Im Schatten des Verdrängten – Die Leichen kriechen aus ihren Kellern hervor – Zum deutschen Heimathorrorfilm „Schlaf“ in der Perspektive Deutsches Kino der 70. Berlinale

Sandra Hüller in einer Szene des Films "Schlaf" von Regisseur Michael Venus. © Marius von Felbert -Junafilm

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Blumen erblühen. Der Wald entblättert sein feuchtes Moos. Ein Vogel zwitschert. Ein leiser Windhauch streicht durch das idyllische Tal. Ein unermessliches Grauen. Erschütternde Alpträume. Visionen von einer zerstörerischen Welt.

Ein Schrei – Brutal packen die kalten Hände die Kehle der Ahnungslosen. Sie tasten sich voran. Der eiskalte Griff wird fester und fester. Die Luft ist abgeschnürt. Kein Halten – ein Fallen ins Nichts des Abgrunds. Ein letztes Aufbäumen verzweifelter Lebensgier. Dann: Stille. Tod. Starre. Ein Nichts. Lautlos. Stumm.

Das tief im Unterbewusstsein Verschüttete und Verdrängte erwacht zur Wirklichkeit in dem Spielfilm-Debüt „Schlaf“ von dem Regisseur Michael Venus. Der Film feiert in der Perspektive Deutsches Kino auf der 70. Berlinale seine Weltpremiere. Das Drehbuch stammt aus der Feder von Michael Venus und Thomas Friedrich. Schlaf“ zeigt in ausdrucksstarken Bildern, wie die Lebenden eingeholt werden von den Geistern der Vergangenheit – und wie Unschuldige durch die Schandtaten ihrer Vorfahren und deren Leichen in Kellern gebeutelt werden. „Schlaf“ ist eine Mischung aus Psychothriller, Horrorfilm und Heimatfilm. Man könnte ihn einen Heimathorrorfilm nennen.

In einem idyllischem Ort im Harz, in dem die Bierkrüge knallen, die Frauenchöre ihre lieblichen Liebeslieder singen, brodelt – unter dem scheinbar freundlichen Mantel des Gleichmutes -das Unaussprechliche. Immer des Nachts – in den Alpträumen tauchen die Schrecken auf. Das Blut, das Grauen. Die Visionen verschwimmen. Es ist nicht mehr klar zu erkennen – was ist Realität und was Traum.

Marlene (Sandra Hüller) leidet ihr gesamtes Leben unter nervenzehrenden Panikattacken und Alpträumen. Ihr Alltag ist so davon beeinträchtigt, dass ihre junge Tochter Mona ((Gro Swantjwe Kohlhof) einen Großteil ihrer Aufgaben übernimmt. In einem Skizzenbuch versucht Marlene den Schreckensvisionen ein Gesicht zu geben.

Marlene träumt wiederholt von einem Hotel, dessen Aufschrift in der Nacht blutrot und gespenstig leuchtet. In einer Zeitungsannonce entdeckt sie das Hotel Sonnenhügel, das den Bildern in ihren Träumen gleicht und indem in ihren Visionen Selbstmorde von drei Männer stattgefunden haben.

Heimlich macht sich auf den Weg in das verschlafenen Dorf Steinbach, das irgendwo von Wäldern umgeben im Harz liegt. In der seltsamen Herberge, die den gesamten Ort zu dominieren scheint-bewahrheiten sich ihre schlimmsten Befürchtungen: die drei Selbstmorde aus ihren Träumen sind real. Marlene ist überwältigt von dem Unbegreiflichen, fällt in eine Schockstarre und wird in eine Psychiatrie eingeliefert. Aber was verbirgt sich hinter den Schreckensgestalten ihrer Träume? Und was hat es mit diesem Ort Steinbach und dem unheimlichen Hotel auf sich?

Aus Sorge um ihre Mutter und um die Ursache für Marlenes Verfassung zu ergründen, macht sich Mona auf nach Steinbach. Dort trifft sie auf den scheinbar freundlichen Hotelbesitzer Otto (August Schmölzer) und seine abweisende Ehefrau Lore (Marion Kracht). Otto heißt das Mädchen willkommen, doch Mona erkennt bald, dass hier etwas faul ist. An diesem seltsam blutleeren Ort offenbart sich – dass sich unter der Fassade des Gutbürgerlichen – ein tiefschwarzes Geheimnis verbirgt.

Mona gerät immer tiefer in den Strudel von erschreckenden Ereignissen und wird selber von Visionen heimgesucht. Das aufstrebende Hotel entpuppt sich als Geisterschloss, mit Geistern, die, allerdings, real existiert haben. Das so gut im Schach gehaltene Verdrängte, drängt durch die Suche des Mädchens mehr und mehr an die Oberfläche – und Mona selbst gerät in Gefahr, als sie dem Familiengeheimnis immer mehr auf die Spur kommt. Bis das Grauen im hellen Lichte um sich greift…

Es ist ein idyllisches Dörfchen im Harz, ein Ort, wie er überall in Deutschland sein könnte. Es ist scheinbar alles geregelt und geordnet, und doch brodelt in den Dunklen des Waldes die Vergangenheit. Eine Vergangenheit, die sich nicht auslöschen lässt, wie Otto seinen Landsleuten auf der Heimatveranstaltung bei einer Rede noch einbläuen will: „Für Vergangenheit und Tradition muss man sich nicht mehr schämen.“, konstatiert er – halb von Sinnen- von seinem Podest.

Die tadellose Kommunikation zwischen den Eheleuten Otto und Lore lassen die Eiseskälte, die darunter liegt, um so erschreckender erscheinen. Otto ist scheinheilig grossmütig, doch unter der frisch bezogenen Bettdecke tuen sich Abgründe auf. Ein reißender Strudel von verdeckter Schuld, Scham und Trauma quillt hervor. Mit dem sich keiner der Verursacher bisher auseinandergesetzt hat.

Virtuos schafft es der Regisseur Michael Venus in dieser Mischung aus Horrorfilm, Psychothriller und Heimatfilm eine fieberhafte Energie und Spannung zu erzeugen. Visionen von Träumen, eindringliche Bilder von blutrot leuchtenden Hotelschildern – ein Eber, der immer wieder auftaucht und mitten vor dem Schlafgemach bedrohlich die Träumende anstarrt. Die Bilder der Starre der komatös schlafenden Marlene, kontrastieren zu ihrem quälenden Unbewussten, das Ausdruck im Schnitt und dem Szenenbild findet.

Die aufflackernden Visionen von den verübten Selbstmorden im leeren Schwimmbad oder eine lieblich säuselnde Spieluhr, erinnern an Szenarien von David Lynch oder Roman Polanski. Visionen von körpernahen, sexuell aufgeladenen Begegnungen in Neonfarben, sowie drogenartig anmutende Exzesse auf der spießigen Heimatvereinsveranstaltung gehen über in auflodernde Erinnerungen vergangener Schandtaten. Alptraum und Realität verschwimmen zu einem kompakten Gemenge.

Der Film führt den Betrachtenden in diese Welt des verdrängten Unbewussten. Es ist ein Heimathorrorfilm, der vielschichtig ist und viele Ebenen und Unterebenen umfasst. Er wirft Fragen auf und lädt zu vielen Deutungsebenen ein. Das was darunter liegt, das was unter der Fassade, so vieler scheinbar vorbildlichen Bewohner und Orte brodelt, wird aufgezeigt. Dieser Ort könnte überall sein in Deutschland.

Die verdrängten Taten der Familie, die Schuld und die verleugneten Familienmitglieder und Ausgegrenzten rumoren in den Träumen. Und das – dort zieht der Film eine Brücke zur Gegenwart – zeigt sich in einem Deutschland, indem viel Dunkles unter dem Teppich gekehrt wurde und Nationalsozialisten nach dem Krieg in gehobenen Positionen unbehelligt weiter agierten konnten. In dem Film steht symptomatisch eine stillgelegte Kriegsfabrik in dem Wald nahe des Ortes. „Schlaf“ vermittelt, wie sich verdrängte Sünden auf die nächsten Generationen und Unschuldige übertragen und diese so existenziell beuteln können.

Der Psychothriller beschäftigt sich auch mit der deutschen Geschichte – vergangenen Kriegssünden -, ungesühnten Verbrechen und Familienflüchen – und das auf eine sehr eindringliche Weise und mit dem in Deutschland dafür ungewöhnlichen und daher sehr spannenden Genre des Horrorpsychofilms – und das gelingt dem Film auf eine fieberhafte Weise.

Das Vergangene und Verdrängte lässt sich nicht einfach überschreiben, so wie Otto, der sich als waschechter Nazi entpuppt, es gerne hätte. Eine Zeitlang vielleicht – doch irgendwann kriechen die Leichen aus dem Keller hervor.

Denn das Geheimnis und die Visionen sind kein Traum, sondern real. Die Ausgegrenzten, die Opfer und Verschwiegenen, die keine Stimme hatten, wollen gehört werden und Gerechtigkeit erfahren. Sie wollen gesehen werden – gewürdigt – und schmoren so lange unter der Oberfläche – bis der Schlamm sie nach oben spült.

Irgendwann. Das ist ein wichtiges Thema – hochaktuell – und erzählerisch und visuell ist der Heimathorrorfilm „Schlaf“ wunderbar und packend gelungen und entfaltet eine eindringliche Energie. Das Ungeklärte sucht seinen Weg zum Licht – die Schatten wollen verscheucht werden.

Filmographische Angaben

  • Originaltitel: Schlaf
  • Originalsprache: Deutsch
  • Englischer Titel: Sleep
  • Staat: Deutschland
  • Jahr: 2020
  • Regie: Michael Venus
  • Buch: Thomas Friedrich, Michael Venus
  • Kamera: Marius von Felbert
  • Schnitt: Silke Olthoff
  • Musik: Sebastian Damerius, Johannes Lehniger
  • Darsteller: Gro Swantje Kohlhof (Mona), Sandra Hüller (Marlene), August Schmölzer (Otto), Marion Kracht (Lore), Agata Buzek (Waltrud), Martina Schöne-Radunski (Franzi), Max Hubacher (Christoph), Andreas Anke (Wolfram Schierling), Katharina Behrens (Bille), Samuel Weiss (Dr. Herrero)
  • Produzentin: Verena Gräfe-Höft
  • Co-Produzent: Christian Cloos
  • Dauer: 102 Minuten

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