
Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). „Mit fünfundsechzig Jahren war er noch sehr attraktiv, eine Art nordischer Wikinger: groß, schlank und sehr athletisch, mit blondem Haar und himmelblauen Augen. Vor allem aber schien er über ein grenzenloses Selbstvertrauen zu verfügen. Ohne jede Eitelkeit, lediglich ein uneingeschränktes Vertrauen in sein eigenes Ich.“
Dieser Roman dreht sich um einen bizarren Seemann. Jahrzehntelang kreuzt er mit seinem selbstgebauten Segelboot Artemis die Weltmeere. Junge Frauen verlieben sich in ihn, segeln Jahre mit der Artemis, gebären ihm Kinder und verschwinden wieder. Zwei Frauen gehen auf mysteriöse Weise über Bord, andere werden gegen jüngere ausgetauscht. Alle erliegen dem Charme des Wikingers.
Nur eine entkommt. Sie flieht mit ihrer zweijährigen Tochter Virginia bei einem Halt und zieht sie trotz seiner Bitten um Rückkehr in Kanada allein auf. Dieses jüngste, 1986 im Karibischen Meer geborene Kind, begibt sich als Erwachsene auf die Suche. Sie reist zur Insel Bonaire, vor der ihr Vater Peter Tangvald mit der Artemis Schiffbruch erlitt und umkam, gemeinsam mit ihrer Schwester Carmen. Der einzige Überlebende war ihr Bruder Thomas – ein ruheloser Geist, den später ebenfalls das Meer verschluckt.
Was wie ein Abenteuerroman anmutet, ist oftmals eine eher nüchterne Beschreibung von Recherchen, geglückter oder erfolgloser Spurensuche und Begegnungen. Wenig verständlich wird die Faszination des Aussteigers für ein Leben auf dem Meer. Etwas Biografie der Autorin wird eingestreut: Virgina erleidet eine toxische Beziehung und braucht viele Jahre, um ihren Platz in der Welt zu finden. Und immer wieder fragt sie sich, wer Peter Tangvald war, warum er seine Heimat Norwegen verließ, seine Kinder und Frauen auf ein paar Quadratmetern einsperrte und dennoch nicht glücklich wurde auf offener See. Vor allem bleibt die Frage, was wirklich mit seinen über Bord gegangenen Frauen geschah.
Sprachlich aufregend und in verdichteten, kurzen Sätzen erzählt, lässt dieses Debüt hoffen. Vielleicht hat sich das Meeres-Kind freigeschrieben und segelt literarisch bald weit hinaus!
Bewertung: drei Punkte von fünf Punkten
Bibliographische Angaben:
- Autorin: Virginia Tangvald
- Titel Wir Kinder der offenen See
- Genre: Roman
- Seiten: 192 Seite
- Sprache: Deutsch
- Übersetzerin aus dem Französischen: Nathalie Lemmens
- Originaltitel: Les enfants du large
- Format: 12,5 x 20,0 cm
- Verlag: Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, München
- Originalverlag: JC Lattès, Paris 2024
- Auflage: 1. Auflage 27.5.2026
- ISBN: 978-3-328-60443-3
- Preise: 24 EUR (Deutschland), 24,70 EUR (Österreich), 33,50 SFr
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