Meerwasserentnahmestelle Triest. Eckart von Hirschhausens „Die Leber wächst mit ihren Aufgaben“ bringt einen auf Ideen

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Es bräuchte gar nicht der Werbung von Barbara Schöneberger, dass Hirschhausen Deutschlands lustigster Arzt sei. Eckart von Hirschhausen ist wirklich toll. Dabei hat das Gesagte auch noch Hand und Fuß. Das mit der Leber. Oder das mit der Trepanation (Löcher in den Schädel bohren). Oder das mit dem Salzwasser. Es darf auch Meerwasser sein.

Salzwasser, also auch Meerwasser, ist gesund, gibt Hirschhausen am Ende seines Beitrags „Nasal, legal, illegal“ in „Die Leber wächst mit ihren Aufgaben*“zu.

(Nebenbei enttarnt von Hirschhausen auch noch die Apothekerlobby. Doch von Anfang an.)

Die lustigste Geschichte seit langem – und unglaublich obendrein

Das scheint ein Deutscher gelesen zu haben und nach Italien gefahren zu sein. Von Süddeutschland liegt das ja recht nah. Große Schätze erwerben und gleichzeitig die Klimafolgen stoppen? Da möchte man doch dabei sein!

Die Berliner Morgenpost berichtete am 4. Oktober 2018 unter der Rubrik „Aufgelesen“ darüber.

Die Seite 10 heißt „Aus aller Welt“ und ist direkt auf der Rückseite des ersten „Buchs“, das heißt des zusammengelegten Zeitungspapierpackens, der sich beim ersten Aufklappen der Zeitung von weiteren solchen lösen könnte.

Nicht umsonst sind die Berichte „Aus aller Welt“ auf der Rückseite eines Packens oder „Buches“. Sie werden gern gelesen und dadurch gleich gefunden. Statistisch werden die Außenseiten der „Bücher“ viel öfter gelesen und angeschaut. Der Verlag weiß das und lässt Inserenten auf solchen Seiten mehr bezahlen.

Diese Nachricht schlug dem Salzwasserfaß fast den Boden aus. Unter der Überschrift „Was das Meer für Diebe hergibt“ berichtet die Zeitung aus Triest. Was Menschen nicht alles gebrauchen können. Kurz gefasst war die Sache so: Ein Aquarienfreak ist mit dem Lkw nach Italien, an Bord zwei Dutzend leere, wasserdichte Behälter. Sein Ziel: Das Mittelmeer.

Soweit nicht ungewöhnlich. Viele Nordlichter, zu denen ich in diesem Zusammenhang auch die Bayern, Schwaben und Württemberger zähle, fahren ans Mittelmeer. Der Mann, der sich mit Fischen auskennt, wollte aber nicht baden. Auch keine Audienz im Vatikan oder antike Schätze besichtigen, wie den im 20. Jahrhundert erst vor Antikythera in Griechenland gefundenen Computer. Der Mann wollte ans Wasser. Er wollte Wasser. Besitzen, Eigentümer sein. An den Strand kann man in Italien mit dem Auto selten, das ist nicht Dänemark. Und mit einem schweren Lastkraftwagen wäre das sowieso schwer.

Wem gehört eigentlich das Wasser im Meer?

Also fuhr er in den Hafen. Umweltbewusst und zeitsparend, wie er dachte, wählte er Triest. Da ist Hin- und Rückfahrt nach Deutschland kürzer. Zudem mit Wasser an Bord, das so schwer sein kann wie Bücher. Vielleicht hätte er doch lieber nach Süditalien fahren sollen, wo die Behörden es teilweise nicht so genau nehmen mit dem Gesetz. Teilweise, normalerweise natürlich schon. Aber in der Mittagshitze oder nachts wäre sein Plan möglicherweise doch aufgegangen.

Er fährt also in den Hafen von Triest, hängt an einer nicht verölten Stelle einen Schlauch ins Wasser und fängt zu pumpen an. Fett schwimmt sowieso oben. Biomaris-Salzwasser zu Verzehr und Heilung, wie es an der deutschen Nordseeküste angeboten wird, ist Meerestiefenwasser. Aber die Fische wollen auch leben, sauber genug muss dem Aquarienfan das Wasser wohl erschienen sein. Etwa zwei Dutzend Behältnisse vollzupumpen, dauert schon seine Zeit. Wir wissen auch nicht, welche oder wieviele Pumpen benutzt wurden. Jedenfalls blieben Vorgang und Ansinnen nicht verborgen und bevor den letzte Kanister voll war und der „Wasserdieb“ (?) die Nähe des Hafenbeckens verlassen konnte, erschienen italienische Uniformierte. Unverrichteter Dinge musste der Meerwasseraquarienspezialist abrücken.

Doch schlimmer noch: eine kleine vierstellige Geldstrafe kam zum Zeitverlust und zur hohen Spritrechnung hinzu. Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Da hat mal jemand eine außergewöhnliche Idee, wollte dem Wort Selbstbedienung eine neue, flüssige Bedeutung geben – und zack, nichts als ein Strafzettel und leere Tanks kommen dabei heraus.

Kein Wasser, aber in die Zeitung gekommen.

Regenwasser fließt ins Meer – kaum aufzuhalten

Das Faß mit der fast sozialistisch anmutenden Frage, wem denn eigentlich das Wasser „gehört“, machen wir jetzt hier mal nicht auf. In Jugoslawien – das waren noch Zeiten – hatte fast jeder, der ein Häuschen hatte, auch eine Zisterne, damit er in den heißen und regenarmen Sommermonaten wenigstens für den Garten genug Wasser hatte. Das Regenwasser – gehört einem also. In einer Mietwohnung sieht das mit dem Auffangen schon schlechter aus, es sei denn, man hat eine teure Dachterrasse oder einen Balkon. Die nächste Frage ist die Lagerung.

Gott, der Schöpfer – heißt er eigentlich zuerst wegen des Wassers so? – hat das Wasser wohl geschaffen – manche sehen das anders – aber Anspruch erhebt er da jetzt nicht drauf. Die Wolken kann man auch nicht kaufen. Erst das aufbereitete Nass der Wasserwerke – „Werke“, als würden die das herstellen – kostet etwas. Sogar das verschmutzte, beziehungsweise das Entfernen desselben.

* „Die Leber wächst mit ihren Aufgaben“ Die medizinische Sensation der letzten Jahre steht für mich fest: Meerwasser.

Eckart von Hirschhausen schildert in „Nasal, legal,illegal“ auf seine ihm eigene, vortreffliche Art den Weg des Salzwassers. Geradezu köstlich. Freude wird Ihnen machen, das im Original nachzulesen. Es beginnt nasal. Bei Schnupfen hilft Salzwasser, das ist bekannt. Damit kann man die Nase ausspülen. Macht man das täglich, ist man vor Schnupfen gefeit. Es sei denn, man ist gerade mal zusätzlich gestresst oder sonstwie überlastet. Shirley MacLaine beschreibt in einem ihrer Bücher, wie sie ihren 50. Geburtstag feiert, wie sehr sie ihre Tochter liebt und lässt auch das Badezimmer nicht aus, wo sie beschreibt, wie sie sich in die Wanne legt und mit Wasser, dass mit etwas Meersalz angereichert ist, das Näschen spült. Nicht pudert. Das kommt später und ist für MacLaine nicht unbedingt die Rede wert.

Apotheken bieten auch Meerwasser- oder Salzwasser-Sprays an. Nicht ganz so effektiv wie eine Nasenspülung mit einer Tasse lauwarmen Wassers, doch immerhin. Wenn ich mich recht entsinne, las Eckart von Hirschhausen sogar das Etikett. Inhalt: Wasser, Salz. Auf die Menge, die dort ebenfalls angeschrieben steht, kommt er ganz ausführlich zu sprechen. Vor allem im Verhältnis zu Wasserflaschen mit einem Liter Inhalt.

Hirschhausen rechnet vor, dass bei dem Preis, den ein winziges Fläschchen kostet, ein Urlauber, der ein paar Flaschen Meerwasser „zapft“, seine Mallorcareise am Ende wieder drin hat.

Meerwasser und Apothekenpreise

Ist das Verbot, mehr 50 oder 100 ml Flüssigkeit pro Behältnis in Flugzeugen mitzuführen, wirklich der Sicherheit geschuldet? Es könnte doch ein Ergebnis der Lobbyarbeit des Apothekenverbands sein, um die sprichwörtlichen Apothekenpreise zu halten. Wenn jeder ein, zwei große Flaschen Salzwasser aus dem Urlaub mit nach Hause nehmen könnte, wo kämen wir dann hin? Mittelmeer, Atlantik und Indischer Ozean würden wohl kaum leerer; dafür sorgt schon das nach“tropfende“ Grönlandeis und der immer wieder fallende Regen. Doch dann wäre nicht nur eine Menge Eigenbedarf gedeckt, sondern womöglich würde das Meerwasser auch weiterverkauft, im Freundes- und Bekanntenkreis allemal. Einige würden es vielleicht auch online verkaufen – all das würde den Umsatz Apotheken schmälern.

Vielleicht haben wir damit den wahren Verursacher des Minishampooflaschengebots enttarnt.

Und die Moral von der Geschicht‘? Auch wenn es niemandem gehört, zapfe das Meerwasser nicht.

Wenn es Dir trotzdem gelingt, verkauf‘ es zu Apothekenpreisen. Dann kannst Du getrost gratis reisen.




Ein Buch wie ein Blog – Zum Jodel-Buch „Von Salat schrumpft das Bierfach“

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Wer oder was ist Jodel? Für Kritiker ist Jodel ein Topf voll Scheiße. Punkt.

Netter formuliert ist das eine Applikation für ein Soziales Forum oder Netzwerk. Dahinter scheinen weniger kluge Köpfe als vielmehr Eigentümer und Geschäftsführer der Jodel Venture GmbH mit Sitz in Berlin zu stehen, denen am Ende des Tages Moneten wichtiger sind als Menschlichkeit.

Seit Monaten mischen Sie mit bei der totalen Reklame.

Ist es nicht so, dass Soziale Netzwerke „die Kernfundamente des menschlichen Verhaltens“ untergraben? Freue sich, wer das kennt. Und wer das nicht kennt, der greife zum Buch „Von Salat schrumpft das Bierfach“. Auf 192 Seiten solle „das Beste von Jodel aus 15 Städten“ geboten werden.

Die Städte sind Aachen, wo alles seinen Anfang nahm mit der Jodel-App, aber auch die Millionenstädte München, Hamburg und Berlin. Großstädte wie Düsseldorf und Köln, Frankfurt, Stuttgart, Hannover, Mainz, Mannheim und Münster sind dabei aber mit Wien noch eine weitere deutsche Hauptstadt. Das dazu.

Das Buch bietet in seinen Teilen und in Summe eine Antwort auf die eingangs gestellte Frage. Wer das immer noch nicht begreift, der frage Chamath Palihapitiya oder befasse sich mit Fragen rund um das weite Feld des Überwachens und Strafens.

Bibliographische Angaben

Von Salat schrumpft das Bierfach, Das Beste von Jodel aus 15 Städten, 192 Seiten, Gewicht: 297 g, Broschur, Verlag: Riva, München, 1. Auflage 2019, ISBN Papier: 978-3-7423-0722-4, Preis: 14,99 EUR (D), ISBN (E-Buch (PDF): 978-3-7453-0327-8, ISBN E-Buch (EPUB, Mobi): 978-3-7453-0328-5




Tote und Trinker, Frauen und Mörder – Zum Thriller „Argus“ von Jilliane Hoffman

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Der dritte Band der Cupido-Reihe beziehungsweise der Reihe mit Staatsanwältin C.J. Townsend trägt den Titel „Argus“, in dem in der Regel Männer als Mörder und Frauen als Opfer vorkommen. Doch Ausnahmen bestimmen die Regel und die der Autorin Jilliane Hoffman, die selbst Staatsanwältin war, hat ein paar besondere auf Lager.

So pflastern nicht nur Leichen den Weg der Beamten in den Ermittlungsbehörden, auch Liebe aller Art und Labile aller Welt säumen den Rand der Road to Perdition der Hauptdarstellerin.

Schlimmste Vergewaltigungen in härtester Porno-Manier, fieseste Folter unter frivolen Forderungen der Zuschauer und echte Mord der blutigsten Schattierung geschehen vor laufender Kamera, in voller Länge. Live und auf Datenträger. Diese Filme nennt man Snuff. Darum dreht sich diese Reihe, die im Polizei- und Justiz-Milieu spielt, das so wenig sauber ist wie der Rest der Welt.

Bereits im zweiten Band wurde ein Polizist zum Mörder, weil ein anderer einer war, im dritten Band wird das eine Staatsanwältin, weil das Justizsystem der Vereinigten Staaten von Amerika in ihrem Fall versagt. Und eine andere Anwältin des Staates Florida wird vor den Augen von Mitgliedern eines Snuff-Clubs im Sonnenscheinstaat Florida brutal ermordet. Heile Welt? So wenig wie der Himmel, an dem ein Hurrikan auftaucht.

Die Staatsanwältin ist ein Opfer von vielen, denn eine Serie von bestialischen Frauenmorden belastet wenigstens einen Mann und eine Frau der Strafverfolgungsbehörden in Miami. Am Ende ist Staatsanwältin Daria DiBianchi tot und Detective Manny Alvarez vom City of Miami Police Department ein Trinker.

Die Grenzen der Gesellschaft und des gesellschaftlichen Über-Ich sind fließend. Jeder kann zur Staatsanwältin oder zum Polizisten werden, jeder kann zum Mörder oder Trinker werden. Was hilft? Ein humanistisches Ich, das dem Projekt der Moderne, das ist: die Aufklärung, verpflichtet ist. Es gilt, dieses „Ich zu stärken, es vom Über-Ich unabhängiger zu machen“ (freue sich, wer`s kennt).

Bibliographische Angaben

Jilliane Hoffman, Argus, Thriller, 3. Band, 494 Seiten, Verlag: rororo, 11. Auflage, Reinbek bei Hamburg, November 2018, ISBN: 978-3-499-25389-8, Preis: 10,99 EUR (D), 11,30 EUR (A)




Für immer im Fußballtrikot herumlaufen oder zum Buch „Fußballtrikots“ von Neal Heard greifen?

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Neal
Heard sammelt seit vielen Jahrzehnten Fußballtrikots. Und weil er
neben dieser Leidenschaft auch auf skurrile Geschichten steht,
außerdem in der Lage ist, diese in anständige Sätze zu gießen,
schuf er für uns ein tolles Buch voll schräger Stories zu bekannten
und unbekannten Vereins- und Fußballnationaltrikots, sowie einiger
ihrer seltsamen Träger.

Natürlich
werden die farbigen Trikots großzügig abgedruckt, doch perfekt
machen das Buch die nicen Geschichten, die sich trocken wie ein Elfer
von Andy Brehme in unsere Hirnwindungen fräsen.

Besonders interessant ist die Rubrik „Die Stimme des Volkes“. Das auf ewig schönste Trikot, ermittelt bei einer Onlineabstimmung, stammt übrigens aus Schottland. Grünweiß gestreift, langärmelig, von 1970, mehr muss ich nicht dazu schreiben. Bei dieser Abstimmung landete übrigens das BRD-Nationaltrikot von 1990 auf Platz 3.

Mein Lieblingsverein FC Carl Zeiss Jena kommt gleich zweimal vor. Auf Seite 37 und Seite 87 prangt jeweils das Jenatrikot mit der Heavy-Metal-Band Heaven Shall Burne als Sponsor.

Abermals zeigt der Verlag Die Werkstatt mit dem Buch „Fußballtrikots, Das Buch für Liebhaber“, wie genau man dort die Vorlieben der Fußballbuchfreunde im Blick hat. Das Buch lässt wenige Augen trocken, es ist eine feine Sammlung wunderschöner Trikots und romantischer Fußballgeschichten. Geeignet für Abende am Kamin mit Rotwein ebenso wie in einer verrauchten Fußballkneipe, wo sie Feingeister und Rabauken gleichermaßen in Lobpreisungen ihrer Fußballleidenschaft ergießen.

Bibliographische Angaben

Neal Heard, Fußballtrikots, Das Buch für Liebhaber, Übersetzung: Olaf Bentkämper, 144 Seiten, Format: 19 x 24,5 cm, Hardcover, Verlag: Die Werkstatt, 1. Auflage, Göttingen 2019, ISBN: 3-7307-0379-3, Preis: 24,90 EUR (D)




Hamburg-Reise-Broschüren, in der Mitte das Buch 52 kleine und große Eskapaden in und um Hamburg, Ab nach draußen

Das vorzügliche Hamburgbuch in der Reihe Eskapaden von Volko Lienhardt und Stefanie Sohr … in und um Hamburg

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Eskapaden, das sind Abstecher, Ausflüge und Miniurlaube: Kurz und knackig auf 2 Seiten erfährt man alles was man wissen will und wenn das nicht reicht, auch noch die wichtigsten Links und Adressen. Frisch, humorvoll und ungewohnt geschrieben von Stefanie Sohr, von der auch das Untertitelmotto stammt. „Ab nach draußen“ steht klein auf der Mitte des Umschlags. Sohrs Kindheitstrauma. An der Schlei mit ihren übers Jahr vielen Regenschleiern war es Frau Sohr als Mädchen völlig schleierhaft, warum man immer raus sollte. Inzwischen hat sie es verinnerlicht und es gibt kein Halten mehr. Das beschert uns 52 Touren nach Hamburg und in die angrenzenden Bundesländer.

Eskapaden – Photographie

Volko Lienhardt ist der vollkommene Reisephotograph, nicht nur, weil er Paddeln, Radfahren und lange Strecken wandern kann.

Seine Bilder sind mindestens souverän, oft aber wie Gemälde, die den Blick träumerisch-meditativ verweilen lassen: eine Baumflucht in Haseldorf auf Seite 100, eine weitere auf S. 70 aus dem Nienstedter Hirschpark, die nur wegen der Buchmitte und des Ausschnitts wenig zur Geltung kommt. Rund der aktuelle Ausblick über die Dächer Hamburgs auf S. 74 im Kapitel „Schau auf diese Stadt“ – frei nach Ernst Reuter – durch die Bullaugen von St. Petri. Im Verbund mit dem Layout ergibt sich ein an drei Seiten vom Fenster rund umrahmter Bildausschnitt – an der vierten Seite hat das Buch selbst eine runde Ecke. Wunderschön spiegelt sich die Sonne auf dem Wasser in Entenwerder und selten fesch blickt die Möwe in Finkenwerder, keck das linke Beinchen hebend(S. 82). (Das alte Schild von Hertas Stübchen weist wie so oft den Fehler mit dem Apostroph auf. Da kann der Photograph natürlich nichts für.)

Alles mit Liebe

Doch nicht nur der frisch-freche Text, der einen flott von einer Wesentlichkeit zur nächsten zieht, Lienhardts Photos und das Layout von Carolin Weidemann sind liebevoll, auch der Umgang der Mitarbeiter untereinander scheint es zu sein. Zumindest weiß die Autorin genau, was Liebe ist.

Tour 40 beginnt so: „… die Lieblingsperson im Schlepptau. Idealerweise eine, mit der man stundenlang quatschen oder irre gut schweigen kann. Denn dieser Tag wird lang und herrlich auf einer der schönsten Wanderstrecken überhaupt.“

Beim Sprung ins kalte Wasser lesen wir:

„Und wie das eben so ist: Eine neue Liebe lässt einen Dinge tun, die man zuvor nie für möglich gehalten hätte“. „Da denkt man im kurzen, weichen Gras … vielleicht zum ersten Mal im Leben darüber nach, an einem Grünstrand zu baden“(Textstelle wiederzufinden in Tour 47 zur Meldorfer Bucht.)

Mein Buch, das hat ‘ne Ecke – und die Ecke die ist rund

Insgesamt eine total runde Sache. Nicht nur an der Ecke – des Buches, die gegenüber vom Kapital – das ist das obere Ende des Rückens – abgerundet ist. Auch ein Erkennungszeichen! Nachdem ich, immer noch begeisterungstrunken, hinten hinter den farbigen Landkarten und der Seite „Gut zu wissen …“ zufällig zum Impressum vorgedrungen bin, sehe ich höchsterfreut, dass es noch weitere Bände im selben Layout, also Design, gibt.

Eine Reihe Eskapaden

Eigentlich müsste Monique Sorban noch einen Orden oder einen ITB-BookAward bekommen. Soweit wir wissen, gibt es die Rubrik „Reise-Reihe“ bei den BuchAwards der weltgrößten Reisemesse noch gar nicht. Könnte man mal vorschlagen, oder Sorbans Reihe als Preisträger. Das zufällig aufgestöberte Impressum, das sich mit dem Hinweis auf die bisher drei anderen Titel der Reihe Eskapaden auf der drittletzten Seite des Hamburgreiseratgebers versteckt, verrät, dass Monique Sorban die Reihe konzipiert hat. Doch nicht nur das Konzept stammt von ihr. Die Redakteurin, die sich im Dumont-Reiseverlag um die illustrierten Bücher kümmert, mischte auch beim Projektmanagement mit.

Man kann ich vorstellen, was der Autor dieser Rezension demnächst auf seiner Wunsch- und Bestellliste hat. Als Merkwort hat er OBST festgelegt, führen doch die anderen Eskapadenbücher an die Ostsee, nach Berlin und Sylt …

Das Konzept ist einfach
hervorragend. Schon vor dem Inhaltsverzeichnis ist die einfache
Aufteilung des Buches zu erkennen: 4stündige Abstecher, 12stündige
Ausflüge und 36stündige Miniurlaube sind in dieser Reihenofolge im
Angebot. Wer einen Tag Zeit hat, hat demnach die Wahl zwischen einem
Halbtagesausflug oder einem kürzeren Programm, das er kombinieren
kann mit einem Tee-Besuch im Momentum, einem Umstreifen der vielen
Museumsschiffe oder einem Spaziergang durch die rund um die Uhr
geöffnete Science-Fiction-Architektur der Hafen-City.

Was waren Eskapaden nochmal?

Großes Eskap, kleines Aden, besser, wir verlieren jetzt nicht den Faden. Der Rechner, den der Autor zum Niederschreiben dieser Zeilen benutzte, hat links oben eine Taste „ESC“. Trotz der Großbuchstaben, die auch die Zeichnerin gern benutzt, bedeutet das nicht European Song Contest, die Nachfolgebezeichnung des Grand Prix Eurovision de la Chanson . Mit Escape (flüchten, fliehen, raus hier) ist man schon ganz nah an der Bedeutung dran. Ab nach draußen – remember?

Gibt es wirklich nur Gutes über die Eskaden im Allgemeinen und die Hamburger im besonderen zu sagen?

Ja. Bei dem einzigen festgestellten Fehler handelt es sich um einen überzähligen Buchstaben. Wäre der Autor dieses kleinen Beitrags nicht auch Redakteur und Korrekturleser und stammte aus der Urlaubsregion, umd die es auf Seite 176 geht – die Lüneburger Heide – wäre es vielleicht auch gar nicht aufgefallen. Viele Leser sind vielleicht nicht so wach, wie der Wachholder vermuten lässt. In der Heide rund um Undeloh und Wilsede wächst Wacholder wild, die Beeren würzen oder werden zu geistreiche Getränken gebrannt. In Norddeutschland auch Machandelbaum genannt, ist der immergrüne Juniperus, wie er botanisch heißt, auch ein guter Sichtschutz an der Grundstücksgrenze. Neben Garagen fängt er das ganze Jahr über die Autoabgase des Nachbarn ab und wandelt sie teils in Sauerstoff um.

Wieviel würzigen Sauerstoff es im Naturpark Lüneburger Heide gibt, in dem zudem nur Kutschen erlaubt sind, kann man sich nur vorstellen, bis man mal da war. Ob man die Stille oder die frische Luft mehr genießen wird oder gar die vielen Sterne am nächtlichen Himmel, kann jeder selbst mit Freude herausfinden.

Ob das der Grund war, wissen wir nicht, doch der erste Miniurlaub in die Hamburger Umgebung führt über Buchholz in der Nordheide nach Handeloh und von dort zu Fuß nach Schneverdingen.

Exkurs Autokennzeichen und Buchstaben

Vielleicht ist der Wachholder ja auch kein Fehler, sondern ein Code. Ein Hamburger – Volko Lienhardt kam über London, Tokyo und Prag hierher, Stefanie Sohr stammt von der Schlei und aus der Schweiz, der Holsteinischen – sieht jeden Tag das HH vor Augen auf Autokennzeichen. Hansestadt Hamburg macht zwei Buchstaben, obwohl die Größe der Stadt – seit Jahrzehnten Nummer zwei in Deutschland – nur einen Buchstaben nötig macht.

Als Kind hat den Verfasser dieser Zeilen diese Unlogik irritiert. Kleinere Städte wie Stuttgart, Düsseldorf oder Köln unterzeichneten mit dem Anfangsbuchstaben auf dem Blechschild. Obwohl erstere Landeshauptstädte sind reicht doch keine an die Million heran. Das schafft München mit seinem M und natürlich die größte Stadt Berlin mit dem B.

Hamburg hätte das H verdient, macht sich jedoch freiwillig klein indem es den Buchstaben verdoppelt. Hannover, Landeshauptstadt mit sechsstelliger Einwohnerzahl, ist der glückliche Gewinner der Einzel-Hs. Auch Lübeck machte sich klein und bestand als Hansestadt auf einem HL. Leipzig hatte als DDR-Gemeinde mit dem landesweit größten Bahnhof lange ein ganz anderes Kennzeichen, so dass Lübeck, im Eskapaden-Reiseführer auch erwähnt, das L verdient hätte. Stattdessen bekam es der kleine Lahn-Dill-Kreis. Erst die Wiedervereinigung korrigierte das. LDK gibt die kleine Größe an. Die südlicehn Nachbarn Hamburgs, die Winsener (WL) und Lüneburger (LG) hatten und haben genausoviele Buchstaben auf dem Kennzeichen wie Hamburg. Lüneburg hatte 65.000 Einwohner, jetzt über 75.000 (bei Hamburgern beliebt), der nördlichste Stadtstaat etwa 1.835.000. Wie dem auch sei, das HH ist Fakt und Hamburgern sei es verziehen, wenn sie in Wörtern, die mit einem ‚H‘ geschrieben werden, daraus zwei machen.

Falls es denn nicht doch Absicht ist.

Vielleicht auch für ein Preisausschreiben: In welchen Kapiteln befinden sich die Wörter mit ‚hh‘. Falls der Verlag ein solches veranstaltet, wurde die Lösung hier zum Teil schon verraten. Da müsste man noch einmal in das Buch gucken.

Kleine Eskapade Wachhalter

Vielleicht ist Wachholder eine Wortschöpfung, für die insgeheim schon Titelschutz angemeldet wurde. Holder ist der Halter so wie in Share Holder (Aktienbesitzer). Wachholder könnte eine Dose Redbull, ein Pott Kaffee oder eine Tasse kräftiger Ostfriesentee sein. Im Norden wohl eher der Tee.

Immer wieder ein Film-, Literatur- oder Literatenbezug

Ob es nun Friedrich Gottlieb Klopstock ist, der der recht großen Stintenburginsel im Schaalsee eine Ode widmete und sie dadurch bekannt machte (Seite 180/81, Tour 42), oder Heidedichter Hermann Löns, der mit dem Hermann-Löns-Blick auf den Hemmelsdorfer See zwischen Travemünde und Scharbeutz erwähnt wird – immer wieder lugt die Kultur hervor (Seite 216, Tour 51). Was Klopstock mit Hamburg zu tun hat? Er liegt in Ottensen begraben. Die Klopstock-Eiche steht am Schaalsee bei Lassahn. Dieser See, lange durch die deutsch-deutsche Grenze geteilt und vielleicht deswegen so wenig bebaut, ist nicht nur der zweittiefste des Landes, sondern gleich auf zwei Bundesländer verteilt: Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern. Die Stintenburginsel, über einen Damm erreichbar, ist laut einer Ode Klopstocks („der große Dichter der Empfindsamkeit“) die „Insel der froheren Einsamkeit“.

Am besten also, man unterschätzt das Buch nicht: Wer Hamburg selbst gar nicht besuchen möchte, findet trotzdem genug reizvolle Reiseziele zum Beispiel in Niedersachsen.

Und wer weiß schon, das einige Nordseeinseln zu Hamburg gehören? Sogar drei. Auch wenn sie am besten vom niedersächsischen Cuxhaven angesteuert werden wie im Eskapaden-Tourtipp. Auf zweien ist man gut zu Vögeln: Auf Nigehörn sind Menschen verboten, Scharhörn darf nur betreten, wer sich vorher beim Vogelwart anmeldete. Neuwerk dagegen ist bewohnt. Es sei nicht gerade Manhattan, so eine der schönen Stefanie-Sohr-Formulierungen. 40 Seelen leben dort. Die Nachkommen des letzten Piraten Neuwerks sind ehrlich geworden und führen ein Hotel, eine der rund ein halbes Dutzend Beherbergungsstätten der Insel. („Überall ist Wunderland- Wattwandern vor Neuwerk“ ab Seite 206.)

Filmreife Eskapade

Der erfolgreiche deutsche Schauspieler Til Schweiger, der selbst auch Regie führte, produzierte und seiner Tochter Luna, die wiederholt vor der Kamera stand, einiges beibrachte, wird quasi als Hotelier erwähnt („Keinohrhasen“, „Schutzengel“, Honig im Kopf“). In Tour 51 empfiehlt sich eine Übernachtung an der Lübekcer Bucht im Barfußhotel oberhalb des Kurparks in Timmendorfer Strand. Til Schweiger hat es gestaltet „wie einen seiner Wohlfühlfilme“ (S. 217).

Bei den längeren Ausflügen namens „Miniurlaube“, die um die 36 Stunden dauern, ist ein Bleiben über Nacht angedacht. Immer auf halber Strecke oder jedenfalls passend wird eine exklusive Unterkunft ausgesucht.

Bibliographische Angaben zu Eskapaden in und um Hamburg

Verlag: DuMont-Reiseverlag

Verfasser:
Stefanie Sohr, Volko Lienhardt

Titel:
52 kleine & große Eskapaden in und um Hamburg

Seitenzahl: 232

Preis in Euro für die Bundesrepublik: 14,99

ISBN 10: 3770180712 ISBN 13: 9783770180714

Fehlt etwas oder nicht? Der Frage mit dem Möwenfinder

Was fehlt? Vielleicht ein Ortsregister, aber braucht man das, wo doch alle Touren zum Download zur Verfügung stehen? Die man vermutlich digital durchsuchen kann? Will man das? „Oh Digitalisierung, wieviel Schaden (und Nutzen) hast du schon angerichtet!“

Nett wäre es schon, wenn man das Buch nicht von Anfang bis Ende durchliest – und, Hand aufs Herz, wer tut das schon in dieser Reihenfolge gänzlich? – dass man Ziele, von denen man gelesen hat, aber nicht mehr weiß, wo, anhand eines Registers schnell wiederfinden könnte. Zwar findet man auf den wichtigen Seit 8, 90 und 172 den Überblick über die unterschiedlichen Touren. Dort steht aber nur der Titel der Tour – Beispiel Tour 41: „Draußen vor der Tür“, nicht aber der aufschlussreiche Untertitel – „auf dem Heidschnuckenweg“. Wer also das Photo mit der kecken Finkenwerder-Möwe mit dem weiblichen Kopfschmuck noch einmal anschauen möchte, tut gut daran, sich die Seitenzahl oder „Tour 19“ zu merken.




Korrupte Cops und ein Cop-Killer oder Liebe und Leichen in „Morpheus“ von Jilliane Hoffman

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Der 400 Seiten starke Thriller mit dem wie aus der Pistole geschossenen Kurztitel „Morpheus“ von Jilliane Hoffman ist der zweite Band der mittlerweile vierbändigen Townsend-Reihe, die mit „Cupido“ begann, weswegen die Fälle, in denen Staatsanwältin C. J. Townsend verstrickt und zugenäht ist und die mit ihrer brutalen Vergewaltigung in New York begann, als sie noch Jura-Studentin war, und denen die Cupido-Morden in Miami folgten, auch Cupido-Reihe genannt wird.

Der böse Bantling ist auch in „Morpheus“ immer noch da, aber er treibt sein garstiges Spiel hinter Gittern, bringt seine „Chloe“ beinahe um den Verstand und ihren Verlobten, Special Agent Dominick Falconetti vom Florida Department of Law Enforcement um den Arbeitsvertrag.

Doch der fälschlicherweise wegen mehrerer Morde an Frauen im Knast schmorende Vielfachvergewaltiger William Rupert Bantling, der einem Komplott zum Opfer fiel, will nur raus aus seiner Todeszelle im Florida State Prison. Und Rache!

Weder Bantling noch der verrückte Psychiater Dr. Gregory Chambers, der in Wahrheit Cupido war, stecken hinter den neuen Morden, brutalen Morden, Morden an Polizisten. Weil er die Uniformierten nicht nur des Miami Beach Police Departments schlecht Schlafen lässt, sondern C. J. Alpträume bringt, wird der Cop-Killer Morpheus genannt.

Townsend fürchtet um ihre Liebe und das Ende ihres Lebens. Doch am Ende deutet alles auf das dritte Buch hin. Dem „Arschloch“ Bantling wird Berufung gewährt, er soll einen neuen Prozess bekommen.

Bibliographische Angaben

Jilliane Hoffman, Morpheus, Thriller, 400 Seiten, Übersetzerin: Sophie Zeitz, Verlag: rororo, 24. Auflage, Hamburg, Februar 2018, Erstveröffentlichung:
1.11.2006, ISBN:  978-3-499-23691-4, Preis Taschenbuch: 9,99 EUR (D), Preis E-Buch: 9,99 EUR (D)




Frauenmörder in Florida in einem bis zum bittersüßen Ende spannenden Kriminalroman – Zum Thriller „Cupido“ von Jilliane Hoffman

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Wer möglicherweise mit „Nemisis“ von Jilliane Hoffman erstmals ein Buch der Krimi-Autorin in Händen hielt und reinschaute in die Schauergeschichten um einen Snuff-Club made in Miami, im Grunde einer Metropolenregion, die sich über Dutzende Meilen zwischen von Nord nach Süd zwischen Everglades und Atlantik in die Länge zieht wie ein Kaugummi.

Doch wer tiefer eintauchen möchte, mit Verlaub: wie in das Bermuda-Dreieck, um die Brandzeichen oder das Spiel ohne Grenzen in „Nemesis“ und somit aller Laster Anfang zu verstehen, der lese den ersten der mittlerweile vierteiligen Reihe um Staatsanwältin C.J. Townsend. Ausgehend vom ersten Band der Cupido- oder besser C.J.-Townsend-Reihe, in dem der verrückte Psycho-Doktor und seine rechte Hand, der nicht minder böse Bantling, mit ihrem miesen Spiel in Hannibal-Lecter-Manier beginnen, entwickelt sich die super Serie.

„Cupido“ ist ein cooler Kriminalroman, überwiegend aus der Sicht einer starken Frau, die es von einer Jurastudentin in New York zu einer Staatsanwältin in Miami bringt, wo sie dienstlich und scheinbar zufällig auf ihren brutalen Vergewaltiger trifft, aber auch einen Bären und Dominick Falconett, Special Agent des Florida Department of Law Enforcement.

Richtig, es kommen gute Bullen und schrullige Juristen, aber vor allem böse, bisweilen sehr hinterlistige und hinterhältige Männer in Hoffmans Cupido-Reihe vor, Männer, die auf den Moment gewartet haben, in denen Frauen hilflos sind, aber auch schöne Frauen und in Person der Staatsanwältin Townsend sogar schöne, schlaue und starke Frauen, wobei die Verteidigerin des Angeklagten nicht weniger attraktiv und mit allen Wasser gewaschen scheint, um sich in der Männerwelt von Polizei und Justiz behaupten zu können.

Dass das Thriller-Debüt „Cupido“ fraglos fesselnd ist, das liegt daran, dass Jilliane Hoffman lange Zeit ihres Lebens als Staatsanwältin arbeitete. Hinzu kommt nicht nur eine libidonöse Prise, sondern Liebe, wie Adorno sie verstand, als er formulierte: „Geliebt wirst du einzig da, wo schwach du dich zeigen kannst, ohne Stärke zu provozieren.“ Was das im Sowohl-als-auch im reziproken Verhältnis von Begriff und Gegenstand bedeutet, das führt Hoffmann auf 480 Seiten aus ohne ausschweifend zu werden. Nicht viele Autoren bekommen das hin und schon überhaupt nicht bei ihrem Debütroman.

Bilbiographische Angaben

Jilliane Hoffman, Cupido, Thriller, 480 Seiten, Deutsch von Sophie Zeitz, Taschenbuch, Verlag: rororo, 48. Auflage, Hamburg, März 2018, Erstveröffentlichung: 2.5.2005, ISBN: 978-3-499-23966-3, Preise: 10,99 EUR (D), 11,30 EUR (A), als E-Buch bei Rowohlt E-Book, Veröffentlichung: 28.11.2014, ISBN: 978-3-644-22041-6, Preis: 9,99 EUR




Sarden, Sardinen und Sardinien oder Land, Leute und Leckeres – Zum Kultur-, Koch- und Reisebuch „La Cucina Sarda“ von Herbert Taschler und Udo Bernhart

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Vieles ist an Sardinien fantastisch: das Land, die Leute und das Lukullische. Ja, oft sind die Tische und Teller voll Leckerem und das, was es an Speis und Trank gibt, ist gut, sehr gut.

Beim Blättern im Buch „La Cucina Sarda“ von Herbert Taschler wird der Leser genau daran erinnert. Taschler schreibt wie folgt über die bunten Farben und betörenden Gerüche der sardisch Sardigna genannten Insel: „Blau und Grün in allen Schattierungen stehen für das sardische Meer und seinen Himmel, Weiß und Grau für endlose Strände, Grün-Gelb-Bruan für die faszinierende Landschaft, Grau-Rose-Schwarz-Silber für ein Meer aus Steinen, ein schmutiges Weiß für riesige Schafherden, ein kräftiges Rot für Korkeichenstämme. Hinzu kommt ein Meer von Gerüchen und Düften: Myrte, Rosmarin und Thymian, mediterrane Macchia und Lorbeer…“

Italien Sardinien Sardegna Provinz Cagliari Stadt Cagliari Altstadt Villanova quartiere di Cagliari. © Christian, Foto: Udo Bernhart

Bunt sind auch die zahlreichen Bilder, fotografier von Udo Bernhart, der sich und seine Kamera nicht nur vor kulinarischen Köstlichkeiten in Position brachte, sondern auch Land und Leute gelungen in Szene setzte, was jeder sieht: nichts ist gestellt und gestylt, verlogen wie Food-Fotografie nun einmal ist, alles ist authentisch, das ist ordentlicher, ehrlicher Bildjournalismus. Und das ist gut so!

Italien Sardinien Sardegna sardische Kueche Ristorante su Talleri Giorgio Carta Sarago alla Vernaccia. © Christian, Foto: Udo Bernhart

Bernhart, der laut Christian-Verlag seit mehr als 35 Jahren als freier Fotograf und Fotojournalist“ arbeitet, im Vinschgau aufwuchs und in der Welt jede Menge Erfahrungen gesammelt haben muss, den „Aufträge“ sollen ihn „in die ganze Welt: Feuerland, China, Alaska, Kamtschatka…“ geführt haben. Kein Wunder, dass „seine Aufnahmen … in deutschen sowie internationalen Magazinen erschienen“ und „er … zahlreiche Fotoreportagen und mehr als 100 Bildbände veröffentlicht“ hat. Mit ihm hatte der „freie Fachpublizist, Gastrosoph und Sommelier“ Tischler einen Profi an seiner Seite. Tischler ist übrigens auch einer. Er verkoste, teste und schreibe laut Verlag „für verschiedene Medien, unter anderen für den ‚Gambero Rosso‘, Italiens tonangebenden Wein- und Restaurantführer“.

Italien Mittelmeerinsel Sardinien Sardegna Oliena Su Gologone Experience Hotel cucina pastorale e contadina Culurgiones de patata. © Christian, Foto: Udo Bernhart

Mit „La Cucina Sarde“ ist beiden, Bernhardt steuerte die Bilder und Tischler die Texte und Rezepte bei, ein lesens- und lobenswertes Werk gelungen, das in mir nicht nur Erinnerungen an Sarden, Sardinen und Sardinien weckt, sondern den Wunsch nach einer Wiederkehr. Viel mehr kann man mit einem Kochbuch voller toller Originalrezepten, 85 an der Zahl, nicht erreichen. Und obendrein ist „La Cucina Sard“ auch noch ein gelungenes Kultur- und Reisebuch ist. Gratulation!

Bibliographische Angaben

Herbert Taschler, La Cucina Sarda, 85 Originalrezepte aus Sardinien, 320 Seiten, ca. 140 Abbildungen, Fotografien von Udo Bernhart, Format: 22,5 x 27,1 cm, Verlag: Christian, 1. Auflage, München, 25.3.2019, ISBN: 978-3-95961-290-6, Preis: 39,99 EUR (D)




Brandzeichen oder Spiel ohne Grenzen – Zum Thriller „Nemesis“ von Jilliane Hoffman

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Der Thriller „Nemesis“ von Jilliane Hoffman, der im englischen Original „Nemesis Rising“ heißt und aus dem Englischen von Katharina Naumann und Sophie Zeitz übersetzt wurde, ist ein weiteres Werk aus der Reihe mit Chloe J. Townsend.

Townsend ist das, was Hoffmann war: Staatsanwältin. Während die Autorin Staatsanwältin im vs-amerikanischen Sonnenstaat Florida war und „jahrelang im Auftrag des Bundesstaates die Spezialeinheiten der Polizei – von Drogenfahndern bis zur Abteilung für Organisiertes Verbrechen – in allen juristischen Belangen“ unterrichtete, die der Verlag Wunderlich beispiels- und dankenswerterweise auf dem Schutzumschlag mitteilt, machte die häufig nur C.J. genannte Hauptfigur ihrer Kriminalroman-Reihe Karriere in Miami.

Der Wunderlich-Verlag teilt zu Leben und Werk der C.J. Townsend auf seiner Heimatseite Folgendes mit: „Als ihr der gefahndete Serienmörder Cupido zur Anklage vorgeführt wird, wird C.J. zwölf Jahre in ihre eigene Vergangenheit zurückkatapultiert: in jene schreckliche Nacht, in der sie von ebenjenem Mann gefoltert und vergewaltigt wurde, der nun vor ihr sitzt … 
Mit diesem Szenario in «Cupido» (2004) eröffnet Jilliane Hoffman ihre Reihe um die Staatsanwältin C.J. Townsend und nimmt uns mit in die faszinierende Welt der juristischen Hintergründe von Gewalttaten. Dabei stellt Hoffman ihre Protagonistin vor die Frage: Was tut ein Opfer, wenn es die Chance bekommt, den Täter zu verurteilen und wie lässt sich der Konflikt zwischen dem Streben nach persönlicher Rache und dem Gerechtigkeitssinn einer Staatsanwältin lösen?
Auch im zweiten Teil «Morpheus» (2006) und «Argus» (2012) bleibt es spannend, denn das Böse findet immer einen Weg. Kann C.J. ihm entkommen?“

Offensichtlich, denn Frau Staatsanwältin ist auch im vierten Teil der Reihe mittenmang dabei, nachdem „auf einer Mülldeponie in Südflorida … die Leiche einer jungen Frau aufgefunden“ wird, die „enthauptet und gebrandmarkt“ wurde „wie ein Stück Vieh“. Das Brandzeichen deutet auf einen Club hin, dessen Mitglieder, 13 Männer, Geld dafür bezahlen, „um bei Morden zuzusehen“, deren „Kandidatinnen ahnungslos sind.

Genauer gesagt: Es ist ein Snuff-Club für die Bourgeoisie und er ist wieder aktiv. Deswegen wird diejenige, die keinen Menschen gebären kann, aber angeblich großziehen will, einen töten.

Richtig, das ist der Club, dem auch Chlios Peiniger Bill Bantling alias Cupido angehörte. Damals zahlten sie, um per Livestream bei Vergewaltigungen und Folterungen junger Frauen dabei zu sein. C.J. steckt als Opfer und Staatsanwältin zwischen Rache und Recht, als Wissende um Wahn und Wirklichkeit zwischen Schuld und Sühne. Schwierig für sie, den Weg durchs Leben zu gehen und sich selbst den Pfad zu weisen.

Das Böse zieht in denn Bann – mit Verlaub: wie das Buch -, doch weder das eine noch das andere ist schön und gut. Aber spannend ist das 528 Seiten starke Buch der Ex-Staatsanwältin, die ihre polizeilich-juristische Basis wie aus dem FF beherrscht. Und lesenswert!

Bibliographische Angaben

Jilliane Hoffmann, Nemesis, Thriller, Übersetzung aus dem
Englischen von Katharina Naumann und Sophie Zeitz, 528 Seiten, Hardcover, Verlag: Wunderlich, 1. Auflage, Hamburg, 26.3.2019, ISBN: 978-3-8052-5072-6, Preis: 22,95 EUR (D), auch als E-Buch für 14,99 EUR erhältlich




100 Fotos zur Musikgeschichte der 80er Jahre in Düsseldorf – Annotation zum Buch „Geschichte wird gemacht“

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Heyne
Hardcore steht im Musiksegment für feine Bücher zur Musikgeschichte
der 80er bis Nullerjahre. Dem wird der Verlag mit dem Bildband
„Geschichte wird gemacht: Deutscher Underground in den Achtzigern“
wieder mal gerecht. Ausgehend vom Ratinger
Hof
,
dem Geburtshelfer vieler Düsseldorfer und anderer deutscher Punk und
Artpunkbands, liefert uns der Bildband wertvolle Schnappschüsse zum
einstigen Geschehen. Fotograf Gleim war ein Teil der Szene, heute
sind seine ungekünstelten Fotos ein feines Stück Historie. Häufig
hat er einfach nur draufgehalten, das erklärt den privaten Charme.

Wenige
Meter von der Kunsthochschule entfernt, war der Ratinger
Hof

für viele Kunststudenten ein Ort, an dem in der Hochzeit des Punks
ihrem wildem Neben-Ich Zucker geben konnten.

Den
Fotos sind Texte verschiedener AutorInnen zugeorndet, das ergibt viel
Erinnerungsprosa und wenig substanzielles, die großen Namen der
Musikgeschichte sucht man vergeblich im Band. Zwei Beispiele: Der
Kurzbeitrag zu Nico ist kleinkariert und ganz schlimm, die
Bemerkungen zu Genesis P-Orridge großer Erkenntnisgewinn. Die
Konzentration der Texte auf Düsseldorf (mit ein bisschen Berlin)
macht den Titel Deutscher Underground etwas fragwürdig. Aber sehen
wir es sportlich, Punk kann jeder sein, über Punk kann demzufolge
auch jeder schreiben wie er=sie Lust hat – genau das ist Punk,
Alte/r!

Wenn also 30 Euro unbenutzt in eurer Tasche klimpern, holt euch das kunterbunte Bilderbuch zur Geschichte des Ratinger Hofs.

Bibliographische Angaben

Ar/Gee Gleim, Xao Seffcheque (Hrsg.), Edmund Labonté (Hrsg.), Geschichte wird gemacht, Deutscher Underground in den Achtzigern, 244 Seiten, Fotos von Ar/Gee Gleim, 100 s/w Abbildungen, inklusive CD mit 7 Songs, Verlag: Heyne Hardcore, München, März 2019, ISBN: 3-453-27211-8, Preise: 30 EUR (D), 30,90 EUR (A), 41,50 SFr