Start Kunst Ausstellungen KAIROS – SETSUNA – Edith Hultzsch (1908-2006) und René Böll

KAIROS – SETSUNA – Edith Hultzsch (1908-2006) und René Böll

© Nachlass Edith Hultzsch

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Die in jüngster Zeit wiederentdeckte Künstlerin Edith Hultzsch (1908–2006) widmete sich der Darstellung des Augenblicks in Sport, Tanz und Stierkampf. Sie studierte bei Emil Orlik und Hans Meid in Berlin und arbeitete nach dem Zweiten Weltkrieg in Düsseldorf als Künstlerin und Dozentin. Internationale Anerkennung erhielt sie vor allem für ihre expressiven Stierkampfdarstellungen. 1981 gewann sie als erste nichtspanische Künstlerin den Plakatwettbewerb der Fiesta Sanfermin in Pamplona.

Der Kölner Künstler René Böll (geboren 1948, Nachlassverwalter seines Vaters Heinrich Böll, Mitbegründer der Heinrich-Böll-Stiftung) beschäftigt sich seit vielen Jahren mit fernöstlich geprägter Tuschmalerei. Mit wenigen Pinselstrichen bringt er den Augenblick geistiger Wahrnehmung zum Ausdruck und entwickelt eine eigenständige künstlerische Sprache.

© Nachlass Edith Hultzsch

Beide Künstler machen den „Kairos“ sichtbar, der in dem aus dem Buddhismus stammenden Begriff „Setsuna“ eine Entsprechung findet: den einzigartigen Moment, in dem Bewegung, Vergänglichkeit und die innere Bedeutung des Lebens erfahrbar werden. Mit der Ausstellung „Kairos“ begegnen sich in Köln nun zwei künstlerische Positionen, die in einem wesentlichen Punkt zusammenfinden: im Vertrauen auf die Kraft des Augenblicks.

Der aus dem Altgriechischen stammende Begriff „Kairos“bezeichnet den besonderen, erfüllten Moment – jenen Zeitpunkt, in dem sich Wahrnehmung, Erfahrung und Erkenntnis verdichten. Dieses Verständnis bildet den Ausgangspunkt der Ausstellung und eröffnet den Dialog zwischen den Werken von Edith Hultzsch und René Böll.

© Nachlass Edith Hultzsch

Edith Hultzsch richtet ihren Blick auf das Bewegte. Ihre Zeichnungen und Gemälde entstehen aus der unmittelbaren Beobachtung von Menschen und Tieren. Mit großer Präzision und einem sicheren Gespür für Rhythmus und Dynamik hält sie jene flüchtigen Momente fest, in denen Bewegung Ausdruck wird. Ihre Arbeiten vermitteln eine unmittelbare Lebendigkeit und zeigen, wie sich das Wesen eines Augenblicks in einer einzigen Geste verdichten kann.

René Böll hingegen nähert sich dem Moment aus einer kontemplativen Perspektive. Seine Werke sind geprägt von der intensiven Auseinandersetzung mit Natur, Literatur und ostasiatischer Philosophie. In seinen Arbeiten entstehen Bildräume der Ruhe und Konzentration, in denen jeder Pinselstrich Ausdruck von Präsenz ist. Seine Kunst lädt dazu ein, den Blick zu verlangsamen und die Stille als schöpferischen Raum zu erfahren.

Bewegung und Ruhe, Impuls und Meditation, westliche und östliche Bildtraditionen treten miteinander in Beziehung. Beide Künstler verbindet das Interesse an einer Kunst, die den entscheidenden Moment sichtbar macht – jenen „Kairos“, in dem sich Wahrnehmung und Gestaltung begegnen. Die Ausstellung versteht sich als Einladung, den Augenblick neu zu entdecken: als Quelle künstlerischer Inspiration und als Möglichkeit, der Gegenwart mit besonderer Aufmerksamkeit zu begegnen.

Die Idee des „Kairos“ findet überraschende Entsprechungen in der ostasiatischen Kunst- und Geistesgeschichte. Besonders in der chinesischen und japanischen Tuschemalerei gilt der Pinselstrich als Ausdruck vollkommener Gegenwärtigkeit. Er lässt sich weder korrigieren noch wiederholen. Er verlangt höchste Konzentration und die Einheit von Wahrnehmung, Körper und Geist. Das Bild entsteht nicht allein als Abbild der Welt, sondern als sichtbare Spur eines einmaligen, unwiederholbaren Ereignisses.

In einer Gegenwart, die von Beschleunigung und permanenter Verfügbarkeit geprägt ist, erinnern Edith Hultzsch und René Böll daran, dass künstlerische Erfahrung Zeit nicht verbraucht, sondern vertieft. Ihre Arbeiten laden dazu ein, den Augenblick neu zu begreifen – als kostbare Gegenwart.

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