Die Erfinderin der Vergangenheit – Zu Julia Schochs großartigem neuen Roman „Schöne Seelen und Komplizen“

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Julia Schoch: Schöne Seelen und Komplizen.
Der Roman "Schöne Seelen und Komplizen" von Julia Schoch. © Piper

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). „Es heißt, die einzigen Dinge, die im Leben von Bedeutung sind, sind die Dinge, an die man sich erinnert. Das scheint erst recht dort von Bedeutung zu sein, wo es die Beweise einer Vergangenheit gar nicht mehr gibt. Ich habe kaum mehr Beweise für meine Vergangenheit.“

Diese Bilanz stammt aus einem Artikel, den Julia Schoch zum Jahresende 2015 in der „Berliner Zeitung“ veröffentlichte („Brandenburg liegt am Pazifik“, 30.12. 2015), es ging um das Potsdam ihrer Kindheit. Eine Schriftstellerin ist Dank ihrer Berufung in der einzigartigen Lage, sich eine Stadt zurückzubauen, wie sie einmal war. Genau das hat Julia Schoch wohl umgetrieben, als sie die obigen Worte schrieb und bereits mitten drin gewesen sein muss, in der Arbeit an ihrem jetzt veröffentlichten Roman „Schöne Seelen und Komplizen“.

Auf 311 Seiten spielt die Autorin literarisch das Spiel, welches heute, am Zirkeltag der Berliner Mauer (sie ist exakt genauso lange weg, wie sie gestanden hatte) auf vielen Websites angeboten wird: Damals-Heute. Schieben Sie hin und her, staunen Sie! Teil 1: 1989-1992, Teil 2: Heute. Drei Handvoll Abiturienten des Luisengymnasiums in Potsdam, zu Beginn noch EOS „Käthe Kollwitz“ benannt, starten in ein DDR-Leben, eine vorgezeichnete Zukunft. Welche unvermittelt zerbröselt. Mit den Namen der handelnden Personen überschrieben, erleben wir in kurzen Kapiteln Momentaufnahmen des jeweiligen Teenagers, ihre Sehnsüchte, Ärgernisse, Lieben.

Eines der Mädchen schaut aus dem Plattenbau, in dem vielleicht auch das Mädchen Julia Schoch einst gelebt hat, ein anderes verliebt sich in den Regisseur ihrer Theatertruppe, eins fährt nach Polen und ein anderes sieht Wochentage farbig. Es gibt wilde und schweigsame Jugendliche, freche und angepasste. Unsichtbare, glänzende und durchschnittliche – und wie im echten Leben gibt es bei Julia Schoch genauso viele Varianten der gleichen Geschichte, wie es Personen in ihrem Roman gibt. Das ist das eigentlich Aufregende an diesem unaufgeregt erzählten Buch: die Autorin beschreibt in knappen Szenen Versionen einer humanen Biografie, die gleichzeitig zu einer Biografie der Stadt wird. Die Wende rauscht wie ein Orkan über die Stadt, Nervenklinik, Seen und Plattenbauten. Wirbelt das Häuflein Schüler davon und setzt sie irgendwo ab, nie dort, wo der Leser es vermutet hätte – und auch das gelingt der Autorin handstreichgleich – nichts ist vorhersehbar in diesem „Heute“. Der Stadt geht es ähnlich – welche Häuser fallen, welche saniert, welche Cafés und Schulen geschlossen und welche Straßen wie umbenannt werden würden – nichts davon konnten die Schüler von 1989 ahnen.

Voller Spannung blättert der Leser zurück und wieder vor, vergleicht die erwachsenen Personen mit seinen Erwartungen und staunt: der Kunstgriff ist gelungen, die Gegenwart enttäuscht nicht, da sie keine Antworten geben will. Sie schreibt etwas fort, das vielleicht eine Wurzel hatte. Oder die Summe der Zufälle ist, die unsere Wege bilden. Julia Schoch, 1974 in Bad Saarow geboren, lebt heute wieder in Potsdam, davor in Bukarest und Paris. Sie übersetzt aus dem französischen, demnächst erscheint in der wunderbaren Reihe „Die kühne Reisende“ (Erdmann-Verlag) ihre Neu-Übersetzung von Isabelle Eberhardts algerischem Tagebuch „Nomadin war ich schon als Kind“.

Nach ihrer schlanken frühen Prosa spannt Julia Schoch mit den schönen Seelen einen breiteren Rahmen, nimmt die Komplizen mit an Bord. 2009 beschrieb sie in „Mit der Geschwindigkeit des Sommers“ eine Kindheit in einer mecklenburgischen Kleinstadt, 2012 in „Selbstporträt mit Bonaparte“ die Suche eines (un-) möglichen Paares nach seiner Herkunft – jetzt unternimmt sie das poetische Sezieren der Vergangenheit einer ganzen Gruppe, abgeglichen an der Gegenwart. Ein kühnes Unterfangen, Operation geglückt!
Am Ende ihres Artikels von 2015 schrieb Julia Schoch: „Durch all diese Vorgänge des Verschwindens bin ich zur alleinigen Verwalterin des Rechts meiner Vergangenheit geworden. Ich bin gezwungen, die Verbindung zu dem, was war, immer wieder neu zu finden. Zu erfinden.“

Bibliographische Angaben

Julia Schoch, Schöne Seelen und Komplizen, Roman, 320 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, Verlag: Piper, München, Februar 2018, ISBN: 978-3-492-05773-8, Preise: 20 EUR (D), 20,60 EUR (A)

Buchvorstellungen:

9. Februar 2018 – Berlin, Volksbühne, Roter Salon
28. Februar 2018 – Berlin, Literaturforum im Brecht-Haus
17. März 2018 – Leipzig, Buchmesse, Alte Handelsbörse
18. April 2018 – Waren, Müritzbuch

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