Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). „Schöpfung ist ein gegenwärtiger Zustand“, sagt die Künstlerin und nickt nachdenklich.
Ulli Lust stellte am vergangenen Donnerstag den zweiten Band ihres Sach-Comics „Die Frau als Mensch“ – Schamaninnen im Zelt des Berliner Zirkus Cabuwazi vor, am Rande des Tempelhofer Feldes. Ein Clown stakste wie ein übergroßer Ball auf Stelzen und jonglierte mit Leuchtfackeln, es gab Popcorn und Wein, heiße Luft aus einem Gebläse und andächtiges Schweigen im Zirkusrund, als Ulli Lust zu sprechen anfing. Nach der bildbegleitenden Lesung erhellte ein klug moderiertes Gespräch einiges an Hintergründen zur Bildfindung und -werdung der Künstlerin, anschließend standen Dutzende Fans Schlange, um ein Unikat in ihr Premierenexemplar gezeichnet zu bekommen.
Für den ersten Teil des Comics Am Anfang der Geschichte erhielt sie 2025 den Deutschen Sachbuchpreis, jetzt ist Ulli Lust mit dem Folgeband für den Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse 2026 nominiert. Ist der Hype um die Professorin für Illustrative Gestaltung und Comic der Hochschule Hannover gerechtfertigt? Unbedingt!
Ulli Lust, 1967 bei Wien geboren und seit den 1990ern in Berlin lebend, blickt empathisch auf Menschen. Sie scannte den Berliner Alltag für ihre unterhaltsamen Bildkolumnen in der Stadtzeitschrift Scheinschlag und veröffentlichte mehrfach Bildreportagen, schrieb und zeichnete umfangreiche autobiografische Graphic Novels, an denen sie jahrelang arbeitete. Jetzt ist es ihr gelungen, die Eiszeitmenschen aus dem Untergeschoss der angeblichen Kindheitsstufe der Menschheit zu befreien. In zehn Jahren Recherche sammelte Ulli Lust Material, suchte, angeregt durch Hans Peter Duerrs Publikation „Sedna oder die Liebe zum Leben“ (1984), nach Darstellungen früher Kulturen und demontierte den männlichen Blick und dessen Dominanz auf die Interpretation indigener Kosmen. Was sie fand, übertrug sie in einer langen Kette von Arbeitsschritten allmählich aus dem Kopf aufs Papier.
Ihre archaisch-weiblichen Figurinen stellt sie eigenen Erlebnissplittern gegenüber, humorvoll, frech und fantastisch. Die Bilder der Anderwelt, die Steppenlandschaften der Eiszeit, der Fuchsfellmantel ihrer Schamanin (rekonstruiert nach indigenen Abbildungen und mithilfe ihrer schneidernden Schwester) – alle Details wirken authentisch, lebendig und zauberhaft. Fanden Forscher eiszeitliche Zwillinge unter einem Mammutschulterblatt begraben, lässt Ulli Lust sie auferstehen und lässt uns ihrer Geburt im Zelt ihrer kleinen Gruppe beiwohnen. Man möchte hineinkriechen, bei ihnen sitzen, im aufsteigenden Rauch Gestalten tanzen sehen und Geschichten wie der der göttlichen Großmutter Umai lauschen.
Ein neues Genre hat das Licht der Welt erblickt: Sachbuch-Comics von Ulli Lust. Großartige Wissensvermittlung und Bewusstseinserweiterung zugleich!
Wir wünschen uns weitere Schöpfungsakte!
Bilbiographische Angaben:
Ulli Lust, Die Frau als Mensch, Schamaninnen, Band 2, 304 Seiten, Comic: farbig, Format: 19,3 × 26 cm, Bindung: fester Einband, Sprache: Deutsch, Verlag: REPRODUKT GmbH (Eigenschreibweise), Berlin, 1. Auflage Februar 2026, ISBN: 978-3-95640-494-8, Preis: 29 EUR (Deutschland)
Anmerkungen:
Buchpräsentation, Lesung und Gespräch mit Ulli Lust zu „Die Frau als Mensch Band 2: Schamaninnen“/ Moderation: Caroline Ring, Sonntag, den 15. März 2026, ab 18 Uhr, veranstaltet von Modern Graphics bei DOCKART, Kastanienallee 79, 10435 Berlin
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