Leadershit oder Leadership? Best Practice Leadershit von Stefan Häseli

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Best Practice Leadershit – der Titel ist einfach genial und lässt niemanden kalt. Ein Schmunzeln ist das mindeste, was er entlockt. Manche können sich gar nicht wieder einkriegen vor Lachen. Was den Titel so genial macht, ist die Veränderung nur eines einzigen Buchstabens am Wortende. Inhaltlich passt es: Was hochbezahlte „Leader“ – „Führer“ ist ja Tabu außer in Kombinationen wie „Führerschein“, „Reise-“ und „Stadtführer“ – so für Mist verzapfen, geht auf keine Kuhhaut. Doch einfach nur meckern, aber keine Ahnung haben, hat wenig Wirkung. Es sieht aus wie das neidvolle Schreien „die machen alles falsch und kriegen viel Geld dafür“ ohne, dass es irgendjemanden kratzt. Neider kreischen auf der Straße, die (Manager-) Karawane zieht weiter.

Doch ein rebellisches Buch eines Linken ist Stefan Häselis „Best Practice Leadershit“ Gott sei Dank sowieso nicht. Dafür ist der Schweizer viel zu brav. Dass Eidgenossen auch anders können, beunruhigend anders, wissen wir seit „Züri brennt“, den unruhigen Zeiten in Zürich.

Wobei doch gerade die Schweiz Vorbild für Stabilität ist oder sich so gibt. Uhrmacher findet man heute kaum noch und wenn, sind sie alt. Uhrenverkäufer gibt es noch. Viele Uhren lassen sich nicht mehr reparieren; gerademal, dass die unsäglichen Batterien immer ausgetauscht werden müssen und werden (obwohl es auch Solar- und Automatikuhren gibt und diese chinesischen Armbanduhren aus Taiwan, die man einfach ins Wasser tauchen muss, damit sie wieder laufen). Bei Imkern geht es noch, doch andere Handwerke sind in Deutschland so gut wie ausgestorben, in der Schweiz findet man manchmal noch einen Handwerker. Auch in puncto Püntklichkeit sammeln die Eidgenossen Punkte.

Best Practice Leadershit von Stefan Häseli lässt nur manche Augen trocken und hat für jeden etwas parat

Äußeres der Neuerscheinung / Buchneuerscheinung Best Practice Leadership (statt Leadership)
Stefan Häselis neues Buch „Best Practice Leadershit“. Copyright Verlag BusinessVillage (Eigenschreibweise)

Hier geht es um die tatsächlichen Tragödien in mitteleuropäischen Führungsetagen. Gut bezahlt zu sein, ist grundsätzlich in Ordnung. Führen zu dürfen und dann Blödsinn zu reden und dann Verantwortung weder richtig zu übernehmen noch Entscheidungen zu treffen, ist ein nicht gehaltenes Versprechen, ein Kündigungsgrund, der nicht wirksam wird (schließlich kündigen die Chefs – und wer kündigt die Chefs?), eine Enttäuschung, eine Schwächung der Volkswirtschaft.

Leitende Angestellte stehen in der Mitte. Sie sind keine eigentlichen Chefs, da weisungsgebunden und kontrollierbar. Aber sie geben Anweisungen. Entscheiden im Kleinen, sind nicht die großen Entscheider, aber treffen Entscheidungen.

Teamleiter auf verschiedenen Ebenen müssen präsentieren, neuen Herausforderungen in der EDV, in der Genderpolitik und beim Klimawandel begegnen. Welche Fallen da warten und welche Verzögerungstaktiken letztlich den Fortschritt aufhalten und die Effektivität begrenzen, zeigt Häseli wie ein (als) Insider.

Wertvolle Kapitel für jeden

Wer in einem Unternehmen Entscheidungen zu treffen hat, wird sich/ seine Kollegen bestimmt an der einen oder anderen Stelle wiederfinden. Kaum ein Thema wird ausgelassen: Digitales, „social media“ (eigentlich unsozial, deshalb die Anführungsstriche), Datenschutz und vieles andere mehr.

Eine Pressemitteilung zu dieser Buchneuerscheinung gibt es auch.

„Der Blick unter die Teppiche der Chefetagen“ – hüstel. Bloß keinen Staub aufwirbeln.

„Stefan Häseli begegnet unternehmerischen Absurditäten – mit einem Augenzwinkern“ – ja, das tut er. Der Humor kommt durchgehend nicht zu kurz.

“Strategisch planen, menschlich führen und wertschätzend kommunizieren – das alles sollen Führungskräfte heutzutage. In disruptiven Zeiten müssen sie den Wandel gestalten, kurzum: digitalisieren und transformieren – am besten agil. Doch weil die Steuermänner und -frauen längst nicht mehr alles im Griff haben, mehren sich in den Unternehmen die Absurditäten. Nicht immer bemerkt, manchmal belächelt und häufig unter die Teppiche der Chefetagen gekehrt…

Genau dort schaut Stefan Häseli in seinem neuen Buch „Best Practice Leadershit – Absurde Wahrheiten aus den Chefetagen“ einmal etwas genauer hin. Im Mittelpunkt seiner feinsinnigen Satire steht Hannes, 49 Jahre alt, studierter Betriebswirt, Produktionsleiter und Mitglied der Geschäftsleitung eines internationalen Industriekonzerns.

Wie lässt sich das rigorose Sparprogramm als große Innovation deklarieren? Mit welcher Methode kann man den größten Blödsinn dem Team noch als wahren Fortschritt unterjubeln? Was hat es mit dem Leitbild-Konfigurator für den schnellen Erfolg auf sich? Und wieso gibt es plötzlich so viele merkwürdige Marketingideen? Der Protagonist erlebt, durchleidet und stiftet an.

Die Geschichten von und mit Hannes illustrieren mal amüsant und mal scharfzüngig, was momentan in den Chefetagen der Firmen so alles ausgebrütet und angedacht wird. Bestes Handwerkszeug also für Führungskräfte – die es schon sind, die es gerne werden wollen und auch für jene, die dort nie ankommen werden. Ein heiteres Nachschlagewerk von Werten bis Wahnsinn, von Themen bis Trends, von Beruf bis Berufung, von Leadership bis Leadershit.“

Bibliographische Angaben

Verfasser: Stefan Häseli
Titel: Best Practice Leadershit – Absurde Wahrheiten aus den Chefetagen
Verlag BusinessVillage (Eigenschreibweise)
192 Seiten, 19,95 Euro, in der Schweiz CHF 25,90 (Schweizer Franken).
ISBN-10 3-86980-454-8. ISBN-13 978-3-86980-454-5.

Mehr zum Buch online auf http://www.businessvillage.de/bl/1060 .




Caitlin lässt die Leichen tanzen – Zum Buch „Wo die Toten tanzen“ von Caitlin Doughty

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Yo, ihr Lieben, der Tag der Toten naht und der Herbst beglückt uns. Zeit zum melancholischen Räsonieren über die ewige Wiederkehr des Gleichen und ähnlichen Scheiß.

Je nach Schulabschluss landen wir recht schnell bei der täglichen Frohn, dem Wochenendhaus oder der Sehnsucht nach dem Tode. Nun nicht gleich erschrecken, in Westeuropa wird man gemeinhin alt, wenn man sich keine böse Krankheit eingefangen, oder der Gott des Zufalls es auf einen abgesehen hat.

Caitlin Doughty ist eine fesche Todeselfe aus dem fernen Amerika. Sie hat es sich zur schönen Aufgabe gemacht, uns Menschen aufregende Arten des Sterbens, Tot seins und Trauerns zu erklären.

Und wie macht sie das?

Die gute Frau reißt um die ganze Welt und schaut unseren Mitmenschen dabei zu. Das ist oft erhellend, manchmal etwas zu lustig gedichtet, auch nerven die häufigen Hinweise auf ihre eigene Beerdigungsklitsche gelegentlich. Doch weil die Schauplätze (Indonesien, Japan, Bolivien, USA usw.) flink wechseln und die 46 feinen Illustrationen von Landis Blair für Kurzweil sorgen, liest man bis zum Schluss, aka bitteren Ende, um im Beerdigersprech zu landen.

Ein bisschen tot sind wir irgendwann alle, insofern kann es eine durchaus freudige Nachricht sein, möglicherweise für die Wissenschaft als Leiche zu dienen, um neue Formen der Körperbeseitigung… des Körperverschwindens… zu testen. Was es da alles gibt! Langsames Verwesen in feuchten Holzspänen, schnelles Verbrennen, wahlweise mit Holz, Gas oder noch abgefahreneren Brennstoffen, alter Schwede!

Insgesamt ist „Wo die Toten tanzen“ eine nette Unterhaltungsschwarte, die man bei einigen ausgedehnten Friedhofsbesuchen auf einer romantischen Bank gut wegschnurppsen kann.

Bibliographische Angaben

Caitlin Doughty, Wo die Toten tanzen, Wie rund um die Welt gestorben und getrauert wird, Verlag: Malik, München 2019, 256 Seiten, ISBN: 3-89029-506-0, Preise: 20 EUR (Deutschland), 20,60 EUR (Österreich)




Der Traum des Irrationalen – Martin Kulinna fotografiert die Feste und Festivals unserer Welt

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Unsere Welt wird öder. Die Globalisierung, der sogenannte Fortschritt, die Uniformität der Mitte lassen die seltsamen, schrundigen, wilden Ränder stetig erodieren. Wenn uns früher gruselige Geister und mythische Gestalten den Schlaf raubten, sind es heute die modernen Gesellschaftskrankheiten, die uns Menschen irre machen.

Doch leset, es gibt sie noch, die Riten, Kulte und Feste aus alter Zeit. Nennen wir sie Auskünfte aus der Vergangenheit. Sie künden von irrationalen Diskursen, manchmal unerklärlichen Bräuchen, gemeinschaftlich erlebten Ängsten und Freuden.

Martin Kulinna bereist genau jene Orte, wo Feste – Festivals: Riten und Wallfahrten stattfinden. In Bulgarien, Deutschland, Kuba, Litauen, Malta, Peru, Rumänien, Spanien und Teneriffa schießt er mit seiner Kamera Schwarzweiß-Fotos, die für uns den Traum der Irrationalität im Zeitalter der Gleichmacherei festhalten. Ob dieser Traum Freuden- oder Alptraum ist, interessiert ihn nur am Rand. Ihm geht es um das Aufzeigen von dem, was ist. Das kann ein Moment der Ekstase, genau wie einer des Innehaltens in Chaos oder höchstem Glück sein.

Den Fotoserien sind knappe, erklärende Texte vorangestellt. Seine Bilder, in denen er nie als Voyeur, sondern als Teilnehmer erscheint, berauschen in ihrer milden Wucht.

Bibliographische Angaben

Martin Kulinna, Feste – Festivals: Riten und Wallfahrten – Rituals and Pilgrimages, mit Texten von André Meier, 100 Seiten, dt./eng., s/w-Abbildungen, Format: 240 mm × 260 mm, Mitteldeutscher Verlag, Halle 2020, ISBN: 3-96311-306-2, Preis: 25 EUR (D)




Bruno Manser – eine Stimme des Regenwaldes

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Von 1984 bis 1990 lebte der Basler Ethnologe und Umwelt- und Menschenrechtsaktivist Bruno Manser im Regenwald Borneos. Dort verfasste er Aufzeichnungen über die Tier- und Pflanzenwelt des tropischen Regenwaldes und lebte bei den Penan, einer nomadischen Volksgruppe auf Borneo.

Nun erschienen im Basler Christoph-Merian-Verlag die Tagebücher Mansers in opulenter Aufmachung. Manser erweist sich darin als großer Abenteurer und Menschenfreund. Die aufwendige Ausgabe der „Tagebücher“ überzeugt auf allen Ebenen. Mansers Texte über Begegnungen mit der Tierwelt (Orang-Utans, Rote Affen, Nashornvögel, Pythons usw.) begeistern in ihrer kompromisslosen Nähe zur Natur und ihrer Schönheit. Stark sind auch Mansers gezeichnete und kolorierte Illustrationen von Tieren, Pflanzen und Menschen. Obgleich mitunter Mansers sentimentaler Ton nervt, und auch die Inszenierung als Indianer nicht unbedingt meine Gegenliebe findet, ist die Fülle des Materials eine Orgie in Farben und Lebensformen.

„Tagebücher aus dem Regenwald“ von Bruno Manser in vier Bänden aus dem Verlag Christoph Merian. © Christoph-Merian-Verlag

Von seiner letzten Reise nach Sarawak ist Manser nie zurückgekehrt: seit Mai 2000 ist er verschollen.

Bibliographische Angaben

Bruno-Manser-Fonds (Herausgeber), Bruno Manser (Autor), Bruno Manser – Tagebücher aus dem Regenwald, 1984-1990, 712 Seiten, über 600 farbige Abbildungen, broschiert, 4 Bände im Schuber mit eingelegter Landkarte, Format: 6 x 31,5 x 23,5 cm (B x H x T), Verlag: Christoph Merian, Basel 2019, ISBN 3-85616-900-8, Preise: 89 EUR (Deutschland), 98 SFr




Gavin Chance als Skipper in seinem zweiten Fall – Zum Krimi „Singlehand – Tödlicher Kurs“ von Sam Llewellyn

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). „Singlehand – Tödlicher Kurs“ lautet der Titel des zweiten Falles, den Gavin Chance lösen muss. Der 296 Seiten umfassende Thriller aus dem Bielefeler Verlag Delius Klasing spielt auf hoher See.

Chance, der einmal Olympiasegler, Polizist und Yachtmakler war, versucht sein Glück als Skipper auf der Superyacht eines Oligarchen. Das unter der Autor Sam Llewellyn versprechen Spannung bis zum Schluss und jede Menge Wasser, aber auch Whisky, denn des Skippers Auftrag ist hochprozentig. Er lautet auf einen Törn zu schottischen Destillerien. Prost Mahlzeit.

Kaum an Bord, beginnen für Chance die Sorgen und Nöte. Nebenbei erweist sich die Seemannschaft, die sich der Skipper nicht alleine aussuchen durfte, als dubios. Punkt auf dem i ist Tamara, jung und hübsch, russisch und rassisg, aber auch so undurchschaubar wie verlockend.

Löst sich Chance aus der Umklammerung von Lust und den Fall auf jeden Fall? Rettet er die zarte Haut der Russin und seine eigene? Darauf eine aus Getreidemaische gewonnene und im Holzfass gereifte hochprozentige Spirituose. Prost!

Bibliographische Angaben

Sam Llewellyn, Singlehand – Tödlicher Kurs, 2. Fall für Gavin Chance, 296 Seiten, Übersetzung aus dem Englischen: Tatjana Pokorny, Format: 14,2 cm x 22,0 cm, Klappenbroschur, Verlag: Delius Klasing, 1. Auflage, Bielefeld, ISBN: 978-3-667-11704-5, Preise: Euro 16,90 EUR (Deutschland), 17,40 EUR (Österreich)




Ex-Bulle Gavin Chance und sein erster Fall – „Black Fish – Tödlicher Beifang“ von Sam Llewellyn

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Der 1948 auf Tresco, Isles of Scilly, geborene Sam Llewellyn ist nicht nur Insulaner, Segler, Engländer und Autor von Kinderbüchern, sondern schreibt auch Segelthrillern. Llewellyn lebte zwischenzeitlich in Toronto, Kanada, und in Munster Blackwater, Irland, aber seit 20 Jahren wieder in England und zwar in Herefordshire.

Laut Wikipedia würde Sam Llewellyn „für einige Monate … auf ausgedehnten Segelexkursionen für seine Recherchen“ gehen. Bei einem Törn muss der Thriller „Black Fisch – Tödlicher Beifang“ entstanden sein, das im Bielefelder Verlag Delius Klasing 2019 veröffentlicht wurde.

In diesem 304 Seiten umfassenden Kriminalroman für Segelfans dreht sich die Geschichte um Ex-Bulle Gavrin Chance, der in Yachtmakler macht. Eines Tages wird seinem Kunden ein frisch verkaufter Fischkutter gestohlen und dann wird an Bord auch noch die Leiche von Gavins betrügerischem Geschäftspartner und Ex-Schwager gefunden. Chance schreitet zur Tat, um nicht selbst als Leiche zu enden, und gerät in den Strudel von illegalem Fischfang und Drogenschmuggel.

Sowohl das schöne Schottland und Wales sowie das Wasser davor und dazwischen als auch der gute Umweltschutz kommen in diesem Krimi im maritimen Gewand nicht zu kurz. Cool!

Bibliographische Angaben

Sam Llewellyn, Black Fish, Tödlicher Beifang, 1. Fall für Gavin Chance, 304 Seiten, Format: 14,3 cm x 22,0 cm, Klappenbroschur, Verlag, Delius Klasing, 1. Auflage, Bielefeld, 2019, ISBN 978-3-667-11705-2, Preise: 16,90 EUR (Deutschland), 17,40 EUR (Österreich)




Für immer Punkerin – Zur Autobiografie „Face it“ von Debbie Harry

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Debbie Harry, die wunderbare Frontfrau der New Yorker Band Blondie ist heute 74 Jahre alt und erinnert sich in ihrer eben erschienenen Biografie „Face it“ an vieles.

Geboren in New Jersey, erlebte das Adoptivkind Angela Trimble (so hieß die liebe Debbie einmal) eine konservative/langweilige Kindheit, bis sie Mitte der 60er Jahre das College abbrach und nach New York türmte.

Gute
Idee, Debbie. Es folgten schwere Jahre, schon auf den ersten Seiten
des Buches berichtet sie von Vergewaltigungen, Leben hieß kämpfen.
Und sie kämpfte wie Sau!

New York war damals ein Dorf, die wenigen progressiven Musiker und Künstler kannten einander, man teilte Sozialwohnungen, das CBGB (DER populäre Club der Punkszene), das Bier, die Betten und die Drogen.

Andy Warhol lief mit einer Polaroid herum und fand alles crazy und nice, indes Debbie bei verschiedenen Bandprojekten ihr Glück versuchte. Als sie Anfang der 70er Jahre endlich ihren Lebensmenschen/Künstler Chris Stein traf, nahm ihre Musikerinnenkarriere Fahrt auf.

Debbie
und die Band Blondie wurden die Vorreiter des Punk in New York und
entflammten mich in meiner Jugend durch gnadenlos feurige Musik.

Und natürlich durch Debbie, die Erscheinung am Mikrophon. Sie war betörend, wild, schön, frech, stylisch, sie sah unheimlich gut aus.

Fans und Medien nannten sie Barbarella des Heroins, Marilyn des Punk, Barbie des Feminismus, Johanna der Gosse, Mutter Teresa des Village…

Für immer Punk, Debbie war eine der Schärfsten und nahm mit, was das Leben ihr bot. 1979 hatten Blondie mit dem Sog Heart of Glass ihren internationalen Durchbruch.

Es folgte die immerwährende Party. In New York und auf der ganzen Welt waren Blondie plötzlich hip und füllten die Säle mit hysterischen Jugendlichen. Regelmäßig war die Hölle los, mitten im Auge des Popstarwahnsinns: Debbie Harry.

Da kann man schonmal den Überblick verlieren, was Geld, Drogen und das Leben in der Starblase sonst so mit sich bringt. Wenn dann auch noch ein falscher Manager und ein geldgieriger Plattenkonzern bestimmen, wo es langgeht, wird es irgendwann kompliziert.

Ich will machen was ich will!

Nö, den Stil von Blondie bestimmen wir, es soll sich ja verkaufen!

Steuern, was ist das? Ich lebe im hier und jetzt und denk nicht an morgen. Diese alte Schlagerweisheit traf auch auf Blondie zu.

Mitte der 80er waren Blondie klinisch tot. Heillos zerstritten, von ihrer Plattenfirma gedemütigt, vom Heroin außer Gefecht gesetzt. Debbie trat als Solokünstlerin auf und hatte ihren Spaß. Sie machte Mode, bereicherte diverse Filme mit ihrer Anwesenheit (u.a. „Hairspray“ von John Waters) und gab ihrem Affen Zucker.

1997
meldeten sich Blondie plötzlich mit ihrem 7. Album zurück. Seitdem
touren sie regelmäßig um die Welt, erfreuen sich an Ehrungen aller
Art, gehen früh ins Bett und stehen auf Vitaminsaft. Politisch ist
Debbie knorke drauf, Trump ist ein Arsch, sie setzt sich für Natur
und Umwelt ein. Mittlerweile lebt sie auf dem Land und hat mit ihren
Kötern Spaß, was man halt so macht mit 74.

Das und noch viel mehr steht in ihrem Buch. Nach hinten raus ist die Autobiografie ein wenig schwachbrüstig, auch weil Debbie ihr Leben in den Griff bekam und fortan weniger Punk stattfand.

Doch wer einmal der Musik von Blondie und the personal Debbie in den Achtzigern erlag, wird dieses Buch, angereichert mit unzähligen Debbie Harry Portraits (Fotos, Zeichnungen, Gemälde), verschlingen wie ein herrlich blutiges Pfeffersteak.

Bibliographische Angaben

Debbie Harry, Face it, Die Autobiografie, 432 Seiten, durchgehend farbig illustriert, Übersetzung: Harriet Fricke, Hardcover, Pappband, Format: 13,5 cm x 21,5 cm, Verlag: Heyne, München, 14.10.2019, ISBN: 978-3-453-2716-23, Preis: 25 EUR (Deutschland), 25,70 EUR (Österreich), 35,90 SFr




„Jüdisches Leben in den böhmischen Ländern“ im Buch „Zwischen Prag und Nikolsburg“ von Katerina Capková und Hillel J. Kieval

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Wer sich für „Jüdisches Leben in den böhmischen Ländern“ interessiert, der sollte einerseits zum Buch „Zwischen Prag und Nikolsburg“ von Katerina Capková und Hillel J. Kieval greifen und andererseits zu einem Vortrag, Gespräch und Konzert am Mittwoch, den 29. Januar 2020, ab 18 Uhr, in die Botschaft der Tschechischen Republik in Berlin, Wilhelmstraße 44, 10117 Berlin, gehen.

Nach einem Grußwort von Tomáš Jan Podivínský, Botschafter der Tschechischen Republik, gibt Martina Niedhammer, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Geschichte Ost- und Südosteuropas der Ludwig-Maximilians-Universität/Collegium Carolinum, München, eine Einführung. Anschließend sprechen Ines Koeltzsch, freie Historikerin, Wien/Masaryk-Institut und Archiv der Akademie der Wissenschaften, Prag, und Ines Koeltzsch, freie Historikerin, Wien/Masaryk-Institut und Archiv der Akademie der Wissenschaften, Prag, und Martina Niedhammer miteinander. Tanja Krombach, Deutsches Kulturforum östliches Europa, moderiert.

Wer sich für traditionelle Klezmer-Melodien zu begeistert weiß, der sollte sich die Neuinterpretationen des deutsch-tschechischen Naches Trio anhören. Die musikalischen Drei sind Tereza Rejšková, Violine, Jeannine Jura, Klarinette, und Jonathan Jura, Klavier.

Gehen Sie jedoch gut informiert zu Veranstaltung und lesen Sie „Zwischen Prag und Nikolsburg“ von Katerina Capková und Hillel J. Kieval.

Bibliographische Angaben

Katerina Capková/Hillel J. Kieval (Herausgeber): Zwischen Prag und Nikolsburg. Jüdisches Leben in den böhmischen Ländern, 428 Seiten, 76 Abbildungen, zahlreiche Karten, Verlag: Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2020, ISBN 978-3-525-36427-7, Preis: ca. 80 EUR




Bruno Schrep erzählt in 17 Episoden über das Dasein in der BRD – Zum Buch „Nachts ist jeder ein Feind“

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Nein, einen Feindblick hat der Autor des 2019 im Verlag Hirzel erschienen Buches „Nachts ist jeder ein Feind – Wahre Geschichten“ aus der Bundesrepublik Deutschland (BRD) nicht, eher schon einen Überblick, aber hat er auch einen Durchblick?

Der Autor heißt Bruno Schrep. Er sei laut Verlag „1945 in Wiesbaden geboren“ worden und „absolvierte eine Banklehre, bevor er 1996 beim ‚Spiegel‘ als Reporter in der Deutschland-Redaktion anfing. Seine journalistische Arbeit wurde mehrfach mit Preisen ausgezeichnet, darunter 2006 mit dem Erich-Klabunde-Preis des Deutschen Journalisten-Verbandes Hamburg. Zu seinen Buchveröffentlichungen zählen ‚Alle meine Rosen sind blau‘ (2001), ‚Jenseits der Norm‘ (2004) und ‚Vor unser aller Augen‘ (2013).“

Journalistisch schreiben und erzählen sollte er also können und das im Rahmen der politischen Korrektheit. In den 17 Episoden über das Dasein in der BRD erzählt er, was er verstanden zu haben meint, recht anschaulich. Kritik lässt er in der Regel weg.

Das greift der Verlag weder auf noch an, teilt aber mit: „Manchmal genügt ein Augenblick, um einen Menschen aus seinem normalen Leben zu reißen und in Verzweiflung zu stürzen. Ein Gerücht kann alle Pläne zunichtemachen – etwa der Vorwurf, Kinder misshandelt zu haben. Schicksalsschläge können jede Familie treffen: wenn die Tochter erfährt, dass die Eltern, bei denen sie aufgewachsen ist, nicht ihre leiblichen Eltern sind, oder wenn die Großmutter im Pflegeheim leidet. Ein Unfall kann nicht nur das Opfer vernichten, sondern auch dem Verursacher schwer zu schaffen machen. Eine trostlose Umgebung, die keine Perspektiven bietet, oder enttäuschte Hoffnungen können aus jungen Leuten Kriminelle machen oder sie in die Drogenabhängigkeit treiben. Solche Tragödien kommen überall vor; ihre Hintergründe beschreibt Bruno Schrep als genauer Beobachter.“

Vermutlich würde Schrep auch als teilnehmender Beobachter in der Migrantenmetropole Hamburg das große Ganze und seine Geschichte nicht nur in Bezug auf die Hintergründen nicht begreifen und also nicht beziehungsweise falsch erzählen. Andererseits wird wohl gerade dort der Abstand zum Gegenstand und die nüchterne Betrachtungsweise geschätzt.

Darauf eine Flasche Bolschewikenwasser!

Bibliographische Angaben

Bruno Schrep, Nachts ist jeder ein Feind, Wahre Geschichten, 187 Seiten, 8 s/w Abbildungen, Taschenbuch, Verlag: Hirzel, 1. Auflage, Stuttgart, 2019, ISBN 978-3-7776-2800-4, Preis: 19,80 EUR (BRD)




Lukas Kummer zaubert Thomas Bernhardt ein neues Gehäuse – Zur großartigen Graphic Novel „Der Keller“

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Man kann dem Residenz-Verlag in der Bernhardstadt Salzburg nur fortwährend zur Idee gratulieren, den genialen Zeichner Thomas Kummer zur Gestaltung der Thomas Bernhard – Graphic Novels gefunden zu haben.

Er schaffst es mit leichtem Strich, die Schwere der Bernhardschen Gedankenwelt zu binden, das ist starke Kunst ohne Mätzchen, immer nah am Oeuvre des Großen Österreichers, dessen autobiografische Werke in ihrer brutalen Sehnsucht nach dem Abgrund, der natürlich bei Bernhard, im Gegensatz zu gewöhnlichen Abgründen, auch Hoffnung (wenig) birgt.

Der Keller“ ist der zweite Band des fünfteiligen autobiografischen Berichts, oder auch der Autobiografie Bernhards, die 1976 erschien. Sie ist die unmittelbare Fortsetzung seiner Jugenderinnerungen „Die Ursache“ und behandelt den abrupten Abgang Bernhards vom gehassten Gymnasium in die Lehre bei einem kleinen Krämer in der Salzburger Vorstadt, die, in guter alter Bernhardübertreibungsmanier, nur von Zuchthäuslern, Faulenzern, Kriegsverlierern, Prostituierten und sonstigen Menschen der dunklen Seite bewohnt wurde. Nichtsdestotrotz sind das genau die Leute, die Bernhard braucht, um den Zuchtgedanken des Gymnasiums zu entfliehen. Ja, er erkennt gar in dem verhinderten Musikanten und jetzigen Betreiber des Krämerladens eine verwandte Seele, die Bernhard, neben seinem innig geliebten Großvater, das Tor zur Welt öffnet. Im Gegensatz zum an der Welt verzweifelten Großvater ist der Krämer allerdings ein Mensch der im Saft steht und sich seinen Platz im Leben täglich erkämpft.

Lukas Kummer gelingt es wunderbar, die Spezifik der Sprache Thomas Bernhards in seine eigene Bildwelt zu exportieren. Durch minimale Veränderungen seines Strichs in sich wiederholenden Bildmotiven, die parallel zu Bernhards sich minimal veränderndem Textmantra verläuft, schafft er ein Gesamtwerk, das Bild und Text dynamisch vereint.

Fette Bildwelt, knorke Kunst, geiles Teil!

Bibliographische Angaben

Thomas Bernhard (Autor), Lukas Kummer (Illustrationen), Der Keller, Eine Entziehung Graphic Novel, 112 Seiten, Format: 170 cm x 240 cm, Verlag: Residenz, Salzburg 27.8.2019, ISBN-13: 978-3701717163, Preis: 22 EUR