
Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Die deutsche Wikipedia wird 25 Jahre alt. Heute am Montag, den 16. März 2026. Der 16. März ist nicht allen in einem guten Gedächtnis, begannen doch an dem Tag 2020 die zwei Verbotsjahre mit Berufsverboten (Singen zum Beispiel), der größten Weltwirtschaftskrise und vielem anderen Unbill. Am 16. März 2001 hingegen begann fast eine neue Zeit, mit Nachteilen (Digitalisierung) und Vorteilen. Beginnen wir mit Vorteilen: Es wird gefeiert. Wenigstens aus einem Anlass. Das Wort „feiern“ wird ja in jüngster Zeit oft missbraucht, das feiern wir gar nicht. „Das feiere ich“ ist Modesprache wie „Die gehen feiern“. Zum einen ist Bewunderung gemeint, Unterstützung, im anderen Fall einfach ein gemeinsames Besäufnis ohne Anlass. Aber genau den verlangt die deutsche Sprache beim ‚feiern‚. Einen Anlass. Der Feierabend zum Beispiel wäre ohne die Arbeit davor gar keiner. Ein Geburtstag ist ein Grund zum Feiern. Die bekannte Online-Enzyklopädie feiert „Geburtstag“.
So steht es jedenfalls auf einer enzyklopädieeigenen Website. Dabei ist es kein Geburtstag, denn weder Mensch noch Außerirdischer noch Insekt ist dort geschlüpft. Nur im übertragenen Sinne. Eigentlich ist es ein Gründungstag. Genauer, der Tag, an dem die Website online ging.
„2026 feiert Wikipedia 25. Geburtstag“. In der deutschsprachigen Online-Enzyklopädie gibt es einen Eintrag über sie selbst. Er lautet: „Deutschsprachige Wikipedia“. Dort steht gleich im zweiten Satz: „Sie wurde im März 2001 als erste weitere Sprachausgabe etwa zwei Monate nach der englischsprachigen Wikipedia gegründet.“ Da kann man ja als Deutscher, Österreicher, Schweizer, Liechtensteiner, Luxemburger und Belgier oder Elsässer sogar noch stolz sein. Deutsch ist diese Institution allerdings nicht. Deutschsprachig sind die Websites schon.
Auf die Vorteile dieser Selbermacher-Enzyklopädie – nutzt sie Schwarmintelligenz? – kommt man meist selbst. Die Gefahren, Falschauskünfte und Abhängigkeiten sowie die immer stärker ausbleibenden Alternativen kommen dagegen schleichend und sind selten manifest.
Wikipedia wird 25: Nachteile einer Enzyklopädie, die es nur online gibt/ Vorteile von Büchern
Wir nennen hier zuerst einmal Vorteile ein Enzyklopädie, die auf Papier gedruckt ist und im Regal steht.
Dazu ein wahre Geschichte. Weihnachten in Deutschland. Der – analoge – Weihnachtsbaum brennt. Das elektrische Licht ist gelöscht. Es ist der 24. Dezember. Bescherung. Geschenke werden ausgepackt. Plötzlich taucht eine Frage auf, die niemand der Anwesenden mit Sicherheit beantworten kann. Jemand steht auf, tritt ans Bücherregal, greift nach einem der Bände eines mehrbändigen Nachschlagewerks und kann binnen sehr kurzer Zeit die Frage beantworten. Ein keiner Absatz wird vorgelesen. Nun wissen alle bescheid und haben was gelernt.
Das ist so passiert. Warum dieses Beispiel? Denn hundertemal, wenn nicht tausende haben wir allein schon nach einem Band einer Enzyklopädie gegriffen. Zuhause oder in einer Bücherei. Milliardenmal alle Menschen zusammen. Viele Billionen mal.
Aber dieses Beispiel zeigt gleich mehrere Vorteile einer analogen Enzyklopädie, die sie mit jedem Buch teilt.
Netzunabhängig – ein Qualitätsmerkmal
- Man kann ein Buch ohne Strom lesen. Man braucht außer dem Augenlicht – und in Brailleschrift nicht einmal das – nur Licht. Tageslicht reicht. Lampenlicht kann es ein, auch von Licht von Petroleumlampen, Gaslampen oder Laternen. Der Schein eines Osterfeuers oder Lagerfeuers. Kerzenlicht.
- Es gibt sogar einen Engländer (Quelle: Reader’s Digest), der so viele Glühwürmchen in eine Flasche füllte, dass es in der Nacht Zeitung lesen konnte. Das hätte auch ein Buch sein können.
- Wikipedia kann man ohne Storm nicht lesen. Man kann zwar einzelne Artikel vorher ausdrucken und diese dann beim Campen im Zelt lesen. Aber erstmal braucht man trotzdem Strom. Der floss in Deutschland jahrzehntelang ohne Pause. In Ghana sah das schon anders aus. Nach einem Anschlag von Linksterroristen waren um die Jahreswende Hunderttausend Berliner ohne Strom. Tagelang. In der Hauptstadt. Ja, das Technische Hilfswerk hatte vor ein paar Jahren Hunderte Notstromaggregate in die Ukraine verschenkt; und dann kein Geld gehabt, welche nachzukaufen. Und weil das peinlich ist, hat jemand das von der Website gelöscht. 2026. Aber darum geht es hier ja gar nicht. Der Strom kann ausfallen. Was in der Bundesrepublik Deutschland bisher eine Sensation war und die totale Ausnahme, kann passieren. In Zukunft. Heizungsgesetz, Hitzewellen oder die Schließung der Seestraße von Hormus in der Nähe des Oman machen’s möglich. Mann, oh Mann!
- Lektüre zu haben, die netzunabhängig ist, auch stromnetzunabhängig, kann wichtig werden und von Vorteil sein.
Der 1984-Aspekt
In George Orwells Buch, 1948 geschrieben und deshalb als Zahlendreher „1984“ genannt, werden Tageszeitungen umgeschrieben. Ständig und immer wieder. Gefälscht, könnte man sagen. Korrigiert, sagen die Diktatoren. Das zeigt sich der Wert einer alten Zeitung. In sie kann man nicht nur Fisch einwickeln
Mit einer alten Zeitung kann man bewiesen: Das stand da!
Steht alles nur online, kann es nicht nur über Nacht, sondern jederzeit geändert werden. Sogar mehrfach. Schneller und häufiger, als sich die Preise an der Zapfsäule ändern. Und mit schlimmeren Folgen.
Fehler dagegen bleiben dort oft so wie hartnäckige Flecken auf einer Bluse oder einem Hemd, die trotz Wundermitteln nicht weggehen. Und wir meinen nicht nur Dinge, die durch neue Erkenntnisse der Wissenschaft oder freigegebene Akten in einem anderen Licht erscheinen. In Wikipedia-Artikeln wie „Charlottenburg“ oder „Wilmersdorfer Straße“ halten oder hielten sich hartnäckig haltlose fake news. Die Straße sei einst ein Feldweg gewesen und dann sei die Straße daraus geworden. Charlottenburg habe sich aus dem Dorf Lützow gebildet und dann langsam eine Stadt geworden.
Lauter Quatsch, der ggf. sogar plausibel klingen kann. Das der geändert werden kann, ist ja gut. Doch öffnet die Änderungsmöglichkeit auch Tür und Tor für Missbrauch, Manipulation und Propaganda.
Wir sind Journalisten. Wir brauchen mindestens zwei Quellen.-
Wikipedia wird 25. Ob sie jemals 50 werden wird, geschweige denn 100?
Auch wenn der Brockhaus ausstirbt/ ausstürbe, wird es im Nachhinein betrachtet vielleicht auf eine längere Geschichte zurückblicken können als die Online-Macher, die gerade Geburtstag feiern.
Digitalisierung ist vielleicht keine Einbahnstraße. Digitalisierung darf aber nie alternativlos sein und schon gar nicht total.
Warum wir das Beitragsbild für diesen Artikel „Wikipedia wird 25“ ausgewählt haben: Es gehört zu einem Beitrag zum Thema Was nicht in Wikipedia steht. Steht „alles im Internet“ – weit gefehlt – Kulturexpresso.de . Es zeigt einen analogen Informationsträger: Papier. Es ist bedruckt mit Buchstaben. Und diese kann man nicht so einfach ändern. Auch nicht abschalten, oder löschen. Nur verbrennen. Aber wer will schon eine Bücherverbrennung?





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