Der “Anschlag” von Wittenberg – Die Hammerschläge der Reformation

Luthers Thesenanschlag in Wittenberg. © 2017, Foto/BU: Bernd Kregel

Eisenach/Erfurt, Deutschland (Kulturexpresso). Mit hochkarätigen Ausstellungen zelebrierte die protestantische Welt ihr 500. Reformationsjubiläum. Städte der Reformation wie Eisenach, Erfurt, Eisleben, Wittenberg lohnen immer einen Besuch.

Das Lutherdenkmal in Wittenberg. © 2017, Foto/BU: Bernd Kregel

„German Angst“? Tief verankert in der deutschen Volksseele wird sie in ihren, zuweilen heftigen Ausschlägen sogar zum Gegenstand des Gespötts bei den europäischen Nachbarn. Auch in einem Vorwahljahr wie diesem greift sie um sich. Besonders aber dann, wenn kritische Stimmen einen Abbau des Sozialstaats befürchten. Darf man auch weiterhin noch auf ein Mindestmaß an sozialer Gerechtigkeit hoffen, um das befürchtete Abgleiten in die Altersarmut zu verhindern?

Im ausgehenden Mittelalter wurde die soziale Frage überlagert von einer weitaus schwerwiegenderen Befürchtung. Denn in weiten Teilen der Bevölkerung stand damals an vorderster Stelle nicht die soziale Gerechtigkeit, sondern Gottes Gerechtigkeit. Wie sollte man im Jüngsten Gericht bestehen, wenn ein zürnender Gott alle Sünden anrechnete, die sich im Laufe eines langen Erdenlebens auf dem eigenen Schuldkonto angesammelt hatten? Was in diesem Fall Angstgefühle hervorrief, überstieg die Altersarmut bei weitem. Denn immerhin drohte die ewige Verdammnis, jener religiöse Super-GAU, über den hinaus nichts Qualvolleres vorstellbar war.

Schmachtende Seelen

Luthers Studierzimmer auf der Wartburg. © 2017, Foto/BU: Bernd Kregel

Auch Martin Luther tat sich zunächst schwer mit diesem Problem. Doch dann machte er bei seiner verzweifelten Suche nach dessen Lösung eine folgenschwere Entdeckung. Beim Studium der Paulusbriefe im Neuen Testament fand er heraus, dass Gottes Gerechtigkeit nicht mit menschlicher Verdammnis einhergehen musste. Vielmehr, so erkannte er, entsprach es Gottes Wesen, alle Menschen gerecht zu machen, die an seine befreiende Erlösungstat in Jesus Christus glaubten. Damit war die zentrale reformatorische Erkenntnis aus der Taufe gehoben, und vorbei war es mit den bisherigen Gewissensqualen und Angstzuständen.

Dem damals üblichen Ablasshandel war damit sogleich der Boden entzogen. Denn die Vorstellung von einem gnädigen Gott machte es nicht mehr erforderlich, mit der allerhöchsten Instanz zweifelhafte Tauschgeschäfte abzuschließen. Dies bedeutete, dass auch die bislang im Fegefeuer schmachtenden Seelen umgehend der Vergangenheit angehörten. Ebenso der Erwerb von Ablassbriefen, die sich bei dem neuen Bußverständnis sogleich als überflüssig erwiesen.

Epochenwandel

Wittenberger Stadtkirche mit Lutherdenkmal. © 2017, Foto/BU: Bernd Kregel

Doch wer konnte in den politischen und religiösen Wirren jener Zeit schon ahnen, dass Luthers hammerharter „Anschlag“ in Wittenberg auch gleich die ganze Kirche ins Wanken bringen würde? Denn überall im Land setzte der Nachhall ein unglaubliches reformatorisches Potential frei, das mit seinen neuen Einsichten die bisherige Glaubenswelt gleichsam auf den Kopf stellte.

So sollten strukturelle Verwerfungen in der bisherigen Glaubenslandschaft nicht lange auf sich warten lassen bis hin zu zerstörerischen Religionskriegen. Ob es, so mag man zum 500. Reformationsjubiläum fragen, im Namen der Frohen Botschaft all dieser Opfer tatsächlich bedurft hätte? Immerhin wurde mit der Reformation ein Epochenwandel eingeleitet, mit dem sich der Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit erheblich beschleunigte.

Lutherdenkmal in Eisleben, Lutherhaus in Eisenach, Luthertradition in Erfurt

© 2017, Foto/BU: Bernd Kregel

Wen wollte es da verwundern, dass die ostdeutschen Kernlande der Reformation 2017 besonders nachdrücklich in den Jubelgesang der „Wittenbergischen Nachtigall“ einstimmten. Die Länder Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen taten dies in einem kaum zu überbietenden Kultur- und Ausstellungsprogramm, auch wenn das sozialistische Zeitalter über lange Jahrzehnte hinweg erhebliche Glaubenslücken hinterließ. In neuem Glanz erstrahlt seitdem Luthers Geburts- und Sterbestätte in Eisleben. Ebenso das Lutherhaus in Eisenach, in dem der junge Luther einst als Vollwaise Zuflucht gefunden hatte.

Auch die Stadt Erfurt besann sich auf stilvolle Weise ihrer Luthertradition. Denn begann nicht hier seine theologische Karriere, als ihn ein unter Todesangst abgelegtes Gelübde in das ehrwürdige Augustinerkloster führte? Hier schuf er in seinem kleinen Studierzimmer beim ernsthaften Ringen um die Wahrheit die theologischen Voraussetzungen für seinen späteren erfolgreichen Werdegang als Reformator.

Teuflische Attacken – Lutherstätte Wartburg

© 2017, Foto/BU: Bernd Kregel

Auch die Wartburg oberhalb von Eisenach erweist sich als ein Eckpunkt in seiner frühen Biografie. Sie diente ihm als Zufluchtsstätte nach dem Wormser Reichstag, auf dem er sich unter Überwindung aller Ängste dem kaiserlichen Befehl widersetzt hatte, alle seine Schriften zu widerrufen. Selbstbewusst setzte er hier auf der Wartburg noch eins drauf, indem er in nur zwölf Wochen das Neue Testament aus dem Griechischen ins Deutsche übersetzte. Eine Meisterleistung und ein Durchbruch zugleich.

Lutherhaus in Wittenberg – Weg zur christlichen Freiheit

Luthers Taufkirche in Eisleben. © 2017, Foto/BU: Bernd Kregel

Über den Löwenanteil jedoch an Exponaten zur Reformation verfügt das Land Sachsen-Anhalt, war doch Wittenberg für mehrere Jahrzehnte das Zentrum der Reformation. Hier imponiert vor allem das großartig renovierte Lutherhaus, ein ehemaliges Augustinerkloster, in dem der Reformator mit seiner Frau Katharina von Bora seine zweite Lebenshälfte forschend und lehrend verbrachte. Das einstige Wohnhaus Luthers ist heute das größte reformationsgeschichtliche Museum der Welt.

Wichtiger noch als der geräumige Disputationssaal ist hier das rustikal ausgestattete Arbeitszimmer Luthers, an dessen quadratischem Tisch einst seine legendären Tischreden gehalten wurden. Diese original erhaltene Lutherstube soll an die einstigen Tischgespräche des Reformators erinnern.

In weiteren Bereichen des Lutherhauses sind bedeutende Exponate aus den unterschiedlichsten Bereichen der Reformationsgeschichte zusammengetragen. Ein wichtiger Teilbereich ist dem Schrecken des Todes gewidmet, der mit seiner ständigen Drohung nur wenig Lebensfreude aufkommen ließ. Umso erstaunlicher, so Dr. Stefan Rhein als Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt, wie erfolgreich Luther die aus seinem religiösen Perfektionismus erwachsene Angst im Glauben überwand.

Mut des Reformators

Martin Luther bei der Arbeit. © 2017, Foto/BU: Bernd Kregel

Dass Luther nicht nur Zustimmung, sondern zuweilen auch Widerspruch erfährt, dokumentiert die Ausstellung ebenfalls. Porträtiert werden, so erklärt es Kurator Benjamin Hasselhorn, zahlreiche Persönlichkeiten, die alle auf unterschiedliche Weise in Kontakt standen zur Botschaft der Reformation. Ihr Spektrum reicht von Karl May, der Winnetou zum Christen machte, über Fjodor Dostojewski bis hin zu Sophie Scholl.

Der berechtigte Widerspruch an Luther und seiner Lehre entzündet sich heute vor allem an seiner Einstellung zum Judentum, dem er in kaum verständlicher Schärfe seine Toleranz verweigerte. Und natürlich entzündet er sich an Luthers Haltung gegenüber den aufrührerischen Bauern, die er mit markigen Worten der fürstlichen Übermacht preisgab. Was allerdings nach 500 Jahren Thesenanschlag bleibt,ist der Respekt vor dem Mut des Reformators, in Glaubensfragen selbst den höchsten kirchlichen und politischen Instanzen die Stirn zu bieten.

Fotoreportage

Mehr Bilder zum Beitrag in der Fotoreportage: Luther in den Städten der Reformation – Eisenach, Erfurt, Eisleben, Wittenberg von Dr. Bernd Kregel.

Anmerkung:

Unterstützung wurde die Recherche durch die Thüringer Tourismus GmbH und den Sachsen-Anhalt Tourismus.

Anzeige