Garten der Akademie der Künste im Hanseatenweg im Hansaviertel bei Nacht.

Sagen Sie’s den Steinen… BIS WIR BEGINNEN, ETWAS ZU SEHEN! Rencontre II am 10. und 11. 11., Retrospektive endet am 5. November im Fsk mit Christophe Clavert live

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Die Avantgarde ist bisweilen die Justiz. So in den 80ern, als das Bundesverfassungsgericht das Recht auf informationelle Selbstbestimmung festhielt. Wahrhaft prophetisch angesichts der Bedrohungen dieses Rechts jedes einzelnen durch neue Technik und Begehrlichkeiten großer Unternehmen.

Die am Tiergarten angesiedelten Häuser der Akademie der Künste und der Kulturen der Welt sprengen ebenfalls die Enge des durchschnittlichen Denkens. Die Akademie der Künste im Hansaviertel trägt dem frischen Wind der Hanse Rechnung. In frischer Luft lässt es sich besser denken.

Während die Bevölkerung den Kunstbegriff wohl enger zieht – Kunst wird dort ausgestellt, die Akademie lehrt – denken sich die Akademiker immer neue Querverbindungen aus und weichen Grenzen auf.

Kunst, Kino, Musik – drei klar getrennte Rubriken, nicht wahr? Schon die Architektur lässt ahnen, dass dem hier nicht so ist. Der „Kinosaal“ der Akademie ist ein Mehrzwecksaal mit einer Bühne; das Publikum sitzt vorn – oder hinten, wie bei den Buchpräsentationen und Lesungen aus „Die Schraube“, „El Tornillo“ und „Potslom“ aus Lino Santacruz‘ Alamos-Verlag. Oder beiderseits der Bühne.

Wo ist überhaupt vorn und hinten? Man sieht schon, herkömmliche Grenzen verschwimmen. Die Moderne bricht auf oder gibt zu denken.

Das Ganze ist recht gehirnig. In dem Sinne, dass auch im Gehirn, mit dem viele täglich denken, die Sache nicht so einfach ist, wie sich viele vorstellen.

Das beginnt schon mit dem oben und unten, vorn und hinten.

Computer-Tomographien kranker Gehirne, Schichtaufnahmen, lassen zum Beispiel vermuten, dass „da vorne“ etwas geschrumpft sei oder „am Rand“.

Unsere zwei- und dreidimensionalen Denkgewohnheiten, die durch Fernsehen, Twitter & Co. teils noch verkleinert und verengt werden, reichen zum Verstehen und Beschreiben des Geschehens nicht aus.

Längst haben die Neurowissenschaftler noch nicht alle Rätsel gelöst.

Seele, Hypophyse, drahtlose Kommunikation von Mensch zu Mensch, Träume und Liebeskummer – restlos erklärt ist das alles nicht.

Die Akademie, Ort des Forum Expanded der Berlinale

Zurück in die Akademie. Das an die Grenzen normalen Verständnisses und gewöhnlicher Rubriken stoßende „Forum expanded“ der Berlinale ist auch ein Beispiel von grenzüberschreitenden Begegnungen. Immer wieder am Hanseatenweg stattfindend.
Das nächste Mal wohl im Februar. Voriges Mal war es im Februar.
Ob wir nach vorn oder zurückblicken, wir erhalten dasselbe Ergebnis.
Das kann auch der Kreis.

Grenzüberschreitungen

Von der vorübergehenden Aufhebung des Rechtsstaats im September 2015 mal abgesehen: Vielleicht sind die grenzüberschreitenden Migrantenströme des 21. Jahrhunderts Zeichen der Zeit. Nicht zwingend biblisch angekündigt, jedoch Denkvorgänge abbildend.

Gedanke, Wort und Handlung

Gedanke, Wort und Handlung folgen üblicherweise aufeinander. Das Wort kann weggelassen werden.
Viele Handlungen, seien sie nun schnell vorgenommen, wie das Löschen einer umgekippten Kerze, hinterrücks – wer kündigt ein Verbrechen schon an – oder von einem wortkargen Menschen ausgeführt, geschehen ohne Worte.
Sogar Karikaturen und Witze ohne Worte gibt es.

Immer steht vor der Handlung der Gedanke

Doch immer steht vor der Handlung der Gedanke. Irgendetwas müssen sich die Migranten gedacht haben, bevor sie sich mit Handy und Bündel aufmachten. Das Tele-phon transportiert den Klang, Musik und Sprache schon seit Reis weit über (die) Grenzen.
Die Rechner der Welt zeigen auf Bildschirmen das Innere des Vatikans genauso wie Norwegens Einöde und die Straße des 17. Juni vor dem Brandenburger Tor.

Der Satz „Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann“ weist in seiner humorvollen Unvollkommenheit in die richtige Richtung.

Der Werbespruch eines Reiseführerverlages „Man sieht nur, was man weiß“ ebenso.

Wenn wir uns mit dem Jetzt von Danièle Huillets und Jean-Marie Straubs Werk beschäftigen, „bis wir beginnen, etwas zu sehen“, könnte das den Horizont erweitern.

Was sehen wir denn?

Was sehen wir denn?
Bevor man nicht von anderen darauf hingewiesen wird, sehen wir manchmal noch nicht einmal den WALD VOR BÄUMEN.

Die obige in der Akademie der Künste aufgenommene Photographie ist bestimmt nicht das, was wir erwarten, wenn wir uns ein Bild von der Akademie machten.
Und selbst das, was wir auf dem Bild sehen, ist nicht einstimmig feststellbar.
Der eine sieht „nichts“, der andere „grün“, der Dritte bemerkt immerhin die Personen, die sich in der Fensterscheibe spiegeln, die an sich unsichtbar ist.

Eiernde Planeten

Ähnlich wie in der Astronomie manche Himmelskörper nur wegen der merkwürdig eiernden Bahnen eines Nachbarn entdeckt wurden, von einem klugen Kopf entdeckt wurden,
„sehen“ wir die Scheibe nicht, sondern „erkennen“ sie durch die Spiegelung.

Das Treffen mit Peter Nestler, Christophe Clavert, Florian Schneider, Mikhail Lylov, Elke Marhöfer, Patrick Primavesi und Ute Holl

Das Treffen „Rencontre II“ zum Abschluss der Ausstellung greift die Fäden des bisher Gesagten und Gesehenen auf, spitzt Fragen und Erkenntnisse zu, um auf verschiedene Weise in der Gegenwart anzukommen. Der Titel des Rencontre II lehnt sich an die beiden Cézanne-Filme Danièle Huillets und Jean-Marie Straubs, „Cézanne im Gespräch mit Joachim Gasquet“ (1989) und „Une Visite au Louvre“ (2003, ‚Ein Besuch im Louvre‘), an und betont die Bedeutung, die das Werk des Malers und vor allem sein Verständnis des Sehens für beide Filmemacher hatte.
In Anwesenheit von Jean-Marie Straub und Barbara Ulrich (BELVA-Film).

Regisseur Peter Nestler und Kameramann Christophe Clavert – Gäste des Rencontre II
Akademie der Künste, Hanseatenweg, Studio, 16 und 19 Uhr

Am 10. November stehen mit dem Dokumentarfilmer Peter Nestler Filme im Mittelpunkt, die Nestler und Huillet/Straub dem jeweils anderen gewidmet haben – in einer jahrzehntelangen Freundschaft, die nicht zuletzt auf dem geteilten Respekt für den Akt des Sehens beruht. Auch Christophe Clavert, der bei den meisten der von Straub seit Huillets Tod (2006) realisierten Filme die Kamera geführt hat (u.a. „Kommunisten“, 2014), wird zum Rencontre und den letzten Programmen der Retrospektive (4. und 5.11. im Kino fsk) anwesend sein.

Öffentliches Seminar mit Florian Schneider und Interventionen von Mikhail Lylov, Elke Marhöfer, Patrick Primavesi, Ute Holl und anderen – auf Englisch

Wo und wann?
Akademie der Künste, Hanseatenweg am Tiergarten, Foyer, 14 bis 18 Uhr
Das Seminar am 11. November beschäftigt sich mit der Frage, was der von Serge Daney so genannten „Straub’schen Pädagogik“ zu Grunde liegt und welche Bedeutung diese in einem postdigitalen Zeitalter haben könnte.

Musikalische Inszenierung des Antigone-Scripts von Huillet/Straub

New Composers Collective (Spin-Off von Mouse on Mars) und Astrid Ofner
Wann und wo? Akademie der Künste, Hanseatenweg, Studio, 19 Uhr

Ganz in der Gegenwart angekommen ist der Programmzyklus der Akademie der Künste zu Huillet/Straub mit der Uraufführung einer musikalischen Inszenierung des Antigone-Scripts, die zum Abschluss des Rencontres am 11. November auf dem Programm steht.

Die Zusammenarbeit mit der Schauspielerin und Regisseurin Astrid Ofner, die in Huillet/Straubs Film von 1991 die Antigone verkörpert, ist das erste Projekt des New Composers Collective, eines Spin-Off-Projekts des Elektronikduos „Mouse on Mars“.

Das New Composers Collective (Jan St. Werner, Andi Toma, Matti Gajek und Michael Rauter) ist ein Zusammenschluss von Komponisten, Produzenten und Musikern, die sich außerhalb der traditionellen Kategorisierungen der Künste und Musik bewegen, mit anderen Künsten und Disziplinen zusammenarbeiten und experimentell neue Technologien, Kompositionstechniken und Aufführungsformate zusammenführen.

Veranstaltungsdaten:

Was? „Sagen Sie’s den Steinen“
Zur Gegenwart des Werks von Danièle Huillet und Jean-Marie Straub

Ausstellung
Wann? … bis 19. November 2017

Was? Treffen: Rencontres II „Bis wir beginnen, etwas zu sehen“
Wann? Am 10. und 11. November 2017.

Ort: Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, 10557 Berlin

Website:
huilletstraub-berlin.net




Static Time, Click-Pause Silence und White Darkness vom Staatsballett Berlin – Drei neue avantgardistischen Ballettchoreografien

Berlin, Deutschland (Kulturexpesso). Wieder einmal präsentiert sich das Berliner Staatsballett als eins der führenden internationalen avangardistischen Balletts unter dem Intendanten Nacho Duato. Static Time, Click-Pause Silence und White Darkness heißen die drei avantgardistischen Ballettchoreografien, die vom Staatsballett Berlin in der Staatsoper im Schillertheater performed wurden – mit Musik vom Tonträger.

Static Time, choreografiert vom Intendanten Nacho Duato, thematisiert Erinnerung und Ewigkeit. Auf der dunklen minimalistischen Bühne spannen acht TänzerInnen in dunklen Tanzkostümen unter Aufbietung beachtlicher tänzerischer Vielfalt zur Musik von Mozart, Rachmaninow und Schubert in zwei Schichten einen Bogen vom Anfang zum Ende des Balletts, aus dem sich die drei klassischen Stücke wie Erinnerungen erheben. Der Architekt Jaffar Chalabi kreierte dazu auf der Bühne ein außerirdisch anmutendes, sich drehendes, riesiges, dunkles Mobile, welches Zeit und Ewigkeit überzeugend visualisierte.

Click-Pause-Silence, choreografiert von Jiri Kylián, versinnbildlicht „das Kommen und Gehen und das Geheimnis, wenn Menschen in unser Leben eintreten und wieder verschwinden“, so Kylián. Bachs „Präludium Nr. 24 b-moll BWV 869“ aus „Das wohltemperierte Klavier“ wurde von Kylián und dem Komponisten Dirk Haubrich in Elemente zerlegt und „neue Verbindungen geschaffen“. „Dieser sezierten Welt von Noten, Themen und Miniatur-Strukturen wird langsam Zeit, Raum und Bestimmung gegeben, die nicht nur selbst-unterstützend ist, sondern Zuflucht für unsere fundamentalen Gefühle und Rückversicherungen wird, die wir so verzweifelt für unser physisches und spirituelles Wohlergehen brauchen“, erklärt Kylián. People com, stay and go… Sometimes it Clicks – the Puase tells us about time – the Silence speaks. TänzerInnen in auberginen, grünen und blauen Tänzeroutfits präsentieren in ausdrucksstarken, kraftvollen, phantasievollen Posen, Drehungen, teils barfuss das Werk.

White Darkness unter der kraftvollen, zeitlosen Choreographie von Nacho Duato und Musik von Karl Jenkins akkumuliert das gesamte tänzerische Können der beiden Vorgängerstücke in geballter Kraft. Atemberaubend und dynamisch „fetzen“ die TänzerInnen über die dunkle Bühne, Tempo kombiniert mit Grazie. Die schwarzen, an Sportunterwäsche erinnernden Kostüme mit Glitzer geben dem Auge die Möglichkeit, sich auf die Ausdruckskraft der Gliedmassen zu konzentrieren, die in kreativen Posen, Drehungen, Sprüngen, Gleiten der Musik folgen. Sand rinnt in Kaskaden von der Decke, Zeichen für die verstreichende Zeit? Nach einem packenden Pas-de-Deux bleibt die Tänzerin verstört unter einem Sandwasserfall zurück, während ihr Partner sich entfernt. Entstanden 2001 für die Compania de Danza in Madrid, zeigt Nacho Duato in diesem Schlüsselwerk lose Strophen um eine junge Frau, die sich durch die schützenden Hände Hände eines Begleiters windet. Von ihrer Drogenabhängigkeit gezeichnete Zustände fließen ineinander. Die Atmosphäre wechselt zwischen Andacht und Aufruhr. Tosender Schlussapplaus zeigt die Begeisterung des Publikums!