„Flügelschlag“ ist das Kennerspiel des Jahres 2019 in Deutschland – „Carpe Diem“ und „Detective“ zählen zu den Nominierten

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Seit 1979, als zum ersten Mal das Spiel „Hase und Igel“ von David Parlett aus dem Verlag Ravensburger gewann, wird in Deutschland der Spielepreis vergeben. Seit dem Jahr, als Tom Felber Vorsitzender des eingetragenen Vereins Spiel des Jahres wurde, das war 2011, gibt es auch noch den Preis für das „Kennerspiel des Jahres“.

Kennerspiele seien laut Udo Bartsch für diejenigen gedacht, „die mit dem Spiel des Jahres groß geworden und über die Preisträger intensiver ins Hobby Spiel eingestiegen sind, aber weiterhin auf die Orientierung und Verlässlichkeit der Marke Spiel des Jahres bauen möchten“. Mit anderen Worten: „Spiel des Jahres“ ist für Anfänger, die selten spielen, „Kennerspiel des Jahres“ ist für Fortgeschrittene, die häufiger spielen.

Gegen eine solche Unterscheidung nach einem Vergleich spricht genau so wenig wie gegen eine Unterscheidung nach dem Alter der Spieler, auch wenn nach Søren Kierkegaard „das Vergleichen … das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit“ sei.

Die mehrköpfige Jury unter Harald Schrapers, die aus Spielejournalisten und -kritikern besteht, verglich einen Haufen Spiele, unterschied und stellte fest, dass unter den Nominierten eines das bessere Spiel war. Die Jury entschied sich für „ein ornithologisches Optimierspiel für zwei bis fünf Spieler ab zwölf Jahren namens „Flügelschlag“ der Autorin Elizabeth Hargrave aus dem Verlag Feuerland (Eppstein-Bremthal)“.

In einer Pressemitteilung vom 22.7.2019 heißt es dazu: „Mehr als 900 Vogelarten leben in Nordamerika, knapp ein Fünftel davon lässt Autorin Elizabeth Hargrave in ihrem Optimierspiel „Flügelschlag“ flattern – vom Amerikanischen Schlangenhalsvogel bis zum Zwergsultanshuhn. Wer einen Vogel anlockt, spielt die entsprechende Karte in einen für das Tier artgerechten Lebensraum aus. An jedes Gebiet ist dabei eine der Basisaktionen des Spiels gekoppelt, welche mit jedem neuen Vogel aufgewertet wird. Wer bringt beispielsweise die Eier-Maschinerie ins Laufen? Zudem tritt jeder in wechselnden Kategorien mit den Mitspielern in Konkurrenz: Wer zählt die meisten Vögel, die in Bruthöhlen nisten? Wer hat die meisten Vögel im Grasland? An dem elegant und detailverliebt gestalteten „Flügelschlag“ werden nicht nur Vogelliebhaber ihre Freude haben.“

Auch die Begründung der Jury wird mitgeteilt: „Brettspiele und Vogelkunde – also doppelt unsexy und angestaubt? Mitnichten! ‚Flügelschlag‘ präsentiert sich nicht mit zerzaustem Federkleid, sondern ist frisch und en vogue. Thematisch liebevoll und redaktionell sorgsam feingeschliffen: Hier hat Autorin Elizabeth Hargrave ein nahezu makelloses Gesamtkunstwerk geschaffen. Eingängige Spielmechanismen, ein schnörkelloser Ablauf und eine hohe Taktung wichtiger Entscheidungen machen ‚Flügelschlag‘ zu einem wahren Überflieger.“

Das kling wie so oft bei einem Lob nicht schlecht. Ob diese Lorbeeren für das Spiel auch aus unserer Sicht berechtigt sind, das werden wir sehen, denn „der Unterschied zwischen dem richtigen Wort und dem beinahe richtigen ist derselbe Unterschied wie zwischen dem Blitz und einem Glühwürmchen“, wie schon Albert Einstein zu sagen wusste.

Die beiden anderen Spiele, die nominiert waren, sind „Carpe Diem“ von Stefan Feld aus dem Verlag: alea/Ravensburger und „Detective“ von Ignacy Trzewiczek, Przemysław Rymer und Jakub Łapot aus dem Verlag Portal Games.

Anmerkung:

Siehe den Beitrag Genieße den Tag und spiele „Carpe Diem“ von Stefan Feld von Kerstin-Bettina Kaiser.

Der Beitrag von Ingeborg Iltis wurde unter dem Titel „Lorbeeren für einen Flügelschlag von Elizabeth Hargrave – Das Kennerspiel des Jahres 2019 in Deutschland“ am 23.7.2019 im WELTEXPRESS erstveröffentlicht.




Ein Dreieck auf dem Teller – Im „Duke“ in Berlin huldigt man dem Bauhaus

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Die freundliche Bedienung serviert Geometrie pur. Ein blaues Dreieck, einen roten Quader, ein schwarzer Kreis und eine gelbe Kugel, auf einem weißen Teller. Abstrakt, sachlich und formvollendet. In die Küche des „Duke“ in Berlin scheint sich ein Bauhaus-Künstler wie Wassily Kandinsky oder Paul Klee verirrt zu haben. Er zaubert nicht nur etwas fürs Auge, sondern auch für den Gaumen, mit Tatar von Langstinos, Aioli, Sepia, Holzkohle, Safran, Gel von der Spirolina-Alge und Pimenton de la Vera, also geräuchertes Chilipulver aus der westspanischen Provinz Extremadura. Dann folgt ein Rat, der etwas irritiert: Alles zerstören. Einfach vermengen, so empfiehlt die junge Dame, dann kommen die Aromen so richtig zur Geltung. Schade um die Optik, dafür erlebt man dann ein vielstimmiges pikant-maritimes Aromen-Orchester.

Tatar von Langostinos – sachlich modern, international, Aioli, Sepia, Holzkohle, Safran, Spirulina, Pimenton de la Vera. © 2019, Foto: Fritz Hermann Köser, BU: Stefan Pribnow

Das Bauhaus feiert in diesem Jahr
seinen 100. Geburtstag. Zu diesem Anlass wollte man sich im „Duke“
etwas einfallen lassen. Schließlich gehört das Restaurant zum
Ellington-Hotel, es residiert in einem Gebäude im Stil der neuen
Sachlichkeit. Ein Meisterwerk der Architektur, dem mit dem ersten
Gang originell und sehr gekonnt gewürdigt wurde. Dazu bedarf es auch
eines besonderen Weins. Hier ist es ein Abril Auxerrois aus Baden,
trocken und zugleich frisch, mit Aromen von Äpfeln, Kräutern und
einem Hauch Zitronengras. Auxerrois, eine weiße Rebsorte, gilt in
Deutschland als Rarität, die Kreuzung aus Gouais Blanc und Pinot
stammt aus der Gegend um Auxerre in Zentral-Frankreich. Ebenso
fruchtig-frisch auch der Apéritif aus Tanqueray-Gin, Himbeer,
Rhabarber und Eisenkraut. „Fruity Summer“, so der treffende Name.

Onsen-Ei mit Morcheln, Spargel, Nussbutter Crumble, Bärlauch-Butter und Sauce Bercy. © 2019, Foto: Fritz Hermann Köser, BU: Stefan Pribnow

Vollendeten Genuss verspricht auch das
nächste Gericht, das Onsen-Ei. Aus Japan stammt diese Spezialität,
die bei 65 Grad eine Stunde lang gegart wurde. Dotter und Eiweiß
erhalten so ihre cremeartige Textur. Die „Sauce Bercy“, einer
Béchamelsoße aus Schalotten, Hühnerbrühe, trockener Weißwein,
Petersilie, Butter, Pfeffer und Meersalz, vervollständigt diese
Delikatesse, schon durch die entsprechende Würze. Garniert wurde das
Ganze mit Nussbutter-Crumble, grüner Bärlauch-Butter,
Kalbsbries und Thymian-Jus. Ein angenehm leichter Gang, schon
dank der Beilagen: Morcheln, Spargel, diverse Kräuter, unter anderem
Sauerampfer, Kerbel, Bärlauch, Blutampfer, Blüten von roter
Shiso-Kresse und Petersilie. Der Briedeler Riesling von der Mosel vom
Weingut Walter, trocken, mineralisch-würzig und von einer
erfrischenden Säure, passt trefflich zu diesem sommerlichen Gang.

Huhniges Allerlei mit Herz und Haut oder „Nur Huhn O&T, Amchoor, Shiro Miso“. © 2019, Foto: Fritz Hermann Köser, BU: Stefan Pribnow

Das wohl appetitlichste Federvieh überhaupt bildet den Höhepunkt. Verschiedene Variationen tummeln sich auf dem Teller. Sieben Hühnerteile, sieben Gararten, alles sehr schön angerichtet. Zunächst die Klassiker wie knusprig gebackener Flügel, geschmorte und glasierte Keule, sowie am Torso geröstete Brust. Auch Freunde der Innereien kommen auf ihre Kosten, mit zweimal gebratenem Herz sowie Leber, in Nussbutter pochiert. Auf die Wagemutigen unter den Feinschmeckern wartet dann ein Crumble aus getrockneter Hühnerhaut und confiertem Hahnenkamm. Die historisch interessierten Gourmets wiederum können sich über ein walnussgroßes Stück freuen, das schon wegen der viel dunkleren Farbe und seinem intensiven Aroma auffällt. Gebratenes Sot-l’y-laisse, das sogenannte „Pfaffenschnittchen“. Diese hierzulande nahezu in Vergessenheit geratene und erst kürzlich wiederentdeckte Delikatesse wurde früher dem örtlichen Pfarrer serviert, wenn er seinen Schäfchen einen Besuch abstattete. Das Fleisch ist zart und verfügt über einen köstlichen Eigengeschmack, wie zu Omas Zeiten. Weidehuhn, handgefüttert, aus der Freilandhaltung, von einem besonderen Züchter aus Niedersachsen. Es ist ungewürzt – solange man es nicht in den kleinen Mini-Berg auf dem Teller stippt. Amchoor nennt sich dieses Gewürz-Mango-Pulver. Oder in die tiefbraune Soße tunkt, unter anderem aus Hühnerfond zubereitet. Als Beilage dient eine Miso-Jus auf Sojabohnen-Basis, daher die geleeartige Konsistenz. All das harmoniert bestens mit dem weißen Burgunder aus Rheinhessen, Sonnenhof vom Weingut Bischel. Trocken, mit einer Note von Ananas und Kräutern.

„Spring break“ – Erdeere, Rhabarber, Verveine, Joghurt, Birkenwasser. Beachtlich! © 2019, Foto: Fritz Hermann Köser, BU: Stefan Pribnow

Bei dem Dessert glaubt man sich ein
wenig im Wald. Es soll jedenfalls an Birkenstämme erinnern. Hier
besteht das „Holz“ aus Joghurt-Mousse, das mit Verveine
(Eisenkraut) verfeinert und mit Kakaopulver bestäubt wurde sowie
Minzblättern, Blutampfer und Honigkresse. Dazu Birkenwasser-Gel und
hellgrüne Verveine-Baisers. Säuerlich-leicht geriet auch die
Komposition auf dem zweiten Teller mit Rhabarber-Joghurt-Sorbet auf
Erdbeer-Rhabarber-Ragout samt Veilchenkrokant. Da kommen ungeahnte
Frühlingsgefühle auf, nicht von ungefähr nennt sich diese
Komposition „Spring Break“, nach den Ferien, die US-amerikanische
Studenten mit ausgiebigen Partys verbringen. Die mögliche
aufgekommene Ausgelassenheit erdet der letzte Gang umgehend. Käse
vom namhaften „Maitre Affineur Waltmann“, mit Chutney und
Früchten, dient hier als Magenschließer. Brie, Camembert und Co.
fallen extrem pikant aus. Wirklich etwas für wahre Liebhaber, die es
ja meist etwas strenger mögen. Freunde von eher milden Sorten
könnten diese recht intensiven Aromen als eher etwas
gewöhnungsbedürftig empfinden. Der Digestif dürfte sie aber wieder
milde stimmen, im wahrsten Sinne des Wortes. Der Mandelbrand von
„Fräulein Brösel“ ist herrlich weich im Abgang und verströmt
intensiven Marzipanduft.

Käse mit Brot „Maître affineur Waltmann“ mit Chutney und Früchten. © 2019, Foto: Fritz Hermann Köser, BU: Stefan Pribnow

Insgesamt ein sehr gelungenes und auch sehr originelles Menü. Auch wegen den kleinen Appetizern zur Einstimmung – hier ließ die Küche gleich zweimal grüßen. Nach Ceviche vom Thunfisch mit Avocadocreme, Edamame und Essblüten bringt die Mitarbeiterin eine kleine Milchflasche. Der Inhalt deutet, rein farblich, auf Eierlikör hin. Tatsächlich ist es eine warme Schaumsuppe aus gelbem Paprika.

Restaurant Duke

Adresse: Nürnberger Straße 50-55, 10789 Berlin, Deutschland

Kontakt: Telefon: 0049 (030 683154000, E-Mail: contact@duke-restaurant.com

Heimatseite im Weltnetz: duke-restaurant.com

Öffnungszeiten: Montag bis Samstag von 12:00 bis 23:00 Uhr
(ab 22:00 Uhr Légère-Karte)




Claude Debussy.

Meeresrauschen im Konzertsaal – Vor 100 Jahren starb der Klangfarbenzauberer Claude Debussy, der Begründer des musikalischen Impressionismus

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Die wenigsten Komponisten erkennt man sofort am Sound. Zu ihnen gehört der Franzose Claude Debussy, der vor hundert Jahren, am 25. März 1918 starb. Der Schöpfer schimmernder Klangflächen und wundersam tropfender Töne gilt als Begründer des Impressionismus in der Musik.

Im Unterschied zu anderen Komponisten der frühen Moderne ist Debussy jedoch jedermann zugänglich. Sehnsüchte und Träume, Freude und Schmerz spürt man in seiner Musik. Auch Naturschilderungen – Tierlaute, Sturmgewalten, Wasserrauschen – sind bei ihm wiederkehrende Themen. Wie die impressionistischen Maler, die das Atelier verließen und ihre Motive im Freien fanden, suchte Debussy Inspiration in der Natur.

Vor allem das Meer faszinierte den 1862 am Pariser Stadtrand Geborenen von klein auf. Die Seeluft schnupperte der Knabe, wenn er seine Patentante in Cannes besuchte. Dort kam er auch mit Musik in Berührung, denn die Tante holte einen Klavierlehrer ins Haus. Von den Erinnerungen an die Côte d’Azur zehrte Debussy sein Leben lang; sie inspirierten ihn auch zu seiner sinfonischen Dichtung „La Mer“.

Die Weite des Meeres stand im größten Kontrast zur Enge von Paris, wo der junge Debussy aufwuchs. Die finanzielle Lage der Familie war so prekär, dass Claude nicht einmal die Schule besuchen konnte. Jedoch wurde er mit zehn Jahren am Konservatorium aufgenommen, wo er Klavier und später Komposition studierte.

1884 gewann Debussy den „Prix de Rome“, die höchste Auszeichnung, die ein junger Komponist erlangen konnte. Nach einem Rom-Aufenthalt erhielt er in Paris weitere Anregungen für sein Schaffen: die sprachklangverliebten symbolistischen Dichter, die Musik Richard Wagners und exotische Gamelan-Folklore aus Java, die er 1889 bei der Pariser Weltausstellung kennenlernte.

All das prägte Debussys Stil mit den schwebenden Akkorden jenseits von Dur und Moll und der kunstvollen Klangfarbenpracht. Beides findet sich auch in der 1894 entstandenen sinfonischen Dichtung „Vorspiel zum Nachmittag eines Fauns“ und in der 1902 uraufgeführten Oper „Pelléas et Mélisande“, mit der Debussy seinen äußerst umstrittenen Durchbruch erlangte.

Debussy war aber auch ein ausgesprochener Klavierkomponist. Dem Pianisten fordern seine Werke einen äußerst fein abgestuften Anschlag ab, damit der Klangfarbenreichtum zur Geltung kommt.

Debussys Schaffen stockte, als sein Privatleben in stürmische Gewässer geriet: Eine Affäre mit der Sängerin und Bankiersgattin Emma Bardac führte zu seiner Scheidung; der Hochzeit mit Emma folgte ein Selbstmordversuch der ersten Frau – all diese Ereignisse waren Pariser Stadtgespräch und wurden sogar in einem Theaterstück aufs Korn genommen.

Sowohl seine Werke als sein Lebenswandel polarisierten die Pariser Öffentlichkeit. Zwar wirkt Debussys Musik heute vertraut, doch die ersten Hörer standen vor ernsthaften Schwierigkeiten. Nicht einmal seine eifrigsten Anhänger ahnten, dass der Komponist einmal als einer der größten Erneuerer in die Musikgeschichte eingehen sollte.

Während andere Musikgenies neue Harmonien, Melodien oder Rhythmen erkundeten, beförderte Debussy den Klang selbst zum zentralen Gestaltungselement. Er schuf einen ganz eigenen Sound, der später als Impressionismus in die Geschichte eingehen sollte. Damit beeinflusste er zunächst Maurice Ravel, der auch ein herausragender Pianist war, und später die Avantgarde.

Heute gilt Debussy als einer der originellsten Komponisten des frühen 20. Jahrhunderts – gleichrangig neben dem sperrigen Arnold Schönberg, der beim Konzertpublikum längst nicht so populär ist.

Neue Veröffentlichungen

Musikfilm: „Daniel Barenboim spielt und erklärt Debussy“
DVD 880242131188 (Warner)

Marina Baranova spielt Debussy nicht nur auf dem Klavier, sondern auch auf Cembalo, Fender Rhodes und präpariertem Flügel.
„Unfolding Debussy“
Marina Baranova
0301014BC
(Neue Meister / edel)

Neuveröffentlichung einer legendären Aufnahme der 24 Préludes mit Friedrich Gulda von 1969.
Friedrich Gulda
„Debussy Preludes“
0300973MSW
(MPS (edel)




Rainald Grebe

Rainald Grebe allein am Klavier – Elfenbeinkonzert solo

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Der Mann am Klavier, der bei Wikipedia auch als „deutscher Liedermacher, Schauspieler, Kabarettist und Autor“ vorgestellt wird, klimpert wieder. Rainald Grebe greift vier Jahre nach seiner letzten Tour mit dem Titel „RainaldGrebeKonzert“ (Eigenschreibweise) erneut in die Tasten. Seine neue Hörschau heißt „Elfenbeinkonzert“.

Dazu teilt Grebes Agentur mit: „Alles ging damit los, daß eine alte Bekannte anrief, ob ich nicht einen Volksmusik-Workshop in der Elfenbeinküste machen wolle, mit ivorischen Deutschstudenten, sie sei jetzt Leiterin des Goetheinstituts dort in Abidjan. Dann sagte sie noch, daß das Goetheinstitut einen Steinwayflügel besitzt, und einen Klavierstimmer gibt es auch, den einzigen in der Cote d ´Ivoire. Der betreut etwa ein Dutzend Instrumente und eins davon steht beim Goethe im Institut. Ich sagte zu. Aber was ist jetzt bitte heute Volksmusik, und wie kann ich Deutschland am Äquator musikalisch vermitteln. Und warum nicht auch tänzerisch? Und was ist Volksmusik in der Elfenbeinküste… Oder an der Elfenbeinküste? Ich bin ja jetzt Botschafter. Mit meiner zarten Arthrose meldete ich mich in Berlin erstmal bei einem Breakdanceworkshop an. Eigentlich hab ich für Afrika gar keine Zeit. Ich hab hier acht Theaterprojekte parallel zu betreuen. Wie immer. Und dann ging die Reise los…“

Das Konzert gibt Grebe solo. Doch zu seinem fünften Soloprogramm, das am 21. Oktober 2016 in der Kölner Philharmonie begann, kommt er nicht alleine. Er zieht einen Koffer auf die Bühne, einen sprechenden Koffer, aber hören und sehen Sie selbst, erleben die die Polyphrenie der Persönlichkeit als Lehrer, Politik, Künstler und so weiter. Genießen Sie den Humor à la Grebe, der ein kluger Kindskopf zu sein scheint und ein Programm voller Dynamik und Dramatik, aber ohne doppelten Boden, denn der würde nicht reichen, bietet.




Plakat zu Klavierkonzert mit Dirk Fischbeck.

Spitzenmusiker im Brüsseler Kiez: Klavier-Konzert mit Dirk Fischbeck in der Kinderkunstwerkstatt „Seepferdchen“ in Wedding

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Eine Gelegenheit, die man sich nicht entgehen lassen sollte: Samstagabend um 20 Uhr spielt Dirk Fischbeck, Konzertpianist, Musikpädagoge am Francke-Gymnasium und Dozent an der Kirchenmusikschule in Halle/Saale ein Klavierkonzert, wie es sonst in der Brüsseler Straße nicht zu hören ist. Auf hohem Niveau und in bester Qualität.

Freier Eintritt, Spenden erbeten

Das Ganze bei freiem Eintritt, Spenden erbeten. So, wie die ohne staatliche Hilfe auskommende „Kinderkunstwerkstatt“, in der viel musiziert wird, finanziell aufgebaut ist.
In oft selbstloser Arbeit wird das Zentrum von Ehrenamtlichen getragen, allen voran die Vereinsvorsitzende Silke Fischbeck. Als „Mädchen für alles“ muss sie Spenden einwerben, die Buchhaltung erledigen, zu Sitzungen einladen, das Programm gestalten, die wöchentlichen Abläufe festlegen, Kontakt zu den Eltern halten, aufräumen, saubermachen und und und. Am liebsten sind ihr die „Arbeit“ mit den Kindern, das Spiel, würden die Kinder es wohl nennen, und die Musik.

In der Sprache der südamerikanischen Indianer, die das Glück hatten, in einem erdöllosen Urwald zu leben und bis ins 20. Jahrhundert hinein von den „Segnungen“ der modernen Zivilisation, wie Wehrpflicht, Emulgatoren und teilweise gehärteten Fetten verschont zu bleiben, gibt es kein Wort für „ARBEIT“.

„Tun“ statt „Arbeit“ und „Spiel“

Es gibt Wörter für alles, was getan wird: Gartenarbeit, Arbeit im Haushalt, Körperpflege – stop, das ist wieder unsere Art zu denken. Die Yequana, venezolanische „Indianer“, sprechen von Pflanzen setzen, gießen, Unkraut jäten (Un-Kraut gibt es vielleicht auch nicht in ihrem Wortschatz), Zäune bauen, Wege anlegen, Trittsteine auslegen, ernten.
Regenplane aushängen, Bett bauen etc pp. Aber nie: „ARBEIT“. Deshalb sind sie glücklich. Eine Tätigkeit als „Arbeit“ zu entfremden, kann der Beginn des Unglücks bei derselben Tätigkeit sein.

Jean Liedloff berichtet darüber schon vor 1999 in ihrem Buch „Auf der Suche nach dem verlorenen Glück. Gegen die Zerstörung unserer Glücksfähigkeit in der frühen Kindheit“.
Die Autorin, die mehrere Jahre bei den Yequana-Indianern in Venezuela gelebt hat, schildert eindrucksvoll deren harmonisches, glückliches Zusammenleben und entdeckt seine Wurzeln im Umgang dieser Menschen mit ihren Kindern: Sie zeigt, dass dort noch ein bei uns längst verschüttetes natürliches Wissen um die ursprünglichen Bedürfnisse von Kleinkindern existiert, das wir erst neu zu entdecken haben.
John Holt meinte zu diesem Buch: „Wenn die Welt durch ein Buch gerettet werden könnte, könnte es gerade dieses Buch sein.“ (Im englischen Original: „If the world could be saved by a book, this just might be the book.“)

Originaltitel: „The Continuum Concept: In Search Of Happiness Lost“
(in der Reihe „Classics in Human Development“)

Klavierkonzert

und
Musikbegleitung mit Nachhilfe

Wann?

15 Uhr Tips für Eltern und Musikschüler
gefolgt von gemütlichem Kaffeetrinken mit Kuchen und Musizieren

20 Uhr Konzert

Wo? Veranstaltungsort:
„Seepferdchen“ Brüsseler Straße 43 im Wedding (Nähe Antwerpener Straße), Berlin

Das „Seepferdchen“

Zu den sporadischen Unterstützern zählen Rolf und Monika Zuckowski und Jocelyn B. Smith.

Nach einer regelmäßigen Unterstützung wird noch gesucht.
Auch ein „Sponsor“ (O-Ton Vereinsvorsitzende) zur Übernahme der wenige hundert Euro betragenden Monatsmiete ist erwünscht.

http://www.seepferdchen-berlin.de

Die „Berliner Kinderhilfe – Seepferdchen e.V.“ ist eine Einrichtung der Berliner Kinderhilfe in freier Trägerschaft und eingetragen beim Amtsgericht Charlottenburg.

Zitat von der Seepferdchen-Website:
„Vom Finanzamt sind wir anerkannt als gemeinnützig, besonders mildtätig und förderungswürdiges Hilfswerk. Wir finanzieren uns ausschließlich aus Spenden und können allen Spendern Spendenbescheinigungen für das Finanzamt ausstellen.“

„Ab 15 Euro im Monat haben Sie die Möglichkeit zu einer Projektpartnerschaft.“




Sara de Ascaniis

Heute oder nie? Moon Suk wird ihren Salon weltreisebedingt schließen – Zu Gast: die Pianistin Sara de Ascaniis

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Moon Suk reiste 1989 zu einem Aufnahmestudium nach Deutschland, seitdem hat sie hier eine beispiellose Karriere hingelegt und das Kunst- und Musikleben entscheidend bereichert. Seit 3 Jahren ließ sie die Berliner Salonkultur wieder aufleben und zieht hervorragende junge Künstler an. Diesmal die Pianistin Sara de Ascaniis. Die Italienerin ist bei der Koreanerin zu Gast, doch Länder zählen schon lange nicht mehr in der Welt der Musik. Sprachen, ja. Sara de Ascaniis hat beim Lesen der Noten und Partituren zweifellos einen Heimvorteil, da sie als Muttersprachlerin nicht erst lernen muss, was adagio bedeutet, oder andante oder piano. Das Piano, Klavier, der Flügel ist ihr Instrument. Sie studierte in Vicenza in Venetien, das ca. 60 Kilometer nordwestlich von Venedig liegt. Die norditalienische Großstadt mit etwa 112.000 Einwohnern ist unter anderem für ihre Keramik und Musikintrumente bekannt. Andrea Palladios Renaissancebauwerke führten zur Anerkennung eines Unesco-Welterbes.

Sara de Ascaniis‘ Italien

Sara de Ascaniis Eltern sind Musiker, haben aber ihr aber alle Freiheit gelassen. Nach einer Veranstaltung wiederholte die Zweieinhalbjährige das gerade mehrfach gehörte Hauptthema am Klavier, was bei den Eltern Erstaunen auslöste und sie langsam an das Instrument heranführen ließ. Von Schulbeginn an begann dann eine zehnjährige Ausbildung. Es ist diese Freiheit und Freiwilligkeit, die Sara de Ascaniis‘ Ausdruck und Entfaltung ermöglicht gemacht hat. „Perfekte“ Pianisten, deren technische, teils seelenlose „Perfektion“ wenig lebendig und noch weniger herzlich ist, deckeln einen Teil ihrer Persönlichkeit, um in einem kleinen Teilbereich bessere Ergebnisse zu erzielen. Professor Bernd Senf würde von Unterdrückung der Lebensenergie sprechen.

Qualität durch Freiheit und Freiwilligkeit

Dass Sara de Ascaniis‘ Entwicklung wunderbar und in Freiheit geschah, ist nicht anders vorstellbar. Wenn sie als Violinduo mit Julia Pérez Gámez auftritt, ist ihre Fähigkeit, ganz im Spiel zu versinken und gleichzeitig perfekt mit ihrer Partnerin zu harmonieren, voll ausgebildet. Ein Genuss, dies zu beobachten. Der Musikgenuss ergibt sich von ganz allein.

Moon Suks Verdienst, ist es immer wieder solche begnadeten Talente aufzuspüren, die doch sehr menschlich sind. Von Moon Suks Kunst und Gesang – die Sopranistin beherrscht allein 500 Stücke auswendig – wäre noch viel zu berichten.

Moon Suk setzt sich in einen VW-Bus und ist dann einfach mal weg

An dieser Stelle kurz der Hinweis, dass ihre Berliner Tage vorübergehend gezählt sind. 2018 wird sie auf eine vielleicht anderthalbjährige Weltreise gehen – in einem VW-Bus? – und unterwegs mit örtlichen Künstlern auftreten. Ein Datum der Wiederkehr wurde nicht festgelegt.

Der monatliche Salon pausiert auf unbestimmte Zeit – was das heißen kann, wissen wir vom ICC

Der monatliche Salon wird also ab Anfang der Jahres auf unbestimmte Zeit aussetzen. Die 1000 glücklichen Zuhörer ihre monatlichen Salons und diejenigen, die es bisher nicht schafften, werden wohl jetzt zum Run auf die Eintrittskarten ansetzen. Lediglich 50 werden für die Beletage in der Charlottenburger Altbauwohnung am Olivaer Platz verkauft.
Als einmal 70 Musikliebhaber Einlass begehrten, wurde es einfach zu eng.

Zu allem Guten obendrauf gibt es auch noch ein selbstzubereitetes schwäbisch-koreanisches Dinner-Büfett.

Sonntag, 15. Oktober 2017: „Musikalisches Oktoberfest“ im Salon Moon

www.moonsuk.de
(Nicht nur zum Salon, sondern auch zu Vita und Werk Moons.)

Der Salon Moon ist ja kein Auslaufmodell, aber ein Beweis für die Wandlungsfähigkeit des „Gesamtkunstwerks“ Moon: www.salonmoon.de

Mond und Sterne zum Anfassen – Exklusive Kultur-und-Wellness-Reise mit Wladimir Kaminer und Moon Suk




Jung, frisch, philharmonisch und klassisch. Ostseeklänge: Carl Nielsen, Sergej Prokofjew und Kaija Saariaho im Konzerthaus Berlin

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Werke von Saariaho, Prokofjew, Nielsen, so steht es auf der Eintrittskarte. Wer Sergej Prokofjew nicht kennt, für den war es höchste Eisenbahn und das Konzert ein Muss. Nielsen klingt zumindest nicht unbekannt, aber wer ist dieser Saariaho? Sprachkenntnisse sagen einem: Ein Finne. Vielleicht hilft das Programmheft weiter, dass am Eingang käuflich zu erwerben ist. Gleich zu Beginn steht im Programm unter „Programm“: Kaija Saariaho (geb. 1952), LATERNA MAGICA für Orchester. Erleichtert nimmt man das Geburtsdatum aus der Zeit der Koreakriegs zur Kenntnis. Nichts, dass man hätte kennen müssen. „Laterna Magica“ sagt einem schon eher etwas, aber Kaija? Wieder stößt man an die sanfte Wand der eigenen Unkenntnis.
Saariaho heißt mit vollem Namen Kaija Anneli Saariaho Der finnische Komponist ist eine Frau. Sie wurde am 14. Oktober 1952 in Helsinki geboren. Mit anderen Worten: In gut zwei Wochen feiert sie ihren 65. Geburtstag und ein Geschenk hat die Komponistin sicher: Dass ihre Musik im altehrwürdigen Konzerthaus am Gendarmenmarkt in Berlin-Mitte gespielt wurde, an einem ruhigen, noch angenehm spätsommerlich-frühherbstlich warmen Abend. Dunkel genug, um ins Konzert zu gehen, warm genug, um nach dem Musikgenuss noch ein paar Bushaltestellen weit zu Fuß zu gehen, oder U-Bahnhöfe. Denn wer wollte sich nach einer so exquisiten Entspannung, die einem exzellente Musiker bescherten, schon in der deutschen Hauptstadt hinter das Steuer des eigenen Wagens setzen? Zudem man vorher lange einen Parkplatz hätte suchen müssen oder das Parkhaus für mehrere Stunden bezahlen.

Die jungen Musiker und Musikerinnen auf der Bühne haben alles, was ihre hauptberuflich tätigen Kollegen auch haben, außer vielleicht einen Tick Enthusiasmus und Begeisterung mehr, und vor allem fehlt ihnen manches, das als Fehlendes zur Tugend zählt.
Ihnen fehlt zwar wohl kaum der Ehrgeiz, doch vermutlich die Überheblichkeit, Hochnäsigkeit, die Starallüren, die Routine samt aller ihrer Nachteile, und auch das Ego scheint nch nicht so groß zu sein. Stattdessen spürt man bis in den Zuschauerraum hinein Freundschaft und Harmonie. Philharmonie.

64 Jahre, für eine Komponistin ist das wenig. Dirigent Jukka-Pekka Saraste, der bei der Stückauswahl naturgemäß ein Wörtchen mitreden konnte, hat die fast gleichaltrige Saariaho zurecht mit gepusht. Wäre Bach ein Unbekannter gewesen, hätte Karajan ihn trotzdem spielen müssen. Herbert von Karajan ist zugegeben Österreicher, doch das tut nichts zur Sache.
Übrigens: nebenbei gesagt ist Jukka-Pekka zwar ein eindeutig finnischer, doch kein seltener Name. Noch nicht einmal ein Name, an dem man das Geburtsjahrzehnt ablesen könnte, so wie bei dem in Deutschland den Namen Claudia zu Sarastes Geburtsjahr 1956 plus minus ein paar Jahre als typisch zuordnen kann.
Valkeapää, der Regisseur von Muukalainen (Der Besucher) und anderen Filmen, die einige Preise einheimsten und u.a. in Venedig zu sehen waren, ist Jahrgang 1977 und trägt denselben Vornamen.
Saraste wählte Saariaho nicht, weil sie etwa aus demselben Ort stammten. In China wäre eine derartige Solidarität normal.
Saraste wurde in der 20.000-Einwohner-Kleinstadt Heinola geboren. Die liegt zwar auch in Südfinnland, aber in der Nähe von Lahti und fast 140 Kilometer von der Hauptstadt Suomis entfernt.

Eine berechtigte Frage wäre, warum der Dirigent hier so eng mit der Jungen Deutschen Philharmonie zusammenarbeitet. In dem Zusammenhang ist es vielleicht gut zu wissen, dass er nicht nur Künstlerischer Leiter des Sibelius-Festivals in Lahti ist, 30 Kilometer von Heinola entfernt, sondern seit Beginn der Saison 2010/2011 Chefdirigent des WDR-Sinfonieorchesters Köln ist (bis mindestens 2019).

Zeitgenössische Musik lag ihm schon früh am Herzen. 1983 gründete er mit Esa-Pekka Salonen das Avanti Chamber Orchestra vor allem für genau diese Musik.

Dabei ist das kein Rückzugsort, keine Nische.

Sarastes Karriere kann sich sehen lassen. Nicht nur in Oslo war er der Hauptdirigent. Es scheint fast, als hätte er eine Vorliebe für Orte mit Os: Orchester in London leitete er ebenso wie das Toronto und Boston Symphony Orchestra. Doch er war auch in Mailand und Dresden, um nur einige herausragende Stationen zu nennen.

Auch der Name Carl Nielsen taucht in Sarastes Wirken zentral auf: Die Schallplattenaufnahmen des Dirigenten umfassen Gesamtaufnahmen der Sinfonien von Jean Sibelius, um den man in Finnland nicht herumkommt und Carl Nielsens (1865-1931). Der Däne aus Fünen starb in Kopenhagen. Im Konzerthaus hörte man nach der Pause die 4. op. 29 („Das Unauslöschliche“). Ein schöner Titel. Die Sätze: Allegro – poco allegretto – poco adagio quasi andante und letztlich wieder Allegro.

Für die Jugend auf der Bühne zweifellos geeignet. An einzelnen Stellen hatte man wirklich das Gefühl, dass der handwerkliche Aspekt des Musizierens, die Arbeit, hervortrat, so schnell fast sägeartig huschte der Bogen über die verschiedenen Saiteninstrumente.

Apropos: Ein schöne Geste des Dirigenten zum Schluss, als er nach dem Empfang der Blumen diese sogleich und entschlossen an eine hervorragende Bratschistin weiterreichte.

Von Sergej Prokofjew mit dem scharfen ‚S‘ wurde das Konzert für Klavier und Orchester Nr.3 gegeben (in C-Dur op.26). Warum Ostseemusik? Nun, nachdem das Zarenreich vor Jahrhunderten Schweden als europäische Großmacht besiegt hatte (Schweden gehörten und anderem Teile Norddeutschlands, so auf der Insel Rügen), war ein Zugang zum baltischen Meer geschaffen worden. Sehr wichtig für den „Mann mit den zugenähten Ärmeln“ wie das Riesenreich aufgrund des Mangels an eisfreien Überseehäfen genannt wurde.
Sogleich wurde St. Petersburg dort an der östlichsten Ostsee gebaut, Keimzelle zunächst die Haseninsel in der Newa, nach abgeschlossenem Städtebau wurde die Metropole zur Hauptstadt des gesamten Reiches bestimmt, obwohl ganz am Westrand gelegen. Prokofjew selbst stammt aus Bachmut in der Oblast Donezk, die eher am Asowschen und Schwarzen Meer liegt, und starb in Moskau. Der russische Komponist war auch ein brillanter Pianist. Prompt muss also ein Solist am Flügel Platz nehmen; in Berlin Nikolai Lugansky. Dieser angenehme Zeitgenosse mit dem Lächeln im Gesicht legte sich am Klavier mächtig ins Zeug und interpretierte Prokofjew angemessen. Viel Energie konnte man in die Pause mitnehmen. Ganz sicher ein, wenn nicht der Höhepunkt des Abends.

Lugansky, der Moskauer mit dem absoluten Gehör, arbeitete schon mit Neeme und Paavo Järvi, Kurt Masur und Kent Nagano zusammen, unter vielen anderen.

Stellvertretend für viele andere sehr gute Musiker im Orchester sei hier wenigstens ein Name genannt: Caroline Fischbeck. Die Violonistin ist in ihren Zwanzigern und hört wohl seit der Geburt Musik. Auch ihr Vater ist, vor allem in Halle, als Konzertmusiker tätig. Manchen wird es eben in die Wiege gelegt, was nicht bedeutet, dass der Fleiß fehlen darf.




Alle schönen Erinnerungen. Die junge Komponistin Terhi Dostal begleitet Weihnachtslieder aus Finnland am Flügel

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Wer Weihnachtslieder abwiegelt, denkt bestimmt an das bekannte deutsche Programm mit Tannenbaum, „Morgen, Kinder …“ und „Macht hoch die Tür“. Oder an das unerträgliche englischsprachige Gedudel, das einem beim Einkaufen unverhinderlich aus den Lautsprechern entgegenquillt. Aufatmen! Es gibt in Europa noch eine andere Realität.

Still und starr liegt der See. In Mitteleuropa im Winter vielleicht nur noch im Ausnahmefall. In Finnland auch zu Zeiten des Klimaveränderungsgeredes die Regel.

Und „Land der Seen“ könnte der inoffizielle Beiname des Staates sein, wenn es wie in den USA solche Mottos gäbe wie „Eureka“ in Kalifornien und „Wir würdigen unsere Freiheiten und pflegen unsere Rechte“ in Iowa.

„North to the Future“, das Motto Alaskas, könnte auf Finnland bezogen werden.
Nach Norden zur Zukunft. Ebenso „Freiheit und Unabhängigkeit“, der Wahlspruch Delawares.

Warum? Im Gegensatz zu Frankreich, England und China ist Finnland ein junges Land. Der Weltbrand oder Weltkrieg, der später in den 1. solchen umbenannt wurde, hatte es möglich gemacht.

Das russische Zarenreich hielt dem Deutschen Reich und Österreich-Ungarn, zwei anderen der damals fünf Weltmächte, an seiner Westfront nicht stand. Der Frieden von Brest-Litowsk und das Zarenreich wurden geschlossen. Die nachfolgende Republik überdauerte nur kurze Zeit. Dann kamen die Kommunisten. Auf die Zerstörungen folgten Aufteilungen. Polen entstand und am Bottnischen Meerbusen 1917 Finnland.

Anderen Verlierern des Weltkriegs ging es nicht anders. Griechenland, die Türkei, Syrien und der Irak. Vertraute aus den Nachrichten mit alter Kulturgeschichte. Doch ihre staatliche Eigenständigkeit verdanken sie wie auch der Libanon, der Jemen, Jordanien, Katar, Kuwait, Oman und weitere Länder dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches nach den Kriegsereignissen; und vielleicht der Umstellung der britischen Flotte von Kohle auf Öl.

Kulturell bedeutete das ein neues Bewusstsein.
Die Kultursprachen gab es schon lange, teils mit eigenen Alphabeten. Griechisch. Türkisch. Das westslawische Polnisch; finnisch.

Aus dem Zerfall der k.u.k-Doppelmonarchie entstanden Staaten rund um Sprachgebiete und Völker. Das westslawische Tschechisch und Slowakisch. Ungarisch, das, wenn es nicht das Finnische gäbe, allein dastünde wie das Baskische. So können die beiden die Finnougrische Sprachgruppe bilden.

Dass das Finnische jetzt so im Mittelpunkt steht, hat seine Gründe.

Zum einen den 6. Dezember. Geld verdienen kann man mit dem Nikolaustag. Der erste Anlass des Monats, kleine Geschenke und Winterstiefel zu kaufen. „Was hattest du im Stiefel?“ „Einlegesohlen“. Scherz beiseite.

Der 6. Dezember ist in Finnland ein wichtiger Tag. Nicht nur Niklas wegen.
An diesem Tag 1917 erlangte das finnische Volk seine staatliche Unabhängigkeit. Dieses Jahr wurde ihr 99. Geburtstag gefeiert. Im nächsten steht die Hundertjahrfeier an.

Wie das bei solchen Jubiläen so ist, fängt das Feiern früh an. Eine Website gibt es schon: http://suomifinland100.fi .

Ein junger Staat braucht eine Nationalliteratur, Musik und Insignien. Hymne, Wappen, Flagge.

Die finnische Fahne kehrte sich bewusst vom Tiermotiv des Zarenreiches (Doppeladler) und dem komibinierten astronomischen und Werkzeug-Motiv des Folgestaates (Stern, Hammer & Sichel) ab.
Das Nationalsymbol zeigt zwar nicht schwarz auf weiß, aber hellblau auf weiß das christliche Kreuz. Damit wird eine Nähe zu den vier anderen skandinavischen Staaten demonstriert, die sich im Flaggenbild fast nur farblich unterscheiden.

Finnland ohne Weihnachtslieder ist so wie China ohne Mauer oder Australien ohne Kängurus.

Die Literatur kann auch säkular sein. Der bekannteste Dichter am finnischen und bottnischen Meerbusen ist der 1942 im lappländischen Kittilä geborene Arto Paasilinna. 2002 hatte er bereits 35 Romane geschrieben: „Der Sohn des Donnergottes“, „Die Rache des glücklichen Mannes“, „Heißes Blut, kalte Nerven“ (durchaus kein Kriminalroman). Buchtitel wie „Nördlich des Weltuntergangs“ und „Der Sommer der lachenden Kühe“ lassen seinen Humor durchscheinen.

Doch Musik ist, ob wir es wollen oder nicht, bisher immer zu einem großen Teil auch religiös. Liturgisch. Ähnlich wie viele Feste. Das Mittelalter strotzte davon, während wir uns den Rücken krummschuften.
Die großen vierstimmigen Chorwerke haben Ursprünge im Gottesdienst. Schuberts Es-Dur-Messe. Bachs H-Moll-Messe. Das Requiem von Verdi und Mozart.

Terhi Dostal begleitet die Winterlieder dieses Sonntagnachmittags, der für manche der 3. Advent ist, am Klavier.
Sie komponierte „Terve Maria – Gegrüßet seist du Maria“. Damit ist eine Aufführung eher garantiert als bei einem Schlager, denn Musik gibt es in Kirchen mindestens einmal die Woche. Sie arrangierte das Stück und führte es mit in Berlin lebenden finnischen Musikern und Musikerinnen auf.

Ein Privileg kleiner Länder, schneller zu den wichtigen zu gehören. Eine Chance, die sie genutzt hat. Terhi Dostal ist 38 Jahre alt.

Wir dürfen den Finnen also ihre vorweihnachtliche Vorfreude nicht verübeln. Am 11. Dezember kann man mitsingen, so wie es einige am 3. Dezember mit Esa Ruuttunen getan haben bei „Joulumaa“ – „Weihnachtsland“.

Das finnische Liedgut birgt allein schon im Segment „Christmas Songs“ viele Überraschungen. Rein wie der Schnee und von Herzen kommt die Vorfreude. Fein die Melodien, manchmal unbeholfen und unschuldig wie es ein kleineres Land noch sein kann. Nicht vermischt und kommerzialisiert wie in Deutschland oder den Vereinigten Staaten von Amerika.

Eine Auswahl von Titeln kann das verdeutlichen:

Carl Collán „Sylvian joululaulu – Sylvias Weihnachtslied“

Armas Maasalo: „Mä kanssa enkelten – mit den Engeln“

Olavi Pesonen: „Joulun Tähti – Weihnachtsstern“

Sulhu Ranta: „Taas Kaikki kauniit muistot – Alle schönen Erinnerungen“

Jean Sibelius‚ „Viisi joululaulua – Fünf Weihnachtslieder“
– „Nu star jul vid snöig part“
– „Nu sa kommer julen“
– „Det Mörknar ute …“
– „En etsi valtaa, loistoa … – Nicht Reichtum, Macht …“
– „On hanget korkeat, nietokset“

Ristu Vähäsarja: „Lumitähti – Schneestern“

Gönnen wir den Finnen ihre Weihnachtslieder. Sie feiern Weihnachten und ihre Unabhängigkeit und das nun schon seit fast 100 Jahren. Oder wir genießen gar das Konzert.

Wann? Sonntag, den 11.12.2016 um 17 Uhr

Wo? Veranstaltungsort: Passionskirche, Marheinekeplatz 1, 10961 Berlin (Kreuzberg)

Eine Veranstaltung des Finnland-Zentrums e.V.

Weil es so schön ist, das Wichtigste nochmal auf finnisch:

Kauneimmat joululaulut.
Sunnuntaina 11.12.2016, Klo 17:00
Passionskirche, Marheinekeplatz 1, Berlin (Kreuzberg)

Säestäjä: Terhi Dostal

Tilaisuuden järjestää Berliinin suomalainen seurakunta

(Lisätiedot: (030) 7 81 81 89)




Spannendes Finish. Fest der finnischen Musik in der Passionskirche in Berlin-Kreuzberg

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Am Donnerstag, den 8.12. um 8 Uhr abends wird zum Jahresende zu finnischer Festmusik eingeladen. Auf finnisch: „Suomalaisen musiikin juhla.“ Von den Briefmarken auf Ansichtskarten aus dem Urlaub kennt der eine oder andere vielleicht die Aufschrift „Suomi Finland“. Finnland heißt mit seinem Eigen-Namen Suomi. Das Wort ‚Musik‘ kann man sogar im Finnisch-Ugrischen wiedererkennen.

Dabei machen die Finnen gern Musik; es scheint für sie kein Fremdwort zu sein.
Gleich 16 Musiker und Sänger treten 2016 auf, darunter Hans Lydman.

Esa Ruuttunen und Sami Väänänen bestritten fünf Tage zuvor das Benefizkonzert „Mückenhäuschen“ zugunsten der Gitschiner15.

Esa Ruuttunen studierte zunächst Theologie und wirkte dann ein Jahrzehnt als Pfarrer der Felsenkirche in Helsinki.

Falls jetzt jemand denkt: „Aha, in irgendeiner Kirche. In der Hauptstadt. Schön. Also kein Dorfpfarrer“, ist er auf dem falschen Dampfer.

Helsinkis Felsenkirche ist eine wichtigsten Kirchen Finnlands. Neben seinem Pfarramt studierte Ruuttunen bis 1980 an der Sibelius-Akademie (Sibelius Academy) Gesang.
Seit 1985 ist er als Sänger beruflich unterwegs, in Berlin erstmals 1996 an der Deutschen Oper in der Bismarckstraße. Covent Garden, das Liceu in Barcelona, die Wiener Staatsoper – die Liste der Engagements ist recht beeindruckend.

Pekka Hako, Ruuttunens Biograph, fasste 2007 in einem Buchtitel sein Wesen in einem Wort zusammen: Der „Opernpfarrer“.

Auch Sami Väänänen studierte anfangs an der Sibelius-Akatemia, wie sie im Original heißt. Damit ist er in guter Gesellschaft. Die Pianistin France Ellegaard und die Dirigenten Osmo Vänskä (Minnesota Orchestra), Esa-Pekka Salonen (Los Angeles Philharmonic Orchestra) und Jukka-Pekka Saraste (früher Chef des Toronto Symphony Orchestra) gingen hier aus und ein, um nur wenige Namen zu nennen.

Väänänen studierte allerdings nicht Gesang, sondern Klavier. Bei Professor Vitali Berzon, danach an der Musikhochschule Freiburg und in London.

Auf dem Programm am stehen untern anderem Werke von Oskar Merikanto (1868-1924), Jean Sibelius (1865-1957) und Ilmori Hannikainen (1892-1955). Letzterer komponierte Lieder, eine Oper und Werke für Klavier. Am 8. Dezember steht „Tie Bethlehemiin“ in der Bearbeitung von M. Koorpilahti Opus 26 Nr.1 auf dem Programm.

Auffällig sind zwei Komponisten, deren Oeuvre noch nicht vollendet ist. Sprich: Lebende Künstler.

Beispiel „Sanctus“: Antti Nissilä, von der bezaubernden Sopranstimme Rebekka Suninens und am Klavier von Terhi Dostal interpretiert, wurde 1969 geboren und 47 Jahre alt.

Die Pianistin komponiert auch selbst.

Auf dem Programm: „Terve Maria – Gegrüßet seiest du Maria“. Dostal ist Jahrgang 1978 und keine 40. Ihr Werk ist für eine Herrenstimme, Flöte, Geige und ein Tasteninstrument konzipiert.
Zur Verwirklichung stehen Hans Lydman (Bariton), die hervorragende Anna Aminoff (Flöte), Laura Rajanen (Violine) und die Komponistin an der Orgel bereit.

Fest der finnischen Musik. Suomalaisen musiikin juhla.
Konzert mit in Berlin lebenden finnischen Musikern und Musikerinnen
Eine Veranstaltung des Finnland-Zentrum e.V. am Tag der finnischen Musik.

Wann? Am Donnerstag, den 8.12.2016 um 20 Uhr.

Wo? Veranstaltungsort: Passionskirche, Marheinekeplatz 1, 10961 Berlin (Kreuzberg)




Neujahrskonzert in Lüneburgs alt-neuem Viertel – „Salon Art Trio“ am 8. Januar in der neuen „Event Location“ „Pianokirche Lüneburg“ mit alter Musik: Castello, Romantik, Vanhal

Lüneburg, Deutschland (Kulturexpresso). Die „Pianokirche“ gibt es seit Februar, das Salon Art Trio feierte 2015 sein 20jähriges Bestehen. Das Lüneburger Kammermusikensemble – Alexander Desch, Herbert Maus und Martin Rohlfing – gibt am achten Januar um halb acht in der Kreuzkirche auf dem Bockelsberg ein Neujahrskonzert mit romantischen Werken für Bass, Geige und Flügel: eine frühbarocke „Sonata“ v. D. Castello (1644), einen Satz aus einem Kontrabasskonzert des Bassvirtuosen J. B. Vanhal aus dem 18. Jahrhundert und weitere romantische Werke von Fanny Hensel und Felix Mendelssohn, Max Reger, Richard Strauss und Albert William Ketèlbey (1875-1959).

Ganze, ½ und ¼ im aufstrebenden Viertel

Der Bockelsberg ist ein Stadtteil, der nach dem Krieg von Reihenhäusern dominiert wurde. Allein im gut 50 Kilometer entfernten Hamburg waren im Bombenkrieg 277.000 Wohnungen und 58 Kirchen zerstört worden, viele Verletzte waren in Lüneburg ins Krankenhaus gekommen. Manche verstarben hier und wurden auf dem Zentralfriedhof begraben. Andere blieben. Nach 1945 gab es einen großen Nachhol- und Ersatzbedarf, verstärkt durch Flüchtlinge und Vertriebene. Die Stadt breitete sich aus. Kurz vor der südlichen Stadtgrenze wurde auf dem Bockelsberg zwischen Tiergarten und Hasenburger Schweiz gebaut, natürlich eingefasst durch den Hasenburger Mühlenbach und die Ilmenau, in die er mündet.

Verkehrsgünstig die Lage direkt an den Bundesstraßen 4, die Hamburg mit der Landeshauptstadt Hannover verbindet, und 209. Sie heißt hier Uelzener Straße, weil sie in das landwirtschaftlich geprägte Uelzen führt, ein regionales Zentrum, heute aufgewertet durch den Hundertwasser-Bahnhof. Uelzen und Lüneburg verbindet heute unsicht-, aber unüberhörbar Radio ZuSa, was für Zucker und Salz steht, das weiße Gold der Metropolen auf dem platten Land. Östlich der Magistrale der B4 entstanden große Bauten für die „Lebenshilfe“ für Behinderte, westlich davon Wohnbebauung und ein örtliches Zentrum an der kurzen Gaußstraße, die Uelzener und Röntgenstraße verlinkt.

An der Gaußstraße gibt es Geschäfte und früher eine Post. Die Bewohner waren in den 50ern und 60ern durchaus keine Kulturbanausen: Kurz vor dem Mauerbau wohnte der Architekt Siegfried Hagemoser hier, nebenan ein Klavierlehrer – der Weg für die Pianokirche am Westende der Gaußstraße war vorgezeichnet. In den 80ern war hier auch eine Filiale des T.NT – Treffpunkt neues Theater, dessen Hauptsitz neben dem Stadttheater an der Lindenstraße ist.

Tiergarten, Schweiz, Lindenstraße – sind wir in Berlin, oder gar im Fernsehen?

Irgendwann wendete sich das Blatt für Bockelsberg. Nicht durch die Vorabendserie, sondern durch die inzwischen über 1000 Folgen lange ARD-Serie „Rote Rosen“, die, in Lüneburg gedreht, einen nicht unerheblichen Einfluss auf das Image hat, den Fremdenverkehr fließen lässt und im benachbarten Stadtteil Oedeme mit dem „Rosenkamp“ sogar einen neuen Stadtteil aus Einfamilienhäusern und Doppelhäusern schuf.

Zunächst aber wurde die B4 auf die Ostumgehung verlagert, auch um die Castortransporte nach Gorleben zu beschleunigen. Der Lokalpolitiker und Direktor des Gymnasiums Oedeme Dr. Scharf konnte die Schnellstraße nicht verhindern, aber Lärmschutzwände erreichen. Jedenfalls verlaufen die B209 und B4 jetzt über die Kraftverkehrsstraße und Bockelsberg ist vom Durchgangsverkehr befreit.

Auch die Westumgehung, die mit der Ostumgehung eine Riesenringstraße bilden sollte und Oedeme von der Stadt abtrennen, ist endgültig vom Tisch. Die freigehaltenen Grundstücke wurden bebaut. Der Bockelsberg ist ruhiger geworden, aber belebter, geschäftiger, lebenswerter. An mehreren Orten kann man Bücher bekommen, das ist schon ein guter Gradmesser, wo doch das einst mit Buchhandlungen „überversorgte“ Lüneburg jüngst auch einen Aderlass an Sortimentern in der Innenstadt hinnehmen musste.

Die Kreuz- ist nicht die einzige Kirche hier, in der Musik gemacht wird: zwei Ecken weiter liegt zwischen Unigebäuden die Ev.-Freikirchliche Gemeinde in der Wichernstraße, einer der beiden Hauptanfahrtswege. Dort wurden schon in den 80ern zu Zeiten der Ostermärsche Friedenshymnen gesungen und politische Friedenslieder angestimmt.

Auch insgesamt steigt die Bevölkerungszahl Lüneburgs, das eine der stärksten Boomstädte Deutschlands ist. Ablesbar zum Beispiel an den Taxilizenzen: Pro Tausend Einwohner eine Taxe. 68 Lizenzen gibt es, aber die Einwohnerzahl, die lange um die 60.-65.000 dümpelte, hat die 68.000 lange überschritten: Ende 2014 waren es 72½tausend, Tendenz steigend. Gerade wird das zweite Kasernengelände bebaut mit dem neuen, architektonisch interessanten Hanseviertel; die Kultur ist schon da: mit der ‚Kulturbäckerei‘ in der Dorette-von-Stern-Str. 2, dem ehemaligen Heereswaffenamt, nun Galerie und Hort der Kunstateliers.

Konversion: Kultur statt Kanonen

Einen großen Anteil am neuen Bockelsberg hat das ehemalige Kasernengelände. Lüneburg war zu allem Überfluss auch noch Zonenrandgebiet an der deutsch-deutschen Grenze mit BGS-Kaserne und kleinem Grenzverkehr. Etwa 20 Kilometer bis zur Elbe bei Bleckede oder Boizenburg. Das bescherte der Stadt nach der Wiederbewaffnung Mitte der 50er und dem NATO-Beitritt drei Kasernen des Heeres, zwei davon nebeneinander.

LG war Standort für Y.

Die Scharnhorstkaserne lag einzeln und wurde nach der Wiedervereinigung und der damit verbundenen zwangsweisen Minimierung der Bundeswehr zuerst aufgegeben – zugunsten der neugegründeten Universität Lüneburg, heute „Leuphana“ samt Infopunkt mit Unibuchhandlung Johannes und einem Wohngebiet. Mit der Zeit siedelte sich Gewerbe an, doch dann wurde eher geklotzt, denn gekleckert, obwohl die Panzer nicht mehr rollten: Niemand geringerer als Daniel Libeskind wurde bestimmt für ein Groß-, nein, ein Megaprojekt: das Hauptgebäude der Uni mit Audimax. Maximal sind auch die Kosten, statt knapp 60 Millionen könnten es am Ende doppelt so viele werden. Wenn der Bau Ende 2016 nicht fertig wird, drohen EU-Mittel flöten zu gehen.

Nebenan in der Scharnhorststraße 1 dicht an der Uelzener Straße die Vamos! Kulturhalle, hier steigen Lüneburger Parties wie am 9.1. mit Eike Makatsch unter dem Motto „Tanzt, aber vor allem aus der Reihe“. Wer am 8. Januar am Bockelsberg ausgehen will, ist nicht auf die Kammermusik angewiesen, sondern könnte sich auch an der Theater-Comedy „Cavewoman: Praktische Tips zur Haltung und Pflege eines beziehungstauglichen Partners“ mit Ramona Krönke ergötzen. Am 21.1. ist der weitbekannte Wladimir Kaminer zu Gast und behauptet: Das Leben ist keine Kunst.

Einen Steinwurf weiter gibt es am Munstermannskamp ein Kunsthotel und das „e.novum“ mit Theater und Graswurzel-TV.

Insgesamt ist mit Lehre und Forschung, Bildung und Kultur hier eine gesunde Struktur geschaffen worden. Die Solarzellendächer der Ex-Kasernen zeigen den Weg in die Zukunft; die benachbarte Jugendherberge hat Vorbilder um die Ecke.

Wann ist Neujahr?

Man könnte hinzufügen: Wo? Das Neujahrsfest in China ist beweglich im Januar und Februar, da der Mond im chinesischen Kalender was zu sagen hat. Es zählt als wichtigstes Fest auch für die Familie; am 8. Februar 2016 beginnt das Jahr des Feuer-Affen. Demnach käme unser Konzert einen Monat zu früh. Das jüdische Neujahrsfest nach einem ebenfalls alten Kalender ist genauso mobil, lag 2015 im September; 2016 ist Rosch ha-Schana am 3. Oktober.

Also ein Neujahrskonzert zum 1. Januar? Eine Woche später? Die orthodoxe christliche Kirche feiert Neujahr zwei Wochen versetzt, dementsprechend wäre das Piano-Neujahrskonzert eine Woche zu früh.

Kirche ohne Kreuz oder Das Kreuz mit der Kirche

Flügel sind in Kirchen nicht neu, und sei es nur an Engeln, die plastisch am Altar oder bunt an der Decke schweben. Doch die Kirche weiß: so eine Kirche ist teuer und schon lange nicht mehr voll. Was tun? Manchmal hilft der Zufall: 2011 nahm Joachim Goehrke hier seine CD „ Piano Songs for Silence“ auf einem geborgten Grotian-Steinweg-Konzertflügel auf. Die Akustik gefiel und so kam die Idee auf, ein erstklassiges Intrument zu kaufen, einen B-Flügel desselben Unternehmens.

Schließlich landete man bei einem gebrauchten, 35 Jahre alten D-Flügel mit einer anderen Firma, wie die LZ vor dem Auftaktkonzert berichtete. Ein majestätisches Instrument mit einem großen Klangvolumen, das vielffältigen Ausdruck ermöglicht. Kirchenmusiker Markus Wolter kam das für den von ihm gegründeten Chor „Neue Töne“ sehr gelegen. Vor allem aber steht das Qualitätsinstrument im Mittelpunkt einer neuen Strategie der Gemeinde, neben der Sozialarbeit einen musikalen Akzent zu setzen. Rund um den Flügel soll eine neue Konzertkultur entstehen, die Menschen anlockt, auch Meditation ermöglicht.

Dabei ist es eine Untertreibung, bei diesem Mittelpunkt nur von einer „Pianokirche“ zu sprechen statt von einer Flügelkirche. Doch auch das Berlin-Charlottenburger „Pianocafé am Lietzensee“ in der Herbartstraße übt sich im Understatement: Natürlich steht dort im Gastraum der Konditorei kein Klavier, sondern ein Flügel – ein altehrwürdiger Bösendorfer aus Wien. Schon über Bach wurde gesagt, dass er eigentlich Strom heißen müsste.
Apropos Bach: der sang ja in Lüneburg auch, im Chor, aber in einer älteren Kirche selbstverständlich, der Michaeliskirche. Da sieht man mal, wie gut es ist, eine Altstadt zu haben, auch wenn sie inzwischen salzentnahmebedingt etwas abgesunken ist.

Die Kreuzkirche, der Name scheint ja nicht ungültig geworden zu sein, hat also einiges vor, wenn sie sich gegen das Lüneburger Altstadtkirchentrio behaupten will, das es schon gab, als man im Stadtteil Bockelsberg noch auf den Bäumen lebte, als Eichhörnchen zum Beispiel.

Die Johanniskirche Am Sande, dem größten Platz seiner Art, ist nicht nur die höchste Kirche der Stadt, sondern wird als ihr Wahrzeichen gehandelt. Als Vertreterin der norddeutschen Backsteingotik hat sie einen über 108 Meter hohen Turm, der zu den höchsten Kirchtürmen Niedersachsens gehört. Seine Schiefe bringt einen Hauch Pisa in die Stadt. Als der Baumeister sie bemerkte, soll er sich aus einem der oberen Fenster gestürzt haben, was er wegen eines Heuwagens überlebte. Die fünf Schiffe zeugen von der Größe des Gebäudes, das 1289 begonnen wurde und eine Vorgängerin hat.

Natürlich finden in dieser Touristenattraktion auch Konzerte statt.

Alle drei alten Kirchen sind bedeutende Bauwerke und deswegen Teil der Europäischen Route der Backsteingotik, sie sind tagsüber immer geöffnet.
Bach war in St. Michaelis am Kalkberg, als das Haus schon über 400 Jahre alt war. Grundsteinlegung dieser westlichsten Kirche: 1376. St. Nicolai wurde 1407 begonnen und ist deswegen die jüngste Kirche (sic!). Sie hat nicht nur ein Kirchenschiff, sondern eine goldene Kugel, die den Schiffern aus dem Lüneburger Hafen anzeigte, dass sie sich hier trauen und taufen durften.

Auch unter den jüngeren Kirchenbauten hat die Kreuzkirche Konkurrenten wie auf dem Kreideberg die „Wäscheklammer“, ein Vorzeigestück moderner Baukunst.

Das Trio

Martin Rohlfing spielte schon am 28. Februar, dem Eröffnungstag, mit Ina Heise das Piano in der gleichnamigen Kirche; das 2. Mal am 12. September mit Maren Werner. Sein dritter Auftritt an diesem neuen Veranstaltungsort nun im Trio „Salon Art“. Die beiden Kompagnons sind Alexander Desch (Violine) und Herbert Maus (Kontrabass). Die Kammermusiker verfügen über ein breites Repertoire. Während die Streicher bei den Lüneburger Symphonikern sind, ist Martin Rohlfing den Besuchern der Pianokirche als Liedbegleiter und Solopianist bekannt. Barock und Romantik und manches dazwischen steht auf ihrem Klassikprogramm; meist werden Salonstücke ausgewählt, die zu den bekannten Werken des 19. und frühen 20. Jahrhunderts gehören.

8.1.2016 um 19.30 Uhr; Ort: Kreuzkirche/ „Pianokirche Lüneburg“, Röntgenstraße 34 (Bockelsberg), 21335 Lüneburg,
– Anfahrt über Uelzener und Gaußstraße oder Bus 5012 bis vor die Tür
– Eintritt 15 Euro (ermäßigt 5,-/ 7,50/ 10,-), Karten an der Abendkasse oder bei der LZ Am Sande 17, Tel. 04131/ 740 444