Babydoc und der ganz alltägliche Voodoo in Rom – Zum Roman „Römische Tage“ von Simon Strauß

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"Römische Tage" von Simon Strauss. © Tropen

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Gleich als Intro, „Römische Tage“ ist keineswegs ein provokantes, irgendwie rechtes Buch. Wer nerviges Alter-weißer-Mann-mäßiges-Gezeter erwartet, wird enttäuscht. Wer aber ein Buch von Goethe zum Einschlafen liebt, sich vorher noch einen teuren Schnaps nach dem Opernbesuch gibt und heimlich vom eigenen Fabergé-Ei träumt, findet sich im „aus der Zeit gefallenem“ Halblangzeitrombesucherbuch wieder.

Es ist schon sehr erheiternd, wenn Simon Straussens leicht tüteliger und mitteljunger Hauptheld „Am ersten Juli. Zweihunderteinunddreißig Jahre und acht Monate nach Goethe“ 142 Seiten lang seinen heißen Odem durch Rom zischen lässt. Ja, es ist heiß, heiß, denn wir haben August, der Tiber stinkt und der StinoRömer lümmelt entspannt an irgendeinem Strand.

Aber Simon Strauss, bzw. sein Romfahrer ist auch nicht wegen der RomStinos hier, natürlich nicht! Ihn zogen die ganz großen Geister, die Megageister in die ewige Stadt. Auf das er in ihre Spuren tapste, sich von der Tiefe und Erhabenheit ihrer Gedanken ernährte usw.

Keine Furcht, ein neuer Ernst Jünger ist uns nicht geboren, auch kein verkappter Turmdichter Tellkampscher Prägung. Ist ja schon merkwürdig, wie viele Ossiedichter gegenwärtig den rechten Stimmungswechsel mitmachen, aber darum soll es hier und heute nicht gehen, außerdem ist Simon kein Ossie.

In „Römische Tage“ haben wir es mit dem Typ verwirrter Schwiegersohn mit Eins in Deutsch zu tun, der sehr, sehr viel, über Rom, gelehrte deutsche Rombesucher und Romruinen gelesen hat.

Gut, eine faschistische Restaurantbesitzerin, die ein Faible für Naziklimbim hat, kommt vor. Dann der EU-geschädigte Zirkusdirektor, ein Kellner der für Mussolini schwärmt und ein alter Philodoof (Philodoof wurde mein Freund, der Philosoph Doc Eilenberger alias „Der Zauberer“ von der hämischen Bildzeitung benannt, als er einst fies über Handball schrieb, seither wartete ich darauf, dieses Wort zu benutzen), der gegen Abtreibung zürnt. Trotzdem, das reicht nicht für Empörungspotential, dafür ist der schnell erzählte Inhalt insgesamt nicht naziverdächtig genug.

Worum geht’s eigentlich?

Kein guter Roman ohne Frau! Die kleine Leseratte stromert durch Rom und findet keine Frau. Er kommt nicht zum Schuß, wie früher böse Menschen in billigen Kneipen in bestimmten Situationen meinten sagen zu müssen. Obwohl unser Romfahrer einige Register zieht, wird er von seiner letztlich erwählten Dulcinea (das ist nicht abwertend gegenüber italienischen Frauen gemeint, sondern „Don Kichote de la Mantzschasprech“) beim Schnäbeln ausgebremst und fährt ohne Amore wieder nach Hause.

Es ist herzzerreißend, man möchte ihn Knuddeln, weil es so traurig ist und die Schwere der Gegenwart, und das Ganze in Rom!!! Warum hat ihm Simon dieses bittere Schicksal nur auf die Schultern gelegt… er tat doch keinem weh, auch wenn dreimal Nazis durchs Bild laufen, manchmal Frühvergreiste in angestrengter Runde nerven…

Strauss ist gebildet, er beschreibt anschaulich den Müll in Rom, er kennt die Sprache der Alten, vielleicht sogar etwas zu gut, er ist feuilletonistisch begabt, zudem wird er privat ein netter Kerl sein. Als unschuldiges Mitglied der Generation Pampers fehlt es ihm an nichts, aber das kann natürlich GERADE eine Bürde sein.

Seine Sprache ist nicht wirklich zwingend, er schreibt ohne schmerzhafte=schöne dramaturgische Biege und Breche, das Buch ist weder schlecht noch gut. Weder reich noch sexy, nicht böse und gemein, aber wenigstens mit langem Bart.

Und was sind wir? Ich bin dann zum Beispiel das älter werdende Theaterpublikum im Stück „Das Leben der Bärte“ und rätsle, ob der Bart echt ist oder angeklebt.

Bibliographische Angaben

Simon Strauß, Römische Tage, 142 Seiten, 2. Druckauflage 2019, gebunden, mit Lesebändchen, Verlag: Tropen, Stuttgart 2019, ISBN: 3-608-50436-1, Preis: 18 EUR (D), 18,50 EUR (A)

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