Kapernaum, Capernaum. Das Chaos um Aussprache und Bedeutung eines Begriffes

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Ankündigung einer Kulturveranstaltung an der Kapernaumkirche in Berlin-Mitte. © Foto/BU: Andreas Hagemoser, 2018

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Kapernaum: Bei der Kapernaumkirche ging es mir wie so oft, wenn ich einen unbekannten Begriff oder Namen sah. Ich ging zum Bügeln oder Einkaufen oder zum Studieren, die erste Neugier auf die Bedeutung verflog ob Wichtigerem und später kam man nicht dazu, nachzuschlagen. Dabei hat mir meine Mutter, Künstlerin und Lehrerin, beigebracht, mir selbst etwas beizubringen. Die 12 Bände eines Lexikons in der riesigen Bücherwand im Wohnzimmer, auf die man immer schaute, bildeten einen Grundstock. „Wenn du über ein Wort stolperst, schlag nach!“ Das schien mir auch ein sinnvolleres Vorgehen als die Modeerscheinung der Mädchen aus Adelsfamilien früherer Jahrhunderte, die das Konversationslexikon Artikel für Artikel, Buchstabe für Buchstabe durchgingen. Ich erinnere ich an einem Film, in dem die Figur sagt: „Ich bin jetzt beim C.“ Im Übrigen deckt sich diese Vorgehensweise, die manche situatives Lernen nennen, mit den Methoden aus dem Dokumentarfilm „Being and Becoming“ über Homeschooling.

In einer Pressemitteilung über den im Januar in Deutschland startenden Film Capernaum stehen zwei Sätze, die mir eine Antwort gaben:
„Capernaum“, aus dem Hebräischen, bezeichnet eine ungeordnete Ansammlung von Objekten, einen Ort voller Chaos. Einen solchen Ort zeigt die libanesische Regisseurin Nadine Labaki (CARAMEL) in ihrer hochemotionalen Fabel.“

Diese wird vom Libanon immerhin als Beitrag des Landes für den Oscar „Bester fremdsprachiger Film“ ins Rennen geschickt. Es geht um einen Waisenjungen in Beirut.

Okay, C oder K ist oft austauschbar. Ist die Kapernaumkirche in Berlin-Wedding ein chaotischer Ort oder wenigstens nach einem Ort voller Chaos benannt?
Ebendort in Wedding sagte uns Ralf Wieland, Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses, einmal: „Journalismus, das bedeutet zwei Quellen.“

Ist hier Capernaum und Kapernaum eins?

Doch erst einmal zur Aussprache, da wir darüber schon reden, obschon wir nicht wissen, was soll es bedeuten?

Wie spricht man Kapernaum oder Kapernaumkirche aus?

Im Gegensatz zu den meisten deutschen Wörtern, die gleich auf der ersten Silbe betont werden, einigt man sich bei Kapernaum auf die zweite. Dann wird es etwas komplizierter, auch wenn man es noch nicht gemerkt hat. Naum ist ein Schüler von Kyrill und Method; alle drei sind Heilige. Um sie geht es nicht.
Auch wenn viele Ka-per-naum sagen, klingt Ka-per-na-um besser, richtiger, eleganter.
Um Silben zu trennen, die man versucht sein könnte, diphthongisch – also zusamen – auszusprechen, gibt es ein diakritisches Zeichen. Es sind zwei nebeneinander angeordnete Punkte über dem Buchstaben. Sie sehen aus wie die Ö-Striche auf dem ‚ö‘.
schön, wenn man die fran-zö-sische Automarke nicht Zitrön ausspricht oder Citrön. Denn Citroen hat zwei Punkte auf dem ‚e‘: dort beginnt die neue Silbe. Es heißt also richtig Ci-tro-en. Sprich Zieh-tro-enn.

Exkürs mit ‚Ü‘

Bei dem Wort Kapernaum müssten nun dort, wo die neue Silbe beginnt, zwei Pünktchen aufgetüpfelt werden. Das ergäbe Kapernaüm. Das wiederum spräche man im Deutschen aber Kaper-na-üm aus – und nicht na-um.
Ersatzweise hätte man versuchen können, die zwei I-Tüpfelchen auf das ‚a‘ zu plazieren. Dann ergäbe sich Kapernäum. Dieses spräche sich aber wie Bäume oder Bäumchen aus, und man würde wieder die richtige Aussprache versäumen. Es bringt also nichts, die Trennstelle mit zwei Pünktchen künstgerecht zu umsäumen. Im Wedding könnte man sonst vermuten, dass der Name vielleicht dem Türkischen entlehnt sei, da das ‚ü‘ zümlich selten ist, vielleicht noch im Fünnischen oder Üngarischen zu fünden. Ha-hmm.

Überraschung

Das 12bändige Lexikon habe ich nicht zur Hand. Die Bertelsmann-Lexikothek auch nicht. Also muss ein Blick in die deutsche Wikipedia reichen.

Dort ist von Chaos keine Spur, so scheint es. Doch wird wird es auch nicht dementiert.
„Kafarnaum, auch Kapernaum und Kapharnaum“, so fängt der Eintrag an. Jetzt habe ich schon vier Schreibweisen gesehen. Zur Etymologie: Der Begriff stamme aus dem Hebräischen. Ja Gott sei Dank, dann sind wir ja schnell fertig. Im Hebräischen bedeutet – was? Hilfe, nein! Das ist ja etwas ganz anderes! Es soll um Nachums Dorf, Kfar Nahum, gehen. Es liegt am See Genezareth. Auch das noch, wenn es in die Bibel reingeht, ist es kanonisiert worden. Und richtig, es heißt dann: „neutestamentlich-biblisch: Καπερναούμ, Kapernaum”.

Kapernaum als Fischerdorf

Wenn doch wenigstens bitte Nachums Dorf ein Ort des Chaos wäre! Die nach Kapernaum benannte Kirche brannte an ihrer Spitze, das wäre ja ein Anfang der Übereinstimmung oder die Spitze des Eisberges. Ein Fischerdorf in Galiläa, das hat ja noch gefehlt. Am Ufer eines Sees, den jedes Kind kennt.
Im 19. Jahrhundert hat man sogar noch die Ruinenstätte Talhum oder Tel Hum dem historischen Dorf zugeordnet. Au weia. Nun haben wir also einen unauflösbaren Widerspruch. These und Antithese sind vor der Nase, wo bleibt die Synthese? Jeschua oder Jesus von Nazareth soll dort gewirkt haben.

Zum Film Capharnaüm, deutscher Titel Capernaum – Stadt der Hoffnung und der Wandlung des Libanons

Das lässt verstehen, warum das Gotteshaus so heißt. Doch ob der libanesische Film das Wort gekapert hat oder schlicht den christlichen Hintergrund verschleiern wollte, muss an dieser Stelle offenbleiben. Spekulation. Solange der Proporz im Libanon funktioniert, hat der Frieden eine Chance. Viele meinen, dass die Schweiz des Nahen Ostens, wie das Land früher wurde genannt, durch das Eintreffen der PLO in den Bürgerkrieg gezogen wurde, der zwischen 1975 und 1990 90.000 Menschen das Leben kostete.

Von Anfang an befindet sich der Libanon im Kriegszustand mit Israel und ist eines der wenigen übriggebliebenen Länder mit diesem Status, nachdem erst Ägypten 1979 mit Sadat und dann auch Jordanien Frieden schlossen. Die PLO hatte in Jordanien zu einem Ungleichgewicht geführt. 1970 gab es einen Bürgerkrieg dort, die PLO wurde hinausgeschmissen und ging in den Libanon, einzelne Palästinenser gingen nach Syrien. Der libanesische Bürgerkrieg, der nach dem Fortgang der Palästinenser Mitte der Achtziger wenige Jahre später zum Ende kam und der syrische Bürgerkrieg sind wohl nicht allein der PLO in die Schuhe zu schieben. Fest steht, dass es in allen drei israelischen Nachbarländern zum Bürgerkrieg kam und auch Tunesien in Unruhe geriet – Beginn des arabischen Frühlings – wohin Teile der PLO sich zurückgezogen hatten, wenn auch eine vereinzelte Bombardierung mit dem langen Arm einige Spitzen der Palästinenser heimsuchte.

Hunderttausende flohen aus dem Libanon – jetzt sind noch mehr Flüchtlinge dort sicher

Heute ist der Libanon, aus dem während des Bürgerkriegs etwa 800.000 Menschen unter anderem nach Syrien, Deutschland und Frankreich flohen – nicht alle kehrten zurück – selbst ein sicherer Hafen für Flüchtlinge. Eine Million Syrer befand sich hier in dem kleinen Zedernland, doch auch Afrikaner finden den Weg hierher.

Über syrische Bauarbeiter in Beirut, die Hochhäuser bauten, während ihre Heimat zerbombt und zerschossen wurde:

Beton schmeckt. „Taste of Cement“: Filmpremiere in Berlin mit Regisseur

Der Film CAPHARNAÜM läuft auf dem Festival Around the World in 14 Films heute, am 29.11.2018 um 21.45 Uhr als Film Nummer 9 von 14 Filmen. Er ist aber ausverkauft, obwohl er im großen Saal projiziert wird. Vorgestellt vom Filmpaten Nikolai Kinski.

Der Streifen startet in den deutschen Kinos am Donnerstag, den 17. Januar 2019 (im Verleih von Alamode Film und Wild Bunch Germany). Er ist 124 Minuten lang, also über zwei Stunden.

Around the World in 14 films
Kapernaumkirche

Mehr über Libanon und seine Nachbarn:

Rasha in a Rush – Kuratorin Rasha Saltis Zeit der Unruhe zwischen Berlin und Paris beim „Cinéma du Réel“

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