Wilhelm Meisters theatralische Sendung. Goethe ohne Maske; Buch mit

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Antiquarische Ausgabe auf preiswertem Papier aus den frühen 80er Jahren, als man noch in der DDR Druck machen konnte.
Goethe: "Wilhelm Meisters theatralische Sendung". Ausgabe Aufbau-Verlag (DDR) 1982, 1. Auflage. Photo copyright Andreas Hagemoser 2021

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Wilhelm Meisters theatralische Sendung ist weder ein Radiohörspiel noch die dramatische Fernsehübertragung eines Moderators, sondern ein Buch. Ein Werk von Johann Wolfgang von Goethe. Sendung eher im Sinne von Berufung, in der der Beruf steckt. Das Buch erschien im 20. Jahrhundert – erstmals. Wir meinen nicht die DDR-Ausgabe aus den 80ern, sondern die Erstausgabe von 1911. Wie es dazu kam, obwohl Goethe schon zu Lebzeiten fleißig gedruckt und gelesen wurde, ist kurios. Eine Frau aus Zürich spielt dabei die entscheidende Rolle. Dazu an anderer Stelle mehr. Zunächst zum Äußeren der modernen Ausgabe aus einem Land vor unserer Zeit.

Eine Maske verdeckt das Gesicht teilweise, eine Frau in einem hellen Kleid lugt, offensichtlich mit jeder Hand den Vorhang von hinten aufhaltend, durch einen Spalt in diesem wohl in den Zuschauerraum, in dem der Betrachter sich quasi befindet. Das ist Stephan Köhlers Lösung für die Einbandgestaltung des Klassikers der 1982 in Berlin und Weimar verlegten Ausgabe.

Warum wir jetzt darauf kommen? Die Nächte sind nach wie vor lang und es ist ermüdend, von anderen zu hören, dass sie darunter leiden, dass sie nicht in die Kneipe gehen können. Carpe diem, wenn schon nicht für gesellschaftliche Verbesserungen, dann für „self improvement“ in Form von Bildung. Da man leicht der Illusion verfällt, man könne alles online nachgucken, treibt einen die Neugier dazu, sich an Nachrichten zu verschlucken, die schon morgen nicht mehr stimmen und schon heute nicht wichtig waren.

Da ist der Wert eines Klassikers schon viel höher als der einer Zeitungsnotiz. Goethe wird auch gern zitiert, da ist man dann auch im „mainstream“, also nicht am Rande der Gesellschaft. Wer Angst hat, Außenseiter zu werden, kann ruhig Goethe lesen. Einen Wert hat das auch aus vielen anderen Gründen, nicht nur, weil man im Smalltalk auf einer Party oder Geburtstagsfeier – wird es so etwas jemals wieder geben? – mit einem Zitat glänzen könnte oder wenigstens mit dem Hinweis, man habe Goethe selbst gelesen. Vollständigkeit ist dabei nebensächlich, Goethes Werk wird im Verzeichnis lieferbarer Bücher nur von wenigen Verfassern deutscher Zunge übertroffen, zum Beispiel von Rudolf Steiner. Wobei Steiner-Leser ebenfalls Goetheleser sind.

Wilhelm Meisters theatralische Sendung – so gut wie angliszismenfrei

Ein Vorteil der Goethelektüre läge für deutsche Muttersprachler darin, die eigene Sprachkompetenz zu schüren. Da man heute weder im Internet stöbern noch Zeitung lesen kann, ohne alle naselang auf englische* Fremdwörter zu stoßen und sich daran, kann es wirklich Erholung bedeuten, einmal einen Text zu lesen, den nicht nur ein kluger Kopf schrieb, sondern, der, wenn überhaupt, mit Französischem oder Latein aufwartet. Das Französische – auch der Kurfürst von Brandenburg und Preußens erster König Friedrich sowie seine Frau Sophie-Charlotte schrieben so zum Beispiel mit Voltaire, aber auch mit Leibniz – war bis 1763, dem Ende des Siebenjährigen Krieges, den das Vereinte Königreich weltweit gewann, die Weltsprache. Beispiele sind vielerorts nachlesbar, zum Beispiel in Wilhelm Gunderts zur Zweihundertjahrfeier 1905 verfassten, zweibändigen Charlottenburggeschichte.

Um einen anderen Wilhelm geht es in Goethes herausgepicktem Buch. Der Name Meister ist, wie kaum etwas bei Goethe, kein Zufall.

Wie dicht der meisterliche Verfasser seinen Text gestaltet, merkt man schon nach drei, vier Seiten oder auch im ersten Satz. Das erste Kapitel des ersten Buches beginnt „Es war einige Tage vor dem Christabend 174-, als Benedikt Meister, Bürger und Handelsmann zu M-, einer mittleren Reichsstadt, aus seinem gewöhnlichen Kränzchen abends gegen achte nach Hause ging.“ Das Wort Weihnachtsabend finden wir hier ebensowenig wie Heiligabend. Aber eine schöne Beschreibung der guten Stube und des Glanzes in den Kinderaugen. Der Bürgermeister und Kaufmann Benedikt M. hatte (schon) fünf Kinder, der älteste Sohn ist der Namensgeber für Wilhelm Meisters theatralische Sendung.

Dieser Handelsmann nun spielte gewöhnlich eine Partie Tarock, an diesem Abend war er aber früher fertig, wollte jedoch noch nicht nach Hause. „Es war ihm nicht so ganz gelegen, daß er so“ zeitig (Goethe schreibt ‚zeitlich‘) „in seine vier Wände zurückkehren sollte, die ihm seine Frau nicht eben zum Paradiese machte. Es war noch Zeit bis zum Nachtessen,“ – wir würden wohl sagen ‚Abendessen‚ und obwohl wir nicht mehr im Barock sind, scheint bestimmt dem einen oder anderen neun oder halb zehn abends „spät“ zu sein fürs Essen -„und so einen Zwischenraum pflegte sie ihm nicht mit Annehmlichkeiten auszufüllen, deswegen er lieber nicht zu Tische kam, als wenn die Suppe schön etwas überkocht hatte.“

Wir lernen, dass es täglich Suppe gab und „Spaß“ nicht die Hauptbeschäftigung eines Bürgermeisters war. Obwohl ideale Bedingungen der Nichterreichbarkeit vorlagen. Kein Fernsprecher, kein tragbares Überwachungsgerät dabei. Ein echter Feierabend. „Er ging langsam und dachte so dem Bürgermeisteramte nach,“ – kein Stress mit dem Auto, kein Tanken, kein plattes Fahrrad, denn das alles war überhaupt noch nicht erfunden – „… als er eben im Vorbeigehen seiner Mutter Fenster emsig erleuchtet sah.“

Niemand hätte das heute so ausgedrückt. Kurz gesagt, bereitet des Bürgermeisters Mutter eine Freude für ihre fünf Enkel vor. Erst deckt sie schnell alles ab, um dann doch das Geheimnis zu lüften. Sie bereitet Puppen für ein Theaterstück vor. Das zweite Kapitel beginnt nur zwei Seiten später und das Puppentheaterstück kommt auf eine improvisierte Bühne, mit einer grünem Teppich, der über einen Tisch herabhing, abgedeckt und gut eingebunden durch eine extra geöffnete Zwischentür, die die Puppenbühne ideal umrahmt. Wilhelm ist von den Stücken – mit König Saul, Samuel, Jonathan, David & Goliath und dann einem Ballett von „Mohren und Mohrinnen, Schäfern und Schäferinnen, Zwergen und Zwerginnen“ – so hingerissen, dass er am anderen Tag die Bühne sucht. „Der mystische Schleier war aufgehoben“.

Während die andern vier Kinder dann „mit ihren Spielsachen auf und ab“ liefen, schlich Wilhelm allein „hin und her, als wenn er eine verlorne Liebe suchte, als wenn er’s fast unmöglich glaubte, daß da nur zwei Türpfosten sein sollten, wo gestern so viel Zauberei gewesen war.“ Kurz, statt Kaufmann wird Wilhelm Theatermensch und endlich Schauspieler.

Werkentstehung von „Wilhelm Meisters theatralische Sendung“

Goethe schrieb mindestens ab 1777 an dem Werk, wahrscheinlich 1776-1786, bis zur italienischen Reise. Es sind ja auch sechs Bücher, auch wenn sie in einem Band erschienen.

1774 kam das Frühwerk „Die Leiden des jungen Werthers“ heraus, 1795/96 erschien das nächste große Oevre „Wilhelm Meisters Lehrjahre“. 21 Jahre ohne Neuerscheinung – zwei Jahrzehnte ohne Schriftstellerei? Mitnichten. „Wilhelm Meisters theatralische Sendung“ lag nach dem Italienbesuch jahrelang auf Eis. Dann überlegte es sich Goethe anders, strich ein Drittel heraus und schrieb ein anderes Ende. In der „theatralischen Sendung“ findet Wilhelm M. im Schauspielen sinnlich und finanziell seine Erfüllung. In den „Lehrjahren“, die dann gedruckt als Buch erschienen im 18. Jahrhundert, geht er über das Schauspielen hinaus und sieht ein, dass es für ihn nichts ist.

Warum die „… theatralische Sendung“ dann doch noch erschien, steht auf einem anderen Blatt.

Die Maske ist eine Larve

Die am Beginn benutzte Beschreibung der bildnerischen Gestaltung des Bucheinbands blieb beim 2020 und 2021 vielverwendeten Wort Maske, obwohl es sich um eine Larve handelt, wie wir sie vielleicht aus Venedig kennen. Der Mund ist unbedeckt, nur die Lippen scheinen Lippenstift oder anders künstlich erzeugte Röte zu trage. Die Nase des Frauengesichts ist teilbedeckt; nur um die Larve oder Maske zu tragen, die die Augen und deren weiträumige Umgebung samt der Augenbrauen und möglicher Krähenfüße verdeckt. Die Nasenspitze ist unbedeckt. Die Gesichtsbedeckung geschah also zu einem anderen als dem heute im Geist präsenten Zweck. Der Illustrator spielt vielleicht auf das Theater selbst an, das häufig mit zwei Masken, einem fröhlichen Antlitz und einem traurigen, versinnbildlicht wird.

Auch der Vorhang erinnert an die Bretter, die die Welt bedeuten und darum geht es ja in diesem Werk.

Bibliographische Angaben einer Ausgabe von „Wilhelm Meisters theatralische Sendung“

Goethe, Johann Wolfgang: Wilhelm Meisters theatralische Sendung. 280 Seiten, Paperback/ Broschur; Aufbau-Verlag Berlin (Ost), 1.Auflage 1982, ohne ISBN (weil DDR-Buch vor 1986), Enthält/ Inhalt: Erstes bis Sechstes Buch und Anmerkungen; Text und Kommentar folgen dem Band 9 der Berliner Ausgabe der Werke Goethes. Druckerei neues Deutschland, Berlin. „Printed in the German Democratic Republic“.

Zu alt und deshalb scheinbar zu langweilig? Goethe kann auch anders:

*Zu den Anglizismen: Unser Text ist ja auch nicht frei davon. Das ist uns schon bewusst. Fremdwörter sind im 3. Absatz Carpe diem, online und self improvement.

Im 4. Absatz Mainstream, Smalltalk und Party. 5mal englisch in 10 Sätzen. Mehr geht, weniger auch. In jedem zweiten Satz ein Anglizismus – die einen bringt’s zur Weißglut, die anderen haben es nicht mal bemerkt.

Buchtipp zum Weiterlesen

Professor Gustav Billeter (1910 oder zuvor als Broschüre erschienen). „Goethe Wilhelm Meisters theatralische Sendung. Mitteilungen über die wiedergefundene erste Fassung von Wilhelm Meisters Lehrjahren.“

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