SYNONYME. Nadav Lapid gewinnt mit SYNONYMS den Wettbewerb bei der Berlinale – FIPRESCI-Preis

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Nadav Lapid hat mit seinem Berlinale-Wettbewerbsfilm unterhalten, provoziert und …? Ein Israeli in Paris, komische Szenen in der Metro genannten U-Bahn … Die JURY der Filmkritiker – und die müssen es ja wissen, sind sie doch von der Politik und auch von den gut gemeinten sozialen Gedanken der Berlinaleführung unabhängig – sah jedenfalls Filmkunst in diesem Film, der 2 Stunden lang nicht jedem gefällt. 1, 2, 3 – eh man sich’s versieht, kommt eine Szene, die einem nicht gefällt. Das ist das Wesen der Provokation. Hätte Pauline Kael dieser Film gefallen? (Wir erfahren mehr über die Filmkritikerin in dem Panoramafilm „What she said“ von Rob Garver, Termine siehe berlinale.de.) 123 Minuten nach dem der Film begann, saßen bei der Berlinale-Pressevorführung ausschließlich für Journalisten nicht alle mehr im Saal. Journalisten sind auch und gerade im digitalen Zeitalter, das keinen Feierabend und kein Wochenende erlaubt, immer noch getrieben wie Harry Hirsch oder der rasende Reporter von Egon Erwin Kisch. Doch wenn mitten im Film eine jungen Kollegin aus der Mitte einer der mittleren Reihen dieses Premierensaals des Cinemaxx aufsteht, dann liegt das nicht am Terminstress.

Nicht nur nackt

Nacktheit und die nackten Tatsachen sind längst nicht alles, was hier gezeigt wird. Doch auch Matthias Schweighöfer in 100 DINGE musste das so zeigen und der Verleih entschied, die zwei nackten Männer, die verschämt ihre Scham bedecken, auf das Kinoplakat zu drucken. Der Kern des Films „Synonyme“, wenn es ihn denn überhaupt gibt in diesem multipolaren Streifen, liegt woanders. Selbst entscheiden und ansehen kann man den Film im International östlich des Alex (U-Bf. Schillingstraße) am Sonntag, den 17. Februar 2019 um 22.30 Uhr. Die Vorstellung ist ausverkauft. Online keine Karten mehr. Etwaige Restkarten werden immer nur am Tag der Vorstellung im jeweiligen Kino verkauft.

Nadav Lapid, Gewinner des Fipresci-Preises für SYNONYMS (Wettbewerb). Zu deutsch SYNONYME. © Foto/BU: Andreas Hagemoser, 2019

SYNONYME mit Tom Mercier, Quentin Dolmaire, Louise Chevillotte ist eine französisch-israelisch-deutsche Koproduktion und natürlich aus dem Jahr 2019. Schließlich müssen alle Wettbewerbsfilme, die nicht gerade außer Konkurrenz laufen wie das vorzügliche AMAZING GRACE, Weltpremieren sein.

Außerdem ausgezeichnet wurden je ein Film aus den Sektionen Forum und Panorama, dort: DAFNE.

FIPRESCI ist der internationale Verband der Filmkritiker.

Für die kleinen Preis, über die Samstag mittag entschieden wird und die Bären am Ende des Wettbewerbs hat Nadav Lapid noch alle Chancen offen. Für den Goldenen – man vergesse die vielen Silbernen nicht!!! – kommt wohl eher ein chinesischer Film, Denis Cote oder der Name Gottes in Frage: Der mazedonische Beitrag (FYR Macedonia) heißt in etwa: Wir kennen Gottes Namen, sie heißt Petrunja (PETRUNYA).

Den Massenmörderfilm von Fatih Akin, aus dem selbst gestandene Männer angesichts der Gewalt herausgingen, will man ja vielleicht nicht vergolden. Sowieso gab es in 32 Jahren nur einmal einen deutschen Goldenen Bären im Wettbewerb (es gibt auch einen für die Kurzfilme!). Er ging an den türkischstämmigen Regisseur.

Feliz NAVIDAD, NADAV!

Eine Anekdote am Rande: Die offizielle Urkunde wurde nicht nur von Hand von den Jurymitgliedern und weiteren Offiziellen unterschrieben, sondern auch der Name des Siegers mit der Hand eingefügt. Dabei ergab sich anagrammgleich ein Fehler. Nadav Lapid zuckte nur mit den Schultern nach dieser anstrengenden Berlinale. Es gibt Wichtigeres. Und ja, was man nicht ändern kann, sollte man besser klaglos hinnehmen und schnell zur Tagesordnung übergehen. Das spart wertvolle Zeit zumal in unsere schnelllebigen heutigen.

Feliz Navidad! Nadav Lapid gewinnt den Fipresci-Preis. An Korrekturlesern wird gespart – das ist ein Fehler! © Foto/BU: Andreas Hagemoser, 2019

Na, was stand denn nun auf der Urkunde? Na, wat? NAVAD.




Mit brennender Geduld. Christina Battle stellt auf der Berlinale (Forum Expanded) in der kanadischen Botschaft aus – unbedingt sehenswert! Eintritt frei

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Christina Battle spricht aus, was viele von uns schon einmal gedacht haben. Und sie hat den Mut, die Kurzlebigkeit der heutigen Zeit zu zeigen und auch auf sich zu beziehen: Ihre Sätze lösen sich bald in Rauch auf. In einer Video-Installation auf vier Bildschirmen, die leider nur bis zum Ende der Berlinale, also bis Sonntag Abend in der kanadischen Botschaft am Leipziger Platz in Berlin zu sehen sein wird, zeigt Christina Battle einfach, kurze Sätze auf visitenkartenähnlichem Papier. Die Kamera verfolgt dann das Anzünden und den Verfall. Geschaffen wurde ein Kunstwerk, das banal und genial zugleich ist. Die Faszination des Feuers kombiniert mit fast genau aus unserem Mund stammenden Gedanken, die scheinbar zerstört werden, aber doch bleiben.

Vergänglichkeit

Kürzer als die japanische Kirschblüte währt ihre Lebensdauer auf dem Bildschirm, doch so mancher Spruch, mal lustig, mal tiefgründig, doch immer mit Berechtigung und Bezug zur digitalen Welt, also unserer Welt, wehrt sich erstaunlich lange gegen das Verschwinden. Manchmal muss die Hand, die einem unbekannten Performancekünstler gehört, fast ein Dutzend mal das Feuerzeug ansetzen, bis die Flammen endlich mit Sauerstoff und Hitze ihr zerstörerisches Werk beenden können.

Louis Armstrong sang: What a wonderful world. Christina Battle bringt es auf den Punkt. In der kanadischen Botschaft. Ausstellung/ Installation während der Berlinale. Sektion Forum Expanded. © Foto/BU: Andreas Hagemoser, 2019

Christina Battle ist ein Digital Native, aufgewachsen mit Computern. Trotzdem sieht sie die digitale und gesellschaftliche Entwicklung mit Besorgnis. Wenn man sich hineinsteigert, kann man sogar Angst bekommen. German Angst? Datenschutz ist nicht nur ein deutsches Bedürfnis, sondern eine weltweite Notwendigkeit zum Aufrechterhalten der Demokratie und Menschenrechte. Diktatur sammelt Daten bis zum Erbrechen und schlägt anschließend willkürlich ausgewählte Missliebige, bis sie sich erbrechen oder sterben. Ein Rechtsstaat braucht Datenschutz. Jeder von uns braucht Datenschutz.

Die Missbrauchsmöglichkeiten von Macht heute sind „Mega“. Das Wort ‚mega‘ bedeutet Million. Die Stasi, die „Staatssicherheit“ der DDR, brauchte viel Personal und Wochen, Monate, gar Jahre, um zweifelhaft ungenaue Informationen über einzelne zu sammeln (vergleiche „Heimat ist ein Raum aus Zeit“, „Heimat Is A Space in Time“, ein Film im Forum). 2 Menschen, einer davon ein EDV-Spezialist, können heute in 5 Minuten mehr über jeden von uns erfahren, als die Stasi in 100.000 Jahren hätte je erfahren können. Die DDR ist Geschichte, die Gegenwart ist jetzt.

Abwechslung

Christina Battles Videos haben eine Leichtigkeit, sind nicht von der Schwere ernster Gedanken geprägt. Sie ist jung und humorvoll, ohne leichtsinnig zu sein. Ihr Witz und ihre Ernsthaftigkeit schlagen sich in den Videos nieder.

Selbst das Verbrennen von Papier, das keine Chance gegen das Feuerzeug hat oder gegen die Inszenierung, ist von Zufall begleitet und spannend.

Wir wünschen viel Freude beim Betrachten dieser Kleinode, die kaum in Vergessenheit geraten werden. Ein Englisch-Wörterbuch braucht man nicht unbedingt mitzunehmen in die Ausstellung oder Videoinstallation. Die Sätze sind kurz und unsere deutsche Sprache, besonders die, die sich mit Computern befasst, ist derart durchsetzt von englischen Ausdrücken, dass man fast alles sofort versteht und Kanadier sind nett und hilfsbereit. Falls man einmal ein Wort nicht versteht, kann man immer noch nachfragen.

Letztlich haben wir auch alle ein Handy dabei. Wer keine Angst davor hatte, dass Google erfährt, welches englische Wort wir noch nicht kennen oder womit wir uns beschäftigen, kann sein Auskunftsgerät (Datenüberwachungsgerät) munter befragen.

Online

Christina Battle vor ihrem Werk bei der Berlinale. Fortschrift ist nicht immer angemessen oder praktisch, meint sie.Nicht das, as wir wollen. Progress is not always convenient. Bald geht der Satz in Flammen auf. Forum Expanded der Berlinale im Erdgeschoss der kanadischen Botschaft am Leipziger Platz. © Foto/BU: Andreas Hagemoser, 2019

Christina Battle ist auch online. Ihre Website lautet cbattle.com, http://cbattle.com/ Schwere Zeiten (HEAVY TIMES) liest man auf ihrer Homepage. Doch diese – oder nur der Satz – gehen ja bald in Flammen auf. Die Gedanken sind frei und nicht mit einem Feuerzeug zu besiegen. Schauen wir uns diese unterhaltsame Schau an, bevor die Welt in Flammen aufgeht. Datenschutz trägt zum Erhalt der noch guten Verhältnisse bei.




Benni Bürgerschreck im Wettbewerb der 69. Berlinale – „Systemsprenger“ zeigt ein gestörtes Kind in einem überforderten System

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Diese weißblonden Haare, diese meerblauen Augen, die kleine Bernadette (Helena Zengel) lässt selbst den härtesten Stein erweichen. Wie süß, wie putzig. Ein unschuldiges, kleines Muster-Mädchen wie aus einem Katalog, auf den ersten Blick. Doch plötzlich verwandelt dieser Traum aller Eltern in ein schreiendes, um sich schlagendes Monster, in einem Bruchteil von Sekunden, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. „Benni“, wie sich selber nennt, neigt zu plötzlichen Gewaltausbrüchen. Ihre Umwelt leidet darunter. Und sie selbst.

Der gelungene Film „Systemsprenger“
von Nora Fingscheidt bietet tiefe Einblicke in die Kinder- und
Jugendhilfe der heutigen Zeit. Keine Einrichtung kommt mit Benni auf
Dauer klar, sie fliegt überall raus. Das will sie auch so, sie will
zu ihrer Mutter zurück. Doch die macht Benni Versprechungen, die sie
dann später nicht halten kann. Ein Schulbegleiter versucht es mit
einer Auszeit in einer einsamen Waldhütte, vergebens. Kaum zurück,
ist Benni wieder ganz die Alte. Nun muss ihre einstige Pflegemutter
wieder ran. Doch da ist nun ein zweites Kind, das sich bald im
Krankenhaus widerfindet. Es droht die Psychiatrie.

„Systemsprenger“ ist nichts für schwache Nerven, er zeigt viel Brutalität. Und zugleich eine beachtliche darstellerische Leistung, insbesondere bei der jungen Helena Zengel. Was Benni und ihre Umwelt durchmachen, wurde auch sonst filmisch gekonnt umgesetzt. Bei den Gewaltausbrüchen etwa sieht nicht nur Benni rot, die Farbe flackert dann zu ohrenbetäubendem Gekreische auf der Leinwand. Ansonsten ist, im übertragenen Sinne, viel Grau zu sehen. Der Film malt eben nicht schwarzweiß, legt sich nicht auf plumpe Rollenmuster fest. Schon gar nicht gibt es einen „Bad Guy“, gerade die Betreuer erscheinen mehr oder weniger human und verständnisvoll, sofern das noch möglich ist. Doch zugleich wirken alle überfordert, die Betreuer, Benni, ihre Mutter – das ganze System. Ein Film ohne Happy End. Manchmal gibt es eben keine Lösung.

Filmografische Angaben

Originaltitel: Systemsprenger
Originalsprache: Deutsch
Land: Deutschland
Jahr: 2019
Regie: Nora Fingscheidt
Buch: Nora Fingscheidt
Kamera: Yunus Roy Imer
Schnitt: Stephan Bechinger, Julia Kovalenko
Musik: John Gürtler
Darsteller: Helena Zengel, Albrecht Schuch,Gabriela Maria Schmeide, Lisa Hagemeister, Victoria Trauttmansdorff, Maryam Zaree, Tedros Teclebrhan, Asad Schwarz
Produktion: Peter Hartwig, Jonas Weydemann, Jakob D. Weydemann
Länge: 118 Minuten




„Öndög“ oder Elementares im Wettbewerb der Berlinale

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Eiskalt bläst der Wind über die
mongolische Steppe. Im Gras liegt eine nackte Frau. Tot, sie wurde
ermordet. Nun gilt es, die grausige Fundstelle in der menschenleeren
Einöde zu sichern. Ein junger Polizist (Norovsambuu Bathmunkh), fast
noch ein Kind, muss Nachtwache schieben, seine Kollegen lassen ihn
alleine zurück. Zum Glück kommt eine einheimische Hirtin (Dulamjav
Enkhtaivan) auf einem Kamel angeritten, sie soll ihm zur Seite
stehen, sie kennt die Gefahren. Dinosaurier nennen ihre Nachbarn
diese Steppenprinzessin, eigenwillig und eigenbrötlerisch zugleich.

Szene aus dem Film „Öndög“. © Wang Quan’an

Mit der
Bezeichnung kann sie offensichtlich leben. Sie habe ein Öndög
(Dinosaurier-Ei), stellt sie scherzend fest, nachdem sie schwanger
wurde. Die Polizisten, ebenso gut gelaunt, flirten mit ihrer
Praktikantin, geben ihr sogar ein Abschiedsständchen. Sie tauschen
unverdrossen Weibergeschichten aus, während direkt neben ihnen der
mutmaßliche Täter steht, mit Handschellen an eine Heizung gekettet,
einen Raum weiter wird die Leiche obduziert. Später begleitet der
junge Polizist die junge Frau zu ihrem Zug nach Ulan Bator. Er
besteht aus einer Lok, einem Waggon, und hält im Nirgendwo der
menschenleeren Steppe. Szenen, mal komisch, mal absurd-surreal, das
hat beinahe etwas von Kaurismäki.

Szene aus dem Film „Öndög“. © Wang Quan’an

Bei allem Humor, der Film hat einen
ernsten, sehr elementaren Hintergrund. Und schon gar nicht will er
eine Romanze sein, wie der chinesische Drehbuchautor und Regisseur
Wang Quanan in der anschließenden Presskonferenz erklärt. Vielmehr
gehe es um das Überleben eines Volkes, wenn nicht der gesamten
Menschheit. Das Eis sei dünner, als manche glauben. „Wir sind
vielleicht die Dinosaurier der heutigen Zeit“, sagt der Regisseur.
Die ausgestorbenen Riesen machen einem klar, dass auch die Menschheit
vielleicht nur ein Wimpernschlag in der Geschichte ist.

Szene aus dem Film „Öndög“. © Wang Quan’an

Darum auch die gewaltigen Bilder, die
langen Einstellungen, die alleine den Film schon so sehenswert
machen. Oft sieht man Gras, soweit das Auge reicht, darüber ein
gewaltiger Himmel. Die Menschen erscheinen dann ganz klein. Natur
pur, grandios und grausam zugleich. Dann folgt noch ein Geständnis:
Eigentlich hatte er, so Wang Quanan, 2017 Mitglied der Jury im
Wettbewerb und 2007 Gewinner des Goldenen Bären, gar keine Lust, zu
dieser Zeit einen Film zu drehen. Aber er habe dies für den
scheidenden Festival-Direktor Dieter Kosslick getan. Ein
Abschiedsgeschenk.




Stars von A wie Acar bis Z wie Zischler („u.v.m.“) – Die 69. Berlinale beginnt mit „The Kindness of Strangers“

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Heute beginn in Berlin die 69. Berlinale. Zum Eröffnungsfilm, der ab 19.30 Uhr im Berlinale-Palast genannten Theater am Marlene-Dietrich-Platz nach einleitenden Worten gezeigt wir, würden laut Berlinale-Pressemitteilung vom 6.2.2019 Stars von A wie Acar bis Z wie Zischler – Zitat: „u.v.m.“ erwartet werden.

Wahnsinn auch der Film. Der trägt den englischen Titel „The Kindness of Strangers“, Regie führte die Dänin Lone Scherfig, die auch das Drehbuch schrieb.

Den Stars und Filmen zum Trotz gilt die Berlinale mit Cannes und Venedig zu den bedeutendsten Filmfestspielen der Welt. Dass unter den rund 400 Filmen auch viel Müll ist und unter den Stars von A bis Z allerlei Unbekannte, das ist eingepreist und stört die Hofberichterstatter eher selten.

Immerhin spielt „The Kindness of Strangers“, der als internationale Produktion (Vereinigte Staaten von Amerika, Kanada, Vereinigtes Königreich von Großbritannien und Nordirland, Frankreich, Deutschland und Schweden) heute seine Premier in Berlin haben wird, in einer Weltstadt: in New York, in der sich allerorts Fremde (darunter William Francis „Bill“ Nighy) begegnen. Wenn dann noch das Auto abhanden kommt, dann hilft nur noch ein russisches Restaurant. Für die Berlinale passt der Plot perfekt.

Schräg genug jedoch dürfte das für die Binoche-Jury nicht klingen und so werden die Bären in Gold und Silber an andere Filme der 69. Berlinale am 16. Februar verliehen werden, obwohl … die Regisseurin ist weiblich, Ausländerin und wer weiß was noch! Kommen noch lesbisch, einäugig und Hinkebein hinzu, dann ist ein Preis im Rahmen des Möglichen drin, auch wenn der Migrationshintergrund fehlt. Egal, das Berlinale-Feuilleton wird ihn schon hinzudichten. Notfalls muss ein anderes Handicap herhalten.




69. Berlinale mit Binoche-Jury – Bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin klaffen Welten zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Am 7. Februar 2019 beginnt die 69. Berlinale. Für die Internationalen Filmfestspiele Berlin ist und bleibt der Wettbewerb das Schlachtschiff. Die Jury der Berlinale-Sektion Wettbewerb wird dieses Mal von Juliette Binoche angeführt.

Damit ist nach zwei Regisseuren in diesem Jahr wieder eine Frau an der Spitze. Die letzte Präsidentin war Meryl Streep 2016.

Im „Tagesspiegel“ (11.12.2018) wird unter der Überschrift „Juliette Binoche wird Präsidentin der Berlinale-Jury“ darauf hingewiesen, dass „die französische Schauspielerin und Oscar-Preisträgerin … eine lange Verbundenheit mit dem Festival“ habe, „wie Berlinale-Leiter Dieter Kosslick“ betonte. Weiter im „Tagesspiegel“-Text: „2001 war sie in Lasse Hallströms Melodrama ‚Chocolat‘ zusammen mit Johnny Depp im Wettbewerb zu sehen, 2004 spielte sie die Hauptrolle in ‚Country Of My Skull‘ von John Boorman. Zuletzt war sie mit ‚Camille Claudel‘ von Bruno Dumont und ‚Endless Night‘ von Isabel Coixet im Wettbewerb vertreten.“

Der eine oder andere Orchideenfilme ist darunter und auch in diesem Jahr im Wettbewerb, doch dazu in den nächsten Tagen mehr.

Die Berlinale will politische sein und erfüllt diesen Anspruch im Wettbewerb weitestgehend nicht. Doch dafür kann die Jury, die jedes Jahr eine andere ist, nichts. Dass die letztjährige Jury unter der Leitung von Tom Tykwer einem Schrottfilm wie „Touch me not“, bei dessen Vorführung sich der Kinosaal im Laufe des Films sichtlich leerte, den Goldenen Bären gab, dafür kann die Jury etwas und dafür können auch diejenigen, welche diese Jury, zu der neben Tykwer Cécile de France, Adele Romanski, Chema Prado, Ryūichi Sakamoto und Stephanie Zacharek zählten, zusammenstellen.

Wird das unter Binoche dieses Jahr wieder ein totaler Reinfall? Das wissen wir nicht, aber die Namen der weiteren Jurymitglieder: Sie lauten Justin Chang (USA), der in einer Berlinale-Pressemitteilung vom 29.1.2019 als „Filmkritiker und Autor“ vorgestellt wird, Sandra Hüller (Deutschland), als „Schauspielerin“ gilt, Sebastián Lelio (Chile), als „Regisseur“, Rajendra Roy (USA), als „Kurator“, und Trudie Styler (Großbritannien), als „Kuratorin, Regisseurin und Schauspielerin“.

Die Berufsbezeichnungen schützen leider nicht davor, bisweilen bekloppt bis völlig verrückt zu sein.

Behauptungen wie die im „Tagesspiegel“, Binoche u.a. würden „ein positives Signal für das letzte Jahr von Berlinale-Chef Dieter Kosslick“ sein, mögen deren Leser köstlich finden, basieren gleichwohl auf Kaffeesatzleserei.

Immerhin wurden in der Kosslich-Äre Filme wie „Bloody Sunday“ (2002), „Gegen die Wand“ (2004) und „Fuocoammare“ (2016) mit dem Golden Bären ausgezeichnet, die dem Anspruch, dass die Berlinale ein politisches Filmfestival, ja, sogar das größte politische Filmfestival der Welt seien, gerecht wurden.

Als Schelm auf Berlinale und das mit Schalk im Nacken, dazu ein schwarzer Hut und ein roter Schal, schön, vielleicht auch besser, als je zuvor, doch der Dreiklang aus dem Wahren, Schönen und Guten wurde noch nicht erreicht.




Eine Ära endet – Dieter Kosslick zum letzten Mal Festivaldirektor der Berlinale

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Eine Ära endet. Die von Dieter Kosslick. 18 Jahre stand der gebürtige Pforzheimer dem größten deutschen Filmfestival als Direktor vor und geprägte seit dem 1. Mai 2001 die Berlinale genannten Internationalen Filmfestspiele Berlin.

Die 69. Berlinale wird seine letzte als Festivaldirektor sein. Der Mann mit dem schwarze Hut und roten Schal wird gewiss gefeiert und gewürdigt wie nie zuvor. In die Reihe der Rückblicke rückt auch das ZDF.

Der Dokumentarfilm „Die Ära Kosslick“, heißt es in einer ZDF-Pressemitteilung vom 28.1.2019, würde die Kosslick-Epoche „Revue passieren“ lassen. Die Filmemacher „begleiteten ihn bei den Vorbereitungen zur seiner letzten Berlinale, den 69. Internationalen Filmfestspielen Berlin, und gewährt so auch einen Einblick hinter die Kulissen des bedeutendsten deutschen Filmfestivals“.

Der Film von Nadia Nasser, Carola Wedel und Stephan Merseburger wird vom in ZDF am Donnerstag, den 7. Februar 2019, um 0.45 Uhr, und in 3-SAT am Samstag, 9. Februar 2019, 19.20 Uhr, gezeigt.




69. Berlinale: Panorama mit Programm und Parole – Ausbruch und Aufstehen?

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Das Panorama-Programm der 69. Berlinale sei „komplett“. Laut Berlinale-Pressemitteilung vom 21.1.2019 würden die Veranwortlichen „45 Filme unter der Beteiligung von 38 Ländern präsentieren“.

Weiter im Text: “ 34 Filme feiern ihre Weltpremiere. 19 der Filme sind Erstlingswerke. Unter den 45 Filmen sind 29 Spielfilme und 16 dokumentarische Formen. Das Panorama zeigt ein kontroverses, politisches und herausforderndes Programm.“

Dass die „Zeiten“ im Programm des Panorama 2019 auf „Ausbruch“ stünden, das wird behauptet. „In auffällig vielen Filmen versuchen Menschen, Systeme von Fremdbestimmung und Unterdrückung hinter sich zu lassen – mit unterschiedlichem Erfolg. Mal ist es die Familie, mal eine homophobe Kirchengemeinde oder ein kapitalistisches Sklavensystem, von dem es sich zu emanzipieren gilt. Oft ist es die eigene Community, aus der der Ausbruch am schwersten fällt. Immer geht es für die Menschen dabei um ein besseres, freieres Leben. Weitere Schwerpunkte des diesjährigen Programms liegen auf schonungslosen filmischen (Selbst-)Erkundungen und starken Künstler*innenporträts. „

Ob aus dem Ausbruch auch ein Aufstehen wird, wie Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine in wagen würden, das werden wir sehen. Und darüber berichten!




69. Berlinale: Die Filme des 49. Forums – Haltung und keine Kompromisse

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Die Berlinale steht vor ihrer 69. Veranstaltung, das Forum der Berlinale, das vom Arsenal – Institut für Film und Videokunst veranstaltet wird, ist jünger und erwartet das 49. Mal mit “
39 Filme, darunter 31 Weltpremieren“.

In der Berlinale-Pressemitteilung vom 18.1.2019 heißt es dazu: „Das Hauptprogramm des Forums 2019 versteht sich nicht als Bestenliste, sondern versammelt Filme, die Wagnisse eingehen, Haltung zeigen und keine Kompromisse machen. Einige schauen zurück auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts, andere widmen sich dem, was kommen wird – und sind dabei doch gegenwärtig. Zahlreiche Filme der Auswahl gehen vom geschriebenen Wort aus. Sie beziehen sich auf Literatur oder arbeiten mit Briefen, Gedichten und anderen Schriften.“

Schaun mer maldann sehn mer scho.

Franz Beckenbauer

Das gern gelesene Zitat stammt von Franz Beckenbauer, der als Libero und Kaiser Haltung sowei bei Klüngel und Korruption keine Kompromisse zeigte.

Die Filme des Forums

African Mirror von Mischa Hedinger, Schweiz – WP
Aidiyet (Belonging) von Burak Çevik, Türkei / Kanada / Frankreich – WP
Bait von Mark Jenkin, Großbritannien – WP 
Breathless Animals von Lei Lei, USA – WP
Chão (Landless) von Camila Freitas, Brasilien – WP 
Chun nuan hua kai (From Tomorrow on, I Will) von Ivan Marković, Wu Linfeng, Deutschland / Volksrepublik China / Serbien – WP
Demons von Daniel Hui, Singapur
El despertar de las hormigas (Hormigas) von Antonella Sudasassi Furniss, Costa Rica / Spanien – WP 
Erde von Nikolaus Geyrhalter, Österreich – WP
Fern von uns von Verena Kuri, Laura Bierbrauer, Argentinien – WP
Fortschritt im Tal der Ahnungslosen (Progress in the Valley of the People Who Don’t Know) von Florian Kunert, Deutschland – WP
Fourteen von Dan Sallitt, USA – WP
Fukuoka von Zhang Lu, Republik Korea – WP
Heimat ist ein Raum aus Zeit von Thomas Heise, Deutschland / Österreich – WP 
Kameni govornici (The Stone Speakers) von Igor Drljača, Kanada / Bosnien und Herzegowina – IP
Kimi no tori wa utaeru (And Your Bird Can Sing) von Sho Miyake, Japan – IP
Die Kinder der Toten von Kelly Copper, Pavol Liska, Österreich – WP
Lapü von César Alejandro Jaimes, Juan Pablo Polanco, Kolumbien 
Malchik russkiy (A Russian Youth) von Alexander Zolotukhin, Russische Föderation – WP
Man you (Vanishing Days) von Zhu Xin, Volksrepublik China 
Monștri. (Monsters.) von Marius Olteanu, Rumänien – WP 
Mother, I Am Suffocating. This Is My Last Film About You. von Lemohang Jeremiah Mosese, Lesotho – WP
MS Slavic 7 von Sofia Bohdanowicz, Deragh Campbell, Kanada – WP 
Nasht (Leakage) von Suzan Iravanian, Iran / Tschechische Republik – WP 
Ne croyez surtout pas que je hurle (Just Don’t Think I’ll Scream) von Frank Beauvais, Frankreich – WP 
Nos défaites (Our Defeats) von Jean-Gabriel Périot, Frankreich – WP
Olanda von Bernd Schoch, Deutschland – WP
Oufsaiyed Elkhortoum (Khartoum Offside) von Marwa Zein, Sudan / Norwegen / Dänemark – WP
The Plagiarists von Peter Parlow, USA – WP 
A portuguesa (The Portuguese Woman) von Rita Azevedo Gomes, Portugal
Querência (Homing) von Helvécio Marins Jr., Brasilien / Deutschland – WP 
Retrospekt von Esther Rots, Niederlande / Belgien
A rosa azul de Novalis (The Blue Flower of Novalis) von Gustavo Vinagre, Rodrigo Carneiro, Brasilien – IP 
Serpentário (Serpentarius) von Carlos Conceição, Angola / Portugal – WP 
So Pretty von Jessie Jeffrey Dunn Rovinelli, USA / Frankreich – WP 
Gli ultimi a vederli vivere (The Last to See Them) von Sara Summa, Deutschland – WP 
Une rose ouverte / Warda (An Open Rose) von Ghassan Salhab, Libanon – WP
Weitermachen Sanssouci (Music and Apocalypse) von Max Linz, Deutschland – WP 
Years of Construction von Heinz Emigholz, Deutschland – WP




69. Berlinale: Die Kurzfilme der Sektion Berlinale Shorts

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Das Programm für die Kurzfilme der Internationalen Filmfestspiele in Berlin heißt kurz Shorts. Weniger ist in dieser Sektion mehr. Doch nur ein Kurzfilm bleibt bei fünf Minuten. Immerhin bleiben sie alle deutlich unter 30 Minuten, die für Kurzfilme als maximale Länge gelten.

Der längste Beitrag komme laut Berlinale-Pressemitteilung vom 14.1.2019 auf 29 Minuten. Gezeigt würden dieses Jahr „Werke von Bárbara Wagner & Benjamin de Burca, Martín Rejtman, Luca Tóth, Rainer Kohlberger, Eva Könnemann, Flóra Anna Buda und Manuel Abramovich gezeigt. „Al Mahatta“ von Eltayeb Mahdi und „Crvene gumene čizme“ von Jasmila Žbanić laufen außer Konkurrenz. Dass Filme eines Festivals mit Wettbewerbscharakter außer Konkurrenz laufen, das ist eine Unsitte, oder? Dass das Wahre, Gute, Schöne gezeigt werden, dagegen spricht nichts, aber doch nicht außer Konkurrenz in einem Wettbewerb. Wie immer sind sämtliche Filmgenres erlaubt. Und erlaubt ist, was der Sektionsleitung gefällt.

Gewinnen wird, was der Internationalen Kurzfilmjury 2019, die aus Jeffrey Bowers (Vereinigte Staaten von Amerika),Vanja Kaludjercic (Kroatien) und Koyo Kouoh (Senegal), die einen Goldenen und einen Silbernen Bären sowie den Audi Short Film Award vergeben dürfen, können und wollen, gefällt.

Die Filme der Berlinale Shorts 2019

All on a Mardi Gras Day, Michal Pietrzyk, USA, 22’ (IP)
Al Mahatta, Eltayeb Mahdi, Sudan, 16’, 1989 (Außer Konkurrenz)
Blue Boy, Manuel Abramovich, Argentinien, Deutschland, 19’ (WP)
Can’t You See Them? – Repeat., Clarissa Thieme, Deutschland, Bosnien und Herzegowina, 9’ (WP)
Crvene gumene čizme, Jasmila Žbanić, Bosnien und Herzegowina, 18’, 2000 (Außer Konkurrenz) 
Entropia, Flóra Anna Buda, Ungarn, 10’ (WP)
Flexible Bodies, Louis Fried, Deutschland, 19‘ (WP)
Héctor, Victoria Giesen Carvajal, Chile, 19’ (WP)
How to Breathe in Kern County, Chris Filippone, USA, 9’ (WP)
It has to be lived once and dreamed twice, Rainer Kohlberger, Deutschland, Österreich, 28’ (WP)
Kingdom, Tan Wei Keong, Singapur, 5’ (IP)
Leyenda dorada, Chema García Ibarra, Ion de Sosa, Spanien, 11’ (WP)
Lidérc úr, Luca Tóth, Ungarn, Frankreich, 19’ (WP)
Mot Khu Dat Tot, Pham Ngoc Lan, Vietnam, 19’ (WP)
Në Mes, Samir Karahoda, Kosovo, 15’ (WP)
Omarska, Varun Sasindran, Frankreich, 19’ (WP)
Past Perfect, Jorge Jácome, Portugal, 23’ (WP)
Prendre feu, Michaël Soyez, Frankreich, 26’ (WP)
Rang Mahal, Prantik Basu, Indien, 27’ (IP)
Rise, Bárbara Wagner, Benjamin de Burca, Brasilien, Kanada, USA, 20’ (IP)
Shakti, Martín Rejtman, Argentinien, Chile, 19’ (WP)
The Spirit Keepers of Makuta’ay, Yen-Chao Lin, Kanada, 11’ (WP)
Splash, Shen Jie, China, 9’ (WP)
Suc de síndria, Irene Moray, Spanien, 22’ (WP)
Umbra, Florian Fischer, Johannes Krell, Deutschland, 20’ (WP)
Welt an Bord, Eva Könnemann, Deutschland, 29’ (WP)