Schöner scheitern an Jon Fosse – Annotation zum Buch „Der andere Name“

0
188
"Der andere Name, Heptalogie I - II" von Jon Fosse. © Rowohlt

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Ich habe mich mit Jon Fosses Held ins Auto gesetzt, vorher sein neues Bild studiert (zwei sich kreuzende Pinselstriche), ich habe mir seine Liebe zum Katholizismus begreiflich machen lassen, wurde über die Unsinnigkeit der Taufe und anderen Mummenschanz informiert, ich erlebte den Doppelgänger des Malers, der dem Alkohol verfallen auf seiner Couch vegetiert, ich schlüpfte in die weitschweifige Erinnerung des Helden, der auf dem Weg vom Einkauf in der Stadt zurück in sein Haus auf dem Land mit einer eindringlichen Szene aus seiner Vergangenheit konfrontiert wird, eine Mann und eine Frau, die unverkennbar die Züge des Malers und seiner gestorbenen Frau tragen, unterhalten sich auf einer Spielplatzschaukel und später im Sandkasten bei herbstlicher Frische, Tragik kommt ins Spiel, alles ist schwer, ölig, graue und dünne Haare…

Ohne einen einzigen Punkt, aber mit vielen Fragezeichen und Komma sind die ersten beiden Bände (in einem) des auf sieben Bände angelegten Romanprojekts eine schwermütige und zähe Litanei, die mit dickem Löffel im Brei der Vergangenheit rührt. Schmerz, Mystik, Alkoholismus, Liebestod…

Ist der Roman womöglich entschleunigtes Sein, eine mitreißende Lektüre, die sich meiner verengten Sicht verweigert? Höchstwahrscheinlich. Immerhin das Cover ist herrlich deprimierend und passt bestens in die gegenwärtige Berliner Scheinwinterlandschaft.

Fosse soll laut Buchcover ein Meister der Musik, der Sprache sein… hinter oder vor betörender Fjordlandschaft. Als ich das Buch auf Seite 89 zur Seite legte, wurde einmal die Schönheit des Fjords beim Durchpaddeln erwähnt. Vielleicht ist es ein Buch für gesetztere Kritiker als mich, die beim Durchblättern die abgehende Verwegenheit ihres Seins vergessen? Ich kann leider nicht jede Büchse öffnen, Manns Zauberberg, Meyers Im Stein, Enver Hoxhas Gesammelte Werke, für mich alles unlesbare Bücher.

Fosse versteht seinen Roman als Gegenmodell zur verquatschten Literatur der Jetztzeit. Ein verführerisches Statement. Mir stellt sich die Frage, ob in seinem Projekt der Selbstreflexion möglicherweise ein vom Leben gedengelter Künstler und Lebensverneiner sich die Hämorriden aus dem Arsch quatscht.

Bibliographische Angaben

Jon Fosse, Der andere Name, Heptalogie I – II, Roman, 480 Seiten, Rowohlt Buchverlag, Hamburg, 17.9.2019, ISBN 3-498-02141-2, Preis: 30 EUR

Anzeige