Negativ-Bescheid – Interessante Auswahl, doch keine Werke von DDR-Komponisten im Programm 2020/2021 des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin (DSO)

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Symphonic-Mob des DSO 2015 in Berlin. © DSO Berlin / Christoph Hengelhaupt

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Die Corona-Krise erzwingt flexible Formen des täglichen Lebens. Deshalb hielt das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin (DSO) seine geplante Jahrespressekonferenz am vergangenen Freitag als Livestream-Konferenz ab. Der Chefdirigent Robin Ticciati, der Orchesterdirektor Alexander Steinbeis und Eve Wickert, Mitglied des Orchestervorstands, gaben ihr Programm für die Spielzeit 2020/2021 bekannt. Ob bis 31. August dieses Jahres noch etwas veranstaltet werden kann, ist fraglich. Großveranstaltungen bleiben nach dem Beschluss der Bundesregierung verboten, was dies aber sein könne – vom Kino und Sinfoniekonzert bis zu Rockkonzerten, Fußball oder Marathon – ist auch von der Staatsministerin für Kultur und Medien, Monika Grütters (CDU), noch nicht definiert worden. Da kann man nichts garantieren, sagt Steinbeis.

Voll hinein in die neue Spielzeit aber will das DSO mit seinem »Kracher», dem Symphonic Mob, am 17. September in der Mall of Berlin gehen. In den Jahren 2018 und 2019 waren jeweils 1300 Musiker und Sänger zu begeistertem Singen und Musizieren gekommen. Nach dem erzwungenen Stillsitzen dürfte auch dieses Jahr wieder ein starker Andrang von Musikbegeisterten zu erwarten sein. Robin Ticciati leitet dies zum dritten Male und zum zweiten Male macht auch der Geiger Christian Tetzlaff mit. Nach der Prognose von Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke) ist der Termin nicht sicher, aber die Eigenheit des Symphonic Mob besteht gerade darin, dass die Musiker schnell zusammengetrommelt werden. Das wäre beim DSO auch eine neue Erfahrung. Eine andere populäre Form bietet das DSO mit seinem Silvester- und Neujahrskonzert gemeinsam mit den Artisten des Zirkus Roncalli im Tempodrom.

Konzerte des Chefdirigenten

Robin Ticciati leitet das Orchester nun im vierten Jahre. Seine Chefkonzerte gestaltet er sehr geschmäcklerisch, zum Beispiel mit dem Werk Richard Wagners und dessen Beziehung zu Frankreich und Paris – in seinem Festival »Wagner-Perspektiven» im November. Auszügen aus Wagner-Opern will er Werke gegenüberstellen, die sich in ästhetischer Opposition, Zeitgenossenschaft oder Nachfolge zu Wagner befinden.
Interessanter wird ein »Kontrapunkt» im »Kampf mit dem Teufel», mit »provokanten Formen» wie in »Sancta Susanna» von Paul Hindemith über eine Nonne, die Jesus mehr liebt, als sie darf, und in Bohuslav Martinůs Jazz-Oper »Die Tränen des Messers», welche Frederic Wake-Walker vermutlich nicht so religiös-verbrämt inszenieren wird wie 2018 Händels »Messias».

Lieblingsthemen verfolgt Ticciati ferner mit Werken von Edward Elgar, Hector Berlioz, Anton Bruckner und Johannes Brahms, letzteren f mit dem »Deutschen Requiem». Auch Gegenwartsmusik spielt eine große Rolle, mit der deutschen Erstaufführung des Schlagzeugkonzerts der schottischen Komponistin Helen Grime sowie mit »Shiny or Shy» des Tschechen Ondrej Adamek. Das Experiment der Orchester-Improvisation, das im Vorjahr eine gewisse Ratlosigkeit hinterließ, wird »erneut gewagt». Zu rühmen ist Ticciatis Engagement für den Nachwuchs, indem er zum Beispiel mit der Orchesterakademie und Gesangsstudenten der Hochschule für Musik Hanns Eisler im März 2021 die Kammeroper »The Bear» von William Walton realisieren wird. Dem Orchester mangelt es nicht an berühmten (Gast-) Virtuosen, doch sehr erfreulich ist, dass Solisten aus den eigenen Reihen mit ihrem Orchester solistisch auftreten werden: die neue Erste Konzertmeisterin Marina Grauman, der Konzertmeister Wei Lu, der 1. Solo-Cellist Mischa Meyer, die Solo-Oboistin Viola Wilmsen und der Solo-Posaunist Andras Fejer.

Mit Bedauern – keine Werke von DDR-Komponisten

Nicht zum ersten Male fragte der Autor, ob das Deutsche Symphonie-Orchester auch Werke von deutschen Komponisten aus der DDR spielen wolle. Alexander Steinbeis bedauerte, dass in der kommenden Saison keine geplant seien. Man habe in vergangenen Jahren Werke von Hanns Eisler und Paul Dessau gespielt. Doch es werde »der Moment kommen», wo DDR-Komponisten wieder im Programm stehen werden.

Hier stellt sich die Frage nach der künstlerischen Planung eines Orchesters. Das Bekanntmachen von Werken britischer und nordamerikanischer Komponisten durch britische Chefdirigenten in Berlin bedeutet zweifellos eine Bereicherung des Konzertlebens. Doch wer fragt: was gibt es Neues, Unentdecktes oder Vergessenes von polnischen, russischen, ukrainischen, tschechischen, ungarischen, israelischen oder japanischen Komponisten? Schwer erklärlich ist ebenfalls, dass es in westlich tradierten Orchestern keine Neugier auf die Werke von deutschen Komponisten gibt, die unter völlig anderen politischen und kulturellen Verhältnissen gearbeitet haben und die sich dem Aufbau einer neuen Gesellschaft mit einem neuen Menschenbild verbunden fühlten (wie immer man dazu stehen mag) oder auch in Opposition standen.Wenn die herrschende Politik 40 Jahre der Existenz eines anderen deutschen Staates suspekt machen will, könnte die Anpassung künstlerischer Auffassungen nicht klug, sondern opportunistisch anmuten. Das lässt ästhetische Anreize verloren gehen. Zum Beispiel sind Schlagzeugkonzerte in Mode. Das DSO bringt zum Beispiel die deutsche Erstaufführung des Schlagzeugkonzerts der schottischen Komponistin Helen Grime, die Dresdner Philharmonie das Schlagzeugkonzert des Isländers Daniel Bjarnson heraus. Aber noch immer ist das Quadrophonie – Konzert für 4 Schlagzeuger und Orchester von Ruth Zechlin (2006) nicht uraufgeführt worden. Wen interessiert das? Auch ist noch Unbekanntes zu entdecken, wie die Musik zu Filmen und Theaterstücken, zum Beispiel Hanns Eislers Musik zu »Winterschlacht» von Johannes R. Becher (1955). Die künstlerische Planung könnte mehr von Weite und Vielfalt des musikalischen Schaffens als von Vorlieben des Chefdirigenten geprägt sein. Programmgestaltung ist eben auch Kulturpolitik.

Orchestermusiker in schöpferischer Pause

Wie die Musiker über die erzwungene Untätigkeit hinwegkommen, beantwortete Eve Wickert recht optimistisch. »Endlich kommen wir wieder zum Üben», sagt sie. Sie bleiben »im Bilde», indem sie alle zwei Tage kurze Solokonzerte auf der Heimatseite des DSO im Weltnetz darbieten. Im übrigen nehmen sie sich zu Hause anspruchsvollere Stücke als im normalen Konzertbetrieb vor und graben auch selten gespielte Werke aus. Sie fühlen sich solidarisch mit den freien Musikern. »Wir leben von Aushilfen», sagt Wickert. Sie sollen nicht allein gelassen werden. Viele Kollegen haben der Orchesterstiftung Spenden für notleidende Musiker überwiesen. Ein Benefizkonzert, wie im Vorfeld angeregt, sei angedacht, und der Orchestervorstand habe der Orchesterleitung Vorschläge gemacht.

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