Garagenvolk. Top-Film der Berlinale-Sektion Perspektive deutsches Kino

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Plakat des Films Garagenvolk im Colosseum. Am 27.2.2020. Berlinale 2020. Die 70. © 2020, Foto/BU: Andreas Hagemoser

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Garagenvolk? Ein Staatsvolk wird das nicht sein, doch in einer Garage kann man schon Staat machen. Mehrere US-Unternehmen begannen mit Aktivitäten in einer Garage. Im Haus wäre nicht genug Platz gewesen, obendrein hätten Lärm oder Staub von handwerklichen Arbeiten gestört. Falls junge Leute am Werk waren, wollten sie ihrerseits nicht von Eltern und Verwandten behelligt werden. Auch in anderen Ländern gibt es Garagen, in den Wunder geschehen. Die Berlinale-Reihe Perspektive deutsches Kino, eigentlich eine Sektion, bildet den Rahmen, um das Garagenvolk zu zeigen. Der Schauplatz muss aber nicht unbedingt die Bundesrepublik Deutschland sein und ist es auch nicht. In Rußland, wo Wohnraum knapper war und zugeteilt wurde, bildet die Garage einen noch zwingenderen Ausweg. Auch in alten Ehen oder mangels zu mietender Werkstätten oder Probenräume bildet im Osten die Garage den Ausweg.

Die Band in der Garage: Als ein Musiker und die Sängerin gehen, löst sie sich auf

Eine Band, die ihre laute Musik dort spielt, ist schon eine naheliegendere Variante. Auch einen Ikonenmaler oder -Schnitzer würde man vielleicht dort vermuten. Andere Werkstätten sowieso. Schließlich braucht man ja schon für eine Autoreparatur so manches Werkzeug und eine -bank.

Doch ein volleingerichtetes Fitnessstudio hätte nun wirklich niemand in einer Garage vermutet. Andere spielen nicht mit Zinnsoldaten, sondern ziehn‘ sich alte Uniformen an, zum Beispiel von der Wehrmacht.

Gleichzeitig werden die sozialen Schicksale dargestellt. Während das schwache nordische Licht, von Wolken weiter verdunkelt, den Rückzug in die Garage befördert und das Licht der Tugenden und Qualitäten ihrer Nutzer leuchten lässt, erleben wir Überraschungen, Arbeitseifer, Hilfsbereitschaft, die keine Gegenleistung erwartet und Abschiede.

Bergbau, Fitness, Wachtelzucht

Eine Wachtelzucht hätte man wohl wenig erwartet, doch am überraschensten ist vielleicht das Wunderwerk, das ein inzwischen alter Mann im Laufe vieler Jahre geschaffen hat. Unter seiner Garage erstreckt sich etwas, das oberirdisch genauso wenig vermutet wird wie das Bergwerk am Berliner Ernst-Reuter-Platz. Es ist eine mehretagige unterirdische Welt, die ein Mann mit den eigenen Händen und einer Schubkarre ausgrub. Das Reich unter der Erdoberfläche nimmt es locker mit den mehretagigen- Opalminen mit Wohnbereich im australischen Coober Pedy auf. Dazu ist es vielleicht aufschlussreich zu wissen, wie der Mann mit dem Garagenschlüssel darauf gekommen ist. In dieser Stadt im russschen Norden ist ein Bergbaukonzern so ziemlich der einzige Arbeitgeber. Und am Stadtrand baute sich einer seine eigene Grube. Noch während der Dreharbeiten stirbt er betagt. Allerdings nicht, weil er hineingefallen wäre. Er hat ja auch nicht anderen die Grube gegraben, sondern für sich selbst.

Die Protagonsten heißen Pawel (der Heiligenfigurenschnitzer), Roman (der Kleingeflügelzüchter) oder Ilja (ein Schrottsammler mit einem Gehilfen).

Alle werden wohlwollend und liebevoll proträtiert. Die Regisseurin, die mit ihrem ersten langen Dokumentarfilm ihr Debüt feiert, respektiert die „Bewohner“. Die 1983 in Kiew geborene ist Kind russisch-ukrainischer Eltern, studierte in Berlin Geschichte und Literatur und arbeitete als Regie- und „Produktionsassistentin bei Spielfilmproduktionen“.

Ein kleines Juwel von einem Film. Sehr menschlich, geradezu herzlich, nie langweilig und zugleich ein Porträt eines recht lichtlosen Ortes im hohen Norden. Durch alle Jahreszeiten hindurch. So sieht man auch richtigen, liegenden Schnee. Zwar schneite es auch am Berlinalemittwoch zur Premiere und angenehm winterliche Temperaturen stimmten auf das nördliche Garagenvolk ein. Doch kann das nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Februar bisher viel zu warm war.

Übrigens: In keiner der Garagen fand sich ein Auto.

Die Weltpremiere fand in Berlin am Mittwoch, den 26. Februar 2020 um 19.30 Uhr angemessen im Kino International östlich des Alexanderplatzes statt.

Ein kolossaler Film im Colosseum

Der Film läuft während der Berlinale noch in folgenden Kinos:

Donnerstag, den 27.2.2020 um 12 Uhr im Colosseum 1 Prenzlauer Berg. U- + S-Bahnhof Schönhauser Allee, Tram M1. Ticketcode 270374. Onlinetickets waren noch erhältlich zum Zeitpunkt der Veröffentlichung, Eintrittskarten an der Tageskasse könnte es ebenso noch geben!

Donnerstag, den 27.2.2020 um 20.30 Uhr im Cinemaxx 1. Soll ausverkauft sein (online). Abendkasse letzter Ausweg ohne Garantie. Wer Donnerstag frei hat, sollte es also im Colosseum versuchen (siehe oben). Ticketcode 270024. S- + U-Bahnhof Potsdamer Platz, Bus 29 + Fußweg, Busse 200, M41, M48, M85

Freitag, 28.2.2020 um 16.30 Uhr im Cubix 5 (Berlin Alexanderplatz östlich des Fernsehturms). Ticketcode 281054. S- + U-Bahnhof Alex. Ebenfalls online ausverkauft. Mit Gebärdensprache.

Filmographische Angaben zu Garagenvolk

Regie, Drehbuch: Natalija Yefimkina

Kamera: Axel Schneppat

Montage: Nicole Fischer, Lucia Gerhardt, Markus Schmidt, Barbara Toennieshen

Sound-Design: Sebastian Reuter, Paul Wilke

Ton: Alexey Antonov, Ivan Arapov

Production Manager: Jan Philip Lange

Produzent(*inn)en: Andrea Schütte, Dirk Decker

Koproduziert mit dem Mitteldeutschen Rundfunk MDR; in Kooperation mit dem Sender Arte.

Bundesrepublik Deutschland 2020

Sprachen: Russisch, Untertitel: Deutsch und Englisch

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