morgen mit Schnee von gestern. Und das geht so: Man mixe wie James Cameron und Laeta Kalogridis allerlei Mülle aus längst gedrehten und gezeigten Garstigkeiten der gewesenen Gegenwart von Rollschuhlauf- über Kung-Fu- bis Manga-Mädchen-Filme, so dass am Ende eine Rollschuhe laufende und Karate kämpfende Knopfaugenpuppe herausspringt wie ein Schachtelteufel.

Szene aus dem Film „Alita: Battle Angel“. © 2019 Twentieth Century Fox

Um dem Film Charakter zu verpassen wie die Faust aufs Auge, füge man noch einen Schauspieler von Rang und mit Namen hinzu, der sich wie Christoph Waltz dafür nicht zu Schade ist. Und schon ist der Kinderfilm fürs große Kino und bis zur kleinsten Flimmerkiste fertig.

Dann reiche man noch Moneten PR-Tanten und -Onkels rüber, die den Bekloppten und Bloogern Blödsinn wie „ein episches Abenteuer über Hoffnung und Selbstbestimmung“ vorschreiben, damit die Copy-and-Paste-Gemeinde grunzen wie die Schweine kann.

Szene aus dem Film „Alita: Battle Angel“. © 2019 Twentieth Century Fox

Nicht vergessen, die Unterstadt gegen die Oberstadt beziehungsweise Gut gegen Böse kämpfen und küssen zu lassen. In diesem Fall im Jahr 2563, etwa 300 Jahre nach dem Großen Krieg genannten großen Krieg, der alle bis auf eine reichen Himmelsstadt zerstörte. Zalem schwebt über den Dingen beziehungsweise über der Iron City genannten Unterstadt, in der der Cyborg-Wissenschaftler Dr. Dyson Ido (Christopher Walz) Reste eines weiblichen Cyborgs auf einer Rampe findet.

Szene aus dem Film „Alita: Battle Angel“. © 2019 Twentieth Century Fox

Ido macht den Schrott flott und raus kommt Alita (Rosa Salazar), die irgendwann im postapokalyptischen Dasein ohne Erinnerung Vater zu ihm sagt. Spätestens dann sollte man auf den Ausknopf drücken.

Die Weltpremiere dieser rund zwei Monate gedrehten Produktion fand am
31. Januar 2019 in London statt.

Filmografische Angaben

  • Originaltitel: Alita: Battle Angel
  • Deutscher Titel: Alita: Battle Angel
  • Land: VSA
  • Erscheinungsjahr: 2019
  • Originalsprache: Englisch
  • Regie: Robert Rodriguez
  • Drehbuch: James Cameron und Laeta Kalogridis nach dem neunbändigen Japsen-Mangas „Battle Angel Alita“ des Mangazeichners Yukito Kishiro
  • Kamera: Bill Pope
  • Schnitt: Stephen E. Rivkin
  • Musik: Tom Holkenborg
  • Darsteller: Rosa Salazar (Alita), Christoph Waltz (Dr. Dyson Ido), Keean Johnson (Hugo), Eliza Gonzáles (Nyssiana), Jennifer Conelly (Chiren), Mahershala Ali (Vector), Jackie Earle Haley (Grewishka), Ed Skrein (Zapan), Idara Victor (Schwester Gerhad), Jeff Fahey (McTeague), Casper Van Dien (Amok), Jorge Lendeborg Jr. (Tanji), Lana Condor (Koyomi), Marko Zaror (Ajakutty), Leonard Wu (Kinubaba), Michelle Rodriguez (Gelda) und Edward Norton (Nova)
  • Produzenten: James Cameron Jon Landau
  • Länge: 122 Minuten
  • Freigabe: FSK 12, JMK 12




Mit Liebe gemacht. Oscars: GREEN BOOK Bester Film – mit Viggo Mortensen, Maherschala Ali

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Wir hatten uns gewünscht, dass dieser Film gewönne, fünfmal war er nominiert. Drei Oscars oder Academy Awards bekam er: Green Book wurde „Best Picture“, also Bester Film, Mahershala Ali bester Nebendarsteller. Die 91. Oscarverleihung lief am Sonntagabend, den 24. Februar 2019 in Hollywood. Nur der Film „Bohemian Rhapsody“ gewann mehr Preise. „Roma“ und „Black Panther“ konnten mit je drei Academy Awards gleichziehen. GREEN BOOK erhält die Auszeichnungen Bester Film, Bestes Originaldrehbuch (Best Original Screenplay) und Bester Nebendarsteller. Das mit dem Nebendarsteller irritiert etwas. Zunächst einmal hält man Mahershala Ali für den Hauptdarsteller. Er spielt in Green Book einen Musiker, der auf Tournee geht. Das Trio umfasst auch noch zwei russische (!) Musiker. Tourbus? Weit gefehlt. Man ist im Pkw unterwegs. In zwei Pkw. Für das zweite Auto sucht man noch einen Fahrer. Gut, dass Viggo Mortensen als Hauptdarsteller zählte. Er konnte zwar keinen „Academy Award“ abräumen, da Rami Malek diesen für seine Rolle als Leadsänger Freddie Mercury (Queen) in „Bohemian Rhapsody“ erhielt. Dafür war dann der Oscar für den besten Nebendarsteller fällig.

Drei Oscars für GREEN BOOK: Bester Film, Bestes Originaldrehbuch und Bester Nebendarsteller

Ein grünes Buch wie in „The Green Book“, den Oscar-gekrönten Spielfilm mit Viggo Mortensen und Mahershala Ali. © 2019, Foto/BU: Andreas Hagemoser

Ein bisschen irritiert ob der Reihenfolge der Darstellung der 91. Oscarverleihung konnte man schon sein. Der Preis für den Besten Film wird traditionell ganz zum Schluss vergeben, Julia Roberts betrat dazu die Bühne. Während bei den Schauspielern im Haupt- und Nebenfach je fünf Frauen und Männer nominiert wurden, sind es bei den Filmen acht. Doch irgendwie bekam man das Gefühl, GREEN BOOK stehe bereits vor der Verkündung fest.

Sogar ein Kongressabgeordneter betrat die Bühne quotengerecht in Begleitung einer jungen Frau. Beide African American, an politischen Signalen wurde 2019 nicht gespart. Während die Motion Picture Academy bei der 90. Verleihung 2018 noch stark mit sich selbst beschäftigt war und das „Me, too“ die Runde machte, zeigte man sich dieses Jahr offener, selbstbewusst und angriffslustig. Vergangenes Jahr hatten sich noch viele auf der „Fast lane“, der Schnellgasse, an den Rote-Teppich-Reportern vorbeigeschlichen, unsicher, was sie sagen sollten. Vielleicht hatten ihnen die PR-Fachleute auch einfach geraten, den Mund zu halten. Dieses Jahr hatte jeder etwas zu sagen und die ganze Filmgemeinde stieß in ein Horn.

Barbra Streisand formulierte es so: „Wie lieben die Wahrheit.“ Auch die Muttersprachler im Saal brauchten ein paar Zehntelsekunden, um das zu verstehen.

Green Book

Regie: Peter Farrelly

130 Minuten

Seit dem 31. Januar 2019 in den bundesdeutschen Kinos.




Im Dolby Theatre Los Angeles werden die Oscars verliehen, die Academy Awards

Oscar ist ein Mexikaner. Alfonso Cuarón aus Mexiko gewinnt wieder zwei Oscars: Roma auch bester fremdsprachiger Film

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Emil‌io Fernández hatte Modell gestanden für den Oscar, wie wir ihn kennen. 1928 soll Cedric Gibbons, Mitglied der Motion Picture Academy, auf der Suche nach einem Modell für die Figur gewesen sein. Seine Zukünftige, Dolores del Río, soll ihm dann Emil‌io Fernández vorgestellt haben, der erst dazu überredet werden musste, nackt zu posieren. Der 1904 geborene Fernández war Schauspieler in Sam Peckinpahs „The Wild Bunch“ und Regisseur einer ganzen Reihe von Filmen, ehe er 1986 in Mexiko-Stadt starb. Anfänglich an Filmen mit künstlerischem und sozialem Anspruch interessiert, wendete er sich ab den 50er Jahren Kassenschlagern zu.

Roma von Alfonso Cuarón bester fremdsprachiger Film

Der Oscar ist also ein Mexikaner – ist es da ein Wunder, dass im letzten halben Dutzend Jahre immer wieder mexikanische Regisseure die Statue überreicht bekamen? Sonntagnacht war schon recht bald der Beste fremdsprachige Film an der Reihe. Unter vielen Einsendungen 2019 waren fünf Streifen nominiert worden. Hiesige Hoffnungen ruhten auf dem deutschsprachigen Film „Werk ohne Autor“ von Florian Henckel von Donnersmarck (Bundesrepublik Deutschland), der international unter dem Titel „Never look away“ läuft. Nominiert waren weiterhin die Liebesgeschichte „Cold War“ von Pawel Pawlikowski aus Polen und der diebisch herzerwärmende „Shoplifters“ des Regisseurs Hirokazu Kore-eda aus Japan. Der arabischsprachige Film „Capernaum (Caphernaum)“ von Nadine Labaki ging für den Libanon ins Rennen, „Roma“ auf Spanisch und Mixtekisch für Mexiko. Eine Story, die den Millionen Hausmädchen, die oft den kleinen Ethnien Mexikos entstammen, ein Denkmal setzt. Alfonso Cuarón durfte die Oscar-Statue für den Siegerfilm ROMA entgegennehmen.

Bei seinen ersten Danksagungen machte er einen Witz mit der Analogie: „What would Lubitsch do?“ „What would Lubezki do?“ Emmanuel Lubezki Morgenstern heißt ein berühmter mexikanischer Kameramann. Lubezki studierte Film am mexikanischen Centro Universitario de Estudios Cinematográficos (CUEC), wo er Alfonso Cuarón traf.

Alfonso Cuarón dreimal auf der Bühne, zwei Oscars für sich: Beste Kamera, Beste Regie

Alfonso Cuarón musste später noch zweimal auf die Bühne im Dolby Theatre. Dabei bedankte sich unter anderem bei seinen mexikanischen Kollegen Alejandro G. Iñárritu („Birdman“(2014), gewann 2015 vier (4) Oscars: Bester Film, Bester Regisseur, Bestes Originaldrehbuch, Beste Kamera: Emmanuel Lubezki ) und Guillermo del Toro („Pacific Rim“, 2013), der 2018 für „The Shape of Water“ die Academy Awards (Oscars) für Regie und Besten Film einheimste.

Insgesamt vier Academy Awards nennt Alfonso Cuarón nun sein eigen. Als er 2014 den für die Beste Regie erhielt, war er der erste Lateinamerikaner, dem diese Ehre zuteil wurde. Es ging um den Film „Gravity“ von 2013. Den zweiten Oscar für „Gravity“ erhielt er für den Schnitt zusammen mit Mark Sanger.




Ein Frauenfilm vor historischem Hintergrund: „Maria Stuart, Königin von Schottland“

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). In dem Historienfilm „Maria Stuart, Königin von Schottland“ werden Schicksalsjahre der charismatischen Königin Maria Stuart und ihre Rivalität zur englischen Königin Elisabeth I. nachgezeichnet. Maria und Elisabeth werden von den jungen Schauspielerinnen Saoirse Ronan und Margot Robbie verkörpert.

Maria Stuart (Saoirse Ronan), die bereits im Alter von nur neun Monaten zur Königin von Schottland gekrönt wurde, kehrt mit 18 Jahren nach dem Tod ihres jungen Ehemannes von Frankreich nach Schottland zurück, um rechtmäßig den Thron zu beanspruchen. Gekrönt wurde sie bereits 1543 in Stirling Castle.

Die Ehe mit Franz II. währte nur ein Jahr und zwar von 1559 bis 1560. Doch erstens wurde sie an seiner Seite erzogen und zweitens brachte die Heirat der jungen Schottin, sie wurde am 8. Dezember 1542 in Linlithgow Palace einen Tagesritt von Edinburgh, das im 15. Jahrhundert Perth als Hauptstadt Schottlands ablöste,  geboren, den Titel Königin von Frankreich ein.

Nun, Maria Stuart kehrte nach Schottland zurück und konkurrierte mit Königin Elisabeth I., die bis dahin Alleinherrscherin über das englische Königreich war. Maria Stuart erkannte Elisabeth nicht als rechtmäßige Königin von England und Schottland an. Elisabeth, die ebenfalls keine Konkurrentin akzeptiert konnte, wurde in ihrem Macht- und Herrschaftsanspruch herausgefordert. Revolten, Intrigen, Verschwörungen, Lug und Betrug bedrohen den Thron am Firth of Forth und alle großen und kleinen Hofschranzen der beider Königinnen, die trotz ihrer Rivalität voneinander fasziniert scheinen, mischen mit.

Maria Stuart muss, als sie 1561 in Schottland ankommt, ihren Halbbruder in seine Schranken weisen und manche Männer mit ihm. Gegen dessen Armee von Protestanten kann die Katholikin Maria Stuart bestehen, aber nicht den Avancen von Lord Robert Dudley, den sie heiratet, aber noch in der Hochzeitsnacht im Bett mit ihrem Lautenspieler und Komponisten, Privatsekretär und Günstling David Rizzio, ebenfalls katholisch, erwischt, jedenfalls im Film. Von den protestantischen Adeligen unter Anführung Lord Darnleys sowie des Drahtziehers Patrick Ruthven, 3. Lord Ruthven, am 9. März 1566 im Schloss von Holyrood in Edinburgh ermordet.

Dieser Mord wird durchaus gezeigt, aber nicht als Kriminalfall.

Der Film, für den Josie Rourke vom Sessel der künstlerischen Leiterin des Donmar Warehouse Theaters in London erstmals auf einen Regiestuhl wechselte, zeigt vor allem das Land von seiner stillen Schönheit und die Leute eher als Persönlichkeiten denn als Politniks oder Soldaten und Offiziere in Schlachten.

Die Erzählung von Maria und Elisabeth ist chronologisch, aber sprunghaft, einseitig, wo in einer Dokumentation Widerspruch hätte zu Wort kommen müssen. Sie zeigt Frauen in einer von Männern beanspruchten Welt, beide auch in ihren schwachen Momenten. Leider ist das letztendlich ein Frauenfilm vor einem historischen Hintergrund, aber immerhin einmal aus einer etwas anderen Sicht.

Filmografie

  • Originaltitel: Mary Queen of Scots
  • Deutscher Titel: Maria Stuart, Königin von Schottland
  • Originalsprache: Englisch
  • Land: Vereinigtes Königreich von Großbritannien und Nordirland
  • Jahr: 2018
  • Länge: 125 Minuten
  • Regie: Josie Rourke
  • Drehbuch: Beau Willimon
  • Kamera: John Mathieson
  • Musik: Max Richter
  • Schauspieler: Saoirse Ronan (Mary, Queen of Scots), Margot Robbie (Queen Elizabeth I), Gemma Chan (Elizabeth Hardwick), David Tennant (John Knox), Brendan Coyle (Matthew Stewart), Jack Lowden (Lord Darnley), Joe Alwyn (Robert Dudley), Martin Compston (Earl of Bothwell), Maria-Victoria Dragus (Mary Fleming), Ismael Cruz Cordova (David Rizzio), James McArdle (Earl of Moray), Guy Pearce (William Cecil)
  • Produzenten: Tim Bevan, Eric Fellner, Debra Hayward
  • Altersfreigabe: FSK 12, JMK 14




Claire Foy, das Mädchen im Spinnennetz, hackt, fährt und schießt sich durch den Film „Verschwörung“ von Fede Alvarez

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Der Kriminalfilm „Die Verschwörung“ von Regisseur Fede Alvarez, der mit Steven Knight und Jay Basu auch am Drehbuch schrieb, hat Thrill, was am unprätentiösen Spiel der Hauptdarstellerin liegt. Claire Foy spielt Lisbeth Salander. Salander?

Salander ist eine Romanfigur des Autors Stieg Larsson (von 1954 bis 2004). David Lagercrantz schrieb das Buch „Verschwörung ( (Originaltitel „Det som inte dödar oss“) als vierter Teil der Millennium-Trilogie.

Foy ist nach Noomi Rapace und Rooney Mara die dritte Schauspielerin, die sich als Lisbeth Salander versucht und Männern wehtut, die Frauen wehtun. Wer das toll findet, der sollte sich dieses Mädchen im Spinnennetz (Originaltitel „The Girl in the Spider’s Web“) anschauen.

Lisbeth kann noch mehr. Die Schlanke in Schwarz fährt Motorrad und Fahrstuhl, führt ihre Drachen-Tätowierung vor, springt in Badewannen und in Betten. Das alles und noch viel mehr ist echt Action, die Geschichte dennoch ein Kriminalfilm mit einer gehörigen Portion Psyche. Salander trifft nämlich auf ihre Schwester, ein blondes Biest in Rot. Die ist ebenfalls hart, aber herzlos.

Aber die Hackerin hat mit Journalist Mikael Blomkvist (Sverrir Gudnason) einen Mann an ihrer Seite, um sich im Netz von Spionen, Cyberkriminellen und korrupten Regierungsbeamten zurechtzufinden. Neben NSA steckt viel Feuer im Film, der im schwedischen Schnee spielt.

Filmografische Angaben

  • Originaltitel: The Girl in the Spider’s Web
  • Deutscher Titel: Die Verschwörung
  • Originalsprache: Englisch
  • Genre: Kriminalfilm, Thriller
  • Land: BRD, Kanada, Schweden, VK, VSA
  • Jahr: 2018
  • Regie: Fede Alvarez
  • Drehbuch: Steven Knight, Fede Alvarez, Jay Basu
  • Kamera: Pedro Lugue
  • Schnitt: Tatiana S. Riegel
  • Musik: Roque Baños
  • Darsteller: Claire Foy, Sverrir Gudnason, Sylvia Hoeks, Claes Bang
  • Produktion: Studio Babelsberg
  • Verleih: Sony Pictures
  • Länge: 116 Minuten
  • Altersfreigabe: FSK 16




Zu dünn! Oder: Iss, Farida, iss! Der Film FLESH OUT im Berlinale-Panorama macht Schluss mit dem Schlankheitswahn

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Wer nicht zu seinem Gewicht steht, ist selber schuld. Kokettieren jedenfalls hat jetzt ein Ende. „Ach, ich bin so dick – niemand mag mich“ heischt nach „So dick bist du doch gar nicht!“. Es ist nicht nur ein ‚Fishing for compliments‘, also ein die-Angel-Auswerfen nach unverdienten Streicheleinheiten, sondern nicht im Geringsten abgenabelt von der Jugend- und Schlankheitsdiktatur der Werbewirtschaft US-amerikanischer Prägung, die bereitwillig von den Vasallen in Europa und bedingt auch in China übernommen wurde. Flesh Out! „Überall auf der Welt!“ Wer hat das gesagt? Schlecht recherchiert oder keine Ahnung! Während ganz Gallien vom Römischen Reich besiegt wurde, wehrt sich … ein kleines Dorf … seit Jahrzehnten … mittels eines Zaubertranks. Die ganze Welt? Niemand hat an Afrika gedacht! Und wie immer gilt: Augen auf beim Alles-in-einen-Topf-schmeißen.

Geographie zurechtgerückt – die Sache mit den Inseln

Afrika – das Land, von dem wir keine Ahnung haben. Erstens mal ist es kein Land, sondern ein Kontinent, sogar größer als Europa, das manche nur als westliche Halbinsel Eurasiens sehen. Bei den Ausmaßen Sibiriens, das zwar politisch zu Rußland gehört, geographisch aber Nordasien bildet, ist Europa wirklich auch nicht viel mehr als ein anderes Kamtschatka und Großbritannien im Vergleich zu Sachalin so winzig wie Helgoland. England, wie manche fälschlich die Insel in der Nordsee nennen, die immerhin ein bisschen größer als Irland ist, also nichts weiter als eine undeutende, vorgelagerte Insel vor dem eurasiatischen Kontinent? Der auch China und Indien sein eigen nennt? Böse Zungen und Außerirdische, die neutral von außen oder oben auf unseren Erdball schauen, hätten da im Prinzip gar nicht so Unrecht.

Spanien liegt nicht nur in Europa

Eine Halbinsel der Halbinsel Europa, die Iberische nämlich, dehnt sich mit Spanien auf den afrikanischen Kontinent aus. In Ceuta und Melilla stehen die Zäune, die lange Schlangen von Afrikanern regelmäßig organisiert und massenhaft zu erklimmen versuchen – die Berlinale zeigte es in entsprechenden Dokumentarfilmen. „Wenn du wegschaust – siehst du nicht!“ lautet ein Lied der Different Voices of Berlin. „Wer nicht fragt, bleibt dumm!“ der Refrain des Titelsongs einer bekannten Kindersendung.

Gerade auch für die Berliner, von denen manche so reiseunwillig sind wie gewisse US-Amerikaner, ist oder wäre die Berlinale eine unverschämt naheliegende, einmalige Bildungsmöglichkeit. Wer die verstreichen lässt … „… ist selber schuld. Haben wir begriffen. – Und was gibt‘s da nun so Spannendes zu lernen?“ Zum Beispiel, dass viele in Afrika viel zu dünn sind, um geheiratet zu werden.

Es ist nur eine Frage des örtlich geltenden Schönheitsideals, in dem man unreflektiert papageienhaft mitschwimmen kann.

Geh doch rüber! Für Jammerer gibt es eine Alternative: Mauretanien

In der Bundesrepublik der 70er Jahre hat man Linken, Gewerkschaftern und Sozis, die trotz des Lebens wie die Made im Speck zuviel zu meckern hatten, manchmal gesagt: „Dann geh‘ doch ‘rüber!“ Gemeint war die DDR, für die man als Deutscher genausowenig ein Visum brauchte (wenn man denn dortgeblieben wäre) wie DDR-Bürger in der BRD. Der Hintergedanke: ‚Das machste ja doch nicht, und dann wirste schon sehen, wie schön es hier ist und wie gut du‘s hier hast!‘ ‚Da kannste det Maul nämlich nich so weit uffreißen – und übahaupt!‘

Wohin kann man die ewigen Jammerer beiderlei Geschlechts schicken, die sich selbst zum Opfer machen und schwächen? Die unabhängig von den Fakten ständig die Schallplatte anhaben „Ich bin zu dick?“ Zum Beispiel nach Mauretanien in Westafrika.

Mauren

In Spanien steht bis heute viel maurische Architektur. Auch in der Hauptstadt Madrid gibt es viele Häuser im maurischen Stil. Die Mauren, das waren die Araber und Moslems, die bis sich 1492 im Süden des Landes festgesetzt hatten. 1492 wurde nicht nur Amerika „entdeckt“, sondern in der „Reconquista“ auch die Araber – Mauren – von der Iberischen Halbinsel vertrieben. Granada, Alhambra, Sevilla sind die Stichworte. Übrigens wurden auch die Juden unsanft herauskomplementiert und suchten, ladinisch sprechend, unter anderem im Osmanischen Reich Zuflucht.

Die Mauren, die nicht erschlagen wurden, gingen über die Straße von Gibraltar zurück nach Afrika. Dort folgten dann die finster-brutalen Kapitel von Entführung, Sklaverei und Kolonialismus. Die Bevölkerung Kubas, Brasiliens und der USA wurde neu gemischt. Am Ende des Zweiten Weltkriegs, der Großbritannien und Frankreich geschwächt hatte, stand der Anfang vom Ende des Kolonialismus. In Indien, Arabien und Afrika.

Mauretanien

Einer des vielen in den 50er und vor allem 60er Jahren selbstständig gewordenen Staaten heißt Mauretanien. 1957 waren neun Zehntel der Bevölkerung Nomaden. 1960 von der Französischen Republik losgesagt. Die Franzosen trennten sich leichter von Mauretanien als von Algerien, nicht nur, weil Algerien größer ist, näher und mehr Öl fördert.

Trotzdem ist Mauretanien riesig: die alte Bundesrepublik passte viermal hinein, das neue, jetzige Deutschland immerhin noch fast dreimal. In Zahlen: Über eine Million Quadratkilometer. Mauretanien bedeckt das Westende der Sahara und hat eine Atlantikküste.

Außerdem gibt es hier das bis heute unerklärte Weltwunder, das Auge Afrikas, die Richat-Struktur.

Im Lande wohnen etwa soviele Menschen wie in Berlin während der Grünen Woche oder IFA. Gut vier Millionen.

Das Land wurde ausführlich in dem Dokumentarfilm „7915 km“ (2009, mit Mali und Westsahara) und „Wer schön sein will, muss reisen“ (2013) behandelt.

Die Staatsform ist eine Islamische Republik. Das müsste man als Schönheitsflüchtling schon schlucken.

Berlinale-Film Flesh out

Apropos Schönheitsflüchtling, apropos schlucken: Von Beginn an sehen wir Farida, ein junge schöne Mauretanierin, beim Essen. Die verschleierte Frau kommt nicht viel raus und sieht viel fern. Trotzdem ist sie nicht dick genug.

Das stellt sich spätestens heraus, als der Mann mit der Waage kommt.

Doch eins nach dem anderen. Farida soll heiraten, verheiratet werden. In drei Monaten soll es soweit sein. Hurra. Doch erstmal wiege, wer sich ewig bindet. Heiratsvermittler übernehmen den Job der Anbahnung. Den Zukünftigen, der selbst eine Sonnenbrille trägt und ziemlich verschleiert ist – Haut kann man jedenfalls nicht erkennen – kriegt Farida nicht zu sehen, und auch von weitem nur, weil sie heimlich durch zwei Fenster gespäht hat.

Als die Familien sich einig sind, kommt der Mann mit der Waage. Mindestens eine weitere Frau muss natürlich dabei sein. Die kleine Farida wiegt 77-78 Kilogramm. Viel zu wenig. Das ist klar und gibt die Mutter zu. Doch das wird schon, beteuert sie. Farida erhält jetzt immer zwei Schalen Essen.

Wer immer noch gedacht hatte, dass in Afrika die Kinder hungern und es kaum Autos oder Handys gäbe, wird endlich eines besseren belehrt.

6 Uhr: Aufstehen, essen!

Mitten in der Nacht wird sie geweckt. Sie soll essen, hat aber keinen Appetit. „Mama, es ist 6 Uhr morgens“! Draußen ist es noch dunkel. Egal, Luke auf, rein damit.

Eine zusätzliche Mahlzeit. Flesh out!

Filmisch verstärkt sich der Eindruck der Quälerei des Essens noch dadurch, dass nicht mit Besteck, sondern mit den Fingern gegessen wird.

Zwischendurch sehen wir Mutter und Tochter beim Einkaufen. In der halalen Schlachterei werden besonders fette Sorten Kamelfleisch ausgesucht. Flesh out! Inschallah kommt es zu einer baldigen Gewichtszunahme, das wünschen sich alle. Doch Farida fühlt sich schlecht.

Das örtliche Schönheitsideal ist eine richtige extreme Orangenhaut. Spannungsfugen als Gütesiegel. Wenn die Haut es kaum noch schafft, den Körper zu Umspannen, dann ist es genau richtig. Flesh out.

Die Hauptfigur des Filmes hatte nicht gegen ihre Religion opponiert. Auch verheiraten hätte sie sich lassen. Aber das tägliche Mästen?

Das bringt das Fass zum Überlaufen!

Farida wird am Ende wohl ein Flüchtling. Nicht nach Europa! Mal langsam. Nicht jeder Afrikaner ist ein Selbstmörder oder Wirtschaftsflüchtling, der gerne in Lagern vergammelt und eher überlebt als lebt.

Die „liberale Weltstadt“ alias Millionenmoloch Kairo ist das Ziel.

Hier könnte sie vielleicht auch einen Mann finden, der sie so mag, wie sie ist – und nicht, wie sie isst.

Filmtitel: Flesh out

Flesh out – Italien/ Frankreich; Ein Film von Michela Occhipinti

Jahr: 2019

Sektion: Panorama der Berlinale




„Ich bin Brasilianer“ – Wagner Moura inszeniert mit seinem Debütfilm Marighella einen politischen Thriller, mit dem er bis zur letzten Minute zu fesseln weiß

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Ein Merkmal des diesjährigen Wettbewerbs der 69. Berlinale war, das viele Filme eine Dauer von um zwei Stunden hatten. Diese Spielfilmlänge ist an sich nichts Ungewöhnliches. Doch nur wenige konnten diese auf eine Weise mit Spannung füllen wie Wagner Moura mit seine brasilianischen Berlinale-Beitrag „Marighella“, der gut und gerne zweieinhalb Stunden im Lichtspielhaus lief.

Das lag wohl daran, dass „Marighella“ ein politischer Actionfilm ist und sich zugleich mit einem geschichtlich relevanten Thema auseinandersetzt, nämlich der Militärdiktatur in Brasilien in den Jahren von 1964 bis 1985.

Dabei verrät der Titel des Films Eingeweihten, worum es geht, also um den brasilianischen Revolutionär und Stadtguerilliero Carlos Marighella. Als Brasilien 1964 durch einen Staatsstreich zur Diktatur transformiert, ist dies der Startschuss für Befreiungskämpfe, für Kämpf gegen die Unterdrückung im Allgemeinen und für eine freie demokratische Gesellschaft. Marighella war der wichtigste Theoretiker der These, die Guerilla müsse vom Land in die Stadt, in die Metropolen, in den Metropolenkapitalismus geführt werden. Der 1911 in Salvador da Bahia geborene Marighella wurde am 4. November 1969 in Brasilien in einem Hinterhalt von Militärs erschossen

Szene aus dem Film „Marighella“. © O2 Filmes

Fidel Castro scheint mit seiner Revolution auf der Karibikinsel Kuba für Mariguell Pate gestanden zu haben. Er und seine Gruppe voll junger Anhänger überfallen Züge, um an Waffen zu kommen, rauben Banken aus, die Revolution muss schließlich finanziert werden, verüben Anschläge und werfen Flugblätter aus, um die brasilianische Bevölkerung aufzuklären und auf ihre Seite des Kampfes zu ziehen.

Die Militärpolizei, inbesondere der Offizier Lúcio, der als Gegenspieler agiert, ist Marighella ständig auf den Versen und zugleich bemüht, dem brasilianischen Volk weiß zu machen, das keine revolutionäre Bewegung existiert. Auch Marighella muss aufpassen, beispielsweise darauf, dass er seinen Sohn nicht gefährdet, für den zuliebe er diesen Kampf führt. Die Sippe kann nicht nur in Haft genommen werden, ist nicht nur Angriffsfläche, sondern Angelpunkt, um an den
Guerillero heranzukommen.

Szene aus dem Film „Marighella“. © O2 Filmes

„Marighella“ ist der Debütfilm des brasilianischen Schauspielers Wagner Moura (Tropa de Elite). Und hier ist ihm ein bemerkenswertes Erstlingswerk gelungen. Es ist ein Actionfilm der stringend von der ersten bis zur letzten Minute spannend erzählt ist, viele Handlungsschauplätze, Rollen und Actionszenen beinhaltet und dem das zentrale Thema des Films, der Kampf gegen Unterdrückung und Gewalt und für eine demokratisches Rechtssystem, am Herzen liegt. Außerdem nimmt er Bezug auf die aktuelle politische Lage in Brasilien, wo junge Schwarze täglich in den Favelas von der Polizei getötet werden und eine als Rechter verschrieener Kandidat kürzlich Präsident wurde.

Es ist da fast ein bisschen schade, dass der Film außer Konkurrenz läuft. Nicht dass er einen der großen Preise gewinnen sollte oder könnte, doch er wäre zumindest ein Kandiat für den besten Debutfilm. Dafür hebt er sich Handwerklich deutlich vom Rest der Debutfilme ab. Zu kritisieren ist, dass er in seiner Inszenierung ein bisschen zu sehr auf Mainstream getrimmt und die Darstellung der Verhältnisse etwas zu einseitig gezeichnet ist. Es gibt den klaren Gegensatz Gut gegen Böse, das mögen manche albern oder althergebracht finden, aber längst nicht alle. Hier die für Freiheit kämpfenden Guerilleros, und da der böse Polizeistaat.

Szene aus dem Film „Marighella“. © O2 Filmes

„Ich bin Brasilianer“, antwortet er einem Reporter, als dieser ihn nach seiner revolutionären Gesinnung fragt. Der Befreiungskampf der Internationalisten war immer ein nationaler. Dass der Film eine Heldenverehrung ist, dem eine leicht militanter Beigeschmack anhaftet, das ist nicht schlimm, das ist eine Hommage. Zugleich ist er, vielleicht typisch brasilianisch, mit sehr viel Leidenschaft und Emotion gestaltet. Das lässt sich nicht leugnen und nimmt den Zuschauer ein und lässt ihn über den einen oder anderen Kritikpunkt hinwegsehen, damit der Funke der Leidenschaft von der Leinwand überspringt.

Am Ende sagt ein Folterer einem von Marighellas Mitstreitern: „Ihr habt verloren“. Die Antwort erschallt: „Nein, ihr habt verloren“. Gleichzeitig werden in einem Haus auf dem Lande die Waffen ausgepackt. Die Freiheitskämpfer rufen die Parole aus: „Der Kampf wird weitergehen.“

Diese Mischung aus politischem Actionfilm und Leidenschaft ist nicht oft im Kino zu sehen. Gefühle wie diese haben nur wenige andere Filme im Wettbewerb der 69. Berlinale erzeugt. Auch deswegen ist „Marighella“ ein abwechslungreiches Gegenstück, der in der Tat „außer Konkurrenz“ lief.

Filmografische Angaben

  • Originaltitel: Marighella
  • Land: Brasilien
  • Jahr: 2019
  • Regie, Buch: Wagner Moura
  • Darsteller: Seu Jorge, Andriana Esteves, Bruno Gagliasso, Luiz Carlos Vasconcelos, Humberto Carrao, Jorge Paz, Bella Camero, Herson Capri, Henrique Vieira.
  • Dauer: 155 Minuten




Doppelerfolg! Nadav Lapid gewinnt mit SYNONYMS/ SYNONYMES den Goldenen Bären UND den FIPRESCI-Preis der Berlinale

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Nun also auch den Goldenen Bären für den besten Film im Wettbewerb. Synonymes bekommt ihn – Regisseur und Produzenten, denn der Preis ist nicht für die beste Regie, sondern für den besten Film und insofern unpersönlich. Der einzige Goldene neben vielen Silbernen.

Goldener Bär 2019 für die Drei-Länder-Koproduktion über einen Israeli, der in Frankreich bei Null anfangen möchte und merkt, dass das nicht geht.

Wer bekam den Goldenen Bären 2019?

Synonymes – zwei herausfordernde Stunden Kino, die nun bestimmt ins Selbiges kommen.

Nadav Lapid, Gewinner des Fipresci-Preises für SYNONYMS (Wettbewerb). Zu deutsch SYNONYME. © 2019, Foto/BU: Andreas Hagemoser