Für immer Punkerin – Zur Autobiografie „Face it“ von Debbie Harry

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Debbie Harry, die wunderbare Frontfrau der New Yorker Band Blondie ist heute 74 Jahre alt und erinnert sich in ihrer eben erschienenen Biografie „Face it“ an vieles.

Geboren in New Jersey, erlebte das Adoptivkind Angela Trimble (so hieß die liebe Debbie einmal) eine konservative/langweilige Kindheit, bis sie Mitte der 60er Jahre das College abbrach und nach New York türmte.

Gute
Idee, Debbie. Es folgten schwere Jahre, schon auf den ersten Seiten
des Buches berichtet sie von Vergewaltigungen, Leben hieß kämpfen.
Und sie kämpfte wie Sau!

New York war damals ein Dorf, die wenigen progressiven Musiker und Künstler kannten einander, man teilte Sozialwohnungen, das CBGB (DER populäre Club der Punkszene), das Bier, die Betten und die Drogen.

Andy Warhol lief mit einer Polaroid herum und fand alles crazy und nice, indes Debbie bei verschiedenen Bandprojekten ihr Glück versuchte. Als sie Anfang der 70er Jahre endlich ihren Lebensmenschen/Künstler Chris Stein traf, nahm ihre Musikerinnenkarriere Fahrt auf.

Debbie
und die Band Blondie wurden die Vorreiter des Punk in New York und
entflammten mich in meiner Jugend durch gnadenlos feurige Musik.

Und natürlich durch Debbie, die Erscheinung am Mikrophon. Sie war betörend, wild, schön, frech, stylisch, sie sah unheimlich gut aus.

Fans und Medien nannten sie Barbarella des Heroins, Marilyn des Punk, Barbie des Feminismus, Johanna der Gosse, Mutter Teresa des Village…

Für immer Punk, Debbie war eine der Schärfsten und nahm mit, was das Leben ihr bot. 1979 hatten Blondie mit dem Sog Heart of Glass ihren internationalen Durchbruch.

Es folgte die immerwährende Party. In New York und auf der ganzen Welt waren Blondie plötzlich hip und füllten die Säle mit hysterischen Jugendlichen. Regelmäßig war die Hölle los, mitten im Auge des Popstarwahnsinns: Debbie Harry.

Da kann man schonmal den Überblick verlieren, was Geld, Drogen und das Leben in der Starblase sonst so mit sich bringt. Wenn dann auch noch ein falscher Manager und ein geldgieriger Plattenkonzern bestimmen, wo es langgeht, wird es irgendwann kompliziert.

Ich will machen was ich will!

Nö, den Stil von Blondie bestimmen wir, es soll sich ja verkaufen!

Steuern, was ist das? Ich lebe im hier und jetzt und denk nicht an morgen. Diese alte Schlagerweisheit traf auch auf Blondie zu.

Mitte der 80er waren Blondie klinisch tot. Heillos zerstritten, von ihrer Plattenfirma gedemütigt, vom Heroin außer Gefecht gesetzt. Debbie trat als Solokünstlerin auf und hatte ihren Spaß. Sie machte Mode, bereicherte diverse Filme mit ihrer Anwesenheit (u.a. „Hairspray“ von John Waters) und gab ihrem Affen Zucker.

1997
meldeten sich Blondie plötzlich mit ihrem 7. Album zurück. Seitdem
touren sie regelmäßig um die Welt, erfreuen sich an Ehrungen aller
Art, gehen früh ins Bett und stehen auf Vitaminsaft. Politisch ist
Debbie knorke drauf, Trump ist ein Arsch, sie setzt sich für Natur
und Umwelt ein. Mittlerweile lebt sie auf dem Land und hat mit ihren
Kötern Spaß, was man halt so macht mit 74.

Das und noch viel mehr steht in ihrem Buch. Nach hinten raus ist die Autobiografie ein wenig schwachbrüstig, auch weil Debbie ihr Leben in den Griff bekam und fortan weniger Punk stattfand.

Doch wer einmal der Musik von Blondie und the personal Debbie in den Achtzigern erlag, wird dieses Buch, angereichert mit unzähligen Debbie Harry Portraits (Fotos, Zeichnungen, Gemälde), verschlingen wie ein herrlich blutiges Pfeffersteak.

Bibliographische Angaben

Debbie Harry, Face it, Die Autobiografie, 432 Seiten, durchgehend farbig illustriert, Übersetzung: Harriet Fricke, Hardcover, Pappband, Format: 13,5 cm x 21,5 cm, Verlag: Heyne, München, 14.10.2019, ISBN: 978-3-453-2716-23, Preis: 25 EUR (Deutschland), 25,70 EUR (Österreich), 35,90 SFr




Lukas Kummer zaubert Thomas Bernhardt ein neues Gehäuse – Zur großartigen Graphic Novel „Der Keller“

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Man kann dem Residenz-Verlag in der Bernhardstadt Salzburg nur fortwährend zur Idee gratulieren, den genialen Zeichner Thomas Kummer zur Gestaltung der Thomas Bernhard – Graphic Novels gefunden zu haben.

Er schaffst es mit leichtem Strich, die Schwere der Bernhardschen Gedankenwelt zu binden, das ist starke Kunst ohne Mätzchen, immer nah am Oeuvre des Großen Österreichers, dessen autobiografische Werke in ihrer brutalen Sehnsucht nach dem Abgrund, der natürlich bei Bernhard, im Gegensatz zu gewöhnlichen Abgründen, auch Hoffnung (wenig) birgt.

Der Keller“ ist der zweite Band des fünfteiligen autobiografischen Berichts, oder auch der Autobiografie Bernhards, die 1976 erschien. Sie ist die unmittelbare Fortsetzung seiner Jugenderinnerungen „Die Ursache“ und behandelt den abrupten Abgang Bernhards vom gehassten Gymnasium in die Lehre bei einem kleinen Krämer in der Salzburger Vorstadt, die, in guter alter Bernhardübertreibungsmanier, nur von Zuchthäuslern, Faulenzern, Kriegsverlierern, Prostituierten und sonstigen Menschen der dunklen Seite bewohnt wurde. Nichtsdestotrotz sind das genau die Leute, die Bernhard braucht, um den Zuchtgedanken des Gymnasiums zu entfliehen. Ja, er erkennt gar in dem verhinderten Musikanten und jetzigen Betreiber des Krämerladens eine verwandte Seele, die Bernhard, neben seinem innig geliebten Großvater, das Tor zur Welt öffnet. Im Gegensatz zum an der Welt verzweifelten Großvater ist der Krämer allerdings ein Mensch der im Saft steht und sich seinen Platz im Leben täglich erkämpft.

Lukas Kummer gelingt es wunderbar, die Spezifik der Sprache Thomas Bernhards in seine eigene Bildwelt zu exportieren. Durch minimale Veränderungen seines Strichs in sich wiederholenden Bildmotiven, die parallel zu Bernhards sich minimal veränderndem Textmantra verläuft, schafft er ein Gesamtwerk, das Bild und Text dynamisch vereint.

Fette Bildwelt, knorke Kunst, geiles Teil!

Bibliographische Angaben

Thomas Bernhard (Autor), Lukas Kummer (Illustrationen), Der Keller, Eine Entziehung Graphic Novel, 112 Seiten, Format: 170 cm x 240 cm, Verlag: Residenz, Salzburg 27.8.2019, ISBN-13: 978-3701717163, Preis: 22 EUR




Rein in die feministische Musikgeschichte von den 1950ern bis heute! – Annotation zum Buch „These Girls. Ein Streifzug durch die feministische Musikgeschichte“ von Juliane Streich

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Bereits mit dem Buch „Damaged Goods: 150 Einträge in die Punk-Geschichte“, bewies der Ventil-Verlag 2016 ein Gespür für naheliegende Themen aus dem geliebten Musikantenstadl des Popuniversums.

Nun legt Juliana Streich „These Girls“ vor, ein feines Sammelsurium diverser Musikerinnenbiografien, Kurzkritiken und persönlicher Musik-Betrachtungs-Beiträge. Auf 340 Seiten findet Jede und Jeder sein Pläsier, sein Pflaster und seine Hasskappe wieder. Auch wenn der Osten Europas in wenig zu kurz kommt und dafür Hamburg die volle Dröhnung abkriegt, gibt es an dem Kompendium wenig bis nichts zu mäkeln, weil die Texte Spaß machen und auch Bands mit ohne Fans ihre Berechtigung haben (sogar langweilige Ereignisse wie Doctorella kommen vor).

Pop,
und Feminismus gehören zusammen wie Mama und Mia, Plus und Minus,
Hackfleisch und Messer…

Ein Kneipenbuch, ein Klobuch, ein Laberbuch, ein Einschlafbuch mit Erkenntnisgewinn.

Ein nices Geschenk für Musikfreund*innen, eine fette Fibel mit erfreulichen Ereignissen wie Peaches, Joan Baez, Nico, Patti Smith, Debbie Harry, Cosey Fannis Tutti, Nina Hagen, Siouxsie Sioux usw.

Bibliographische Angaben

Juliane Streich (Hrsg.), These Girls. Ein Streifzug durch die feministische Musikgeschichte, 344 Seiten, Verlag: Ventil, Mainz, 6.12.2019, ISBN: 3-955-75118-0, Preis: 20 EUR (D)




Annotation zum Buch „Das Melodram, die Sucht und die Liebe: Rainer Werner Fassbinder. Sein Œuvre aus einer neuen filmwissenschaftlichen und psychoanalytischen Perspektive“ von Andreas Jacke

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Fassbinder, der große Wüterich, der geniale deutsche Wundenausloter und der unermüdliche Arbeiter hat ein Filmwerk hinterlassen, das noch heute Zuschauer wie Kritiker beschäftigt.

Neu auf dem Markt der Fassbinderausleuchtung ist nun ein Buch von Andreas Jacke, der mit seiner 254 Seiten langen Studie einige wesentliche Aspekte der Filmkunst des Rainer Werner Fassbinder betrachtet.

Jacke
erkennt eine frühkindliche Störung, die gepaart mit Fassbinders
Suchtproblemen, letztlich zu seinem frühen Tod mit nur 37 Lenzen
führte.

Mit Freude am Vexierbild erfahren wir einiges über Fassbinders psychische Defekte und deren Projektion in seinen Kunst.

Weit entblättert Jacke die persönlichsten Kunstwerke des RWF, natürlich landet er zwangsläufig bei den Filmen „In einem Jahr mit dreizehn Monden“ und „Berlin Alexanderplatz“. Nie trug er sein Herz offener zu Tage, nie waren seine Helden verletzlicher und gingen am Ende nie so tragisch an der Welt zu Grunde. Die großen Melodramen des geschundenen Bayern im Licht seiner Entwicklung, ein anregendes Buch für die traurigen Dezembernächte, die schon bald ins Haus stehen.

Bibliographische Angaben

Andreas Jacke, Das Melodram, die Sucht und die Liebe: Rainer Werner Fassbinder. Sein Œuvre aus einer neuen filmwissenschaftlichen und psychoanalytischen Perspektive, 254 Seiten, Verlag: Königshausen u. Neumann, Würzburg 2019, ISBN: 978-3-826-06813-3, Preis: 19,80 EUR (D)




Carola Rackete zum Nachlesen – Annotation zum Buch „Handeln statt hoffen. Aufruf an die letzte Generation“ von Carola Rackete & Co.

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete ist seit der Rettung der 40 Flüchtlinge aus dem Mittelmeer zurecht eine Heldin der modernen Welt.

Sie hat uns allen gezeigt, dass man manchmal den Herrschenden den dicken Finger zeigen muss, um das zu tun, was das eigene Herz verlangt.

Natürlich pass das nicht jeden, aber Jesus hatte es auch nicht leicht. Wir wissen alle wie er endete und welche Verehrung ihm heute gezeigt wird.

Racketes Pamphlet ist ein Aufruf zum zivilen Ungehorsam in einer ungerechten Welt, wo die monetären Interessen Einzelner über dem Gemeinwohl aller Menschen steht.

Das ist mutig und kann nicht oft genug verkündet werden, auch wenn sie nichts Neues verkündet.

Mir wäre auf dem Cover nicht ihr Portrait, sondern ein Foto ertrunkener Flüchtlingskinder passender erschienen. Sie ist ein schöner Mensch, aber warum so überdimensioniert?

Eltern, kauft das Buch euren rebellischen Kindern, rebellische Kinder, kauft das Buch euren Eltern.

Bibliographische Angaben

Carola Rackete (Autor), Anne Weiss (Assistentin), Handeln statt hoffen. Aufruf an die letzte Generation, 176 Seiten, gebunden, Verlag: Droemer, München, 4.11.2019, ISBN: 978-3-426-2782-60, Preis: 16 EUR (D), auch als E-Buch, ISBN: 978-3-426-45897-6




Glamour und Agonie – 125 Jahre Fußballgeschichte in Leipzig – Zum Buch „5 Jahre. Vom VfB zum 1. FC Lokomotive Leipzig: Die Geschichte des Ersten Deutschen Meisters“ von Thomas Franke, Marko Hofmann und Matthias Löffler

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Alltag 2019: Der 1. FC Lokomotive Leipzig kickt in der Regionalliga, ab und zu schauen ehemals große DDR-Clubs vorbei und alle LOK-Fans träumen von der glorreichen Vergangenheit, die sie so gern in die Zukunft exportiert hätten.

Nun gibt es ein Buch, nein, es ist kein Buch, es ist ein Kunstwerk, das die 125 Jahre vom VFB Leipzig zu Lokomotive erzählt. Samt diverser Rück- und Umbenennungen, denn besonders die DDR-Fußballfunktionäre zeigten sich sehr offen gegenüber Namensänderungen, ein Graus für jeden Traditionalisten, aber diese Spezies ist auch eine Erfindung der Nachwende.

Die Herausgeber Tomas Franke, Marko Hofmann und Matthias Löffler bewiesen in der Vergangenheit schon bei diversen LOK-Buchprojekten, welch grandiose Trüffelschwein-Gene sie in sich tragen. Kein Dachboden in Leipzig und Umgebung ist vor ihnen sicher, kein Weg zu dornig, keine Exspieler zu verloddert, um an entsprechendes Bild- und Textmaterial Material zu kommen. Insofern setzt der vorliegende Monsterband neue Maßstäbe, ja, er ist eine knorke Augenweide, weil die drei stabilen Herren noch einen vierten Fachmann mit ins Boot geholt haben, der Daniel Janetzky heißt und Kraft seiner überragenden Fähigkeiten als Gestalter aus dem Sammelsurium ein Buch-Kunstwerk geschaffen hat.

Das Herzstück sind die Europapokalbegegnungen, der Traum aller Fußballfreundinnen in nah und fern, wahre Festtage, die im grauen DDR-Alltag die hungrigen Herzen der Leipziger zum Hüpfen brachten.

Doch der Europapokaltraum ist für LOK ein ausgeträumter Traum, wie gegenwärtig auch für alle anderen Fußballmannschaften mit DDR-Vergangenheit.

Auf handgezählten 528 Seiten zeichnen hunderte Fotos, wenn der Farbfilm nicht vergessen wurde, auch in Farbe, den Leipziger Fußball nach, kombiniert mit einem nicht überladenen Fließtext, der uns an die Hand nimmt und durch das Kuriositätenkabinett VFB/Lok Leipzig geleitet.

Kein Platz bleibt ungenutzt. Im Vor- und Nachsatz sind diverse Eintrittskarten hauptsächlich zu Begegnungen des Vereins im Europapokal abgebildet, wie es Inneren des Buches keine Seite ohne mindestens ein Foto gibt. Das setzt monatelanges Seiten-Basteln voraus, eine Arbeit, die sich nur positiv Wahnsinnige machen, insofern ist es nicht verwunderlich, dass die drei Herren gleich einen Verlag gründeten. Um sich nicht von Betriebsnudeln von Verlagsseite reinquatschen zu lassen, die nur in Kopeken denken.

Liebe Leser*innen, lasst euch von der Leipziger Loksche mitnehmen auf ein Zeitreise durch 125 Jahre ostdeutsche Fußballgeschichte, die alles an Drama, Trubel und Glückseligkeit beinhaltet, was ein Fußballclub an Irrsinn aufzubringen vermag. Erlebt die Höhen des Europapokalfinales in Athen und den Absturz und den Einfall der Barbaren nach der Wende. Genießt feine Sätze, die u.a. Günter Grass zu unserem heiß geliebten Fußballsport verfasst hat. Und besorgt euch eine Seilwinde, mit deren Hilfe ihr das Prachtexemplar von einem Buch in eure Schrankwand expediert.

Bibliographische Angaben

Thomas Franke, Marko Hofmann, Matthias Löffler, 125 Jahre. Vom VfB zum 1. FC Lokomotive Leipzig. Die Geschichte des Ersten Deutschen Meisters, 528 Seiten, MMT Verlag, Leipzig 2019, ISBN: 3-000-6093-74, Preis: 39 EUR




Zazie genial neu übersetzt von Frank Heibert – Zum Buch „Zazie in der Metro“ von Raymond Queneau

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Indes der Sommer wütet und Berlin immer mehr von Waldbränden eingekreist wird, sendet der Berliner Suhrkamp-Verlag Rauchzeichen des guten Geschmacks in die Lesestübchen der Bundesrepublik. Frank Heibert hat den großen Queneau-Roman um das freche Mädchen Zazie aus der Provinz neu übersetzt, und dort den ganzen Laden Paris aufmischt. Das Mädel überrollte seinerzeit die Stadt samt Bewohner und hinterließ bleibende Spuren im Face der Literaturgeschichte.

Nun hat der Wortschöpfer, Sprachbildner und verdiente Alphabetist Frank Heibert Zazie ein neues Gewand verpasst. Und was für eins! Die anarchistische Lebensfreude der ganzen Pariser Bande aus Familienmitgliedern, möglichen Pädophilen, Taxifahrern, Kneipenbesitzern und Kneipenbesuchern, wird von ihm in urkomischen, gegenwärtigen Sprachschöpfungen neu aufgefächert.

Eine Lesewonne, ein Abenteuer. Und Laverdue? Er quatscht, das ist alles was er kann.

Obgleich oder gerade weil die Handlung eine rudimentäre ist, sich in der Frage: hat Zazie nun die Metro benutzt neue Perspektiven ergeben, dengelt uns Queneaus Früchtchen ordentlich das Hirn und pustet freilich aufs Schönste das Hundertste zum Tausendsten und umgekehrt! Großes Buch neu geschniegelt, besser geht nicht!

Bibliographische Angaben

Raymond Queneau, Zazie in der Metro, Übersetzer: Frank Heibert, 240 Seiten, Suhrkamp-Verlag, Berlin 2019, ISBN: 3-5184-286-10, Preis: 22 EUR




„Le Spleen de Paris – Der Spleen von Paris“ von Charles Baudelaire im neuen Gewand

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). In gewohnt lässiger Art ließ Charles Baudelaire im Spleen die Seiten seiner Stahlharfe erklingen.

Wir
erfahren darin alles über die vornehme Langweile edler Damen… wir
erschnüffeln den Schmutz der Straße… wir lesen von gefallenen und
wieder auferstandene Musen… hören von Irren aller Grade…
schnüffeln um die Wette auf der Such nach der einen Blume, die so
süß ist wie der Tod und so schön ist wie der erste Sonnenstrahl…

CB
musste für dieses Buch eins Genres erfinden, das Prosagedicht. Und
Werle hat sie übersetzt, als wäre er ein Klon von Charles, so tief
hat er sich ins Oeuvre fallen lassen… aber er hat herausgefunden,
sich an seinem Ariadnefaden orientiert, und großes in den Tiefen des
Baudelaire geschürft.

Was
für ein Buch! Wow! Der gutherzige Rowohlt Verlag macht die kühnsten
Träume alle Freunde des dunklen Meisters war und bringt, übersetzt
jeweils von Simon Werle, nach den neu übersetzten Blumen des Bösen
(2017), nun auch Der Spleen von Paris neu heraus! Was für ein
Lesefest, was für ein Sommerfreude, ich kann mich gar nicht
beruhigen, diese Bücher müssen gefeiert werden!

Mit
den beiden Büchern liegt erstmals das poetische Werk zweisprachig
vor.

Um es mit dem Meister zu sagen: „Auf den Schatten von Eric/Wer schrieb Der Schatten von Eric?/Das war Pauline Limayrac./Krick!/Krack!“

Geht es genialer?

Bibliographische Angaben

Charles Baudelaire, Le Spleen de Paris – Der Spleen von Paris, herausgegeben und neu übersetzt von Simon Werle Gedichte in Prosa und frühe Dichtungen, 512 Seiten, fester Einband, Rowohlt Verlag, Hamburg 2019, ISBN-13: 3-498-00687-7, Preis: 40 EUR




Diogenes holt Fauser aus dem Hitkeller – Annotation zum Roman „Das Schlangenmaul“ von Jörg Fauser

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Es ist kein Geheimnis, dass Jörg Fauser einer der
verkanntesten deutschen Autoren ist. Vielleicht liegt das auch an seinem frühen
Tod, im zarten Alter von 43 Jahren brachte ihn der Suff zur Strecke. Bis dahin
schrieb er einen Gemischtwarenladen an Büchern und Texten, die nun nach und
nach bei Diogenes erscheinen. Lyrik, Reportagen, krimiartige Romane,
Erzählfragmente usw.

Im Roman „Das Schlangenmaul“ schickt Fauser einen abgehalfterten Reporter auf die Reise durch den deutschen Sumpf. Käufliche Politiker, strange Politikergattinnen, Sektenjünger, Nutten und Kriminelle tummeln sich im Westberliner Sumpf der frühen 1980er Jahre. Es ist mehr oder weniger ein Krimi, der sich jedoch nie auf die Gesetzmäßigkeiten des Genres wirklich einlässt. Es ist genauso Gesellschaftsposse und Politroman, denn vor Haltung ist man bei Fauser Gottseidank nie sicher. Das macht ihn heute noch lesenswert, diese starke Stimme gegen die Widrigkeiten der Menschenwelt. Auch wenn das Machogehabe manchmal nervt und das krimihafte Finale auch nicht das gelbe vom Ei ist – ganz zu schweigen vom jammerigen Nachwort von Ani, wo er Gerechtigkeit für Krimiautoren fordert.

Und sonst? Fauser relaxed – Wo wachsen die lustigen Blumen? Für Freunde des alten Westberlins ist das Buch ein Muss.

Bibliographische Angaben

Jörg Fauser, Das Schlangenmaul, mit einem Nachwort von Friedrich Ani, 320 Seiten, Hardcover, Leinen, Diogenes Verlag, Zürich, 22.5.2019, ISBN: 3-257-07036-1, Preise: 24 EUR (D), 24,70 EUR (A), 32 sFr




Gurken pflastern seinen Weg – Zum Buch „111 Gründe, Energie Cottbus zu lieben“ von Christian Spiller

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Man
mag es beim Blick auf die Tabelle der 1. Bundesliga nicht glauben,
doch tatsächlich ist der Ball auch im Osten Deutschlands rund.

Unter den glücklichen Chefs der Sportressorts in den deutschen Medien, die jede Nacht in frisch gewaschener Bayern-, Dortmund oder Bremenbettwäsche schlafen, fällt eine Person auf. Christian Spiller.

Wenn
sich andere Sporterklärer in feinstem Musselin, Brokat und Seide
durch die Nacht gleiten lassen, ist Christians Schlafanzug aus
getrockneten Disteln, mit spitzen Zacken dran. Damit er sich immer
schön daran erinnert wo er herkommt: aus Cottbus.

Nein,
bitterer Graus, arrrgh, ahhh! Ohhh Cottbus, ohhh Schauergesang, du
Ort am finstern Popo jeder Tabelle, wo der Legende nach der Nazi
gurrt und die guten Menschen so rar gesät sind, wie die gute alte
Blaue Blume zu Zeiten Hölderlins.

Oder
ist es vielleicht doch alles ein bisschen anders? Nur finstre
Propaganda aus den Schwanenhälsen blasierter Ballpumpen? Regiert
vielleicht der Neid in bestimmten Gegenden? Neid auf diesen Club, der
von 1997 – 2014 in der 1. Und 2. Liga gespielt hat? Dort mehrfach
Bayern München schlug und in den Herzen seiner Fans ein
immerwährendes Feuer entfachte, das auch heute noch glimmt, wo sich
Energie unter der Knute des Wüterichs Pele Wollitz mit aller Gewalt
gegen den Abstieg aus der 3. Liga stemmt? Ist möglicherweise der
Halbwahninnige Wollitz genau der richtige Mann für Energie?

In
seinem frisch erschienenen Buch nimmt uns Christian Spiller mit auf
eine Reise durch die Historie des Clubs, in der es Blut, Schweiß und
Tränen regnet und kein Auge trocken bleibt.

Spiller
wurde von seinem wohlmeinenden Vater mit ins Cottbusser Stadion der
Freundschaft (allein dieser Stadionname!!!) genommen, wo er die
ersten Jahre seines Fanseins auf den Knien seines Vaters verbrachte.
Diese Zeit hat ihn geprägt und einen rotweißen Streifen auf sein
hungriges Herz genietet. Sein Vater war ein eher ruhiger Zeitgenosse,
der in bestimmten Situationen, hervorgerufen durch die Aktivitäten
Energie Cottbus auf dem Rasen, zu einem feuerspeienden Vulkan werden
konnte. Derart motiviert, blieb klein Christian nichts anderes übrig,
als fortan den Cottbusser Gurkenpogo zu tanzen. Er wurde ein
richtiger Fan, fuhr auswärts mit, ließ sich schubsen und mit Bier
begießen, schnupperte an Bengalos und stürmte mit anderen
glückseligen Gestalten dreimal den Platz, weil die Wucht des
sportlichen Ereignisses ihm keine andere Wahl ließ.

Er
ist ein echter Fußballfan, gesalbt mit der Hexensalbe des höchsten
Glücks und bittersten Leids. Im Gegensatz zu diversen Bayernmolchen,
die das eigene Stadionrund nur aus dem Fernseher kennen und bei Toren
ihrer Mannschaft höchstens mal über das heimische Sofa hoppeln.

Somit ist Spiller aufs Beste präpariert, um über all die wunderbaren, schrecklichen, verwegenen, peinlichen Momente der Historie seines Clubs zu schreiben. Wie Energie den Schikanen der DDR trotzte, wie Energie den Schikanen der BRD trotzte. Wie ein Cottbusser Vokuhila Ronaldo trotzte. Warum Cottbus keine Diplomatenschmiede ist. Weil einmal elf sogenannte Ausländer in der Startaufstellung von Energie standen. Usw.

Zum Kampfpreis von 9,99 Euro schickt der Schwarzkopf-Verlag Herrn Spiller in den lesescheuen Osten, wo kurz vor Polen Energie Cottbus als letzter Mohikaner den Ball flach hält. Holt euch das Buch, egal wie! Spillers Buch ist jeden Cent wert!

Bibliographische Angaben

Christian Spiller, 111 Gründe, Energie Cottbus zu lieben, Eine Liebeserklärung an den großartigsten Fußballverein der Welt, 280 Seiten, Taschenbuch, Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, Berlin, 1.4.2019, ISBN: 3-862-6576-12, Preis: 9,99 EUR (D)