Ein amerikanischer Abenteuerroman – Zum Roman „Gotteskind“ von John Wray

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Zwei junge Amerikaner reisen kurz vor 9/11 nach Afghanistan. Die 18-jährige Aden (waschechte Amerikanerin) und ihr gleichaltriger Freund Decker (mit pakistanischen Wurzeln) haben nur ein Ziel: ihre verhasste Heimat zu verlassen, sich den Taliban anzuschließen, um so einen Sinn hinter ihrer Existenz zu erkennen.

Adens Verschwinden aus den USA ist die Flucht vor ihren Eltern. Sie ist wütend und verwirrt, weil die Eltern (Mutter depressive, mit sich selbst beschäftigte Alkoholikerin, getrenntlebender Vater reißt die jungen Damen auf) ihr keine Liebe schenken. Diese enttäuschte Liebe und ein daraus resultierender Wahn, samt der Sehnsucht nach einer unklaren Erlösung, sind letztlich Adens Triebfedern, die sie zur „kleinen Scharfrichterin“ werden lassen.

Aden hat noch in den USA ihre Haare abgeschnitten, die Brust abgebunden und gibt sich als junger Mann aus, weil sie nur als Mann am Dschihad teilnehmen kann. Nachdem sie sich einige Wochen in einer Koranschule an der Grenze zwischen Pakistan und Afghanistan zum Studium des Korans aufhalten, gelangen Aden und Decker zu einer Ausbildungseinheit der Taliban. Schon bald zeigt sich, dass Decker der Wirklichkeit vor Ort nicht gewachsen ist. Aden lebt weiter ihren Traum vom Gotteskrieg, wird aber von ihrer Gefühlswelt eingeholt. Sie verliebt sich in den charismatischen Offizier Ziar, dem ihre Verkleidung als Mann nicht verborgen blieb. In der Folge ziehen Aden, Ziar und fünfzig weitere Rekruten in den Kampf. Bevor sie aber auch nur einen Schuss abgibt, wird ihre Einheit durch amerikanische Bomber aufgerieben.

Während des dramatischen Bombardements kommen sich Ziar und Aden näher. Indes Bomber wüten, haben sich Ziar und Aden in eine Höhle gerettet, um für eine Nacht das Wort Liebe zu deklinieren. Ziar wusste um ihr Geheimnis. Aber auch einige andere, nicht in sie verliebte Taliban, glauben nicht so recht, dass Suleyman, so Adens neuer muslimischer Name, ein Mann ist.

Der Kreuzweg zu Adens Befreiung ist steinig und Leichen pflastern ihren Weg.

Autor John Wray hat sich von der Geschichte des „amerikanischen Talibans“ John Walker Lindh inspirieren lassen, von dem er im Rahmen einer Reportagereise nach Afghanistan gehört hatte, er sei mit einer Amerikanerin unterwegs gewesen. Der Kunstgriff gibt dem Roman eine besondere Spannung, weil man permanent mit Aden/Suleyman vor der Angst der Entdeckung ihrer wahre Identität mitfiebert. Die Geschichte ist linear und klar erzählt, das macht sie zuweilen etwas langweilig, nichtssagende, sich ziehende Dialoge garniert mit islamischen Weisheiten, es ist bestimmt kein außergewöhnliches Prosawerk. Die eigentliche Macke unserer Heldin wird nur in knappen Texten an den jeweiligen Kapiteleingängen angedeutet. Doch weil der Autor das Genre des Abenteuerromans beherrscht, ist es immerhin leidlich spannend. „Ein Roman mit permanenter Hochspannung“, dichtete der MDR.

Wenn man sich darauf einlässt, trägt einen das bis zum traurigen Ende der Geschichte.

Mein Freund Merkel erzählte mir, unser Freund Eilenberger hätte ihm erklärt, Sprache und Dramaturgie seien kunstvoll der Erzählweise des Korans nachempfunden. Vielleicht ist das so. Ich lasse das mal so stehen.

Bibliographische Angaben

John Wray, Gotteskind, Übersetzer: Bernhard Robben, Roman, 352 Seiten, Verlag: Rowohlt, Reinbek 2019, ISBN: 3-498-07394-7, Preis: 23 EUR (D), als E-Buch 19,99 EUR (D)




Zeitlose Moderne, 100 Jahre Bauhaus – Die überarbeitete und aktualisierte Ausgabe eines beachtlichen Buches über das Bauhaus von Magdalena Droste

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Das Buch „Bauhaus“ von Magdalena Droste ist nicht nur beachtlich, weil es in der Größe XL daherkommt und 400 Seiten dick ist, sondern weil dieses kompakte Werk ein scheinbar vollständiges Bild über das Bauhaus der Jahre zwischen 1919 und 1933 bietet und zur „noch immer ungebrochene … Auseinandersetzung mit der Avantgardeschule“, wie Annemarie Jaeggi, die Direktorin des Bauhaus-Archivs, Museum für Gestaltung, Berlin, im Vorwort zur Neuauflage 2019 notiert, beiträgt.

© Bauhaus-Archiv Berlin

„Nach wie vor“ würden „die am Bauhaus entwickelten Ideen und Maxime vielfältigste Impulse für die unterschiedlichen Bereiche, sei es zu Lehrmethoden, zu zeitgemäßer Gestaltung, zu Architektur, zu Wohnen oder zu Arbeits, Produktions- und Lebensweisen“ liefern, meint Jaeggi zu diesem einst „ganzheitlichen, oft auch utopischen Anspruch, alle Bereiche des Lebens zu reformieren“. Dass das bis heute viele Leute in manchen Ländern fasziniert, das glaubt man gerne, finden doch „Einfachheit, Materialsparsamkeit und damit einhergehend auch eine gewisse Zeitlosigkeit der Objekte … in vielen Kulturen einen Widerhall“.

© Bauhaus-Archiv Berlin

Die Fragen von einst scheinen die Zeit überdauert zu haben: „‚Wie wollen wir leben?‘ ‚Wie wollen wir wohnen?‘ ‚Wie kann ich mit weniger mehr erreichen?‘ oder ‚Was kann ich zu einem besseren Leben beitragen?'“ würden laut Jaeggi „nach wie vor eine enorme Schubkraft verbreiten“. Warum? Das liest man auf den folgenden 400 Seiten und sieht man auf den über 550 Abbildungen.

Auf der Titelseite des Schutzumschlags prangt das Bauhaussiegel von Oskar Schlemmer. Der Inhalt ist gegliedert in die Teile „Bauhaus Weimar: Das expressionistische Bauhaus, Kunst und Technik – eine neue Einheit, Bauhaus Dessau: Hochschule für Gestaltung, Hannes Meyer: Volksbedarf statt Luxusbedarf, Ludwig Mies van der Rohe: Das Bauhaus wird zur Architekturschule.

© Bauhaus-Archiv Berlin

Drostes Buch bietet einen Anhang mit Anmerkungen und Biografien von Josef Albers, Alfred Arndt, Herbert Bayer, Marianne Brandt, Marcel Breuer, Lionel Feininger, Walter Gropius, Gertrud Grunow, Ludwig Hilberseimer, Johannes Iten, Wassily Kandinsky, Paul Klee, Gerhard Marcks, Hannes Meyer, Ludwig Mies van der Rohe, Lásló Moholy-Nagy, Georg Muche, Walter Peterhans, Lilly Reich, Hinnerk Scheper, Oskar Schlemmer, Joost Schmidt, Lothar Schreyer und Gunta Stölzl. Eine Bibliografie, ein Personenregister, ein Bildnachweis und ein Impressum beenden das Buch, das vom Berliner Bauhaus-Archiv, Museum für Gestaltung, herausgegeben wurde und bei Taschen verlegt wird.

Bibliographische Angaben

Magdalena Droste, Bauhaus, 1919 – 1933, 400 Seiten, überarbeitete und aktualisierte Ausgabe 2018, Einband, Verlag: Taschen, 2018, ISBN: 978-3-8365-7279-8, Preise: 40 EUR (D), 40 EUR (A), 55 sFr




Nuggets oder VSA 08/15 – Zum Bildband „Nuggets – Amerikanische Landschaften – Reise ins Landesinnere der USA“ von Tom Haller

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Dass die Vereinigten Staaten von Amerika (VSA) alles andere sind als ein Traum und das Imperium, in dem sich ein Tellerwäscher zum Millionär und Saubermann hochreinigen kann, das kann und darf jeder wissen, der es wissen will.

Manchmal reichen dafür ein paar Blicke auf ein paar Bilder, beispielsweise auf die von Tom Haller, statt ein paar Semester am Lateinamerika-Institut (LAI) der Freien Universität Berlin, das die meisten auch nur als Laien verlassen, ohne ihren Gegenstand je auf den Begriff gebracht zu haben, um die VSA auch als 08/15 zu erkennen und zu benennen.

Comstock, Texas. © Tom Haller

Der Schweizer Tom Haller, geboren 1964, lebt und arbeitet seit 1994 von Zürich aus als freischaffender Fotograf mit Schwerpunkt Porträt und Reportage. Seit 1990 hat er auf Reisen durch die USA auch ein umfangreiches Werk an Landschaftsbildern geschaffen, die uns seinen Blick auf das Gesicht Amerikas zeigen. Aus der Perspektive des Reisenden schaut Haller in die Prärie, auf Berge und in den Himmel, auf Straßen, Wohnhäuser und Motels, Sportarenen, Shops und auf im Niemandsland vergessene Autowracks. Seine Aufnahmen bilden die Verheißung dieser Landschaften und die Grenzen der durch sie angeregten Träume ab.

Die sorgfältig ausgewählten Bilder in diesem Buch – gewissermaßen fotografische Nuggets – erzählen von Aufbruch und Wunsch, von Verfall und Melancholie und damit vom Zustand des Staates und der Stimmung seiner Bewohner. Ausgehend von Tom Hallers Fotografien reflektiert der bekannte Journalist Christian Seiler, auch er ein weit gereister Amerikakenner, die Intentionen des Fotografen, aber auch die Gestimmtheit des Landes.

Bibliographische Angaben

Nuggets, American Landscapes – Reise ins Landesinnere der USA, Fotografien von Tom Haller. Mit einem Text von Christian Seiler, 112 Seiten, 55 farbige Abbildungen, Text Deutsch und Englisch, Gebunden, Format: 28 x 22 cm, Verlag: Scheidegger & Spiess, 1. Auflage, Zürich 2019, ISBN 978-3-85881-602-3, Preis:




Thomas Bernhard schneit abermals vom Bücherhimmel zu uns herab

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Die
Buchwelt kann nicht genug Thomas Bernhard bekommen, das ist schon
eindeutig so. Insofern: Chapeau liebe Residenzler, das tut ihr recht,
uns lesehungrige mit weiteren Büchern des Meisters zu füttern, auch
wenn es naturgemäß nichts wirklich Neues mehr sein kann, denn er
ist ja schon eine Weile tot.

Trotzdem,
oder gerade deshalb, und weil es im Augenblick in Berlin bitterkalt
ist, und wir die Nähe der wohligen Lesecouch suchen, sind die jüngst
erschienenen Autobiographische
Schriften ein sehr zu begrüßendes Ereignis.

Um
dem Buch eine besondere Note zu verleihen, hat der Verlag dem
Pinselschwinger, also dem renommierten Künstler Herr Wurm gebeten,
ein paar schicke Aquarelle beizusteuern. Der ließ sich wohl nicht
zweimal bitten und machte sich flugs an die Arbeit. Kein Joke mit
Namen, trotzdem bin ich mir sicher, es hätte TB gefallen, von einem
Herrn Wurm illustriert zu werden.

Obgleich die Aquarelle nicht soo der Burner sind, na ja, es sind Portraits vom großen Thomas, sie illustrieren weniger den Text, als das feinnervige, metaphysische…Ganze, glaube ich. Jedenfalls freue ich mich über die kompakte Ausgabe einiger Lieblingsstücke des TM. Es beginnt mit „Die Ursache“, dem „Der Keller“, „Der Atem“, „Die Kälte“ und „Ein Kind“ folgen, gewissermaßen Schlüsselwerke. All diese großen Werke kann man, wie bereits gesagt, nicht oft genug gedruckt sehen, und ich möchte mich dem Verlag anschließen, der da kündet: „Wer die Welt des Thomas Bernhard verstehen will, findet hier den Schlüssel.“

Bibliographische Angaben

Thomas Bernhard, Autobiographische Schriften in einem Band, mit Aquarellen von Erwin Wurm, 496 Seiten, Format: 165 x 240, Residenz Verlag, Salzburg-Wien, 8.1.2019, ISBN: 3-701-7171-49, Preis: 60 EUR




Mythos zweiter Weltkrieg im Spiegel einer sowjetischen Fotografin

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Unter 200 sowjetischen Fotografen tummelten sich im 2. Weltkrieg gerade einmal fünf Frauen. Eine der Damen war die Jüdin Olga Lander. Für die Frontzeitung „Sowjetkämpfer“ ist sie ab 1943 im Einsatz, ohne sich dafür eine Genehmigung einzuholen, tut sie, was sie für richtig hält.

Um
es vorweg zu nehmen, es ist ein großartiger Band, denn Landers Blick
ist ein sehr inniger, mitunter fast verspielt, poetischer. Es sind
nicht die Fotos heroisch wirbelnder Sowjetsoldaten, die Nazis
reihenweise aversiveren, es ist das Alltagsleben an der Front, das
sie festhält. Diese Einfachheit, diese Klarheit gibt den Fotos eine
ungeheure Wucht und zieht uns in einen wahren Bann. Die Soldaten
wirken fast wie nachdenkliche Protagonisten eines wirren Traums vom
Krieg. Neben Lander, zeigt der Band noch ein paar weitere
Kriegsfotografinnen aus der Zeit der beiden Weltkriege.

Starke Fotos, die unter die Haut gehen.

Bibliographische Angaben

Olga Lander, Sowjetische Kriegsfotografin im Zweiten Weltkrieg / Ольга Ландер. Советский фотокорреспондент во Второй мировой войне, Herausgegeben vom Museum Berlin-Karlshorst e.V., 152 Seiten, Br., Format: 220 mm × 270 mm, Duplex-Abbildungen, Sprachen: Deutsch und Russisch, Mitteldeutscher Verlag, Halle, November 2018, ISBN 3-96311-117-4, Preis: 18 EUR




In der Schwebe mit dem Dramaking – Zum Roman „Mein Leben als Tennisroman“ von Andreas Merkel

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Unser
Land ist am Arsch. Der Sommer ist püriert, der Herbst kocht unter
kleiner Flamme, der Winter kann grausam sein, der Frühling ist
überhaupt unerträglich. Wann also schreiben? Jetzt, heute, gestern!

Und
wann Leben? Kommt mir nicht mit so einem Quark!

Was
macht der große, deutsche Tennisroman? Zum Glück gibt es Autoren
wie Andreas Merkel, die knietief in den Tiefen ihrer zarten Seele
tauchen können. Sie bringen erstaunliches daraus hervor. Zum
Beispiel einen Tennisroman.

Das
Genre des Tennisromans ist in bundesdeutschen Gefilden notdürftig
präsent. Diese Leerstelle, sowie die eigene, durchaus
halbdramatisch, symphytisch Verlierergeschichte im Literatur – wie
im Tennisbetrieb, waren die Antriebsfedern des nicht mehr so jungen
Merkel. So wie jeder gute Tennisroman in Wirklichkeit kein
Tennisroman ist, so haben wir es auch bei „Meine Leben als
Tennisroma“ mit einem durchgeistigten, ja fast durchsichtigen,
feinen Hämmerchen und hauchzartem Ambossbuch zu tun.

Merkel
schreibt über einen Autor, der einen Tennisroman schreiben will.
Andeutungen lassen vermuten, er tut das seit ca. zehn Jahren.
Schreibangst, Selbsthass, ewiger Zweifel – im Buch kommen einige
exemplarische Problemfelder der Autorschaft zusammen. Es kann einem
Bange werden, liebe Eltern, passt auf eure Kinder auf, dass die nicht
in die Fänge der Literatur geraten!

Erzählerisch
sieht das so aus: Arthur Wilkow läuft, in der linken Hand den
Tennisschläger, in der rechten seinen Laptop nackig über den Court,
in der erhabenen Absicht sich selbst zu bespringen. Denn die große
Frage seines Helden lautet, wie kann ich aus einem mittemäßigen und
undramatischen Leben Großes schöpfen? Die Lösung finden die
Farbdeuter unter uns im hellblau-rosa Cover, diesen kleinen Hinweis
gebe ich gern auf den Weg.

Ja,
die lieben Nebenfiguren, der Tennisroman bietet so einige auf. Die
fest im Leben stehende Herrin E. ist eine zentrale Figur im Text, die
den verzweifelten Helden gern an die Hand nimmt und ihm Zugang zu
exklusiven Vergnügungen (Urlaube auf Hawaii, Florida etc.)
verschafft. Während sie Shoppen geht, nagt die Sinnfrage an des
Protagonisten Brust, was am Abend schnell weggevögelt wird.

Auf
die Frage seiner Herrin E. was er so anstellt mit seiner Freizeit
antwortet der Held: „Ja. Ich meine: Nein! Ich muss doch schreiben…“

Ein lesenswerter Roman, leicht eklektizistisch, manchmal nervtötend, feinen Gesinnungsschwengeleien und knorker Selbsidiotisierung und genialem Ende. Wer keine linearen Suspensegeschichten mag, ist hier gut aufgehoben.

Bibliographische Angaben

Andreas Merkel, Mein Leben als Tennisroman, Roman, 304 Seiten,
Gebunden mit ausklappbarem Vorsatz, Blumenbar Verlag, Berlin 2018, ISBN: 3-351-05061-0, Preis: 20 EUR




Detective Inspector Lundy bittet David Hunter zur Wasserleiche nach Essex – „Totenfang“, ein Kriminalroman mir Romanze von Simon Beckett

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Seit 2006 der Thriller „Die Chemie des Todes“ von Simon Beckett als Buch erschien, ist der in Sheffiel lebende englische Journalist und Autor ein großer Berühmter und Hunter, sein Held, ein guter Bekannter.

Sind es die grausamen Details, die Rechtsmediziner Dr. David Hunter, beschreibt, oder ist es Beckett, der seine Leser an die Bücher der Hunter-Reihe fesselt, die weiter wachsen soll, oder was ist der Beweggrund dafür, dass die Hunter-Bücher über den Ladentisch zu gehen scheinen, wie warme Semmel?

Der Mensch scheint den Tod vor allem als Mord so faszinierend zu finden wie die Verwesung des Leichnams. Dass der vierte Band schlicht und ergreifend „Verwesung“ heißt, das wundert daher wenig. Wie auch in Band drei mit dem Titel „Leichenblässe“ bleibt Beckett einwörtig.

Kamen die ersten vier Band in Eile und also Schlag auf Schlag (Die Chemie des Todes 2006, Kalte Asche 2007, Leichblässe 2009 und Verwesung 2010), brauchte es für das fünfte Buch eine Weile. Ende 2016 war es aus sich der Hunter-Fans endlich soweit.

Der fünfte Band ist mit „Totenfang“ überschrieben und führt David Hunter „in die Backwaters, ein unwirtliches Mündungsgebiet in Essex, wo die Grenzen zwischen Land und Wasser verschwimmen. Aber die wahren Gefahren lauern nicht in der Tiefe, sondern dort, wo er sie am wenigsten erwartet“, wie es beim Rowohlt-Verlag heißt. Genau genommen bittet Detective Inspector Lundy Dr. David Hunter zur Wasserleiche nach Essex.

Beckett verheißt Spannung von Anfang, dieses Mal mit Wasserleichen. „Seit über einem Monat ist der 31-jährige Leo Villiers spurlos verschwunden. Als an einer Flussmündung zwischen Seetang und Schlamm eine stark verweste Männerleiche gefunden wird, geht die Polizei davon aus, Leo gefunden zu haben. Der Spross der einflussreichsten Familie der Gegend soll eine Affäre mit einer verheirateten Frau gehabt haben, die ebenfalls als vermisst gilt: Leo steht im Verdacht, Emma Darby und schließlich sich selbst umgebracht zu haben. Doch David Hunter kommen Zweifel an der Identität des Toten. Denn tags darauf treibt ein einzelner Fuß im Wasser, und der gehört definitiv zu einer anderen Leiche.“

Darauf, dass Flüsse wie der Blackwater River auch Abflüsse sind, können sich die Mörder unter uns offensichtlich genau so wenig verlassen wie auf die gründliche Arbeit von Kadaver fressenden Fischen und was sonst noch so im Wasser sein Unwesen treiben, an Land kreucht und in der Luft fleucht.

Der Verlag fährt in seinem Waschzettel wie folgt fort: „Für die Zeit seines Aufenthalts kommt David Hunter in einem abgeschiedenen Bootshaus unter. Es gehört Andrew Trask, dessen Familie ihm mit unverholener Feindseligkeit begegnet. Aber sie scheinen nicht die einzigen im Ort zu sein, die etwas zu verbergen haben. Und noch ehe der forensische Anthropologe das Rätsel um den unbekannten Toten lösen kann, fordert die erbarmungslose Wasserlandschaft erneut ihren Tribut…“

Doch Simon wäre nicht Beckett, wenn er nur von Hunters Heldentaten und nicht auch von seinen Liebesabenteuern schreiben würde. In „Totenfang“ fischt der Autor auch in den Gewässern der Liebe und zieht die zwischen David und Rachel an Land.

Leichenbeschreibungen und Liebesgeschichten schmücken den guten alten englischen Kriminalroman. Und wie es bei Ich-Erzähler-Krimis und Romanen mit Romanzen so ist, der Held stirb trotz Todesangst nie.

Bibliographische Angaben

Simon Beckett, Totenfang, Thriller, 5. Band der Hunter-Reihe, Taschenbuch, aus dem Englischen von Sabine Längsfeld und Karen Witthuhn, Verlag: rororo, Rowohlt Verlagsgruppe, 1. Auflage, 21.09.2017, ISBN: 978-3-499-25505-2, , Preis: Taschenbuch 10,99 EUR (D) und Audiobuch 9,99 EUR

Das Buch kam auch als Hardcover beim Verlag Wunderlich, Rowohlt Verlagsgruppe, ISBN: 978-3-8052-5001-6, Preis: 22,95 EUR (D) und auch als Audiobuch für 9,99 EUR gekauft werden.




Wenn die Chemie nicht stimmt – Zum Thriller „Die Chemie des Todes“ von Simon Beckett

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Wenn die Chemie stimmt, dann haben sich zwei gesucht und gefunden. Ist das jedoch nicht der Fall, herrscht Disharmonie, passt etwas nicht. Wenn ein Mensch verwest, dann ist er schon eine Hand voll Minuten eine Leiche. Der Leichnam werde „zu einem gigantischen Festschmaus für andere Organismen“. Vor allem Bakterien und Pilze legen los, wie die Eisenbahn, und zersetzen komplexe organische Verbindungen. „Das Gewebe wird erst flüssig, dann gasförmig.“

Irgendwann legen auch Insekten los. „Fliegen. Aus den gelegten Eiern schlüpfen Larven, die sich an der nahreichen Substanz laben und dann abwandern. Die Larven verlassen die Leiche in Reih und Glied, in einer Schlangenlinie, die sich immer nach Süden bewegt. Niemand weiß warum. Mittlerweile sind die Proteine der Muskeln zerfallen und haben einen für die Vegetation tödlichen Chemiecocktail produziert. Durch die Larven, die durch das Gas krabbeln, entsteht so eine Nabelschnur des Todes, die sich zu ihrem Ausgangspunkt zurückspannt. Unter den entsprechenden Bedinungen, warm und trocken beispielsweise, ohne Regen, kann sie Meter lang werden. Eine dicke braune Schlangenlinie, die vor fetten gelben Larven zu pulsieren scheint. Ein sonderbarer Anblick, der jeden dazu veranlassen würde, dieses Phänomen zurück zu seinem Ursprung zu verfolgen. Und so entdecken die Yates-Brüder, was von Sally Palmer übrig geblieben war …“, lesen wir in „Die Chemie des Todes“ von Simon Beckett, aber hören Sie selbst den Buchtrailer.

Thrillig geht es los und weiter im ersten Band der David-Hunter-Reihe: „Die Tote war Schriftstellerin, eine Außenseiterin in Devonshire. Verdächtiger Nummer eins ist der schweigsame Fremde im Dorf, ein Dr. David Hunter. Doch es stellt sich heraus, dass er früher Englands berühmtester Rechtsmediziner war, und die Polizei bittet ihn um Unterstützung. Gerade 
als seine Analysen zeigen, dass die Ermordete vor ihrem Tod tagelang gefoltert wurde, verschwindet eine weitere junge Frau. Eine fieberhafte Suche beginnt. Gleichzeitig bricht im Dorf eine Hexenjagd los. Der Pfarrer, ein knöcherner Fanatiker, hetzt die Leute auf, und David ist Zielscheibe seiner Hasspredigten …“

Kriminalistischer Nervenkitzel bis zum Schluss und durch die gesamte Reihe. Mittlerweile gibt es fünf Bücher und Band sechs mit dem Titel „Die ewigen Toten“ soll im Februar 2019 folgen.

Die Reihe um den forensischen Anthropologen David Hunte des Journalisten und Schriftstellers Simon Beckett, der in Sheffield lebt, wird weltweit gelesen. „Die Chemie des Todes“, „Kalte Asche“, „Leichenblässe“, „Verwesung“ und „Totenfang“ waren allesamt Bestseller auch in deutschen Landen.

„Die Chemie des Todes“ kam 2006 unter dem Originaltitel „The Chemistry of Death“ heraus. Das Buch wurde aus dem Englischen ins Deutsche von Andree Hesse übersetzt. Im Rowohlt-Verlag erschien das Buch in seiner ersten Auflage als Hardcoer am 17. Februar 2006 und als Taschenbuch am 1. August 2007. Das Audiobuch, gelesen von Johannes Steck folgte am 31. März 2010.

Bibliographische Angaben

Simon Beckett, Die Chemie des Todes, 432 Seiten, Übersetzung: Andree Hesse, Verlag: rororo, ISBN 978-3-8052-0811-6, Preis: Taschenbuch und Audiobuch 9,99 EUR, Hardcover 19,90 EUR, auch im Verlag Wunderlich der Verlagsgruppe Rowohlt erschienen




Zum Hörbuch „Leere Herzen“ von Juli Zeh – mit voller Stimme gelesen von Ulrike C. Tscharre

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Der Roman „Leere Herzen“ von Juli Zeh spiele laut Caroline Schultz in „Gänsehaut beim Finale“ (17.10.2018) in fiktiver Zukunft im Jahr 2025. Schultz schreibt: „Angela Merkel ist längst nicht mehr im Amt, Donald Trump hingegen ist unvermutet Retter auf internationalem Parkett. Das Besorgte-Bürger-Bündnis schafft nach und nach jegliche Form von Mitbestimmung und Demokratie ab, und so geht es weiter… In dieser Gesellschaft hat sich die völlig desillusionierte und pragmatische Britta Söldner und ihr Geschäftspartner Babak Hamwi erfolgreich eingerichtet. Die ausgebildete Heilpraktikerin ist mit Richard verheiratet, Mutter einer Tochter und bietet in ihrem Therapiezentrum „Die Brücke“ eine besondere Form der Behandlung an. Doch niemand ahnt, was hinter dieser Fassade wirklich geschieht. Tatsächlich betreiben Babak und Britta ein lukratives und gefährliches Geschäft mit dem Tod. Ehemann Richard ist mit seinen Geschäften wenig erfolgreich, so dass er auf Britta, die für das Familieneinkommen sorgt, angewiesen ist. Eines Tages geschieht das unvermeidliche, „Die Brücke“ bekommt unliebsame Konkurrenz und schließlich geraten Babak, Britta und ihre Familie in Lebensgefahr.“

Beim Verlag Der Hörverlag klingt das so: „Als ihr Unternehmen unliebsame Konkurrenz zu bekommen droht, setzt Britta alles daran, die unbekannten Trittbrettfahrer auszuschalten. Doch sie hat ihre Gegner unterschätzt. Bald ist nicht nur Brittas Firma in Gefahr, sondern auch ihr Leben …“

So kann man es sagen und schreiben. Und das liest Ulrike C. Tscharre vor, fast sieben Stunden lang. Dass die 1974 geborene Tscharre an der Akademie für Darstellende Kunst in Ulm zur Schauspielerin ausgebildet wurde, auf Brettern, die die Welt bedeuten, stand und also in Theatern auftrat, das hört man. Nebenbei bemerkt gelangte sie über das Fernsehen auch zum Film. Beispielsweise ist sie in „Werk ohne Autor“ von Oscar-Preisträger Florian Henckel von Donnersmarck zu sehen.

Zu hören ist Tscharre nicht nur in „Leere Herzen“, sondern unter anderem in Henning Mankells „Wallander“-Reihe, in Annette Mingels „Was alles war“ und im Hörspiel zu Frank Schätzings „Der Schwarm“, aus dem Hörverlag.

Wie „Der Schwarm“ ist „Leere Herzen“ ein Blick in die Zukunft und die siehst zappenduster aus. Das scheint zu Braunschweig zu passen, wo der Gefreite aus Braunau seine Einbürgerung ins Deutsche Reich bekam. Dort wird der Abgang von Angela Merkel erlebt. Lustig, oder? Doch es wird noch lustiger. Die Neue heißt Regula Freyer und die Innenministerin dieser zweiten Kanzlerin der Berliner Republik wird Wagenknecht.

Keiner liest mehr Zeitungen und Zeitschriften („Zeitungslesen war wie ein Mitgliedsausweis, es verschaffte ein Zugehörigkeitsgefühl“), alle scheinen Entfremdet. Glaube, Liebe, Hoffnung, das war einmal. Der offene Diskurs ist tot wie die offene Gesellschaft vor lauter Autokraten in Washington und Moskau oder Ankara. Die EU befindet sich in Auflösung. Alles ist wie Braunschweig. Eine mittelmäßige Stadt in einem mittelmäßigen Land mit mittelmäßigen Einwohnern. Vor diesem polit-ökonomischen und kulturellen Hintergrund wird es hörbar spannend, der utopische Roman lässt die Hüllen fallen und wird zu einem unterhaltsamen Thriller.

Bibliographische Angaben

Juli Zeh, Leere Herzen, Hörung, gelesen von Ulrike C. Tscharre,
Originalverlag: Luchterhand, Laufzeit: 6 Stunden und 55 Minuten, Verlag: Der Hörverlag, 1. Auflage, München, 13. November 2017, ISBN: 978-3-8445-2801-5, Preis: 13,95 EUR (D)




„Auf de Fresse“ oder unter Leute in Unterleuten – Hörbuch und Hörspiel

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Zum Gesellschaftsroman „Unterleuten“ von Juli Zeh heißt es von Seiten der Verlagsgruppe
Random House mit Sitz in München, dass „der flüchtige Blick auf das Dorf in Brandenburg nur „altertümliche Namen der Nachbargemeinden, … schrullige Originale, die den Ort nach der Wende prägen“ und „unberührte Natur mit den seltenen Vogelarten“ bringe. Doch wer hinter die „Fassaden der kleinen Häuser“ blicke, der sehe „alte Streitigkeiten“ aufbrechen. „Und obwohl niemand etwas Böses will, geschieht Schreckliches“, heißt es weiter.

Zeh beschäftigt sich nicht nur mit dem Abseitigen der Berliner Republik, sondern mit „Fragen unserer Zeit …, der sich hochspannend wie ein Thriller“ lesen würden. Und so hört sich das liest. Gibt es im 21. Jahrhundert noch eine Moral jenseits des Eigeninteresses? Woran glauben wir? Und wie kommt es, dass immer alle nur das Beste wollen, und am Ende trotzdem Schreckliches passiert?

Thrillig liest sich der Roman, dessen Geschichte „wie ein Kaleidoskop“ sei, „man dreht ein wenig, und alles sieht anders aus“. So und nicht anders hört sich das gleichnamige Hörspiel aus dem Hörverlag auch an, für das Axel Prahl, Hilmar Eichhorn, Udo Wachtveitl, Jördis Triebel, Jaecki Schwarz, Tanja Wedhorn, Moritz Grove, Wolfram Koch, Ulrike Krumbiegel, Swetlana Schönfeld, Winnie Böwe, Boris Aljinovic, Martin Seifert, Schortie Scheumann, Ernst-Georg Schwill, Carl Heinz Choynski, Malina Ebert, Alexander Khuon, Steffi Kühnert, Michael Rotschopf, Lisa Hrdina, Anna Böttcher, Christoph Gawenda, Thomas Fränzel, Mandy Rudski und Milan Peschel sprachen.

In der Fassung von 2016 (2 mp3 CD`s) spricht Helene Grass die Geschichte mit ruhiger Stimme. Das passt zu der Erkenntnis, dass die Idylle eines Dorfes in Brandenburg auch alles andere als himmlisch sein kann. Denn sobald die Harmonie des von klein- und bildungsbürgerlichen Geistern verklärten Landlebens gestört wird, beispielsweise durch Kapitalisten, die nah beim Dorf Windräder in den Himmel sprießen lassen wollen, bricht die Hölle aus.

Bibliographische Angaben

Juli Zeh, Unterleuten, Gesellschaftsroman, Originalverlag: Luchterhand HC, Regie: Judith Lorentz, Bearbeitet von Judith Lorentz, Hörbuch CD, 6 CDs, Laufzeit: 5 Stunden, 10 Minuten, Verlag: Der Hörverlag, Oktober 2018, minISBN: 978-3-8445-2980-7, Preise: 20 EUR (D), 20 (EUR (A), 30,50 sFr