Daniel Barenboim in der Staatsoper Unter den Linden.

Silvesterkonzert der Berliner Philharmoniker mit Daniel Barenboim als Dirigent und Klaviersolist auch im Kino

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Die Welt der klassischen Musik muss zum Silvesterkonzert nicht nach Berlin, sie kann aufatmen, von Berlin aus wird das vielbeachtete Silvesterkonzert in Kinosäle zumindest auf diesem Kontinent ausgestrahlt.

Deswegen merken Sie sich Montag, den 31. Dezember 2018, ab 17 Uhr vor und gehen Sie zum Konzert ins Kino, wenn Sie das neue Jahr mit großer Musik und festlicher Stimmung begrüßen wollen.

Das Silvesterkonzert der Berliner Philharmoniker findet in Berlin mit Daniel Barenboim als Dirigent und Klaviersolist statt. Auf dem Programm stehen in diesem Jahr Mozarts Klavierkonzert Nr. 26, das als „Krönungskonzert“ berühmt wurde, und einige der bekanntesten Orchesterwerke von Maurice Ravel. Gipfelpunkt ist der Boléro – und damit ein Garant für einen schwungvollen, energiegeladenen Jahreswechsel.

Das Konzert wird in Kinos in der Bundesrepublik Deutschland, der Republik Österreich und der der Schweizer Eidgenossenschaft sowie in Finnland, dem Vereinigten Königreich von Großbritannien und Nordirland, Irland, Luxemburg, den Niederlanden, Norwegen, Polen, Schweden, Tschechien und Ungarn gezeigt.




Symphonieorchester Vorarlberg spielt sich in die Herzen

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Jung ist es als Verein, das Symphonieorchester Vorarlberg, denn die Gründung durch eine Gruppe von Musizierenden und Musikbegeisterten aus dem Land zwischen Arlberg und Rhein fand erst im Jahr 1984 statt. Jung ist es auch in seiner Besetzung, denn hier treffen einander professionelle Musikerinnen und Musiker aus Vorarlberg und den benachbarten Regionen, die oft in keinem Orchester fest angestellt tätig sind.

120 Musiker kehren immer wieder zurück zu diesem Orchester, das in seiner kurzen Geschichte lange von nur zwei Dirigenten geprägt wurde. Mehr als zwei Jahrzehnte prägte Christoph Eberle die Arbeit des Orchesters, 16 Jahre davon als Chefdirigent. Von 2005 bis 2018 folgte ihm der Südafrikaner Gérard Korsten nach, nun ist man wieder auf der Suche nach einem neuen Chefdirigenten, so sind fast alle Maestros dieser Saison in einer Art Bewerbungsphase.

Ein britischer Abend im Festspielhaus

So auch der Dirigent des Abend, der Brite Leo McFall, der ein klassisches Konzertprogramm präsentierte. Werke von Joseph Haydn, Gordon Jacob und Felix Mendelssohn Bartholdy waren zu hören. Gordon Jacob (1895-1984) ist wohl der unbekanntere von den dreien, doch sein Konzert für Horn und Streichorchester gehört zu den meist gespielten Werken dieser Gattung. Es wurde 1951 in London unter der Leitung des Komponisten uraufgeführt, Solist war damals der legendäre Dennis Brain. Es stellt enorme Anforderungen an den Solisten, doch im Bregenzer Festspielhaus agierte der renommierte Hornist Stefan Dohr souverän virtuos und erntete viel Applaus im ausverkauften Haus. Die vielschichtige Komposition kann als eine Art Serenade für Horn und Streicher beschrieben werden und wurde nach der Uraufführung als vergnügliches Stück gelobt. Ja, das war ebenfalls der Eindruck auch an diesem Abend, wenn auch das Orchester teilweise etwas zaghaft begleitete.

Angefangen hatte man mit Joseph Haydn, Symphonie Nr. 98 B-Dur, die zu den 12 Londoner Symphonien des Komponisten gehört und schon bei Uraufführung bejubelt wurde. Aber auch hier schien der Dirigent zu sehr auf einstudierte Exaktheit zu setzen, als auf ein dynamisches Musizieren, das sich aus dem Augenblick selbst manifestiert. Zu einer geistig geprägten Aufführung kam es nicht, was leider heute immer öfters der Fall ist. Zwar konnte man sich nach der Pause mit der Symphonie Nr.3, der ‚Schottischen‘, von Felix Mendelssohn Bartholdy durchaus steigern, wobei der warme Klang der Streicher sowie ein durchweg flexibles Spiel des Orchesters positiv zu vermerken waren.

Man darf gespannt sein auf das kommende Operndirigat des Orchesters, Beethovens ‚Fidelio‘ ist sicherlich eine Herausforderung für jeden Klangkörper. Die szenische Aufführung wird im Vorarlberger Landestheater ab dem 1. Februar 2019 zu erleben sein. Das SOV spielt jede Saison einen Zyklus von 6 Konzerten in Bregenz und Feldkirch, die mittlerweile ein unverzichtbarer Bestandteil des Vorarlberger Kulturlebens sind.




Blaue Stunde im Wedding jetzt immer öfter. Neu gegründete Band spielt weiter

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Es handelte sich nur um ein kleines Konzert und ja, es war religiöse Musik. Doch Bachs H-moll-Messe (Mass in b-minor), die wir mit dem Collegium musicum in Irun und San Sebastian/ Donostia, in Loyola, Madrid und Leganés aufgeführt haben und außerhalb Spaniens in Belfort und Berlin, ist auch religiös. Ursprünglich. Egal, ob sie nun konzertant in der Philharmonie oder seinem Nachbau, dem auditorio nacional in der spanischen Hauptstadt, aufgeführt wird oder in Sakralbauten. Einige der oben genannten Tournee-Termine führten ja auch in Kirchen, so Irun, Loyola und Leganés. In Gotteshäusern der Landeskirchen ist die „flottere“ Musik oder Anbetungsmusik allerdings selten zu hören, dabei könnte sie ein probates Mittel gegen Publikumsschwund sein.
Längst sind viele Kirchengebäude nicht mehr das, was sie einmal waren. Die katholische Kirche am Mierendorffplatz wurden nach Umbauten syrisch-orthodox, auf dem Leopoldplatz und am Südstern stehen Häuser, die von kleineren Gruppierungen übernommen wurden.

Wie dem auch sei, die Musikanten, die am Donnerstag, den 15. November ein Blaue-Stunde-Konzert spielten, „machen einen guten Job“. Markus Steinmeyer an der Gitarre meinte anschließend selbstkritisch, dass man mehr üben hätte können. Doch die Leistung war für den Anlass gut genug. Übung macht den Meister. Ja, das stimmt. Doch wissen wir aus eigener Erfahrung, das jedes Konzert auch eine sehr gute Probe ist.

Mit der frischen, andernorts sehr beliebten, schwungvollen Musik soll frischer Schwung in die Kirche gebracht werden. Das ist beschwingt gelungen. Man hat geschwungen und gesungen.

Blaue Stunde im Wedding 2019 öfter

In der Kapernaumkirche an der Ecke Seestraße und Antwerpener wird ja sowieso viel gesungen und musiziert.

Im Nachgang von dem schönen Konzert am 15. 11. entschied Gemeindepädagoge Markus Steinmeyer, dass man bei den Abendgottesdiensten, die etwa alle Vierteljahre in der Kapernaumkirche stattfinden, die Blaue-Stunde-Band einbeziehen kann. 2019 wird es also öfter eine Blaue Stunde geben.

Die drei Musiker sind Silke Fischbeck vocals und piano, Peter Darby, Violine, und Markus Steinmeyer vocals und guitar.

Frau Fischbeck gibt in der Kindermusikwerkstatt „Seepferdchen“ in der Brüsseler Gitarren- und Klavierunterricht.-

Blaue Stunde im Wedding

Wo? Kapernaumkirche, Seestraße 35, 13353 Berlin

(Wer sich die Hausnummer an der Seestr. merken möchte, aber nicht kann,

dem bieten wir hier eine schöne Eselsbrücke an:

Alle Berliner Postleitzahlen fangen mit einer 1 an,

was man hier getrost ignorieren kann.

Es bleibt “3353“; die beiden Ziffern in der Mitte

zeigen die Hausnummer der Kirche in Mitte:

35. Bitte!

Waren das nicht zwei einfache Schritte?)

(Wer statt zahlen lieber reimen möchte: „Die Kapernaumkirche steht, das weiß ich, Seestraße fünfunddreißig.“ Auch dieser Spruch ein Dienst von uns. Ein Service.)

Ecke Antwerpener Straße http://www.kapernaum-berlin.de/
Anfahrt BVG: U-Bahnhof Seestraße Linie U6 und Tram 13




Der "alte" Kulturpalast Dresden.

»Erschütternd nobel» – »Violinen der Hoffnung» – Geigen jüdischer Musiker im Kulturpalast Dresden

Dresden, Deutschland (Kulturexpresso). Im Grunde ist jedes Sinfonie- oder Kammerkonzert etwas Einmaliges, einerseits, weil es normalerweise nur einmal gespielt wird, andererseits, weil auch jede Wiederholung ihre Besonderheiten im Klang, in den Tempi und in der Intensität hat. Doch etwas Einmaliges, Unwiederholbares, Historisches erlebten die Dresdner am 8. November im neuen Konzertsaal des Kulturpalasts. Im Gedenken an die Pogromnacht des 9. November vor 80 Jahren wurden die »Violinen der Hoffnung» gespielt. Der Geigenbauer Amnon Weinstein aus Tel Aviv vertraute Dresdner Musikern seine Geigen für ein Konzert an, das sich nicht wiederholen wird, und das sich ins Gedächtnis der Kunststadt einprägen wird.

In Dresden lebten 1933 4675 Juden. 1945 waren es noch 70. Der Antisemitismus nimmt in Deutschland zu. Ist die Judenverfolgung vergessen? Die Jüdische Gemeinde Dresden, die Katholische Akademie Dresden-Meißen und die Dresdner Philharmonie beschlossen, des Pogroms mit einer Themenwoche zu gedenken.

Eine private Initiative

Seinen Ursprung hatte der Plan in einer privaten Initiative. 1992 ging der Dresdner Bogenmacher Daniel Schmidt (»auf Wanderschaft») nach Tel Aviv, um beim Geigenbauer Amnon Weinstein seine handwerklichen Fähigkeiten zu vervollkommnen. Seine Neugier führte zu einer Entdeckung. In einem Schrank fanden sie eine Ansammlung von hervorragenden deutschen Geigen, die einst Mitgliedern des Palestine Symphonic Orchestra gehört hatten. Als sie von der Judenvernichtung erfuhren, weigerten sie sich, deutsche Geigen noch anzurühren, und sie wollten sie kaputtschlagen, wenn Weinstein sie nicht annahm. Weinstein wusste, dass er sie nicht würde verkaufen können. Sie gerieten in Vergessenheit. Hinzu kamen nach der Befreiung vom Faschismus Geigen, die Juden im KZ spielen mussten oder die sie irgendwie über die Nazizeit hatten retten können. Schmidt erinnert sich, dass in Weinsteins Werkstatt überall Geigen lagen, die er angenommen hatte und die niemand spielte.

Perfide Idee der Nazis

Die Nazis wollten die Juden ausrotten, sagt Amnon Weinstein, aber sie hatten die perfide Idee, die Liebe der Juden zur Musik und zu den Geigen für ihre Vernichtungspläne auszunutzen. Wenn in Auschwitz Judentransporte ankamen, spielte eine Kapelle zu ihrer Begrüßung. »Violinen begleiteten die Juden zu den Gaskammern, sie ließen die gedemütigten und abgezehrten Menschen glauben, sie seien an einem menschlichen Ort angekommen». Man bedenke, in Auschwitz gab es acht Lagerkapellen, darunter eine »Mädchenkapelle». Die Orchester hatten zu spielen, auch wenn die Toten gebracht wurden. Akribisch erforschte Weinstein die Geschichte jeder Geige, wobei grauenvolle Tatsachen ans Licht kamen. Als er eine Auschwitzgeige öffnete, um sie zu reparieren, fand er darin Asche. Die Geigen sind stumme Zeugen der Naziverbrechen, sagt Weinstein.

Nachdem Daniel Schmidt nach Deutschland zurückgekehrt war, verfolgte er über viele Jahre seinen Plan, die »Violinen der Hoffnung» in Dresden erklingen zu lassen. Gemeinsam mit der Jüdischen Gemeinde, der Katholischen Akademie des Bistums Dresden-Meißen, mit der Dresdner Philharmonie und ihrem Konzertmeister Wolfgang Hentrich initiierte er ein Konzert zum Gedenken an die Novemberpogrome. Amnon Weinstein und sein Sohn Avshalom brachten aus ihrer Sammlung 16 Geigen mit, die sämtlich am 8. November im Konzertsaal des Kulturpalastes Dresden gespielt wurden. Der Meister erzählte die Geschichte seiner Sammlung. Nur drei Violinen seien genannt. Eine Klezmer-Violine, erstklassig, 120 Jahre alt, zeigt auf dem Geigenboden einen Davidstern aus Perlmutt. Die »Bielski-Violine» ist die Geige eines Klezmers. Sie erinnert an die Bielski-Partisanen, in deren Reihen in Bjelarus 1250 Juden gegen die Nazis kämpften. Die Auschwitz-Violine spielte ein unbekannter Musiker in Auschwitz. Nach der Befreiung verkaufte sie der Mittellose für 50 Dollar. Der Sohn des Käufers schenkte sie Weinstein, der sie restaurierte und bedeutenden Geigern für Konzerte in aller Welt leiht. In Dresden ließ Weinstein die Geigen spielen, »um den verlorenen Leben eine Bedeutung und eine Hoffnung zu geben.» Die Dresdner würdigten den Meister mit stehendem Applaus.

Nicht alle Geigen sind erstklassig, aber sie wurden von den Dresdner Musikern als Kostbarkeiten behandelt. Es spielten Mitglieder der Dresdner Philharmonie, Studenten der Musikhochschule »Carl Maria von Weber» und Schüler des Sächsischen Landesgymnasiums für Musik und des Heinrich-Schütz-Konservatoriums, in einem von Wolfgang Hentrich perfekt arrangierten Programm. Die Musiker traten hinter die Ausstrahlung der Instrumente völlig zurück. Sie spielten die Geigen, verbeugten sich, legten die Geigen zurück auf die Tische und gingen ab, »erschütternd nobel», meinten Dresdner Musiker. Schließlich erklangen alle 16 Violinen im Konzert der Dresdner Philharmonie unter der Leitung von Michael Sanderling. An diesem Abend erlebten der Konzertsaal und seine Hörer »Intimität und Würde», wie Michael Sanderling es einmal genannt hatte. Das Programmheft des Konzerts ist inzwischen eine Rarität geworden.

Amnon Weinsteins Universitäten

In jenen Tagen in Dresden leisteten Amnon und Avshalom Weinstein viel Kleinarbeit. Sie gingen in vier Gymnasien, um die Geschichte der Geigen zu erzählen, und sie präsentierten ihre Sammlung ausführlich im Jüdischen Gemeindezentrum. Nicht verschwiegen sei jedoch, dass die Dresdner Mittelschulen auf das Angebot nicht reagierten. Das Milieu der AfD-Wähler verschloss sich der historischen Wahrheit. Unterdessen reisten die Weinsteins weiter nach Dortmund, um auch dort im neuen Konzertsaal die Violinen der Hoffnung spielen zu lassen. Über die Geschichte seiner Geigen hält Weinstein Vorträge in aller Welt, manchmal verbunden mit einer Ausstellung. Im Januar 2015 waren die Violinen auch in der Berliner Philharmonie ausgestellt worden, verbunden mit einem Konzert, in dem Berliner Philharmoniker Instrumente aus Weinsteins Sammlung spielten. Inzwischen sammelt Amnon Weinstein auch die Geschichten von Geigen in privatem Besitz, die Geigen verstorbener Angehöriger aufbewahren. Er erhält hunderte Briefe. Oft ist es schwer, die Geschichte von Geigen aufzuklären, die die Nazis den Juden geraubt oder abgepresst hatten. Das waren tausende Instrumente, und nicht selten werden sie mit falscher Legende angeboten. Gemäß der Washingtoner Erklärung von 1998 müssen sie ihren rechtmäßigen Besitzern zurückgegeben werden. Von einem Wiener Geigenbauer erhielt Weinstein ein Beispiel böswilliger Manipulation, damit er es an die Öffentlichkeit bringe. Jener hatte in einer Geige ein Hakenkreuz und die Inschrjft »Heil Hitler“ entdeckt. Damit konnte ein Jude, der sie spielte, bloßgestellt und verhöhnt werden. Diese Geige wird nie wieder gespielt werden.

Weit gespannter Bogen

Zum Rahmenprogramm der Gedenkwoche gehörte ein Abend mit dem Titel »Zwischen Krieg und Frieden. 1618 – 1918 – 2018». Laut Programmheft sollte es »die wiederkehrenden Schrecken des Krieges, aber auch die Vision einer anderen Welt» beschwören – vom Beginn des Dreißigjährigen Krieges über das Ende des Ersten Weltkrieges bis heute.

Das Ensemble Amarcord plus, der Philharmonische Chor Dresden und die Cappelle Sagittariana gaben unter der Leitung von Norbert Schuster ein subtiles Konzert mit Werken von Michael Praetorius, Heinrich Schütz, Leos Janacek, Edvard Elgar, Maurice Ravenel und Arvo Pärt. Martina Gedeck las Texte von Andreas Gryphius, Ricarda Huch, Erich Kästner, Erich Mühsam, Kurt Tucholsky und Paul Celan. Der literarische Bogen geriet jedoch ziemlich kurz, denn er brach mit der Todesfuge von Paul Celan (1945) ab. Sofern Schuster die Epoche bis 2018 als jene zwischen Krieg und Frieden charakterisiert wissen wollte, so ist wahr, dass die Fortsetzung des Kalten Krieges und die Manöver der Nato brandgefährlich sind, aber dann kann man den Atomtod und das Wettrüsten nicht ausblenden. Auch steht das Jahr 1918 nicht nur für den Krieg und das Ende des Krieges, sondern auch für die Revolution und die Kämpfe der Arbeiterklasse.

Stoff ist in der deutschen Literatur genügend da: zum Beispiel das Manifest der 18 Göttinger Atomforscher von 1957, der Monolog des Galileo Galilei zur Verantwortung der Wissenschaftler, das Friedenslied oder die Ballade vom Weib und dem Soldaten von Brecht, »Winterschlacht» von Johannes R. Becher (Musik von Hanns Eisler) oder die Komödie »Der Frieden» von Peter Hacks mit der bezaubernden Musik von André Asriel. Schusters Anspruch, den »Circulus Vitiosus» zu durchbrechen, blieb unerfüllt.

Kunst vom Feinsten

Kunst vom Feinsten bot »Musik und Literatur aus Israel». Eingebettet in das Violinkonzert d-Moll von Felix Mendelssohn-Bartholdy und das Konzert für zwei Violinen d-Moll von Johann Sebastian Bach, genügten zwei Künstler aus Israel, um die Kultur ihres Landes zu repräsentieren.

Der Dichter Elazar Benyoetz, 1937 in Saarbrücken geboren und nach Palästina geflohen, ging einen Weg vom Deutschen ins Hebräische und, als israelischer Dichter, wieder ins Deutsche wie niemand außer ihm. Er brauchte nur wenige Minuten, um mit seinen Aphorismen Spannung zu erzeugen. Die Zuhörer hielten den Atem an, staunten, lachten, nickten.

Einige Sätze handelten vom gebrochenen Verhältnis der Juden zu Deutschland oder zu den Deutschen: »Die Juden sprachen vom deutschen Geist,/ die Deutschen vom jüdischen./ So haben sie einander tödlich umworben/ und zu Tode befruchtet»// oder: »Der jüdische, im Deutschen angeschlagene Ton/ behält im Deutschen seine nachhallende Tonart,/ die sich auf keine andere Sprache übertragen lässt/ Den Untergang des deutschen Judentums/ kann ich nicht widerrufen,/ aber mich seiner erbarmen./ Ich nehme das Untergegangene in mein Wort auf/ und teile die Zukunft meiner Sprache mit ihm.»// und: »Die deutsche Sprache war der Juden Loreley.» Man kann und darf dem Sinn lange nachspüren, aber die Worte treffen den Nerv der humanistisch Denkenden. Die Verse Benyoetz´ lehren Dialektik.

Vom Komponisten Tzvi Avni erklangen das »Pas de deux» für Violine und Streicher sowie »Summer Strings», Streichquartett Nr.1 in der Fassung für Streichorchester, deutsche Ur- oder Erstaufführungen, noch in den Proben gemeinsam bearbeitet. Als Solisten brilliierten Kolja Lessing und Wolfgang Hentrich, glänzend eingebettet in das Spiel des Philharmonischen Kammerorchesters Dresden. Das Programm wurde ausgewählt und geleitet von Wolfgang Hentrich, so vorzüglich, dass kein Wunsch offen blieb.

Eine exzellente Akustik des Konzertsaals war das Ziel des Umbaus des Kulturpalastes. In beiden Konzerten fragte man nicht, wie die Akustik sei. Sie war da, klar, transparent, warm. Der Klang kam so an, wie die Musiker und Sänger ihn erzeugt hatten. Die Arbeit der Baumeister, Akustiker und Musiker: gelungen.

Nazis oder »Nationalsozialisten»

Am Rande des Gedenkens an die Novemberpogrome fällt eine Kleinigkeit auf. Amnon Weinstein und Daniel Schmidt nennen die Nazis Nazis, wie die Verbrecher in aller Welt genannt werden. Von deutschen Politikern, Historikern und Medien einschließlich der sozialistische Zeitung »neues deutschland» werden sie vornehm zu »Nationalsozialisten» stilisiert. Das ist die Folge der Verharmlosung der Nazibarbarei in der bundesdeutschen Propaganda. Nicht zufällig war an westdeutschen Universitäten der Begriff Faschismus verpönt. Die Opfer des Faschismus redeten von Anfang an eine klare Sprache. Ihre Organisation nannten sie »Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes». Sprache verrät vieles, sie muss gepflegt werden.




Bei nächtlicher Blick auf die Philharmonie in Berlin.

The Beethoven Experience – Le Concert Olympique in der Berliner Philharmonie

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Le Concert Olympique ist in Antwerpen ansässig und vereint 45 Musiker aus europäischen Spitzenorchestern. Der Name des 2010 gegründeten Ensembles verweist auf das gleichnamige Pariser Orchester, das in den 1780ern europaweit berühmt war und zum Beispiel Joseph Haydn mit den „Pariser Sinfonien“ beauftragte.

Leiter der mehrmals im Jahr stattfindenden Arbeitsphasen von Le Concert Olympique ist der flämische Dirigent und Musikwissenschaftler Jan Caeyers. Er war in den Neunzigern Claudio Abbados Assistent beim Gustav Mahler Jugendorchester und hat überdies eine erfolgreiche Beethoven-Biografie geschrieben.

Mit Le Concert Olympique widmet sich Caeyers vor allem der Musik Beethovens; nicht nur den Sinfonien und Instrumentalkonzerten, sondern auch weniger bekannten Werken. In dieser Saison liegt das Augenmerk auf Beethovens Chormusik, die Le Concert Olympique zusammen mit dem Arnold Schoenberg Chor aus Wien aufführt. Eine besonders festliche Note erhalten die Veranstaltungen dadurch, dass die Musiker von der Antwerpener Modedesignerin Anna Heylen in leuchtende Blautöne eingekleidet werden.

Beethoven: Missa solemnis, Freitag, 23.11., 20 Uhr, Philharmonie
Le Concert Olympique, Arnold Schoenberg Chor, Jan Caeyers (Leitung)




Blaue Stunde an der See. In der Kapernaumkirche Wedding spielt eine neue Band

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Schon wieder Wedding. Jetzt die Blaue Stunde. Seitdem der Stadtteil zu Mitte gehört, ist hier immer mehr los. Noch in diesem Monat wird die Kinderbuchautorin Christel Maria Zwillus im „L‘Escargot“ in der Brüsseler Straße eine Ausstellung eröffnen. Die Verfasserin ist eine Multikünstlerin. Das renommierte Restaurant liegt zwischen Antwerpener und Lütticher Straße im Belgischen Viertel. In der Brüsseler gibt es auch eine Kinderkunstwerkstatt mit musikalischen Angeboten. Die Straße verläuft parallel zur Seestraße. Geigenlehrer Peter Darby und seine Frau unterrichteten die vergangenen fünf Jahre ehrenamtlich im sogenannten „Seepferdchen“, das von Silke Fischbeck geleitet wird, die dort unter anderem Gitarren- und Klavierunterricht gibt.

Blaue Stunde mit neuer Band

Die Band ist so neu, dass sie noch keinen Namen hat. Das Konzert soll aber BLAUE STUNDE heißen. Die drei Musiker sind Silke Fischbeck (Ladies first), vocals und piano, Peter Darby, Violine und Markus Steinmeyer (vocals und guitar). Frau Fischbeck wird also in dem Konzert in der Kapernaumkirche nicht Gitarre spielen, obwohl sie das andernorts seit ihrer Jugend erfolgreich tut. Markus Steinmeyer wird das bei der Aufführung tun, gesungen wird zusammen.

Es gibt keinerlei Erfahrungswerte zu diesem Auftritt, deswegen können wir auch nicht sagen, wie voll es wird.
Doch kennen wir die Kapernaumkirche als Ort der Musik und der Public Viewing bei der WM. Dieses Jahr gab es das aber nur dreimal, und wer will schon daran erinnert werden. Außer an das Spiel Deutschland-Schweden mit einem großartigen Tor von Kroos.

Die Kapernaumkirche ist mir schon seit Jahrzehnten bekannt; und sei es auch nur als Wegmarke. Eine Bekannte erklärte mir in den 80er Jahren den Weg zu ihrer Wohnung: „U6 Richtung Tegel bis Seestraße, dann zu Fuß die Seestraße gegenüber vom Kino bis zur Kirche.“ Das kaum übersehbare Alhambra-Kino (übersehbar – Überseebar? – ohne ’see‘ in ‚übersehbare‘) gibt es wieder an der Ecke Müllerstraße, inzwischen gibt es sogar eine Straßenbahnhaltestelle am U-Bahnhof.

Kapernaumkirche für Konzerte bekannt

In der Kapernaumkirche, die zwischen den Wohnhäusern an der Ecke See- und Antwerpener steht, wird viel musiziert.
Denkwürdige Konzerte umfassten einen Auftritt mit Jocelyn B. Smith und ein Different Voices of Berlin, ein Benefizkonzert zur Finanzierung der Reparatur eines wertvollen Tasteninstruments, dass Frau Smith, die gebürtige New Yorkerin, dem „Seepferdchen“ für die Arbeit mit Kindern gespendet hatte.

Wir berichteten auch über andere Konzerte.

Rosa Mercedes in der Kirche. Berliner Songwritertrio „The Secret Chord Collective“ vereint Nathan Vanderpool, Inger Nordvik und die bereits Erwähnte

Nun also Blaue Stunde. Die drei Musiker, die man auch schon einmal in einem Gottesdienst antreffen kann, verbindet die Musik und die Freude an ihr.
Sie möchten, dass viele in die Kirche kommen und sich unter anderem an der Musik erfreuen. Das Repertoire könnte Stücke oder Lieder umfassen wie: „Keiner ist wie Du…“, „Our God“ und „Von guten Mächten wunderbar geborgen“. Das letztgenannte Lied beruht auf einem Text von Dietrich Bonhoeffer.

Wann? Heute, am Donnerstag, den 15. November 2018 um 19 Uhr

Wo? Kapernaumkirche See- Ecke Antwerpener Straße

Anfahrt BVG: U-Bahnhof Seestraße Linie U6 und Tram 13

Der Vollständigkeit halber sollte erwähnt werden, dass es am 15. November 2017, also genau vor einem Jahr, bereits einmal eine Blaue Stunde gab in der Kapernaumkirche. Initiator war Markus Steinmeyer; der Musiker Ronny war am Keyboard. Randnotiz: Silke Fischbeck befand sich unter den Zuhörern.

Warum die Überschrift Blaue Stunde an der See heißt? In Berlin lässt man oft das Wort „Straße“ weg. Nicht, weil die Seestraße Eingang gefunden hat in das Spiel „Monopoly“, sondern, um Zeit zu sparen. Aus Müllerstraße wird Müller-, aus Seestraße See, aus Brüsseler Straße die … Genau! (Und aus Kurfürstendamm wird mangels „Straße“ Ku‘damm.)

See und Seestraße – „Von guten Mächten wunderbar geborgen“

Warum die Seestraße eigentlich so heißt? Um das Meer, den Ozean, die See, geht es hier sicher nicht. Obwohl sie alle blau sind. Eher um einen See wie den Plötzensee. Dort, wo die Tram umkehrt, ist rechts der See und links der Westhafen. Plötzen sind kleine Fische, die es zumindest bei der Namensgebung gab. Berüchtigt wurde der Name durch das dortige Gefängnis, in dem während des Zweiten Weltkrieges viele Staatsfeinde hingerichtet wurden und Menschen aus dem deutschen Widerstand. Also Freunde von Dietrich Bonhoeffer, der den Text schrieb für das Lied „Von guten Mächten wunderbar geborgen“.




Bei nächtlicher Blick auf die Philharmonie in Berlin.

Über den Tellerrand – Die Berliner Symphoniker eröffnen ihre Saison 2018/2019 mit neuem musikalischem Profil

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Seit der Berliner Senat unter Federführung von Thomas Flierl (PDS) 2004 den Berliner Symphonikern die Zuschüsse gestrichen hat, haben viele sie totgesagt oder totgeglaubt. Doch der Regierende Bürgermeister Michael Müller zählt sie noch immer zu den acht subventionierten Berliner Orchestern, faktisch durch einen Erinnerungsposten im Haushalt. Unbestreitbar hatten und haben die Berliner Symphoniker einen unentbehrlichen Platz unter den Berliner Orchestern. Von Anfang an zielten sie darauf ab, durch populäre Programme und günstige Eintrittspreise einkommensschwachen Bevölkerungsschichten einen Konzertbesuch zu ermöglichen. Mit ihren Nachmittagskonzerten bieten sie Berlin-Besuchern ein Konzerterlebnis an, doch auch Kindern und Jugendlichen sowie Rentnern und Bewohnern des Umlands von Berlin.

Für die neue Saison 2018/2019 entwickelte der Chefdirigent Lior Shambadal ein neues musikalisches Profil. »Bei uns soll man etwas hören, was man nur bei uns zu hören bekommt», sagt Shambadal. Zum Beispiel können das unvollendete Werke Wolfgang Amadeus Mozarts sein wie »Die Gans von Kairo», die Shambadal und das Orchester jüngst auf bezaubernde Weise mit Studenten der Universität der Künste aufführten. Oder unbekannte Werke von jüdischen Komponisten, oder Musik von Komponisten aus der DDR und der Sowjetunion, deren Werke nach dem Untergang beider Staaten nicht weiter gepflegt wurden und im Westen weitgehend unbekannt sind. Mehr noch, das Schaffen der DDR-Komponisten wird von den renommierten Orchestern fast völlig ausgeblendet, sowohl im Konzertsaal als auch auf der Opernbühne.

Lior Shambadal und sein Orchester blicken mit ihrem Programm weit über den Tellerrand hinaus, der im »vereinten» Deutschland keiner mehr sein dürfte, aber Realität ist. Sein Konzept hat Shambadal dem Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke) vorgelegt, der dem Plan Geschmack abgewinnen konnte, wenn auch noch ohne die Konsequenz, das Orchester erneut institutionell im Landeshaushalt zu fördern. Eine Projektförderung dürfen sie beantragen, bei Bedürftigen bekannt als Sisyphusarbeit ohne Garantie auf Erfolg.

Am kommenden Sonntag beginnen die Musiker in der Philharmonie ihre Abonnementskonzerte mit Werken von Meistern, die von den Nazis verfemt worden waren. Die Märchenouvertüre »Peter Pan» entreißt ein Werk Ernst Tochs der Vergessenheit. Ein Kleinod ist das Violinkonzert Erich Jacques Wolffs, ein Klangerlebnis die Reformationssymphonie Felix Mendelssohns-Bartholdys. Am 28. Oktober folgt im Konzerthaus ein Sonderkonzert mit Werken von Komponisten aus Ost und West. Besonders spannend zu hören wird die Vertonung des Kommunistischen Manifests durch den deutschböhmischen jüdischen Komponisten Erwin Schulhoff sein, der als Sowjetbürger 1942 in einem deutschen Internierungslager starb. Die Paganini-Variationen von Boris Blacher sind ein Kleinod ebenso wie »Sakuntala, eine indische Legende für Violine und Orchester» von Wolfgang-Andreas Schultz. Beide Werke werden von Maximilian Simon gespielt. Von Kurt Schwaen, einem Meister des Neoklassizismus aus der DDR, erklingen Variationen über ein niederländisches Volkslied. »Ohrwürmer» bringt die Suite »Die Legende von Paul und Paula» des DDR-Filmkomponisten Peter Gotthardt.

Im April 2019 steht auf dem Plan ein Konzert unter Lior Shambadal mit einer »Studie für Streichorchester» von Pavel Haas, der 1944 von den Nazis im KZ Auschwitz ermordet wurde. Von Gottfried von Einem stammt der »Bruckner-Dialog». Zwei Schöpfungen von DDR-Komponisten folgen: Günter Kochan verknüpft in »Variationen für Klavier und Orchester» Elemente des musikalischen sozialistischen Realismus mit jenen der Avantgarde. Ein »Paukenschlag» wird die Uraufführung des Schlagzeugkonzerts von Ruth Zechlin werden.

Konzerte: Sonntag, 21. Oktober 2018, 16 Uhr, Philharmonie, und Sonntag, 28. Oktober 2018, 11 Uhr, Konzerthaus Berlin
Weltnetz: www.berliner-symphoniker.de




Eröffnung EMOP 2018 in Berlin vor Delphi Lux und C/O Berlin gegenüber Jebensstraße am Bahnhof Zoologischer Garten in Charlottenburg

The Jooles eröffnen EMOP. Musik zu Beginn der Opening Days des Europäischen Photographiemonats 2018

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Ein Staatsbesuch beherrschte fast den ganzen Freitag. Am 28. September reiste Präsident Erdogan vom Bosporus an. Dazu viele Demonstranten, einige dafür, viele dagegen. Abends gab es am Flughafen Tegel fast keine Mietwagen mehr. Bei Europcar und Buchbinder überhaupt keinen einzigen. Was die Demonstranten übrig gelassen hatten, brauchten Reisende, die am Boden blieben. Ryanair-Streik. Außerdem fielen zwei German-Wings-Flüge aus an den Niederrhein und nach Stuttgart. Viele brachen in Fahrgemeinschaften noch in der Nacht nach Baden-Württemberg auf. Mit etwas Glück erreichten sie zu Sonnenaufgang ihr Ziel. 7 Stunden ist man auf vier Rädern von TXL in die südwestliche Landeshauptstadt bestimmt unterwegs. Am Abend dürfen endlich alle feiern, der EMOP (European Month of Photography) wird eröffnet. Gegen 21 Uhr treten The Jooles auf, ab 22 Uhr gib es einen DJ vor Kino und Ausstellung.

Feiern mit THE JOOLES

Nach 21 Uhr ist das Amerikahaus brechend voll, hier residiert seit noch nicht zu langer Zeit das c/o Berlin. Vor dem Haus, zum Parkhaus hin, steht eine Freilichtbühne, als ob die Veranstalter gewusst hätten, dass es trocken bleibt. Dr. Klaus Lederer (Linke), der als für Kultur Zuständiger schon so manches Filmfestival eröffnen durfte, spricht ein paar Worte. Anschließend gibt es Musik im Rahmen eines Bühnenprogramms. Besonders gute Laune erzeugt The Jooles. Die Band ist paritätisch besetzt – genderbezogen. Links auf dem Photo Alexander Dommisch, Musiker und Label-Manager. Rot-lila beleuchtet die Leadsängerin, rechts daneben ihre Kollegin mit dem Saiteninstrument. Dazwischen im Dunkel versteckt der Schlagzeuger. Die Band The Jooles (www.THEJOOLES.com) hat kürzlich ihre erste Platte herausgebracht. Moving Memories erschien auf CD und – auf Vinyl!

Immer faszinierend die Enge und Gleichzeitigkeit des Geschehens, die es wohl sonst so nur in Indien gibt. Am Bahnhof der Christiane F. und der Stadtmission aus „Auf der Straße“ die Jebensstraße mit einem weiteren Photo-Museum. Daneben das Gericht mit seinen historischen Ausstellungen. Auf der Südseite der Hardenbergstraße das auf dem Photo abgebildete Geschehen. Der Mittelstreifen – Baustelle.

Zeitverlust durch hauptstadtbedingte Aufgaben

Eine Delegation huscht über den Kudamm.
Mit grüner Fahne: Polizeigesicherte Fahrzeugkolonne am Kurfürstendamm. Am Mittag des 28. September 2018. © Foto/BU : Andreas Hagemoser, 2018

Dass das Land Berlin, das unter einer zig-milliarden-Euro-schweren Schuldenlast ächzt, vom Bund hauptstadtbedingte Kosten verrechnen darf, mag dem Finanzsenator helfen. Wieviele Stunden der arbeitende (und natürlich auch der arbeitslose) Berliner allerdings verliert und wieviel das kostet, interessiert niemanden. Kurz vor zwei am Nachmittag rauscht fast lautlos eine lange polizeibegleitete Wagenkolonne den Ku‘damm entlang Richtung Innenstadt. Wesentlich mehr Probleme entstehen durch Demonstrationen, die den Bus M29 aufhalten. Wer gegen 17 Uhr am Landwehrkanal entlang zur CDU-Zentrale im Diplomatenviertel oder über den Kurfürstendamm Richtung Grunewald möchte, hat das Nachsehen.

Warum auch die S-Bahnen staatsbesuchsbedingt ausfallen, ist dagegen nicht einsichtig. Gegen 15 Uhr findet in einem der Gebäude auf dem Titelphoto ein Pressetermin statt. Ihn über Westkreuz pünktlich zu erreichen ist unmöglich. Ein Zug nach Erkner, der angeblich drei Minuten später fahren sollte, wurde ersatzlos gestrichen. Der nächste Zug Richtung Osten soll erst in 10 Minuten (!) folgen. Im Berufsverkehr bei der Größe Berlins viel zu viel. Gerade erst hat der Senat eine Rekordmillionensumme der S-Bahn gestrichen wegen Unpünktlichkeit

Ein ganz normaler Freitag in Berlin.

Vergangene EMOP-Aktivitäten in Berlin:

Kieke mal Kike Arnal! Die unglaublichen „Voladores“-Flieger aus Mexiko in einer Fotoschau von Ximena de la Macorra oder: Wie Tugend und Kultur Frieden erhalten

Dagmar Gester und Gäste in der Ausstellung „Fluchtgepäck“ (EMOP 2016):

Was bleibt. Photographin Dagmar Gester ist in ihrer EMOP-Ausstellung „Fluchtgepäck“ zu sprechen

Photoausstellung jenseits des EMOP mit Sabine Mittermeier:

Bäume Schwarzweiß. Sabine Mittermeier, Laure Catugier und Tim van den Oudenhoven are „Undrawing the Horizon“ in HB55 Räume der Kunst




»Ihr spielt die Musik» – Am Sonntag wieder in der Mall of Berlin – Symphonic Mob mit Robin Ticciati

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). So entstehen Traditionen. Was 2014 als Versuch begann, findet nun zum fünften Male in Berlin statt: Der »Symphonic Mob». Was ist das? Ein Spontankonzert von Musikern und Sängern, die sich auf einen Aufruf von Musikenthusiasten hin an einem öffentlichen Platz treffen, um gemeinsam zu musizieren und zu singen. Jeder bringt sein Instrument mit (auch die Stimme ist ein Instrument). Nicht nur die klassischen Orchesterinstrumente werden gespielt, sondern auch Gitarre, Okulele, Akkordeon, Saxophon, Blockflöte, Mundharmonika, Amboss, Klopfholz und so weiter.

Diese Form der Volkskultur entstand eines Tages in Toronto, Kanada. Der Orchesterdirektor des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin (DSO), Alexander Steinbeis, übernahm sie und organisierte 2014 den ersten Berliner Symphonic Mob – auf Anhieb mit 400 Musikern und Sängern. Der Erfolg reizte zum Weitermachen. Seit 2015 findet der Mob auf der Piazza der Mall of Berlin statt. Die ist überdacht, wetterunabhängig. Die Besitzer wissen natürlich den Imagegewinn zu schätzen und stellen Räume und Technik kostenlos zur Verfügung. Das gilt auch für andere Kooperationspartner, die die Proben ermöglichen.

Spontan und professionell

Spontan im Wortsinne ist das Konzert insofern nicht, als es von den Musikern des DSO höchst professionell organisiert wird. Sie stellen die Noten für jede Stimme in vereinfachter Fassung, die Laienmusiker spielen können. Die Musiker halten mit Instrumentengruppen Proben ab und spielen selbst mit. Spontan aber ist der Mob in jedem Falle für Laienmusiker und Chorsänger jedes Fachs und jeden Alters. Sie kommen mit Begeisterung, lassen sich gern »schulen» und erleben die Gemeinsamkeit mit vielen anderen und mit den Profis. 2016 waren es schon 1000 Musiker und Sänger, dirigiert von Kent Nagano, der in seiner Laufbahn bereits mit vielen Laienmusikern gearbeitet hatte, aber von der Masse seiner »Musikanten» überwältigt war.

Offen für alle

Das Projekt »Symphonic Mob» ist offen für alle Orchester und Amateur-Musiker. Es fand viele Nachahmer in deutschen Städten, die vom Angebot der Noten Gebrauch machen können, inzwischen aus einem ansehnlichen Archiv. Es geht nicht um eine Schablone, sondern um den praktischen Nutzen. Die Orchester können auch ein Programm nach eigenem Geschmack gestalten. 2017 wurden Symphonic Mobs in Schwerin, Ludwigshafen, Hamburg, Halle, Berlin, Göttingen und Frankfurt an der Oder organisiert. Dieses Jahr ging ein Symphonic Mob bereits in Halle, Bremen, Coburg und Frankfurt an der Oder »auf die Straße», in Frankfurt polnisch und deutsch. Halle und Frankfurt veranstalten ihn bereits zum dritten Mal und wollen weitermachen.

Robin Ticciati zum zweiten Mal »am Pult»

Der neue Chefdirigent des DSO, Robin Ticciati, begeisterte sich sofort für das Massenkonzert und leitete es bereits im September 2017. Fest stand für ihn, dass alle Mitglieder seines Orchesters mitwirken sollen und dass zudem ein erfahrener Chor den Kern des Massenchors stellen muss – der Rundfunkchor Berlin mit 60 Sängern. Der Andrang ist gewaltig. Bis zum Montag hatten sich 1250 Teilnehmer angemeldet. Das Spektakel beginnt am Sonntag um 14 Uhr mit der Generalprobe und um 15.30 Uhr mit dem Konzert. Gespielt werden »In der Halle des Bergkönigs» von Edvard Grieg und »Nimrod» von Edward Elgar sowie von Giuseppe Verdi der »Choro di Zingari» aus »Der Troubadour» und der Chor »Patria oppressa» aus »Macbeth». Beste künstlerische und pädagogische Anleitung sind sicher, doch Ticciatis Anspruch auf hohes künstlerisches Niveau könnte auch den Schwung der Massenbeteiligung bremsen – an Orten, wo die Basis schmaler ist. Das Motto »Ihr spielt die Musik» meint »Musik von allen für alle».

Einen interessanten Zungenschlag tat das DSO in der Ankündigung, jeder könne kostenfrei mitmachen oder zuhören. Das sollte für eine Massenveranstaltung selbstverständlich sein, aber im Spätkapitalismus dreht sich eben alles ums Geld. Nichtsubventionierten Orchestern zum Beispiel fehlen die Mittel für das Allernötigste. 2015/2016 wurde das DSO (verdient) von der Bundeskulturstiftung gefördert, womit es die Internetplattform symphonic-mob.de einrichten konnte, zum Nutzen aller, die die Noten übernehmen. Wie wäre es, wenn die Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) eine Förderung für jedes Orchester aussetzte, das einen Symphonic Mob veranstalten will – für alle, nicht nur für Ausgewählte?

Symphonic Mob, Sonntag, 23. September 2018, , Mall of Berlin, Leipziger Platz 12, 14 Uhr Probe, 15.30 Uhr Konzert




Musiker auf dem Zeig-Courage-Fest

Zeig Courage! Berlin feiert mit Live-Musik am Leopoldplatz

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Noch bis 22 Uhr wird auf dem Berliner Leopoldplatz unter dem Motto ZEIG COURAGE! gefeiert. Gegen 19 oder 20 Uhr werden die Stände der vielen Projekte abgebaut, die sich hier vorstellten: Zum Beispiel NARUD e.v., Veranstalter unter anderem auch eines jährlichen interkulturellen Fußballturniers, und die Kinderkunstwerkstatt Seepferdchen aus der Brüsseler Straße.

Zeig Courage – aber zeig dich

Kirche am Leopoldplatz am Wedding am U-Bahnhof Leo U6 und U9
Sonnenschein auf der Kirche am Leopoldplatz: Entspannte Stimmung auf dem Zeig-Courage-Fest. Auf der Bühne: KonstanThyme. © Foto/BU : Andreas Hagemoser, 2018

Ein Besucher mit einem Halskettchen mit einem Leuchter, den viele als jüdisch einordnen, beklagte sich über die geringe Werbung für das Festival. Spät und eher zufällig habe er von dem Fest erfahren und wünschte sich mehr Resonanz. Seiner meiner nach sei nicht genug auf das Festival Zeig Courage hingewiesen worden.

Silke Fischbeck aus dem „Seepferdchen“ zeigte sich besser informiert und wusste, dass die Veranstaltung seit Wochen kommuniziert wurde.

Der Aufforderung Zeig Courage! wären wohl noch mehr Menschen mit Mut gefolgt, wenn sie von dem gut erreichbaren Open-air-Event gewusst hätten. Zum Leopoldplatz in Wedding, jetzt ein nördlicher Teil von Berlin-Mitte, führen zwei U-Bahn- und viele Buslinien, auch die Ring-S-Bahn und die in den Westen hineinfahrende Straßenbahn auf der Seestraße sind nicht weit weg.

Zeig Courage macht Musik

Stabbrot auf dem Leopoldplatz (Leo).
Feuerschale. Gemütliche Essenszubereitung auf dem „Zeig-Courage“-Fest am 19. September 2018 in Berlin. © Foto/BU : Andreas Hagemoser, 2018

Ein Bühnenprogramm, dass bis etwa halb sechs noch in der Sonne stattfand bei angenehm warmen Spätsommerwetter und eher hochsommerlichen 28-30 Grad, bildete die Klammer zu den vielen Einzelaktivitäten. Zwischen den Imperativen „Willkommenskultur aktiv leben!“ und Zeig Courage und dem englisch formulierten „I am Jonny“, das an „Je suis Charlie Hebdo“ erinnert immer wieder tolle Live-Auftritte im Halbstundentakt.

Silke Fischbeck trat mit Gesang und Gitarre auf, mit und ohne Kinder aus dem „Seepferdchen“.

Flora E. Bernhagen von der Flora-Medienwerkstatt Berlin und Ralf Neubauer von Get-up-Stand-up-TV treten auch mit der Wulaba-Band auf. Darauf wies auch der Moderator hin. Bei den Wulaba-Projekt, wo es um Freiheit geht, sind Flüchtlinge beteiligt. Unterstützt wird die im Dezember 2015 von Menschen aus aller Welt gegründete Gruppe unter anderem von dem Flora-MW-Verlag. Die Musik umfasst viele Stile, politische Lieder, Reggae, Soul, aber auch traditionelle afrikanische Musik oder Hip-hop.

Die engagierte Flora E. Bernhagen hat auch schon mehrere Bücher veröffentlicht: aktuell die „Denk-Welle“, davor „Mauer-Brüche“ und zuerst „Kleines Rotbuch“. Die Lyrikbände verbinden Politik und Weltgeschehen mit Autobiographischem. Flora hat viel erlebt. Ihre Gedichte erzählen auch davon.

Bereits vor 18 Uhr auf der Bühne KonstanThyme, ein Straßenmusiker, den man außer auf der Straße im Weltnetz und auf CD finden kann.

Der Titel der CD ein bisschen so, wie es atmosphärisch auf dem Platz vorgelebt wurde: „Paradies und Das“.