BOTSCHAFT VON DRÜBEN. Buch von Wilhelm Horkel – gehaltvoll und poetisch

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). BOTSCHAFT VON DRÜBEN, das Buch von Wilhelm Horkel aus dem Jahre 1949, ist für unsere Zeit ungewohnt gehaltvoll, seine Sprache kunstfertig aus einem reichen Wortschatz schöpfend und bisweilen sogar geradezu poetisch. Es beschäftigt sich mit allem, was nicht sinnlich-diesseitig ist. Mit Ahnungen – vielen haben sie, keiner weiß, woher genau sie kommen – und mit Wahrträumen. Wahrträume bewahrheiten sich, im Traum werden Lösungen angezeigt oder Fundstellen von Dingen, die dringend benötigt werden oder lange gesucht wurden. Dann geht es um Hellsehen, um Totenerscheinungen und Fernwirkungen. Telekinese kennt man, das Bewegen ohne Berühren. In „Botschaft von Drüben“ – geht es um vier Phänomene, die wir selten bezeichnen, vielleicht auch, weil wir sie noch nicht kennen. Vier übersinnliche Fähigkeiten – hier möchte man an Michael Murphys „Quantenmenschen“ denken, das unvergleichlich umfangreiche Kompendium, an dem der Autor erst viele Jahre forschte, um es anschließend viele Jahre zu niederzuschreiben. 1993 erschien es auf deutsch.

BOTSCHAFT VON DRÜBEN – Botschaften wäre richtiger, denn es gibt nicht nur eine

Buch von Wilhelm Horkel: „Botschaft von Drüben – Übersinnliche Erfahrungen aus jüngster Zeit“, Erschienen im Neubau-Verlag München. Umschlagvorder- und Titelseite. © Foto/BU: Andreas Hagemoser, 2019

Im Kapitel „Fernwirkungen“ gibt es vier Unterkapitel: Fernhören und Fernfühlen, Fernbewegungen und Fernwirkungen. Danach folgt das Kapitel „Spuk“. Wenn der SPUK vorbei ist, fangen die ZUFÄLLE an (Kapitel VII, Kapitel VIII). Das Kapitel 8 mit den Zufällen ist an dieser Stelle, in diesem Buch keine Selbstverständlichkeit. Ist Zufall eine Botschaft von drüben? Eine übersinnliche Erfahrung? Jeder erlebt doch Zufälle, immer wieder! Auch wenn manche sie nicht bemerken und andere sie abtun. Dritte bemerken sie, rationalisieren sie dann aber wieder weg: „Das war kein echter Zufall, das war ja denkbar, dass es passieren konnte.“ Denkbar vielleicht, aber hätte irgendjemand vorher daran gedacht?

Horkel ordnet Zufälle jedenfalls hier seinem Thema zu. Oft werden sie als Einzelthema betrachtet, was die Autoren von der Einordnung in einen Gesamtzusammenhang befreit. Angela Seifert und Dr. Theodor Seifert schrieben „So ein Zufall! Synchronizität und der Sinn von Zufällen“. „Ein ganz besonderer Saft“-Autorin Carmen Thomas verfasste „Vom Zauber des Zufalls : eine Einladung zum Mitmachen“. Durch das ganze Buch „Botschaft von drüben“ zieht sich Horkels christliche Gesinnung, die auch als Schutz vor bösen Geistern dient. Beim Zufall bezieht er sich unter anderem auf die Kraft des Gebets. Ein Beispiel:

Ein Zufall?

Ein Pfarrer hatte 1945 eines Abends etwa zwölf Kilometer mit dem Fahrrad durch einen Bergwald zurückzulegen. Zwei Drittel davon, also acht Kilometer, nach Einbruch der Dämmerung oder in der Dunkelheit. In einer Gegend, wo ausweichen auf Auto oder Zug angeblich unmöglich war.

Kurz vor einem Dorf riss ihm die Fahrradkette.

Er musste ein Nachtlager suchen. Die Kirche war kriegsbedingt verwaist, das Wirtshaus nahm keine Übernachtungsgäste. So klopfte er am ersten besten Haus – es war das beste. Denn er wurde schon erwartet. Von einer betenden Ehefrau, dessen Sohn im Krieg fiel. Ihr Mann, der Vater des Kindes, hatte sich vom Christentum abgekehrt und verkraftete nun den Tod seines Sohnes nicht. Die Frau betete seit Stunden, dass er sich nichts antun möge – genau das nämlich hatte der Herr des Hauses angekündigt. Geschehen sollte das in derselben Nacht. Nun tauchte wie aus dem Nichts ein Pfarrer in dem Bauernhaus auf. Es schien allen wie ein Wunder. Der Selbstmord wurde verhindert. Es wurde eine Nacht der langen Gespräche.

Weiterhin gibt es noch ein Kapitel „Jenseits des Todes“ – „Eine Besinnung“.

Insgesamt ein Werk, das mit seinen vielen in den Text eingebauten Quellenangaben den reichhaltigen Kenntnisstand und die Belesenheit des Autors belegt.

Die ungewohnte Sprache kann zu plötzlicher Erkenntnis führen – zudem heute, wo viele Wörter allein deshalb schon nicht mehr intuitiv verstanden werden, weil sie nicht der Muttersprache entstammen.

Im Text auftauchende Namen sind zum Beispiel Hermann Bezzel, Paul Alverdes, Wedekind und E.Th.A.Hoffmann. In den Quellenhinweisen, die je Kapitel durchnumeriert sind, finden sich Manfred Hausmann und Sören Kierkegaard, Wilhelm Kütemeyer und Luise Ullrich, Ernst Wiechert, Wilhelm von Scholz (Der Zufall und das Schicksal. Die geheimen Kräfte des Unwahrscheinlichen. Erfahrungen im Zwischenreich), Peter Schmid, Ernst Rupprecht und J. Kniese, Walther von Hollander und Sadhu Sundar Singh, Peter Gebler und Fritz Woike.

„Botschaft von Drüben“ – keine Ständige Vertretung

„Geh doch nach drüben“ hatte lange die Bedeutung: „Wenn es Dir in der Bundesrepublik nicht gefällt, geh in die DDR“. Der Ausspruch wandte sich an notorische Nörgler, Linke und Möchtegernsozialisten. Diese wollten in den seltensten Fällen den deutschen Staat wechseln, als es noch zwei gab. Die Diktatur (“des Proletariats“), die in der „Deutschen Demokratischen Republik“ herrschte – die „DDR“ wurde lange mit Anführungsstrichen geschrieben und gedruckt – mit ihren Gefängnissen und einem Totalitarismus, dessen Bespitzelung so umfangreich und allgegenwärtig war, dass sie vielen ehemaligen DDR-Bürgern – auch Opfern – ins Blut gegangen ist, war selbstverständlich keine Alternative für die Linken und Kommunisten Westdeutschlands. Sie wollten ihre Freiheit behalten und noch das Eigentum revolutionieren beziehungsweise in ihre Hände bringen. Dazu diente die freizügige Bundesrepublik als „Kampfgebiet“ nicht nur im Wahlkampf. Eine „Botschaft von Drüben“ hätte also zum Beispiel ein Kassiber, ein Brief oder eine mündliche Nachricht sein können.

Gemeint ist das bei Horkel nicht. Das Erscheinungsjahr 1949 ist das Gründungsjahr der Bundesrepublik Deutschland und seines östlichen Nachbarns. Es dauerte eine Weile, bis sich der Begriff „Drüben“ eingebürgert hatte. Zunächst sprach man von der SBZ, der sowjetischen Besatzungsszone oder schlicht: der „Zone“. Den Staat der DDR wollte man im Westen ja eh nicht anerkennen. Die Hallstein-Doktrin machte das international deutlich. Erst Willy Brandt änderte das. Der gleichzeitige Beitritt beider deutscher Staaten zu den Vereinten Nationen war die Folge.

Da mit „drüben“ erst nach 1949 die DDR gemeint war, handelte es sich 1949 um das Jenseits und allgemein um die über-sinnliche Welt.

BOTSCHAFT VON DRÜBEN hüben wie drüben leicht erhältlich

Buch von Wilhelm Horkel: „Botschaft von Drüben – Übersinnliche Erfahrungen aus jüngster Zeit“, Erschienen im Neubau-Verlag München. Umschlagvorderseite und Deckel. © Foto/BU: Andreas Hagemoser, 2019

Das Buch erschien 1949. Das ist für das Verständnis wichtig. Der vier Jahre vorher beendete Weltkrieg mit Millionen Opfern und Toten, die vielleicht noch herumgeisterten, war auch eine Zeit teils starken Glaubens und vieler Zufälle. Hochbetrieb für Schutzengel? Wer weiß. Im Münchner Neubau-Verlag erschienen, der heute gänzlich unbekannt ist.

Der Untertitel „übersinnliche Erfahrungen aus jüngster Zeit“ bezieht sich auf diesen Zeitpunkt. Der immer noch bekannte Aufbau-Verlag, auch das ein Name der Zeit nach den riesigen Zerstörungen und dem Staatszusammenbruch des Deutschen Reiches, brachte den Text 1950 heraus.

Das Buch wurde immer wieder verlegt, 1960 in Hamburg, 1975 im Schwarzwald, sowohl gebunden als auch broschiert beziehungsweise als Taschenbuch. Dann noch einmal in Stuttgart und nach der Jahrtausendwende zum Beispiel 2004 bei Reichl. Ein echter Dauerbrenner, von dem wir die Erstausgabe mit dem seltenen Schutzumschlag abbilden.

– Das Buch ist in den meisten Ausgaben vergriffen und nur über Antiquariate oder das Netz erhältlich: Abebooks http://www.abebooks.de, Antiquariat.de u.a.

Preise: Neu ca. 16,80 EUR; gebraucht etwa bis 40 Euro, ab 2 Euro (AbeBooks).

Wer ein weiteres antiquarisches Buch entdecken möchte:

https://kulturexpresso.de/tage-und-naechte-werden-zur-zeit-leben-traum-und-tod-des-kanuten-und-louisianagruenders-sieur-de-la-salle/




„Le Spleen de Paris – Der Spleen von Paris“ von Charles Baudelaire im neuen Gewand

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). In gewohnt lässiger Art ließ Charles Baudelaire im Spleen die Seiten seiner Stahlharfe erklingen.

Wir
erfahren darin alles über die vornehme Langweile edler Damen… wir
erschnüffeln den Schmutz der Straße… wir lesen von gefallenen und
wieder auferstandene Musen… hören von Irren aller Grade…
schnüffeln um die Wette auf der Such nach der einen Blume, die so
süß ist wie der Tod und so schön ist wie der erste Sonnenstrahl…

CB
musste für dieses Buch eins Genres erfinden, das Prosagedicht. Und
Werle hat sie übersetzt, als wäre er ein Klon von Charles, so tief
hat er sich ins Oeuvre fallen lassen… aber er hat herausgefunden,
sich an seinem Ariadnefaden orientiert, und großes in den Tiefen des
Baudelaire geschürft.

Was
für ein Buch! Wow! Der gutherzige Rowohlt Verlag macht die kühnsten
Träume alle Freunde des dunklen Meisters war und bringt, übersetzt
jeweils von Simon Werle, nach den neu übersetzten Blumen des Bösen
(2017), nun auch Der Spleen von Paris neu heraus! Was für ein
Lesefest, was für ein Sommerfreude, ich kann mich gar nicht
beruhigen, diese Bücher müssen gefeiert werden!

Mit
den beiden Büchern liegt erstmals das poetische Werk zweisprachig
vor.

Um es mit dem Meister zu sagen: „Auf den Schatten von Eric/Wer schrieb Der Schatten von Eric?/Das war Pauline Limayrac./Krick!/Krack!“

Geht es genialer?

Bibliographische Angaben

Charles Baudelaire, Le Spleen de Paris – Der Spleen von Paris, herausgegeben und neu übersetzt von Simon Werle Gedichte in Prosa und frühe Dichtungen, 512 Seiten, fester Einband, Rowohlt Verlag, Hamburg 2019, ISBN-13: 3-498-00687-7, Preis: 40 EUR




Zwei Familien, ein Geheimnis – Zum Roman „Kieloben“ von Karin Nohr

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Eine Erzählung mit leichter Hand ist der Roman „Kieloben“ von Karin Nohr nicht, auch keine leichte Kost.

Warum? Darum: „Wen seht Ihr? (Inga), Kolb. (Markus). Pause. Matthias. (Markus). Pause. Hat sie uns darum in die Kirche geschleppt? Weil sie ihn immer sehen wollte? (Markus). Pause. Spiel nicht den Beleidigten, Matthias. Melde dich. (Markus. Pause. Nun komm. Mach wieder mit. (Markus). Pause.“ Das Gezwitscherte wurde auch noch kursiv geschrieben. Das Buch ist voll mit Gezwitscher. Wer`s mag.

Immer wieder Absätze mit solchen Sätzen: „Mit der flachen Hand strich Inga über das Sternenmoos, erhob sich und schwang die Arme, sodass der Vogel aufflatterte. Für den Stimmenvergleich müsste sie ihn zum Krächzen bringen. Vielleicht sang er! Tönende Schwäne, fliegende Talare. Sie und die Zwillinge auf dem Weg zur Kirche. Zur Schule. Zum Rodeln. Zum Baden. Die beiden voraus, sie hinterher. Wenn Matthias bei den Großeltern war, hatte sie Markus als Hilfssheriff gedient. War Markus einmal weg, folgte sie Matthias` präzisen Anweisungen bei Untertunnelungen in der Sandkiste. Ein perfektes Zieh-mich-stoß-dich-Tier mit Zöpfen.“ Alles klar?

Wer das aushält, der kann sich von Möwenchor über Mails, Engel und Pastorenvögel und also von Abschnitt zu Abschnitt der drei Teile und sechs Kapitel hangeln, in denen sich der Inhalt um was eigentlich dreht? Irgendwie kullern die Kapitel um die Niemanns aus Deutschland und die Larssons aus Norwegen, auch um Inga und Mette, die entdecken, dass sie etwas gemeinsam haben. Dabei lässt die Autorin den Leser in deren Köpfe und Gezwitscher gucken wie in ein kunterbuntes Aquarium, in dem es nur so blubbert.

Die eine ist nicht die leibliche Tochter ihrer Eltern, sondern ein „Deutschenkind“ mit Halbschwester. Ein Thema, gebadet in bemühter Schreiberei, gewickelt in Psycho-Schwallerei. Perlen der Belanglosigkeit und Phrasendrescherei tauchen im Text auf und verschwinden wie die Spirits der parapsychologischen Versuchsanordnung. Wer`s mag.

Das schwer lesbare Buch voll Blubber bringt mich noch nicht einmal ins Rätseln über die Geheimnisse meiner Familie. Im Roman steckt offensichtlich zu viel Nohr, zu viel „ich bin Literaturwissenschaftlerin und Psychologin und klassische Sängerin und Autorin von Büchern mit Titeln wie ‚Eastern Sittichs‘ und ‚Stummer Wechsel'“. Und zu wenig Weisheit.

Mit anderen Worten: Das Einfache schwer verständlich zu schreiben ist die Genialität der Dummköpfe. Wer`s mag.

Wer`s nicht mag, der treibt schon nach den ersten Seiten kieloben in der Seelensuppe des Nohrschen Wassergeheges. Blub!

Bibliographische Angaben

Karin Nohr, Kieloben, Roman, 206 Seiten, Format: 13,6 x 20,6 cm, fester Einband, Verlag: Größenwahn, 1. Auflage, Frankfurt am Main, 15.7.2019, ISBN: 978-3-95771-256-1, Preise: 19,90 EUR (D), 20,50 EUR (A)




Diogenes holt Fauser aus dem Hitkeller – Annotation zum Roman „Das Schlangenmaul“ von Jörg Fauser

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Es ist kein Geheimnis, dass Jörg Fauser einer der
verkanntesten deutschen Autoren ist. Vielleicht liegt das auch an seinem frühen
Tod, im zarten Alter von 43 Jahren brachte ihn der Suff zur Strecke. Bis dahin
schrieb er einen Gemischtwarenladen an Büchern und Texten, die nun nach und
nach bei Diogenes erscheinen. Lyrik, Reportagen, krimiartige Romane,
Erzählfragmente usw.

Im Roman „Das Schlangenmaul“ schickt Fauser einen abgehalfterten Reporter auf die Reise durch den deutschen Sumpf. Käufliche Politiker, strange Politikergattinnen, Sektenjünger, Nutten und Kriminelle tummeln sich im Westberliner Sumpf der frühen 1980er Jahre. Es ist mehr oder weniger ein Krimi, der sich jedoch nie auf die Gesetzmäßigkeiten des Genres wirklich einlässt. Es ist genauso Gesellschaftsposse und Politroman, denn vor Haltung ist man bei Fauser Gottseidank nie sicher. Das macht ihn heute noch lesenswert, diese starke Stimme gegen die Widrigkeiten der Menschenwelt. Auch wenn das Machogehabe manchmal nervt und das krimihafte Finale auch nicht das gelbe vom Ei ist – ganz zu schweigen vom jammerigen Nachwort von Ani, wo er Gerechtigkeit für Krimiautoren fordert.

Und sonst? Fauser relaxed – Wo wachsen die lustigen Blumen? Für Freunde des alten Westberlins ist das Buch ein Muss.

Bibliographische Angaben

Jörg Fauser, Das Schlangenmaul, mit einem Nachwort von Friedrich Ani, 320 Seiten, Hardcover, Leinen, Diogenes Verlag, Zürich, 22.5.2019, ISBN: 3-257-07036-1, Preise: 24 EUR (D), 24,70 EUR (A), 32 sFr




Keine Träne bleibt ungeweint, kein Bier bleibt ungetrunken, keine Selbstzerstörung geht lange – Zum Roman „Elbschlosskeller“ von Daniel Schmidt, Olaf Köhne und Peter Käfferlein

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Der
„Elbschlosskeller“
befindet sich auf St. Pauli direkt gegenüber dem „Goldenen
Handschuh“. Beide Kneipen stritten früher darum, wo denn nun die
meisten Gestörten und Kaputten unterwegs waren. Nach Strunks Buch
über den „Goldenen Handschuh“, ging diese Kneipe weitestgehend
an die Touristen verloren. Kann sich natürlich wieder ändern.

Ich
hatte das Glück, in den letzten Jahren einige einschneidende
Sauferlebnisse mit meinem Hamburger Freund Christian im
„Elbschlosskeller“
erleben zu dürfen. Die wunderbar schummrige und herrlich schmierige
Kneipe war beständig der letzte Akt in unserem Besäufnis. Oft sahen
wir die gleichen Gestalten, die nun auch via Foto im Buch verewigt
wurden (ich hoffe sie leben noch lange, glaube es aber nicht). Die
drei Autoren (Schmidt hat das Leben gelebt und die Stories erzählt,
Köhne und Käfferlein haben ein Buch daraus gemacht) besticht durch
Redlichkeit.

Schmutz
ist im Buch Schmutz. Frau Verzweiflung hat einen Vornamen.

Obwohl
mitunter die Prolligkeit wehtut, schafft es der Kneipier Daniel
Schmidt mit Herzenswärme zu überzeugen. Für ihn als Wirt sind
tatsächlich alle Menschen gleich, egal wie sie stinken, wie weit
unten sie waren… Weil er selbst ganz unten war und weiß, wie Dreck
schmeckt und wie Elend geht.

Dieses
Wissen und sein Überleben (Gratulation natürlich) macht den Ton des
Buchs mitunter etwas Ratgeberhaft. Aber irgendeine Botschaft bringt
wohl jeder mit, der dem Tod von der Schippe gesprungen ist. Ein neues
Leben anfangen, das klingt so leicht. Insofern bekommt das Buch 7
Sternchen von zehn, weil das Buch etwas zu sehr Schmidtbiografie ist,
und die Geschichten aus dem „Elbschlosskeller“
vielleicht zu kurz kommen. Das Lesen lohnt trotzdem, obwohl es an den
„Handschuh“ nicht rankommt.

Bester Satz auf Seite 185: „Du bist es, den ich will, du hast tolle Gene, hast was in der Birne und ein gutes Herz. Mach mir doch ein Baby.“

Bibliographische Angaben

Daniel Schmidt, Olaf Köhne und Peter Käfferlein, Elbschlosskeller, kein Roman, Fotos CP Krenkler, 256 Seiten, Format: 13,5 x 21,0 cm, Klappenbroschur, Verlag: Edel von el Books, Hamburg, 4.4.2019, ISBN: 3-8419-0612-0, Preise: 17,95 EUR (D), 18,50 EUR(A)




Speke in der Edition Erdmann – Annotation zum Buch „Die Entdeckung der Nilquellen“ von John Hanning Speke

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Die
schönsten Beschreibungen von Forschungsreisen der Vergangenheit
erscheinen bei Erdmann. Das war so, ist so und wird anscheinend immer
so sein.

Wem der Sommer zu kalt ist, dem empfehle ich Spekes Entdeckung der Nilquellen. Neu übersetzt und in eine zeitgemäße Sprache importiert von Niels-Arne Münch, strahlt das Buch im frischen Glanz und erfüllt, für die alte wie die nachwachsende Generation Abenteuerfreunde, ein Sehnsuchtsversprechen. Unterwegs durch raue Landschaft, gestörte Despoten, angetrieben vom eigenen Ehrgeiz und der unstillbaren Sehnsucht nach Unsterblichkeit, schreitet Speke mit seinen Mannen durch Ostafrika, um endlich dem damals großen Geheimnis der wahren Nilquelle(n)auf die Spur zu kommen.

In Leinen gebunden, mit feinem Umschlag und Lesebändchen, erfüllt das Buch alle Erwartungen, die man an die Edition Erdmann hat.

Bibliographische Angaben

John Hanning Speke, Die Entdeckung der Nilquellen, Am Victoriasee 1861-1862, Übersetzer: Niels-Arne Münch, 368 Seiten, zahlreiche s/w Abbildungen, gebunden mit Schutzumschlag, Lesebändchen, Format: 13 x 21 cm, Verlag: Edition Erdmann ein Imprint von Verlagshaus Römerweg, Wiesbaden, April 2019, ISBN-13: 3-737-40003-9, Preis: 24 EUR




Wuff oder die Ästhetik und die Möglichkeiten der Fotografie – Eine Anmerkung zu den drei Fotoessays des Fotografen Andreas Greber im dem Buch „Im Schatten der Fotografie“ aus dem Verlag Scheidegger & Spiess

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Drei Fotoessays des freischaffenden Künstler, genauer: Fotografen, Andreas Greber, der 1955 in Zürich geboren wurde und seit 1990 in Bern wohnt, erforschen die Ästhetik und die Möglichkeiten der Fotografie.

Dank des Züricher Verlages Scheidegger & Spiesss können Fremde fern des Aufbewahrungsortes Greberscher Archive daran teilhaben. Jedenfalls können sie im Bildband blättern, auszugsweise sehen und lesen, was Greber in den letzten zwanzig Jahren entwickelt hat.

Der Untertitel „Analoge Reflexionen“ weist, so meine ich, auf das allgemeine Unbehagen im Zeitalter der digitalen Fotografie hin. Die Ästhetik und die Möglichkeiten der Fotografie sind neu zu befragen.

Greber zeigt einfache Dinge, Dinge an sich, darunter Mauerfragmente, transparente Porträts und klassische Waldstücke. Alles erscheint in einer Rätselhaftigkeit, die nicht nur Fragen aufgibt, sondern irritiert. Wenn es so ist, dass die wahre Kritik nicht die Antworten analysiert, sondern die Fragen, dann öffnet Greber Türen.

Ob sich Gebers Bilder dabei wirklich in einem Feld des Sicht- und zugleich Ablichtbaren befinden, das zugleich das Unfassbaren ist, das mag sein, aber deswegen ist es noch lange nicht das Unbegreifbare. Einerseits. Andererseits müssen nicht Worte gewechselt werden wie Waren.

Wohl wahr, dass sich diese und andere Bilder jeder Fixierung entziehen, wie das Spiel von Schatten und Licht. Sie sind so wenig greifbar wie die Spirits der parapsychologischen Versuchsanordnung.

Das ist der Kern der Fotografie: das „Schreiben“ mit Licht.

Nebenbei bemerkt: Der Text im Buch ist von Konrad Tobler, der die Bilder begleitet wie eine Blindenhund seinen Dosenöffner. Wuff.

Bibliographische Angaben

Im Schatten der Fotografie, Analoge Reflexionen, Drei Fotoessays des Fotografen Andreas Greber erforschen die Ästhetik und die Möglichkeiten der Fotografie, Fotografien von Andreas Greber. Texte von Konrad Tobler, Text Deutsch und Englisch, 88 Seiten, 25 farbige und 8 sw Abbildungen, Format: 20,5 x 33 cm, gebunden, Verlag: Scheidegger & Spiess, Zürich, 1. Auflage, 2019, ISBN 978-3-85881-633-7




Mensch oder Held? Zur Biographie „Otto John, Patriot oder Verräter“ von Benjamin Carter Hett und Michael Wala

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Mensch oder Held? Otto Johns Biografie mit dem Titel „Otto John, Patriot oder Verräter“ ist eine Parabel in der Zeit des Kalten Krieges.

Die zwei Historiker Benjamin Carter Hett und Michael Wala stellen mit ihrem Buch die Biografie des ersten Präsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz vor. John war unter seltsamen Umständen 1954 in die DDR verschwunden, flüchtete dann aus der DDR zurück in die Bundesrepublik Deutschland (BRD) und wurde später als Landesverräter verurteilt.

Die Meinungen zu seinem Gang in die DDR und zu seiner späteren Rückkehr sind durchaus geteilt, zumal man den Aufzeichnungen Johns nur bedingt glauben kann, den Aussagen diverser Geheimdienstler, denen das Verschleiern Berufsethos ist, natürlich genauso wenig.

Nach der Naziherrschaft übten ab 1949 sehr viele ehemalige Nazis Ämter in Behörden etc. aus. Otto John gehörte zum Widerstand und war als Chef des Verfassungsschutzes eine große Ausnahme. Ein Saubermann unter Nazis? Ganz so einfach ist die Sache nicht, zumal John, getrieben von Ehrgeiz und Eitelkeit, möglicherweise der falsche Mann für das Amt war, das in erster Linie kühlen Kopf und Durchsetzungsvermögen brauchte.

Was wirklich vom 20. Juli 1954 bis zu Johns Flucht/Rückkehr im Dezember 1955 in die BRD geschah, wird anhand von historischen Quellen beleuchtet. John wurde in der DDR schnell zu einem Spielball des KGB. Er wurde zuerst lange von der Stasi wie dem KGB verhört. Später trat er auf Pressekonferenzen mit politischen Statements auf. Dabei „kritisierte“ John die einseitige Bindung der Bundesrepublik an die USA, die damit einhergehende „Remilitarisierung“ und die „Wiederbelebung“ des Nationalsozialismus.

Das Buch schließt mit den Schilderungen des Prozesses in der BRD gegen John und dessen lebenslangen (vergeblichen) Anstrengungen um Rehabilitierung.

Bibliographische Angaben:

Benjamin Carter Hett und Michael Wala, Otto John, Patriot oder Verräter, Eine deutsche Biographie, 416 Seiten, Verlag: Rowohlt-Verlag („Rowohlt Verlag“), Hamburg, erschienen am 21.5.2019, ISBN: 978-3-498-03030-8, Preis: 25 EUR




Sie nannten ihn Plattfuß, Spreizfuß oder Senkfuß – Zum Buch „Gebrauchsanweisung fürs Laufen“ von Jochen Schmidt

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Unheimlich beruhigend lächelt mich Jochen Schmidts Autorenfoto vom Klappeinband seiner „Gebrauchsanweisung fürs Laufen“ an.

Er hat sein Aussehen seit zwanzig Jahren nicht verändert, diese Geheimbotschaft erkenne ich sofort. Und was ist der Grund?

Wieso
bleibt er für immer jung? Natürlich, weil er läuft! Weil er Meter
um Meter überwindet. Bei Schnee und Sonnenschein gedeiht er auf
Beton, wächst auf märkischem Sand, seine flinken Beine fliehen
übers Land wie weiland der Heiland übern See flitzte.

Ich habe mir also meinen 1. Laufratgeber besorgt. Doch ich tat es nicht wegen seines weisen Inhalts, sondern wegen der Art, wie Jochen Schmidt seine Worte in Sätze pflanzt. Insofern ist es mir egal, ob er übers Laufen oder die Windeln seines jüngsten Kindes schreibt. Der Erkenntnisgewinn ist anhaltend, Schmidt lässt es fließen, alles ist verflochten, eben noch Windel, jetzt schon existentielle Frage nach dem Unbekannten hinterm Vorhang.

Ich habe also meinen letzten und ersten Laufratgeber, nur gelesen, weil ich wissen will, wer hinter dem Vorhang lauert? Ja und nein.

Ich
wusste natürlich im Vorfeld, dass J.S., das Universalwunder mit
menschlichem Antlitz, uns durch eine Laufgeschichte führt, die zum
Glück nicht angedickt ist durch persönliche Tipps und Ratschläge,
sondern sich aufs Erzählen von Geschichten rund ums Laufen
konzentriert. Das ist erwiesenermaßen seine Stärke, wer also einen
besserwisserischen Ratgeber erwartet, ist falsch. Jochen Schmidt
erzählt von seinen liebsten Lauforten, lässt Städte und Regionen
an uns vorbeiziehen, berichtet von einer Freundin, die aus
Nachlässigkeit seine heilige Lauflappe in die Waschmaschine steckt.
Wie schrecklich Schulsport für ihn war und erklärt immer wieder,
welche Rolle das Wort Leistung als Glücksbote für ihn spielt.

Ganz
reizend auch die Beweise, dass Jochen Schmidt schon den Wendepunkt
des Lebens hinter sich hat:

  • Er vergisst beim Duschen immer häufiger, dass er sich schon eingeseift hat. Und seift sich nochmal ein.
  • Er guckt keine spannenden Serien mehr und zieht „Bares für Rares“ vor.
  • Er vermeidet es, sich in Autos an die Kopfstütze zu lehnen, weil sich dort sein Hinterkopf so kahl anfühlt.

Ist er nicht süß?

Bibliographische Angaben

Jochen Schmidt, Gebrauchsanweisung fürs Laufen, 240 Seiten, Flexcover mit Klappen, Verlag: Piper Taschenbuch, München, 2.4.2019, ISBN: 978-3-492-27721-1, Preise: 15 (D), 15,50 (A),




Über die Untergrabung der US-Demokratie durch eine fremde Macht und das ganze Ausmaß der Bedrohung – Zum Buch „Die harte Wahrheit – Was ich als höchster US-Geheimdienstchef erfahren habe“ von James R. Clapper mit Trey Brown

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). James
Clapper führte bis 2017 als Nationaler Geheimdienstdirektor die
US-Nachrichtendienste. Er hatte bis dahin Zugriff auf alle
geheimdienstlichen Informationen. Ob „alternative Fakten“, die
Trump und seine Anhänger gern ins Spiel bringen, oder die
vermeintliche Einflussnahme Russlands auf den Wahlausgang, Clapper
schildert alle schmutzigen Hintergründe, die aus seiner Sicht eine
Gefahr für die freie Welt bedeuten.

Wer
verstehen will, wieso und warum Trump Präsident des mächtigsten
Landes der Welt werden konnte, findet bei Clapper die Zusammenfassung
der wichtigsten Ereignisse aus Sicht der US-Geheimdienste.

Nach der Lektüre fragt man sich, wie Trump es bis an die Schalthebel der Macht schaffen konnte. Leider wird auf die Hintermänner in Trumps Präsidentenkosmos nur wenig eingegangen, aber das ist auch nicht die Aufgabe dieses Buchs, das erschreckend aufzeigt, mit welchen dirty Tricks das Trumpeltier ganz nach oben gelangte. Clapper begründet sein Buch mit der Angst, die USA würden von einer ausländischen Macht untergraben.

Bibliographische Angaben

James R. Clapper mit Trey Brown, Die harte Wahrheit: Was ich als höchster US-Geheimdienstchef erfahren habe, 496 Seiten, fester Einband, Gewicht: 760 g, Riva-Verlag, München, März 2019, ISBN: 3-7423-0834-4, Preis: 24,99 EUR