Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). „Im Sommer ist der Zementstreifen entlang der Topolini ihr Reich. Die Größeren hängen ihre T-Shirts an die Haken unter den Terrassen, die Kleinen hinterlassen eine wandernde Oase aus Schlappen und Klamotten, die schließlich vom Salzwasser durchnässt sind.“
Selten gelingt es einem Buch, beim Lesenden eine Sehnsucht nach einem vollkommen unbekannten Ort zu entfachen. Zum Jahresbeginn 2026 vollführen gleich zwei Neuerscheinungen das Kunststück: der Insider Guide oh! Triest von Maria Kampp und der Roman Alma von Federica Manzon. Das Eingangszitat des Romans beschreibt, wie die Kinder der Stadt Triest seit bald einhundert Jahren ihre Sommermonate verbringen. An den Topolini: den in den 1930ern unterm Straßenniveau der Meerespromenade errichteten halbrunden, an Mickey-Maus-Ohren erinnernden Badeplattformen mit Umkleideräumen, Toiletten, Duschen, Bademeister, zwei kleinen Kiesstränden und freiem Eintritt. So charakterisiert die Autorin des Reiseführers die Topolini. Und schon will man nichts wie hin.
Alma, eine Journalistin, die nach dem Tod ihres Vaters Triest besucht, um etwas aus seinem Nachlass zu erhalten, läuft durch die Stadt. Triest ist ein vom Karstgebirge bedrängter Ort, heißt es im Reiseführer, der Berg drückt die Stadt in Richtung Meer – dort öffnet sich das endlose Adriablau zu einer Weite, die sich am besten an der Strandpromenade Barcola genießen lässt. Mit kostenpflichtigen Strandbädern und – den Mauseohren. Das Mädchen Alma kommt erst mit dem Bus, als sie größer ist, mit dem Fahrrad, „mit einer bunten Kinderschar, ältere und jüngere, zusammengeschweißt durch den Drang, dasselbe Territorium zu besetzen…“
Das Meer bringt alle zusammen, mischt Reiche und Arme, jene mit von Hausmädchen gemachten Betten, jene mit einem in Deutschland arbeitenden Vater, jene mit einer Mutter, die man im Auge behalten muss, damit sie keine Dummheiten macht, jene mit und jene ohne Brotzeit. Meereslebewesen eben. Alle können schwimmen und springen Arschbomben, Anker, Krampen. Sie bewerten die Spritzer mit taxonomischer Genauigkeit. Jungen und Mädchen vermischen sich: „Wilde, die sich nach dem Sonnenuntergang richten.“
Alma ist ein melancholischer Roman, der sinnlich in die Reiche der Kindheit zurückführt. Von Triest ziehen sich erst Fäden, schließlich starke Seile bis nach Jugoslawien, in die Zeit der Partisanen und Ideale, die allmählich zerschellen, bis nur Hass übrigbleibt. Alma ist eine liebeshungrige Figur, die keiner Gefahr ausweicht. Eine Forschende, die sich nie umschaut und über Wurzelwerk stolpert, wo auch immer sie geht. Da ist die istrische Insel mit dem freundlichen Diktator, dort Belgrad im Krieg, mal die eine, dann die andere Hauptstadt und kaum Erklärungen. Wohltuend wenige Zahlen und historische Aufzählungen. Alma schwebt wie ein Geist durch ihre eigene Erzählung. Der Balkan, das Habsburger Reich, deutsche und slowenische Worte und Bräuche durchpusten den Roman wie die Bora Triest. Märchenhaft komplex!
Wenn der Roman vom Rosengarten der Psychiatrie erzählt, berichtet das Sachbuch von der Psychiatriereform des Ehepaars Franco Basaglia und Franca Ongaro, die in den 1970er Jahren dafür eintraten, psychisch Kranke nicht zu isolieren und ruhigzustellen, sondern zu integrieren und ambulant zu behandeln.
Eine weitere Verschränkung, die Lust auf einen baldigen Besuch macht. Den Rosengarten gibt es noch! Ganz zu schweigen von den schön bebilderten Kapiteln über die habsburgische Post, eine Straßenbahnfahrt hinauf in den Karst, den Abstieg in eine Höhle oder den Ausflug entlang des Meeres zu Rilkes elegischem Castello di Duino. Oh Triest!
Bibliographische Angaben:
Federica Manzon, Alma, Roman, 320 Seiten, Sprache: Deutsch, Übersetzung aus dem Italienischen von Verena von Koskull, Bindung: fester Einband, Verlag: Pfaueninsel im Konzern Bastei Lübbe AG, Köln, 1. Auflage 2.3.2026, 978-3-69131-006-1, Preis: 24 EUR (Deutschland), auch als E-Buch und Hörbuch erhältlich
Maria Kampp, oh! Triest, Insider Guide, 160 Seiten, Sprache: Deutsch, Verlag: Folio, Wien-Bozen, 1. Auflage 2025, Preis: 20 EUR (Deutschland)
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