„Intermezzo“, Szenen einer Ehe im Hause Richard Strauss – Bürgerliche Komödie mit symphonischen Zwischenspielen

INTERMEZZO von Richard Strauss, Regie: Tobias Kratzer, Premiere am 25. April 2024, © Copyright: Monika Rittershaus

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Diese Premiere im gut gefüllten Haus der Deutschen Oper Berlin wurde vom Publikum mit frenetischem Applaus und Begeisterungsrufen goutiert. Romantischer „Der Rosenkavalier“ – so wie man Richard Strauss eigentlich kennt? Weit gefehlt!

In diesem Mittelteil einer Trilogie macht Richard Strauss durch die Beschreibung seiner Horror-Ehe den „Szenen einer Ehe“ von Ingmar Bergman heftigst und erfolgreich Konkurrenz: drei Stunden lang sang die herausragende Sopranistin Maria Bengtsson die Partie der Ehefrau Christine und gab die Xanthippe – wahlweise Megäre – als ein male chauvinist anmutendes Plagiat einer zu kurz gekommenen, vernachlässigten Ehefrau – der Film „Der Rosenkrieg“, in dem sich ein Paar bis auf’s Blut bekriegt – kann locker daneben bestehen! Der Gatte, Hofkapellmeister Robert Storch (brillant gesungen von Philipp Jekal), versucht nach besten Kräften die Gift und Galle spuckende Gattin zu ignorieren.

Das stakkatoartige, ununterbrochene Gezänk, hysterisches Getue, Geschreie, Beleidigungen des Gatten auch in Gegenwart des kleinen Sohnes ging über drei Stunden – eigentlich nur zu verstehen, indem die Augen intensiv an den Übertiteln kleben mussten, um das hysterische Geschehen überhaupt nachvollziehen zu können. Es war sehr anstrengend, auch diese Negativität einer Karikatur von Ehefrau zu ertragen, die nicht verständlich ist, sich jedoch zum Schluss in Wohlgefallen und eitel Sonnenschein auflöst – nach aufgeklärten Missverständnissen über eine vermeintliche Affäre des Gatten, die noch oben drauf kam auf die sowieso schon gescheitert anmutende Ehe.

Die ganze Szenerie ist nichts für Zartbesaitete, sondern nur etwas für „Männer ohne Nerven“. Gelöste Entspannung verschafften lediglich die wunderschönen Orchestereinlagen, die per Filmprojektion auf den Fond der Bühne gezeigt werden.

Endlich einmal sieht man das sonst im Orchestergraben „verschwundene“ Orchester und den Dirigenten! Das hervorragend spielende Orchester der Deutschen Oper unter der Leitung des brillanten schottischen Dirigenten und Generalmusikdirektors der Deutschen Oper Berlin Sir Donald Runnicles spielen Richard Strauss traumhaft schön – Balsam für die Seele nach den ständigen Querelen und dem unwürdigen Gezänk der Karikatur einer Ehefrau.

Auch besonders witzige Szenen lockern die Atmosphäre, wenn z.B. der kleine Sohn Franzl, bewundernswert gespielt vom ca. 8jährigen (?) Elliott Woodruff, den Papa imitierend am Miniaturklavier sitzt – im Frack wie ein kleiner Beethoven – oder die Partituren seines Vaters unter den Arm nimmt und mit ins Bett oder dirigierend die Arme bewegt während der Wortgefechte seiner Eltern.

Auch die in das bürgerliche Milieu der 50er Jahre verlegte Inszenierung von Tobias Kratzer lockert das Geschehen auf. So besteigen die Eheleute keinen Schlitten oder Rodelschlitten, sondern fahren mit 50er-Jahre-Autos. Ein Taxifahrer gibt den eigentlichen Schlittenkutscher und steht gelassen rauchend wartend am Taxi, während Christine zur Verabschiedung einen Giftpfeil nach dem anderen auf ihren Gatten abschießt, der zu einer Konzerttournee aufbricht.

Nach einer Orchestereinlage ertönt auf einmal ein lautes Scheppern – man ist schon versucht, verwundert zu denken, ob das zum Musikstück gehört – nein: der Vorhang geht auf – zwei Autos sind ineinandergekracht, die die Rodelschlitten darstellen von Christine und ihrem zukünftigen schnorrenden Gesellschafter Baron Lummer (Thomas Blondelle).

Lachsalven ertönen auch, als sie – theatralisch mit einer Axt bewaffnet – in einer Art Neandertaler-Eva-Kostüm das Notariat des Ehemanns stürmt, von diesem die Scheidung vom Gatten nach dem vermeintlichen Fremdgehen verlangt und ihrem Begehren Nachdruck verleiht mit Axthieben auf den Schreibtisch und den Notar in der Kanzlei herumjagend. Frei nach „Die Axt im Haus ersetzt den Zimmermann!“

Bereits vor der Vorstellung äußerten bereits viele ZuschauerInnen im Foyer ihre Vorfreude, diese am 4. November 1924 am Schauspielhaus Dresden uraufgeführten Komödie zu sehen.

Diese Freude kann die Autorin leider nicht teilen – Geschmäcker sind bekanntlich verschieden. Wer auf ein spätromantisches Werk hoffte, sollte sich lieber „warm anziehen“ – es wird (verbal) sehr scharf bis zur Unerträglichkeit geschossen, was jedoch der herausragenden Leistung des gesamten Ensembles in keinster Weise Abbruch tut: ein großes Bravissimo an tutti!

Nächste Vorstellungen in der Deutschen Oper Berlin: 28. April 24, 1. Mai 24, 5. Mai 24, 7. Juni 24, 14. Juni 24

Die Vorstellungen von INTERMEZZO in der Deutschen Oper am 25. April, 1. und 5. Mai 2024 werden von radio3 (vormals „rbb Kultur“) und Naxos aufgezeichnet. Die Premierenvorstellung am 25. April 2024 wurde live via Hörfunk auf radio3 übertragen. Die Aufnahme der Premierenvorstellung wird am 27. April 2024 ab 20:03 Uhr via Hörfunk auf allen Hörfunkwellen der ARD übertragen. Das Label Naxos plant, aus den entstandenen Aufnahmen eine DVD/Blu-ray sowie eine CD zu produzieren. INTERMEZZO wird präsentiert von „radio3“ und „taz“.

Anmerkung:

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