
Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Mit dem Film Amrum erzählt Faith Akin auf eindringlich und klare Weise eine Kindergeschichte aus den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs mit dem er zugleich auch der Gesellschaft dieser Zeit den Spiegel vorhält.
Die Insel Amrum ist ja wegen seiner landschaftlichen Schönheit, seinen Dünen und als Urlaubsziel allgemein bekannt. Faith Akin Film Amrum hat mit der heutigen Insel Amrum aber sehr wenig zu tun. Sein Film ist eine Coming of Age Geschichte die, auf den Kindheitserinnerungen des Regisseurs Hark Bohm basiert. Sie spielt wie der Titel schon sagt auf der Insel Amrum in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs im Deutschland des Nationalsozialismus. Im Mittelpunkt steht der 12-jährige Nanning (Jasper Billerbeck) der zwar zur Schule geht aber auch auf dem Kartoffelacker der Bäuerin Tessa (Diane Krüger) arbeitet um seiner Mutter Hille (Laura Tonke), seiner Tante Ena ( Lisa Hagemeister) und seinen Geschwistern in dieser entbehrungsreich Zeit an der es am nötigsten mangelt zu helfen. Die Mehrzahl der Inselbewohner steht dem Nazi-Regime reserviert und ablehnend gegenüber, auch da sie wissen, dass der Krieg bereits verloren ist. Nannings Mutter hingegen ist überzeugte Nationalsozialistin und hochschwanger. So wirft sie doch der Bauerin Tessa Wehrkraftzersetzung vor und will sie beim ansässigen Gauleiter anzeigen.
Als dann im Radio der Tod Hitlers bekanntgegeben wird setzten just in dem Moment bei Mutter Hille die Wehen ein. Tessa weigert sich nach der Geburt aufgrund des Schocks über Hitlers Tod Nahrung aufzunehmen. Lediglich auf ein Weißbrot mit Butter und Honig hat sie Appetit. Doch die sind auf Amrum Mangelware. Hier beginnt jetzt Nannings Odyssee auf der Suche nach Brot, Butter und Honig. Die Mutterliebe treibt ihn hier an, das fast unmögliche jener Tage zu besorgen. Auf seinem Hürdenlauf lernen wir die Inselbewohner, Freunde, Familie, Bekannte und die Zeit der letzten Kriegstage genauer und auf eindringliche Weise kennen. So muss Nanning Kaninchen ausweiden, seinen linientreuen Onkel Onno (Jan Georg Schütte) um Butter anflehen, gerät beim Rückweg von Föhr über das Watt mit der aufkommenden Flut in Lebensgefahr, erfährt, dass der Opa seines Freundes Hermann Feindsender hört, muss sich mit den Ostvertriebenen die auf der Insel untergekommen sind herumschlagen und erfährt vom Fischer Sam Gangsters (Detlef Buck) ein unschöne Geschichte über seine Eltern und deren unterlassene Hilfeleistung für die jüdische Verlobte seines Onkels Theo.
Faith Akins Film zeichnen sich dadurch aus, dass sie immer gut gemacht sind, mit einer hervorragenden Besetzung aufwarten und einem Regisseur, der eine klare Haltung vertritt. So versammelt er auch bei Amrum ehemalige Mitstreiter um sich, so wie schon erwähnt Hark Bohm, Diane Krüger, seine Ehefrau Monique Akin, die für das Casting zuständig ist. Und hier glänzen neben Diane Krüger ebenso Detlef Buch sowie Matthias Schweighöfer in Nebenrollen. Laura Tonke als Nazitreue Mutter von Nanning sticht hier aber deutlich hervor. Sie schafft es, das man ihr als Nazianhängerin ablehnend gegenübersteht und zugleich mit ihr mitempfindet, so in ihrem Bedürfnis auf ein Honigbrot und am Ende des Films, wenn sie aus Verzweiflung stiehlt. Hauptfigur des ganzen Films sowie Dreh und Angelpunkt ist allerdings die von Nanning, der das schauspielerische Debüt von Jasper Billerbeck ist und diesen Film entscheidend mitträgt und am Ende dazu beisteuert, das der Film funktioniert. Er schafft es uns diesen Nanning mit seinem Mut, seiner Verzweiflung und seinen Unsicherheiten nahezubringen.
Faith Akins Film spielt jenseits des Kriegsgeschehens. Dieser wird nur im Radio verkündet bzw. mündlich überliefert. Er konzentriert sich ganz auf jenen Alltag den Nanning auf Amrum erlebt. So wird im Film der friesische Dialekt Öömrang gesprochen, sein Freund Herrmann zeigt ihm wie man einem Kaninchen fachgerecht das Genick bricht, Nanning vor seinem Onkel Onno die Parole der Hitlerjugend aufsagen muss, Nanning einen Jungen vor dem ertrinken rettet oder wenn er weinend bei seiner Mutter liegt und die ihn nur anschnauzt, das wegen Heulsusen wie ihm der Krieg verloren wurde. Es sind diese kleinen Moment und Szenen die uns diese Zeit dann auf einfache Art nahebringen und die im Gedächtnis haften bleiben.
Faith Akins Film erzählt vordergründig zwar die Geschichte von Nanning in diesen letzten Kriegstagen, ist zugleich aber eine Darstellung der Gesellschaft dieser Zeit. Was ihn so intensiv und erfahrbar macht ist, das er kein großes Feld aufmacht und nicht zu viel abdecken will. Er konzentriert sich vorwiegend auf Nanning, sein Umfeld und den Mikrokosmos Amrum. Durch Nannings Augen und seine kindliche Unbekümmertheit die er hier zutage legt, führen uns Faith Akin und Hark Bohm mit ihm zugleich auch das Deutschland jener Tage in seinem nationalsozialistischen Wahn und seiner Zerrissenheit einprägsam vor Augen. Faith Akins Film schafft es anhand von Hark Bohms Kindheitserinnerungen im kleinen, zugleich auch das große wesentlich der deutschen Gesellschaft und seiner Menschen jener Tage zu durchleuchten. Gerade weil hier eine räumliche (Amrum) und zeitliche Einengung (letzten Kriegstage ) ist und diese sich auf Nanning konzentriert kann Amrum hier mehr über diese Zeit verdeutlichen als manch lang gestreckter Spielfilm, was Amrum wiederum zu einer wichtigen und intensiven Filmerfahrung werden lässt.
Hier ist durchaus eine parallele zu Michael Haneks Film „Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte“ zu ziehen. Der es genauso schafft anhand der Geschichte seiner Kinderprotagonisten ein Porträt jener Zeit zu präsentieren, hier aber die vor dem ersten Weltkrieg. Akins Film spannt diesen Bogen im Grunde genommen weiter auf die letzten Kriegstage. Sein Film ist hier konzentrierter und auf seine Art und Weise aber genauso überzeugend. Das macht ihn so nachhaltig und sehenswert.
Filmographische Angaben:
- Titel: Amrum
- Staat: Bundesrepublik Deutschland
- Erscheinungsahr: 2025
- Originalsprachen: Deutsch, Friesisch
- Regie: Faith Akin
- Drehbuch: Faith Akin, Hark Bohm
- Kamera: Karl Walter Lindenlaub
- Schnitt: Andrew Bird
- Musik: Hainbach
- Darsteller:Jasper Billerbeck (Nanning Hagener) , Diane Kruger (Tessa Bendixen), Matthias Schweighöfer (Onkel Theo), Laura Tonke Hille Hagener), Lisa Hagmeister (Tante Ena), Kian Köppke (Hermann), Detlev Buck (Sam Gangsters), Lars Jessen (Opa Arjan), Jan Georg Schütte (Onkel Onno), Tony Can (Oskar), Polli Leuner (Flüchtlingsmädchen), Hark Bohm
- Produktion: Faith Akin, Herman Weigel
- Spieldauer: 93 Minuten
- Altersfreigabe: FSK 12, JMK 12
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